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Drei Tage zwischen Zukunft und Hoffen

Zukunft. Hoffnung. Kirche – drei Worte, drei Tage Willow Creek Leitungskongress in Dortmund. Ich war dabei und frage mich, was bleibt. Was nehme ich mit? Was bewegt der Kongress in den Menschen und in unserem Land? Denn das ist immer wieder der Anspruch der Veranstalter – die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen ermutigt und zugerüstet werden, um etwas in ihrem Umfeld zu verändern, in Bewegung zu setzen.

So will ich in den folgenden Zeilen nicht berichten, welche Vorträge, welche Inhalte präsentiert wurden (wobei das nicht immer zu vermeiden sein wird), sondern davon schreiben, was ich wahrgenommen und beobachtet, gefühlt und gesehen habe. Natürlich darf dabei nicht fehlen, was ich persönlich mitgenommen habe. Also kommt mit auf die gedankliche Reise zum Willow Creek Leitungskongress 2018. Sie beginnt am Donnerstag. Tausende strömen in die Halle. Mit etwas Verspätung und viel guter Musik beginnt der Kongress. Im Anschluss folgen die ersten Vorträge – Bill Hybels spricht von Resepkt und Höflichkeit, Erin Meyer von der kulturellen Lücke zwischen verschiedenen Ländern, die immer wieder zu Missverständnissen und fehlschlagender Kommunikation führt. Ein wahres Highlight dieses Themenkreises ist Horst Schulze am Freitag, der vom Dienst an den Menschen spricht unter dem Leitwort „Ladies and Gentlemen serve Ladies and Gentlemen“.

Foto: KirchGezeiten

Ehrlich gesagt, mich bewegen diese Worte sehr. Immer wieder leide ich am Umgang der Menschen miteinander und wundere mich, warum ich so komisch angeschaut werde, weil ich der Kassiererin an der Kasse noch einen schönen Tag wünsche. Oft sage ich es auch drastisch: Die Gesellschaft krankt an ihrer Selbstzentriertheit. Da sind diese Vorträge so wohltuend. Der anschließende Applaus lässt mich Hoffnung schöpfen, dass die nicht ganz geringe Zahl der engagierten Christen etwas verändern kann im Umgang miteinander. Doch nur wenige Minuten später wird der Verkäufer am Kaffeestand angemault, weil der Kaffee an seinem Stand ausgegangen ist, auch wenn er darauf hinweist, dass es ihm leid tue, doch an einem Stand weiter noch Kaffee vorhanden sei. Respekt, Höflichkeit im Umgang miteinander – meine Hoffnung schwindet bereits wieder. Am Abend in einem angesagten Szenerestaurant in Bochum darf ich dann als Krönung des Ganzen erleben, wie ein Restaurantfachmann seine Gäste belehrt, welche Vorspeise zu wählen sei, obwohl der Gast bereits eine ausgewählt und zweimal betont hat, dass ihm Spargel nicht schmeckt. Ich spüre, wie Groll in mir aufsteigt. Es muss sich etwas ändern im Umgang miteinander. So hoffe ich, dass die Vorträge nachwirken – und ein wenig scheint es schon begonnen zu haben. Am letzten Tag auf dem Parkplatz fragt mich ein Ordner, wann denn die Veranstaltung zuende sei. Auf meine Auskunft, dass das Programm offiziell bis 12.45 Uhr gehe, runzelt er die Stirn und meint, das sei knapp, denn ab 12 Uhr würden die Fußballfans anreisen und da bräuchten sie jeden Parkplatz. Aber mit den Christen sei das wohl kein Problem. Die seien immer so freundlich. Also lasst uns den Menschen respektvoll und höflich begegnen. Denn ich hoffe noch immer, dass sich etwas ändern kann in unserer Straße, in unserer Stadt, in unserem Land, in der Welt.

Foto: KirchGezeiten

Aber das war nicht alles, was vom Leitungskongress als Reiseerfahrung blieb. Die Reise ging schließlich noch weiter. Es blieb nicht bei einer Tagesfahrt. So war ein zweiter großer Themenkomplex die Zukunft der Kirche. Ob Christian Hennecke, Michael Herbst, Tobias Teichen oder Freimut Haverkamp – sie alle sprachen in der einen oder anderen Weise davon, wohin sich Kirche entwickeln kann und muss, was diesen Weg erschwert und was dennoch möglich ist. In einer Halle mit mehr als zehntausend Menschen, die alle ein Herz für ihre Kirche haben, wirken solche Worte wirklich ermutigend. Wenn so viele Menschen an einer Zukunft der Kirche mitwirken wollen, dann muss das doch was werden. Dabei standen einige Gedanken immer wieder im Raum – der geistliche Aufbruch zum Beispiel. Wenn wir eine missionarische Kirche wollen, die an der missio Dei mitwirkt, dann braucht es einen neuen geistlichen Aufbruch in der Pfarrerschaft, wie Michael Herbst sagt, aber auch in der großen Schar der Christen. Es geht eben nicht darum, Kirche zu verwalten, sondern darum Kirche zu sein, Jüngerinnen und Jünger Jesu zu werden und zu sein, den dreieinigen Gott in den Mittelpunkt zu stellen und nicht irgendwelche Kirchengesetze und Verwaltungsvorschriften. Das hört sich oft leichter an als es in Wirklichkeit ist. Denn ich habe den Eindruck, dass wir dafür erst einmal aus unserer Komfortzone rausmüssen, in der wir uns mit unserem Klagen und Stöhnen über Bürokratie und Arbeitsbelastung eingerichtet haben. Die Komfortzone zu verlassen, heißt zu den Menschen zu gehen und dort zu bleiben. Das wurde auch bei Willow deutlich. Dann geht es um einen Wandel vom Sterben zum Osterglauben und vom Machen und Herrschen zum Dienen und Ermöglichen, wie Christian Hennecke es sagte.  Gerade der Wechsel hin zum Dienen und Ermutigen fällt schwer. Wer möchte schon freiwillig Diener sein? An dieser Stelle schloss sich der Kreis für mich hin zum Vortrag von Horst Schulze. „Ladies and Gentlemen serve Ladies and Gentlemen.“ Niemand ist besser als der andere, aber es ist auch niemand schlechter als der andere.

Foto: KirchGezeiten

Zukunft. Hoffnung. Kirche – drei Worte, drei Tage Leitungskongress. Sie waren wie die Quelle frischen Wassers für mich. Ich konnte drei Tage auftanken, um zuhause wieder loszugehen, nach den Orten zu suchen, wo Gott schon aktiv ist, an seiner Mission mitzuwirken. Sie haben mich inspiriert, den Weg des Dienens und Ermutigens weiterzugehen, auch wenn ich manches Mal am Verhalten anderer Menschen leide. Ich habe den Aufruf Gottes gespürt, es anders zu machen. Respekt und Höflichkeit – zwei Gedanken, die mich seit diesen Tagen noch mehr bewegen als sie es zuvor schon taten. Und ich habe den Wunsch und das Verlangen, diese Erfahrungen, die ich in Dortmund machen durfte, an andere weiterzugeben. In diesem Jahr waren wir zu zweit beim Leitungskongress. In zwei Jahren möchte ich mindestens zwei weitere Personen aus meiner Arbeit mitnehmen. Bis dahin ist meine Herausforderung zu dienen und zu ermutigen. Jetzt aber sage ich „Danke, Willow, für diese mutmachenden, inspirierenden Tage!“

Albert Einstein und RaumZeit

Im November hatte ich die Ehre, die fresh expression, in der ich arbeite, im FreshX-Netzwerk Deutschland in einer Kombination aus Andacht und Präsentation vorstellen zu dürfen. Die einleitenden Gedanken über Albert Einstein, RaumZeit, Gott und Jesus möchte ich Euch nicht vorenthalten. Wenn Ihr dann noch mehr über RaumZeit erfahren wollt, findet ihr mehr unter http://www.raumzeit.wir-e.de

 

Was hat Albert Einstein mit RaumZeit zu tunund dann auch noch Jesus…

Albert Einstein – viele kennen ihn, zumindest von Fotos oder ziemlich vielen Legenden, die sich um ihn ranken. War er nun gut in der Schule oder nicht, konnte er Mathe oder nicht? Soviel ist wohl sicher: seine Schulkarriere war nicht ganz so ruhmreich.

Seine physikalischen Entdeckungen sind eher aus der Langeweile heraus geboren, als dass er von Anfang an als Genie an renommierter Stelle gearbeitet hätte. Er war gelangweilt auf seiner Position im Patentamt, wo er vor allem für die letzte Kontrolle der Entscheidungen anderer zuständig war. Sein Job füllte ihn nicht aus, er war unzufrieden, wurde unruhig und unwillig. So machte er in seiner Freizeit das, was er gut konnte – sich mit Physik zu beschäftigen. Erst als er hier Ergebnisse lieferte, folgten die entsprechenden Stellen im Max-Planck-Institut und anderswo und schließlich der Nobelpreis.

Wir alle wissen, wofür er diesen Preis bekommen hat und ich vermute, jeder kann auch die entsprechende Formel zitieren, wobei ich jetzt nicht abfragen werde, wer sie auch erklären kann oder zumindest weiß, wofür die einzelnen Buchstaben stehen. Dennoch möchte ich Sie auf einen ganz kleinen Ausschnitt dieser Formel mitnehmen.
Wir Menschen erleben Raum und Zeit als zwei unterschiedliche Gegebenheiten. In der Physik jenseits der Lichtgeschwindigkeit bedingen sich Raum und Zeit gegenseitig. Sie stehen in Kausalität zueinander. Die Raumzeit ist die vierte Koordinate im vierdimensionalen Koordinatensystem. In diesem Koordinatensystem sind Raum und Zeit dynamisch und nicht mehr starr. Das sogenannte Raum-Zeit-Kontinuum ist so der Zusammenhang aller in der Vergangenheit passierten, gerade in der Gegenwart passierenden sowie zukünftig passierenden Ereignisse in einem Zusammenhang.

Ohne die Physik gewaltsam beugen zu wollen, muss ich bei diesen Ausführungen unwillkürlich an Gott, an Transzendenz und Immanenz denken. Der Zusammenhang, der alles umfasst, ist Gott. In dieser RaumZeit gestalten wir Menschen Raum und Zeit miteinander. So ist unser Projekt RaumZeit zu seinem Namen gekommen, in dem Verständnis, dass da, wo Raum und Zeit eins werden, in der vierten Dimension der Raumzeit, Gott immer schon da ist.
So sind wir, ich als Hauptamtliche und zwei Ehrenamtliche, auf dem Weg in dem Anliegen, mit den Menschen der beiden Stadtteile Riensförde und Ottenbeck Raum und Zeit zu gestalten und sie dadurch auf Gott aufmerksam zu machen. Vielleicht begegnet ihnen dann Jesus auf dem Spielplatz, im Café, beim Abendessen oder er tanzt einfach mal eine Runde mit den Menschen…

… denn wer dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm. (1. Kor. 6,11)

Gelesen: Selbst glauben

Mit diesem Beitrag möchte ich euch mal wieder ein neues Buch vorstellen, das ich gerade gelesen habe. Der Titel des Buches lautet Selbst Glauben. 50 religionspädagogische Methoden und Konzepte für Gemeinde, Jugendarbeit und Schule. Mit Florian Karcher, Petra Freudenberger-Lötz und Germo Zimmermann haben sich drei Herausgeber auf den Weg gemacht, nicht nur eine Methodensammlung für die Jugendarbeit zusammenzustellen, sondern unter dem Aspekt einer subjektorientierten Religionspädagogik verschiedene Ansätze und eine Sammlung dazugehörender Methoden in einem Buch zu vereinen. So entsteht eine Dreiteilung des Buches mit einer ausführlichen Einleitung, dem theoretischen Einblick in unterschiedliche Ansätze und einer Zusammenstellung verschiedener zu den Ansätzen gehörender Methoden.

In der ausführlichen Einleitung stellen die Herausgeber den Gedanken der subjektbezogenen Religionspädagogik vor, deren Ziel eine religiöse Subjekt-Bildung und -Werdung ist. Die Praxis dieses Ansatzes ist auf Partizipation und Eigenverantwortung ausgelegt. Allen im Buch vorgestellten Ansätzen liegt daher eine Hermeneutik der Aneignung zugrunde, die mit den Kindern, Jugendlichen, Schülern oder Konfirmanden gemeinsam nach Wegen des Glaubens suchen will. Folgt man dieser Hermeneutik braucht es viele verschiedene religionspädagogische Konzepte, um möglichst viele Kinder und Jugendliche ansprechen zu können. Es gibt nicht das eine für alle gültige Konzept. Entsprechend werden in diesem Buch eben verschiedene Ansätze nebeneinander vorgestellt. Leider wird nicht erwähnt, unter welchen Kriterien die Auswahl erfolgte, ob sie evtl. sogar erschöpfend ist oder es noch andere Ansätze gibt, die diesem Ansatz dienen.

Neben den drei Herausgebern konnten Autoren wie Uta Pohl-Patalong oder Delia Freudenreich gewonnen werden, Konzepte wie die Kreative Bibeldidaktik, Bibliolog oder Godly Play zu beschreiben. Sämtliche Aufsätze folgen dergleichen Struktur, so dass die Konzepte auf diese Art und Weise gut miteinander verglichen werden können. Die jeweiligen Ausführungen erstrecken sich immer nur über wenige Seiten und lassen sich gut auch mal zwischendurch lesen. Außerdem ist allen Aufsätzen eine kleine Liste weiterführender Literatur angefügt. Das hat mir sehr gut gefallen, da die Ausführungen auf Grund der gebotenen Kürze immer nur einen kleinen Einblick in das jeweilige Konzept bieten. Wer mehr wissen will, muss an anderer Stelle weiterlesen oder wie im Falle des Bibliologs eine entsprechende Ausbildung machen. Für einen ersten Einblick sind die Aufsätze aber gut geeignet.

Im dritten Abschnitt des Buches sind den Konzepten mehrere verschiedene Methoden zugeordnet. Nach einem Satz der Kurzbeschreibung folgen Angaben zur benötigten Zeit, Vorbereitung, zum Material und zur Durchführung sowie zur Reflexion der jeweiligen Methode in der Gruppe. Auch Hinweise und Variationsmöglichkeiten werden angeführt. So lassen sich die Methoden gleich mal in der Praxis ausprobieren, um noch einen anderen Einblick in den jeweiligen Ansatz zu erhalten. Vielleicht entsteht dann ja Lust auf mehr und man arbeitet sich in das jeweilige Konzept tiefer ein.

Mein Fazit zu diesem Buch: Wer in der Religionspädagogik unterwegs ist, schon immer für neue Ansätze und Methoden ansprechbar war, wird das ein oder andere bekannte in diesem Buch finden. Konzepte wie der Bibliolog, Godly Play und Interreligiöses Lernen sind schon länger auf dem Markt und hier und da auch schon etabliert. Gerade die Vergleichbarkeit der Ansätze durch den identischen Aufbau der Aufsätze macht das Buch aber interessant. So ist es möglich, für den eigenen Zusammenhang einen hoffentlich passenden Ansatz auszuwählen, ohne gleich zig verschiedene Bücher lesen zu müssen. Die beigefügten Methoden ermöglichen ein erstes Ausprobieren. Wer dann feststellt, dass es passt, wird durch die beigefügten Literaturlisten an die Hand genommen und kann an anderer Stelle weiterlesen. Alles in allem eignet sich das Buch gut, wenn man auf der Suche nach einem Konzept ist und erstmal einen Überblick gewinnen möchte. Wer sich über einen bestimmten Ansatz näher informieren will, sollte zu einem anderen Buch greifen.

Vielleicht nicht unbedingt direkt fresh x, so stellt sich doch innerhalb meines Aufgabenfeldes die Frage nach den Ansätzen und Methoden. Deshalb fand ich es ganz spannend, in dieses Buch mal hineinzulesen. Kennt Ihr das Buch vielleicht schon oder wollt jetzt auch mal hineinschauen? Ich wäre gespannt, von Euren Erfahrungen mit den Methoden zu erfahren. Schreibt doch einfach eure Gedanken dazu in die Kommentare.

 

 

Bin ich Pionierin?

Anfang des Jahres, gerade hatte ich meine neue Pfarrstelle angetreten, drückte mir jemand einen Flyer in die Hand. „Weiterbildung für Pioniere in Kirche: Mission : Gesellschaft“ stand da drauf. Ich nahm in mit, schaute ihn an und dachte „Das bist du nicht!“ Ich tue doch nur meine Arbeit, meinen Dienst auf dem Weg hin zu einer anderen Form von Kirche. So blieb es – einige Wochen und Monate lang. Dann fragte bei Twitter jemand in den Orbit: Wer hat sich zur Pionierausbildung angemeldet?“ und jemand anderes antwortete: „Ich nicht, aber pastrix_sabine bestimmt!“ Nein, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht, hatte es ja auch schon lange Zeit verdrängt. Doch es arbeitete in mir. In diesem Moment merkte ich es. Aber noch immer meldete ich mich nicht an.

Anfang Mai, ich räumte gerade auf meinem Schreibtisch auf, fiel aus einem Buch ein Flyer – der Flyer. Wieder las ich ihn. Anmeldeschluss war Ende Mai. Sollte ich mich anmelden? Bin ich eine Pionierin? Wieder legte ich den Flyer weg, doch in dieser Nacht schlief ich ziemlich schlecht. Am nächsten Tag mailte ich meinem Superintendenten – würde er seine Zustimmung zu einer Anmeldung geben? Schließlich brauchte ich dafür eine Dienstbefreiung. Es brauchte einige Tage, doch dann antwortete er: „Melden Sie sich ruhig an!“. Gesagt, getan, bevor ich wieder ins Zweifeln gerate. Einige Tage später schon die Bestätigung, dass ich dabei bin, und wieder ein paar Tage später die Information, dass der Kurs voll ist.

Seither denke ich darüber nach, ob ich eine Pionierin bin? Oder werde ich durch die Weiterbildung erst eine Pionierin? Was ist überhaupt eine Pionierin? Wenn ich etwas dazu lese, dann lese ich oft von dem Gefühl, nicht hineinzupassen. Das kenne ich. Das beschleicht mich schon seit meiner Jugend immer wieder. So gerne ich auch Gottesdienste gestalte und feiere, so gerne ich in der Gemeinde gearbeitet habe, immer war da irgendwie dieses Gefühl, dass es nicht meine Gemeinde ist. Oft habe ich mir die Frage gestellt, ob ich in den Gottesdienst ginge, wenn ich nicht die Pastorin wäre. Würde ich eine Gruppe, eine Veranstaltung besuchen, vielleicht mich sogar für länger verpflichten? Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen: Nein! Das würde ich wohl nicht tun. Irgendetwas fehlte mir immer. Wie oft habe ich den Scherz gemacht: Irgendwann gründe ich mal meine eigenen Gemeinde! Eine, wo ich endlich mal richtig hineinpasse.

Bin ich eine Pionierin? Ich weiß es nicht. Aber ich bin aufgebrochen, habe mich angemeldet. In eineinhalb Wochen beginnt die Weiterbildung und ich bin gespannt, was dann auf mich wartet. In den letzten vier Wochen sollten wir schon mir einer Kamera anhand von elf Sätzen auf Entdeckungsreise gehen. Eine Einwegkamera – ich vermute, die Bilder sind verwackelt, unscharf, nicht genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Wie hält man schon in einem Bild fest, was für mich ein heiliger Ort ist, oder wo ich Kreativität wahrnehme. An vielen Sätzen habe ich lange gehangen, überlegt, was ich wohl fotografieren soll. Bei einem Satz aber war ich mir gleich sicher: Typisch Pionier! Ein gelber Kinderspaten mitten im Blumenbeet wird zu sehen sein. Und das, obwohl ich mir nicht so sicher bin, was ein Pionier – eine Pionierin ist. Bin ich eine Pionierin? Die Frage bleibt. Ich hoffe, ich werde in den nächsten beiden Jahren der Weiterbildung eine Antwort finden.

Auf jeden Fall nehme ich euch aber an dieser Stelle mit auf meinen Weg durch die „Weiterbildung für Pioniere in Kirche: Mission : Gesellschaft“. In eineinhalb Wochen geht es los und ihr dürft gespannt sein. Bis dahin frage ich euch: Was ist ein Pionier / eine Pionierin für euch? Seid ihr vielleicht selbst einer / eine?

Ein optimiertes Leben?

Von „optimiere dein Leben“ bis zum „Weg in ein neues Leben“ reicht die Ratgeberliteratur, an die ich denken musste, als ich das erste Mal davon las, dass fresh expressions of church lebensverändernd sein wollen. Doch was verbirgt sich wirklich hinter diesem Wort? Eine Fresh X „lädt Menschen in die Nachfolge Jesu ein. Persönliche Beziehungen und wachsender Glaube führen zur Lebensveränderung.“ heißt es bei Reinhold Krebs und Daniel Rempe in Fresh X. Der Guide. Ziemlich gestelzt für mein Empfinden. Aber das, was dahinter steht, spricht mir aus dem Herzen, schließlich habe ich es selbst erlebt.

Als ich als Jugendliche beschloss, in der christlichen Jugendarbeit aktiv zu werden, lernte ich eine besondere Gemeinschaft junger Menschen kennen. Da waren jüngere und auch ältere, die sich für mich interessierten, die fragten, wie es mir geht, was mich beschäftigt. Sie begleiteten mich durch die unterschiedlichsten Lebenslagen und riefen mich an, wenn ich nicht zum Treffen erschien. Ich fragte, warum sie das taten und machte mich mit ihnen zusammen auf die Reise des Glaubens. Diese Erfahrungen veränderten mich und meine Sicht auf Kirche. Hier ging es um mein ganzes Leben und nicht nur um meinen Gottesdienstbesuch am Sonntag. „Wie kann ich auch am Montag glauben?“ wurde zur Frage, die mich begleitete. Es sollte jeder und jede erfahren, dass ich an Gott glaube. Und zugleich war das ein Wagnis. War ich bereit und in der Lage, über meinen Glauben zu reden, mich mit den Bemerkungen und manchmal auch mit dem Spott der anderen auseinanderzusetzen? Doch auch da halfen die persönlichen Beziehungen zu den anderen in der Jugendarbeit. Das, was ich dort erlebte, war eine tiefe Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft trug auch die, die nicht glaubten und auch deren Leben veränderte sich durch die Gemeinschaft. Sie wollten in und mit dieser Gemeinschaft leben und lebten damit oft ein Leben in der Nachfolge Jesu, ohne selbst schon an ihn zu glauben.

Seit ich auf Fresh X gestoßen bin, fühle ich mich oft an diese Gemeinschaft zurückerinnert und an die Zeit, in der ich das Gefühl hatte dazu zu gehören und in die Gemeinschaft hineinzupassen. Diese Zeit war es auch, die mir den Weg zum Glauben und zur Theologie geebnet hat. Eine solche Zeit wollen Fresh X den Menschen schenken. Wer eine Gemeinschaft für den Alltag findet, in der er sich durch gute Beziehungen zu den anderen wohl fühlt, dessen Leben wird verändert. Wer dann noch eine solch tiefe Beziehung zu Gott entwickeln kann und pflegt, der wir sein Leben erst recht neu erfahren.

So habe ich den Eindruck, dass das dritte Merkmal einer Fresh X – die Lebensveränderung – immer dann von selbst angestoßen wird, wenn die Fresh X für den Menschen passt, der zu ihr kommt. Deshalb sind der Kontextbezug und die Lebensveränderung manchmal nur schwer zu differenzieren und bedingen sich gegenseitig. Doch das macht es gerade auch so spannend, darüber nachzudenken und es selbst zu erleben. Wenn ich dann noch die Dimension der Kirche mitdenke, dann ist für mich eine noch so kleine Fresh X irgendwie weltbedeutend. Aber damit bin ich schon beim vierten Merkmal einer Fresh X und darüber schreibe ich ein anderes Mal.

Jetzt würde mich vielmehr interessieren, ob ihr eine solche Gemeinschaft auch schon mal erlebt habt, und ob und wie sie euer Leben verändert hat?

Wer meine anderen Beiträge zu den Merkmalen einer Fresh X nachlesen möchte, findet hier die Links:

 

Der erste Schritt Gottes

Warum eigentlich fresh x? – So habe ich vor einiger Zeit gefragt und am Ende auf die Kennzeichen einer fresh expression of church verwiesen. Schaut man in die mittlerweile zahlreiche Literatur über fresh expressions of church, so wird als erstes immer genannt, dass sie missional sind.

Missional klingt nach Mission oder missionarisch und schon ziehen einige den Kopf ein, reden leiser oder wechseln gleich ganz das Thema. Der Begriff Mission ist vielerorts mehr als schlecht konnotiert, so dass er am liebsten gar nicht mehr verwendet wird. Manchmal begegnet mir auch der Gedanke „Mission, das ist doch etwas für Afrika!“. Ja, viele Jahrzehnte und Jahrhunderte spielte sich das, was Mission beschrieb, hauptsächlich in anderen Ländern ab und nicht bei uns. Doch ist das richtig?

Seit ca. 20 Jahren wird der Begriff missional systematisch verwendet. Besonders im englischsprachigen Raum entwickelte sich eine missionale Theologie. David J. Bosch hat diese Entwicklung zusammenfassend dargestellt (Mission im Wandel, 2012). Grundlage dieser Theologie ist die Idee der Missio Dei, der Sendung Gottes, die Mission in erster Linie als Gottes Handeln versteht. Mission ist Gottes erster Schritt auf die Welt, die Menschen zu. So schreibt Michael Moynagh, dass Gottes Herz für Mission schlägt, deren Dynamik die Liebe ist (Praxisbuch, 98). Weil Gott die Menschen liebt, geht er auf sie zu, wendet sich ihnen zu. Er gibt sich ihnen hin. Das ist, kurz gefasst, das Wesen der Missio Dei. Damit ist Mission aber mehr als ein Handeln Gottes, sie gehört zum Wesen Gottes ebenso wie die Liebe.

Wer dieser Liebe begegnet, von ihr ergriffen ist, will sie weitergeben. Denn wer kann schon schweigen und nichts tun, wenn einem das Herz übergeht. So ist die Kirche dazu berufen, ebenso wie Gott, von ihrem Wesen her missional zu sein. An dieser Stelle schreibe ich bewusst missional. Denn m.E. liegt hier der Unterschied zu missionarisch. Gehört die Mission zum Wesen der Kirche oder jedes Christen, dann ist sie mehr als ein Tun. Sie ist eine Haltung, die das Tun bestimmt. Missionarisch ist das Tun der Kirche, doch dies kann auch eins unter vielen sein. Dann geschieht an einer Stelle der Gottesdienst oder der Konfirmandenunterricht, an anderer Stelle aber das missionarische Tun vielleicht in Form eines Vortrages. Missional dagegen ist die Haltung der Gemeinde oder der Kirche, die sich darin äußert, dass z.B. jeder Gottesdienst neben dem Lobpreis Gottes oder der Feier des Abendmahls auch Mission ist – liebendes Zugehen auf die Menschen, um sie zu Gott zu führen. Entsprechend sind die Begriffe missional und missionarisch nicht gegeneinander aufzuwiegen, sondern beschreiben zwei unterschiedliche Aspekte von Mission.

Fresh expressions of church sind missional. Die Mission ist Teil ihres Wesens, indem sie sich in der liebenden Zuwendung an Menschen richten, die bisher keinen Bezug zu Gott haben. Mir gefällt dabei das Bild der Extrameile. Mission im Sinne der missionalen Haltung bedeutet für mich, dass ich gerne eine Extrameile mit denen mitgehe, die Gott noch nicht begegnet sind. Weil ich Gottes Liebe in Jesus Christus begegnet bin, weil ich von ihr ergriffen bin, kann ich davon nicht schweigen. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen ebenso der Liebe Gottes begegnen, die ich weitergeben darf. Dazu hat Gott mich berufen. Deshalb gehe ich hinaus und gehe gerne auch so manche Extrameile oder Umweg mit, bis Menschen Gott begegnen.

Ich gehe hinaus in den Kontext der Menschen, denn das zweite Kennzeichen von fresh x ist, dass diese neuen Formen von Kirche kontextuell sind. Was das für mich heißt, werde ich in einem nächsten Beitrag schreiben. Jetzt würde mich aber interessieren, ob Mission auch etwas für euch ist?

 

Hier noch der Link zu den anderen Beiträgen der Serie:

 

 

 

 

W@nder – zwischen wandern und wundern

 

Zwischen Hütte und Hochebene, zwischen Gletscher und Schlucht trafen sich am 14. und 15. Februar Christen bei W@nder – der Konferenz für Pioniere und ich war mittendrin. Mittendrin zwischen Menschen, die sich in der ein oder anderen Weise fremd in ihrer Kirche fühlen. Menschen, die das Gefühl haben, irgendwie nicht hineinzupassen, und doch den Glauben an Gott nicht fallen lassen wollen. Denn sie wissen sich von Gott getragen und gerufen.

Was für ein großartiges und buntes Zusammenkommen: Katholiken, Lutheraner, Baptisten und Methodisten. Dabei war die erste Frage nie: welcher Konfession gehörst du an? Vielmehr war an allen Orten die Frage zu hören: Warum fühlst du dich fremd in der Kirche? Und dann taten sich Lebensgeschichten auf von dem jungen Mann, der gerade weil er sich fremd fühlte, Theologie studierte und nun eine fresh expression of church in Köln aufbaut. Oder von der jungen Frau, die sich im Reisekonzern irgendwann unwohl fühlte, weil die Arbeit dort nicht ihren Werten entsprach. So brach sie aus, kündigte, suchte ihre Waldlichtung und machte sich selbständig.

Dazu ein beeindruckender Vortrag von Johnny Baker und Susanne Haehnel aus England über „the pioneer gift“. Das Gefühl, nicht hineinzupassen als Gabe bzw. Geschenk zu verstehen und sich deshalb als Pionier auf den Weg zu machen, ist eine für manchen ungewohnte Sichtweise. Bisher haben viele dieses Gefühl eher defizitär verstanden. In der Kirche war eben bisher nie richtig Platz für sie. Ein Gefühl des Unwohlseins blieb trotz aller Anpassungsversuche. Nun können sie es als Chance zum Aufbruch begreifen.

Foto: Sabine Ulrich

Denn Pioniere sind Menschen, die Möglichkeiten sehen und aufbrechen, sie zu realisieren. Sie sind Wanderer zwischen den Welten – der Realität ihrer Kirche und der Vision von einer Kirche, in die sie hineinpassen. Sie wundern sich, entwickeln Visionen einer Kirche, die das Evangelium in den jeweiligen Kontext vor Ort einträgt. Denn wenn viele Gott aus verschiedenen Blickwinkel betrachten, dann ergibt sich ein besseres, ein vollständigeres Bild von ihm. Doch Pioniere reden nicht nur darüber, sie brechen auf, wechseln die Straßenseite, lassen geschehen und bauen. Dabei muss so manch einer erfahren, dass dieser Weg durch Schluchten, Wüsten, Einsamkeit führen kann. Deshalb brauchen Pioniere eine Gemeinschaft, die sie trägt, die sie aufbaut.

Bei W@nder konnte ich diese Gemeinschaft spüren. Ich bin mit so vielen Menschen ins Gespräch gekommen, konnte Ideen austauschen, gemeinsam reflektieren. Das Gefühl nicht zu passen, war hier nicht spürbar. Stattdessen wuchs in mir das Bewusstsein: auch ich bin ein Pionier, oder besser: eine Pionierin. Ich bin aufgebrochen, die Straßenseite zu wechseln. Dabei blieb mir ein Satz besonders hängen: Pionier sein heißt: nicht auf den Zug warten, der nicht mehr kommen wird.

Wie geht es euch? Habt ihr auch das Gefühl nicht zu passen? Wollt ihr vielleicht auch die Straßenseite wechseln? Ich bin gespannt auf Eure Berichte.

 

 

 

Es geht los!

Pastorin für fresh expressions of church – so lautet meine Amtsbezeichnung seit ein paar Tagen. In aller Freiheit darf ich neue Wege suchen und gehen, um Menschen Begegnungen mit Gott zu ermöglichen. Dabei bewegen mich viele Gedanken und Fragen. Vieles schaue ich mir gerade an, um Wege zu finden. Die meisten werden wohl abseits der ausgetretenen Pfade liegen. Mit Sicherheit werden es keine Bundesstraßen oder gar Autobahnen sein. Doch vielleicht werden irgendwann aus kleinen, unscheinbaren Trampelpfaden fahrbare Landstraßen. In Gottes Hand will ich es legen und seinem Heiligen Geist vertrauen. Und hier will ich es festhalten und davon berichten. Folgt mir doch einfach und berichtet von Euren Fragen und Erfahrungen.