Schlagwort: Gegenwart Gottes

Gott ist Atmen

Seit Ende April nehme ich an einer Aktion teil, die nennt sich get_blank. Einen Monat lang blank für das Neue in der Kirche sein. Im digitalen Austausch mit anderen und im eigenen Nachdenken. Gestern Abend ein großartiger Videoimpuls von Eva Jung. Ich kann hier gar nicht alles schreiben. Das würde eindeutig den Rahmen sprengen. Wer will, kann es aber derzeit noch hier selbst sehen.

Einen Gedanken aber möchte ich mit euch teilen, der mich seit gestern Abend nicht loslässt. Abgeleitet vom hebräischen Wort für Gott – jhwj – das eigentlich unaussprechlich ist. Doch will man es versuchen, klingt es wie ein Atmen. Davon ausgehend äußert Eva Jung den Gedanken, dass jeder Atemzug ein Aussprechen des Namens Gottes ist. Das erste, was wir in unserem Leben tun und das Letzte ebenso ist ein Atemzug, ein Aussprechen des Namens Gottes. Das heißt aber, dass zu allen Zeiten Gott in uns anwesend ist, egal wo wir uns gerade befinden. Egal, was wir gerade machen. Egal, ob wir an Gott glauben oder nicht. Jeder Mensch ist von Gott inspiriert. Was für ein Gedanke!

Ich habe ihn mitgenommen in die Nacht, in mein Nachdenken. Es rumort in mir. Denn wenn ich das zuende durchdekliniere, bedeutet das für mich, dass Gott überall anwesend ist, ihm kein Ort, keine Situation fremd ist. Kein Problem, werden jetzt sicher viele sagen. Es bedeutet aber auch, dass, wenn jeder Atemzug ein Aussprechens des Namens Gottes ist, jeder Atemzug ihn auch anruft. Jeder Atemzug ist dann ein Anrufen Gottes, ein Gebet. Vielleicht unterschieden durch unser jeweiliges Gestimmtsein in Dank, Klage, Lob oder Bitte. Wenn ich dann noch die Zusage Jesu hinzunehme „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Matthäus 18,20)“, dann klingt das für mich nach gemeinsamen Feiern, Klagen, Danken. Dann klingt das nach Gottesdienst.

Ich spinne diesen Gedanken noch ein wenig weiter. Wenn jedes Zusammenkommen, jedes gemeinsam Atmen Gottesdienst ist, dann ist schon das morgendliche „Guten Morgen“ mit den Kindern, der Familie, dem Lebenspartner oder der Lebenspartnerin ein gemeinsames Feiern Gottes. Erst recht der Plausch am Gartenzaun, das kurze Gespräch an der Supermarktkasse, das Kundengespräch oder auch der Matheunterricht in der Schule. Dieser Gedanke fasziniert mich. Gerade in einer Zeit, in der allerorten über die Durchführbarkeit von Gottesdiensten nachgedacht wird, viele Für und Wider abgewogen werden. Sind Gottesdienste wirklich nur diese besonderen Feiern zu einer bestimmten Zeit in der Woche, in einem besonderen Gebäude und der Lesung dieses besonderen Buches? Beim Vorlesen wird übrigens besonders viel ein und ausgeatmet – auch beim Kitschroman. Oder ist unser Leben, unser Atmen ein Gottesdienst? Jeder Atemzug ein Aussprechen und Anrufen des Namens Gottes, ein Dank dafür, dass er uns geschaffen hat.

Welch eine bunte und vielfältige Gottesdienstlandschaft würde da plötzlich sichtbar werden, wenn wir diesem Gedanken weiter folgen würden. Wir bräuchten uns um die Durchführung der besonderen Feiern zu besonderen Zeiten in besonderen Häusern weniger Gedanken machen, da sie nicht die einzigen Gottesdienste wären, der Gottesdienst eben niemals aufhörte, auch wenn zahlreiche Meldungen es dieser Tage so erscheinen lassen. Jeder Atemzug ein Anrufen Gottes – das weist mich aber auch noch auf etwas anderes hin. Wir sollen den Namen Gottes nicht missbrauchen. So heißt es in der Bibel. Das bedeutete dann auch, wir sollen unseren Atem nicht missbrauchen, z.B. im Anschreien anderer. Im Beleidigen des Gegenübers, in abfälligen Kommentaren, in unüberlegten Worten, in Verschwörungstheorien, in Hasskommentaren und ähnlichem. Würde dieses Bewusstsein etwas verändern?

Gott ist Atmen. Atmen ist Anrufen Gottes. Gemeinsames Atmen ist Gottesdienst in jedem Atemzug.