Schlagwort: Gesellschaft

Was Corona mich gelehrt hat…

In diesen Tagen tobt der Streit um die Frage der Gottesdienste – in der Kirche vor Ort oder lieber digital im Netz. Was ist zu verantworten und was nicht? Doch das ist nicht der einzige Kriegsschauplatz, denn die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare oder das Verhalten der Kanzlerin rufen ähnliche Szenen auf den Plan. Und ja, ich schreibe an dieser Stelle bewusst von Kriegsschauplätzen. Es wird nicht nur diskutiert und gestritten. Das wäre vielen dieser Themen gegenüber angemessen. Aber leider geht die Mehrzahl der Auseinandersetzungen mittlerweile in persönliche Angriffe und eine Wortwahl weit unterhalb der Gürtellinie über. Das mag man in Reihen der Politik vielleicht noch „normal“ finden. In kirchlichen Zusammenhängen hält es aber ebenfalls zunehmend Einzug. Und seit Corona noch deutlich mehr und offensichtlicher.

Ich mag Sprache. Spiele gerne mit Worten, auch wenn mein Deutschlehrer immer der Meinung war, dass ich es nicht könnte. Zumindest einer meinte das. Doch die Freude an der Sprache habe ich nie verloren. Auch an anderen Sprachen nicht. Und so habe ich im Alten Testament oft darüber nachgedacht, welcher Sprachfelder sich die Propheten und Geschichtsschreiber bedienten. Und das gleiche tue ich auch mit Blick auf den aktuellen Sprachgebrauch.

Es sind mehr und mehr Kriegsschauplätze, die sich da auftun. Da geht es nicht nur um Höflichkeitsformeln und die Form der Begrüßung. Da geht es um die Worte, die Menschen nutzen, um ihren Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Immer mehr tauchen da Worte auf, die dem Inhalt der Botschaft fast entgegenstehen. Wie wird gute Nachricht vermittelt, wenn jemand auf die Kanzel muss (!)? Im Wortgefecht wird nicht mehr diskutiert, sondern gefightet und anhand eines einzelnen Satzes meint man die Meinung des anderen zu kennen, um ihn dann persönlich zur Schau zu stellen. Letzteres tat man übrigens bereits in der Antike mit den Kriegsgefangenen, um sie noch mehr zu demütigen.

Diese Entwicklung macht mich traurig. Sie führt dazu, dass ich immer weniger mitreden mag. Was nicht heißt, dass ich zu den genannten Themen keine Meinung hätte. Doch ich mag sie nicht mehr äußern. Rede lieber im persönlichen Gespräch mit Freunden darüber, als öffentlich zu schreiben oder auszusprechen. Aber ist das die Lösung? Sicher nicht. Doch zur Zeit ist es der Grund, weshalb ich an der Kirche zweifle. Mich frage, ob ich sie weiter mitgestalten will, wenn diese Form der Kommunikation mehr und mehr Einzug hält.

Es heißt an vielen Stellen, dass Corona eine Art Katalysator sei, der vieles beschleunige, z.b. die Entwicklung der digitalen Kirche. Andere bezeichnen Corona als Brennglas, das die schon vorher existenten Probleme deutlicher hervor treten lasse. Mir stellt Corona noch einmal ganz neu die Frage in welcher Form ich diese Kirche weiter mitgestalten möchte, wo mein Ort in ihr und was meine Vision von ihr ist. In Sachen Sprache jedenfalls wünsche ich mir anderes…

Und in der Zukunft ein Klassentreffen…

Die CVJM-Hochschule hatte zum Studientag geladen und viele waren gekommen. Referent*innen wie Heinrich Bedford-Strohm und Sandra Bils zogen. In letzter Minute musste noch der Hörsaal gewechselt werden, da sich überraschend viele angemeldet hatten. Schon auf dem Weg von der Tram zum Universitätsgebäude hier und da ein „Hallo, wie geht es dir? Wir haben uns aber lange nicht mehr gesehen…“. Im Foyer des Hörsaalgebäudes steigerte sich dies noch und auch ich traf viele bekannte Gesichter. Menschen, die wie ich über die Zukunft der Kirche nachdenken und diese gestalten wollen. Menschen, die an ganz unterschiedlichen Orten nach Wegen suchen, das Evangelium unter den Menschen relevant werden zu lassen. Die Freude war groß, sie hier wiedergesehen zu haben.

„Kirche als Hoffnungsträgerin im gesellschaftlichen Wandel“ so die Überschrift, unter der dieser Tag stand. Ambitioniert? Realistisch? Zu hoch gegriffen? Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie sieht die Rolle der Kirche in diesem Wandel in zwei Funktionen. Zum einen solle sie denen den Rücken stärken, die den Wandel betreiben, gerade, wenn diese persönlich angegriffen werden. Zum anderen solle die Kirche ihre Energie nicht in internen Debatten verschwenden, denn sie werde in der Welt als Hoffnungsträgerin gebraucht. Gerade in einer Zeit, in der angesichts immer neuer Hiobsbotschaften in Sachen Klima sich Frustration breit mache und die Hoffnung schwinde, sei sie mit ihrem ureigensten Thema Hoffnung gefragt. Auch der Vorsitzende des Rats der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, sprach von der Hoffnung, von der die Kirche zu reden habe und die über die Welt hinaus trage, schließlich läge diese in Gottes Hand. Wenn aber die Welt in Gottes Hand liegt, dann könnten Christen sich nicht aus der Politik raushalten, dann müssten sie sich einmischen z.b. durch Denkschriften oder Gespräche oder aktives Handeln. Damit aber sei Kirche ein Change Agent im gesellschaftlichen Wandel.

Wie dies praktisch aussehen könnte, führte Sandra Bils anhand der neuen Bibliothek Oodi in Helsinki vor Augen. Sie zeigte deutlich, dass Kirche viel nachzuholen habe, wenn es um die Frage ginge, warum sie etwas täte. In der Regel sei sie an ihren Formaten und Angeboten erkennbar und nicht an ihrer Mission. Das aber mache sie wenig relevant für die Menschen. So geriete sie im gesellschaftlichen Wandel ins Abseits. Zwischen den Impulsen Diskussionen und Gespräche zwischen den Teilnehmer*innen und am Ende ein Zukunftscafé zu den Fragen, die sich während des Tages ergeben hatten.

Auf dem Heimweg stellt sich die Frage, was ist hängen geblieben? Vieles war mir bekannt. Anderes kann man in den Büchern der Referent*innen nachlesen. Das allein ist es nicht, was diesen Tag erfolgreich macht. Das Wiedersehen mit bekannten Gesichtern war ebenso schön und gewinnbringend. Aber auch das ist nicht der alleinige Erfolgsfaktor. Es kommt noch etwas anderes hinzu. Es ist die Herausforderung, vor der die Kirche steht, die hier eine Perspektive, auch einen Namen bekommen hat. Kirche als Hoffnungsträgerin, die u.a. darauf hofft, das Gott längst da ist. Sie muss nicht allein die Welt retten, sondern kann sich von Gott getragen wissen. Er ist längst da. In diesem Wissen kann sie alles tun, was in ihrer Macht steht und braucht angesichts dessen, was nicht gelingt oder was sie nicht ändern kann, nicht zu verzweifeln.

Und das ist Herausforderung genug, denn haben wir schon geklärt, welche Hoffnung wir authentisch weitergeben können? Und wenn ja, wie geben wir sie weiter, damit sie in dieser Welt Relevanz gewinnt? Das zu bedenken und zu wagen, ist am Ende dieses Tages in großen Lettern auf meine Fahnen geschrieben. Damit Studientage immer wieder zum Weiterdenken und Nicht nachlassen anregen und nicht zu Klassentreffen entarten, bei denen man sich seiner Erfolge rühmt und in Erinnerungen schwelgt. Die Hoffnung möge uns antreiben, ermutigen und stärken.