Schlagwort: Gott

Vom Tisch aufstehen

Erzähle ich davon, welche Stelle ich gerade inne habe, und berichte ich dann noch von meinem Traum vom Aufbruch in der Kirche, denken viele, ich würde die etablierten Kirchengemeinden nicht wert schätzen. Einige meinen sogar, ihre Traditionen vor mir verteidigen zu müssen. Dabei bin ich ganz und gar ein Kind dieser Kirche. Bin unzählige Male im Kindergottesdienst gewesen, war mit acht oder neun auf meiner ersten Kinderfreizeit und danach mindestens einmal im Jahr wieder. Ich habe in der Kantorei Bach und Mozart gesungen und im Gospelchor „O happy day“. Ehrlich gesagt liebe ich auch die gesungene Liturgie.

Und doch habe ich diesen Traum von einer Kirche, in der es lebendig zugeht, in der zusammen gesungen und gelacht, aber auch gemeinsam geweint und getrauert wird. Ich träume von der einen Kirche, in der sich so unterschiedliche Menschen wohl fühlen wie es sie auf Gottes schönem Erdboden gibt. Eine Kirche, in der Bach neben Gospel, House neben Punk möglich ist und rund um die Uhr Türen und Fenster offen stehen. Vor allem aber träume ich von einer Kirche, in der Jesus Christus im Zentrum steht und sein Evangelium das Maß aller Dinge ist.

Dabei ist es völlig egal, ob dies eine katholische, evangelische, traditionelle oder freie Gemeinde ist. Ich bin sogar davon überzeugt, dass wir alle diese Gemeinden brauchen. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Ja, ich höre gerne mal Punk und brauche nicht unbedingt das klassische Repertoire im Gottesdienst. Aber meine Nachbarin liebt es und geht genau deshalb gerne in ihren Gottesdienst. Ich suche derweil noch nach meiner Form. Aber ich genieße es, wenn mir die Nachbarin mit strahlenden Augen davon berichtet, wieviel ihr der Gottesdienst gegeben hat, danke Gott dafür!

Das gilt nicht nur für die Gottesdienste. Auch andere Veranstaltungen dürfen gerne die ganze Bandbreite von traditionell bis modern, hip, angesagt abdecken. Auch das ist notwendig. So erlebte ich in der vergangenen Woche, wie die katholische Gemeinde im Urlaubsort durch die Unterstützung vieler Ehrenamtlicher 12 Wochen Programm für Urlauber und Einheimische auf die Beine stellt. Von der Messe am Sonntag Morgen bis zur Klangmeditation, von der Teestube bis zum Bastelangebot für Kinder reicht das Angebot. Dabei knüpften meine Kinder dann Freundschaftsbänder wie ich vor fast dreißig Jahren und es lag das gleiche Anleitungsbuch wie damals auf dem Tisch. Auch das Chaosspiel zwei Tage zuvor habe ich schon vor 15 Jahren mit Konfirmanden gespielt. Aber an den leuchtenden Kinderaugen und dem Spaß, den sie haben, hat sich nichts geändert. Da brauchte es gar nicht irgendwelche Hightech-Angebote.

Eines aber unterschied die Jugendlichen, die dort erklärten, wie es geht, von einigen anderen Menschen, die ich schon in Kirchengemeinden erlebt habe. Sie gingen unglaublich offen auf alle Kinder zu, die kamen – egal ob sie sie kannten oder nicht. Sie bildeten keine in sich geschlossene Runde, sondern jeder konnte sich an ihrem Tisch gleich wohlfühlen. Und sie erzählten begeistert von den anderen Angeboten der Woche, luden dazu ein und machten deutlich, dass es nicht schlimm ist, wenn man sich nicht auskennt. Sie nahmen die Kinder einfach an die Hand. So wollten meine Kinder unbedingt immer wieder hin und haben sich gleich für das nächste Jahr wieder angemeldet – übrigens auch für die Gute-Nacht-Geschichte der evangelischen Gemeinde, denn dort wurden wir ebenso herzlich begrüßt.

Mein Fazit nach diesen Urlaubstagen: es ist egal, wie traditionell oder modern das Angebot ist. Für alles gibt es eine Zielgruppe und die Kirche braucht die große Bandbreite, um das Evangelium möglichst weit bekannt zu machen. Entscheidend aber ist die Haltung, mit der die Kirche den Menschen begegnet. Solange wir nur mit den alten Bekannten am Tisch sitzen und zwar von unserer angeblichen Offenheit reden, aber keinen Platz am Tisch mehr frei haben und für die dazukommenden nicht zusammenrücken oder noch besser aufstehen, bleibt mein Traum von Kirche nur ein Traum.

So danke ich Gott und den katholischen Geschwistern für diese Urlaubserfahrung und hoffe, dass in der Kirche möglichst viele aufstehen, um andere willkommen zu heißen.

Hast du in den letzten Wochen vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht? Dann teile sie doch mit uns in den Kommentaren.

Warum tust du dir das an?

Warum ich auf den Spielplatz gehe, werde ich gefragt. Warum setzt du dich in ein Café und wartest, ob einer zu dir kommt? Was machst Du, wenn keiner kommt, wenn die Menschen über dich tuscheln, weil keiner kommt? Warum tust du dir das an?

Diese Fragen sind tatsächlich gar nicht so selten. Immer wieder werde ich von Menschen, seien es Kollegen oder Kirchenmitglieder, gefragt, warum ich so etwas tue? Und ob ich meine Zeit nicht besser an anderer Stelle investieren oder sie sinnvoller nutzen könnte? Lange Zeit habe ich versucht, argumentativ zu antworten, habe von Präsenz unter den Menschen gesprochen, von Jesu Weg auf der Straße, in die Synagogen. Das hat meinem Gegenüber dann mal mehr, mal weniger eingeleuchtet. Oft endeten diese Gespräche aber auch mit Aussagen wie „ich würde so etwas nicht machen!“.

Mittlerweile erzähle ich von den Erfahrungen und Beobachtungen, die ich an diesen Tagen mache. Ich erzähle davon, wie sehr ich „meine“ Stadtteile und die Menschen dort dadurch kennenlerne. Ich erzähle von dem anderen Blick auf das Leben vor Ort, den ich gewinne. Und ich erzähle davon, wie sehr diese Begegnungen mich und mein Leben, meinen Glauben, meinen Dienst bereichern. Natürlich sind das alles subjektive Erfahrungen und Wahrnehmungen. Aber können wir andere als subjektive Beobachtungen überhaupt machen? Das fängt zum Beispiel damit an, dass ich den Eindruck habe, dass mir die oben genannten Fragen nie von Menschen gestellt werden, die mit Kirche wenig Verbindung haben, die vielleicht noch nicht einmal an einen Gott glauben. Oft höre ich von ihnen, dass sie es toll finden, mal jemanden von der Kirche einfach so zu treffen. Manchmal bleibt es bei dem Satz „Ich finde es gut, dass sie hier sitzen.“ Manchmal entstehen lange Gespräche daraus – die werdenden Eltern, die überlegen, ob sie ihr Kind taufen lassen sollen. Ihre Eltern würden sagen, dass das doch dazu gehört. Aber sie hätten Schwierigkeiten mit diesem Gedanken. Immer wieder kommen auch Menschen zu mir, die etwas wegen einer unserer Veranstaltungen wissen wollen. Sie haben eines der Plakate oder eine der Postkarten gesehen und fragen, ob das meine Angebote seien. Wenn sie ein Gesicht dazu kennen, dann trauen sie sich eher, auch zu kommen. Oder es kommt eine Aussage wie „Ich wusste ja, dass du donnerstags hier sitzt. Da muss ich keinen Termin machen, sondern kann einfach so vorbei kommen.“

Meistens, besonders auf dem Spielplatz, fangen die Gespräche ganz belanglos an – beim gemeinsamen Spiel der Kinder, der Frage nach dem besten Kindergarten oder der Wahl der Schule. Oder wir erzählen uns vom Wochenende, von den Urlaubsplänen. Menschen, die sich vorher vielleicht höchstens mal auf der Straße gesehen haben, kommen ins Gespräch miteinander, weil sich alles um den Bollerwagen mit dem Kaffee und dem Kuchen sammelt. Dann lachen wir gemeinsam oder machen Pläne, wie der Stadtteil mal werden soll. Manchmal teilen wir auch Sorgen miteinander. Und dann ist da diese besondere Gemeinschaft zu spüren, die sich hier um den Bollerwagen und die Beachflag bildet, in der jeder willkommen ist, in der jeder zu Wort kommt. Dann sprechen wir auch darüber, was uns Halt gibt, was uns hilft, wenn wir uns um die Kinder oder die Familie sorgen. Auch wenn viele in dieser kleinen Gemeinschaft es vielleicht nicht so benennen würden, aber ich spüre, dass Gott dann mit uns im Kreis steht, vielleicht auch mit der Kaffeetasse in der Hand, immer ein Auge bei den Kindern. Ich fühle mich in diesen Momenten unglaublich bereichert in meinem Leben, in meinem Glauben, in meinem Dienst. Genau deshalb tue ich mir das an.

Natürlich gibt es auch die Stunden, in denen ich alleine sitze, auf dem Spielplatz oder im Café. Dann halte ich mich auch mal an meiner Tasse fest und beobachte die Menschen um mich herum. Da sitzt die Familie, die am Beginn der Ferien sich ein besonderes Frühstück im Café gönnt, oder der Lauftreff der Damen, die sich nach dem gemeinsamen Laufen noch einen Cappuccino gönnen. Einmal saßen da auch Menschen vom Film, die über Stadtpläne gebeugt über neue mögliche Drehorte diskutierten. In diesen Stunden lerne ich unglaublich viel über das Leben der Menschen im Stadtteil, verstehe manches, was mir begegnet, besser. Nicht eine Minute dieser Zeit ist vergebens. Und noch nie hat jemand darüber getuschelt. Ganz im Gegenteil – oft wünschen mir die Angestellten im Café oder die Nachbarn im Stadtteil, dass möglichst viele Menschen kommen, denn sie möchten, dass dieses Angebot noch lange bestehen bleibt.

Warum tust du dir das an? Wie oft mir diese Frage schon gestellt wurde, habe ich nicht gezählt. Aber ich mache jedem Mut, es selbst mal auszuprobieren. Es bereichert das Leben!

Eine Zielgruppe jenseits der Erreichbarkeit?

Kirche erreicht längst nicht mehr alle Menschen, egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Da sind sich so ziemlich alle Studien einig. Also wird über Kontextualisierung und Zielgruppenorientierung gesprochen. Wobei gerade bei letzterem Stichwort noch immer viele abwehren und sagen, dass die Volkskirche doch für alle da sein muss. Theoretisch ist das sicher auch so. Wer sich aber ein wenig mit Milieustudien etc. beschäftigt, der muss eingestehen, dass Kirche schon heute viele Milieus unserer Gesellschaft nicht anspricht und so wohl oder übel zielgruppenorientiert arbeitet. Nur als Stichwort: viele Angebote der Kirchen richten sich z. B. diakonisch an Bedürftige.

Nun bin ich aber ausgezogen, neue Formen von Kirche zu suchen, kontextuell und an der Zielgruppe ausgerichtet. Also habe ich mich viel damit auseinander gesetzt, wer eigentlich in „meinem“ Stadtteil wohnt. Bleibe ich in der Begrifflichkeit der Sinusstudie, sind es vor allem drei Gruppen an Menschen: die bürgerliche Mitte, die Liberal-Intellektuellen und die Konservativ-Etablierten.

Drei Milieus, die erstmal nicht durch Angebote wie Seniorencafé, Hausaufgabenhilfe und Wärmestube angesprochen werden. Schaut man noch etwas tiefer, so lernt man, dass sie in der Kirche die Bewahrerin der Tradition sehen, was aber nicht heißt, dass sie hingehen. Ganz im Gegenteil, ein Teil dieser Gruppen geht sogar davon aus, dass Kirche ihnen nichts bieten kann, da es dort keine Menschen wie sie gibt. Sie sind zwar aus Traditionsbewusstsein noch Kirchenmitglieder, erwarten auch, dass Kirche den Bedürftigen hilft, sie selbst sieht man dort aber nicht. Sie haben keine entsprechenden Bedürfnisse, verstehen sich auch nicht als Suchende, die in Kirche etwas finden könnten.

So stelle ich mir dieser Tage oft die Frage, ob es Zielgruppen jenseits der Erreichbarkeit gibt. Sind große Teile der Bevölkerung längst nicht mehr ansprechbar für Kirche? Stehen wir längst auf verlorenem Posten? Doch so schnell will ich nicht aufgeben, denn ich glaube daran, dass das Evangelium zu jedem Menschen sprechen kann. Also bin ich in den Straßen meines Stadtteils unterwegs, lerne viel über Zaunhöhen und das Bedürfnis nach Schutz der eigenen Privatsphäre und des Eigentums. Höre von der Angst vor dem sozialen Abstieg und dem Standesbewusstsein dieser Menschen. Kirche wird hier oft mit der Forderung nach Aufgabe des Besitzes und Abwertung des hart erarbeiteten Vermögens in Verbindung gebracht. Entsprechend groß sind die Vorbehalte.

Doch das ist hier zur Zeit gar nicht mein Thema. Stattdessen bin ich Lernende in den Straßen „meines“ Stadtteils. Das Leben dieser Menschen interessiert mich, was sie bewegt, was ihre Ziele, ihre Träume sind. Ich höre viel von den Anforderungen im Beruf, von den Wünschen für die Zukunft der Kinder und auch davon, wie sie gerne an einer friedvollen Welt mitbauen wollen. Das sind Momente, in denen ich denke, Gott ist schon da. Vielleicht brauchen die Menschen hier gar keine großen Angebote, sondern einfach jemanden, der durch ihre Straßen geht, ihre Häuser und Gärten sieht und ihnen ein paar Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Vielleicht sind diese Zielgruppen dann doch gar nicht so unerreichbar?

Also mache ich mich wieder auf den Weg durch die Straßen – in diesem Jahr meint es das Wetter ja gut mit mir.

Gottesdienst ist Sonntag

Liturgischer Wildwuchs, schlecht vorbereitete Predigten und individuelle Pastorinnen und Pastoren, die sich mehr an der Kandare reißen könnten – Stichworte aus einem Interview des Deutschlandfunks mit Prof. Dorothea Wendebourg. Sie erhitzen die Gemüter. Auch ich habe mich darüber geärgert, nicht unbedingt über den Inhalt, sondern eher über so manche Formulierung, bei der ich mich frage, warum man so plakativ über andere in der Öffentlichkeit reden muss.

Dabei fand ich den ersten Teil des Interviews über die Spielarten und Folgen der Reformation sehr erhellend. Da habe auch ich, gerade mit Blick auf die verschiedenen Spielarten der Reformation – oder sagen wir jetzt Reformationen? – noch einiges gelernt. Doch es folgt ein zweiter Teil eingeleitet durch die Frage nach den Herausforderungen für die protestantischen Kirchen hierzulande und Frau Prof. Wendebourg fordert zum einen mehr Lebendigkeit und zugleich mehr Disziplin. Dabei verweist sie in Sachen Lebendigkeit auf charismatische und freikirchliche Bewegungen, die bewusst auf die persönliche Frömmigkeit setzen, den institutionellen Überbau und auch die starke Akademisierung nicht wollen. Bezüglich der Disziplin verweist sie auf den Gedanken der einen Kirche, was der geforderten Lebendigkeit zunächst nicht widerspricht, führt nach einer Nachfrage dann aber aus, dass es ihres Erachtens zuviel Wildwuchs in den Gottesdiensten gibt. Das will für mich nicht so recht zusammen passen. Gerade die von ihr genannten Bewegungen zeichnen sich ja durchaus durch verschiedenste Gottesdienstformen aus, durch freie Gebete, die nicht im Vorhinein wohl formuliert worden sind. Gerade dadurch entsteht meines Erachtens der Eindruck der Lebendigkeit. Zugleich führt die Disziplin in den Gottesdiensten, die frei von liturgischem Wildwuchs ist, wohl zu einem in allen Kirchen und Gemeinden einheitlichen Gottesdienst, der sicher eine nennenswerte Zahl an Menschen anspricht, mindestens ebenso viele aber auch nicht. Denn bei diesen Überlegungen nicht bedacht ist die immer größer werdende Komplexität der Gesellschaft, die nicht mehr eine einheitliche, homogene Zielgruppe darstellt, die sich durch den einen Gottesdienst ansprechen lässt und dort Relevanz für den Alltag erfährt.

Über all diese Punkte könnte ich diskutieren, was mich aber wirklich geärgert hat, war die plakative Formulierung: „Man hat doch viel Wildwuchs in Gottesdiensten, liturgischen Wildwuchs, Gebetsformulierungen, schlecht vorbereitete Predigten und dergleichen mehr. Da, denke ich, könnten individuelle Pastoren und Pastorinnen schon sich etwas mehr an der Kandare reißen. Das erfordert erstens Arbeit und zweitens auch eine gewisse Selbstkritik…“ So plakativ geäußert kommt das meines Erachtens einer Unterstellung vielen Kollegen gegenüber gleich, dass sie faul sind, sich in ihre Gottesdienste nicht investieren und einfach so daher plappern. Wenig später spricht Frau Prof. Wendebourg noch von fehlender Motivation und noch etwas später hebt sie den Berliner Dom als leuchtendes Beispiel hervor, wo nicht „gebastelt“ wird, „und so verschiedene. Aber sonst in der Breite… ja“ … da wird gebastelt. Ich frage mich, liegt dieses Urteil daran, dass sie selbst im Dom predigt, oder dass sie in der Breite schon lange keine Gottesdienste mehr besucht hat, dass sie selbst schon lange keine Gemeinde mehr geleitet hat? In meinen Ohren klingt ein solches Urteil vernichtend gegenüber den vielen guten Gottesdiensten, die ich in allen Teilen des Landes schon erlebt habe, die mich berührt haben, die auch am Montag morgen noch relevant waren. Und es klingt vernichtend mit Blick auf die Arbeit, die guten Gedanken, das Engagement vieler Pastorinnen und Pastoren in unserem Land. Sicher, nicht immer gelingt alles. Es gibt auch Gottesdienste, die sind eher aus Verzweiflung gehalten als aus Motivation heraus gefeiert. Aber das berechtigt meines Erachtens nicht zu einem solch pauschalen Urteil in der Öffentlichkeit, auch wenn das, wie die Aufnahme in den Medien zeigt, sehr öffentlichkeitswirksam ist.

Ein letzter Gedanke zum Schluss: Auch wenn Frau Prof. Wendebourg es nicht explizit äußert, so entsteht während des Interviews doch der Eindruck als wünsche sie sich den klassischen liturgischen Gottesdienst am Sonntag morgen, bei dem die Gläubigen in den klassischen Kirchenbänken sitzen und staunend mindestens eine Stunde zuhören. Doch wer sagt, dass das die einzige Form von Gottesdienst ist. Die ersten Christen, übrigens wahrscheinlich eine charismatisch bewegte Gruppierung, traf sich in Privathäusern, aß und trank zusammen und feierte während des Essens das Abendmahl. Dem Tagesablauf entsprechend taten sie dies wohl auch eher am Abend, denn am Sonntag morgen um 10 Uhr. Sie wählten Ort, Zeit und Form ihren Lebensumständen entsprechend. Sollten wir dies nicht auch tun, damit das Evangelium nicht nur am Sonntag morgen gepredigt, sondern am Montag Mittag auch noch gelebt wird? Angesichts der Auffächerung der Gesellschaft in verschiedene Lebensformen und Lebensweisen stünden der protestantischen Kirche dann sicher viele verschiedene Formen von Gottesdienst gut zu Gesicht, die durch das Evangelium miteinander verbunden sind.

So zolle ich den Kolleginnen und Kollegen gegenüber Respekt, die vor Ort in ihren Gemeinden alles daran setzen, vom Reich Gottes ihrem Kontext entsprechend zu reden. Ich freue mich, dort immer wieder auch für mich Neues zu entdecken und möchte Mut machen, genau dies auch in aller Unterschiedlichkeit weiter zu leben. Denn das eine Christentum besteht für mich in der unglaublichen Vielfalt der Menschen und Gottesdienste je an ihrem Ort verbunden durch den Glauben an den dreieinen Gott.

 

Licht unter dem Scheffel

Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich lange mit einer Frau mittleren Alters. Es ging buchstäblich um Gott und die Welt. Irgendwann landeten wir auch bei dem, was ich tue. Ich erzählte ihr, dass ich Pastorin für fresh expressions of church sei, und von RaumZeit, meinem Projekt oder besser meiner Gemeinde, auch wenn sie als solche (noch) nicht anerkannt ist. Die Frau war sehr interessiert, stellte Fragen, wollte verstehen, was ich mache. Sie fragte sogar nach meiner Vision. Irgendwann, es war schon fast eine Stunde vergangen, sagte sie diesen einen Satz, der unserem Gespräch noch einmal eine ganz neue Richtung gab: „Übrigens, ich bin seit einigen Jahren auch gläubige Christin.“

Unsere Unterhaltung ging noch eine Weile. Ich habe sie sehr genossen. Und doch beschäftigt mich seither ein Gedanke: Warum halten wir mit unserem Bekenntnis zu Christus oft so lange hinter dem Berg? Ist es Angst? Haben wir schlechte Erfahrungen gemacht? Oder gehört es sich bei uns einfach nicht, offen davon zu reden? Vielleicht fühlen sich die anderen ja auch davon belästigt.

Viele dieser Beweggründe kann ich gut verstehen. So manch einer möchte auch lieber an seinen Taten und nicht an seinen Worten erkannt werden. Allerdings frage ich mich, wie die Menschen dadurch etwas von Jesus Christus erfahren sollen. Viele Verhaltensweisen werden einfach mit gutem Benehmen und Höflichkeit in Verbindung gebracht und nicht mit einem christlichen Leben. Früher oder später braucht es Worte, die von Jesus, von Gott, von Gnade und Barmherzigkeit erzählen. Warum also nicht früher und gut erkennbar? Ich weiß, ich höre jetzt schon die Stimmen, die an die alten Methoden der Mission erinnern, die vor Frommen und Straßenevangelisation warnen. Dann sind da auch noch die, die meinen, für Mission nicht geeignet zu sein, zu wenig zu wissen, nicht die richtigen Worte finden zu können.

Ich denke, es braucht dafür keine besondere Ausbildung, Vorbereitung oder ein besonderes Talent. Wer von Gott berührt wurde, der kann auch von ihm erzählen – durch sein Leben in seinem Alltag. Warum nicht mal sagen, dass man betet und wo es geholfen hat? Warum das Gebet vor dem Essen weglassen, nur weil man in fremder Gesellschaft ist? Warum nicht mal vom Gottesdienst erzählen und andere einladen und mitnehmen? Warum nicht auch mal davon erzählen, wo oder wie man Gott begegnet ist, wo man ihn gespürt hat? Am Anfang kostet das sicher Überwindung, braucht etwas Mut. Aber dann bereichert es nicht nur das Leben der anderen, sondern auch das eigene. So wie mein Gespräch mit der Frau vor ein paar Tagen noch einmal eine ganz neue Dimension bekam durch ihr Bekenntnis. Am Ende hätte sogar ein gemeinsames Gebet stehen können. Schade, dass wir es nicht getan haben.

So möchte ich euch Mut machen, selbst anderen von eurem Leben mit Jesus zu erzählen. Ich bin mir sicher, dass es euer Leben unglaublich bereichern wird. Ganz nebenbei würden wir damit auch den Auftrag Jesu erfüllen: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker.“

Wie geht es euch mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus? Erzählt ihr anderen davon oder liegt euch das eher nicht? In den Kommentaren ist Platz für eure Erfahrungen.

Tanzen verboten?

In zwei Tagen ist Karfreitag. Gefühlt wie jedes Jahr dreht sich in diesen Tagen die öffentliche Diskussion rege um das Tanzverbot, das diesen Tag betrifft. Dabei wissen die wenigsten, dass dieses Gesetz nicht nur den Karfreitag betrifft, sondern die sogenannten stillen Feiertage. Clubs und Diskotheken dürfen an diesen Tagen nicht geöffnet haben, um die Würde des Tages nicht zu schmälern. In vielen Bundesländern zählen auch der Totensonntag oder Heiligabend zu diesen Tagen. Eine einheitliche Regelung für alle Bundesländer aber gibt es nicht. Das gilt auch für die „stille Zeit“ rund um Ostern. Während in Berlin lediglich am Karfreitag von 4 bis 21 Uhr ein Tanzverbot gilt, sieht Hessen das strenger und hat ein Tanzverbot von Gründonnerstag 4 Uhr bis Karsamstag 24 Uhr und an Ostersonntag und Ostermontag jeweils von 4 bis 12 Uhr verhängt. Wie jedes Jahr wird also auch in diesem Jahr wieder um diese Zeiten gestritten. Ob das noch zeitgemäß ist, lautet eine der Fragen. Wer das noch ernst nimmt, eine andere. Angesichts der Beobachtung, dass Bäckereien am Karfreitag um 5 Uhr ihre Türen öffnen dürfen, frage ich mich das allerdings auch.

Eigentlich frage ich mich das aber nicht nur in Bezug auf Karfreitag. Die Diskussion um einen weiteren Feiertag, sei es der 31. Oktober oder einen anderer Tag, zeigt meines Erachtens das gleiche Dilemma. Zahlreiche Menschen verbinden besonders mit den religiös begründeten Feiertagen wenig oder sogar nichts mehr. Es sind für sie freie Tage, die sie zum Feiern, Ausspannen oder mit der Familie nutzen möchten. Mit Glauben hat das für sie wenig zu tun. Da kann in den öffentlichen Diskussionen noch so oft von der christlichen Tradition des sogenannten christlichen Abendlandes gesprochen werden. Wenn eine Tradition für die Menschen keinen Wert, keinen Inhalt mehr hat, dann ist sie abgebrochen. Eine Wiederbelebung ist schwer und gelingt nur dann, wenn sie wieder an die Alltagswelt der Menschen angeknüpft werden kann.

Karfreitag trifft mich diese Beobachtung besonders hart. Das größte Geschenk der Menschheit wurde ihr an diesem Tag gemacht. Gott selbst wurde Mensch, litt unter Schlägen, Spott und Hohn. Er wurde bespuckt und verlacht. Er weinte bittere Tränen um seine Menschen. Er starb für sie den grausamsten Tod, den es damals gab. Und das alles, weil er die Menschen so sehr liebt, weil er ihnen seinen Himmel schenken will. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen das für sich entdecken, wieder daran glauben können. Ich kann in diesen Tagen manchmal schwer an mich halten, wenn ich dann die bekannten Diskussionen höre.

Doch ich will nicht wüten, pauschalisieren, vorverurteilen. Stattdessen sehe ich es als meine persönliche Herausforderung, Menschen in meinem Umfeld zuzuhören, zu erfahren, warum sie Karfreitag und Ostern so feiern wie sie feiern. Ich will hören, was ihre Wünsche und was ihre Sehnsüchte sind. Ich möchte erfahren, wo Gott bei diesen Menschen längst am Werk ist und hoffe, daran mitwirken zu dürfen. Vielleicht hat es ja einen guten Grund, weshalb jemand am Karfreitag bereits um 6 Uhr Brötchen in der Bäckerei kauft. Vielleicht braucht jemand das Tanzen und Feiern am Karfreitag, weil er die Trauer in seinem Leben sonst nicht aushält. Deshalb findet ihr mich mindestens am Ostermontag wieder mit Kaffee und Kuchen auf dem Spielplatz – hoffentlich hält das Wetter.

Haben stille Tage und Tanzverbot noch ihre Berechtigung? Braucht es einen weiteren religiös begründeten Feiertag? Hat die christliche Tradition noch einen Platz in unserer Gesellschaft? Wahrscheinlich müssen diese Diskussionen in der Öffentlichkeit, in der Politik geführt werden. Aber sie werden meines Erachtens keinen Nachklang in der Gesellschaft haben, wenn Christen nicht vor Ort auf ihre Mitmenschen hören und von ihrem Glauben erzählen. Nur wenn Menschen mit den Feiertagen selbst etwas verbinden, eine Bedeutung für sich darin sehen, kann die öffentliche Diskussion fruchtbar sein. Wobei sich manche Diskussion dann vielleicht auch von selbst erledigen würde. Oder was denkt ihr?

 

Wenn Ermutiger Ermutigung brauchen

Wenn mich Menschen fragen, worin ich meine Aufgabe sehe, so lautet eine Antwort „Ich möchte Menschen Mut machen, ihre eigene Form von Kirche zu entdecken und zu gestalten.“ Ich möchte Mut machen, ermutigen. Und nicht nur ich, viele andere auch. Gerade letztes Wochenende sagte eine junge Kollegin mit Blick auf ihre Jugendarbeit zu mir: „Ich sehe mich als Ermutigerin für die Jugendlichen.“ Den Menschen nicht vorgeben, was zu tun ist, sondern sie ermutigen, selbst auszuprobieren, selbst zu gestalten – für mich ist das eine wichtige Grundlage meiner Arbeit.

Doch immer häufiger erlebe ich, dass Ermutigerinnen und Ermutiger selbst mutlos werden. Die, die sie ermutigen wollen, möchten lieber konsumieren, als selbst aktiv zu werden. Projekte kommen nicht ins Laufen. In ihrem Umfeld schlägt ihnen mehr Gegenwind entgegen, als dass sie Unterstützung erfahren. Und manchmal sind es die bürokratischen Zwänge, die jedes zarte Pflänzchen im Keim ersticken. Dann höre ich Sätze wie: „Die Kirche ist noch nicht so weit.“ oder „An den ganzen Widerständen reibe ich mich auf!“…

Auch mir geht es manchmal so. Endlose Diskussionen in einer Sitzung, zigtausend Nein und Aber mit Blick auf ein neues Vorhaben. Dann würde ich am liebsten alles hinschmeißen, mir eine x beliebige Stelle suchen und gut wäre es. Doch es gibt Dinge, die mich davon abhalten, mir wieder Mut schenken. An erster Stelle steht da meine Beziehung zu Gott. Wenn ich sein Wort höre, seine Gegenwart spüre, mit ihm rede, dann spüre ich neuen Mut, neue Motivation. Dann weiß ich, dass sich alle Mühe lohnt.

Daneben gibt es aber noch etwas, das mir hilft – Beziehungen zu und Gemeinschaft mit gleichgesinnten Christen. Wenn es im täglichen Geschäft eng wird, dann habe ich eine Freundin oder einen Freund, der ich texten kann, der für mich und mit mir betet. Um gute Gemeinschaft zu erfahren, habe ich mir Netzwerke gesucht, in denen wir gemeinsam auf dem Weg sind. Churchconvention ist so eines. Und dann muss ich ein- bis zweimal im Jahr zu einem Kongress, einem Großevent, wo ich einfach auf Grund der Teilnehmerzahl schon spüre, dass ich nicht allein unterwegs bin. Mit zehntausend Menschen „Lobet den Herren“ singen tut einfach gut. Dazu gute Themen, Workshops, Gespräche. Das gibt Kraft für mindestens ein halbes Jahr.

Deshalb möchte ich euch Mut machen. Sucht euch eure Unterstützer, die ihr zu jeder Zeit anrufen könnt. Sucht euch eure Netzwerke, die euch gut tun. Fahrt zu Veranstaltungen, die euch spüren lassen, dass ihr nicht alleine unterwegs seid. Vor allem aber hört auf Gottes Wort und Stimme und betet. Kaum etwas gibt soviel Kraft wie das Gespräch mit Gott.

Was gibt euch Mut? In den Kommentaren könnt ihr davon erzählen.

Übrigens: am 23. und 24. Februar bin ich bei der Missionale in Köln – auch so ein mutmachendes Event. Bei Twitter und Facebook werde ich mich von dort melden. Also folgt mir doch auch dort.

Drei Tage zwischen Zukunft und Hoffen

Zukunft. Hoffnung. Kirche – drei Worte, drei Tage Willow Creek Leitungskongress in Dortmund. Ich war dabei und frage mich, was bleibt. Was nehme ich mit? Was bewegt der Kongress in den Menschen und in unserem Land? Denn das ist immer wieder der Anspruch der Veranstalter – die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen ermutigt und zugerüstet werden, um etwas in ihrem Umfeld zu verändern, in Bewegung zu setzen.

So will ich in den folgenden Zeilen nicht berichten, welche Vorträge, welche Inhalte präsentiert wurden (wobei das nicht immer zu vermeiden sein wird), sondern davon schreiben, was ich wahrgenommen und beobachtet, gefühlt und gesehen habe. Natürlich darf dabei nicht fehlen, was ich persönlich mitgenommen habe. Also kommt mit auf die gedankliche Reise zum Willow Creek Leitungskongress 2018. Sie beginnt am Donnerstag. Tausende strömen in die Halle. Mit etwas Verspätung und viel guter Musik beginnt der Kongress. Im Anschluss folgen die ersten Vorträge – Bill Hybels spricht von Resepkt und Höflichkeit, Erin Meyer von der kulturellen Lücke zwischen verschiedenen Ländern, die immer wieder zu Missverständnissen und fehlschlagender Kommunikation führt. Ein wahres Highlight dieses Themenkreises ist Horst Schulze am Freitag, der vom Dienst an den Menschen spricht unter dem Leitwort „Ladies and Gentlemen serve Ladies and Gentlemen“.

Foto: KirchGezeiten

Ehrlich gesagt, mich bewegen diese Worte sehr. Immer wieder leide ich am Umgang der Menschen miteinander und wundere mich, warum ich so komisch angeschaut werde, weil ich der Kassiererin an der Kasse noch einen schönen Tag wünsche. Oft sage ich es auch drastisch: Die Gesellschaft krankt an ihrer Selbstzentriertheit. Da sind diese Vorträge so wohltuend. Der anschließende Applaus lässt mich Hoffnung schöpfen, dass die nicht ganz geringe Zahl der engagierten Christen etwas verändern kann im Umgang miteinander. Doch nur wenige Minuten später wird der Verkäufer am Kaffeestand angemault, weil der Kaffee an seinem Stand ausgegangen ist, auch wenn er darauf hinweist, dass es ihm leid tue, doch an einem Stand weiter noch Kaffee vorhanden sei. Respekt, Höflichkeit im Umgang miteinander – meine Hoffnung schwindet bereits wieder. Am Abend in einem angesagten Szenerestaurant in Bochum darf ich dann als Krönung des Ganzen erleben, wie ein Restaurantfachmann seine Gäste belehrt, welche Vorspeise zu wählen sei, obwohl der Gast bereits eine ausgewählt und zweimal betont hat, dass ihm Spargel nicht schmeckt. Ich spüre, wie Groll in mir aufsteigt. Es muss sich etwas ändern im Umgang miteinander. So hoffe ich, dass die Vorträge nachwirken – und ein wenig scheint es schon begonnen zu haben. Am letzten Tag auf dem Parkplatz fragt mich ein Ordner, wann denn die Veranstaltung zuende sei. Auf meine Auskunft, dass das Programm offiziell bis 12.45 Uhr gehe, runzelt er die Stirn und meint, das sei knapp, denn ab 12 Uhr würden die Fußballfans anreisen und da bräuchten sie jeden Parkplatz. Aber mit den Christen sei das wohl kein Problem. Die seien immer so freundlich. Also lasst uns den Menschen respektvoll und höflich begegnen. Denn ich hoffe noch immer, dass sich etwas ändern kann in unserer Straße, in unserer Stadt, in unserem Land, in der Welt.

Foto: KirchGezeiten

Aber das war nicht alles, was vom Leitungskongress als Reiseerfahrung blieb. Die Reise ging schließlich noch weiter. Es blieb nicht bei einer Tagesfahrt. So war ein zweiter großer Themenkomplex die Zukunft der Kirche. Ob Christian Hennecke, Michael Herbst, Tobias Teichen oder Freimut Haverkamp – sie alle sprachen in der einen oder anderen Weise davon, wohin sich Kirche entwickeln kann und muss, was diesen Weg erschwert und was dennoch möglich ist. In einer Halle mit mehr als zehntausend Menschen, die alle ein Herz für ihre Kirche haben, wirken solche Worte wirklich ermutigend. Wenn so viele Menschen an einer Zukunft der Kirche mitwirken wollen, dann muss das doch was werden. Dabei standen einige Gedanken immer wieder im Raum – der geistliche Aufbruch zum Beispiel. Wenn wir eine missionarische Kirche wollen, die an der missio Dei mitwirkt, dann braucht es einen neuen geistlichen Aufbruch in der Pfarrerschaft, wie Michael Herbst sagt, aber auch in der großen Schar der Christen. Es geht eben nicht darum, Kirche zu verwalten, sondern darum Kirche zu sein, Jüngerinnen und Jünger Jesu zu werden und zu sein, den dreieinigen Gott in den Mittelpunkt zu stellen und nicht irgendwelche Kirchengesetze und Verwaltungsvorschriften. Das hört sich oft leichter an als es in Wirklichkeit ist. Denn ich habe den Eindruck, dass wir dafür erst einmal aus unserer Komfortzone rausmüssen, in der wir uns mit unserem Klagen und Stöhnen über Bürokratie und Arbeitsbelastung eingerichtet haben. Die Komfortzone zu verlassen, heißt zu den Menschen zu gehen und dort zu bleiben. Das wurde auch bei Willow deutlich. Dann geht es um einen Wandel vom Sterben zum Osterglauben und vom Machen und Herrschen zum Dienen und Ermöglichen, wie Christian Hennecke es sagte.  Gerade der Wechsel hin zum Dienen und Ermutigen fällt schwer. Wer möchte schon freiwillig Diener sein? An dieser Stelle schloss sich der Kreis für mich hin zum Vortrag von Horst Schulze. „Ladies and Gentlemen serve Ladies and Gentlemen.“ Niemand ist besser als der andere, aber es ist auch niemand schlechter als der andere.

Foto: KirchGezeiten

Zukunft. Hoffnung. Kirche – drei Worte, drei Tage Leitungskongress. Sie waren wie die Quelle frischen Wassers für mich. Ich konnte drei Tage auftanken, um zuhause wieder loszugehen, nach den Orten zu suchen, wo Gott schon aktiv ist, an seiner Mission mitzuwirken. Sie haben mich inspiriert, den Weg des Dienens und Ermutigens weiterzugehen, auch wenn ich manches Mal am Verhalten anderer Menschen leide. Ich habe den Aufruf Gottes gespürt, es anders zu machen. Respekt und Höflichkeit – zwei Gedanken, die mich seit diesen Tagen noch mehr bewegen als sie es zuvor schon taten. Und ich habe den Wunsch und das Verlangen, diese Erfahrungen, die ich in Dortmund machen durfte, an andere weiterzugeben. In diesem Jahr waren wir zu zweit beim Leitungskongress. In zwei Jahren möchte ich mindestens zwei weitere Personen aus meiner Arbeit mitnehmen. Bis dahin ist meine Herausforderung zu dienen und zu ermutigen. Jetzt aber sage ich „Danke, Willow, für diese mutmachenden, inspirierenden Tage!“

Die Zielgruppe der Mission

Kirche muss sich verändern, Kirche muss neue Wege erschließen – so oder ähnlich ist es an verschiedenen Stellen berechtigterweise zu lesen oder zu hören. Fast immer wird im Anschluss von Zielgruppenorientierung gesprochen, davon dass mit den diversen Angeboten nicht mehr alle Menschen angesprochen werden können; davon, dass bei der Planung einer Veranstaltung überlegt werden muss, wen man damit ansprechen möchte.

Also legt sich doch die Frage nahe, welche Zielgruppe Mission hat. Wen wollen wir damit ansprechen? Ich stelle diese Frage immer dann, wenn ich mit Menschen in Kontakt komme, die missionarisch unterwegs sind – egal, ob in Sachen Fresh X oder Gemeindepflanzung. Dabei hat sich ein Eindruck bei mir festgesetzt, der durch die Ausschreibung vieler Förderungen und Projekte stetig verfestigt wird. Mission wird dort tätig, wo Hilfe notwendig ist, wo es ein Bedürfnis gibt. Das können die Kinder in der Plattenbausiedlung sein, die Unterstützung bei den Hausaufgaben brauchen. Oder es sind die Geflüchteten, die kaum jemanden in ihrer neuen Stadt kennen. Vielleicht sind es auch sozial schwache Familien oder alleinerziehende Mütter, denen man helfen sollte. Anknüpfungspunkte sind immer wieder die sozialen Bedürfnisse.

Aber was ist dann mit denen, die finanziell besser gestellt sind? Brauchen sie das Evangelium nicht oder können sie durch Mission nicht erreicht werden? Doch, lautete eine Antwort, die ich unlängst auf meine Frage bekam. Natürlich brauche auch ein gestresster Manager kurz vor dem Burnout das Evangelium. Er könne schließlich dadurch erfahren, welche Dinge im Leben wirklich entscheidend seien. Doch schon wieder richtet sich diese Zielgruppenbeschreibung an einem Bedürfnis aus, ist defizitorientiert.

Bei all diesen Beschreibungen beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Das Evangelium als Mittel, um Leerstellen zu füllen und falsches Verhalten aufzudecken oder zu korrigieren, das greift mir zu kurz. Die Hilfe für Arme, Witwen und Waisen, zu der schon das Alte Testament aufruft, ist ein guter Dienst am Menschen. Doch ist es nicht der einzige Anspruch des Evangeliums. Darauf kann man es nicht reduzieren. Außerdem gibt es doch auch Menschen, die wirtschaftlich gut gestellt sind, gerade in keiner Krise stecken und ihr Leben einfach nur genießen. Muss ich mich mit ihnen so lange auf die Suche begeben, bis wir die Leerstellen in ihrem Leben gefunden haben, um dann das Evangelium zur Sprache zu bringen?

Nein, ich möchte mich mit ihnen vielmehr freuen über das, was sie haben, entdecken, was ihnen geschenkt worden ist. Ich möchte mit ihnen das Leben feiern und vielleicht zu einem Gefühl der Dankbarkeit kommen, dass sie nach Gott fragen lässt. Dann entstehen in mir Bilder von einem fröhlichen und lebendigen Leben mit Christus. Wenn die sozialen Bedürfnisse nicht der einzige Anknüpfungspunkt für Mission sind, sondern diese Menschen ganz anders zu erreichen sind, dann ist Kirche meines Erachtens noch einmal neu herausgefordert.

Die Hilfe für andere hat sie über Jahrhunderte in der Diakonie gelernt und ausgeübt. Das Feiern des Lebens und die Wertschätzung des Vorhandenen ist immer wieder zu kurz gekommen. Unter diesem Aspekt eine neue Form von Kirche, eine fresh expression zu entdecken, fände ich spannend. Da will ich dran bleiben. Vielleicht entsteht etwas, vielleicht merke ich aber auch, dass es selbst in diesen Zusammenhängen um Bedürfnisse und Leerstellen geht.

Ich halte euch auf dem Laufenden. Bis dahin hinterlasst mir doch eure Ideen und Gedanken in den Kommentaren.

Ein Jahr Aufbruch 

In diesen Stunden geht es zuende: mein erstes Jahr im Aufbruch – ein Jahr wandern und wundern, ein Jahr voller Höhen und Tiefen. Ich frage mich, was hat es gebracht, mir und den anderen? Oder ist alles noch so wie vor einem Jahr?

Ich will nicht die zahlreichen Veranstaltungen aufzählen, auf denen ich war oder die verschiedenen Wege, die ich durch meine Stadtteile gegangen bin. Die Liste wäre lang, aber Veränderung bemisst sich daran nicht. Eher will ich davon berichten, was meine Eindrücke, meine Gedanken zum Thema Kirche und Glauben nach diesem Jahr sind. 

Dabei muss ich aber doch bei den Begegnungen anfangen, denn allein auf Grund meiner Stellenbeschreibung sehen viele, denen ich begegne, in mir die, die jetzt alles anders macht, Traditionen bricht, kurz gesagt: das enfant terrible. Einige haben wohl auch Angst, dass ich ihre althergebrachten Ordnungen über den Haufen werfen oder es irgendwie so modern mache, dass die jungen Leute aus ihren Gemeinden lieber zu mir kommen. Ehrlich gesagt, mittlerweile spiele ich manchmal auch mit diesem Image. Denn manchmal nerven mich diese Vorannahmen. Genauso gerne, wie ich im Stadtteil auf der grünen Wiese Brot und Butter teile, feiere ich nämlich klassische Gottesdienste in alten Kirchen. 

Eine Veränderung habe ich aber bei allen gespürt, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin. Wir haben geredet – über Kirche und Glaube, über Formen und Traditionen, über Gottesdienst und Seelsorge. Dann war es egal, ob man in der Kirche ist oder nicht, ob frau ehrenamtlich engagiert ist oder sich weit vom Herrn entfernt sieht. Bei allen spürte ich eine Sehnsucht, dass etwas geschehen solle, dass man Glauben und Kirche doch nicht einfach so aufgeben dürfe. Die Beweggründe der einzelnen Gesprächspartner waren dabei ganz unterschiedlich. Die einen waren überzeugte „Papa-Kinder“, die anderen sahen die soziale Arbeit der Kirche als unabdingbar an, hatten aber selbst nicht viel mit Gott am Hut. Auf einen Bericht über meine Arbeit im Fernsehen hin meldeten sich fremde Menschen bei mir, weil sie sich freuten, dass etwas geschieht. Kirche und Glaube sind für die Menschen, denen ich begegnete, nicht bedeutungslos. Der Wunsch danach, dass etwas geschieht, ist da und er ist groß. Sie alle wollten darüber reden, über neue Wege nachdenken. Nicht einfach aufgeben. 

So nehme ich in den letzten Wochen vermehrt wahr, dass Kirche im Gespräch ist, dass sie aus dem Bewusstsein der Menschen noch nicht ganz verschwunden ist. Es gibt noch Redebedarf und ich begreife, dass dies die Chance ist, die es zu ergreifen gilt. Das gilt nicht nur mit Blick auf die Existenz der Kirche als Institution, das gilt für mich besonders mit Blick auf den christlichen Glauben in seiner gesellschaftlichen Auswirkung.

In einer Gesellschaft, in der Individualität und Unabhängigkeit von großer Bedeutung sind, in der jede und jeder seine eigene Lebensform sucht und sich doch nach Gemeinschaft sehnt, braucht es dennoch Werte, an denen man sich orientieren kann. Und es braucht höchst unterschiedliche Formen von Gemeinde und Glaube – von der traditionellen Gemeinde bis hin zum gemeinschaftlichen Leben in der Platte.  Die Zeit der best praxis – Arbeit ist dabei größtenteils vorbei. Den Koffer mit dem erprobtem Handwerkszeug können wir getrost in die Ecke stellen, denn an jedem Ort gilt es Neues auszuprobieren. Das merke ich schon in meinen beiden Stadtteilen und die liegen nur fünf Kilometer voneinander entfernt. Es gibt kein richtig und kein falsch. Alles will ausprobiert werden, eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Aber genau das macht es so spannend.

Mein erstes Jahr Aufbruch geht zuende und geht morgen auch gleich weiter. Jeder Tag ist ein neuer Aufbruch, bedeutet Wandern und Wundern in den Straßen und Häusern meiner Stadt. Seitdem ich aufgebrochen bin, nehme ich vieles um mich herum viel bewusster wahr. Mein Dienst lehrt mich immer wieder neu zu fragen, was will Gott hier oder dort tun oder tut es schon längst? Wie kommt sein Evangelium im Alltag zum Klingen? Seit ich aufgebrochen bin, erlebe ich meine Arbeit intensiver, tiefer als je zuvor. Seither bekommt die Theologie jeden Tag neue Bedeutung. Das ist wohl die größte Veränderung bei mir, vielleicht auch bei den anderen. Und es ist ein unglaublich großes Geschenk, dies erleben zu dürfen. 

Ich wünsche es jedem, dass er oder sie diesen Aufbruch erleben kann, denn er bereichert ungemein. So wünsche ich euch allen ein gesegnetes neues Jahr voller Aufbrüche, voller Wandern und Wundern.