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Ungewöhnlich oder nur ungewohnt?

Ein Schauspieler ist gestorben. Von vielen wurde er Volksschauspieler genannt. Auch er selbst sprach so von sich. Er war noch nicht alt, doch er war krank. Er hat mit seinem Tod gerechnet und schon vor langer Zeit seine Wünsche für seine Beerdigung öffentlich geäußert. Gestern nun fand sie statt. Millionen Menschen nahmen Anteil und verfolgten auf Leinwänden vor Ort oder am Bildschirm die Trauerfeier im Michel. Die Glocken zum Auszug aus der Kirche läuteten noch, da sprachen Kommentator*innen schon von einer ungewöhnlichen Trauerfeier. Doch war sie das wirklich?

Ich habe diesen Schauspieler gemocht. Ich habe seine Filme und Serien geschaut, manche auch immer wieder. Ich mochte seine direkte Art und seine „Kodderschnauze“. Sie liegen mir, denn wie er bin auch ich eine Norddeutsche. Also habe ich auch die Übertragung der Trauerfeier verfolgt. Ungewöhnlich oder eher für viele ungewohnt? Der Schauspieler hat sie sich gewünscht, die Trauerfeier in seiner Kirche, in der er getauft und konfirmiert wurde, in der er heiratete und seine Mutter Tanzunterricht gab. Der Hauptpastor im Talar hielt die Trauerfeier. Er eröffnete sie mit biblischem Votum und Begrüßung. Es folgten Gebet und Lesung, Predigt mit biografischen Anklängen, Abschied mit Gebet, Vaterunser und Segen. Ich könnte die Agende für Bestattungen (das Buch, in dem Vorschläge für den Ablauf einer Trauerfeier und Beerdigung festgehalten sind) aufschlagen und es wäre genau so dort nachzulesen. Nicht nur das. Viele der Formulierungen beginnend bei der Eröffnung der Trauerfeier bis hin zur Abschiedsformel wären dort ebenso nachzulesen. Ich selbst konnte sie auswendig mitsprechen und mein Mann neben mir kam ins Schmunzeln. Auch die Texte, Psalm 139 oder 1. Kor 13, waren für eine Trauerfeier wenig ungewöhnlich. Wohl eher ungewohnt für ein Millionenpublikum, das den Besuch von Trauerfeiern nur selten aus eigener Erfahrung kennt.

Vielleicht die Musik. Der Schauspieler selbst war zu hören mit einem seiner bekanntesten Lieder und einem Lied, das er für seine Frau geschrieben hat. Daneben die Titelmusik seiner bekanntesten Fernsehserie, Knocking on Heavens Door,  Deep Purple und nicht zu vergessen: die Hamburger Hymne „An de Eck steiht n Jung mit nem Tüddelband“. Wenig ungewöhnlich für die Besucher dieser Trauerfeier. Der Verstorbene bezeichnete sich selbst als Rocker. Diese Musik gehörte zu seinem Leben. Zahlreiche Weggefährten waren anwesend. Auch sie vertraut mit diesen Liedern. Ungewohnt waren diese Stücke für sie nicht. Ungewöhnlich für sie wohl eher an diesem Ort, wo man sie nicht erwartete. Mit Kirche verbinden die meisten andere Musik. Ungewohnt und ungewöhnlich war sie wahrscheinlich für die kirchlichen Hausherren, die in ihren Gottesdiensten  eher selten diese Musik spielten. Umso großartiger, dass der Organist sie virtuos auf einer der drei Orgeln der Kirche spielte. In der Auswahl der Musik wurde für mich deutlich, dass hier zwei Welten aufeinander trafen, die oft einander gegenüber gestellt werden. Die schillernde Welt des Films und der Schauspielerei und die schlichte Welt der Kirche. Sie trafen sich in einer besonderen Kirche in Hamburg, so wie es sich der Verstorbene gewünscht hatte. Und sie trafen sich in einem Kirchenlied, das sich der Verstorbene ebenfalls gewünscht hatte „Geh aus mein Herz und suche Freud´“. Und es ging gut. Es war angesichts all der Trauer auch ein Fest, nicht nur weil der Verstorbene an diesem Tag auch Geburtstag gehabt hätte. Es war eine Trauerfeier, die vielen in Erinnerung bleiben wird. Eine Trauerfeier, bei der die eine oder der andere denken mag, so soll es bei mir auch einmal sein. Entschuldigt den Ausdruck, aber für mich war es die beste Werbung für kirchliche Trauerfeiern, die Kirche passieren konnte.

Für mich war es eine Trauerfeier, die zeigte, dass die Lebenswelt des Verstorbenen und die Lebenswelt der Kirche in Einklang zubringen sind. Die eine spiegelte sich in der anderen wider. Sie gingen eine Verbindung ein und brachten so mehr zum klingen als jede einzelne es sonst gekonnt hätte. Vielleicht verlieren die Menschen dann die Scheu vor kirchlichen Trauerfeiern. Vielleicht wagen sie dann das Gespräch über ihre Wünsche mit ihren Angehörigen oder einer Person aus der Welt der Kirche. Am besten noch zu Lebzeiten. Dann kann einiges miteinander besprochen und geplant werden. Ich bin mir sicher, es finden sich Wege, wie das eine mit dem anderen in Einklang und zum Klingen gebracht werden kann. Und ja, auch ich habe mit meinem Mann schon über meine Trauerfeier gesprochen. Auch bei mir wird „Geh aus mein Herz“ gesungen werden und ganz viel Punkrock zu hören sein – und wenn nicht von der Orgel, dann doch wenigstens vom Band. Denn auch meine Lebenswelt besteht aus anderer Musik als den geistlichen Gesängen und Chorälen meiner Kirche…

Also: Wie sehen Eure Wünsche für Eure Trauerfeier aus?

 

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