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Ist Mission nicht gewollt? Gedanken zur neuen Lutherbibel

RaumZeit – so heißt die fresh expression, mit der ich praktisch im realen Leben unterwegs bin. Wobei ich sagen muss, dass RaumZeit noch auf dem Weg ist, eine fresh x zu werden, wenn es nach den vier Kriterien einer fresh x geht. Doch für mich ist sie das irgendwie schon. Dort lebe ich Kirche im Alltag bei den Menschen, eine Form von Kirche, in der ich mich wohl fühle. Begonnen hat sie als Projekt des Kirchenkreises vor einem halben Jahr. Dabei bin ich oft erstaunt, wie schnell die Zeit vergeht und was in dieser Zeit alles geschehen ist. Dafür kann ich Gott nur danken, denn ich bin überzeugt davon, wenn er nicht längst schon am Werk wäre, stünde RaumZeit nicht dort, wo es derzeit steht.

In unserem Umkreis sind viele an RaumZeit interessiert. Immer wieder darf ich darüber irgendwo schreiben oder berichten. Dabei fällt mir auf, dass gerade in den etablierten kirchlichen Strukturen Menschen zusammenzucken, wenn ich sage, dass RaumZeit missional angelegt ist. Und ich frage mich, warum ist das so? Warum haben die Menschen Angst vor Mission? Ich vermute, es sind die negativen Erfahrungen der Geschichte, denn noch immer wird dann auf Kreuzzüge und Schwertmission hingewiesen. Vielleicht ist es auch das Gefühl, niemanden überfahren zu wollen, denn Religion ist doch irgendwie privat. Über Religion und den Glauben spricht man nicht. Jeder soll mit seinem Glauben glücklich werden. Das mag zu einem gewissen Teil stimmen, denn es geht doch gar nicht darum, jemanden aus seinem Glauben herauszureißen, sei er Muslim, Buddhist oder Jude. Doch was ist mit den Menschen, die auf der Suche sind, die irgendwie das Gefühl haben, es fehlt etwas in ihrem Leben? In meiner Zeit bei der Bundeswehr habe ich viele junge Menschen kennengelernt, die mit mir darüber gesprochen haben. Auch in meiner Nachbarschaft wohnen viele, die es faszinierend finden, dass ich Pastorin bin, und mit mir gerne mal über Gott und die Welt reden. Sollte ich da nicht über den Glauben reden, der mein Leben erfüllt?

Seit meiner Jugend begleitet mich ein Buchtitel: „Bekehre nicht, lebe!“ Das ist zu meinem Grundsatz geworden. Durch mein Leben, mein Handeln möchte ich vom Evangelium erzählen, der für mich besten Nachricht der Welt. Ich wünsche mir, dass andere Menschen, genau wie ich, das Großartige an dieser Botschaft erfahren dürfen. Aber wie komme ich eigentlich dazu? Weil Jesus uns dazu aufgefordert hat. Die letzten Worte des Matthäusevangeliums sind der sogenannte „Taufbefehl“. An vielen Stellen heißt er aber auch „Missionsbefehl“ und lautet: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ So zumindest steht es in der Lutherübersetzung der Bibel von 1984, mit der ich groß geworden bin. Doch auch in früheren Übersetzungen war dieser Satz schon so zu lesen. 

Jetzt aber hat es sich geändert. In der neuen Lutherübersetzung, die anlässlich des Reformationsjubiläums erschienen ist, heißt es: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Wer schnell nur einmal über die Worte fliegt, bemerkt den Unterschied vielleicht gar nicht. Es ist ja auch nur ein Wort anders übersetzt worden. Das griechische „matheteusate“ ist statt mit „zu Jüngern machen“ nun mit „lehren“ wiedergegeben worden und ich frage mich warum? Der eine oder die andere mag meinen, das sei doch so ziemlich dasselbe. Doch ich halte „zu Jüngern machen“ schon für etwas anderes als „lehren“. Schaut man ins Griechische, so bedeutet der Wortstamm erst einmal „Jünger/Schüler werden bzw. sein“. Das ist mehr als nur gelehrt zu werden. Das schließt ein, dass man einer Schule, einem Lehrer folgt, so wie sich viele heute als Schüler ihres Doktorvaters oder einer besonderen Lehrrichtung bezeichnen. Im Transitiv dann bedeutet das Wort entsprechend „zum Jünger machen; jemanden in die Schule nehmen“, oder auch „belehren“. Gemeint ist, dass sich jemand der lehrenden Schule zurechnet, ihr folgt. Genau das war Jesu Absicht, als er seine Jünger (!) in die Schule nahm. Sie sollten ihm folgen, seine Lehre weitergeben. So ist „zu Jüngern machen“ schon etwas anderes als nur „lehren“. Die Schüler unserer Schulen werden gelehrt, doch folgen sie damit wirklich ihren Schulen? Geben sie weiter, was sie gelernt haben? Sicher, wer sich seiner Schule verbunden fühlt, wird später Mitglied des Schulvereins oder einer Alumniorganisation. Doch würde sich wohl niemand als Jünger seiner Schule, seines Lehrers bezeichnen. Die Jünger Jesu taten es.

Die deutsche Übersetzung der neuen Lutherbibel nun schwächt dies meines Erachtens ab. Es geht nicht nur ums lehren, darum etwas zu lernen und zu behalten. Der Wortstamm sagt aus, dass die, die ihm im Akusativ folgen, zu Jüngern, Schülern werden, die weitergeben, was sie gelernt haben. Sicher eine Übersetzung wie in der neuen Lutherbibel ist grammatikalisch möglich. Doch frage ich mich, warum man sich für diese Abschwächung entschieden hat. Wollte man die Mission nicht deutlich zu Wort kommen lassen? Oder schien die Formulierung „zu Jüngern machen“ zuviel Zwang oder gar Gewalt auszudrücken? Oder sind wir längt zu weit abgekommen vom Missionsgedanken? Ist Mission nicht mehr gewollt? Auf meine Fragen werde ich wohl keine Antworten bekommen. Vielleicht ist über diese andere Übersetzung auch gar nicht so intensiv diskutiert worden, wie ich es mir wünschen würde. Für mich aber bedeutet diese andere Übersetzung, dass ich zumindest für Mt 28,18-20 weiterhin auf die alte Übersetzung zurückgreifen werde. Mir ist die Mission ein Anliegen, sie ist meine Haltung.

So mache ich bei RaumZeit auch keinen Hehl daraus, was mich in meinem Leben bewegt. Und oft habe ich das Gefühl, dass manche Gespräche gerade deshalb zustande kommen. Das hindert uns nicht daran, gemeinsam ein Bier oder einen Wein zu trinken, zu lachen oder einen Flohmarkt zu organisieren. Bei RaumZeit ist für alles Raum und Zeit.

Und wie haltet ihr es mit der Mission?

Übrigens: Wenn ihr wissen wollt, was wir bei RaumZeit so machen, schaut doch mal auf unserer Homepage www.raumzeit.wir-e.de vorbei oder folgt uns bei Facebook und Twitter unter RaumZeit Stade.

Der erste Schritt Gottes

Warum eigentlich fresh x? – So habe ich vor einiger Zeit gefragt und am Ende auf die Kennzeichen einer fresh expression of church verwiesen. Schaut man in die mittlerweile zahlreiche Literatur über fresh expressions of church, so wird als erstes immer genannt, dass sie missional sind.

Missional klingt nach Mission oder missionarisch und schon ziehen einige den Kopf ein, reden leiser oder wechseln gleich ganz das Thema. Der Begriff Mission ist vielerorts mehr als schlecht konnotiert, so dass er am liebsten gar nicht mehr verwendet wird. Manchmal begegnet mir auch der Gedanke „Mission, das ist doch etwas für Afrika!“. Ja, viele Jahrzehnte und Jahrhunderte spielte sich das, was Mission beschrieb, hauptsächlich in anderen Ländern ab und nicht bei uns. Doch ist das richtig?

Seit ca. 20 Jahren wird der Begriff missional systematisch verwendet. Besonders im englischsprachigen Raum entwickelte sich eine missionale Theologie. David J. Bosch hat diese Entwicklung zusammenfassend dargestellt (Mission im Wandel, 2012). Grundlage dieser Theologie ist die Idee der Missio Dei, der Sendung Gottes, die Mission in erster Linie als Gottes Handeln versteht. Mission ist Gottes erster Schritt auf die Welt, die Menschen zu. So schreibt Michael Moynagh, dass Gottes Herz für Mission schlägt, deren Dynamik die Liebe ist (Praxisbuch, 98). Weil Gott die Menschen liebt, geht er auf sie zu, wendet sich ihnen zu. Er gibt sich ihnen hin. Das ist, kurz gefasst, das Wesen der Missio Dei. Damit ist Mission aber mehr als ein Handeln Gottes, sie gehört zum Wesen Gottes ebenso wie die Liebe.

Wer dieser Liebe begegnet, von ihr ergriffen ist, will sie weitergeben. Denn wer kann schon schweigen und nichts tun, wenn einem das Herz übergeht. So ist die Kirche dazu berufen, ebenso wie Gott, von ihrem Wesen her missional zu sein. An dieser Stelle schreibe ich bewusst missional. Denn m.E. liegt hier der Unterschied zu missionarisch. Gehört die Mission zum Wesen der Kirche oder jedes Christen, dann ist sie mehr als ein Tun. Sie ist eine Haltung, die das Tun bestimmt. Missionarisch ist das Tun der Kirche, doch dies kann auch eins unter vielen sein. Dann geschieht an einer Stelle der Gottesdienst oder der Konfirmandenunterricht, an anderer Stelle aber das missionarische Tun vielleicht in Form eines Vortrages. Missional dagegen ist die Haltung der Gemeinde oder der Kirche, die sich darin äußert, dass z.B. jeder Gottesdienst neben dem Lobpreis Gottes oder der Feier des Abendmahls auch Mission ist – liebendes Zugehen auf die Menschen, um sie zu Gott zu führen. Entsprechend sind die Begriffe missional und missionarisch nicht gegeneinander aufzuwiegen, sondern beschreiben zwei unterschiedliche Aspekte von Mission.

Fresh expressions of church sind missional. Die Mission ist Teil ihres Wesens, indem sie sich in der liebenden Zuwendung an Menschen richten, die bisher keinen Bezug zu Gott haben. Mir gefällt dabei das Bild der Extrameile. Mission im Sinne der missionalen Haltung bedeutet für mich, dass ich gerne eine Extrameile mit denen mitgehe, die Gott noch nicht begegnet sind. Weil ich Gottes Liebe in Jesus Christus begegnet bin, weil ich von ihr ergriffen bin, kann ich davon nicht schweigen. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen ebenso der Liebe Gottes begegnen, die ich weitergeben darf. Dazu hat Gott mich berufen. Deshalb gehe ich hinaus und gehe gerne auch so manche Extrameile oder Umweg mit, bis Menschen Gott begegnen.

Ich gehe hinaus in den Kontext der Menschen, denn das zweite Kennzeichen von fresh x ist, dass diese neuen Formen von Kirche kontextuell sind. Was das für mich heißt, werde ich in einem nächsten Beitrag schreiben. Jetzt würde mich aber interessieren, ob Mission auch etwas für euch ist?

 

Hier noch der Link zu den anderen Beiträgen der Serie: