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Kirche in der VUCA-Welt

Im Mai 2019 erschien die Studie Projektion 2060 der Universität Freiburg in Verbindung mit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wir alle kennen die Ergebnisse: die Prognose der Halbierung der Kirchenmitglieder in den nächsten vierzig Jahren. Für viele kamen die Ergebnisse nicht unerwartet, beobachten wir doch seit Jahren steigende Austrittszahlen. Doch statt Häme oder einem „Das sagen wir doch schon lange!“ löste die Veröffentlichung eher eine flächendeckende Bestürzung aus und schaffte es bis in die Tagesschau. In der vergangenen Woche dann die Veröffentlichung der Austrittszahlen des vergangenen Jahres. Die Zahlen zeigen ein exponentielles Wachstum, wie wir es in Zeiten von Corona ständig in anderen Zusammenhängen diskutieren. Nun auch in Sachen Austrittszahlen. Auch wenn Untersuchungen der Gründe für die Austritte ausstehen, zeigen die Zahlen deutlich, dass nicht der demographische Wandel, der vielleicht noch halbwegs durch Taufen abgefangen werden könnte, das größere Problem ist, wie noch vor wenigen Jahren vermutet, sondern die bewusste Abkehr der Menschen von der Institution Kirche. Die Reaktionen auf diese Zahlen reichten in den letzten Tagen von Artikeln, die empfehlen, die Kirche sterben zu lassen, bis hin zu Videoclips, die vom Guten in der Kirche berichten. Zu den Zahlen treten Versuche, die zu benennen, die nicht mehr zur Kirche gehören. Sie reichen von Atheist, Agnostiker über kirchenfern oder kirchendistanziert bis hin zu indifferent oder freundlich desinteressiert. Immer aber schwingt eine Unterscheidung von wir, die Kirchenmitglieder, und die anderen mit. Das alles geschieht in einer Welt, in der sich die Gesellschaft in einem rasanten Wandel befindet. Im Bereich der Organisationsentwicklung wird sie immer wieder als VUCA-Welt bezeichnet. Das Akronym VUCA beschreibt die Rahmenbedingungen, denen Organisationen besonders im Zeitalter der Digitalisierung ausgesetzt sind. Ich finde dieses Akronym ganz passend, da es mehr als die bisher oft zitierte Komplexität umfasst. Votalität (Flüchtigkeit), Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (Mehrdeutigkeit) bestimmen den Alltag und führen dazu, dass Erfahrungswissen immer endlicher wird. Lineares Denken, Ursache-Wirkungsprozesse bieten keine Lösungen mehr an. Stattdessen braucht es immer mehr neue und individuelle Lösungen. Zukunft kann nicht mehr aus bisherigen Erfahrungen abgeleitet werden und ist entsprechend schlecht vorhersagbar.

Daher sind auch die missionarischen Perspektiven, die ich nun beschreiben möchte, Blitzlichter, Gedankensplitter, niemals vollständig und schon gar kein Patentrezept.

Kirche ist Teil der Vuca-Welt, sie lebt und agiert in ihr, steht ihr nicht gegenüber. Wie alle anderen Menschen und Organisationen auch ist sie diesen Rahmenbedingungen ausgesetzt. Deshalb möchte ich noch einmal bei VUCA ansetzen, denn in den Organisationstheorien heißt es, dass der Vuca-Welt mit VUCA begegnet werden muss. Vision, Verstehen, Klarheit und Beweglichkeit sind die entsprechenden Begriffe dieses Akronyms.

Es braucht eine Vision, um der Flüchtigkeit zu begegnen, ein Bild von der wünschenswerten Zukunft, das als Kompass oder Orientierungshilfe dient, das Sinn stiftet und Motivation auslöst. Was ist die Vision der Kirche oder besser ihre Mission? Was ist die Vision der Gemeinden vor Ort, der Menschen in unseren Orten? Gott handelt an und in der gesamten Welt. In diese Bewegung sind wir hineingenommen, sind daran beteiligt. Das entlastet, denn wir müssen die Kirche nicht schaffen oder retten. Das führt zugleich zu einer Haltung der Zugewandtheit zu den Menschen und dem Wunsch nach Kommunikation des Evangeliums. Es gilt: Das teilen, was man liebt. Eine der missionarischen Perspektiven ist daher m.E., den Begriff „Mission“ aus dem Feld der negativen Konnotation zu befreien und in ein ganzheitliches Verständnis zu überführen. Wie George Augustin schreibt, geht es nicht exklusiv um eine Evangelisierung der Nichtchristen, sondern um die Verlebendigung des Glaubens bei allen Menschen. Nicht unterscheiden in wir und die anderen, sondern gemeinsam auf dem Weg sein und damit Identifikation und Wirkungskraft ermöglichen. Denn dort, wo Kirchen und Religionsgemeinschaften es schaffen, den Transzendenzbezug „zurück ins Leben zu holen“, sind sie erfolgreich. So legt es die Untersuchung von Detlef Pollack und Gergely Rosta, Religion in der Moderne, nahe. Diese missionarische Perspektive stellt sich also als eine Frage der Haltung bzw. des Blickwinkels dar. Mission als Wesen des Christseins bzw. Christwerdens. Diese Haltung aber ist nicht auf besondere FreshX-Projekte beschränkt, sondern eröffnet jeder Ortskirchengemeinde eine neue Zuwendung hin zu den Menschen.

In der Zugewandheit zu den Menschen kann der Unsicherheit mit Verstehen begegnet werden. Essentiell für das Verstehen sind Zuhören und Beobachten. Ausgehend von einem systemischen Ansatz sind die Menschen die Experten für ihre jeweilige Situation. Ihnen in einer demütigen und lernenden Haltung zu begegnen, ermöglicht, sie wirklich wahrzunehmen. Was sind ihre Bedürfnisse, was sind ihre Träume? Wie gestaltet sich ihre Welt und ihr Alltag? Die Menschen zu verstehen braucht eine selbstreflexive Haltung. Was sind mein Weltbild, meine Tradition, meine Kultur, die in die Wahrnehmung mit einfließen? Die Wahrnehmung des Kontextes fußt daher auf einer Haltung, die oft mit den Worten von Klaus Hemmerle beschrieben wird: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“ Eine weitere missionarische Perspektive ist daher meines Erachtens das Leben mit den Menschen in ihrem Kontext, in ihrem Alltag außerhalb der Grenzen der Kirchen zu gestalten, sich mit ihnen in einen gegenseitigen Lernprozess zu begeben. FreshX-Projekte, die in besonderen Lebenszusammenhängen oder an besonderen Orten entstehen, gehen mittlerweile oft wie selbstverständlich von einer Sozialraumorientierung aus. Den Kontext außerhalb der eigenen Gemeindegrenzen wahrzunehmen, sich z.B. als Kirche für den Ort zu verstehen, kann auch einer Ortskirchengemeinde neue Perspektiven eröffnen. Die Idee der Gemeinwesendiakonie setzt z.B. bei dieser Perspektive an.

Dabei ist der Komplexität im näheren und weiteren Umfeld durch Klarheit zu begegnen. Klarheit beinhaltet den Austausch von Wissen, die Transparenz in der gegenseitigen Information und Kommunikation und die Fokussierung auf das Ziel bzw. die Vision. Dazu gehört auch, im eigenen Umfeld Netzwerke aufzubauen und in Netzwerken zu handeln, da Netzwerke der Reduktion von Komplexität dienen. Um in Netzwerken handeln zu können, braucht es sich selbst organisierende Teams, die von Vertrauen gekennzeichnet sind. Netzwerke agieren außerdem zunehmend im digitalen Raum. Unter dem Gesichtspunkt der missionarischen Perspektive bedeutet dies, dass Kirche vor Ort sich zum einen fokussiert z.B. unter Aspekten der Zielgruppenorientierung oder besonderer örtlicher Gegebenheiten. Zum anderen kooperiert sie im Sinne eines gemeinsamen Interesses, der Mission, und im gegenseitigen Vertrauen mit anderen Partnern vor Ort und zunehmend auch überörtlich. (Ökumene der Sendung). Gemeinsam die Kommunikation des Evangeliums verfolgen, indem unterschiedliche Netzwerkpartner ihre Fähigkeiten und Kompetenzen einbringen.

Dabei treffen in den unterschiedlichsten Zusammenhängen unterschiedlichste Wertesysteme und Wahrnehmungen aufeinander. „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“ Dinge werden unterschiedlich gedeutet. Diese Mehrdeutigkeit bedeutet auch ein Mehr an Auswahl. Jeder*r kann heute nahezu alles zu jeder Zeit an jedem Ort machen, lesen, lernen. Dieser Ambiguität ist mit Beweglichkeit zu begegnen. Beweglichkeit meint die Schaffung und Akzeptanz von Perspektivvielfalt, die agile Reaktion auf Veränderungen, die Förderung von Innovation. Da die Organisation Kirche und damit auch die Ortskirchengemeinden in der Regel in vielfältige Verpflichtungen und Aufgaben eingebunden sind, ergibt sich aus der Beweglichkeit die missionarische Perspektive von FreshX-Projekten oder besser Erprobungsräumen als Orte, in denen individuell und situativ im Sinne eines trial an error ausprobiert werden kann, in denen eine hohe Fehlertoleranz und ein hohes Maß an Selbstorganisation herrscht. Hier geht es um Innovation, um ein thinking out oft he box. Jeder dieser Räume ist ganz Kirche, wenn auch nicht die ganze Kirche. Gemeinsam mit den Ortskirchengemeinden, diakonischen Einrichtungen und anderen Formen gemeindlichen Lebens sind sie Kirche und ermöglichen so, unterschiedliche Formen geistlichen Lebens und ekklesiale Vielfalt zu leben. Der Individualisierung und Subjektivierung der Gesellschaft entspricht die Entwicklung immer neuer individueller Ansätze vor Ort. Dabei können solche FreshX-Projekte sich eigenständig gründen oder im Zusammenhang einer Ortskirchengemeinde ihr Wirken entfalten. Vielleicht werden sie sogar einmal selbst zu einer Kirchengemeinde an einem neuen Ort oder befruchten die Ortskirchengemeinden mit ihren Innovationen.

Diese Perspektiven zeigen, dass das Schnittfeld von FreshX-Projekten und Ortskirchengemeinden groß ist, sie sich nicht in Konkurrenz oder einer Wertung von Altem und Neuem gegenüber stehen. Gemeinsam wirken sie mit an der Missio Dei. Vor diesem Hintergrund möchte ich noch einmal auf meine Beobachtungen vom Anfang zurückkommen. Die Projektion 2060 oder auch die aktuellen Austrittszahlen haben im Sinne der Ambiguität unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Deutlich ist, dass sich Kirche verändern wird. Sie wird sicher auch kleiner werden. Doch zeigen die missionarischen Perspektiven, dass sich auch hier gilt: „Flatten the churve“. So führte Fabian Peters bei einer Präsentation der Projektion 2060 aus: Würde es den Kirchen gelingen, die Tauf- und Aufnahmebereitschaft um zehn Prozent zu erhöhen und gleichzeitig die Austritte um zehn Prozent  zu verringern, dann würde sich die vorausberechnete Zahl der Kirchenmitglieder in allen Landeskirchen und Bistümern  für das Jahr 2060 um zwei Millionen Menschen erhöhen. Konkret auf eine einzelne Gemeinde mit etwa zweitausend Mitgliedern bezogen hieße das: Der Gemeinde müsste es gelingen, in zwei Jahren drei bis vier Austritte zu verhindern und drei zusätzliche Menschen zu taufen. Kein unmögliches Szenario oder?

Elf Freunde sollt ihr sein…

…ein Satz, der uns aus dem Fußball bekannt ist, der sich seinen Weg in viele weitere Bereiche gebahnt hat. Dahinter steht der Wunsch nach Gemeinschaft, denn, so ist die Überzeugung, in einer Gemeinschaft lässt sich fast alles erreichen. Aber Gemeinschaft lässt sich nicht erzwingen. Niemand kann dazu verpflichtet werden, zumindest nicht so, dass die Gemeinschaft dann auch funktioniert.

Vor eineinhalb Jahren startete ich in die Pionierweiterbildung. Schon in der Ausschreibung stand etwas von Weggemeinschaft. Vielleicht nicht für immer, aber für diesen Weg, die gemeinsame Zeit der Weiterbildung bestand der Wunsch Gemeinschaft zu werden, zu sein, zu leben. Aber lässt sich das erzwingen?

Ich habe mich auf das Abenteuer eingelassen. Am ersten Tag war ich ziemlich aufgeregt. Ich weiß es noch wie heute. Welche Menschen werde ich kennenlernen. Können wir eineinhalb Jahre Weiterbildung gemeinsam aushalten oder werden wir alle froh sein, wenn der letzte Tag gekommen ist. Wie wird der Umgang mit dem Leitungsteam sein, dass sich ja diese Weggemeinschaft schon per Ausschreibung wünschte. Gedanken, die unablässig in meinem Kopf kreisten.

Die ersten Tage der Weiterbildung bestanden aus dem gegenseitigen vorsichtigen Abtasten. Wo kommen die anderen her, was machen sie, was denken sie und wie sind sie so drauf? Und dann gab es die ersten Momente, in denen wir einfach nur herzhaft zusammen gelacht haben, gemeinsam im Wald gefühlt oder in Berlin gefeiert haben. Momente, in denen wir zusammen gesungen, geschwiegen, gebetet haben. Jedes Mal, wenn wir uns trafen – manchmal lagen Monate dazwischen – war es mehr wie nach Hause kommen. Dabei waren wir so unglaublich verschieden. Katholisch oder evangelisch, Landeskirche oder Freikirche, Hauptamtlich oder gar nicht bei Kirche engagiert, jung oder schon etwas älter, aus dem Norden oder dem Süden und manche auch so ganz anders als man selbst. Aus diesen Menschen sollte eine Gemeinschaft werden?

Sie entstand in einer Form, in der ich es bisher selten erlebt habe. Ich kann nur ahnen, warum es gelang. Wir alle haben uns auf dieses Abenteuer eingelassen, waren offen dafür, neue, ganz andere Menschen kennenzulernen und sich mit ihnen auf den Weg zu machen. Auch wenn es für den einen oder die andere eine ganz schöne Herausforderung war. Was uns dazu bewegte? Wir hatten ein gemeinsames Anliegen, etwas, das uns alle bewegt. Wir alle leben in einer Beziehung mit Gott, in sehr lebendigen, sehr unterschiedlich gestalteten Beziehungen. Aber wir alle wünschen uns, dass auch andere Menschen das Geschenk dieser Beziehung erfahren dürfen. An der missio dei wollen wir mitwirken.

Das trug uns, ließ uns zusammen kommen und Gespräche bis tief in die Nacht führen. Im Glauben an diesen Gott begleiteten wir einander, nahmen Anteil am Leben der anderen, feierten neues Leben und trauerten um die, die den Kurs nicht beenden konnten. Wie sehr diese Gemeinschaft gewachsen ist, zeigte sich in den letzten zweieinhalb Tagen, die persönlich, intensiv und segensreich waren. Noch einmal klangen tiefe persönliche Erfahrungen an, noch einmal schenkten wir einander Einblick in unser Leben. Als Abschiedsgeschenk an jeden einzelnen von uns. Wir beteten füreinander und sprachen uns Segen zu. Mein Gedanke auf der Heimfahrt: das ist Kirche, Kirche wie Menschen sie brauchen, wie ich sie leben möchte, wie Gott sie ins Leben gerufen hat.

Deshalb sind diese Worte nicht nur ein Liebeslied auf Gott, der uns diese Gemeinschaft schenkte, sondern auch auf die Weggefährten dieser Weiterbildung. Lasst diese Kirche an je euren Orten spürbar und sichtbar werden.

Mit anderen Augen…

Sechs Tage war ich mit meinen Kindern in London unterwegs. Die klassischen Sehenswürdigkeiten haben wir angeschaut und einiges, was für Kinder besonders interessant ist wie den Diana Memorial Playground. In diesen Tagen habe ich London mit anderen Augen gesehen, mit den Augen meiner Kinder.

Sie wachsen sehr behütet auf in einem neuen Stadtteil einer norddeutschen Kleinstadt. In den Straßen der englischen Metropole erblickten sie vieles, was sie bis dato noch nicht kannten, mir aber so selbstverständlich erschien. Dazu gehörten vor allem die vielen Menschen ohne Wohnung, die in Zelten, Hauseingängen oder direkt auf der Straße schliefen. Meine Kinder machten mich immer wieder auf sie aufmerksam und fragten, warum sie mitten am Tag schliefen, warum sie keine richtige und saubere Kleidung tragen, warum sie keine Wohnung haben, warum sie soviel Alkohol trinken, warum niemand ihnen hilft. Meine Kinder konnten nicht einfach daran vorbeischauen, sie nicht aus ihrem Blick ausblenden, wie ich es immer wieder tue. Die Frage, die mich am meisten bewegte, war: warum gibt es das bei uns und warum machen wir nichts dagegen?

Die Fragen meiner Kinder lassen mich nicht los. Ich versuche, Kirche mit den Menschen meines Stadtteils zu gestalten. Es entstehen Formate und Veranstaltungen, die uns gut tun, die unseren Glauben wecken oder auch wachsen lassen. Unsere Gemeinschaft wächst und wir genießen es sehr. Aber ist es das, was wir, was unsere Welt wirklich braucht? Ist das Ziel wirklich, neue Gemeinden entstehen zu lassen? Oder sind wir berufen, diese Welt menschlicher bzw. nach dem Willen Gottes zu gestalten? Müssten wir dann nicht hinaus auf die Straßen gehen und den Menschen dort ganz konkret helfen? Bei den Ärmsten und Verachtetsten anfangen und nicht eher aufhören, bevor sie alle ein für sie gutes Leben führen? Weniger an uns, an ordentliche und gepflegte Kirchen denken als an die Menschen in unserer Nachbarschaft, auf unseren Straßen?

Vermutlich werden jetzt viele sagen, man kann das eine tun ohne das andere zu lassen. Das stimmt sicher auch zum Teil, denn immerhin gibt es neben den etablierten Gemeinden auch viele Projekte und Einrichtungen, die sich für die Ärmsten einsetzen. Und doch habe ich das Gefühl, wir haben uns viel zu sehr an den Anblick der Obdachlosen auf der Straße gewöhnt, sehen sie eher als ein Ärgernis, als dass wir ihre Geschichte und ihre Not kennen wollten. Wenn wir an ihnen vorbei gehen, blenden wir sie aus unserem Blick aus.

Meine Kinder sind noch nicht daran gewöhnt, etwas auszublenden. Sie nehmen alles noch so wahr, wie sie es sehen und stellen ihre Fragen dazu. Sie haben mich in den wenigen Tagen in London gelehrt, die Straßen der Metropole mit ihren Augen zu sehen. Dabei fiel mir Jesu Wort ein „wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“. Vielleicht sollten wir wieder mehr mit ihrem Blick durch unsere Straßen gehen…

Was zählt?!

Woran misst sich der Erfolg einer Fresh Expression? Sind es die Zahlen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer? Wenn es nach der Vorstellung mancher geht, sind genau das die entscheidenden Kriterien. Doch wie soll eine Fresh Expression die Mitgliedszahlen einer etablierten Kirchengemeinde erreichen, wenn es noch nicht einmal eine offizielle Erfassung der Teilnehmer gibt – die meines Erachtens auch nicht Ziel und Zweck sein kann. Oder bemisst sich der Erfolg an den Zahlen der Teilnehmenden an den einzelnen Angeboten und lohnt es sich, für drei oder vier schon aktiv zu werden? Zum einen ist aller Anfang schwer und auch Jesus hat sich mit einer kleinen Zahl Jünger auf den Weg gemacht. Zum anderen ist so manche Veranstaltung in einer etablierten Gemeinde nicht besser besucht und wird dennoch angeboten.

Ich halte nicht viel von dieser Zahlenklauberei und weiß dennoch, dass sie vielleicht das einzige Mittel ist, nach dem sich Erfolg bemessen lässt. Letzterer ist aber notwendig, wenn es dauerhaft weitergehen soll und Finanzmittel bewilligt und zugewiesen werden sollen. Dennoch sind es andere Momente, die mich glauben lassen, dass gewollt ist, was geschieht. Das klingt kryptisch. Doch ein kleiner Einblick in „meine“ Fresh Expression macht vielleicht deutlich, was mich bewegt:

Die letzten Tage schien irgendwie alles schief zu gehen. Seit Tagen schon streikt die Heizung bei uns im TrafoHaus. Heute morgen lief uns dann auch noch das Wasser aus dem Kühlfach des Kühlschranks entgegen. Irgendwann letzte Nacht hat er seinen Dienst quittiert.
Was nun? Eigentlich sollte heute AbenteuerZeit sein – der Nachmittag für Kleine und Große mit viel Spiel und Spaß, Andacht und gemeinsamen Abendessen. Im kalten TrafoHaus heute unmöglich. Doch was sollen wir tun?

Irgendwann dann die Idee: wir versuchen es im RaumZeit-Laden. Ja, der ist von der Größe, der Ausstattung und der Beschaffenheit nicht optimal. Wir werden nicht alle Kreativangebote durchführen können. Es wird eng und laut werden. Doch wie schrieb eine Mutter: „Wenn wir AbenteuerZeit ausfallen lassen, haben wir hier Drama!“ Nicht nur für ihre Tochter ist AbenteuerZeit mittlerweile fester Bestandteil des Lebens. Sobald der neue Flyer erscheint, wissen alle, es geht wieder los. Also gingen wir heute Nachmittag das Wagnis ein.
Und dann zeigte sich: gerade die schwierigsten Situationen können zum Segen werden. Auf kleinstem Raum feierten wir AbenteuerZeit, dankten Gott, für alles, was er uns mit seiner Schöpfung geschenkt hat. In diesen Stunden war es besonders unsere Gemeinschaft, dass die Erwachsenen sich untereinander austauschen, die Kinder miteinander spielen konnten. Jede und jeder ist so willkommen, wie es ihn gerade zu uns hereinträgt. Das gemeinsame Essen ist da dann noch der krönende Abschluss und das Aufräumen im Anschluss für alle eine Selbstverständlichkeit.

Ja, es war wuselig und wesentlich lauter als sonst. Aber schon wenige Minuten nach Schluss werden per Nachrichtendienst die ersten Fotos und Nachrichten ausgetauscht. Alle sind sich einig: gut, dass wir es nicht ausfallen lassen haben. Es war ein wunderschöner Nachmittag.

Mitten in diesem so wuseligen, chaotischen Nachmittag war Gott da. Die Größe des Raumes, die Vielfalt der Angebote, die Zahl der Teilnehmenden war nicht von Bedeutung. Das, was zählte, war unsere Gemeinschaft und die Gemeinschaft mit Gott. So fühle ich mich heute Abend einfach nur gesegnet und kann die nächste AbenteuerZeit kaum erwarten. Hoffentlich dann aber wieder im TrafoHaus.

Wie wichtig sind dir die Zahlen oder woran bemisst du den Erfolg einer Gemeinde?

Lerne gehen, nicht laufen

Diesen Satz bekommt ein junger amerikanischer Pastor mit auf den Weg, als er im schottischen Hochland seinen Dienst antritt. Goldspeed heißt der Kurzfilm, in dem er und einige seiner Wegbegleiter von den Erfahrungen berichten, die er nach diesem Auftrag macht. Was heißt es zu gehen statt zu laufen? Was heißt das besonders in einer Welt, in der scheinbar alles auf maximale Geschwindigkeit ausgerichtet ist? Die Menschen in der Einsamkeit Schottlands lehren es ihn, dort, wo jeder Hof einen Namen hat und jeder die Geschichte des anderen kennt.

Es geht um Beziehungen und Begegnungen. Ein Büro hat der Pastor nicht. Dafür ist er auf der Straße unterwegs. Dort lernt er gehen, nicht laufen. Gehen, bei dem man wahrnimmt, gehen, bei dem man nicht auf ein bestimmtes Ziel drauf losläuft. Gehen, das zunächst einmal zweckfrei ist. Durch den Blick eines Schotten, der viel in der Natur unterwegs ist, lernt er die Wege zu begreifen, die Jesus ging. Anhand einer Landkarte in der Bibel und den Erfahrungen in Schottland werden Entfernungen und Geschwindigkeit begreifbar. Gottes Geschwindigkeit (godspeed) sind nicht die 6 km/h, mit denen wir zielstrebig auf etwas zulaufen. Es sind 3 km/h, die den Blick auf die Umgebung ermöglichen. Gehen, nicht laufen eben.

Auf diese Weise lernt der Pastor die Menschen und ihre Geschichten kennen. Er lernt ihre Sprache und Bilder und kann ihnen so vom Evangelium erzählen. Es entsteht eine Gemeinschaft, die sich nicht auf den Sonntagmorgen begrenzt, sondern alltagstauglich ist.

Doch was im schottischen Hochland so gut funktionierte, ist in der hektischen Welt der amerikanischen Stadt schon schwieriger. Dort geht niemand zu Fuß und klopft einfach an fremde Türen. Dort kennt nicht jeder die Geschichte des anderen. Dort ist eine Nachbarschaft nicht unbedingt eine Gemeinschaft. Das muss der Pastor erfahren, als er nach Jahren in seine Heimat zurückkehrt. Und doch sprechen auch dort die Menschen von ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft und gesehen werden. Deshalb will es der Pastor versuchen. Will auch dort gehen statt laufen.

Eine halbe Stunde Dokumentarfilm, die auch für die Kirchen in Deutschland eine Botschaft hat. Alltagstauglich sein, die Menschen und ihre Geschichten kennen, in Beziehungen oder Gemeinschaft mit ihnen leben sind meines Erachtens auch bei uns die Momente, in denen das Evangelium lebendig werden kann. Also lernt gehen, nicht laufen!

Übrigens: das englische Wort godspeed ist auch ein Segenswunsch, der einen positiven Ausgang der Vorhaben wünscht, besonders zu Beginn einer langen und gefährlichen Reise. In diesem Sinne wünsche ich der Kirche und euch: godspeed!

PS: Wer den Film selbst sehen möchte, findet ihn hier: godspeed

Alles auf Neuanfang?

Noch völlig leer liegt es vor mir. Nur die Ferientermine stehen schon drin. Sie werden viele der Termine bestimmen, die irgendwann auf diesem Blatt stehen werden. Aber noch ist es leer und in mir schwingt die Frage, ob ich mit diesem Blatt nicht einfach alles auf Neuanfang setzen kann.

Manchmal ist dieser Wunsch plötzlich da. Dann, wenn im vergangenen Jahr etwas nicht gut gelaufen ist. Dann, wenn Erfahrungen zu schmerzhaft waren. Dann, wenn etwas das Gefühl von Versagen, Nicht-gut-genug-Sein oder auch Schuld hinterlassen hat. Einfach noch einmal neu anfangen können, nicht an altem bemessen werden. Nicht mit den alten Erfahrungen im Gepäck losgehen, die vieles unmöglich scheinen lassen. Ich denke, dass deshalb viele Menschen Sprüche wie „Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat’s gemacht.“ so gerne lesen, hören, teilen.

Natürlich weiß ich, dass das tatsächlich nicht geht. Mindestens unsere eigenen Erfahrungen, Gedanken, Gefühle haben wir immer dabei, selbst wenn das Umfeld neu und unbekannt ist und von all dem Vergangenen nichts weiß. Ich will auch gar nicht alles hinter mir lassen. Neben den weniger schönen Dingen ist da auch so viel Gutes, das mich trägt, aus dem ich schöpfen kann und sei es nur die Erinnerung an einen schönen Moment, die mir Kraft gibt für das Weitergehen.

Nach zwei Jahren Fresh Expressions in Theorie und Praxis ist das Nachdenken über den Neuanfang rund um diesen Jahreswechsel besonders laut. Die ersten Formate haben wir in meinem Projekt schon wieder aufgegeben. Einige neue Ideen hängen in der Luft. Gleichzeitig gibt es ein großes Gefühl von Abhängigkeit von Unveränderbarem und Dankbarkeit für das Getragenwerden durch Etabliertes. Und doch wünschte ich mir manchmal den Knopf, mit dem in der Kirche alles auf Neuanfang gesetzt werden könnte. Wie gerne würde ich beobachten wollen, wie sich dann alles entwickeln würde. Glaube, Gottesdienst, Gemeinschaft, Gemeinde, Institution. Würde es anders, besser werden? Ehrlich? Ich denke nicht. Wir bleiben Menschen mit all unseren menschlichen Grenzen. Perfekt kann nur einer. Der aber sagt: „Seid getrost, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Darauf vertraue ich, wenn ich manchmal gerne alles auf Neuanfang setzen würde und es doch nicht kann, sondern mit den Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen im Gepäck meine Wege weiterziehe.

Und dann füllt sich binnen Minuten das leere Kalenderblatt vor mir mit Terminen, die im alten Kalender nur darauf gewartet haben, im neuen endlich zur Geltung zu kommen. Ich hoffe, dass das auch für die Kirche gilt, dass Dinge, die im alten warten, im neuen endlich zur Geltung kommen. Was das sein wird? Es wird sich zeigen…

Weihnachten – aber wie?!

„Was macht ihr denn Weihnachten?“ In diesen Tagen begegnet mir diese Frage mehrfach am Tag. Für immer mehr meiner Gesprächspartner gehört der Gottesdienstbesuch nicht mehr selbstverständlich zum Festtagsprogramm dazu. Liegt es an einer schwindenden Frömmigkeit oder was sind die Gründe?

Heute morgen hatte ich in dem Café, in dem ich einmal die Woche sitze, mal wieder so ein Gespräch. Eigentlich ging es um betriebliche Weihnachtsfeiern und was dazugehört. Während eine Wichteln toll findet, empfindet die andere es als zusätzlichen Stress. Ich meinte scherzhaft, ob sie schon mal von Weihnachtscrashern gehört habe. Nach einer Diskussion darüber, ob man etwas crashen darf oder nicht, erzählte ich, dass ich manchmal den Impuls habe, traditionelle Weihnachtsgottesdienste zu crashen. Mein Motiv? Der geilste Geburtstag der Welt hat doch eigentlich die coolste Party der Welt verdient, oder? Mit diesem Satz hatte ich etwas ausgelöst. Sofort sprudelte es aus einer heraus: „Ja, so richtig fetzig mit Gospel und so!“ Eine andere meinte: „Und was zu trinken gibt’s auch!“ Und eine dritte sagte: „Wenn du das machst, dann komme ich auch.“

Es ist wohl nicht nur die nachlassende Frömmigkeit, die immer mehr Menschen Weihnachten ohne Gottesdienstbesuch feiern lässt. Auch unsere traditionellen, oft sehr besinnlichen und ernsten Formate an den Festtagen sind längst nicht mehr für jede und jeden passend. Ich frage mich, wie viele Menschen vielleicht nur noch in den Gottesdiensten an Heiligabend sitzen, weil sie die Familie nicht enttäuschen wollen oder sich einer Tradition verpflichtet fühlen, mit deren Form sie nichts mehr anzufangen wissen.

Ich erlebe, dass gerade zu Weihnachten Menschen noch über Kirche nachdenken – mehr als zu anderen Zeiten des Jahres. Müsste die Kirche dann nicht auch in dieser Zeit noch mehr über die Menschen in ihrer Nachbarschaft nachdenken und sie zumindest fragen, wie sie den Geburtstag desjenigen feiern wollen, der mit jedem einzelnen von ihnen feiern will? Stattdessen feiern wir ungefragt nach Abläufen und mit Liedern, die zahlreiche Menschen nicht mehr nachvollziehen oder singen können, die gerne mit uns den Geburtstag Jesu feiern würden.

Es täte unserer Gottesdienstlandschaft gut, neben den besinnlichen und traditionellen Angeboten mit den Menschen danach zu suchen und zu fragen, wie sie den geilsten Geburtstag der Welt feiern wollen. Weihnachten- aber wie? Ich habe mir vorgenommen, diese Frage im nächsten Jahr zu stellen und Weihnachten mit den Menschen so zu feiern, wie sie es sich vorstellen. Mein ganz persönliches Weihnachtsgeschenk für dieses Jahr habe ich dafür heute gleich mitbekommen. Eine fragte zum Abschluss unseres Gesprächs: „Wo bist du denn Heiligabend in der Kirche?“ Ich sagte ihr wo und sagte auch, dass es ein traditioneller Gottesdienst sei. „Aber du bist nicht so ernst, sondern ganz locker. Und deshalb komme ich vielleicht. Eigentlich gehen wir ja nicht in die Kirche.“ Das ist Weihnachten für mich – aber wie!

Schenkt uns Freiraum!

Pionierwochenende in Essen – wir verbringen einen Tag im Unperfekthaus. Letzten Freitag in Stade – ein Abend zur Zukunft der Kirche. Im Gespräch dabei ein Mitbegründer des CFK-Valleys, der in Europa führenden Forschungseinrichtung für Faserverbundstoffe. Warum ich beide Tage in Verbindung miteinander bringe? Immer wieder fällt das Wort „Freiraum“.

Das Unperfekthaus steht in der Innenstadt von Essen und ist unbedingt einen Besuch wert. Schon von außen fällt es aus dem Rahmen und innen drin erst recht. Wer den Eintritt bezahlt hat und vielleicht auch noch eines der Essensangebote dazu gewählt hat, betritt eine andere Welt. Überall im Haus sitzen und arbeiten Menschen, die einen kreativ mit den Händen. Maler, Bildhauer, Künstler würde man sie wohl nennen. Doch die anderen sind es nicht weniger. Im Tonstudio, am Computer oder mit vielen an einem Tisch um einen großen Plan versammelt, entstehen hier ebenso kreative Ideen und Vorhaben. Der Gründer des Hauses, Reinhard Wiesemann, nennt das Haus ein Künstlerdorf und berichtet davon, was ihn bewegt hat, dieses Haus zu gründen. Er will Menschen Raum geben, in dem sie in den Grenzen der Legalität aber ohne Konventionen und Vorgaben denken, kreativ werden und arbeiten können. Nur in dieser Freiheit entstünden Dinge, die wie heute noch gar nicht erahnen könnten. Um diese neuen Ideen und ihre Urheber mit wirtschaftlich potenten Menschen in Kontakt zu bringen, die bei der Umsetzung helfen können, gibt es seit einiger Zeit ein Luxushotel neben dem Unperfekthaus. Wer hier eincheckt, muss durch das Unperfekthaus eintreten. Dabei soll das Haus die bestmögliche Atmosphäre dafür schaffen. Neben unterschiedlichsten Ateliers und Arbeitsräumen gibt es „Kuschelecken“ und Gemeinschaftszonen. So lange ein Raum nicht für ein Aufgeld gebucht worden ist, kann jeder in die Treffen und Veranstaltungen zu jeder Zeit hinein schauen. Zu jeder Zeit steht ein Buffet zur Stärkung bereit und die Getränkeautomaten scheinen niemals leer zu sein. Das Unperfekthaus ist eine eigene Welt, die größtmöglichen Freiraum zur Entwicklung neuer Ideen bieten will.

Nur wer Freiraum hat, kann Neues entdecken, so beschrieb auch Thomas Friedrichs vom CFK-Valley das Anliegen dieser Forschungseinrichtung. Unter bestmöglichen Voraussetzungen soll jungen Wissenschaftlern die Möglichkeit geboten werden, ihre Ideen auszuprobieren. Nur dann seien neue Entwicklungen möglich – und wer weiß, wozu diese einmal dienen werden. Thomas Friedrichs beschrieb das, was ihn antreibt, als Wunsch, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen und daran mitwirken zu dürfen.

Freiraum, um neue Ideen zu entwickeln, unter bestmöglichen Voraussetzungen. Das ist ungefähr der Satz, der sich seit diesen Erfahrungen in mir festgesetzt hat. Ich will ihn auf Kirche hin denken, denn allerorten hören wir doch, dass wir neue Ideen brauchen, damit Kirche Zukunft hat. Wenn das so ist, dann schenkt denen, die kreativ denken und werden wollen, Freiraum! Dieser Wunsch richtet sich an Kirchenleitungen, aber auch an Gemeinden. Aufrechnungen, wofür das Geld und die Personalmittel besser hätten eingesetzt werden können, engen ein und schaffen keinen Freiraum. Das Pochen und Beharren auf Gewohntes schafft keinen Freiraum für neue Ideen, sondern steckt enge Grenzen ab.

Warum nicht Freiräume ermöglichen, in denen erst einmal alles möglich ist, die gut ausgestattet sind und die nicht ständig unter der Beobachtung anderer stehen? Freiräume, in denen Menschen einfach mal kreativ sein können, egal wie verrückt die Ideen auch sind? Freiräume, in denen niemand unter Erwartungsdruck steht, sondern Scheitern oder Misserfolge genauso möglich und anerkannt sind. Ich bin mir sicher, dass das, was dort entsteht, zusammen mit dem schon Vorhandenen unsere Kirchenlandschaft bereichern und viele neue Impulse für alle bringen wird. Ich bin mir auch sicher, dass viele der neuen Ideen sich aus den Erfahrungen und Traditionen der etablierten Kirchen speisen werden. Also habt keine Angst vor dem Neuen, was dort entstehen könnte, sondern schenkt den Neudenkern Freiraum!

Eine Zielgruppe jenseits der Erreichbarkeit?

Kirche erreicht längst nicht mehr alle Menschen, egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Da sind sich so ziemlich alle Studien einig. Also wird über Kontextualisierung und Zielgruppenorientierung gesprochen. Wobei gerade bei letzterem Stichwort noch immer viele abwehren und sagen, dass die Volkskirche doch für alle da sein muss. Theoretisch ist das sicher auch so. Wer sich aber ein wenig mit Milieustudien etc. beschäftigt, der muss eingestehen, dass Kirche schon heute viele Milieus unserer Gesellschaft nicht anspricht und so wohl oder übel zielgruppenorientiert arbeitet. Nur als Stichwort: viele Angebote der Kirchen richten sich z. B. diakonisch an Bedürftige.

Nun bin ich aber ausgezogen, neue Formen von Kirche zu suchen, kontextuell und an der Zielgruppe ausgerichtet. Also habe ich mich viel damit auseinander gesetzt, wer eigentlich in „meinem“ Stadtteil wohnt. Bleibe ich in der Begrifflichkeit der Sinusstudie, sind es vor allem drei Gruppen an Menschen: die bürgerliche Mitte, die Liberal-Intellektuellen und die Konservativ-Etablierten.

Drei Milieus, die erstmal nicht durch Angebote wie Seniorencafé, Hausaufgabenhilfe und Wärmestube angesprochen werden. Schaut man noch etwas tiefer, so lernt man, dass sie in der Kirche die Bewahrerin der Tradition sehen, was aber nicht heißt, dass sie hingehen. Ganz im Gegenteil, ein Teil dieser Gruppen geht sogar davon aus, dass Kirche ihnen nichts bieten kann, da es dort keine Menschen wie sie gibt. Sie sind zwar aus Traditionsbewusstsein noch Kirchenmitglieder, erwarten auch, dass Kirche den Bedürftigen hilft, sie selbst sieht man dort aber nicht. Sie haben keine entsprechenden Bedürfnisse, verstehen sich auch nicht als Suchende, die in Kirche etwas finden könnten.

So stelle ich mir dieser Tage oft die Frage, ob es Zielgruppen jenseits der Erreichbarkeit gibt. Sind große Teile der Bevölkerung längst nicht mehr ansprechbar für Kirche? Stehen wir längst auf verlorenem Posten? Doch so schnell will ich nicht aufgeben, denn ich glaube daran, dass das Evangelium zu jedem Menschen sprechen kann. Also bin ich in den Straßen meines Stadtteils unterwegs, lerne viel über Zaunhöhen und das Bedürfnis nach Schutz der eigenen Privatsphäre und des Eigentums. Höre von der Angst vor dem sozialen Abstieg und dem Standesbewusstsein dieser Menschen. Kirche wird hier oft mit der Forderung nach Aufgabe des Besitzes und Abwertung des hart erarbeiteten Vermögens in Verbindung gebracht. Entsprechend groß sind die Vorbehalte.

Doch das ist hier zur Zeit gar nicht mein Thema. Stattdessen bin ich Lernende in den Straßen „meines“ Stadtteils. Das Leben dieser Menschen interessiert mich, was sie bewegt, was ihre Ziele, ihre Träume sind. Ich höre viel von den Anforderungen im Beruf, von den Wünschen für die Zukunft der Kinder und auch davon, wie sie gerne an einer friedvollen Welt mitbauen wollen. Das sind Momente, in denen ich denke, Gott ist schon da. Vielleicht brauchen die Menschen hier gar keine großen Angebote, sondern einfach jemanden, der durch ihre Straßen geht, ihre Häuser und Gärten sieht und ihnen ein paar Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Vielleicht sind diese Zielgruppen dann doch gar nicht so unerreichbar?

Also mache ich mich wieder auf den Weg durch die Straßen – in diesem Jahr meint es das Wetter ja gut mit mir.

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 3

Warum? Wie oft haben meine Kinder mir diese Frage schon gestellt? Als sie damit anfingen, habe ich mir vorgenommen, sie nie mit Antworten abzuspeisen wie „Wie das so ist!“ oder „Dafür bist du noch zu klein!“. So versuche ich immer, ihnen angemessene Antworten zu geben, mit denen sie etwas anfangen und an denen sie weiterdenken können. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Aber ich merke, dass die Kinder so die Lust am Fragen behalten und Dinge nicht einfach hinnehmen.

Warum? Diese Frage bekam in den letzten Tagen Pionierweiterbildung auch für mich noch einmal eine neue Bedeutung. Alles fing mit einem Planspiel an. Ein Planspiel zum Thema „mixed economy“ – es füllte einen Vormittag und brachte mich zum Nachdenken. Situation dieses Spiels, entwickelt am IEEG in Greifswald, ist eine Kirchenregion im Nordosten Deutschlands, die auf Grund anstehender Personalkürzungen neu überlegen muss, wie sie ihre Arbeit bzw. ihr kirchliches Leben gestalten will. Verschiedene Partner sitzen am Verhandlungstisch wie die Pfarrerin, der politisch interessierte Küster und der pietistische Pionier. Wir haben das Spiel in mehreren Gruppen gespielt, doch am Ende berichteten alle ähnliche Erfahrungen: Damit sich in den Verhandlungen etwas rührte, musste einer seine Rolle verlassen. Noch wichtiger aber: so lange sich die Verhandlungspartner nicht auf ein Ziel, eine Vision geeinigt hatten, blieb es bei einzelnen Ideen. Ein gemeinsames Ganzes entstand nicht. Wenn die Kirchenregion sich nicht klar ist, warum sie etwas tut, entsteht nichts längerfristiges. Es braucht eine Vision.

Warum? Die Frage nach der Motivation, der Vision ist mir ja schon lange wichtig. Mal wieder stand ich an dem Punkt, dass ich überlegte, ob wir in unseren Gemeinden und Kirchen überhaupt eine Vision verfolgen, oder ob wir nicht meistens einen Business as usual-Weg eingeschlagen haben. Die Erledigung des Alltagsgeschäfts, irgendwie über die Runden zu kommen, ist so in den Vordergrund gerückt, dass die Frage nach dem Warum? in den Hintergrund geraten ist, keine Antwort mehr findet.  Antworten wie „Das machen wir schon immer so.“ oder „Als Kirchengemeinde macht man das so.“ stellen nicht zufrieden, regen nicht zum weiteren Nachdenken an. Ich merke, von der Situation meiner Kinder sind wir da gar nicht so weit entfernt.

Warum? Es wurde Zeit, dass wir uns diese Frage auch für unsere Initiativen und Projekte stellten. Anhand der Theorie von Simon Sinek (Start with Why) versuchten wir zu formulieren, was unsere Motivation ist, was uns antreibt, diese eine fresh x zu gründen. Was ist unsere Vision? Warum machst du das? Dabei stellte sich schnell heraus, dass die ersten Antworten meistens noch wieder zu hinterfragen sind. Nicht bei den Floskeln zu bleiben, war gar nicht so einfach. Mit „um das Evangeliums zu verkünden“ wollte ich mich nicht zufrieden geben. Das höre ich so oft und habe das Gefühl es bleibt bei einer Formel der Antwort „weil das so ist“ an die Kinder vergleichbar. Also noch einmal:

Warum? Ich habe diese Frage in den letzten Tagen mir immer und immer wieder gestellt. Mittlerweile habe ich für mich eine Antwort und ich merke, sie verändert etwas im Blick auf meine Arbeit. Das, was in meiner Dienstvereinbarung steht, hat dadurch eine Veränderung erfahren, einen anderen Stellenwert bekommen. Diese Antwort ist viel existentieller, hat etwas mit mir zu tun und motiviert mich anders als das, was mir durch meinen Dienst aufgegeben ist.

Warum? Mit dieser Frage fing es an und mit dieser Frage endet es auch. Wieder einmal merke ich, dass es ohne Vision langfristig nicht läuft. Deshalb frage ich mich umso mehr, worin die Vision unserer Gemeinden und Kirchen besteht. Ich hoffe sehr, dass es dabei nicht bei Formeln bleibt, denn eine ehrliche, wirkliche Antwort regt nicht nur zum Nachdenken an, sondern motiviert auch ungemein. Aber Vorsicht: sie hat etwas mit einem ganz persönlich zu tun!

Warum? Stellt Ihr euch diese Frage auch? Ich bin gespannt, von Euren Erfahrungen mit dem Warum? zu erfahren.