Schlagwort: Zukunft

Meine liebste Gottesdienstzeit

Zwei Wochen Coronazeit sind um. Coronazeit – so nenne ich die Zeit, seit die Schulen und Kirchen geschlossen sind und wir als Familie plötzlich fast 24 Stunden rund um die Uhr zusammen in unserem Reihenhaus oder Garten verbringen. Dazu zwei Fulltimejobs, die unter den zahlreichen Veranstaltungsabsagen und Dienstreiseverbot leiden und sich im Homeoffice gerade mehr im Krisenmanagement üben als dass sie das Gefühl hätten, produktiv oder kreativ zu sein. Und dann der Druck, doch irgendwie für die Menschen ansprechbar zu sein, nicht in der Nichtwahrnehmung zu verschwinden. Gleichzeitig die Angst der eigenen Kinder, die Sorge um die Familienangehörigen, die schon älter oder auch krank sind. Das war am Anfang einfach nur Stress.

Mittlerweile habe ich das Gefühl, wir sind angekommen. Die Situation hat etwas Normales bekommen. Wir haben unseren Alltag in der Krise gefunden. Dazu gehört für uns, dass das Wochenende, besonders aber der Sonntag etwas Besonderes bleiben sollen, um der Woche Struktur zu geben. Damit nicht jeder Tag ein Mittwoch, sprich gleich ist. Doch wie schafft man das nur, wenn jeder Tag irgendwie gleich anfängt, niemand danach fragt, wann man aufsteht oder welche Termine man hat?

Heute morgen habe ich nach dem Frühstück das Wohn- und Esszimmer geputzt. Okay, das Frühstück war schon besonders. Es war ein Sonntagsfrüstück, so wie wir es immer zelebrieren, mit Ei und Kerzen und selbstgebackenen Brötchen. Aber dann gingen die Kinder in ihr Zimmer und ich habe angefangen zu putzen. Nicht besonders sonntäglich, oder? Während ich den Fußboden wischte, ging mir durch den Kopf, wie es früher bei mir Zuhause am Sonntag war. Es gab immer ein gemeinsames besonderes Frühstück, alle saßen mit am Tisch, egal wann wir manchmal nachts nach Hause gekommen waren. Und danach kochte meine Mutter das Mittagessen, putzte oder arbeitete jedes zweite Wochenende. Entsprechend kochten mein Vater und ich an den anderen Sonntagen oder ich lernte für die Schule oder mein Vater werkelte im Haus. Das Mittagessen am Sonntag gab es pünktlich und dann putzte meine Mutter noch den Küchenfußboden. Erst dann konnte es wirklich Sonntag werden. Der begann dann mit einer Mittagspause und am Nachmittag machten wir etwas Besonderes. Dann ruhte der Garten, der Haushalt, die Schule. Dann war Sonntag. Und am Abend gab es Abendessen im Wohnzimmer.

Heute morgen habe ich nach dem Frühstück das Wohnzimmer geputzt und während ich den Fußboden wischte, kamen die Erinnerungen. Hängen geblieben ist mir, dass mich diese Kindheit geprägt hat. Auch heute noch ist der Sonntagnachmittag die besondere Zeit, in der alles andere ruht und die ich gerne mit meiner Familie verbringe. In diese Zeit gehört auch meine Zeit mit Gott. Damals ging das kaum, denn Gottesdienste waren in der Regel am Sonntagmorgen. Heute aber ist das anders. Heute kann ich mich am Nachmittag aufs Sofa setzen mit dem Tee in der Hand und einen Gottesdienst feiern, den andere vielleicht schon vormittags oder am Vorabend gefeiert haben. Und ich kann mir einen Gottesdienst aussuchen, der zu mir passt, in dem ich mich wohlfühle. Die digitale Kirche und die kreativen Ideen vieler Gemeinden in der Coronazeit machen es möglich. Nur eins können sie nicht ersetzen, den direkten Kontakt, die Nähe zu den anderen Gottesdienstfeiernden. Für mich ist es einfach immer noch etwas anderes, ob ich mit anderen zusammen singe, bete, feiere, die neben mir sitzen, oder ob ich das vor dem Bildschirm tue. Da singe ich übrigens meistens nicht mit, sondern höre den anderen zu.

Irgendwann wird die Coronazeit zuende sein. Irgendwann werden wir in unseren Kirchen wieder Gottesdienst feiern. Dann wird für mich der Sonntagnachmittag immer noch das Besondere am Sonntag sein und am Vormittag wird der Haushalt auf mich warten. Einfach weil ich es so gewohnt bin, weil ich es so mag. Vielleicht nehmen wir als die, die über Kirche und Gottesdienste nachdenken, aus der Coronazeit mit, dass Gottesdienste zu anderen Zeiten, in anderen Gestalten ganz unterschiedlich sein dürfen, dass es eine große Auswahl braucht, damit möglichst viele Menschen ihren Gottesdienst finden. Auch wenn das bedeutet, dass die Besuchszahlen der einzelnen Gottesdienste dann geringer sein werden. Und vielleicht ist dann auch mein Sonntagnachmittag Sofagottesdienst dabei. Dann werde ich mit anderen zusammen am Sonntag Nachmittag auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen. Vor uns werden, Kaffee, Tee und Kuchen stehen und wir werden gemeinsam Gottesdienst feiern, wie wir es noch nie gefeiert haben. Und Gott wird mitten unter uns sein, vielleicht auch mit einer Tasse Kaffee in der Hand…

Den Raum leerräumen…

Ein Abend in einem Atelier mitten zwischen den Kunstwerken besonderer Menschen. Ein Atelier, das in seinem ersten Leben eine Sporthalle war und allein deshalb wohl von mir gemieden worden wäre. Doch jetzt ist es anders und das hat auch mit dem zu tun, was ich an diesem Abend höre und erlebe.

Aber am besten beginne ich von vorne. Mit einer ökumenischen Arbeitsgruppe habe ich mich vor etwa eineinhalb Jahren auf den Weg gemacht, die Sehnsucht nach einer Kirche von morgen zu wecken und nach Wegen dorthin zu suchen. Bereits im letzten Jahr haben wir einen Abend unter der Überschrift „Freiraum Zukunft“ gestaltet. Diesmal nun „Freiraum Kreativität“. Die Bildnerische Werkstatt der Rotenburger Werke wurde einen Abend lang zum Atelier für uns und zwanzig andere sehnsuchtsvolle Menschen. Rund um uns herum standen, hingen und lagen Werke von Menschen mit Beeinträchtigung. Nicht eins davon hätte ich selbst malen können. Sie sind beeindruckend und schufen eine besondere Atmosphäre für diesen Abend. Begriffe wie Kreativität und Schöpfung standen im Raum. Ruhe, Zeit, Zwecklosigkeit und kein Arbeitsdruck waren für viele Voraussetzungen, um selbst kreativ werden zu können. Der Künstler Martin Vosswinkel erzählte von den Entdeckungen, die Künstler machen und bei denen sie dann oft jahrelang bleiben und sie immer weiter ausbauen.

Kreativität ereignet sich. Sie fällt dem Künstler zu. Da kann es auch passieren, dass er wochenlang vor einer leeren Leinwand sitzt, bis ein neues Werk entsteht. Martin Vosswinkel selbst, so sagte er, räume sein Atelier leer, wenn er etwas Neues beginnen wolle. Er hänge die Bilder ab und warte, bis ihm etwas zufalle, er etwas entdecke. Das müsse man aushalten können und nicht gleich die ersten Ideen verfolgen. Die Entdeckung stamme nicht von ihm selbst, sie falle ihm von außen zu. Aber wenn sie da sei, die Entdeckung, dann arbeite er exzessiv damit, probiere sie in alle Richtungen aus, denn dann potenziere sie sich.

Inspirierende Gedanken, die mich noch immer bewegen. Was bedeuten sie für den Glauben, die Kirche? Wo räumen wir die Räume leer auf der Suche nach Neuem, seien es die realen oder die inneren. Könnten wir einfach mal die Kirchen leer räumen und die Bilder abhängen und warten, was geschieht? Und wenn das uns noch gelänge, könnten wir auch die inneren Räume in uns leerräumen und warten, bis uns etwas zufällt oder besser: von Gott gegeben wird? Oder würden wir gleich wieder aktiv werden, um die Leere zu füllen, oder weil wir meinen, andere erwarten es von uns? Würden wir das, was uns von außen zufällt, überhaupt erkennen? Wo könnten wir in Ruhe und ohne Druck in völliger Zwecklosigkeit kreativ werden? Wären wir dazu in der Lage oder werden wir im Umkehrschluss keine neuen Entdeckungen erfahren?

Ich wünsche mir den Mut es zu wagen. Leere schaffen und die Leere aushalten. Den Raum leer machen, den äußeren und den inneren, und die alten Bilder abhängen. Und warten, nicht gleich wieder aktiv werden und der ersten eigenen Idee nachrennen. Warten und warten, immer wieder warten, bis von außen etwas in den Raum hineinfällt. Bis sich in diesem leeren Raum etwas ereignet und erst dann erprobt werden kann. Die von mir gemiedene Sporthalle ist auch einst leer geräumt worden, so dass sich Neues auftat. Jetzt bin ich gerne hier, bin immer wieder hier, auch wenn die Turnringe noch an der Decke hängen…

Und in der Zukunft ein Klassentreffen…

Die CVJM-Hochschule hatte zum Studientag geladen und viele waren gekommen. Referent*innen wie Heinrich Bedford-Strohm und Sandra Bils zogen. In letzter Minute musste noch der Hörsaal gewechselt werden, da sich überraschend viele angemeldet hatten. Schon auf dem Weg von der Tram zum Universitätsgebäude hier und da ein „Hallo, wie geht es dir? Wir haben uns aber lange nicht mehr gesehen…“. Im Foyer des Hörsaalgebäudes steigerte sich dies noch und auch ich traf viele bekannte Gesichter. Menschen, die wie ich über die Zukunft der Kirche nachdenken und diese gestalten wollen. Menschen, die an ganz unterschiedlichen Orten nach Wegen suchen, das Evangelium unter den Menschen relevant werden zu lassen. Die Freude war groß, sie hier wiedergesehen zu haben.

„Kirche als Hoffnungsträgerin im gesellschaftlichen Wandel“ so die Überschrift, unter der dieser Tag stand. Ambitioniert? Realistisch? Zu hoch gegriffen? Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie sieht die Rolle der Kirche in diesem Wandel in zwei Funktionen. Zum einen solle sie denen den Rücken stärken, die den Wandel betreiben, gerade, wenn diese persönlich angegriffen werden. Zum anderen solle die Kirche ihre Energie nicht in internen Debatten verschwenden, denn sie werde in der Welt als Hoffnungsträgerin gebraucht. Gerade in einer Zeit, in der angesichts immer neuer Hiobsbotschaften in Sachen Klima sich Frustration breit mache und die Hoffnung schwinde, sei sie mit ihrem ureigensten Thema Hoffnung gefragt. Auch der Vorsitzende des Rats der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, sprach von der Hoffnung, von der die Kirche zu reden habe und die über die Welt hinaus trage, schließlich läge diese in Gottes Hand. Wenn aber die Welt in Gottes Hand liegt, dann könnten Christen sich nicht aus der Politik raushalten, dann müssten sie sich einmischen z.b. durch Denkschriften oder Gespräche oder aktives Handeln. Damit aber sei Kirche ein Change Agent im gesellschaftlichen Wandel.

Wie dies praktisch aussehen könnte, führte Sandra Bils anhand der neuen Bibliothek Oodi in Helsinki vor Augen. Sie zeigte deutlich, dass Kirche viel nachzuholen habe, wenn es um die Frage ginge, warum sie etwas täte. In der Regel sei sie an ihren Formaten und Angeboten erkennbar und nicht an ihrer Mission. Das aber mache sie wenig relevant für die Menschen. So geriete sie im gesellschaftlichen Wandel ins Abseits. Zwischen den Impulsen Diskussionen und Gespräche zwischen den Teilnehmer*innen und am Ende ein Zukunftscafé zu den Fragen, die sich während des Tages ergeben hatten.

Auf dem Heimweg stellt sich die Frage, was ist hängen geblieben? Vieles war mir bekannt. Anderes kann man in den Büchern der Referent*innen nachlesen. Das allein ist es nicht, was diesen Tag erfolgreich macht. Das Wiedersehen mit bekannten Gesichtern war ebenso schön und gewinnbringend. Aber auch das ist nicht der alleinige Erfolgsfaktor. Es kommt noch etwas anderes hinzu. Es ist die Herausforderung, vor der die Kirche steht, die hier eine Perspektive, auch einen Namen bekommen hat. Kirche als Hoffnungsträgerin, die u.a. darauf hofft, das Gott längst da ist. Sie muss nicht allein die Welt retten, sondern kann sich von Gott getragen wissen. Er ist längst da. In diesem Wissen kann sie alles tun, was in ihrer Macht steht und braucht angesichts dessen, was nicht gelingt oder was sie nicht ändern kann, nicht zu verzweifeln.

Und das ist Herausforderung genug, denn haben wir schon geklärt, welche Hoffnung wir authentisch weitergeben können? Und wenn ja, wie geben wir sie weiter, damit sie in dieser Welt Relevanz gewinnt? Das zu bedenken und zu wagen, ist am Ende dieses Tages in großen Lettern auf meine Fahnen geschrieben. Damit Studientage immer wieder zum Weiterdenken und Nicht nachlassen anregen und nicht zu Klassentreffen entarten, bei denen man sich seiner Erfolge rühmt und in Erinnerungen schwelgt. Die Hoffnung möge uns antreiben, ermutigen und stärken.