Wenn mir die Worte fehlen…

Vor wenigen Stunden ging es durch die Medien. Der Ratsvorsitzende der EKD erhält Morddrohungen, weil er sich für die Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen einsetzt. Empörung, Entsetzen sind die weitläufigen Reaktionen darauf. Mir fehlen einfach nur die Worte. Ist es nicht mehr möglich, unterschiedliche Meinungen und Standpunkte zu vertreten? Muss man oder frau gleich mit dem Allerschlimmsten drohen, wenn das Gegenüber etwas sagt, was nicht der eigenen Meinung entspricht? Haben wir mittlerweile alle Hemmungen verloren, was den Umgang miteinander angeht? Oder geschieht so etwas, weil man sich nicht persönlich gegenübersteht, wenn solch ein Brief verschickt wird? Mich macht es einfach nur sprachlos. Doch ich ahne, dass die Anfänge dieses Umgangs miteinander schon an anderer Stelle zu suchen sind.

Vor einiger Zeit hörte ich zwei Kolleg*innen miteinander diskutieren. Den Inhalt der Diskussion weiß ich schon gar nicht mehr. Doch irgendwann fielen Sätze wie „Das ist doch totaler Quatsch!“ und „Du hast doch keine Ahnung!“. Oder eine Diskussion zwischen sich selbst als Christen bezeichnenden Personen im Internet. Es geht um eine politische Entscheidung unserer Regierung, die von den an der Diskussion Beteiligten gänzlich unterschiedlich beurteilt wird. Innerhalb weniger Sätze kommt es zu wüsten gegenseitigen Beschimpfungen. Ich könnte noch zahlreiche solcher Szenen benennen. Immer häufiger geschieht dies auch in Diskussionen über Themen des Glaubens. Immer häufiger greifen sich die Personen dabei sehr persönlich an. Mich macht das einfach nur sprachlos. Mitdiskutieren mag ich schon lange nicht mehr. Bin immer weniger in Diskussionen aktiv. Doch das ist auch keine Lösung. Einfach stehen lassen mag ich diese Form des Diskutierens miteinander auch nicht.

Es ist doch normal, dass man unterschiedlicher Meinung ist. Es ist normal, dass man darüber auch mal heftiger diskutiert. Doch es ist nicht normal, dass diese Diskussionen immer häufiger nach wenigen Sätzen in persönlichen Angriffen gipfeln, die sich noch gegenseitig zu überbieten versuchen. Gerade vor dem Hintergrund, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat – „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ oder „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ – wünschte ich mir, dass gerade Christen einen Unterschied machen würden. Oft rutscht uns so manches an Unflätigkeiten einfach raus. Auch ich ertappe mich dabei immer wieder. Schließlich sind auch Pastor*innen nur ganz normale Menschen. Doch vielleicht würde es etwas ändern, wenn ein Unterschied spürbar würde. Ich jedenfalls habe für das nächste Jahr einen Vorsatz gefasst. Auch wenn ich sonst von diesen Vorsätzen für das neue Jahr nicht wirklich viel halte. Aber das vor mir liegende Jahr will ich nutzen, die Worte, die ich sage, und die Sätze, die ich schreibe, zu prüfen, ob sie den Worten Jesu standhalten. Würde ich sie mir gerne sagen lassen? Entsprechen sie der Liebe zu mir selbst? Ich hoffe, dass ein Unterschied spürbar wird, denn ich glaube daran, dass viele kleine Unterschiede etwas verändern können. Und ein wenig mehr Respekt im Umgang miteinander können wir alle gut vertragen. Also vielleicht magst Du Dich meinem Vorsatz ja anschließen und am Ende des Jahres ziehen wir dann gemeinsam Bilanz.

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