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Was für ein Vertrauen… eine Notiz im Pioniertagebuch

Was für ein Vertrauen… Das Motto des Kirchentags klingt noch an vielen Stellen nach, auch wenn die meisten Besucher schon wieder im Alltag angekommen sind. Nach Jahren war ich mal wieder die gesamte Zeit, vom Anfangs- bis zum Schlussgottesdienst da. Ich habe Workshops besucht, Vorträge gehört, bin durch den Markt der Möglichkeiten geschlendert und habe mit mir bekannten und unbekannten Menschen geredet und diskutiert. Es war spannend, es war lohnend, auch wenn ich nicht jede Veranstaltung ein zweites Mal wählen würde. Ich habe neue Eindrücke und Ideen mit nach Hause gebracht, die sicher noch einige Zeit nachwirken werden.

So manche Zeit habe ich auch damit verbracht, auf der Straße unterwegs zu sein und den Menschen zuzuhören. Und ich habe viel in den sozialen Medien gelesen von Dingen, die ich selbst besucht habe oder die ich nicht besucht habe. Auch heute lese ich weiter. Die Predigt von Sandra Bils oder auch zwei Workshops haben viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dem einen gefällt das eine, der anderen das andere und manches gefällt auch nur wenigen. Und das ist gut so. Ich freue mich, wenn rege über Kirche, Glauben, Meinungen diskutiert wird. Das alles zeigt die Vielfalt unserer Gesellschaft, die ich mir einfach nur bunt wünsche.

Doch eines verleidet mir zunehmend das lesen. Es ist der Ton und die Wortwahl, die besonders in den Diskussionen im Internet herrschen. Klar, das ist die Anonymität der Sozialen Medien, mögen viele denken. So ist das leider. Da kann man nicht viel machen und von einschlägigen Parteien und Gruppierungen ist eben nichts anderes zu erwarten. Doch die, die da diskutiert haben, gehörten offensichtlich nicht zu einer dieser schnell in die Ecke gedrängten Gruppen. Die, die da diskutierten, bezeichnen sich selbst als Christen, sind beruflich oder ehrenamtlich bei Kirche aktiv, hatten selbst den Kirchentag besucht. Und äußerten sich an anderer Stelle über die Verrohung unserer Gesellschaft. Doch dann las ich Sätze, die von „Das ist doch totaler Blödsinn, was du schreibst.“ bis hin zu „Stell dich nicht so an!“ reichten. Schlimmeres mag ich hier nicht zitieren. Wie sehr es die Adressaten dieser Sätze verletzt haben mag, diese Sätze zu lesen, wissen nur sie selbst. Ich aber frage mich, ob das dem Umgang miteinander entspricht, der Gottes Willen entsprechen könnte? Ist es das, was wir unter einem christlichen Leben verstehen. Haben wir uns dem allgemeinen Ton mittlerweile zu sehr angepasst?

Ich wünschte mir, es wäre anders. Ich wünschte mir, die Menschen um uns herum würden den Unterschied spüren. Jetzt lesen sie eher, dass die, die sich Christen nennen, genauso roh miteinander umgehen, wie andere es auch tun. Warum also etwas ändern? Doch was könnten wir verändern, wenn wir unsere Worte bewusst wählten, wenn wir, bevor wir sie aussprechen oder niederschreiben, einmal überlegten, wie unser Gegenüber sie auffassen könnte?

Der Kirchentag ist vorüber, einige Workshops, Vorträge und auch die Predigt von Sandra Bils wirken noch nach. Ich wünschte mir, sie würden auch in Sachen Wortwahl und Umgang miteinander nachwirken.

Imbissliebe

Ich muss euch etwas gestehen: ich liebe Imbissbuden, Grillbuden, Dönerläden. Jetzt ist es raus.

Nicht nur wegen des Essens. Das darf auch mal nicht so gut sein, damit ich wieder komme. Es sind vielmehr die Menschen, die dort arbeiten, essen, vorüber gehen, die mich anziehen. Ich liebe es, in einem Imbiss zu sitzen und den Menschen zuzuhören, die hier so wunderbar geerdet, ehrlich sind. Menschen, die hier in ihrer Muttersprache, ihrem Dialekt aus ihrem Leben erzählen, unverblümt, ungeschönt. Da wird über drei Tische hinweg von der Krankheit des Mannes erzählt, der nebenan im Krankenhaus in der Onkologie liegt. Da wird die neue Geschäftsidee für den nächsten Imbiss verkündet oder über die Nachbarin mit den schiefen Gardinen geschimpft.

Der Ton ist manchmal etwas ruppiger, schon bei der Begrüßung. So mancher nicht ganz politisch korrekte Spruch ist mir hier schon entgegen geflogen. Und manchmal auch ein skeptischer Blick, der fragte, wer ich wohl sei. Gerade dann, wenn ich in nicht touristisch geprägten Ecken des Landes als deutlich an der Sprache erkennbare Norddeutsche das erste Mal einen Imbiss betrete. Aber hier fühle ich mich wohl. Dem flotten Spruch setze ich einen anderen entgegen, bestelle die Currywurst, den Döner, die Cola, suche mir einen Tisch.

Und dann höre ich zu, meistens heimlich vom Nachbartisch aus, ohne etwas zu sagen, ohne mitzureden. Manchmal muss ich schmunzeln, manchmal auch schlucken. Dann geht es mir nahe, was dort gerade erzählt wird. Am liebsten würde ich dann etwas sagen, jemanden in den Arm nehmen. Manchmal werde ich in ein solches Gespräch mit hineingezogen. Manchmal heißt es einfach: „Du kommst aber nicht von hier, wa?“ Dann erzähle ich, wo ich herkomme. Meistens geht das eigentliche Gespräch dann schon weiter.

Und irgendwann stehe ich auf und gehe, wieder in der Welt angekommen aus meinem kirchlichen Wolkenkuckucksheim. Das sind diese Momente, in denen ich aus der kirchlichen Filterblase fliehen muss, in denen ich Sehnsucht nach Leben habe, wie es wirklich ist. Ich liebe dieses Leben mit Radio Niedersachsen und Bild-Zeitung, mit Bier aus der Flasche, auch wenn ich es nicht trinke, und Pommes, die man mit den Fingern isst, bis diese vor Salz, Fett und Ketchup kleben. Irgendwann kehre ich zurück in meine kirchliche Welt und merke, ich bin eine Wanderin zwischen den Welten. Nehme aus der einen etwas in die andere Welt mit, bin nie ganz in einer zuhause und will es mittlerweile auch gar nicht mehr sein. Denn genau das bereichert meine Arbeit und mein Leben. Und es bereichert meine Vision von Kirche.

Also wenn ihr mich sucht, besucht den nächsten Imbiss. Vielleicht sitze ich ja schon da…

Mehr als nur Geburtstag

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. So habe ich es immer gelernt. Damals schon im Konfirmandenunterricht. Dieser Satz hat sich eingebrannt. Bis heute fällt er mir ein, wenn von Pfingsten die Rede ist. In den letzten Tagen habe ich ihn wieder zahlreich gelesen und gehört. In den vielen Erklärungen zu Pfingsten, die in den Medien erschienen sind, wurde er in dieser oder anderer Weise zitiert. Schließlich muss Pfingsten erklärt werden, da es das Fest ist, mit dem die wenigsten Menschen noch etwas verbinden.

Mir kam in den vergangenen Tagen ein anderer Gedanke. Welche Bedeutung kann Pfingsten für die Menschen haben, die an Kirche wenig Interesse haben? Der Geburtstag der unbekannten Menschen drei Straßen weiter hat schließlich auch keine Bedeutung für mich. Ist Pfingsten denn nicht mehr als nur Geburtstag?

Pfingsten ist Unglaubliches in Jerusalem geschehen, nachzulesen in Apostelgeschichte Kapitel 2. Menschen aus aller Herren Länder waren zusammen gekommen. Schließlich war es fünfzig Tage nach dem Passahfest und da feierten die Juden das Wochenfest Shawuot. Da sie aus verschiedenen Ländern kamen, sprachen sie auch verschiedene Sprachen und verstanden einander kaum oder gar nicht. Doch dann geschieht es. Die Menschen sehen Feuerzungen auf die Apostel herabkommen und spüren, wie sich ein gewaltiger Sturm erhebt. Und dann hören sie die Apostel in ihrer eigenen Sprache reden, so dass sie verstehen, was diese verkünden. In der sich anschließenden Predigt deutet Petrus die Ereignisse. Im Laufe des Tages lassen sich dreitausend Menschen taufen, weshalb Pfingsten als Geburtstag der Kirche bezeichnet wird.

Aber Pfingsten ist mehr als nur Geburtstag. Pfingsten erzählt uns, wie der Heilige Geist erfahrbar wird. Das hebräische, griechische und auch lateinische Wort für Geist ist gleichzeitig das Wort für Atem. Der Atem ist in uns drin. Dort erfahren wir ihn. Dort werden wir durch ihn lebendig. Er schenkt uns die Kraft für unser Tun. So erfahren wir auch den Geist Gottes in uns drin. Er schenkt uns Leben und Kraft. Er schenkt uns unsere Begabungen. Er beGEISTert uns wortwörtlich. Dann kann Unglaubliches geschehen.

Auch wer den Geburtstag der Kirche als nicht von Bedeutung für sich sieht, kann Pfingsten erfahren – in sich drin, im Atem, in dem, was ihm oder ihr geschenkt ist. Der Heilige Geist ist nicht auf eine Geburtstagsparty zu beschränken. Jeder kann ihn erfahren. Ist das nicht ein guter Grund, einmal im Jahr den Geist Gottes zu feiern? Also feiern wir Pfingsten, an dem der Heilige Geist Unglaubliches geschehen ließ.

Wie feiert ihr eigentlich Pfingsten oder ist es für euch auch längst ein Fest ohne Bedeutung? Hinterlasst doch eure Erfahrungen in den Kommentaren.

Neue Reformator*innen gesucht

Ich habe es getan. Ich habe Erik Flügges neues Buch „Nicht heulen, sondern handeln“ gelesen. Das ging auch recht schnell, denn die Schrift ist groß gehalten und der Umfang hält sich ebenfalls in Grenzen. Und gleich vorab: das Buch hinterlässt bei mir eine gewisse Zerrissenheit. Ich kann nicht sagen, ob ich es gut oder schlecht finde, den Thesen zustimme oder sie ablehne. Einiges aber nehme ich mit zum Nachdenken und Weiterverfolgen. Anderes hinterlässt bei mir den Geschmack bewusster Überspitzung.

Erik Flügge legt den Finger in die Wunde des Protestantismus. Die Gottesdienste werden landauf landab nur noch von wenigen Menschen besucht. Das hinterlässt Fragen, die Flügge in der These zuspitzt, dass der Gottesdienst tot und nicht wiederzubeleben sei. Mir stellt sich allerdings die Frage, ob Gottesdienst nur jene Veranstaltung am Sonntag Morgen um 10 Uhr in der Kirche ist. Schaut man nur auf diese, dann hat Flügge nicht so unrecht. Aber ist Gottesdienst nicht mehr? Besteht Gottesdienst wirklich nur aus der Predigt, die von Erik Flügge ebenso scharf kritisiert wird, oder kann Gottesdienst nicht auch etwas ganz anderes sein? Gottesdienst als Zusammenkommen von Menschen, die gemeinsam Gott feiern, auf ihn hören, zu ihm beten, von ihren Erfahrungen mit ihm berichten wollen? Ist das nicht auch Gottesdienst? Und das gibt es zahlreich und in unterschiedlichen Formen und an unterschiedlichen Orten sehr erfolgreich.

Damit verbunden ist eine zweite Kritik Flügges. Der Protestantismus habe die Menschen so weit in die Selbständigkeit geführt, dass es das Gemeinschaftserlebnis nicht mehr brauche. Spiritualität und Glauben könnten von jedem Einzelnen individuell und alleine erfahren werden. Ja, die eigene Spiritualität, z.B. das eigene Gebet auch in der Einsamkeit, sind wichtige Erfahrungen des Menschen. Zwingend notwendig ist die Begegnung mit anderen sicher nicht. Aber sie bereichert den eigenen Glauben, lässt neue Impulse bzw. Inspirationen zu. Die Menschen suchen von sich aus die Gemeinschaft, um neue Erfahrungen zu machen. Das muss nicht unbedingt die Gemeinschaft in Form einer Gottesdienstgemeinde am Sonntag Morgen sein, aber ohne scheint es auch nicht zu gehen, wie Flügge selbst andeutet, indem er schreibt: „Und im Laufe der Zeit werden Menschen zu Ihnen kommen und Sie bitten, mit ihnen zu beten. (…) Dann ist Gottesdienst mehr als eine Routine. Er ist zum Wunsch geworden.“ An dieser Stelle stimme ich ihm zu. Gottesdienst sollte Wunsch und nicht Routine sein, wobei Routinen gerade in Krisenzeiten tragen können. Aber als dauerhaftes routiniertes Abspulen von Traditionen fehlt ihm das, was die Menschen zum Gottesdienst kommen lässt.

Spannend finde ich die Thesen zur Schrift und zu den neuen Prophet*innen, die der Protestantismus braucht. Wobei ich mich frage, ob nur der Protestantismus sie braucht und nicht der Katholizismus auch. Nach aller historisch-kritischen Forschung wissen wir heute, „dass der Text der Bibel weit weniger heilig ist, als diejenigen dachten, die ihn erstmals übersetzten“, schreibt Flügge und legt im Anschluss dar, wie groß der Graben zwischen der Welt der Bibel und der Welt, in der wir heute leben, ist. Die Bibel habe für die Menschen heute ihre Relevanz verloren und müsse fortgeschrieben werden. Ob damit verbunden der alte Text in die Ecke gelegt werden kann, denke ich nicht. Denn schon die alten Fortschreibungen, auch bibelintern, bezogen sich schon immer auch auf den vorhandenen Text. Aber dass es eine gute Fortführung der Theologie braucht, das denke ich auch. Viel zu viel haben wir uns in Formalitäten und Äußerlichkeiten verloren. Allerorten wird über die Form von Gottesdiensten und Gemeindearbeit diskutiert. Der Inhalt gerät dabei selten in den Blick. Dieser aber muss relevant für die Menschen werden, damit sie sich damit auseinander setzen. Das wird er nicht durch eine andere Gottesdienstzeit oder -form, sondern indem Menschen erleben, wie er heute noch etwas für ihr Leben zu sagen hat. Deshalb gefällt mir auch der Gedanke Flügges die neuen Prophet*innen betreffend so gut.

Mit der Fortschreibung der Schrift ist m.E. untrennbar verbunden, dass es Menschen gibt, die mit pointierten Positionen und Thesen für die Kirche richtungsweisend werden können. Eine Fortschreibung der Schrift im Sinne der Relevanz ist sicher nicht mit Konsenspapieren zu erreichen. Es braucht Menschen, die streitbar sind, die Menschen zum Zuhören und Nachdenken anregen, die auch Aufmerksamkeit erregen. Ohne Provokationen, Überspitzungen und steile Thesen gibt es keine Weiterentwicklung. Dies zuzulassen, den Denker*innen den Freiraum zu lassen, ist die Herausforderung, vor der die kirchlichen Institutionen stehen. Denn das, was dann entsteht, könnte auch unangenehm für die Institution sein. Die zahlreichen Reaktionen auf Erik Flügges Bücher sind ein gutes Beispiel dafür. Ob es dafür aber das gewählte Prophet*innenamt braucht, bezweifle ich. Darin sehe ich mehr die Gefahr der erneuten Institutionalisierung und Abhängigkeit von anderen. Auch der vielzitierte Luther war nicht in das Amt des Reformators gewählt worden, sondern hat sich diesen Freiraum genommen. Diesen Freiraum zu bekommen, ihn leben und nutzen zu dürfen und nicht in Paragraphen und Vorschriften zu ersticken, wäre schon ein Anfang. Noch wichtiger wäre aber, die Ergebnisse wahrzunehmen und sich mutig an ihre Umsetzung zu wagen.

Der Bibel zu Relevanz im Leben der Menschen zu verhelfen, ist der entscheidende Schritt. Alles andere, wie Gemeinschaft zwischen Menschen und Gottesdienste wie gewünscht, ergibt sich dann wie von selbst. Mit dieser These schließe ich meine Gedanken zu Erik Flügges Buch und bin gespannt, ob ihr es auch schon gelesen habt und was eure Gedanken dazu sind. Hinterlasst sie doch einfach in den Kommentaren.

Lerne gehen, nicht laufen

Diesen Satz bekommt ein junger amerikanischer Pastor mit auf den Weg, als er im schottischen Hochland seinen Dienst antritt. Goldspeed heißt der Kurzfilm, in dem er und einige seiner Wegbegleiter von den Erfahrungen berichten, die er nach diesem Auftrag macht. Was heißt es zu gehen statt zu laufen? Was heißt das besonders in einer Welt, in der scheinbar alles auf maximale Geschwindigkeit ausgerichtet ist? Die Menschen in der Einsamkeit Schottlands lehren es ihn, dort, wo jeder Hof einen Namen hat und jeder die Geschichte des anderen kennt.

Es geht um Beziehungen und Begegnungen. Ein Büro hat der Pastor nicht. Dafür ist er auf der Straße unterwegs. Dort lernt er gehen, nicht laufen. Gehen, bei dem man wahrnimmt, gehen, bei dem man nicht auf ein bestimmtes Ziel drauf losläuft. Gehen, das zunächst einmal zweckfrei ist. Durch den Blick eines Schotten, der viel in der Natur unterwegs ist, lernt er die Wege zu begreifen, die Jesus ging. Anhand einer Landkarte in der Bibel und den Erfahrungen in Schottland werden Entfernungen und Geschwindigkeit begreifbar. Gottes Geschwindigkeit (godspeed) sind nicht die 6 km/h, mit denen wir zielstrebig auf etwas zulaufen. Es sind 3 km/h, die den Blick auf die Umgebung ermöglichen. Gehen, nicht laufen eben.

Auf diese Weise lernt der Pastor die Menschen und ihre Geschichten kennen. Er lernt ihre Sprache und Bilder und kann ihnen so vom Evangelium erzählen. Es entsteht eine Gemeinschaft, die sich nicht auf den Sonntagmorgen begrenzt, sondern alltagstauglich ist.

Doch was im schottischen Hochland so gut funktionierte, ist in der hektischen Welt der amerikanischen Stadt schon schwieriger. Dort geht niemand zu Fuß und klopft einfach an fremde Türen. Dort kennt nicht jeder die Geschichte des anderen. Dort ist eine Nachbarschaft nicht unbedingt eine Gemeinschaft. Das muss der Pastor erfahren, als er nach Jahren in seine Heimat zurückkehrt. Und doch sprechen auch dort die Menschen von ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft und gesehen werden. Deshalb will es der Pastor versuchen. Will auch dort gehen statt laufen.

Eine halbe Stunde Dokumentarfilm, die auch für die Kirchen in Deutschland eine Botschaft hat. Alltagstauglich sein, die Menschen und ihre Geschichten kennen, in Beziehungen oder Gemeinschaft mit ihnen leben sind meines Erachtens auch bei uns die Momente, in denen das Evangelium lebendig werden kann. Also lernt gehen, nicht laufen!

Übrigens: das englische Wort godspeed ist auch ein Segenswunsch, der einen positiven Ausgang der Vorhaben wünscht, besonders zu Beginn einer langen und gefährlichen Reise. In diesem Sinne wünsche ich der Kirche und euch: godspeed!

PS: Wer den Film selbst sehen möchte, findet ihn hier: godspeed

Sprachverwirrung

Gestern war ich beim Generalkonvent unseres Sprengels. Das Gebiet der Landeskirche ist in Regionen aufgeteilt und einmal im Jahr treffen sich alle Pastorinnen und Pastoren einer Region (Sprengel) zum Austausch.

Unter dem Thema „Gottesdienst und Sprache“ stand unser Treffen in diesem Jahr. Der Bischof predigte über die Poesie der Psalmen und vom Asyl der Poesie im Gottesdienst. Christian Lehnert, Theologe und Poet und Referent an diesem Morgen, bezeichnete sich im Anschluss daher als Asylantragsteller, bevor er über die Grenzen der Sprache referierte. Ein Gedanke seiner Ausführungen hat sich bei mir festgesetzt. Noch heute morgen denke ich darüber nach.

Lehnert sprach von der Doppelklick-Kommunikation, die in unserer Gesellschaft derzeit vorherrschend sei. Demnach ist jedes Wort der Code für einen Fakt der Wirklichkeit nach dem Schema „Tisch – Doppelkick – auf dem Bildschirm erscheint ein Tisch“. In dieser Form sind die Menschen gewohnt zu kommunizieren. Entsprechend nehmen sie ihre Umwelt und ihr Leben wahr. Bei dem Wort „Gott“ aber ist das anders. Gott – Doppelkick – leerer Bildschirm. Es gibt für Gott keinen Gegenstand, kein festes Bild, das nach dem Doppelkick auf dem Bildschirm erscheinen könne. Entsprechend brauche es eine andere Sprache, um von ihm zu reden: z. B. die Poesie.

Das ist nur sehr verkürzt das, was Christian Lehnert zur Doppelklick-Kommunikation ausführte. Mir schwirrt dabei durch den Kopf, dass der leere Bildschirm, der sich bei „Gott“ zeigt, sich doch auch bei anderen Worten zeigen muss. „Liebe“ ist so eines oder auch „Vertrauen“ und natürlich auch deren Gegenstücke. Auch „Seele“ sei noch genannt. Es sind die Dinge jenseits der stofflichen Welt, die Gefühle, die Werte, die uns ausmachen und prägen. Bei allen bliebe nach dem Doppelkick höchstens ein Bild, eine Metapher, um sie zu beschreiben.

Genau da liegt wohl die Herausforderung, vor der wir stehen. Wenn die dominierende Form der Kommunikation eine Doppelklick-Kommunikation ist, dann braucht es funktionierende Bilder und Metaphern, um über die nichtstofflichen Dinge, Gefühle, Werte, Glaube zu reden. Das schlimmste, was dann nach dem Doppelkick geschehen könnte, wäre, dass der Bildschirm leer bleibt. Nach meinem Eindruck geschieht das gerade in Bezug auf Gott und Glaube aber zunehmend. Während Menschen mit „Liebe“ z. B. immer noch Bilder oder Metaphern verbinden, die relevant für sie sind, die sie ansprechen, ist das für Gott immer seltener der Fall.

Was daraus folgt? Ich meine, es ist dringend Zeit, an der Kommunikation des Glaubens zu arbeiten. Welche Sprache, welche Bilder und Metaphern sind für die Menschen relevant. Welche sprechen sie an? Die tradierten Bilder von der Burg, vom Schutz und Schild, vom Hirten werden von vielen noch verstanden. Das ist wohl wahr. Aber dennoch fühlen sich immer mehr nicht davon angesprochen. Da hilft auch zahlreiches Erklären nichts. Was also sind die Bilder, die Metaphern, die Sprache, die heute relevant ist und trägt? Ist es die Poesie, ein gutes Storytelling? Was ist deine Antwort?

Aber halt: so einfach ist das nicht. Auch wenn man sich für eine Antwort entschieden hat, wenn man seine Sprache gefunden hat, mag sie für den nächsten schon nicht mehr treffend sein. Denn die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass die Gesellschaft immer komplexer wird. Der Kanon der funktionierenden Bilder und Metaphern weicht sich auf. Entsprechend muss auch die Zahl der Möglichkeiten immer größer werden. Wenn Christen also relevant von Gott reden wollen, dann werden sie es nicht in der einen Sprache tun können. Dann werden sie sich je mit ihrem Gegenüber auf die Suche nach der in diesem Gespräch passenden Metaphorik begeben müssen. Das ist die eigentliche Herausforderung im Reden von Gott und Glaube. Am besten geht das aber im Hören auf und im Wahrnehmen des Gegenübers. Erst dann kann relevant gesprochen werden.