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Kirche in der VUCA-Welt

Im Mai 2019 erschien die Studie Projektion 2060 der Universität Freiburg in Verbindung mit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wir alle kennen die Ergebnisse: die Prognose der Halbierung der Kirchenmitglieder in den nächsten vierzig Jahren. Für viele kamen die Ergebnisse nicht unerwartet, beobachten wir doch seit Jahren steigende Austrittszahlen. Doch statt Häme oder einem „Das sagen wir doch schon lange!“ löste die Veröffentlichung eher eine flächendeckende Bestürzung aus und schaffte es bis in die Tagesschau. In der vergangenen Woche dann die Veröffentlichung der Austrittszahlen des vergangenen Jahres. Die Zahlen zeigen ein exponentielles Wachstum, wie wir es in Zeiten von Corona ständig in anderen Zusammenhängen diskutieren. Nun auch in Sachen Austrittszahlen. Auch wenn Untersuchungen der Gründe für die Austritte ausstehen, zeigen die Zahlen deutlich, dass nicht der demographische Wandel, der vielleicht noch halbwegs durch Taufen abgefangen werden könnte, das größere Problem ist, wie noch vor wenigen Jahren vermutet, sondern die bewusste Abkehr der Menschen von der Institution Kirche. Die Reaktionen auf diese Zahlen reichten in den letzten Tagen von Artikeln, die empfehlen, die Kirche sterben zu lassen, bis hin zu Videoclips, die vom Guten in der Kirche berichten. Zu den Zahlen treten Versuche, die zu benennen, die nicht mehr zur Kirche gehören. Sie reichen von Atheist, Agnostiker über kirchenfern oder kirchendistanziert bis hin zu indifferent oder freundlich desinteressiert. Immer aber schwingt eine Unterscheidung von wir, die Kirchenmitglieder, und die anderen mit. Das alles geschieht in einer Welt, in der sich die Gesellschaft in einem rasanten Wandel befindet. Im Bereich der Organisationsentwicklung wird sie immer wieder als VUCA-Welt bezeichnet. Das Akronym VUCA beschreibt die Rahmenbedingungen, denen Organisationen besonders im Zeitalter der Digitalisierung ausgesetzt sind. Ich finde dieses Akronym ganz passend, da es mehr als die bisher oft zitierte Komplexität umfasst. Votalität (Flüchtigkeit), Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (Mehrdeutigkeit) bestimmen den Alltag und führen dazu, dass Erfahrungswissen immer endlicher wird. Lineares Denken, Ursache-Wirkungsprozesse bieten keine Lösungen mehr an. Stattdessen braucht es immer mehr neue und individuelle Lösungen. Zukunft kann nicht mehr aus bisherigen Erfahrungen abgeleitet werden und ist entsprechend schlecht vorhersagbar.

Daher sind auch die missionarischen Perspektiven, die ich nun beschreiben möchte, Blitzlichter, Gedankensplitter, niemals vollständig und schon gar kein Patentrezept.

Kirche ist Teil der Vuca-Welt, sie lebt und agiert in ihr, steht ihr nicht gegenüber. Wie alle anderen Menschen und Organisationen auch ist sie diesen Rahmenbedingungen ausgesetzt. Deshalb möchte ich noch einmal bei VUCA ansetzen, denn in den Organisationstheorien heißt es, dass der Vuca-Welt mit VUCA begegnet werden muss. Vision, Verstehen, Klarheit und Beweglichkeit sind die entsprechenden Begriffe dieses Akronyms.

Es braucht eine Vision, um der Flüchtigkeit zu begegnen, ein Bild von der wünschenswerten Zukunft, das als Kompass oder Orientierungshilfe dient, das Sinn stiftet und Motivation auslöst. Was ist die Vision der Kirche oder besser ihre Mission? Was ist die Vision der Gemeinden vor Ort, der Menschen in unseren Orten? Gott handelt an und in der gesamten Welt. In diese Bewegung sind wir hineingenommen, sind daran beteiligt. Das entlastet, denn wir müssen die Kirche nicht schaffen oder retten. Das führt zugleich zu einer Haltung der Zugewandtheit zu den Menschen und dem Wunsch nach Kommunikation des Evangeliums. Es gilt: Das teilen, was man liebt. Eine der missionarischen Perspektiven ist daher m.E., den Begriff „Mission“ aus dem Feld der negativen Konnotation zu befreien und in ein ganzheitliches Verständnis zu überführen. Wie George Augustin schreibt, geht es nicht exklusiv um eine Evangelisierung der Nichtchristen, sondern um die Verlebendigung des Glaubens bei allen Menschen. Nicht unterscheiden in wir und die anderen, sondern gemeinsam auf dem Weg sein und damit Identifikation und Wirkungskraft ermöglichen. Denn dort, wo Kirchen und Religionsgemeinschaften es schaffen, den Transzendenzbezug „zurück ins Leben zu holen“, sind sie erfolgreich. So legt es die Untersuchung von Detlef Pollack und Gergely Rosta, Religion in der Moderne, nahe. Diese missionarische Perspektive stellt sich also als eine Frage der Haltung bzw. des Blickwinkels dar. Mission als Wesen des Christseins bzw. Christwerdens. Diese Haltung aber ist nicht auf besondere FreshX-Projekte beschränkt, sondern eröffnet jeder Ortskirchengemeinde eine neue Zuwendung hin zu den Menschen.

In der Zugewandheit zu den Menschen kann der Unsicherheit mit Verstehen begegnet werden. Essentiell für das Verstehen sind Zuhören und Beobachten. Ausgehend von einem systemischen Ansatz sind die Menschen die Experten für ihre jeweilige Situation. Ihnen in einer demütigen und lernenden Haltung zu begegnen, ermöglicht, sie wirklich wahrzunehmen. Was sind ihre Bedürfnisse, was sind ihre Träume? Wie gestaltet sich ihre Welt und ihr Alltag? Die Menschen zu verstehen braucht eine selbstreflexive Haltung. Was sind mein Weltbild, meine Tradition, meine Kultur, die in die Wahrnehmung mit einfließen? Die Wahrnehmung des Kontextes fußt daher auf einer Haltung, die oft mit den Worten von Klaus Hemmerle beschrieben wird: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“ Eine weitere missionarische Perspektive ist daher meines Erachtens das Leben mit den Menschen in ihrem Kontext, in ihrem Alltag außerhalb der Grenzen der Kirchen zu gestalten, sich mit ihnen in einen gegenseitigen Lernprozess zu begeben. FreshX-Projekte, die in besonderen Lebenszusammenhängen oder an besonderen Orten entstehen, gehen mittlerweile oft wie selbstverständlich von einer Sozialraumorientierung aus. Den Kontext außerhalb der eigenen Gemeindegrenzen wahrzunehmen, sich z.B. als Kirche für den Ort zu verstehen, kann auch einer Ortskirchengemeinde neue Perspektiven eröffnen. Die Idee der Gemeinwesendiakonie setzt z.B. bei dieser Perspektive an.

Dabei ist der Komplexität im näheren und weiteren Umfeld durch Klarheit zu begegnen. Klarheit beinhaltet den Austausch von Wissen, die Transparenz in der gegenseitigen Information und Kommunikation und die Fokussierung auf das Ziel bzw. die Vision. Dazu gehört auch, im eigenen Umfeld Netzwerke aufzubauen und in Netzwerken zu handeln, da Netzwerke der Reduktion von Komplexität dienen. Um in Netzwerken handeln zu können, braucht es sich selbst organisierende Teams, die von Vertrauen gekennzeichnet sind. Netzwerke agieren außerdem zunehmend im digitalen Raum. Unter dem Gesichtspunkt der missionarischen Perspektive bedeutet dies, dass Kirche vor Ort sich zum einen fokussiert z.B. unter Aspekten der Zielgruppenorientierung oder besonderer örtlicher Gegebenheiten. Zum anderen kooperiert sie im Sinne eines gemeinsamen Interesses, der Mission, und im gegenseitigen Vertrauen mit anderen Partnern vor Ort und zunehmend auch überörtlich. (Ökumene der Sendung). Gemeinsam die Kommunikation des Evangeliums verfolgen, indem unterschiedliche Netzwerkpartner ihre Fähigkeiten und Kompetenzen einbringen.

Dabei treffen in den unterschiedlichsten Zusammenhängen unterschiedlichste Wertesysteme und Wahrnehmungen aufeinander. „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“ Dinge werden unterschiedlich gedeutet. Diese Mehrdeutigkeit bedeutet auch ein Mehr an Auswahl. Jeder*r kann heute nahezu alles zu jeder Zeit an jedem Ort machen, lesen, lernen. Dieser Ambiguität ist mit Beweglichkeit zu begegnen. Beweglichkeit meint die Schaffung und Akzeptanz von Perspektivvielfalt, die agile Reaktion auf Veränderungen, die Förderung von Innovation. Da die Organisation Kirche und damit auch die Ortskirchengemeinden in der Regel in vielfältige Verpflichtungen und Aufgaben eingebunden sind, ergibt sich aus der Beweglichkeit die missionarische Perspektive von FreshX-Projekten oder besser Erprobungsräumen als Orte, in denen individuell und situativ im Sinne eines trial an error ausprobiert werden kann, in denen eine hohe Fehlertoleranz und ein hohes Maß an Selbstorganisation herrscht. Hier geht es um Innovation, um ein thinking out oft he box. Jeder dieser Räume ist ganz Kirche, wenn auch nicht die ganze Kirche. Gemeinsam mit den Ortskirchengemeinden, diakonischen Einrichtungen und anderen Formen gemeindlichen Lebens sind sie Kirche und ermöglichen so, unterschiedliche Formen geistlichen Lebens und ekklesiale Vielfalt zu leben. Der Individualisierung und Subjektivierung der Gesellschaft entspricht die Entwicklung immer neuer individueller Ansätze vor Ort. Dabei können solche FreshX-Projekte sich eigenständig gründen oder im Zusammenhang einer Ortskirchengemeinde ihr Wirken entfalten. Vielleicht werden sie sogar einmal selbst zu einer Kirchengemeinde an einem neuen Ort oder befruchten die Ortskirchengemeinden mit ihren Innovationen.

Diese Perspektiven zeigen, dass das Schnittfeld von FreshX-Projekten und Ortskirchengemeinden groß ist, sie sich nicht in Konkurrenz oder einer Wertung von Altem und Neuem gegenüber stehen. Gemeinsam wirken sie mit an der Missio Dei. Vor diesem Hintergrund möchte ich noch einmal auf meine Beobachtungen vom Anfang zurückkommen. Die Projektion 2060 oder auch die aktuellen Austrittszahlen haben im Sinne der Ambiguität unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Deutlich ist, dass sich Kirche verändern wird. Sie wird sicher auch kleiner werden. Doch zeigen die missionarischen Perspektiven, dass sich auch hier gilt: „Flatten the churve“. So führte Fabian Peters bei einer Präsentation der Projektion 2060 aus: Würde es den Kirchen gelingen, die Tauf- und Aufnahmebereitschaft um zehn Prozent zu erhöhen und gleichzeitig die Austritte um zehn Prozent  zu verringern, dann würde sich die vorausberechnete Zahl der Kirchenmitglieder in allen Landeskirchen und Bistümern  für das Jahr 2060 um zwei Millionen Menschen erhöhen. Konkret auf eine einzelne Gemeinde mit etwa zweitausend Mitgliedern bezogen hieße das: Der Gemeinde müsste es gelingen, in zwei Jahren drei bis vier Austritte zu verhindern und drei zusätzliche Menschen zu taufen. Kein unmögliches Szenario oder?

Gestern war Ostern und dann?

Fast viereinhalb Wochen Coronazeit liegen hinter uns und ich sehne mich nach Normalität. Zugleich habe ich angefangen, mich innerlich einzurichten. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass noch lange mit Einschränkungen zu rechnen ist. Wann werden wir in den Gemeinden und Einrichtungen wieder mit Menschen zusammen unterwegs sein können – real, einander in die Augen sehend, vielleicht auch mit Schutzmaßnahmen, doch endlich wieder miteinander singen, beten, nicht durch Telefon oder Internet miteinander verbunden, sondern nebeneinander sitzend. Es fehlt mir, auch wenn ich mir aus dem großen digitalen Angebot längst meine Favoriten, mit denen ich nun meinen Glaubensalltag gestalte, herausgesucht habe. Es geht (gut), aber es fehlt etwas.

Das sind ungefähr auch meine Gedanken zum Auftreten und präsent Sein der Kirchen in diesen Tagen. Unglaublich viele Angebote sind in den letzten vier Wochen entstanden. Für jeden ist etwas dabei. Da bin ich mir sicher. Und sollte doch noch etwas fehlen, wird es sicher in den nächsten Tagen und Wochen noch entstehen. Sicher, das eine oder andere entspricht nicht meinem Geschmack, wäre sicher auch qualitiativ noch ausbaufähig. Aber was ist das nicht. Selbst der größte Blockbuster gefällt nicht einhundert Prozent der Zuschauer. Deshalb bin ich es auch leid, darüber zu diskutieren, wie Kirche sich gerade präsentiert. Ob sie endlich im digitalen Zeitalter angekommen ist, ob Pfarrpersonen sich dort nur selbst produzieren und besser schweigen sollten. Das haben in den letzten Tagen und Wochen genügend andere mehr oder weniger gut getan.

Mich bewegt etwas anderes. Seit die ersten Entscheidungen zum sogenannten Shutdown öffentlich wurden, folgten immer wieder Sätze und Aussagen, die den Eindruck hinterließen, dass nach Ostern alles zur Normalität zurückkehren würde. In vielen Gesprächen und Verlautbarungen hatte ich das Gefühl, als ginge es nur darum zu betonen, dass Ostern in diesem Jahr zwar anders werden würde, aber garantiert nicht ausfallen würde. Wie auch? Gott ist nicht an unsere Terminkalender gebunden und die Auferstehung hat sich längst vollzogen. Alles fieberte dennoch auf dieses Wochenende hin. Wie würde es werden? Wie könnte es gestaltet werden, damit die Menschen trotz geschlossener Kirchen merken, dass Ostern ist und nicht in ihrem Garten arbeiten oder ihr Auto waschen? Partys waren ja sowieso verboten.

Doch Ostern war gestern. Und heute? Es ist stiller in meiner Timeline – egal welchen meiner Social Media Kanäle ich heute morgen öffne. Ein paar Hinweise auf die großartigen Gottesdienste gestern und vorgestern und vielleicht noch Bilder von einigen wenigen vergessenen Ostereiern. Aber sonst? Und ich frage mich, was wird jetzt zum Fokus der Kirche werden? Das Datum, an dem endlich wieder Gottesdienste in unseren Kirchen gefeiert werden können? Oder Himmelfahrt? Oder Pfingsten? Die meisten Konfirmationen sind abgesagt worden. Die sind es nicht. Aber braucht Kirche in diesen Zeiten diese Zielpunkte oder kann sie sich auch im Alltag einer Coronazeit einrichten? Was motiviert, jetzt zum weitermachen, wenn am Sonntag wieder Gottesdienste gestreamt werden sollen und es kein Zählen auf Ostern mehr gibt?

Für mich steht dahinter die Frage, inwieweit Kirche es schaffen wird, die digitalen Angebote zur Normalität, zum Alltag werden zu lassen. Zu Angeboten, die auch nach Corona und Shutdown neben Gottesdiensten in den Kirchen vor Ort zum Glaubensalltag gehören werden. Oder bleiben diese Formate etwas Besonderes, das man eben zu Coronazeiten gemacht hat, wo man das Equipment aber später wieder einpackt, um zum Normalen wieder zurückzukehren? Wird es dieses Normale überhaupt noch wieder geben? Kirche hätte jetzt genügend Zeit, zu überlegen, wie das „und dann?“ aussehen könnte, wie die Vielfalt, die gerade neben den Gottesdiensten in den Kirchen entsteht, weiter gestaltet werden könnte. Sie hätte jetzt genügend Zeit, den Alltag einer digitalen Kirche zu Coronazeiten auszuprobieren ohne Zählen auf den nächsten Höhepunkt hin.

Ich wünsche mir, dass die Menschen in den Gemeinden, egal ob Pfarrperson oder nicht, diese Gelegenheit erkennen und nutzen, statt ihre Energien in endlose Diskussionen zu stecken, wer geeignet ist, Angebote in der digitalen Welt zu machen, und welche Qualität diese dann haben oder nicht. Und das Argument, wie sehr sich andere (nichtkirchliche) Menschen über so manches digitale Angebot der Kirchen lustig machen? Keine Angst, das machen sie auch über andere Angebote.

Meine liebste Gottesdienstzeit

Zwei Wochen Coronazeit sind um. Coronazeit – so nenne ich die Zeit, seit die Schulen und Kirchen geschlossen sind und wir als Familie plötzlich fast 24 Stunden rund um die Uhr zusammen in unserem Reihenhaus oder Garten verbringen. Dazu zwei Fulltimejobs, die unter den zahlreichen Veranstaltungsabsagen und Dienstreiseverbot leiden und sich im Homeoffice gerade mehr im Krisenmanagement üben als dass sie das Gefühl hätten, produktiv oder kreativ zu sein. Und dann der Druck, doch irgendwie für die Menschen ansprechbar zu sein, nicht in der Nichtwahrnehmung zu verschwinden. Gleichzeitig die Angst der eigenen Kinder, die Sorge um die Familienangehörigen, die schon älter oder auch krank sind. Das war am Anfang einfach nur Stress.

Mittlerweile habe ich das Gefühl, wir sind angekommen. Die Situation hat etwas Normales bekommen. Wir haben unseren Alltag in der Krise gefunden. Dazu gehört für uns, dass das Wochenende, besonders aber der Sonntag etwas Besonderes bleiben sollen, um der Woche Struktur zu geben. Damit nicht jeder Tag ein Mittwoch, sprich gleich ist. Doch wie schafft man das nur, wenn jeder Tag irgendwie gleich anfängt, niemand danach fragt, wann man aufsteht oder welche Termine man hat?

Heute morgen habe ich nach dem Frühstück das Wohn- und Esszimmer geputzt. Okay, das Frühstück war schon besonders. Es war ein Sonntagsfrüstück, so wie wir es immer zelebrieren, mit Ei und Kerzen und selbstgebackenen Brötchen. Aber dann gingen die Kinder in ihr Zimmer und ich habe angefangen zu putzen. Nicht besonders sonntäglich, oder? Während ich den Fußboden wischte, ging mir durch den Kopf, wie es früher bei mir Zuhause am Sonntag war. Es gab immer ein gemeinsames besonderes Frühstück, alle saßen mit am Tisch, egal wann wir manchmal nachts nach Hause gekommen waren. Und danach kochte meine Mutter das Mittagessen, putzte oder arbeitete jedes zweite Wochenende. Entsprechend kochten mein Vater und ich an den anderen Sonntagen oder ich lernte für die Schule oder mein Vater werkelte im Haus. Das Mittagessen am Sonntag gab es pünktlich und dann putzte meine Mutter noch den Küchenfußboden. Erst dann konnte es wirklich Sonntag werden. Der begann dann mit einer Mittagspause und am Nachmittag machten wir etwas Besonderes. Dann ruhte der Garten, der Haushalt, die Schule. Dann war Sonntag. Und am Abend gab es Abendessen im Wohnzimmer.

Heute morgen habe ich nach dem Frühstück das Wohnzimmer geputzt und während ich den Fußboden wischte, kamen die Erinnerungen. Hängen geblieben ist mir, dass mich diese Kindheit geprägt hat. Auch heute noch ist der Sonntagnachmittag die besondere Zeit, in der alles andere ruht und die ich gerne mit meiner Familie verbringe. In diese Zeit gehört auch meine Zeit mit Gott. Damals ging das kaum, denn Gottesdienste waren in der Regel am Sonntagmorgen. Heute aber ist das anders. Heute kann ich mich am Nachmittag aufs Sofa setzen mit dem Tee in der Hand und einen Gottesdienst feiern, den andere vielleicht schon vormittags oder am Vorabend gefeiert haben. Und ich kann mir einen Gottesdienst aussuchen, der zu mir passt, in dem ich mich wohlfühle. Die digitale Kirche und die kreativen Ideen vieler Gemeinden in der Coronazeit machen es möglich. Nur eins können sie nicht ersetzen, den direkten Kontakt, die Nähe zu den anderen Gottesdienstfeiernden. Für mich ist es einfach immer noch etwas anderes, ob ich mit anderen zusammen singe, bete, feiere, die neben mir sitzen, oder ob ich das vor dem Bildschirm tue. Da singe ich übrigens meistens nicht mit, sondern höre den anderen zu.

Irgendwann wird die Coronazeit zuende sein. Irgendwann werden wir in unseren Kirchen wieder Gottesdienst feiern. Dann wird für mich der Sonntagnachmittag immer noch das Besondere am Sonntag sein und am Vormittag wird der Haushalt auf mich warten. Einfach weil ich es so gewohnt bin, weil ich es so mag. Vielleicht nehmen wir als die, die über Kirche und Gottesdienste nachdenken, aus der Coronazeit mit, dass Gottesdienste zu anderen Zeiten, in anderen Gestalten ganz unterschiedlich sein dürfen, dass es eine große Auswahl braucht, damit möglichst viele Menschen ihren Gottesdienst finden. Auch wenn das bedeutet, dass die Besuchszahlen der einzelnen Gottesdienste dann geringer sein werden. Und vielleicht ist dann auch mein Sonntagnachmittag Sofagottesdienst dabei. Dann werde ich mit anderen zusammen am Sonntag Nachmittag auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen. Vor uns werden, Kaffee, Tee und Kuchen stehen und wir werden gemeinsam Gottesdienst feiern, wie wir es noch nie gefeiert haben. Und Gott wird mitten unter uns sein, vielleicht auch mit einer Tasse Kaffee in der Hand…

Subtext „ich“

„Wenn die anderen Kinder dich nicht mitspielen lassen, dann haust du ihnen beim nächsten Mal einfach ein paar auf die Schnauze!“ Ein Satz, der mich zutiefst geschockt hat, als ich mit meinen Kindern auf dem Spielplatz war. Wo führt es hin, wenn wir schon unsere Kinder so erziehen, habe ich gedacht. Und: warum wundert man sich dann noch, wenn Erwachsene sich wild beschimpfen oder Schlimmeres? Geht unsere Welt nicht den Bach runter angesichts solcher Aussagen?

Nein, so schlimm ist es sicher nicht und dieser Vater war sicherlich die unrühmliche Ausnahme. Doch mir fallen immer wieder Situationen auf, in denen das Ich wichtiger ist als die Gemeinschaft. Da steht im Urlaub eine lange Schlange vor der Bäckerei. Drei Personen vor mir ein Junge von ca. acht Jahren. Bis wir dran sind haben die beiden Männer zwischen uns ihn zur Seite gedrängt und der kleine Junge wartet weiter geduldig, um seine Bestellung aufzugeben. Ein anderer Tag. Es geht um die Nachmittagsbetreuung des Kindes und eine Mutter sagt mir mit einem Augenzwinkern: „Die Leitung des Horts kenne ich aus dem Sportverein. Da rede ich mal beim nächsten Training mit ihr. Dann bekommen wir sicher noch einen Platz.“ Oder etwas allgemeiner: eine große Mehrheit unterstützt die Fridaysforfuture-Bewegung, aber achtzig Prozent würden nicht auf eine Flugreise im Jahr zugunsten des Klimas verzichten.

Es ist normal geworden, dass wir zuerst an uns und unsere Interessen denken. Gleichzeitig werden die Stimmen immer lauter, die über die Verrohung der Gesellschaft klagen, die den Egoismus der anderen an den Pranger stellen. In einem Buch habe ich einmal gelesen, dass, egal was wir tun, selbst bei Bibelstudium und Gebet immer bewusst oder unbewusst der Subtext „ich“ mitläuft. Mit dem stetig wachsenden Wohlstand und der stetig wachsenden Unabhängigkeit der Menschen hat sich das in unserer Gesellschaft immer mehr entwickelt. Das hat durchaus seine positiven Züge. Wie viele positiven Entwicklungen hätte es sonst nicht gegeben? Doch es scheint zu kippen. Irgendwann scheint der Moment erreicht, da der Subtext „ich“ alles andere überwiegt und das Zusammenleben darunter leidet.

Warum ich hier davon schreibe? Weil ich zunehmend den Eindruck habe, dass dieser Subtext immer mehr auch unsere Gemeinden dominiert. Da werden Schränke abgeschlossen, da andere sonst das eigene Material nutzen könnten. Dabei ist alles aus den Finanzmitteln der Gemeinde beschafft worden. Oder es wird penibel darauf geachtet, zu welcher Gemeinde welche Straße gehört, damit ja in der zuständigen Gemeinde die Taufe, Hochzeit oder Beerdigung erfolgt. Die Quote muss schließlich stimmen. Zugleich will man aber bitte nicht mehr arbeiten als der Kollege in der Nachbargemeinde.

Ist das der Eindruck, den wir als Christen bei den Menschen hinterlassen wollen? Ist es das, was unser Christsein ausmacht? Ist es das, was Jesus wollte? Und ist überhaupt noch etwas an der Situation zu ändern?

Ich bin ehrlich. Manchmal kommen mir Zweifel. Doch ich will nicht aufgeben. Ich glaube, dass Jesus etwas anderes im Sinn hatte, als er von der Nächstenliebe sprach oder von den Friedfertigen, die selig werden. Ich glaube, dass ein wenig mehr Selbstlosigkeit uns und unserer Gesellschaft gut täte. Selbstlosigkeit im Sinne von auch mal von sich selbst absehen können. Selbstlosigkeit, die beinhaltet, dass man seinen Wert nicht aus den eigenen Leistungen oder Vermögen bezieht. Der Wert einer Person ergibt sich daraus, dass sie Gottes geliebtes Kind ist, dass Jesus für sie gestorben ist unabhängig vom Ansehen in der Welt. Wer das für sich annehmen kann, muss nicht immer in der ersten Reihe stehen, kann anderen auch was gönnen, lernt den Wert einer Gemeinschaft kennen, die mehr ist als das eigene ich. Denn wenn viele ihre eigenen Fähigkeiten einbringen und auch mal anderen den Vortritt lassen, dann entstehen Dinge, die ein einzelner nicht vermag. Auf diese Weise ließe sich doch eine Menge in unseren Gemeinden und vielleicht auch in unserer Welt erreichen.

Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass es zwanzig Prozent in einer Gruppe braucht, um etwas zu verändern oder eine neue Entwicklung anzustoßen. Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, diese zwanzig Prozent für eine Gesellschaft, in der das „wir“ stärker ist als der Subtext „ich“, noch zusammen zu bekommen. Seid ihr ein Teil dieser zwanzig Prozent? Dann lasst uns anfangen, in unserer Nachbarschaft selbstlos zu wirken!

Elf Freunde sollt ihr sein…

…ein Satz, der uns aus dem Fußball bekannt ist, der sich seinen Weg in viele weitere Bereiche gebahnt hat. Dahinter steht der Wunsch nach Gemeinschaft, denn, so ist die Überzeugung, in einer Gemeinschaft lässt sich fast alles erreichen. Aber Gemeinschaft lässt sich nicht erzwingen. Niemand kann dazu verpflichtet werden, zumindest nicht so, dass die Gemeinschaft dann auch funktioniert.

Vor eineinhalb Jahren startete ich in die Pionierweiterbildung. Schon in der Ausschreibung stand etwas von Weggemeinschaft. Vielleicht nicht für immer, aber für diesen Weg, die gemeinsame Zeit der Weiterbildung bestand der Wunsch Gemeinschaft zu werden, zu sein, zu leben. Aber lässt sich das erzwingen?

Ich habe mich auf das Abenteuer eingelassen. Am ersten Tag war ich ziemlich aufgeregt. Ich weiß es noch wie heute. Welche Menschen werde ich kennenlernen. Können wir eineinhalb Jahre Weiterbildung gemeinsam aushalten oder werden wir alle froh sein, wenn der letzte Tag gekommen ist. Wie wird der Umgang mit dem Leitungsteam sein, dass sich ja diese Weggemeinschaft schon per Ausschreibung wünschte. Gedanken, die unablässig in meinem Kopf kreisten.

Die ersten Tage der Weiterbildung bestanden aus dem gegenseitigen vorsichtigen Abtasten. Wo kommen die anderen her, was machen sie, was denken sie und wie sind sie so drauf? Und dann gab es die ersten Momente, in denen wir einfach nur herzhaft zusammen gelacht haben, gemeinsam im Wald gefühlt oder in Berlin gefeiert haben. Momente, in denen wir zusammen gesungen, geschwiegen, gebetet haben. Jedes Mal, wenn wir uns trafen – manchmal lagen Monate dazwischen – war es mehr wie nach Hause kommen. Dabei waren wir so unglaublich verschieden. Katholisch oder evangelisch, Landeskirche oder Freikirche, Hauptamtlich oder gar nicht bei Kirche engagiert, jung oder schon etwas älter, aus dem Norden oder dem Süden und manche auch so ganz anders als man selbst. Aus diesen Menschen sollte eine Gemeinschaft werden?

Sie entstand in einer Form, in der ich es bisher selten erlebt habe. Ich kann nur ahnen, warum es gelang. Wir alle haben uns auf dieses Abenteuer eingelassen, waren offen dafür, neue, ganz andere Menschen kennenzulernen und sich mit ihnen auf den Weg zu machen. Auch wenn es für den einen oder die andere eine ganz schöne Herausforderung war. Was uns dazu bewegte? Wir hatten ein gemeinsames Anliegen, etwas, das uns alle bewegt. Wir alle leben in einer Beziehung mit Gott, in sehr lebendigen, sehr unterschiedlich gestalteten Beziehungen. Aber wir alle wünschen uns, dass auch andere Menschen das Geschenk dieser Beziehung erfahren dürfen. An der missio dei wollen wir mitwirken.

Das trug uns, ließ uns zusammen kommen und Gespräche bis tief in die Nacht führen. Im Glauben an diesen Gott begleiteten wir einander, nahmen Anteil am Leben der anderen, feierten neues Leben und trauerten um die, die den Kurs nicht beenden konnten. Wie sehr diese Gemeinschaft gewachsen ist, zeigte sich in den letzten zweieinhalb Tagen, die persönlich, intensiv und segensreich waren. Noch einmal klangen tiefe persönliche Erfahrungen an, noch einmal schenkten wir einander Einblick in unser Leben. Als Abschiedsgeschenk an jeden einzelnen von uns. Wir beteten füreinander und sprachen uns Segen zu. Mein Gedanke auf der Heimfahrt: das ist Kirche, Kirche wie Menschen sie brauchen, wie ich sie leben möchte, wie Gott sie ins Leben gerufen hat.

Deshalb sind diese Worte nicht nur ein Liebeslied auf Gott, der uns diese Gemeinschaft schenkte, sondern auch auf die Weggefährten dieser Weiterbildung. Lasst diese Kirche an je euren Orten spürbar und sichtbar werden.

Was zählt?!

Woran misst sich der Erfolg einer Fresh Expression? Sind es die Zahlen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer? Wenn es nach der Vorstellung mancher geht, sind genau das die entscheidenden Kriterien. Doch wie soll eine Fresh Expression die Mitgliedszahlen einer etablierten Kirchengemeinde erreichen, wenn es noch nicht einmal eine offizielle Erfassung der Teilnehmer gibt – die meines Erachtens auch nicht Ziel und Zweck sein kann. Oder bemisst sich der Erfolg an den Zahlen der Teilnehmenden an den einzelnen Angeboten und lohnt es sich, für drei oder vier schon aktiv zu werden? Zum einen ist aller Anfang schwer und auch Jesus hat sich mit einer kleinen Zahl Jünger auf den Weg gemacht. Zum anderen ist so manche Veranstaltung in einer etablierten Gemeinde nicht besser besucht und wird dennoch angeboten.

Ich halte nicht viel von dieser Zahlenklauberei und weiß dennoch, dass sie vielleicht das einzige Mittel ist, nach dem sich Erfolg bemessen lässt. Letzterer ist aber notwendig, wenn es dauerhaft weitergehen soll und Finanzmittel bewilligt und zugewiesen werden sollen. Dennoch sind es andere Momente, die mich glauben lassen, dass gewollt ist, was geschieht. Das klingt kryptisch. Doch ein kleiner Einblick in „meine“ Fresh Expression macht vielleicht deutlich, was mich bewegt:

Die letzten Tage schien irgendwie alles schief zu gehen. Seit Tagen schon streikt die Heizung bei uns im TrafoHaus. Heute morgen lief uns dann auch noch das Wasser aus dem Kühlfach des Kühlschranks entgegen. Irgendwann letzte Nacht hat er seinen Dienst quittiert.
Was nun? Eigentlich sollte heute AbenteuerZeit sein – der Nachmittag für Kleine und Große mit viel Spiel und Spaß, Andacht und gemeinsamen Abendessen. Im kalten TrafoHaus heute unmöglich. Doch was sollen wir tun?

Irgendwann dann die Idee: wir versuchen es im RaumZeit-Laden. Ja, der ist von der Größe, der Ausstattung und der Beschaffenheit nicht optimal. Wir werden nicht alle Kreativangebote durchführen können. Es wird eng und laut werden. Doch wie schrieb eine Mutter: „Wenn wir AbenteuerZeit ausfallen lassen, haben wir hier Drama!“ Nicht nur für ihre Tochter ist AbenteuerZeit mittlerweile fester Bestandteil des Lebens. Sobald der neue Flyer erscheint, wissen alle, es geht wieder los. Also gingen wir heute Nachmittag das Wagnis ein.
Und dann zeigte sich: gerade die schwierigsten Situationen können zum Segen werden. Auf kleinstem Raum feierten wir AbenteuerZeit, dankten Gott, für alles, was er uns mit seiner Schöpfung geschenkt hat. In diesen Stunden war es besonders unsere Gemeinschaft, dass die Erwachsenen sich untereinander austauschen, die Kinder miteinander spielen konnten. Jede und jeder ist so willkommen, wie es ihn gerade zu uns hereinträgt. Das gemeinsame Essen ist da dann noch der krönende Abschluss und das Aufräumen im Anschluss für alle eine Selbstverständlichkeit.

Ja, es war wuselig und wesentlich lauter als sonst. Aber schon wenige Minuten nach Schluss werden per Nachrichtendienst die ersten Fotos und Nachrichten ausgetauscht. Alle sind sich einig: gut, dass wir es nicht ausfallen lassen haben. Es war ein wunderschöner Nachmittag.

Mitten in diesem so wuseligen, chaotischen Nachmittag war Gott da. Die Größe des Raumes, die Vielfalt der Angebote, die Zahl der Teilnehmenden war nicht von Bedeutung. Das, was zählte, war unsere Gemeinschaft und die Gemeinschaft mit Gott. So fühle ich mich heute Abend einfach nur gesegnet und kann die nächste AbenteuerZeit kaum erwarten. Hoffentlich dann aber wieder im TrafoHaus.

Wie wichtig sind dir die Zahlen oder woran bemisst du den Erfolg einer Gemeinde?