Schlagwort: Glaube

Alles nur Symptome?

„Pfarrberuf 2030 – wir reiten die Welle“ – aber welche Welle reiten wir wirklich? Seit ich Anfang der Woche auf der großen Tagung meiner Landeskirche zur Zukunft des Pfarrberufes war, stelle ich mir diese Frage. Wenn ich ehrlich bin, stelle ich sie mir nicht er seit dieser Tagung, sondern tat es auch schon vorher. Aber irgendwie ist sie seither noch einmal lauter geworden.

Die Mitgliedszahlen der Kirchen schwinden ebenso wie die Finanzen und auch die Zahl der aktiven Pastorinnen und Pastoren steht scheinbar vor dem Kollaps. Allerorten mehren sich die Stimmen, die Veränderungen auch für den Pfarrberuf fordern. Also warum nicht mal mit denen darüber diskutieren, die es unmittelbar betrifft. Gesagt, getan.

In verschiedenen Impulsen und besonders in einem umfangreichen Open Space wurden Stimmen, Ideen und konkrete Vorschläge gesammelt. Für mich bezeichnend war, dass die Topthemen sich schnell um Dinge wie neue Strukturen, multiprofessionelle Pfarrteams, die Verteilung zwischen Land und Stadt etc. drehten. Auch das 21-Punkte-Programm der bayrischen Landeskirche, das vorgestellt wurde, hatte auffallend viele Strukturveränderungen wie die bessere Ausbildung und Bezahlung der Pfarrsekretärinnen oder die lebenslange Fort- und Weiterbildung der Geistlichen zum Inhalt. Viele der Anwesenden waren begeistert, stimmten ein in den Gesang derer, die meinten, mit diesen Änderungen würde die Zukunft in den Griff zu bekommen sein. In vielen Dingen stimme ich dem zu. Doch je mehr Abstand ich von diesen Tagen bekam, umso mehr bleibt ein Nachgeschmack.

Mehr und mehr festigt sich mittlerweile bei mir der Eindruck, dass all diese Strukturdebatten und Veränderungsvorschläge eher ein Symptom als eine Lösung darstellen. Das eigentliche Problem aber, scheint mir, ist an anderer Stelle zu suchen und zu finden. Es sind verschiedene Beobachtungen, die mich dahin führten. An einigen möchte ich euch teilhaben lassen.

Gerade die verschiedenen Strukturveränderungen der letzten Jahre wie Jahresgespräche und Dienstbeschreibungen ließen mich erfahren, dass die einen sie lieben und die anderen sie ablehnen. Entsprechend sehen die einen in ihnen die Lösung oder zumindest einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer besseren Berufsausführung. Die anderen aber lehnen sie ab und fühlen sich durch Maßnahmen wie diese eingeengt, in ihrer Freiheit beschränkt. Sprich ich habe den Eindruck, dass, egal welche Strukturveränderung anstehen, sie immer auch Widerstand hervorrufen und man sich in den Grabenkämpfen um sie auch verlieren kann. Lösungen, die zu einer umfassenden Zufriedenheit der Pastorinnen und Pastoren führen, aber bringen sie nicht, werden sie niemals bringen. Stattdessen binden sie immer neue Zeit. Vielleicht sind sie so auch eine gute Entschuldigung, um sich nicht mit anderen wesentlicheren Dingen beschäftigen zu müssen.

Was das Wesentlichere ist? Vielleicht ist genau das die Frage. Darauf gestoßen bin ich, als ich in einer Plenumsrunde der Tagung die gut zweihundert anwesenden Pastorinnen und Pastoren bat, für eines meiner Vorhaben zu beten. Diverse Gesichter sahen mich darauf verständnislos an. Nach der Runde wurde ich sogar angesprochen, dass ich so etwas in dieser Form äußern konnte und ich war erstaunt. Wo denn sonst, wenn nicht unter Glaubensgeschwistern in einer Kirche?

Dazu eine weitere Beobachtung einen Tag später in einer kleinen Runde von Pastorinnen und Pastoren. Es geht um die Zukunft des Pfarrberufes und was wir in diesen Zeiten noch verkündigen können. Da äußert einer der Anwesenden, dass es im Jahr 2030 keinen Gott mehr gäbe, denn schließlich sei der eine menschliche Vorstellung und in zwanzig Jahren würde da niemand mehr dran glauben.

Mit diesen Eindrücken fuhr ich nach Hause, hatte in der Bahn noch Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen und spürte, dass mich ein Gedanke seither nicht mehr los lässt. Was wäre, wenn alle diese Diskussionen und Debatten um andere Strukturen, um bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um neue Berufsbilder und und und nur ein Symptom für das eigentliche Problem wären. Was wäre, wenn die zahlreichen Forderungen und Veränderungen so hoch gepuscht würden, um vom eigentlichen Problem abzulenken, sich nicht damit auseinandersetzen zu  müssen? Wenn es so wäre, spräche vieles dafür, dass wir auch im Jahr 2030 uns noch immer um diese Fragen drehen würden, vielleicht noch viel intensiver als wir es heute schon tun, und noch immer keine Zufriedenheit erreicht wäre, evtl. sogar noch weit weniger Menschen diesen Beruf ausüben möchten als die schlimmsten Prognosen es uns an den Himmel zeichnen. Dann hätten wir noch immer übervolle Terminkalender und noch leerere Kirchen.

Was dann das eigentliche Problem ist? Ich kann es nicht abschließend bestimmen. Aber eine Ahnung sagt mir, dass in unseren Kirchen und Gemeinden, in unseren Amtszimmern und Herzen eine Art Geistlosigkeit herrscht. Mit dem Wirken des Heiligen Geistes wird nicht gerechnet. Der eigene Bezug zu Gott und Evangelium hat stark gelitten und wird wenig geübt. Die Grundlage des Glaubens ist verschütt gegangen und die Menschen um uns her spüren das allzu deutlich. Es ist einfacher, sich mit Strukturen und immer neuen Veränderungen zu beschäftigen, mit Sitzungen und Verwaltungsnormen den Kalender zu füllen, als auf sich und den eigenen Glauben geworfen zu sein. Es lässt sich leichter über Veränderungen im Pfarrberuf streiten als zu fragen, was wir noch glauben (können) und auch die eigene Leere zu bekennen.

Pfarrberuf 2030 – wir reiten die Welle. Ich wünschte mir, wir würden wieder die Welle des Glaubens reiten, dem Geist vertrauen, dass er uns dort hinspült, wo Gott schon am Werk ist und wir mitwirken dürfen. Wieder das Surfen dieser Welle zu lernen, scheint mir zielführender zu sein als immer wieder neu über Strukturen zu diskutieren und Strukturen zu verändern. Dann wären wir meines Erachtens dem Problem deutlich näher und würden nicht nur Symptome bekämpfen.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Was sind Eure Eindrücke zwischen Pfarrberuf und Strukturwandel? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.

Das Kreuz mit dem Kreuz!

Das Kreuz sei ein klares Bekenntnis zur bayrischen Identität und zu den christlichen Werten. So schrieb es Markus Söder gestern bei Facebook, nachdem das Kabinett beschlossen hatte, dass ab 1. Juni in jeder staatlichen Behörde ein Kreuz hängen muss. Schnell verbreiteten sich seine Worte in den Sozialen Medien und Empörung machte sich breit. Ganz ehrlich, mein erster Gedanke bei dieser Meldung war: Wenn Herr Söder ein Bekenntnis zur bayrischen Identität wünscht, dann sollte das eher in Form von Lederhosen, Weißwurst und Bier geschehen, zumindest wenn man diversen Klischees folgt. Aber die lassen sich einfach so schlecht aufhängen. Gleichzeitig fragte ich mich, ob es bis zum 1. Juni noch eine Ausführungsbestimmung geben wird, wie diese Kreuze wohl auszusehen haben, mit dem Corpus Christi oder ohne, in Holz, Metall oder eher barock?

Aber natürlich habe ich mir noch mehr Gedanken dazu gemacht. Ich war erstaunt, wie schnell sich Protest besonders von zwei Seiten regte. Zum einen von denen, die die strikte Trennung von Staat und Kirche fordern und entsprechend keine Kreuze oder andere religiöse Symbole in öffentlichen Gebäuden sehen wollen. Zum anderen von Christen, die ihr Glaubenssymbol durch das gesetzmäßige Aufhängen von Kreuzen in staatlichen Behörden missbraucht sehen. Diese Diskussionen möchte ich gar nicht weiter befeuern, denn ich habe nicht den Eindruck, dass dies weiterführen würde. So will ich einfach meine Sicht der Dinge schildern, denn für mich steht da noch ein ganz anderer Aspekt im Hintergrund.

Vorweg: auch ich halte das Kreuz in den staatlichen Behörden für nicht angebracht. Wer es nutzt, sollte wissen für was es steht. Genau da aber liegt für mich das Problem. Seit vielen Monaten schon hört und liest man immer wieder davon, dass die christlichen Werte wieder hochgehalten werden müssten, dass sie gegen Angriffe von außen verteidigt werden müssten. Der Islam ist da schnell zum Feindbild geworden. Doch liegt das eigentliche Problem nicht beim Islam. Es liegt in unserer eigenen Gesellschaft. Die Rede von den christlichen Werten ist zu einem Reden in Floskeln geworden, denn wer weiß eigentlich wirklich noch, was sich dahinter verbirgt? Fragt man Menschen, was sie damit meinen (und das habe ich mehrfach getan), dann kommen da Aussagen wir Höflichkeit, Respekt den anderen gegenüber, Wertschätzung… Aber diese Werte finden sich auch in anderen Religionen oder Wertvorstellungen. Sie sind nicht spezifisch christlich. Wer die christlichen Werte einfordert, sollte es daher nicht bei Floskeln belassen, sondern sie auch mit Inhalt füllen. Das ist die eigentliche Herausforderung. Um das zu tun, braucht es ein gewisses Grundwissen in Sachen Religion, auch eine Teilnahme und ein Leben des Glaubens wären wünschenswert. Doch fragt man Menschen, was sie denn über den christlichen Glauben wissen, z.B. über den Hintergrund der Feiertage, dann bleibt es oft bei vagen Äußerungen, oder es zeigt sich ein deutliches Nichtwissen. Übrigens: genau diese Fragen stelle ich im Zuge meiner Pionierweiterbildung gerade Menschen auf der Straße. Deshalb ist es schwierig, in unseren Tagen von den christlichen Werten zu sprechen, wenn es nicht bei Floskeln bleiben soll. Denn Floskeln braucht kein Mensch.

Das Kreuz als Bekenntnis zu den christlichen Werten in staatlichen Behörden halte ich aber auch noch aus einem anderen Grund für ziemlich schwierig. Es stellt sich mir nämlich die Frage, ob es überhaupt ein solches Zeichen braucht, oder ob Jesus Christus es so gewollt hätte. Auch ich trage ein kleines Kreuz an einer Kette um den Hals, habe in meinem Arbeitszimmer und an anderen Orten im Haus ein Kreuz stehen. Doch trage ich es nicht, um zu zeigen, dass ich Christin bin. Ich bin mir sicher, dass ich es dafür nicht brauche. Genauso sicher bin ich mir, dass Jesus es zu diesem Zweck auch nicht wollte. Es hat einen anderen Sinn für mich. Oft erwische ich mich, wie ich in schwierigen Situationen, in Momenten des Zweifels oder der Fragen, mal eben das Kreuz an meinem Hals berühre. Oder ich suche mit den Augen das Kreuz in meinem Arbeitszimmer. Dieses Anfassen, dieser Anblick schenken mit Zuversicht, Hoffnung für das, was vor mir liegt. Es erinnert mich einfach daran, welch großes Geschenk mir Gott in Christus gemacht hat. Doch es braucht dieses Zeichen nicht aus Demonstrationszwecken irgendeiner Identität oder irgendwelcher Werte. Es wäre ein Armutszeugnis unseres Glaubens, wären wir nur an einem solchen Symbol erkennbar. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ sagt Jesus in Matthäus 7,16. Was das heißt, führt Johannes in seinem ersten Brief aus: Und hieran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben; wenn wir seine Gebote halten.  Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in dem ist nicht die Wahrheit.  Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet. Hieran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist. (1. Johannes 2,3-6) Ich bin mir sicher, wären wir an unseren Früchten erkennbar, müssten wir nicht über das Kreuz als Bekenntnis zu den christlichen Werten diskutieren. Dann würden andere uns schon an unserem Handeln erkennen.

So besteht für mich die eigentliche Herausforderung darin, dass Christinnen und Christen wieder an ihren Früchten, ihren Worten und Taten, erkennbar werden. Ich will jeden Tag daran arbeiten. Ihr auch? Hinterlasst doch mal in den Kommentaren, wie ihr mit der Frage nach dem Kreuz umgeht, oder was das Leben in Worten und Taten für euch bedeutet.

Licht unter dem Scheffel

Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich lange mit einer Frau mittleren Alters. Es ging buchstäblich um Gott und die Welt. Irgendwann landeten wir auch bei dem, was ich tue. Ich erzählte ihr, dass ich Pastorin für fresh expressions of church sei, und von RaumZeit, meinem Projekt oder besser meiner Gemeinde, auch wenn sie als solche (noch) nicht anerkannt ist. Die Frau war sehr interessiert, stellte Fragen, wollte verstehen, was ich mache. Sie fragte sogar nach meiner Vision. Irgendwann, es war schon fast eine Stunde vergangen, sagte sie diesen einen Satz, der unserem Gespräch noch einmal eine ganz neue Richtung gab: „Übrigens, ich bin seit einigen Jahren auch gläubige Christin.“

Unsere Unterhaltung ging noch eine Weile. Ich habe sie sehr genossen. Und doch beschäftigt mich seither ein Gedanke: Warum halten wir mit unserem Bekenntnis zu Christus oft so lange hinter dem Berg? Ist es Angst? Haben wir schlechte Erfahrungen gemacht? Oder gehört es sich bei uns einfach nicht, offen davon zu reden? Vielleicht fühlen sich die anderen ja auch davon belästigt.

Viele dieser Beweggründe kann ich gut verstehen. So manch einer möchte auch lieber an seinen Taten und nicht an seinen Worten erkannt werden. Allerdings frage ich mich, wie die Menschen dadurch etwas von Jesus Christus erfahren sollen. Viele Verhaltensweisen werden einfach mit gutem Benehmen und Höflichkeit in Verbindung gebracht und nicht mit einem christlichen Leben. Früher oder später braucht es Worte, die von Jesus, von Gott, von Gnade und Barmherzigkeit erzählen. Warum also nicht früher und gut erkennbar? Ich weiß, ich höre jetzt schon die Stimmen, die an die alten Methoden der Mission erinnern, die vor Frommen und Straßenevangelisation warnen. Dann sind da auch noch die, die meinen, für Mission nicht geeignet zu sein, zu wenig zu wissen, nicht die richtigen Worte finden zu können.

Ich denke, es braucht dafür keine besondere Ausbildung, Vorbereitung oder ein besonderes Talent. Wer von Gott berührt wurde, der kann auch von ihm erzählen – durch sein Leben in seinem Alltag. Warum nicht mal sagen, dass man betet und wo es geholfen hat? Warum das Gebet vor dem Essen weglassen, nur weil man in fremder Gesellschaft ist? Warum nicht mal vom Gottesdienst erzählen und andere einladen und mitnehmen? Warum nicht auch mal davon erzählen, wo oder wie man Gott begegnet ist, wo man ihn gespürt hat? Am Anfang kostet das sicher Überwindung, braucht etwas Mut. Aber dann bereichert es nicht nur das Leben der anderen, sondern auch das eigene. So wie mein Gespräch mit der Frau vor ein paar Tagen noch einmal eine ganz neue Dimension bekam durch ihr Bekenntnis. Am Ende hätte sogar ein gemeinsames Gebet stehen können. Schade, dass wir es nicht getan haben.

So möchte ich euch Mut machen, selbst anderen von eurem Leben mit Jesus zu erzählen. Ich bin mir sicher, dass es euer Leben unglaublich bereichern wird. Ganz nebenbei würden wir damit auch den Auftrag Jesu erfüllen: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker.“

Wie geht es euch mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus? Erzählt ihr anderen davon oder liegt euch das eher nicht? In den Kommentaren ist Platz für eure Erfahrungen.

Tanzen verboten?

In zwei Tagen ist Karfreitag. Gefühlt wie jedes Jahr dreht sich in diesen Tagen die öffentliche Diskussion rege um das Tanzverbot, das diesen Tag betrifft. Dabei wissen die wenigsten, dass dieses Gesetz nicht nur den Karfreitag betrifft, sondern die sogenannten stillen Feiertage. Clubs und Diskotheken dürfen an diesen Tagen nicht geöffnet haben, um die Würde des Tages nicht zu schmälern. In vielen Bundesländern zählen auch der Totensonntag oder Heiligabend zu diesen Tagen. Eine einheitliche Regelung für alle Bundesländer aber gibt es nicht. Das gilt auch für die „stille Zeit“ rund um Ostern. Während in Berlin lediglich am Karfreitag von 4 bis 21 Uhr ein Tanzverbot gilt, sieht Hessen das strenger und hat ein Tanzverbot von Gründonnerstag 4 Uhr bis Karsamstag 24 Uhr und an Ostersonntag und Ostermontag jeweils von 4 bis 12 Uhr verhängt. Wie jedes Jahr wird also auch in diesem Jahr wieder um diese Zeiten gestritten. Ob das noch zeitgemäß ist, lautet eine der Fragen. Wer das noch ernst nimmt, eine andere. Angesichts der Beobachtung, dass Bäckereien am Karfreitag um 5 Uhr ihre Türen öffnen dürfen, frage ich mich das allerdings auch.

Eigentlich frage ich mich das aber nicht nur in Bezug auf Karfreitag. Die Diskussion um einen weiteren Feiertag, sei es der 31. Oktober oder einen anderer Tag, zeigt meines Erachtens das gleiche Dilemma. Zahlreiche Menschen verbinden besonders mit den religiös begründeten Feiertagen wenig oder sogar nichts mehr. Es sind für sie freie Tage, die sie zum Feiern, Ausspannen oder mit der Familie nutzen möchten. Mit Glauben hat das für sie wenig zu tun. Da kann in den öffentlichen Diskussionen noch so oft von der christlichen Tradition des sogenannten christlichen Abendlandes gesprochen werden. Wenn eine Tradition für die Menschen keinen Wert, keinen Inhalt mehr hat, dann ist sie abgebrochen. Eine Wiederbelebung ist schwer und gelingt nur dann, wenn sie wieder an die Alltagswelt der Menschen angeknüpft werden kann.

Karfreitag trifft mich diese Beobachtung besonders hart. Das größte Geschenk der Menschheit wurde ihr an diesem Tag gemacht. Gott selbst wurde Mensch, litt unter Schlägen, Spott und Hohn. Er wurde bespuckt und verlacht. Er weinte bittere Tränen um seine Menschen. Er starb für sie den grausamsten Tod, den es damals gab. Und das alles, weil er die Menschen so sehr liebt, weil er ihnen seinen Himmel schenken will. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen das für sich entdecken, wieder daran glauben können. Ich kann in diesen Tagen manchmal schwer an mich halten, wenn ich dann die bekannten Diskussionen höre.

Doch ich will nicht wüten, pauschalisieren, vorverurteilen. Stattdessen sehe ich es als meine persönliche Herausforderung, Menschen in meinem Umfeld zuzuhören, zu erfahren, warum sie Karfreitag und Ostern so feiern wie sie feiern. Ich will hören, was ihre Wünsche und was ihre Sehnsüchte sind. Ich möchte erfahren, wo Gott bei diesen Menschen längst am Werk ist und hoffe, daran mitwirken zu dürfen. Vielleicht hat es ja einen guten Grund, weshalb jemand am Karfreitag bereits um 6 Uhr Brötchen in der Bäckerei kauft. Vielleicht braucht jemand das Tanzen und Feiern am Karfreitag, weil er die Trauer in seinem Leben sonst nicht aushält. Deshalb findet ihr mich mindestens am Ostermontag wieder mit Kaffee und Kuchen auf dem Spielplatz – hoffentlich hält das Wetter.

Haben stille Tage und Tanzverbot noch ihre Berechtigung? Braucht es einen weiteren religiös begründeten Feiertag? Hat die christliche Tradition noch einen Platz in unserer Gesellschaft? Wahrscheinlich müssen diese Diskussionen in der Öffentlichkeit, in der Politik geführt werden. Aber sie werden meines Erachtens keinen Nachklang in der Gesellschaft haben, wenn Christen nicht vor Ort auf ihre Mitmenschen hören und von ihrem Glauben erzählen. Nur wenn Menschen mit den Feiertagen selbst etwas verbinden, eine Bedeutung für sich darin sehen, kann die öffentliche Diskussion fruchtbar sein. Wobei sich manche Diskussion dann vielleicht auch von selbst erledigen würde. Oder was denkt ihr?

 

Konkurrenz belebt das Geschäft

„Konkurrenz belebt das Geschäft“ – wer kennt diesen Satz nicht? Geht man auf die Suche nach der Herkunft dieses Satzes, liest man viel davon, dass es sich um ein deutsches Sprichwort handelt. Etwas Überzeugendes zu Ursprung und Herkunft aber habe ich nicht gefunden. Dennoch ist jeder überzeugt davon, dass es stimmt.

Mittlerweile hört man diesen Satz auch in kirchlichen Kreisen. Der amerikanische Soziologe Rodney Stark sagt zum Beispiel, dass Veränderungen in der Religiösität hauptsächlich durch das Angebot vorangetrieben werden. So wie wir alle an einem Buffet mehr essen als bei einem Drei-Gänge-Menü, führt auch im Bereich der Religionen mehr Angebot zu mehr Nachfrage. Dabei ist nicht die Zahl der Kirchen entscheidend sondern ihr Engagement. Auch Marlin Watling, Start, schreibt mit Rückgriff auf verschiedenste Studien, dass die Zugehörigkeit und Beteiligung an Kirche durch das Angebot gefördert wird. Und was sagt die praktische Erfahrung dazu?

Seit etwas mehr als einem Jahr bin ich in Sachen Gemeindegründung unterwegs. Viel Energie und Kraft habe ich schon investiert und so langsam entsteht etwas. Dabei zeigt sich gerade in den letzten Wochen, dass, wenn erst einmal etwas da ist, weitere Ideen und Aktivitäten immer schneller neu hinzukommen. So gesehen ist etwas dran an der Feststellung, dass das Angebot die Nachfrage steigert und umgekehrt. Doch nicht nur intern wächst das Angebot und die Nachfrage. Auch die Gemeinden im Umfeld, habe ich das Gefühl, feilen wieder mehr an ihrem Angebot. So wird es auf die Fläche gesehen für die Menschen vielfältiger. Angebot und Nachfrage sind also durchaus auch für Kirche Themen, über die es nachzudenken gilt.

Doch dann sind wir noch nicht bei jenem Sprichwort „Konkurrenz belebt das Geschäft“. Als ich vor einigen Tagen bei Twitter fragte, ob dieser Satz auch für Kirche gilt, war eine der ersten Antworten „Kirche ist doch kein Geschäft!“. Das stimmt. Kirche ist kein Geschäft, auch wenn sie an vielen Stellen wirtschaftlich denken muss. Darum ging es mir auch weniger. Aber ich nehme in meinem Dienst immer wieder wahr, wie sehr Menschen aus anderen Gemeinden mein Projekt als Konkurrenz wahrnehmen bis hin zu Aussagen wie „Was ist, wenn die Menschen lieber zu dir kommen als zu uns?“ oder „Vielleicht wollen unsere Ehrenamtlichen dann lieber bei dir mitmachen als bei uns.“. So geht es dann eben doch auch um Wettbewerb und Konkurrenz. Manchmal zwingt uns wohl die Abhängigkeit von Gemeindegliederzahlen dazu. Außerdem sind wir alle Menschen und es gewohnt, in Vergleichen zu leben und zu denken. Gilt das Sprichwort also doch auch für Kirche?

Mich beschäftigt dabei besonders ein Gedanke. Wer in Konkurrenz und Wettbewerb denkt, der muss mitdenken, dass der Wettbewerb so manchen Anbieter vom Markt verdrängt, Konkurrenten pleite gehen und vom Markt verschwinden. Oft genug endet es in der Monopolstellung einzelner Anbieter. Das kann meines Erachtens bei Kirche aber nicht gewollt sein. Ziel unseres Dienstes darf nicht sein, die Menschen zu Mitgliedern einer Kirchengemeinde zu machen, sondern sie auf dem Weg zu einem mündigen Christsein zu begleiten.

Ja, ich weiß, in unserer Gesellschaft braucht es Strukturen und ohne ein Mitgliedschaftssystem geht es wohl nicht. Aber ist es da nicht eher wichtig, dass jemand überhaupt Mitglied ist, und nicht in welcher Gemeinde? In einem guten Solidarsystem sollte das doch möglich sein, oder?

Das englische Bild von der mixed economy oder das deutsche Equivalent vom deutschen Mischwald, die für neue und andere Formen von Kirche neben den bestehenden sprechen, stehen nicht für eine Verdrängung von Anbietern durch Konkurrenz und Wettbewerb, sondern für eine Ausweitung des Angebots durch gleichwertige Partner.

In diesem Sinne lasst uns das Angebot ausweiten und solidarisch zueinander stehen. Oder was denkt ihr?

Wenn Ermutiger Ermutigung brauchen

Wenn mich Menschen fragen, worin ich meine Aufgabe sehe, so lautet eine Antwort „Ich möchte Menschen Mut machen, ihre eigene Form von Kirche zu entdecken und zu gestalten.“ Ich möchte Mut machen, ermutigen. Und nicht nur ich, viele andere auch. Gerade letztes Wochenende sagte eine junge Kollegin mit Blick auf ihre Jugendarbeit zu mir: „Ich sehe mich als Ermutigerin für die Jugendlichen.“ Den Menschen nicht vorgeben, was zu tun ist, sondern sie ermutigen, selbst auszuprobieren, selbst zu gestalten – für mich ist das eine wichtige Grundlage meiner Arbeit.

Doch immer häufiger erlebe ich, dass Ermutigerinnen und Ermutiger selbst mutlos werden. Die, die sie ermutigen wollen, möchten lieber konsumieren, als selbst aktiv zu werden. Projekte kommen nicht ins Laufen. In ihrem Umfeld schlägt ihnen mehr Gegenwind entgegen, als dass sie Unterstützung erfahren. Und manchmal sind es die bürokratischen Zwänge, die jedes zarte Pflänzchen im Keim ersticken. Dann höre ich Sätze wie: „Die Kirche ist noch nicht so weit.“ oder „An den ganzen Widerständen reibe ich mich auf!“…

Auch mir geht es manchmal so. Endlose Diskussionen in einer Sitzung, zigtausend Nein und Aber mit Blick auf ein neues Vorhaben. Dann würde ich am liebsten alles hinschmeißen, mir eine x beliebige Stelle suchen und gut wäre es. Doch es gibt Dinge, die mich davon abhalten, mir wieder Mut schenken. An erster Stelle steht da meine Beziehung zu Gott. Wenn ich sein Wort höre, seine Gegenwart spüre, mit ihm rede, dann spüre ich neuen Mut, neue Motivation. Dann weiß ich, dass sich alle Mühe lohnt.

Daneben gibt es aber noch etwas, das mir hilft – Beziehungen zu und Gemeinschaft mit gleichgesinnten Christen. Wenn es im täglichen Geschäft eng wird, dann habe ich eine Freundin oder einen Freund, der ich texten kann, der für mich und mit mir betet. Um gute Gemeinschaft zu erfahren, habe ich mir Netzwerke gesucht, in denen wir gemeinsam auf dem Weg sind. Churchconvention ist so eines. Und dann muss ich ein- bis zweimal im Jahr zu einem Kongress, einem Großevent, wo ich einfach auf Grund der Teilnehmerzahl schon spüre, dass ich nicht allein unterwegs bin. Mit zehntausend Menschen „Lobet den Herren“ singen tut einfach gut. Dazu gute Themen, Workshops, Gespräche. Das gibt Kraft für mindestens ein halbes Jahr.

Deshalb möchte ich euch Mut machen. Sucht euch eure Unterstützer, die ihr zu jeder Zeit anrufen könnt. Sucht euch eure Netzwerke, die euch gut tun. Fahrt zu Veranstaltungen, die euch spüren lassen, dass ihr nicht alleine unterwegs seid. Vor allem aber hört auf Gottes Wort und Stimme und betet. Kaum etwas gibt soviel Kraft wie das Gespräch mit Gott.

Was gibt euch Mut? In den Kommentaren könnt ihr davon erzählen.

Übrigens: am 23. und 24. Februar bin ich bei der Missionale in Köln – auch so ein mutmachendes Event. Bei Twitter und Facebook werde ich mich von dort melden. Also folgt mir doch auch dort.

Ein Jahr Aufbruch 

In diesen Stunden geht es zuende: mein erstes Jahr im Aufbruch – ein Jahr wandern und wundern, ein Jahr voller Höhen und Tiefen. Ich frage mich, was hat es gebracht, mir und den anderen? Oder ist alles noch so wie vor einem Jahr?

Ich will nicht die zahlreichen Veranstaltungen aufzählen, auf denen ich war oder die verschiedenen Wege, die ich durch meine Stadtteile gegangen bin. Die Liste wäre lang, aber Veränderung bemisst sich daran nicht. Eher will ich davon berichten, was meine Eindrücke, meine Gedanken zum Thema Kirche und Glauben nach diesem Jahr sind. 

Dabei muss ich aber doch bei den Begegnungen anfangen, denn allein auf Grund meiner Stellenbeschreibung sehen viele, denen ich begegne, in mir die, die jetzt alles anders macht, Traditionen bricht, kurz gesagt: das enfant terrible. Einige haben wohl auch Angst, dass ich ihre althergebrachten Ordnungen über den Haufen werfen oder es irgendwie so modern mache, dass die jungen Leute aus ihren Gemeinden lieber zu mir kommen. Ehrlich gesagt, mittlerweile spiele ich manchmal auch mit diesem Image. Denn manchmal nerven mich diese Vorannahmen. Genauso gerne, wie ich im Stadtteil auf der grünen Wiese Brot und Butter teile, feiere ich nämlich klassische Gottesdienste in alten Kirchen. 

Eine Veränderung habe ich aber bei allen gespürt, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin. Wir haben geredet – über Kirche und Glaube, über Formen und Traditionen, über Gottesdienst und Seelsorge. Dann war es egal, ob man in der Kirche ist oder nicht, ob frau ehrenamtlich engagiert ist oder sich weit vom Herrn entfernt sieht. Bei allen spürte ich eine Sehnsucht, dass etwas geschehen solle, dass man Glauben und Kirche doch nicht einfach so aufgeben dürfe. Die Beweggründe der einzelnen Gesprächspartner waren dabei ganz unterschiedlich. Die einen waren überzeugte „Papa-Kinder“, die anderen sahen die soziale Arbeit der Kirche als unabdingbar an, hatten aber selbst nicht viel mit Gott am Hut. Auf einen Bericht über meine Arbeit im Fernsehen hin meldeten sich fremde Menschen bei mir, weil sie sich freuten, dass etwas geschieht. Kirche und Glaube sind für die Menschen, denen ich begegnete, nicht bedeutungslos. Der Wunsch danach, dass etwas geschieht, ist da und er ist groß. Sie alle wollten darüber reden, über neue Wege nachdenken. Nicht einfach aufgeben. 

So nehme ich in den letzten Wochen vermehrt wahr, dass Kirche im Gespräch ist, dass sie aus dem Bewusstsein der Menschen noch nicht ganz verschwunden ist. Es gibt noch Redebedarf und ich begreife, dass dies die Chance ist, die es zu ergreifen gilt. Das gilt nicht nur mit Blick auf die Existenz der Kirche als Institution, das gilt für mich besonders mit Blick auf den christlichen Glauben in seiner gesellschaftlichen Auswirkung.

In einer Gesellschaft, in der Individualität und Unabhängigkeit von großer Bedeutung sind, in der jede und jeder seine eigene Lebensform sucht und sich doch nach Gemeinschaft sehnt, braucht es dennoch Werte, an denen man sich orientieren kann. Und es braucht höchst unterschiedliche Formen von Gemeinde und Glaube – von der traditionellen Gemeinde bis hin zum gemeinschaftlichen Leben in der Platte.  Die Zeit der best praxis – Arbeit ist dabei größtenteils vorbei. Den Koffer mit dem erprobtem Handwerkszeug können wir getrost in die Ecke stellen, denn an jedem Ort gilt es Neues auszuprobieren. Das merke ich schon in meinen beiden Stadtteilen und die liegen nur fünf Kilometer voneinander entfernt. Es gibt kein richtig und kein falsch. Alles will ausprobiert werden, eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Aber genau das macht es so spannend.

Mein erstes Jahr Aufbruch geht zuende und geht morgen auch gleich weiter. Jeder Tag ist ein neuer Aufbruch, bedeutet Wandern und Wundern in den Straßen und Häusern meiner Stadt. Seitdem ich aufgebrochen bin, nehme ich vieles um mich herum viel bewusster wahr. Mein Dienst lehrt mich immer wieder neu zu fragen, was will Gott hier oder dort tun oder tut es schon längst? Wie kommt sein Evangelium im Alltag zum Klingen? Seit ich aufgebrochen bin, erlebe ich meine Arbeit intensiver, tiefer als je zuvor. Seither bekommt die Theologie jeden Tag neue Bedeutung. Das ist wohl die größte Veränderung bei mir, vielleicht auch bei den anderen. Und es ist ein unglaublich großes Geschenk, dies erleben zu dürfen. 

Ich wünsche es jedem, dass er oder sie diesen Aufbruch erleben kann, denn er bereichert ungemein. So wünsche ich euch allen ein gesegnetes neues Jahr voller Aufbrüche, voller Wandern und Wundern. 

Darf oder muss Kirche sich einmischen?

Seit einigen Tagen bewegt eine Frage die sozialen Medien: darf eine Weihnachtspredigt politisch sein – oder muss sie es vielleicht sogar? Ein Tweet des Journalisten Ulf Poschardt bezüglich der Predigt in einer Berliner Christmette löste die Diskussion aus. Zahlreiche Menschen antworteten auf unterschiedlichste Weise bis hin zu Politikern und dem Ratsvorsitzenden der EKD. Damit ist die alte Frage wieder aufgeworfen: Darf oder muss sich die Kirche in politische Fragen einmischen? Darf oder muss Kirche politisch aktiv sein?

Über diese Frage ist mit Recht nachzudenken. Doch sei zunächst noch genannt das eben jener Journalist, der zugleich Chefredakteur der Zeitung „Die Welt“ ist, heute in einem Kommentar auf der online-Präsenz des Blattes noch einmal klarstellt, dass er die Kirche durchaus für sinnvoll hält, doch eher mit Blick auf Gottesdienst und Seelsorge. Neben der Glaubensvermittlung soll Kirche vor allem soziale Instanz und Ort der Begegnung sein. Doch genau hier regt sich mein Widerstand. Denn eine soziale Instanz im Sinne des Evangeliums ist mehr als ein Ort der Begegnung, ist mehr als die Essensausgabe in der Tafel oder die Wohneinrichtung für Alte und Behinderte. Es geht nicht nur um ihre Versorgung, sondern auch um ihre Rechte und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Jesus war es, der sich mit den Gelehrten und Hohepriestern auseinandersetzte, um die Ehebrecherin zu schützen. Seine Reden und Predigten äußerten sich auch zu gängigen Lebens- und Rechtsauffassungen. Er selbst beschränkte sich nicht darauf, die Kranken zu heilen oder mit den Aussätzigen zu essen. Dass er mit der Samaritanerin sprach, ihre Bitte sogar erhörte, war ein Affront gegen geltende Regeln.

Entsprechend muss Kirche auch heute noch mehr als Glaubensvermittlung und Ort der Begegnung sein. Kirche als soziale Instanz, die das Evangelium ernst nimmt, setzt sich für die Rechte derer ein, um die sie sich sorgt. Dabei ist es nicht entscheidend, ob es Menschen mit Behinderung, Sterbende oder Menschen ohne Heimat sind. Denn in vielen dieser Bereiche gibt es noch immer deutlichen Verbesserungsbedarf. Wer sich hier einsetzt, betritt früher oder später politischen Boden. Das lässt sich meines Erachtens kaum vermeiden.

Das bedeutet aber auch, dass man auf der Grundlage der christlichen Werte, die oft so hoch bewertet werden, oder besser in der Nachfolge des Evangeliums nicht jede Politik gutheißen kann, wenn sie menschenverachtend ist, nationalistisch, rassistisch oder anderweitig ethisch zweifelhaft. Dort einfach zuzuschauen, nichts dagegen zu sagen, hieße, sie zu dulden. Das aber kann nicht im Sinne des Schöpfers sein, weil es sich gegen seine Schöpfung richtet.

Deshalb muss Kirche sich einmischen und das tut sie nun einmal in Form von Personen. Es sind Pastorinnen oder Pastoren, die predigen, oder Sprecherinnen und Sprecher, die öffentlich reden. Ohne diese Äußerungen würde eine Instanz in Politik und der Gesellschaft fehlen, die auch mal ein kritisches Fragezeichen an gängige Entwicklungen setzt, die den Blick auf weniger Gutes richtet oder andere Werte ins Spiel bringt. Die dann immer wieder ins Spiel gebrachten Drohungen mit den Kirchenaustritten sehe ich an dieser Stelle tatsächlich gelassen. Wenn jemand aus der Kirche austritt, weil ein Bischof sich über die Politik eines amerikanischen Präsidenten geäußert hat oder ein Pfarrer sich kritisch zur Massentierhaltung geäußert hat, dann war es mit dem Bezug zum christlichen Glauben vielleicht vorher schon nicht so gut bestellt. Eine Kirche, die zu allem, was politisch sein könnte, schweigt oder sich allem anbiedert, damit ja niemand austritt, verschwindet früher oder später in der Bedeutungslosigkeit.

Das Christentum ist seit jeher hochpolitisch, indem es Partei nimmt für die Schwachen, Benachteiligten, Armen und Entrechteten. Kirche ist entsprechend mehr als eine soziale Instanz und Ort der Begegnung. Das möchte ich Ulf Poschardt entgegensetzen. In einem aber folge ich ihm. Sein ursprünglicher Tweet lautete: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“. Wenn Predigten den Eindruck eines Parteiprogramms erwecken bzw. von Parteiveranstaltungen nicht mehr zu unterscheiden sind, dann würde ich auch nicht in eine solche Christmette gehen. Dann wäre das Evangelium wohl nicht adäquat zur Sprache gekommen. Dieser Unterschied allerdings ist für mich entscheidend. Doch ich bezweifle, dass in den Christmetten dieser Tage Parteiprogramme und nicht die Geburt des Kindes für jeden einzelnen von uns gepredigt wurden.

Müssen Pastoren bürgerlich sein?

Anfang der Woche stieß ich auf ZEITonline auf einen Artikel in der Rubrik „Jung und Gott“ mit dem Titel „Pfarrerin: Ja, auch ich sündige“. Die junge Frau, die lieber anonym bleibt, berichtet von ihren Partyvorlieben und auch von so manch durchzechter Nacht in ihrem Pfarrhaus.

Ich fand es kurzweilig zu lesen, habe mir aber zunächst nicht viele Gedanken über den Inhalt und schon gar nicht über das Leben der jungen Pfarrerin gemacht. Ein wenig Effekthascherei ist wohl auch gewollt, dachte ich noch. Doch in den folgenden Tagen bemerkte ich, wie sehr über den Artikel bzw. das Verhalten der jungen Dame diskutiert wurde. Allein unter dem Text auf ZEITonline sammelten sich bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 430 Kommentare. Die zahlreichen Diskussionen in den Sozialen Medien sind wohl kaum zu zählen. Wie viele Leserbriefe wohl die Redaktion auf klassischem Weg und per Mail schon erreicht haben? Und nun beschäftigt er mich doch, dieser Artikel von der Pfarrerin und der Sünde mit dem frivolen Bild über der Headline.

Dabei ist es weniger der Inhalt, der mich bewegt. Wie gesagt, ich fand ihn wenig aufsehenerregend. Es sind mehr die Inhalte der Diskussionen, die Statements, die Erwartungen, die die Menschen in ihren Kommentaren äußern. Da geht es um Vorbildfunktionen und wie ein Pfarrer oder Pastor zu sein hat. Oder es sprechen Menschen der jungen Pfarrerin die Reife ab, ihren Beruf ausüben zu können. Andere unterstellen, dass die gesamte Geschichte nur konstruiert ist, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Und wieder andere finden, dass die Pastorin nicht zu toppen ist. Kolleginnen wünschen sich sogar, selbst ein solches Leben führen zu können.

Mich angesprochen hat besonders eine Diskussion, nämlich die, dass die junge Dame wenig bürgerlich sei bzw. sich für einen nicht bürgerlichen Lebensstil entschieden hat. Sofort sprang in meinem Kopf die Frage auf: „Müssen Pastoren zwingend bürgerlich sein?“ Ist nur eine bürgerliche Pastorin eine gute Pastorin? Was aber heißt bürgerlich eigentlich?

Holzschnittartig gesagt entwickelte sich das Bürgertum im Feudalismus als eine Vergesellschaftungsform der Mittelschichten in Abgrenzung zum Adel nach oben und zu Bauern und Arbeitern nach unten. Die geschichtliche Entwicklung hat seither eine Ausbildung verschiedenster Untergruppen hervorgebracht. Dennoch verbindet man mit den Worten Bürgertum und bürgerlich besonders Bildung und Ausbildung ebenso wie Selbstständigkeit und Freiheit, aber auch Rechte und Besitz. Hinzu kommen Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Leistung. So hat das Bild des (Bildungs-)Bürgers wohl unsere Vorstellung eines vorbildhaften Bürgers geprägt, das wir oft besonders mit bestimmten Berufen in Verbindung bringen. Genauso gibt es aber meines Erachtens auch die Bilder der verrohten, saufenden und marodierenden Menschen, die wir mit anderen Berufen verbinden. Letzteres kommt mir in den Sinn, wenn ich vorurteilsbehaftete Gespräche z.B. über Soldaten oder Security-Mitarbeiter höre. Genau diese Bilder sind es aber auch, die zeigen, wie absurd solche Vorstellungen und Erwartungen oft sind.

Ja, Pastorin wird man erst nach einem ziemlich langen Studium mit anschließender mehr als zweijähriger praktischer Ausbildung. Außerdem gelobt zumindest in meiner Landeskirche jede Pastorin und jeder Pastor mit der Ordination einen dem Amt entsprechenden Lebensstil zu führen. Aber da steht nirgends, dass dieser bürgerlich sein muss. Vielmehr hat er sich an dem, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat, zu messen – so wie das Leben aller Menschen. So sind die Pastorinnen und Pastoren keine besseren Menschen oder Menschen mit besonderen Pflichten, was den Lebensstil angeht, auch wenn sie in ihren Gemeinden oft unter einer besonderen Beobachtung leben.

Sich an dem zu messen, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat, aber ist eine viel größere Herausforderung als bürgerlich zu sein. Das nämlich bedeutet, sich mit seinen (Jesu!) Worten und Taten auseinanderzusetzen, sie mit unserer Gegenwart, unserem Leben ins Gespräch zu bringen. Das ist, meines Erachtens, viel herausfordernder, als bürgerliche Tugenden wie Leistung und Fleiß und Sparsamkeit zu üben.

Ob das dann wilde Partys im Pfarrhaus, deren Beschreibung die meiste Aufregung in den Kommentaren erzeugt hat, bedeutet, ist mir an dieser Stelle gar nicht wichtig. Vieles an dieser Aufregung ist wohl den bereits genannten Bildern geschuldet und einiges davon könnte sicher anders aussehen. Mit liegt mehr am Herzen, dass, wenn wir alle unser Leben nicht am alten Klassendenken ausrichten würden – auch der Adel hat nicht mehr die Stellung, die er mal hatte – sondern an Gottes Bild für unser Leben, wir alle viel versöhnlicher miteinander leben könnten. Bei allem, was dann noch unrund, nicht zufrieden stellend und schief ist, gilt Gottes liebender Blick und das Versprechen seiner Gnade.

Deshalb gefallen mir die folgenden Worte des Artikels: „Gott ist da für die Unperfekten, die Zweifler, ja, auch für diejenigen, die bei Sonnenaufgang betrunken nach Hause kommen oder die gar keine Beziehung mit ihm wollen. Deshalb bin ich Pfarrerin und das möchte ich den Menschen und zwar allen Menschen, im Glauben und im Leben mitgeben.“

Und im Geist ergänze ich: er ist auch da für die Perfekten, die Glaubenden, die Nüchternen, die Strebsamen und die, die der allgemeinen Moral entsprechen und es deshalb gerade auch nicht immer leicht haben.

Wie geht es euch mit den Erwartungen der anderen an euer Leben und wonach richtet ihr es aus? Oder was denkt ihr über die Pfarrerin und ihre Vorbildfunktion? Diskutiert doch auch mal an dieser Stelle.

Zwischen Geist und Geistern…

… Gedanken am Ende eines langen Wochenendes:

In diesen Minuten geht das historische Reformationswochenende zuende. Im Fernsehen läuft noch das Pop-Oratorium Luther. Ich hänge mit meinen Gedanken bei dem, was mir an diesem so historischen Wochenende begegnet ist. Zwischen Geist und Geistern habe ich mich bewegt und mich gefragt, ob sie vielleicht doch zusammengehören, auch wenn das allerorts vehement bestritten wird.

Nach zehn Jahren Vorbereitung feierten heute Gemeinden im ganzen Land Gottesdienste anlässlich des Reformationsjubiläums. Zu allen Tageszeiten öffneten sich Kirchentüren, um in kleinen und großen Feiern die Botschaft der Reformation neu erklingen zu lassen. Von vielen Freunden und Bekannten im kirchlichen Dienst bekam ich über den Tag verteilt Nachrichten, dass die Kirchen gut gefüllt gewesen seien. Mancherorts mussten die Menschen sogar stehen, oder die Türen wegen Überfüllung wieder geschlossen werden. Auch ich war in einem solchen Gottesdienst, in dem schnell noch Stühle in die Kirche getragen wurden und dennoch viele standen. Allen Unkenrufen zum trotz, alle Abgesänge angesichts unsicherer Zahlen beim Kirchentag widerlegend sind heute viele in die Kirchen gekommen, um von der Reformation zu hören, in deren Zentrum diese Gedanken von der Befreiung aus allen Zwängen durch Jesus Christus stehen. Was führte die Menschen hierher? Das Gefühl, einer Tradition verbunden zu sein? Das Bedürfnis, bei diesem einmaligen Feiertag doch irgendwie dabei zu sein? Vielleicht auch die Sehnsucht nach einer wegweisenden Botschaft, wie Luther sie einst hatte? Oder vielleicht auch nur ein besonders gestalteter Gottesdienst?

Dort wo ich war, wurde zum Beispiel eine Kantate aufgeführt, die wahrscheinlich die letzten zweihundertfünfzig Jahre nicht zu hören war, da die Noten in einer alten Bibliothek verschollen waren und erst vor wenigen Jahren wieder an die Öffentlichkeit gerieten. So wurde heute vom Geist gesungen, der allein dazu verhilft Gott zu finden. Vom besten Segen, der der Geist Gottes ist war die Rede und davon, dass Vernunft und Weisheit nicht ausreichen, um Gott zu finden. Denn durch unser Tun und Wissen können wir vor Gott nie bestehen, denn irgendwo wissen wir immer noch nicht alles oder haben auch nicht alles getan. Doch zugleich sind wir genau so mit unserem Tun und Wissen vor Gott gut genug, weil der Segen aus einer ganz anderen Richtung kommt als aus unseren eigenen Erfolgen. Der Geist Gottes ist wirklich der beste Segen!

In vollen Kirchen haben viele heute diese Botschaft hoffentlich gehört und hören wollen. Die Forderung nach einem regelmäßigen Feiertag „Reformationstag“ scheint berechtigt. Der Tag gehört zur Geschichte unseres Landes, hat unsere Kultur und Tradition geprägt.

Am Samstag auf dem Spielplatz habe ich noch anderes gehört. An der Kinderschaukel komme ich mit einer anderen Mutter ins Gespräch. Sie fragt die Kinder nach ihren Halloween-Kostümen und fährt fort, dass sie es schön findet, dass Halloween in diesem Jahr ein Feiertag ist. Das könnte ruhig jedes Jahr so sein. Die Regierung sei da ja am überlegen. Obwohl da ja eigentlich irgendetwas anderes gefeiert würde. Da war wohl irgendwas mit einem Buch und einem Jubiläum. Aber so hätten die Kinder Halloween wenigstens frei und könnten feiern. Ich überlege noch, ob ich ihr erklären soll, was der Reformationstag eigentlich bedeutet. Doch da erzählt sie schon voller Begeisterung von den Kostümen ihrer Kinder und den Vorbereitungen für die abendliche Party.

Diese Begegnung lässt mich nicht los – vielleicht, weil meine Kinder mich später nach Halloween fragen und heute fasziniert die kostümierten Kinder auf der Straße betrachten. Vielleicht aber auch, weil ich mich frage, was die Menschen an diesem „Fest“ so anzieht? Denn eins gilt auch für dieses Anlass: erklären, woher der Halloween-Brauch kommt, können die wenigsten. Auf die Frage, was dort gefeiert wird, erhält man ähnlich vage Antworten wie auf die Frage nach der Bedeutung von Pfingsten. Was also motiviert jedes Jahr mehr Menschen, die Wohnungen und Häuser für einen Abend mit Kürbissen, Spinnennetzen und Geisterdarstellungen auszustatten und zu dekorieren? Ist es die pure Lust an der Verkleidung, der Hunger der Kinder nach Süßigkeiten? Steigt die Freude an diesem Tag stetig, weil Prominente in Amerika es uns vorleben oder weil man eine Gelegenheit braucht, um hinter Masken unerkannt hemmungslos feiern zu können? Wäre ein regemäßig freier Reformationstag da nicht eher Wasser auf die Mühlen des Halloween-Hypes?

Warum aber dominieren ausgerechnet Maskeraden rund um Hexen, Geister, Zombies und andere Gestalten aus der Welt des Bösen und des Todes diesen Tag? Sicher, die Tradition des Vorabends von Allerheiligen gibt dies irgendwie vor, doch davon haben die wenigstens, die hier feiern, eine Ahnung. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr habe ich den Eindruck, dass, auch wenn vielen die Herkunft von Halloween unbekannt ist, sie dennoch in den länger werdenden Nächten der trüben Jahreszeit eine Ahnung von der Endlichkeit ihres eigenen Lebens haben, von der eigenen Verstrickung in die Mächte und Gewalten dieser Welt, von der eigenen Ohnmacht angesichts von Hass und Gewalt oder von den Geistern, die sie selbst durch ihr Tun riefen. Ihnen einmal im Jahr hinter der Verkleidung schamlos ins Gesicht lachen, sie für kurze Zeit aus dem eigenen Leben vertreiben zu können mit allerlei Süßem und Saurem, mit Lachen und Schabernack, kann zumindest für kurze Zeit befreiend wirken. So frage ich mich, ob hinter dem immer größer werdenden Halloween-Kult unserer Tage nicht eine Sehnsucht nach Befreiung aus den Zwängen des Scheiterns, des nicht genug Seins, des endlichen Lebens steht. Die Antwort darauf hat uns Martin Luther vor fünfhundert Jahren noch einmal deutlich vor Augen gestellt. Vielleicht haben gerade deshalb am 31. Oktober Halloween und Reformationstag ihre Berechtigung – Sehnsucht und Antwort. 

Dann aber bleibt eine Frage für mich noch unbeantwortet: waren zehn Jahre Vorbereitung und ein Jahr Feiern hilfreich, Sehnsucht und Antwort einander näher zu bringen? Sprich: was machen wir, wenn morgen, am 1. November, das Reformationsjubiläum zuende ist? Packen wir alles in eine Schublade und machen dort weiter, wo wir vor dem Jubiläum standen? Haben wir gefeiert, um eben zu feiern? Oder war es mehr? War das Jubiläumsjahr ein Schritt auf dem Weg, der Sehnsucht und Antwort zusammenbringt? Haben Menschen außerhalb des innerkirchlichen Zirkels etwas von der Befreiung durch Jesus Christus erfahren, um ihre Sehnsucht zu stillen? Haben Kirchen sich weiter reformiert, um zu den Menschen zu gehen? Haben Christen gelernt, den Menschen aufs Maul zu schauen, ihnen zuzuhören und in ihrer Sprache zu sprechen? Wenn ja, dann sollte der Reformationstag wirklich ein regelmäßiger Feiertag werden, damit wir jedes Jahr damit weitermachen.

Die Antwort auf diese Frage steht noch aus. Vielleicht bekommen wir im Laufe der nächsten Monate, des nächsten Jahres eine Antwort darauf. Oder wie ist euer Resümee zum Reformationsjahr?