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Alles nur Symptome?

„Pfarrberuf 2030 – wir reiten die Welle“ – aber welche Welle reiten wir wirklich? Seit ich Anfang der Woche auf der großen Tagung meiner Landeskirche zur Zukunft des Pfarrberufes war, stelle ich mir diese Frage. Wenn ich ehrlich bin, stelle ich sie mir nicht er seit dieser Tagung, sondern tat es auch schon vorher. Aber irgendwie ist sie seither noch einmal lauter geworden.

Die Mitgliedszahlen der Kirchen schwinden ebenso wie die Finanzen und auch die Zahl der aktiven Pastorinnen und Pastoren steht scheinbar vor dem Kollaps. Allerorten mehren sich die Stimmen, die Veränderungen auch für den Pfarrberuf fordern. Also warum nicht mal mit denen darüber diskutieren, die es unmittelbar betrifft. Gesagt, getan.

In verschiedenen Impulsen und besonders in einem umfangreichen Open Space wurden Stimmen, Ideen und konkrete Vorschläge gesammelt. Für mich bezeichnend war, dass die Topthemen sich schnell um Dinge wie neue Strukturen, multiprofessionelle Pfarrteams, die Verteilung zwischen Land und Stadt etc. drehten. Auch das 21-Punkte-Programm der bayrischen Landeskirche, das vorgestellt wurde, hatte auffallend viele Strukturveränderungen wie die bessere Ausbildung und Bezahlung der Pfarrsekretärinnen oder die lebenslange Fort- und Weiterbildung der Geistlichen zum Inhalt. Viele der Anwesenden waren begeistert, stimmten ein in den Gesang derer, die meinten, mit diesen Änderungen würde die Zukunft in den Griff zu bekommen sein. In vielen Dingen stimme ich dem zu. Doch je mehr Abstand ich von diesen Tagen bekam, umso mehr bleibt ein Nachgeschmack.

Mehr und mehr festigt sich mittlerweile bei mir der Eindruck, dass all diese Strukturdebatten und Veränderungsvorschläge eher ein Symptom als eine Lösung darstellen. Das eigentliche Problem aber, scheint mir, ist an anderer Stelle zu suchen und zu finden. Es sind verschiedene Beobachtungen, die mich dahin führten. An einigen möchte ich euch teilhaben lassen.

Gerade die verschiedenen Strukturveränderungen der letzten Jahre wie Jahresgespräche und Dienstbeschreibungen ließen mich erfahren, dass die einen sie lieben und die anderen sie ablehnen. Entsprechend sehen die einen in ihnen die Lösung oder zumindest einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer besseren Berufsausführung. Die anderen aber lehnen sie ab und fühlen sich durch Maßnahmen wie diese eingeengt, in ihrer Freiheit beschränkt. Sprich ich habe den Eindruck, dass, egal welche Strukturveränderung anstehen, sie immer auch Widerstand hervorrufen und man sich in den Grabenkämpfen um sie auch verlieren kann. Lösungen, die zu einer umfassenden Zufriedenheit der Pastorinnen und Pastoren führen, aber bringen sie nicht, werden sie niemals bringen. Stattdessen binden sie immer neue Zeit. Vielleicht sind sie so auch eine gute Entschuldigung, um sich nicht mit anderen wesentlicheren Dingen beschäftigen zu müssen.

Was das Wesentlichere ist? Vielleicht ist genau das die Frage. Darauf gestoßen bin ich, als ich in einer Plenumsrunde der Tagung die gut zweihundert anwesenden Pastorinnen und Pastoren bat, für eines meiner Vorhaben zu beten. Diverse Gesichter sahen mich darauf verständnislos an. Nach der Runde wurde ich sogar angesprochen, dass ich so etwas in dieser Form äußern konnte und ich war erstaunt. Wo denn sonst, wenn nicht unter Glaubensgeschwistern in einer Kirche?

Dazu eine weitere Beobachtung einen Tag später in einer kleinen Runde von Pastorinnen und Pastoren. Es geht um die Zukunft des Pfarrberufes und was wir in diesen Zeiten noch verkündigen können. Da äußert einer der Anwesenden, dass es im Jahr 2030 keinen Gott mehr gäbe, denn schließlich sei der eine menschliche Vorstellung und in zwanzig Jahren würde da niemand mehr dran glauben.

Mit diesen Eindrücken fuhr ich nach Hause, hatte in der Bahn noch Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen und spürte, dass mich ein Gedanke seither nicht mehr los lässt. Was wäre, wenn alle diese Diskussionen und Debatten um andere Strukturen, um bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um neue Berufsbilder und und und nur ein Symptom für das eigentliche Problem wären. Was wäre, wenn die zahlreichen Forderungen und Veränderungen so hoch gepuscht würden, um vom eigentlichen Problem abzulenken, sich nicht damit auseinandersetzen zu  müssen? Wenn es so wäre, spräche vieles dafür, dass wir auch im Jahr 2030 uns noch immer um diese Fragen drehen würden, vielleicht noch viel intensiver als wir es heute schon tun, und noch immer keine Zufriedenheit erreicht wäre, evtl. sogar noch weit weniger Menschen diesen Beruf ausüben möchten als die schlimmsten Prognosen es uns an den Himmel zeichnen. Dann hätten wir noch immer übervolle Terminkalender und noch leerere Kirchen.

Was dann das eigentliche Problem ist? Ich kann es nicht abschließend bestimmen. Aber eine Ahnung sagt mir, dass in unseren Kirchen und Gemeinden, in unseren Amtszimmern und Herzen eine Art Geistlosigkeit herrscht. Mit dem Wirken des Heiligen Geistes wird nicht gerechnet. Der eigene Bezug zu Gott und Evangelium hat stark gelitten und wird wenig geübt. Die Grundlage des Glaubens ist verschütt gegangen und die Menschen um uns her spüren das allzu deutlich. Es ist einfacher, sich mit Strukturen und immer neuen Veränderungen zu beschäftigen, mit Sitzungen und Verwaltungsnormen den Kalender zu füllen, als auf sich und den eigenen Glauben geworfen zu sein. Es lässt sich leichter über Veränderungen im Pfarrberuf streiten als zu fragen, was wir noch glauben (können) und auch die eigene Leere zu bekennen.

Pfarrberuf 2030 – wir reiten die Welle. Ich wünschte mir, wir würden wieder die Welle des Glaubens reiten, dem Geist vertrauen, dass er uns dort hinspült, wo Gott schon am Werk ist und wir mitwirken dürfen. Wieder das Surfen dieser Welle zu lernen, scheint mir zielführender zu sein als immer wieder neu über Strukturen zu diskutieren und Strukturen zu verändern. Dann wären wir meines Erachtens dem Problem deutlich näher und würden nicht nur Symptome bekämpfen.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Was sind Eure Eindrücke zwischen Pfarrberuf und Strukturwandel? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.

Drei Tage zwischen Zukunft und Hoffen

Zukunft. Hoffnung. Kirche – drei Worte, drei Tage Willow Creek Leitungskongress in Dortmund. Ich war dabei und frage mich, was bleibt. Was nehme ich mit? Was bewegt der Kongress in den Menschen und in unserem Land? Denn das ist immer wieder der Anspruch der Veranstalter – die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen ermutigt und zugerüstet werden, um etwas in ihrem Umfeld zu verändern, in Bewegung zu setzen.

So will ich in den folgenden Zeilen nicht berichten, welche Vorträge, welche Inhalte präsentiert wurden (wobei das nicht immer zu vermeiden sein wird), sondern davon schreiben, was ich wahrgenommen und beobachtet, gefühlt und gesehen habe. Natürlich darf dabei nicht fehlen, was ich persönlich mitgenommen habe. Also kommt mit auf die gedankliche Reise zum Willow Creek Leitungskongress 2018. Sie beginnt am Donnerstag. Tausende strömen in die Halle. Mit etwas Verspätung und viel guter Musik beginnt der Kongress. Im Anschluss folgen die ersten Vorträge – Bill Hybels spricht von Resepkt und Höflichkeit, Erin Meyer von der kulturellen Lücke zwischen verschiedenen Ländern, die immer wieder zu Missverständnissen und fehlschlagender Kommunikation führt. Ein wahres Highlight dieses Themenkreises ist Horst Schulze am Freitag, der vom Dienst an den Menschen spricht unter dem Leitwort „Ladies and Gentlemen serve Ladies and Gentlemen“.

Foto: KirchGezeiten

Ehrlich gesagt, mich bewegen diese Worte sehr. Immer wieder leide ich am Umgang der Menschen miteinander und wundere mich, warum ich so komisch angeschaut werde, weil ich der Kassiererin an der Kasse noch einen schönen Tag wünsche. Oft sage ich es auch drastisch: Die Gesellschaft krankt an ihrer Selbstzentriertheit. Da sind diese Vorträge so wohltuend. Der anschließende Applaus lässt mich Hoffnung schöpfen, dass die nicht ganz geringe Zahl der engagierten Christen etwas verändern kann im Umgang miteinander. Doch nur wenige Minuten später wird der Verkäufer am Kaffeestand angemault, weil der Kaffee an seinem Stand ausgegangen ist, auch wenn er darauf hinweist, dass es ihm leid tue, doch an einem Stand weiter noch Kaffee vorhanden sei. Respekt, Höflichkeit im Umgang miteinander – meine Hoffnung schwindet bereits wieder. Am Abend in einem angesagten Szenerestaurant in Bochum darf ich dann als Krönung des Ganzen erleben, wie ein Restaurantfachmann seine Gäste belehrt, welche Vorspeise zu wählen sei, obwohl der Gast bereits eine ausgewählt und zweimal betont hat, dass ihm Spargel nicht schmeckt. Ich spüre, wie Groll in mir aufsteigt. Es muss sich etwas ändern im Umgang miteinander. So hoffe ich, dass die Vorträge nachwirken – und ein wenig scheint es schon begonnen zu haben. Am letzten Tag auf dem Parkplatz fragt mich ein Ordner, wann denn die Veranstaltung zuende sei. Auf meine Auskunft, dass das Programm offiziell bis 12.45 Uhr gehe, runzelt er die Stirn und meint, das sei knapp, denn ab 12 Uhr würden die Fußballfans anreisen und da bräuchten sie jeden Parkplatz. Aber mit den Christen sei das wohl kein Problem. Die seien immer so freundlich. Also lasst uns den Menschen respektvoll und höflich begegnen. Denn ich hoffe noch immer, dass sich etwas ändern kann in unserer Straße, in unserer Stadt, in unserem Land, in der Welt.

Foto: KirchGezeiten

Aber das war nicht alles, was vom Leitungskongress als Reiseerfahrung blieb. Die Reise ging schließlich noch weiter. Es blieb nicht bei einer Tagesfahrt. So war ein zweiter großer Themenkomplex die Zukunft der Kirche. Ob Christian Hennecke, Michael Herbst, Tobias Teichen oder Freimut Haverkamp – sie alle sprachen in der einen oder anderen Weise davon, wohin sich Kirche entwickeln kann und muss, was diesen Weg erschwert und was dennoch möglich ist. In einer Halle mit mehr als zehntausend Menschen, die alle ein Herz für ihre Kirche haben, wirken solche Worte wirklich ermutigend. Wenn so viele Menschen an einer Zukunft der Kirche mitwirken wollen, dann muss das doch was werden. Dabei standen einige Gedanken immer wieder im Raum – der geistliche Aufbruch zum Beispiel. Wenn wir eine missionarische Kirche wollen, die an der missio Dei mitwirkt, dann braucht es einen neuen geistlichen Aufbruch in der Pfarrerschaft, wie Michael Herbst sagt, aber auch in der großen Schar der Christen. Es geht eben nicht darum, Kirche zu verwalten, sondern darum Kirche zu sein, Jüngerinnen und Jünger Jesu zu werden und zu sein, den dreieinigen Gott in den Mittelpunkt zu stellen und nicht irgendwelche Kirchengesetze und Verwaltungsvorschriften. Das hört sich oft leichter an als es in Wirklichkeit ist. Denn ich habe den Eindruck, dass wir dafür erst einmal aus unserer Komfortzone rausmüssen, in der wir uns mit unserem Klagen und Stöhnen über Bürokratie und Arbeitsbelastung eingerichtet haben. Die Komfortzone zu verlassen, heißt zu den Menschen zu gehen und dort zu bleiben. Das wurde auch bei Willow deutlich. Dann geht es um einen Wandel vom Sterben zum Osterglauben und vom Machen und Herrschen zum Dienen und Ermöglichen, wie Christian Hennecke es sagte.  Gerade der Wechsel hin zum Dienen und Ermutigen fällt schwer. Wer möchte schon freiwillig Diener sein? An dieser Stelle schloss sich der Kreis für mich hin zum Vortrag von Horst Schulze. „Ladies and Gentlemen serve Ladies and Gentlemen.“ Niemand ist besser als der andere, aber es ist auch niemand schlechter als der andere.

Foto: KirchGezeiten

Zukunft. Hoffnung. Kirche – drei Worte, drei Tage Leitungskongress. Sie waren wie die Quelle frischen Wassers für mich. Ich konnte drei Tage auftanken, um zuhause wieder loszugehen, nach den Orten zu suchen, wo Gott schon aktiv ist, an seiner Mission mitzuwirken. Sie haben mich inspiriert, den Weg des Dienens und Ermutigens weiterzugehen, auch wenn ich manches Mal am Verhalten anderer Menschen leide. Ich habe den Aufruf Gottes gespürt, es anders zu machen. Respekt und Höflichkeit – zwei Gedanken, die mich seit diesen Tagen noch mehr bewegen als sie es zuvor schon taten. Und ich habe den Wunsch und das Verlangen, diese Erfahrungen, die ich in Dortmund machen durfte, an andere weiterzugeben. In diesem Jahr waren wir zu zweit beim Leitungskongress. In zwei Jahren möchte ich mindestens zwei weitere Personen aus meiner Arbeit mitnehmen. Bis dahin ist meine Herausforderung zu dienen und zu ermutigen. Jetzt aber sage ich „Danke, Willow, für diese mutmachenden, inspirierenden Tage!“

Darf oder muss Kirche sich einmischen?

Seit einigen Tagen bewegt eine Frage die sozialen Medien: darf eine Weihnachtspredigt politisch sein – oder muss sie es vielleicht sogar? Ein Tweet des Journalisten Ulf Poschardt bezüglich der Predigt in einer Berliner Christmette löste die Diskussion aus. Zahlreiche Menschen antworteten auf unterschiedlichste Weise bis hin zu Politikern und dem Ratsvorsitzenden der EKD. Damit ist die alte Frage wieder aufgeworfen: Darf oder muss sich die Kirche in politische Fragen einmischen? Darf oder muss Kirche politisch aktiv sein?

Über diese Frage ist mit Recht nachzudenken. Doch sei zunächst noch genannt das eben jener Journalist, der zugleich Chefredakteur der Zeitung „Die Welt“ ist, heute in einem Kommentar auf der online-Präsenz des Blattes noch einmal klarstellt, dass er die Kirche durchaus für sinnvoll hält, doch eher mit Blick auf Gottesdienst und Seelsorge. Neben der Glaubensvermittlung soll Kirche vor allem soziale Instanz und Ort der Begegnung sein. Doch genau hier regt sich mein Widerstand. Denn eine soziale Instanz im Sinne des Evangeliums ist mehr als ein Ort der Begegnung, ist mehr als die Essensausgabe in der Tafel oder die Wohneinrichtung für Alte und Behinderte. Es geht nicht nur um ihre Versorgung, sondern auch um ihre Rechte und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Jesus war es, der sich mit den Gelehrten und Hohepriestern auseinandersetzte, um die Ehebrecherin zu schützen. Seine Reden und Predigten äußerten sich auch zu gängigen Lebens- und Rechtsauffassungen. Er selbst beschränkte sich nicht darauf, die Kranken zu heilen oder mit den Aussätzigen zu essen. Dass er mit der Samaritanerin sprach, ihre Bitte sogar erhörte, war ein Affront gegen geltende Regeln.

Entsprechend muss Kirche auch heute noch mehr als Glaubensvermittlung und Ort der Begegnung sein. Kirche als soziale Instanz, die das Evangelium ernst nimmt, setzt sich für die Rechte derer ein, um die sie sich sorgt. Dabei ist es nicht entscheidend, ob es Menschen mit Behinderung, Sterbende oder Menschen ohne Heimat sind. Denn in vielen dieser Bereiche gibt es noch immer deutlichen Verbesserungsbedarf. Wer sich hier einsetzt, betritt früher oder später politischen Boden. Das lässt sich meines Erachtens kaum vermeiden.

Das bedeutet aber auch, dass man auf der Grundlage der christlichen Werte, die oft so hoch bewertet werden, oder besser in der Nachfolge des Evangeliums nicht jede Politik gutheißen kann, wenn sie menschenverachtend ist, nationalistisch, rassistisch oder anderweitig ethisch zweifelhaft. Dort einfach zuzuschauen, nichts dagegen zu sagen, hieße, sie zu dulden. Das aber kann nicht im Sinne des Schöpfers sein, weil es sich gegen seine Schöpfung richtet.

Deshalb muss Kirche sich einmischen und das tut sie nun einmal in Form von Personen. Es sind Pastorinnen oder Pastoren, die predigen, oder Sprecherinnen und Sprecher, die öffentlich reden. Ohne diese Äußerungen würde eine Instanz in Politik und der Gesellschaft fehlen, die auch mal ein kritisches Fragezeichen an gängige Entwicklungen setzt, die den Blick auf weniger Gutes richtet oder andere Werte ins Spiel bringt. Die dann immer wieder ins Spiel gebrachten Drohungen mit den Kirchenaustritten sehe ich an dieser Stelle tatsächlich gelassen. Wenn jemand aus der Kirche austritt, weil ein Bischof sich über die Politik eines amerikanischen Präsidenten geäußert hat oder ein Pfarrer sich kritisch zur Massentierhaltung geäußert hat, dann war es mit dem Bezug zum christlichen Glauben vielleicht vorher schon nicht so gut bestellt. Eine Kirche, die zu allem, was politisch sein könnte, schweigt oder sich allem anbiedert, damit ja niemand austritt, verschwindet früher oder später in der Bedeutungslosigkeit.

Das Christentum ist seit jeher hochpolitisch, indem es Partei nimmt für die Schwachen, Benachteiligten, Armen und Entrechteten. Kirche ist entsprechend mehr als eine soziale Instanz und Ort der Begegnung. Das möchte ich Ulf Poschardt entgegensetzen. In einem aber folge ich ihm. Sein ursprünglicher Tweet lautete: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“. Wenn Predigten den Eindruck eines Parteiprogramms erwecken bzw. von Parteiveranstaltungen nicht mehr zu unterscheiden sind, dann würde ich auch nicht in eine solche Christmette gehen. Dann wäre das Evangelium wohl nicht adäquat zur Sprache gekommen. Dieser Unterschied allerdings ist für mich entscheidend. Doch ich bezweifle, dass in den Christmetten dieser Tage Parteiprogramme und nicht die Geburt des Kindes für jeden einzelnen von uns gepredigt wurden.

Müssen Pastoren bürgerlich sein?

Anfang der Woche stieß ich auf ZEITonline auf einen Artikel in der Rubrik „Jung und Gott“ mit dem Titel „Pfarrerin: Ja, auch ich sündige“. Die junge Frau, die lieber anonym bleibt, berichtet von ihren Partyvorlieben und auch von so manch durchzechter Nacht in ihrem Pfarrhaus.

Ich fand es kurzweilig zu lesen, habe mir aber zunächst nicht viele Gedanken über den Inhalt und schon gar nicht über das Leben der jungen Pfarrerin gemacht. Ein wenig Effekthascherei ist wohl auch gewollt, dachte ich noch. Doch in den folgenden Tagen bemerkte ich, wie sehr über den Artikel bzw. das Verhalten der jungen Dame diskutiert wurde. Allein unter dem Text auf ZEITonline sammelten sich bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 430 Kommentare. Die zahlreichen Diskussionen in den Sozialen Medien sind wohl kaum zu zählen. Wie viele Leserbriefe wohl die Redaktion auf klassischem Weg und per Mail schon erreicht haben? Und nun beschäftigt er mich doch, dieser Artikel von der Pfarrerin und der Sünde mit dem frivolen Bild über der Headline.

Dabei ist es weniger der Inhalt, der mich bewegt. Wie gesagt, ich fand ihn wenig aufsehenerregend. Es sind mehr die Inhalte der Diskussionen, die Statements, die Erwartungen, die die Menschen in ihren Kommentaren äußern. Da geht es um Vorbildfunktionen und wie ein Pfarrer oder Pastor zu sein hat. Oder es sprechen Menschen der jungen Pfarrerin die Reife ab, ihren Beruf ausüben zu können. Andere unterstellen, dass die gesamte Geschichte nur konstruiert ist, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Und wieder andere finden, dass die Pastorin nicht zu toppen ist. Kolleginnen wünschen sich sogar, selbst ein solches Leben führen zu können.

Mich angesprochen hat besonders eine Diskussion, nämlich die, dass die junge Dame wenig bürgerlich sei bzw. sich für einen nicht bürgerlichen Lebensstil entschieden hat. Sofort sprang in meinem Kopf die Frage auf: „Müssen Pastoren zwingend bürgerlich sein?“ Ist nur eine bürgerliche Pastorin eine gute Pastorin? Was aber heißt bürgerlich eigentlich?

Holzschnittartig gesagt entwickelte sich das Bürgertum im Feudalismus als eine Vergesellschaftungsform der Mittelschichten in Abgrenzung zum Adel nach oben und zu Bauern und Arbeitern nach unten. Die geschichtliche Entwicklung hat seither eine Ausbildung verschiedenster Untergruppen hervorgebracht. Dennoch verbindet man mit den Worten Bürgertum und bürgerlich besonders Bildung und Ausbildung ebenso wie Selbstständigkeit und Freiheit, aber auch Rechte und Besitz. Hinzu kommen Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Leistung. So hat das Bild des (Bildungs-)Bürgers wohl unsere Vorstellung eines vorbildhaften Bürgers geprägt, das wir oft besonders mit bestimmten Berufen in Verbindung bringen. Genauso gibt es aber meines Erachtens auch die Bilder der verrohten, saufenden und marodierenden Menschen, die wir mit anderen Berufen verbinden. Letzteres kommt mir in den Sinn, wenn ich vorurteilsbehaftete Gespräche z.B. über Soldaten oder Security-Mitarbeiter höre. Genau diese Bilder sind es aber auch, die zeigen, wie absurd solche Vorstellungen und Erwartungen oft sind.

Ja, Pastorin wird man erst nach einem ziemlich langen Studium mit anschließender mehr als zweijähriger praktischer Ausbildung. Außerdem gelobt zumindest in meiner Landeskirche jede Pastorin und jeder Pastor mit der Ordination einen dem Amt entsprechenden Lebensstil zu führen. Aber da steht nirgends, dass dieser bürgerlich sein muss. Vielmehr hat er sich an dem, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat, zu messen – so wie das Leben aller Menschen. So sind die Pastorinnen und Pastoren keine besseren Menschen oder Menschen mit besonderen Pflichten, was den Lebensstil angeht, auch wenn sie in ihren Gemeinden oft unter einer besonderen Beobachtung leben.

Sich an dem zu messen, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat, aber ist eine viel größere Herausforderung als bürgerlich zu sein. Das nämlich bedeutet, sich mit seinen (Jesu!) Worten und Taten auseinanderzusetzen, sie mit unserer Gegenwart, unserem Leben ins Gespräch zu bringen. Das ist, meines Erachtens, viel herausfordernder, als bürgerliche Tugenden wie Leistung und Fleiß und Sparsamkeit zu üben.

Ob das dann wilde Partys im Pfarrhaus, deren Beschreibung die meiste Aufregung in den Kommentaren erzeugt hat, bedeutet, ist mir an dieser Stelle gar nicht wichtig. Vieles an dieser Aufregung ist wohl den bereits genannten Bildern geschuldet und einiges davon könnte sicher anders aussehen. Mit liegt mehr am Herzen, dass, wenn wir alle unser Leben nicht am alten Klassendenken ausrichten würden – auch der Adel hat nicht mehr die Stellung, die er mal hatte – sondern an Gottes Bild für unser Leben, wir alle viel versöhnlicher miteinander leben könnten. Bei allem, was dann noch unrund, nicht zufrieden stellend und schief ist, gilt Gottes liebender Blick und das Versprechen seiner Gnade.

Deshalb gefallen mir die folgenden Worte des Artikels: „Gott ist da für die Unperfekten, die Zweifler, ja, auch für diejenigen, die bei Sonnenaufgang betrunken nach Hause kommen oder die gar keine Beziehung mit ihm wollen. Deshalb bin ich Pfarrerin und das möchte ich den Menschen und zwar allen Menschen, im Glauben und im Leben mitgeben.“

Und im Geist ergänze ich: er ist auch da für die Perfekten, die Glaubenden, die Nüchternen, die Strebsamen und die, die der allgemeinen Moral entsprechen und es deshalb gerade auch nicht immer leicht haben.

Wie geht es euch mit den Erwartungen der anderen an euer Leben und wonach richtet ihr es aus? Oder was denkt ihr über die Pfarrerin und ihre Vorbildfunktion? Diskutiert doch auch mal an dieser Stelle.