Schlagwort: Segen

Elf Freunde sollt ihr sein…

…ein Satz, der uns aus dem Fußball bekannt ist, der sich seinen Weg in viele weitere Bereiche gebahnt hat. Dahinter steht der Wunsch nach Gemeinschaft, denn, so ist die Überzeugung, in einer Gemeinschaft lässt sich fast alles erreichen. Aber Gemeinschaft lässt sich nicht erzwingen. Niemand kann dazu verpflichtet werden, zumindest nicht so, dass die Gemeinschaft dann auch funktioniert.

Vor eineinhalb Jahren startete ich in die Pionierweiterbildung. Schon in der Ausschreibung stand etwas von Weggemeinschaft. Vielleicht nicht für immer, aber für diesen Weg, die gemeinsame Zeit der Weiterbildung bestand der Wunsch Gemeinschaft zu werden, zu sein, zu leben. Aber lässt sich das erzwingen?

Ich habe mich auf das Abenteuer eingelassen. Am ersten Tag war ich ziemlich aufgeregt. Ich weiß es noch wie heute. Welche Menschen werde ich kennenlernen. Können wir eineinhalb Jahre Weiterbildung gemeinsam aushalten oder werden wir alle froh sein, wenn der letzte Tag gekommen ist. Wie wird der Umgang mit dem Leitungsteam sein, dass sich ja diese Weggemeinschaft schon per Ausschreibung wünschte. Gedanken, die unablässig in meinem Kopf kreisten.

Die ersten Tage der Weiterbildung bestanden aus dem gegenseitigen vorsichtigen Abtasten. Wo kommen die anderen her, was machen sie, was denken sie und wie sind sie so drauf? Und dann gab es die ersten Momente, in denen wir einfach nur herzhaft zusammen gelacht haben, gemeinsam im Wald gefühlt oder in Berlin gefeiert haben. Momente, in denen wir zusammen gesungen, geschwiegen, gebetet haben. Jedes Mal, wenn wir uns trafen – manchmal lagen Monate dazwischen – war es mehr wie nach Hause kommen. Dabei waren wir so unglaublich verschieden. Katholisch oder evangelisch, Landeskirche oder Freikirche, Hauptamtlich oder gar nicht bei Kirche engagiert, jung oder schon etwas älter, aus dem Norden oder dem Süden und manche auch so ganz anders als man selbst. Aus diesen Menschen sollte eine Gemeinschaft werden?

Sie entstand in einer Form, in der ich es bisher selten erlebt habe. Ich kann nur ahnen, warum es gelang. Wir alle haben uns auf dieses Abenteuer eingelassen, waren offen dafür, neue, ganz andere Menschen kennenzulernen und sich mit ihnen auf den Weg zu machen. Auch wenn es für den einen oder die andere eine ganz schöne Herausforderung war. Was uns dazu bewegte? Wir hatten ein gemeinsames Anliegen, etwas, das uns alle bewegt. Wir alle leben in einer Beziehung mit Gott, in sehr lebendigen, sehr unterschiedlich gestalteten Beziehungen. Aber wir alle wünschen uns, dass auch andere Menschen das Geschenk dieser Beziehung erfahren dürfen. An der missio dei wollen wir mitwirken.

Das trug uns, ließ uns zusammen kommen und Gespräche bis tief in die Nacht führen. Im Glauben an diesen Gott begleiteten wir einander, nahmen Anteil am Leben der anderen, feierten neues Leben und trauerten um die, die den Kurs nicht beenden konnten. Wie sehr diese Gemeinschaft gewachsen ist, zeigte sich in den letzten zweieinhalb Tagen, die persönlich, intensiv und segensreich waren. Noch einmal klangen tiefe persönliche Erfahrungen an, noch einmal schenkten wir einander Einblick in unser Leben. Als Abschiedsgeschenk an jeden einzelnen von uns. Wir beteten füreinander und sprachen uns Segen zu. Mein Gedanke auf der Heimfahrt: das ist Kirche, Kirche wie Menschen sie brauchen, wie ich sie leben möchte, wie Gott sie ins Leben gerufen hat.

Deshalb sind diese Worte nicht nur ein Liebeslied auf Gott, der uns diese Gemeinschaft schenkte, sondern auch auf die Weggefährten dieser Weiterbildung. Lasst diese Kirche an je euren Orten spürbar und sichtbar werden.

Berührt

Totensonntag oder Ewigkeitssonntag – oft stolpere ich in diesen Tag einfach hinein. In den Tagen davor ist so viel anderes los. So viel will schon für die Adventszeit, Weihnachten, sogar das neue Jahr bedacht werden.

Und dann ist er plötzlich da. Manchmal, wenn ich keinen Gottesdienst habe, merke ich es erst gegen Mittag oder Abend. Die Gräber der Menschen, die mir fehlen, sind weit weg. Dort fahre ich an diesem Tag selten hin, um Blumen abzulegen und Kerzen anzuzünden. Dann rauscht dieser Tag an mir vorüber. Dann lese und sehe ich zwar in den sozialen Medien Bilder und Texte zum Tag. Doch es sind nicht meine Toten, für die diese Kerzen brennen. Es bewegt mich, ich fühle mit, doch es wirft mich nicht aus der Bahn.

Bis heute morgen war es in diesem Jahr nicht anders. Das Wochenende habe ich mit tollen Menschen in einem Ferienhaus an der See verbracht. Wir haben gelacht, gelebt. Der Tod war zwar Thema, aber nicht so, dass er uns tief getroffen hätte. Heute morgen im Zug aber trifft er mich tief. Wie immer lese ich in den sozialen Medien. Bei Twitter erreicht mich die Nachricht, dass gestern Abend ein Mensch gestorben ist, den ich eigentlich gar nicht kannte. Doch ich bin ihr gefolgt. Seit einigen Wochen schon. Ich war eine von vielen und sie hat uns mitgenommen auf die Intensivstation, ins Hospiz und in ihre Gedanken. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht morgens schon geschaut hätte, ob sie gewittert hat. Es war so unglaublich berührend, wie sie in wenigen Worten zum Ausdruck brachte, was sie bewegt, berührt. Bis zuletzt waren da Träume, Wünsche, Hoffnungen. Ich spürte aber auch ihre Traurigkeit, vielleicht auch Verzweiflung. Und ich hatte Angst vor dem Moment, da irgendjemand schreiben würde, dass sie den letzten Weg gegangen ist.

Gestern Abend ist es geschehen, am Abend des Ewigkeitssonntags, der in diesem Jahr mehr an mir vorbei rauschte als alles andere. Heute morgen im Zug las ich die Nachricht. Ihr Bruder hat sie geschrieben. In ihrem Namen. Sie traf mich tief. Die Tränen flossen und ich schämte mich ihrer nicht. Nur für wenige Wochen gehörten die Worte dieser jungen Frau zu meinem Leben. Aber sie werden immer einen Nachhall in meinem Leben haben. Sie haben mich berührt. Immer und immer wieder. Ich bin unendlich dankbar dafür.

In der Bahn lese ich noch einmal ihre Worte und die Tweets der vielen Menschen, die sie berührt hat wie mich. Immer mehr schreiben von ihrer Trauer über ihren Tod, wünschen der Familie Kraft und Segen. Ich schreibe diese Worte, um meine Trauer in Worte zu fassen, sie zu fassen zu bekommen. Dabei habe ich die junge Frau gar nicht persönlich gekannt, nur ihre Worte im Netz.

Heute morgen ist es für mich kaum greifbarer als in ihrem Leben und Sterben und der Anteilnahme der vielen anderen, was Netzgemeinde bedeutet. Dass sie nicht anonym, künstlich ist. Sie ist zutiefst menschlich. Sie hat mich berührt. Spuren in meinem Leben hinterlassen. Mir bleibt nur ein Wort: Danke!

Segen für alle?

Am vergangenen Wochenende war ich in Wittenberg. Wenn ich schon nicht den großen Reformationskirchentag besucht hatte, so wollte ich doch wenigstens die Weltausstellung Reformation besuchen. Also gesagt, getan und recht spontan geplant. Dabei befiel mich schon ein wenig die Angst, dass es doch wohl recht voll sein würde, denn ein Hotelzimmer in Wittenberg oder der näheren Umgebung war kaum noch zu finden. Doch ich hatte Glück – in einem kleinen Dorf zehn Kilometer vor der Stadt fand sich etwas und das auch noch zu moderaten Preisen.

Als ich dann am Freitag Nachmittag zusammen mit meinem Mann im Auto anreiste, empfingen uns schon am Stadtrand Parkleitschilder, die besagten, dass im Stadtzentrum keine Parkplätze mehr frei seien und man doch bitte den Reformationsparkplatz an der Kuhlache nutzen solle. Doch wir waren dreist, wollten nicht außerhalb für fünf Euro parken und dann auch noch in die Stadt laufen. Also lautete unser Motto: „Wir versuchen es erstmal in der Stadt. Rausfahren können wir immer noch.“ Direkt neben der Klosterkirche empfingen uns zahlrieche freie Parkplätze und auch das Parkhaus, das übrigens nur drei Euro am Tag kostet und im Gegensatz zum Reformationsparkplatz auch nach 19 Uhr noch geöffnet hat, war bei weitem nicht voll. Wir waren sehr überrascht, hatten wir doch ganz anderes erwartet. So wie die Parkplätze war auch die Stadt nicht voll. Dass hier eine besondere Ausstellung anlässlich der Reformation stattfindet, war nur durch die zahlreichen Banner und Plakate zu bemerken, nicht aber durch die Zahl der Menschen. Und was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnten – dieser Eindruck sollte sich in den nächsten zwei Tagen noch verstärken.

Bild: KirchGezeiten

Aber erstmal ankommen und das geht am Besten mit dem Abendsegen, der jeden Abend um 18 Uhr auf dem Marktplatz gefeiert wird. Zehn Bierzeltbänke laden vor der großen Bühne zum Platz Nehmen ein. Ein kleines Buch „Spiritual Journey – Gott auf der Spur in der Lutherstadt Wittenberg“ wurde uns in die Hand gedrückt und leitete uns durch den Besuch in Wittenberg und den Abendsegen. (Das sollte eigentlich jeder zu seiner Eintrittskarte dazu bekommen. Es lohnt sich wirklich und kann auch nach dem Besuch der Lutherstadt weitergenutzt werden.) Neben uns füllten sich die Bänke – nicht besetzt bis auf den letzten Platz, aber doch so, dass man den Eindruck gewann, hier geschieht etwas. Beim ersten Lied war dann schon klar, dass hier der Inner Circle der Kirchengemeinden saß. Kräftig wurde mitgesungen und auch weniger bekanntes Liedgut wie das Schlusslied „Jeder Mensch braucht einen Engel“ klang nicht dünn und unterbesetzt. Beim Singen ließ ich meinen Blick schweifen und dachte: „Gut, dass es die Cafés und Restaurants rings um den Marktplatz gibt. So können die, die eigentlich nicht mit Kirche in Verbindung gebracht werden wollen oder denen die Schwelle zur Teilnahme einfach zu groß ist, doch aus der Ferne etwas davon erahnen.“ Ohne dass hier Kirchenmauern stünden, waren sie doch deutlich wahrzunehmen. Auf der einen Seite die, die sich auskennen und kräftig mitsingen können. Auf der anderen Seite die, die mal vorsichtig schauen wollen, sich nicht rüber trauen oder nicht rüber wollen. 

Als dann im kurzen Impuls die Worte „fucking perfect“ fielen, horchte wohl nicht nur ich auf. Die einen zogen den Kopf ein – so etwas sagt man doch nicht und schon gar nicht bei der Kirche. Die anderen auf den Stufen zu Füßen Luthers mit der Bierflasche in der Hand und den schwarz gefärbten Haaren schauten plötzlich zur Bühne und hörten zu. Bis zum Segen galt der Person auf der Bühne nun ihre Aufmerksamkeit. So wurde der Segen wirklich zum Segen für alle. Beim Burger am Abend fragte ich mich, wer aus diesen wenigen Gedanken des Segens wohl was mit in seinen Alltag genommen hat? Wer fühlte sich durch die Musik und die Worte angesprochen? Für wen waren sie gedacht?

Diese Gedanken nahm ich mit in den nächsten Tag, an dem ich mir die verschiedenen Torräume der Ausstellung und die beiden großen Kirchen der Stadt ansah. Das Asisi-Panorama beeindruckte mich – ich gestehe aber auch, dass ich wirklich eine Bewunderin seiner Arbeiten bin. Die Wall in Berlin ist ganz anders und doch genauso großartig. Der Weg durch die einzelnen Torräume aber erstaunte, nein entsetzte mich. Wo waren hier die Menschen, die sich die einzelnen Ausstellungen, die einzelnen Themenbereiche ansahen. Die Menschen, die sich hier auf die Spuren der Reformation begaben? Überall herrschte gähnende Leere. Allerorten standen die vielen Ehrenamtlichen und warteten darauf, ihr Thema den Besuchern näher zu bringen. Mit einigen von ihnen kam ich ins Gespräch, hörte, dass sie selbst am Kirchentagswochenende nicht viel mehr Gäste begrüßen konnten, spürte auch den Frust vieler, die für ihren Dienst bei der Ausstellung Urlaub genommen haben. Einige sagten auch, dass man sich hier wohl ziemlich überschätzt hätte. Es gäbe gar nicht genügend Übernachtungsmöglichkeiten für mehr Gäste und aus dem Umland kämen sie nicht – wie denn auch bei zehn Prozent Kirchenzugehörigkeit. 

Später, auf dem Weg von der Schlosskirche zur Stadtkirche über den Marktplatz vorbei am Melanchton-Hof und Cranach-Haus, da waren mehr Menschen zu sehen. Doch bei genauerem Hinhören entpuppten sich viele als Tagesgäste, die eine klassische Stadtführung genossen, bevor ihr Reisebus sie an einen anderen Ort weiterfahren würde. Für die Weltausstellung Reformation waren sie nicht gekommen. Die Fragen des Vorabends wurden wieder lauter. Wer soll hier angesprochen werden? Für wen ist die Weltausstellung gedacht? Wer nimmt etwas aus ihr mit für seinen Alltag? Ist hier der Inner Circle angesprochen und die anderen sind die Rand- bzw. Zaungäste? Dann wünschte ich mir auch für die Ausstellung ein Moment des „fucking perfect“, damit sie ein Segen für alle wird. Denn eins steht für mich fest – es lohnt sich, mal nach Wittenberg zu fahren und nicht nur die Ausstellung zu besuchen, sondern auch zu erleben, wie sie von den „Zaungästen“ wahrgenommen wird. Mir hat sie ein Wochenende neuer Gedanken und Impulse geschenkt, die ich mitnehme in meinen Alltag.