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Kirche in der VUCA-Welt

Im Mai 2019 erschien die Studie Projektion 2060 der Universität Freiburg in Verbindung mit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wir alle kennen die Ergebnisse: die Prognose der Halbierung der Kirchenmitglieder in den nächsten vierzig Jahren. Für viele kamen die Ergebnisse nicht unerwartet, beobachten wir doch seit Jahren steigende Austrittszahlen. Doch statt Häme oder einem „Das sagen wir doch schon lange!“ löste die Veröffentlichung eher eine flächendeckende Bestürzung aus und schaffte es bis in die Tagesschau. In der vergangenen Woche dann die Veröffentlichung der Austrittszahlen des vergangenen Jahres. Die Zahlen zeigen ein exponentielles Wachstum, wie wir es in Zeiten von Corona ständig in anderen Zusammenhängen diskutieren. Nun auch in Sachen Austrittszahlen. Auch wenn Untersuchungen der Gründe für die Austritte ausstehen, zeigen die Zahlen deutlich, dass nicht der demographische Wandel, der vielleicht noch halbwegs durch Taufen abgefangen werden könnte, das größere Problem ist, wie noch vor wenigen Jahren vermutet, sondern die bewusste Abkehr der Menschen von der Institution Kirche. Die Reaktionen auf diese Zahlen reichten in den letzten Tagen von Artikeln, die empfehlen, die Kirche sterben zu lassen, bis hin zu Videoclips, die vom Guten in der Kirche berichten. Zu den Zahlen treten Versuche, die zu benennen, die nicht mehr zur Kirche gehören. Sie reichen von Atheist, Agnostiker über kirchenfern oder kirchendistanziert bis hin zu indifferent oder freundlich desinteressiert. Immer aber schwingt eine Unterscheidung von wir, die Kirchenmitglieder, und die anderen mit. Das alles geschieht in einer Welt, in der sich die Gesellschaft in einem rasanten Wandel befindet. Im Bereich der Organisationsentwicklung wird sie immer wieder als VUCA-Welt bezeichnet. Das Akronym VUCA beschreibt die Rahmenbedingungen, denen Organisationen besonders im Zeitalter der Digitalisierung ausgesetzt sind. Ich finde dieses Akronym ganz passend, da es mehr als die bisher oft zitierte Komplexität umfasst. Votalität (Flüchtigkeit), Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (Mehrdeutigkeit) bestimmen den Alltag und führen dazu, dass Erfahrungswissen immer endlicher wird. Lineares Denken, Ursache-Wirkungsprozesse bieten keine Lösungen mehr an. Stattdessen braucht es immer mehr neue und individuelle Lösungen. Zukunft kann nicht mehr aus bisherigen Erfahrungen abgeleitet werden und ist entsprechend schlecht vorhersagbar.

Daher sind auch die missionarischen Perspektiven, die ich nun beschreiben möchte, Blitzlichter, Gedankensplitter, niemals vollständig und schon gar kein Patentrezept.

Kirche ist Teil der Vuca-Welt, sie lebt und agiert in ihr, steht ihr nicht gegenüber. Wie alle anderen Menschen und Organisationen auch ist sie diesen Rahmenbedingungen ausgesetzt. Deshalb möchte ich noch einmal bei VUCA ansetzen, denn in den Organisationstheorien heißt es, dass der Vuca-Welt mit VUCA begegnet werden muss. Vision, Verstehen, Klarheit und Beweglichkeit sind die entsprechenden Begriffe dieses Akronyms.

Es braucht eine Vision, um der Flüchtigkeit zu begegnen, ein Bild von der wünschenswerten Zukunft, das als Kompass oder Orientierungshilfe dient, das Sinn stiftet und Motivation auslöst. Was ist die Vision der Kirche oder besser ihre Mission? Was ist die Vision der Gemeinden vor Ort, der Menschen in unseren Orten? Gott handelt an und in der gesamten Welt. In diese Bewegung sind wir hineingenommen, sind daran beteiligt. Das entlastet, denn wir müssen die Kirche nicht schaffen oder retten. Das führt zugleich zu einer Haltung der Zugewandtheit zu den Menschen und dem Wunsch nach Kommunikation des Evangeliums. Es gilt: Das teilen, was man liebt. Eine der missionarischen Perspektiven ist daher m.E., den Begriff „Mission“ aus dem Feld der negativen Konnotation zu befreien und in ein ganzheitliches Verständnis zu überführen. Wie George Augustin schreibt, geht es nicht exklusiv um eine Evangelisierung der Nichtchristen, sondern um die Verlebendigung des Glaubens bei allen Menschen. Nicht unterscheiden in wir und die anderen, sondern gemeinsam auf dem Weg sein und damit Identifikation und Wirkungskraft ermöglichen. Denn dort, wo Kirchen und Religionsgemeinschaften es schaffen, den Transzendenzbezug „zurück ins Leben zu holen“, sind sie erfolgreich. So legt es die Untersuchung von Detlef Pollack und Gergely Rosta, Religion in der Moderne, nahe. Diese missionarische Perspektive stellt sich also als eine Frage der Haltung bzw. des Blickwinkels dar. Mission als Wesen des Christseins bzw. Christwerdens. Diese Haltung aber ist nicht auf besondere FreshX-Projekte beschränkt, sondern eröffnet jeder Ortskirchengemeinde eine neue Zuwendung hin zu den Menschen.

In der Zugewandheit zu den Menschen kann der Unsicherheit mit Verstehen begegnet werden. Essentiell für das Verstehen sind Zuhören und Beobachten. Ausgehend von einem systemischen Ansatz sind die Menschen die Experten für ihre jeweilige Situation. Ihnen in einer demütigen und lernenden Haltung zu begegnen, ermöglicht, sie wirklich wahrzunehmen. Was sind ihre Bedürfnisse, was sind ihre Träume? Wie gestaltet sich ihre Welt und ihr Alltag? Die Menschen zu verstehen braucht eine selbstreflexive Haltung. Was sind mein Weltbild, meine Tradition, meine Kultur, die in die Wahrnehmung mit einfließen? Die Wahrnehmung des Kontextes fußt daher auf einer Haltung, die oft mit den Worten von Klaus Hemmerle beschrieben wird: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“ Eine weitere missionarische Perspektive ist daher meines Erachtens das Leben mit den Menschen in ihrem Kontext, in ihrem Alltag außerhalb der Grenzen der Kirchen zu gestalten, sich mit ihnen in einen gegenseitigen Lernprozess zu begeben. FreshX-Projekte, die in besonderen Lebenszusammenhängen oder an besonderen Orten entstehen, gehen mittlerweile oft wie selbstverständlich von einer Sozialraumorientierung aus. Den Kontext außerhalb der eigenen Gemeindegrenzen wahrzunehmen, sich z.B. als Kirche für den Ort zu verstehen, kann auch einer Ortskirchengemeinde neue Perspektiven eröffnen. Die Idee der Gemeinwesendiakonie setzt z.B. bei dieser Perspektive an.

Dabei ist der Komplexität im näheren und weiteren Umfeld durch Klarheit zu begegnen. Klarheit beinhaltet den Austausch von Wissen, die Transparenz in der gegenseitigen Information und Kommunikation und die Fokussierung auf das Ziel bzw. die Vision. Dazu gehört auch, im eigenen Umfeld Netzwerke aufzubauen und in Netzwerken zu handeln, da Netzwerke der Reduktion von Komplexität dienen. Um in Netzwerken handeln zu können, braucht es sich selbst organisierende Teams, die von Vertrauen gekennzeichnet sind. Netzwerke agieren außerdem zunehmend im digitalen Raum. Unter dem Gesichtspunkt der missionarischen Perspektive bedeutet dies, dass Kirche vor Ort sich zum einen fokussiert z.B. unter Aspekten der Zielgruppenorientierung oder besonderer örtlicher Gegebenheiten. Zum anderen kooperiert sie im Sinne eines gemeinsamen Interesses, der Mission, und im gegenseitigen Vertrauen mit anderen Partnern vor Ort und zunehmend auch überörtlich. (Ökumene der Sendung). Gemeinsam die Kommunikation des Evangeliums verfolgen, indem unterschiedliche Netzwerkpartner ihre Fähigkeiten und Kompetenzen einbringen.

Dabei treffen in den unterschiedlichsten Zusammenhängen unterschiedlichste Wertesysteme und Wahrnehmungen aufeinander. „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“ Dinge werden unterschiedlich gedeutet. Diese Mehrdeutigkeit bedeutet auch ein Mehr an Auswahl. Jeder*r kann heute nahezu alles zu jeder Zeit an jedem Ort machen, lesen, lernen. Dieser Ambiguität ist mit Beweglichkeit zu begegnen. Beweglichkeit meint die Schaffung und Akzeptanz von Perspektivvielfalt, die agile Reaktion auf Veränderungen, die Förderung von Innovation. Da die Organisation Kirche und damit auch die Ortskirchengemeinden in der Regel in vielfältige Verpflichtungen und Aufgaben eingebunden sind, ergibt sich aus der Beweglichkeit die missionarische Perspektive von FreshX-Projekten oder besser Erprobungsräumen als Orte, in denen individuell und situativ im Sinne eines trial an error ausprobiert werden kann, in denen eine hohe Fehlertoleranz und ein hohes Maß an Selbstorganisation herrscht. Hier geht es um Innovation, um ein thinking out oft he box. Jeder dieser Räume ist ganz Kirche, wenn auch nicht die ganze Kirche. Gemeinsam mit den Ortskirchengemeinden, diakonischen Einrichtungen und anderen Formen gemeindlichen Lebens sind sie Kirche und ermöglichen so, unterschiedliche Formen geistlichen Lebens und ekklesiale Vielfalt zu leben. Der Individualisierung und Subjektivierung der Gesellschaft entspricht die Entwicklung immer neuer individueller Ansätze vor Ort. Dabei können solche FreshX-Projekte sich eigenständig gründen oder im Zusammenhang einer Ortskirchengemeinde ihr Wirken entfalten. Vielleicht werden sie sogar einmal selbst zu einer Kirchengemeinde an einem neuen Ort oder befruchten die Ortskirchengemeinden mit ihren Innovationen.

Diese Perspektiven zeigen, dass das Schnittfeld von FreshX-Projekten und Ortskirchengemeinden groß ist, sie sich nicht in Konkurrenz oder einer Wertung von Altem und Neuem gegenüber stehen. Gemeinsam wirken sie mit an der Missio Dei. Vor diesem Hintergrund möchte ich noch einmal auf meine Beobachtungen vom Anfang zurückkommen. Die Projektion 2060 oder auch die aktuellen Austrittszahlen haben im Sinne der Ambiguität unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Deutlich ist, dass sich Kirche verändern wird. Sie wird sicher auch kleiner werden. Doch zeigen die missionarischen Perspektiven, dass sich auch hier gilt: „Flatten the churve“. So führte Fabian Peters bei einer Präsentation der Projektion 2060 aus: Würde es den Kirchen gelingen, die Tauf- und Aufnahmebereitschaft um zehn Prozent zu erhöhen und gleichzeitig die Austritte um zehn Prozent  zu verringern, dann würde sich die vorausberechnete Zahl der Kirchenmitglieder in allen Landeskirchen und Bistümern  für das Jahr 2060 um zwei Millionen Menschen erhöhen. Konkret auf eine einzelne Gemeinde mit etwa zweitausend Mitgliedern bezogen hieße das: Der Gemeinde müsste es gelingen, in zwei Jahren drei bis vier Austritte zu verhindern und drei zusätzliche Menschen zu taufen. Kein unmögliches Szenario oder?

Was Kirche mit der Automobilindustrie zu tun hat…

Was Kirche mit der Automobilindustrie zu tun hat? Eigentlich erstmal gar nichts, oder? Tatsächlich gibt es da erstmal keine festen Zusammenhänge. Doch sehe ich in vielen Erfahrungen, Trends und Entwicklungen des sozialen und wirtschaftlichen Umfelds von Kirche Chancen, von denen Kirche lernen kann und manchmal auch sollte. Doch das gilt nicht generell. Manchmal ist besser, gerade nicht vom Umfeld zu lernen. Oder sollte sie besser nicht von den Gigaplayern lernen, sondern von kleinen Unternehmen? Oder einfach alles anders machen? Am Wochenende habe ich mal wieder darüber und damit verbunden auch über die Automobilindustrie nachgedacht. Dabei sind die nachfolgenden Zeilen ausdrücklich keine Werbung, auch wenn Firmennamen genannt werden. Es geht mir allein um die Handlungsprinzipien.

Nun aber zurück zu der Frage, was Kirche mit der Automobilindustrie zu tun hat. Wie gesagt, erstmal nichts. Doch dann bin ich auf einen Artikel im Handelsblatt gestoßen. Den könnt ihr übrigens hier nachlesen. Da beschreibt der „Gründer“ Frank Thelen in einem Gastkommentar, was die Zukunft der Automobilindustrie sein könnte, wenn sie nicht endlich die Zeichen der Zeit erkennt. Im Vergleich mit dem Elektroautohersteller Tesla prophezeit er bekannten Marken wie Audi, BMW und wie sie alle heißen, den Untergang in der Bedeutungslosigkeit. Anlass ist übrigens, dass das amerikanische Unternehmen erstmals an der Börse höher dotiert ist als der wertvollste deutsche Autobauer. Thelen nennt als Gründe z.B. den progressiven Blick in die Zukunft oder die Risikobereitschaft zu investieren und dabei auch erstmal Verluste einzufahren. Eine agile Produktion und die Zusammenarbeit in Teams, die nach dem First-Principle-Prinzip arbeiten sowie ein Marketing, das auf Mund-zu-Mund-Propaganda und persönlichen Empfehlungen von Kund:innen basiert, sind weitere Gründe. Um das Ganze noch zu betonen ist ein Bild beigefügt, auf dem ein Elektroauto einen Ölwechsel fordert, da es mit der Software klassischer Verbrennungsautos arbeitet.

Wenn ich das lese, fühle ich mich dann doch an Kirche erinnert. Wobei es nicht um Marktwert und finanzielle Fakten geht. Nein, es sind eher die Prinzipien, die auf der einen oder anderen Seite vertreten werden. Die leuchtende Ölstandsanzeige im Elektroauto ist da ein Symbolbild. Es wird auf Dauer zum Scheitern verurteilt sein, wenn altes, manchmal auch bewährtes, nur an einigen Stellen modifiziert wird, um neuen Herausforderungen zu begegnen. Es gibt an vielen Orten in unserer Kirchenlandschaft Gottesdienste, die modern aufgewertet und dennoch nicht mehr besucht werden. Ein neuer Antrieb im alten Autoformat hinterlässt erstmal den Anschein neuer Entwicklungen, doch auf Dauer zeigt die Ölstandsanzeige, dass diese Form der Entwicklung Grenzen hat. Das Problem benennen, in Grundbausteine zerlegen, überlegen, was möglich ist, ohne darauf zurückzugreifen, wie es bisher gemacht wurde, das Risiko von Fehlversuchen eingehen und dennoch darin investieren, ist aussichtsreicher. Für unsere Gottesdienste heißt das z. B., die „altbewährte“ Zeit am Sonntag Morgen nicht als gesetzt zu betrachten, auch wenn das viel Aufregung verursacht, wie der Versuch einer Gemeinde in Oldenburg zeigt, der es bis auf die Titelseiten großer überregionaler Zeitungen geschafft hat. Das Problem braucht evtl. eine andere Lösung wie Treffen am Samstag Abend. In einer Zeit, in der Filmsequenzen immer kürzer werden und Lernen nur noch wenig frontal stattfindet, ist das Format des agendarischen Gottesdienstes mit langen, von vorne agierenden Sequenzen vielleicht auch nicht mehr die Lösung – vielleicht leuchtet dann auch hier bald die Ölstandsanzeige auf, obwohl es gar kein Öl mehr braucht. Die Liste dieser Beispiele ließe sich übrigens durchaus noch weiterausführen.

Und dann hat Kirche eben doch etwas mit der Automobilindustrie zu tun und sollte diesmal nicht von ihr lernen. Die Probleme erkennen, in Grundbausteine zerlegen, überlegen, was möglich ist und dabei nicht nur die Gegenwart im Blick haben, sondern die Zukunft gleich mitdenken, das ist die Herausforderung, vor der Kirche gerade steht. Aber hier braucht es Mut. Mut, einfach mal zu machen, zu investieren, auch wenn am Ende vielleicht ein Scheitern steht. Doch auch daraus kann man lernen, wie der automatisierte Zusammenbau bei Tesla zeigt. Mittlerweile gibt es auch hier Lösungen. Genau deshalb wünsche ich der Kirche Mut und die Bereitschaft auch in Fehler zu investieren…

 

Ungewöhnlich oder nur ungewohnt?

Ein Schauspieler ist gestorben. Von vielen wurde er Volksschauspieler genannt. Auch er selbst sprach so von sich. Er war noch nicht alt, doch er war krank. Er hat mit seinem Tod gerechnet und schon vor langer Zeit seine Wünsche für seine Beerdigung öffentlich geäußert. Gestern nun fand sie statt. Millionen Menschen nahmen Anteil und verfolgten auf Leinwänden vor Ort oder am Bildschirm die Trauerfeier im Michel. Die Glocken zum Auszug aus der Kirche läuteten noch, da sprachen Kommentator*innen schon von einer ungewöhnlichen Trauerfeier. Doch war sie das wirklich?

Ich habe diesen Schauspieler gemocht. Ich habe seine Filme und Serien geschaut, manche auch immer wieder. Ich mochte seine direkte Art und seine „Kodderschnauze“. Sie liegen mir, denn wie er bin auch ich eine Norddeutsche. Also habe ich auch die Übertragung der Trauerfeier verfolgt. Ungewöhnlich oder eher für viele ungewohnt? Der Schauspieler hat sie sich gewünscht, die Trauerfeier in seiner Kirche, in der er getauft und konfirmiert wurde, in der er heiratete und seine Mutter Tanzunterricht gab. Der Hauptpastor im Talar hielt die Trauerfeier. Er eröffnete sie mit biblischem Votum und Begrüßung. Es folgten Gebet und Lesung, Predigt mit biografischen Anklängen, Abschied mit Gebet, Vaterunser und Segen. Ich könnte die Agende für Bestattungen (das Buch, in dem Vorschläge für den Ablauf einer Trauerfeier und Beerdigung festgehalten sind) aufschlagen und es wäre genau so dort nachzulesen. Nicht nur das. Viele der Formulierungen beginnend bei der Eröffnung der Trauerfeier bis hin zur Abschiedsformel wären dort ebenso nachzulesen. Ich selbst konnte sie auswendig mitsprechen und mein Mann neben mir kam ins Schmunzeln. Auch die Texte, Psalm 139 oder 1. Kor 13, waren für eine Trauerfeier wenig ungewöhnlich. Wohl eher ungewohnt für ein Millionenpublikum, das den Besuch von Trauerfeiern nur selten aus eigener Erfahrung kennt.

Vielleicht die Musik. Der Schauspieler selbst war zu hören mit einem seiner bekanntesten Lieder und einem Lied, das er für seine Frau geschrieben hat. Daneben die Titelmusik seiner bekanntesten Fernsehserie, Knocking on Heavens Door,  Deep Purple und nicht zu vergessen: die Hamburger Hymne „An de Eck steiht n Jung mit nem Tüddelband“. Wenig ungewöhnlich für die Besucher dieser Trauerfeier. Der Verstorbene bezeichnete sich selbst als Rocker. Diese Musik gehörte zu seinem Leben. Zahlreiche Weggefährten waren anwesend. Auch sie vertraut mit diesen Liedern. Ungewohnt waren diese Stücke für sie nicht. Ungewöhnlich für sie wohl eher an diesem Ort, wo man sie nicht erwartete. Mit Kirche verbinden die meisten andere Musik. Ungewohnt und ungewöhnlich war sie wahrscheinlich für die kirchlichen Hausherren, die in ihren Gottesdiensten  eher selten diese Musik spielten. Umso großartiger, dass der Organist sie virtuos auf einer der drei Orgeln der Kirche spielte. In der Auswahl der Musik wurde für mich deutlich, dass hier zwei Welten aufeinander trafen, die oft einander gegenüber gestellt werden. Die schillernde Welt des Films und der Schauspielerei und die schlichte Welt der Kirche. Sie trafen sich in einer besonderen Kirche in Hamburg, so wie es sich der Verstorbene gewünscht hatte. Und sie trafen sich in einem Kirchenlied, das sich der Verstorbene ebenfalls gewünscht hatte „Geh aus mein Herz und suche Freud´“. Und es ging gut. Es war angesichts all der Trauer auch ein Fest, nicht nur weil der Verstorbene an diesem Tag auch Geburtstag gehabt hätte. Es war eine Trauerfeier, die vielen in Erinnerung bleiben wird. Eine Trauerfeier, bei der die eine oder der andere denken mag, so soll es bei mir auch einmal sein. Entschuldigt den Ausdruck, aber für mich war es die beste Werbung für kirchliche Trauerfeiern, die Kirche passieren konnte.

Für mich war es eine Trauerfeier, die zeigte, dass die Lebenswelt des Verstorbenen und die Lebenswelt der Kirche in Einklang zubringen sind. Die eine spiegelte sich in der anderen wider. Sie gingen eine Verbindung ein und brachten so mehr zum klingen als jede einzelne es sonst gekonnt hätte. Vielleicht verlieren die Menschen dann die Scheu vor kirchlichen Trauerfeiern. Vielleicht wagen sie dann das Gespräch über ihre Wünsche mit ihren Angehörigen oder einer Person aus der Welt der Kirche. Am besten noch zu Lebzeiten. Dann kann einiges miteinander besprochen und geplant werden. Ich bin mir sicher, es finden sich Wege, wie das eine mit dem anderen in Einklang und zum Klingen gebracht werden kann. Und ja, auch ich habe mit meinem Mann schon über meine Trauerfeier gesprochen. Auch bei mir wird „Geh aus mein Herz“ gesungen werden und ganz viel Punkrock zu hören sein – und wenn nicht von der Orgel, dann doch wenigstens vom Band. Denn auch meine Lebenswelt besteht aus anderer Musik als den geistlichen Gesängen und Chorälen meiner Kirche…

Also: Wie sehen Eure Wünsche für Eure Trauerfeier aus?

 

Und in der Zukunft ein Klassentreffen…

Die CVJM-Hochschule hatte zum Studientag geladen und viele waren gekommen. Referent*innen wie Heinrich Bedford-Strohm und Sandra Bils zogen. In letzter Minute musste noch der Hörsaal gewechselt werden, da sich überraschend viele angemeldet hatten. Schon auf dem Weg von der Tram zum Universitätsgebäude hier und da ein „Hallo, wie geht es dir? Wir haben uns aber lange nicht mehr gesehen…“. Im Foyer des Hörsaalgebäudes steigerte sich dies noch und auch ich traf viele bekannte Gesichter. Menschen, die wie ich über die Zukunft der Kirche nachdenken und diese gestalten wollen. Menschen, die an ganz unterschiedlichen Orten nach Wegen suchen, das Evangelium unter den Menschen relevant werden zu lassen. Die Freude war groß, sie hier wiedergesehen zu haben.

„Kirche als Hoffnungsträgerin im gesellschaftlichen Wandel“ so die Überschrift, unter der dieser Tag stand. Ambitioniert? Realistisch? Zu hoch gegriffen? Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie sieht die Rolle der Kirche in diesem Wandel in zwei Funktionen. Zum einen solle sie denen den Rücken stärken, die den Wandel betreiben, gerade, wenn diese persönlich angegriffen werden. Zum anderen solle die Kirche ihre Energie nicht in internen Debatten verschwenden, denn sie werde in der Welt als Hoffnungsträgerin gebraucht. Gerade in einer Zeit, in der angesichts immer neuer Hiobsbotschaften in Sachen Klima sich Frustration breit mache und die Hoffnung schwinde, sei sie mit ihrem ureigensten Thema Hoffnung gefragt. Auch der Vorsitzende des Rats der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, sprach von der Hoffnung, von der die Kirche zu reden habe und die über die Welt hinaus trage, schließlich läge diese in Gottes Hand. Wenn aber die Welt in Gottes Hand liegt, dann könnten Christen sich nicht aus der Politik raushalten, dann müssten sie sich einmischen z.b. durch Denkschriften oder Gespräche oder aktives Handeln. Damit aber sei Kirche ein Change Agent im gesellschaftlichen Wandel.

Wie dies praktisch aussehen könnte, führte Sandra Bils anhand der neuen Bibliothek Oodi in Helsinki vor Augen. Sie zeigte deutlich, dass Kirche viel nachzuholen habe, wenn es um die Frage ginge, warum sie etwas täte. In der Regel sei sie an ihren Formaten und Angeboten erkennbar und nicht an ihrer Mission. Das aber mache sie wenig relevant für die Menschen. So geriete sie im gesellschaftlichen Wandel ins Abseits. Zwischen den Impulsen Diskussionen und Gespräche zwischen den Teilnehmer*innen und am Ende ein Zukunftscafé zu den Fragen, die sich während des Tages ergeben hatten.

Auf dem Heimweg stellt sich die Frage, was ist hängen geblieben? Vieles war mir bekannt. Anderes kann man in den Büchern der Referent*innen nachlesen. Das allein ist es nicht, was diesen Tag erfolgreich macht. Das Wiedersehen mit bekannten Gesichtern war ebenso schön und gewinnbringend. Aber auch das ist nicht der alleinige Erfolgsfaktor. Es kommt noch etwas anderes hinzu. Es ist die Herausforderung, vor der die Kirche steht, die hier eine Perspektive, auch einen Namen bekommen hat. Kirche als Hoffnungsträgerin, die u.a. darauf hofft, das Gott längst da ist. Sie muss nicht allein die Welt retten, sondern kann sich von Gott getragen wissen. Er ist längst da. In diesem Wissen kann sie alles tun, was in ihrer Macht steht und braucht angesichts dessen, was nicht gelingt oder was sie nicht ändern kann, nicht zu verzweifeln.

Und das ist Herausforderung genug, denn haben wir schon geklärt, welche Hoffnung wir authentisch weitergeben können? Und wenn ja, wie geben wir sie weiter, damit sie in dieser Welt Relevanz gewinnt? Das zu bedenken und zu wagen, ist am Ende dieses Tages in großen Lettern auf meine Fahnen geschrieben. Damit Studientage immer wieder zum Weiterdenken und Nicht nachlassen anregen und nicht zu Klassentreffen entarten, bei denen man sich seiner Erfolge rühmt und in Erinnerungen schwelgt. Die Hoffnung möge uns antreiben, ermutigen und stärken.

Mit anderen Augen…

Sechs Tage war ich mit meinen Kindern in London unterwegs. Die klassischen Sehenswürdigkeiten haben wir angeschaut und einiges, was für Kinder besonders interessant ist wie den Diana Memorial Playground. In diesen Tagen habe ich London mit anderen Augen gesehen, mit den Augen meiner Kinder.

Sie wachsen sehr behütet auf in einem neuen Stadtteil einer norddeutschen Kleinstadt. In den Straßen der englischen Metropole erblickten sie vieles, was sie bis dato noch nicht kannten, mir aber so selbstverständlich erschien. Dazu gehörten vor allem die vielen Menschen ohne Wohnung, die in Zelten, Hauseingängen oder direkt auf der Straße schliefen. Meine Kinder machten mich immer wieder auf sie aufmerksam und fragten, warum sie mitten am Tag schliefen, warum sie keine richtige und saubere Kleidung tragen, warum sie keine Wohnung haben, warum sie soviel Alkohol trinken, warum niemand ihnen hilft. Meine Kinder konnten nicht einfach daran vorbeischauen, sie nicht aus ihrem Blick ausblenden, wie ich es immer wieder tue. Die Frage, die mich am meisten bewegte, war: warum gibt es das bei uns und warum machen wir nichts dagegen?

Die Fragen meiner Kinder lassen mich nicht los. Ich versuche, Kirche mit den Menschen meines Stadtteils zu gestalten. Es entstehen Formate und Veranstaltungen, die uns gut tun, die unseren Glauben wecken oder auch wachsen lassen. Unsere Gemeinschaft wächst und wir genießen es sehr. Aber ist es das, was wir, was unsere Welt wirklich braucht? Ist das Ziel wirklich, neue Gemeinden entstehen zu lassen? Oder sind wir berufen, diese Welt menschlicher bzw. nach dem Willen Gottes zu gestalten? Müssten wir dann nicht hinaus auf die Straßen gehen und den Menschen dort ganz konkret helfen? Bei den Ärmsten und Verachtetsten anfangen und nicht eher aufhören, bevor sie alle ein für sie gutes Leben führen? Weniger an uns, an ordentliche und gepflegte Kirchen denken als an die Menschen in unserer Nachbarschaft, auf unseren Straßen?

Vermutlich werden jetzt viele sagen, man kann das eine tun ohne das andere zu lassen. Das stimmt sicher auch zum Teil, denn immerhin gibt es neben den etablierten Gemeinden auch viele Projekte und Einrichtungen, die sich für die Ärmsten einsetzen. Und doch habe ich das Gefühl, wir haben uns viel zu sehr an den Anblick der Obdachlosen auf der Straße gewöhnt, sehen sie eher als ein Ärgernis, als dass wir ihre Geschichte und ihre Not kennen wollten. Wenn wir an ihnen vorbei gehen, blenden wir sie aus unserem Blick aus.

Meine Kinder sind noch nicht daran gewöhnt, etwas auszublenden. Sie nehmen alles noch so wahr, wie sie es sehen und stellen ihre Fragen dazu. Sie haben mich in den wenigen Tagen in London gelehrt, die Straßen der Metropole mit ihren Augen zu sehen. Dabei fiel mir Jesu Wort ein „wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“. Vielleicht sollten wir wieder mehr mit ihrem Blick durch unsere Straßen gehen…

Gartenzwerggedanken

Ich hab den Gartenzwerg in London gefunden. Auch wenn er schon etwas in die Jahre gekommen ist, steht er in der Nähe des Columbia Road Flower Markets doch goldrichtig. Wenn ich hier so durch die Straßen wandere, denke ich viel über Kultur und Tradition nach. Da musste das Bild vom Gartenzwerg einfach mit, ist er doch oft ein Symbol für eine bestimmte Kultur in Deutschland. Hier stand er in einem angesagten Hinterhof mit Mode, Kunst und Coffeeshop. Wie gegensätzlich das doch ist…

Und dann laufe ich an alten, fast baufälligen Kirchen vorbei und mir schallt fröhliche Musik entgegen und an der Tür werde ich freundlich eingeladen hineinzukommen. Dabei kommen mir Gedanken an Kirchen in Deutschland, gut ausgestattet, sehr gut gepflegt, aufgeräumt und der Begrüßungsdienst gut geschult. Aber das Leben fehlt.

Selbstverständlich weiß ich, dass diese Beschreibung klischeehaft ist, dass es auch in Deutschland und England andere Kirchen und Gemeinden gibt. Aber es erinnert mich an einen Satz, den ich vor ca. zehn Jahren einmal in England gehört habe: „In Deutschland sind eure Kirchen noch zu reich. Es besteht gar keine Notwendigkeit, dass ihr handelt und über andere Wege nachdenkt.“ In diesen Worten und in den Begegnungen in England und in Deutschland liegen für mich alte Weisheiten und Mutmachendes dicht beieinander. Zum einen bringen gut sanierte und gepflegte Kirchen nicht mehr Menschen in die Kirche, auch wenn ich mich freue, dass Kirchen und Gemeinden diese Arbeit noch immer leisten können. Zum anderen zeigt es, dass auch ohne viel Geld Großartiges entstehen und wachsen kann. Auch in Zeiten sinkender Finanzen können Gemeinden wachsen oder sogar entstehen. Das ist so ein bisschen wie mit dem Gartenzwerg. Er zählt nicht zu den schönsten, ist nicht gerade groß und doch mehr oder weniger weltberühmt, was mit der Liebe und Hingabe einiger Menschen an dieses Gartenaccessoire zu tun hat.

Liebe und Hingabe – es ist die Haltung, die etwas verändert. Sicher, innovative Projekte und Veranstaltungen rufen sehr viel Aufmerksamkeit hervor. So manch eine*r mag dabei denken: „So kreativ oder innovativ bin ich nicht!“ Doch das ist nicht das Entscheidende. Es ist die Haltung gegenüber den Menschen. Was sie auszeichnet? Liebe und Hingabe zu Christus und den Menschen. Bereitschaft, das Leben der Menschen mit ihnen zu teilen, von ihnen zu lernen. Offenheit, zu entdecken, wo Gott längst bei den Menschen am Werk ist. Manchmal möchte ich es einfach mit einem Satz zusammen fassen: geht mit offenen Augen und mit Liebe im Herzen durch die Welt!

Neue Reformator*innen gesucht

Ich habe es getan. Ich habe Erik Flügges neues Buch „Nicht heulen, sondern handeln“ gelesen. Das ging auch recht schnell, denn die Schrift ist groß gehalten und der Umfang hält sich ebenfalls in Grenzen. Und gleich vorab: das Buch hinterlässt bei mir eine gewisse Zerrissenheit. Ich kann nicht sagen, ob ich es gut oder schlecht finde, den Thesen zustimme oder sie ablehne. Einiges aber nehme ich mit zum Nachdenken und Weiterverfolgen. Anderes hinterlässt bei mir den Geschmack bewusster Überspitzung.

Erik Flügge legt den Finger in die Wunde des Protestantismus. Die Gottesdienste werden landauf landab nur noch von wenigen Menschen besucht. Das hinterlässt Fragen, die Flügge in der These zuspitzt, dass der Gottesdienst tot und nicht wiederzubeleben sei. Mir stellt sich allerdings die Frage, ob Gottesdienst nur jene Veranstaltung am Sonntag Morgen um 10 Uhr in der Kirche ist. Schaut man nur auf diese, dann hat Flügge nicht so unrecht. Aber ist Gottesdienst nicht mehr? Besteht Gottesdienst wirklich nur aus der Predigt, die von Erik Flügge ebenso scharf kritisiert wird, oder kann Gottesdienst nicht auch etwas ganz anderes sein? Gottesdienst als Zusammenkommen von Menschen, die gemeinsam Gott feiern, auf ihn hören, zu ihm beten, von ihren Erfahrungen mit ihm berichten wollen? Ist das nicht auch Gottesdienst? Und das gibt es zahlreich und in unterschiedlichen Formen und an unterschiedlichen Orten sehr erfolgreich.

Damit verbunden ist eine zweite Kritik Flügges. Der Protestantismus habe die Menschen so weit in die Selbständigkeit geführt, dass es das Gemeinschaftserlebnis nicht mehr brauche. Spiritualität und Glauben könnten von jedem Einzelnen individuell und alleine erfahren werden. Ja, die eigene Spiritualität, z.B. das eigene Gebet auch in der Einsamkeit, sind wichtige Erfahrungen des Menschen. Zwingend notwendig ist die Begegnung mit anderen sicher nicht. Aber sie bereichert den eigenen Glauben, lässt neue Impulse bzw. Inspirationen zu. Die Menschen suchen von sich aus die Gemeinschaft, um neue Erfahrungen zu machen. Das muss nicht unbedingt die Gemeinschaft in Form einer Gottesdienstgemeinde am Sonntag Morgen sein, aber ohne scheint es auch nicht zu gehen, wie Flügge selbst andeutet, indem er schreibt: „Und im Laufe der Zeit werden Menschen zu Ihnen kommen und Sie bitten, mit ihnen zu beten. (…) Dann ist Gottesdienst mehr als eine Routine. Er ist zum Wunsch geworden.“ An dieser Stelle stimme ich ihm zu. Gottesdienst sollte Wunsch und nicht Routine sein, wobei Routinen gerade in Krisenzeiten tragen können. Aber als dauerhaftes routiniertes Abspulen von Traditionen fehlt ihm das, was die Menschen zum Gottesdienst kommen lässt.

Spannend finde ich die Thesen zur Schrift und zu den neuen Prophet*innen, die der Protestantismus braucht. Wobei ich mich frage, ob nur der Protestantismus sie braucht und nicht der Katholizismus auch. Nach aller historisch-kritischen Forschung wissen wir heute, „dass der Text der Bibel weit weniger heilig ist, als diejenigen dachten, die ihn erstmals übersetzten“, schreibt Flügge und legt im Anschluss dar, wie groß der Graben zwischen der Welt der Bibel und der Welt, in der wir heute leben, ist. Die Bibel habe für die Menschen heute ihre Relevanz verloren und müsse fortgeschrieben werden. Ob damit verbunden der alte Text in die Ecke gelegt werden kann, denke ich nicht. Denn schon die alten Fortschreibungen, auch bibelintern, bezogen sich schon immer auch auf den vorhandenen Text. Aber dass es eine gute Fortführung der Theologie braucht, das denke ich auch. Viel zu viel haben wir uns in Formalitäten und Äußerlichkeiten verloren. Allerorten wird über die Form von Gottesdiensten und Gemeindearbeit diskutiert. Der Inhalt gerät dabei selten in den Blick. Dieser aber muss relevant für die Menschen werden, damit sie sich damit auseinander setzen. Das wird er nicht durch eine andere Gottesdienstzeit oder -form, sondern indem Menschen erleben, wie er heute noch etwas für ihr Leben zu sagen hat. Deshalb gefällt mir auch der Gedanke Flügges die neuen Prophet*innen betreffend so gut.

Mit der Fortschreibung der Schrift ist m.E. untrennbar verbunden, dass es Menschen gibt, die mit pointierten Positionen und Thesen für die Kirche richtungsweisend werden können. Eine Fortschreibung der Schrift im Sinne der Relevanz ist sicher nicht mit Konsenspapieren zu erreichen. Es braucht Menschen, die streitbar sind, die Menschen zum Zuhören und Nachdenken anregen, die auch Aufmerksamkeit erregen. Ohne Provokationen, Überspitzungen und steile Thesen gibt es keine Weiterentwicklung. Dies zuzulassen, den Denker*innen den Freiraum zu lassen, ist die Herausforderung, vor der die kirchlichen Institutionen stehen. Denn das, was dann entsteht, könnte auch unangenehm für die Institution sein. Die zahlreichen Reaktionen auf Erik Flügges Bücher sind ein gutes Beispiel dafür. Ob es dafür aber das gewählte Prophet*innenamt braucht, bezweifle ich. Darin sehe ich mehr die Gefahr der erneuten Institutionalisierung und Abhängigkeit von anderen. Auch der vielzitierte Luther war nicht in das Amt des Reformators gewählt worden, sondern hat sich diesen Freiraum genommen. Diesen Freiraum zu bekommen, ihn leben und nutzen zu dürfen und nicht in Paragraphen und Vorschriften zu ersticken, wäre schon ein Anfang. Noch wichtiger wäre aber, die Ergebnisse wahrzunehmen und sich mutig an ihre Umsetzung zu wagen.

Der Bibel zu Relevanz im Leben der Menschen zu verhelfen, ist der entscheidende Schritt. Alles andere, wie Gemeinschaft zwischen Menschen und Gottesdienste wie gewünscht, ergibt sich dann wie von selbst. Mit dieser These schließe ich meine Gedanken zu Erik Flügges Buch und bin gespannt, ob ihr es auch schon gelesen habt und was eure Gedanken dazu sind. Hinterlasst sie doch einfach in den Kommentaren.

Lerne gehen, nicht laufen

Diesen Satz bekommt ein junger amerikanischer Pastor mit auf den Weg, als er im schottischen Hochland seinen Dienst antritt. Goldspeed heißt der Kurzfilm, in dem er und einige seiner Wegbegleiter von den Erfahrungen berichten, die er nach diesem Auftrag macht. Was heißt es zu gehen statt zu laufen? Was heißt das besonders in einer Welt, in der scheinbar alles auf maximale Geschwindigkeit ausgerichtet ist? Die Menschen in der Einsamkeit Schottlands lehren es ihn, dort, wo jeder Hof einen Namen hat und jeder die Geschichte des anderen kennt.

Es geht um Beziehungen und Begegnungen. Ein Büro hat der Pastor nicht. Dafür ist er auf der Straße unterwegs. Dort lernt er gehen, nicht laufen. Gehen, bei dem man wahrnimmt, gehen, bei dem man nicht auf ein bestimmtes Ziel drauf losläuft. Gehen, das zunächst einmal zweckfrei ist. Durch den Blick eines Schotten, der viel in der Natur unterwegs ist, lernt er die Wege zu begreifen, die Jesus ging. Anhand einer Landkarte in der Bibel und den Erfahrungen in Schottland werden Entfernungen und Geschwindigkeit begreifbar. Gottes Geschwindigkeit (godspeed) sind nicht die 6 km/h, mit denen wir zielstrebig auf etwas zulaufen. Es sind 3 km/h, die den Blick auf die Umgebung ermöglichen. Gehen, nicht laufen eben.

Auf diese Weise lernt der Pastor die Menschen und ihre Geschichten kennen. Er lernt ihre Sprache und Bilder und kann ihnen so vom Evangelium erzählen. Es entsteht eine Gemeinschaft, die sich nicht auf den Sonntagmorgen begrenzt, sondern alltagstauglich ist.

Doch was im schottischen Hochland so gut funktionierte, ist in der hektischen Welt der amerikanischen Stadt schon schwieriger. Dort geht niemand zu Fuß und klopft einfach an fremde Türen. Dort kennt nicht jeder die Geschichte des anderen. Dort ist eine Nachbarschaft nicht unbedingt eine Gemeinschaft. Das muss der Pastor erfahren, als er nach Jahren in seine Heimat zurückkehrt. Und doch sprechen auch dort die Menschen von ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft und gesehen werden. Deshalb will es der Pastor versuchen. Will auch dort gehen statt laufen.

Eine halbe Stunde Dokumentarfilm, die auch für die Kirchen in Deutschland eine Botschaft hat. Alltagstauglich sein, die Menschen und ihre Geschichten kennen, in Beziehungen oder Gemeinschaft mit ihnen leben sind meines Erachtens auch bei uns die Momente, in denen das Evangelium lebendig werden kann. Also lernt gehen, nicht laufen!

Übrigens: das englische Wort godspeed ist auch ein Segenswunsch, der einen positiven Ausgang der Vorhaben wünscht, besonders zu Beginn einer langen und gefährlichen Reise. In diesem Sinne wünsche ich der Kirche und euch: godspeed!

PS: Wer den Film selbst sehen möchte, findet ihn hier: godspeed

Weihnachten – aber wie?!

„Was macht ihr denn Weihnachten?“ In diesen Tagen begegnet mir diese Frage mehrfach am Tag. Für immer mehr meiner Gesprächspartner gehört der Gottesdienstbesuch nicht mehr selbstverständlich zum Festtagsprogramm dazu. Liegt es an einer schwindenden Frömmigkeit oder was sind die Gründe?

Heute morgen hatte ich in dem Café, in dem ich einmal die Woche sitze, mal wieder so ein Gespräch. Eigentlich ging es um betriebliche Weihnachtsfeiern und was dazugehört. Während eine Wichteln toll findet, empfindet die andere es als zusätzlichen Stress. Ich meinte scherzhaft, ob sie schon mal von Weihnachtscrashern gehört habe. Nach einer Diskussion darüber, ob man etwas crashen darf oder nicht, erzählte ich, dass ich manchmal den Impuls habe, traditionelle Weihnachtsgottesdienste zu crashen. Mein Motiv? Der geilste Geburtstag der Welt hat doch eigentlich die coolste Party der Welt verdient, oder? Mit diesem Satz hatte ich etwas ausgelöst. Sofort sprudelte es aus einer heraus: „Ja, so richtig fetzig mit Gospel und so!“ Eine andere meinte: „Und was zu trinken gibt’s auch!“ Und eine dritte sagte: „Wenn du das machst, dann komme ich auch.“

Es ist wohl nicht nur die nachlassende Frömmigkeit, die immer mehr Menschen Weihnachten ohne Gottesdienstbesuch feiern lässt. Auch unsere traditionellen, oft sehr besinnlichen und ernsten Formate an den Festtagen sind längst nicht mehr für jede und jeden passend. Ich frage mich, wie viele Menschen vielleicht nur noch in den Gottesdiensten an Heiligabend sitzen, weil sie die Familie nicht enttäuschen wollen oder sich einer Tradition verpflichtet fühlen, mit deren Form sie nichts mehr anzufangen wissen.

Ich erlebe, dass gerade zu Weihnachten Menschen noch über Kirche nachdenken – mehr als zu anderen Zeiten des Jahres. Müsste die Kirche dann nicht auch in dieser Zeit noch mehr über die Menschen in ihrer Nachbarschaft nachdenken und sie zumindest fragen, wie sie den Geburtstag desjenigen feiern wollen, der mit jedem einzelnen von ihnen feiern will? Stattdessen feiern wir ungefragt nach Abläufen und mit Liedern, die zahlreiche Menschen nicht mehr nachvollziehen oder singen können, die gerne mit uns den Geburtstag Jesu feiern würden.

Es täte unserer Gottesdienstlandschaft gut, neben den besinnlichen und traditionellen Angeboten mit den Menschen danach zu suchen und zu fragen, wie sie den geilsten Geburtstag der Welt feiern wollen. Weihnachten- aber wie? Ich habe mir vorgenommen, diese Frage im nächsten Jahr zu stellen und Weihnachten mit den Menschen so zu feiern, wie sie es sich vorstellen. Mein ganz persönliches Weihnachtsgeschenk für dieses Jahr habe ich dafür heute gleich mitbekommen. Eine fragte zum Abschluss unseres Gesprächs: „Wo bist du denn Heiligabend in der Kirche?“ Ich sagte ihr wo und sagte auch, dass es ein traditioneller Gottesdienst sei. „Aber du bist nicht so ernst, sondern ganz locker. Und deshalb komme ich vielleicht. Eigentlich gehen wir ja nicht in die Kirche.“ Das ist Weihnachten für mich – aber wie!

Warum tust du dir das an?

Warum ich auf den Spielplatz gehe, werde ich gefragt. Warum setzt du dich in ein Café und wartest, ob einer zu dir kommt? Was machst Du, wenn keiner kommt, wenn die Menschen über dich tuscheln, weil keiner kommt? Warum tust du dir das an?

Diese Fragen sind tatsächlich gar nicht so selten. Immer wieder werde ich von Menschen, seien es Kollegen oder Kirchenmitglieder, gefragt, warum ich so etwas tue? Und ob ich meine Zeit nicht besser an anderer Stelle investieren oder sie sinnvoller nutzen könnte? Lange Zeit habe ich versucht, argumentativ zu antworten, habe von Präsenz unter den Menschen gesprochen, von Jesu Weg auf der Straße, in die Synagogen. Das hat meinem Gegenüber dann mal mehr, mal weniger eingeleuchtet. Oft endeten diese Gespräche aber auch mit Aussagen wie „ich würde so etwas nicht machen!“.

Mittlerweile erzähle ich von den Erfahrungen und Beobachtungen, die ich an diesen Tagen mache. Ich erzähle davon, wie sehr ich „meine“ Stadtteile und die Menschen dort dadurch kennenlerne. Ich erzähle von dem anderen Blick auf das Leben vor Ort, den ich gewinne. Und ich erzähle davon, wie sehr diese Begegnungen mich und mein Leben, meinen Glauben, meinen Dienst bereichern. Natürlich sind das alles subjektive Erfahrungen und Wahrnehmungen. Aber können wir andere als subjektive Beobachtungen überhaupt machen? Das fängt zum Beispiel damit an, dass ich den Eindruck habe, dass mir die oben genannten Fragen nie von Menschen gestellt werden, die mit Kirche wenig Verbindung haben, die vielleicht noch nicht einmal an einen Gott glauben. Oft höre ich von ihnen, dass sie es toll finden, mal jemanden von der Kirche einfach so zu treffen. Manchmal bleibt es bei dem Satz „Ich finde es gut, dass sie hier sitzen.“ Manchmal entstehen lange Gespräche daraus – die werdenden Eltern, die überlegen, ob sie ihr Kind taufen lassen sollen. Ihre Eltern würden sagen, dass das doch dazu gehört. Aber sie hätten Schwierigkeiten mit diesem Gedanken. Immer wieder kommen auch Menschen zu mir, die etwas wegen einer unserer Veranstaltungen wissen wollen. Sie haben eines der Plakate oder eine der Postkarten gesehen und fragen, ob das meine Angebote seien. Wenn sie ein Gesicht dazu kennen, dann trauen sie sich eher, auch zu kommen. Oder es kommt eine Aussage wie „Ich wusste ja, dass du donnerstags hier sitzt. Da muss ich keinen Termin machen, sondern kann einfach so vorbei kommen.“

Meistens, besonders auf dem Spielplatz, fangen die Gespräche ganz belanglos an – beim gemeinsamen Spiel der Kinder, der Frage nach dem besten Kindergarten oder der Wahl der Schule. Oder wir erzählen uns vom Wochenende, von den Urlaubsplänen. Menschen, die sich vorher vielleicht höchstens mal auf der Straße gesehen haben, kommen ins Gespräch miteinander, weil sich alles um den Bollerwagen mit dem Kaffee und dem Kuchen sammelt. Dann lachen wir gemeinsam oder machen Pläne, wie der Stadtteil mal werden soll. Manchmal teilen wir auch Sorgen miteinander. Und dann ist da diese besondere Gemeinschaft zu spüren, die sich hier um den Bollerwagen und die Beachflag bildet, in der jeder willkommen ist, in der jeder zu Wort kommt. Dann sprechen wir auch darüber, was uns Halt gibt, was uns hilft, wenn wir uns um die Kinder oder die Familie sorgen. Auch wenn viele in dieser kleinen Gemeinschaft es vielleicht nicht so benennen würden, aber ich spüre, dass Gott dann mit uns im Kreis steht, vielleicht auch mit der Kaffeetasse in der Hand, immer ein Auge bei den Kindern. Ich fühle mich in diesen Momenten unglaublich bereichert in meinem Leben, in meinem Glauben, in meinem Dienst. Genau deshalb tue ich mir das an.

Natürlich gibt es auch die Stunden, in denen ich alleine sitze, auf dem Spielplatz oder im Café. Dann halte ich mich auch mal an meiner Tasse fest und beobachte die Menschen um mich herum. Da sitzt die Familie, die am Beginn der Ferien sich ein besonderes Frühstück im Café gönnt, oder der Lauftreff der Damen, die sich nach dem gemeinsamen Laufen noch einen Cappuccino gönnen. Einmal saßen da auch Menschen vom Film, die über Stadtpläne gebeugt über neue mögliche Drehorte diskutierten. In diesen Stunden lerne ich unglaublich viel über das Leben der Menschen im Stadtteil, verstehe manches, was mir begegnet, besser. Nicht eine Minute dieser Zeit ist vergebens. Und noch nie hat jemand darüber getuschelt. Ganz im Gegenteil – oft wünschen mir die Angestellten im Café oder die Nachbarn im Stadtteil, dass möglichst viele Menschen kommen, denn sie möchten, dass dieses Angebot noch lange bestehen bleibt.

Warum tust du dir das an? Wie oft mir diese Frage schon gestellt wurde, habe ich nicht gezählt. Aber ich mache jedem Mut, es selbst mal auszuprobieren. Es bereichert das Leben!