Schlagwort: digitale Kirche

Anders Weihnachten

Die Gewissheit wächst in diesen Tagen. Weihnachten wird in diesem Jahr anders. Anders als wir es vielleicht gewohnt sind. Anders als in den vielen Jahren zuvor. Anders aber auch als viele noch vor ein paar Wochen gedacht haben.

Die Lockerungen in den Corona-Verordnungen Ende des Sommers versprachen, dass Weihnachten in diesem Jahr zwar anders, aber doch in irgendeiner Form in Gottesdiensten zu feiern wäre. OpenAir auf dem Marktplatz vielleicht. In vielen verschiedenen Gottesdiensten in den Kirchen eventuell. Über die Aufhebung des Sitzplatzgebotes wird seither rege diskutiert. Viel Kreativität wird deutlich. Wunderbare Ideen und viel Gestaltungswille werden öffentlich.

Parallel steigen die Infektionszahlen auf Daten so hoch wie nie zuvor. Erste Landkreise untersagen alle öffentlichen Veranstaltungen einschließlich der Gottesdienste. Und die Zeit bis Weihnachten wird immer kürzer. Noch 62 Tage bis zum Fest. Mindestens zehn braucht es, bis irgendwelche Maßnahmen überhaupt erste Wirkungen zeigen. Im Frühjahr waren die Schulen 49 Tage geschlossen, bevor die ersten Kinder und Jugendlichen wieder im Präsenzunterricht zusammenkommen durften. Die Kirchen blieben noch länger ohne analoge Gottesdienste. Ich fange an zu ahnen, dass alle Planungen der letzten Tage und Wochen für ein anderes Weihnachten noch einmal auf den Kopf gestellt werden könnten. Also alles wie zu Ostern?

Nein, mit Blick auf die derzeitige Situation ist Vorbereitung möglich. Die Entwicklung überrennt mich nicht so wie im März, als von einem Tag auf den anderen nichts mehr möglich zu sein schien. Vieles ist nun schon erprobt. Daran kann angeknüpft werden wie an digitale oder hybride Gottesdienste, Angebote zum Mitnehmen für die Andacht am eigenen Küchentisch. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen kann ich also planen – für etwas analoges, sollte sich die Situation bis Weihnachten sichtlich entspannen, und für etwas zum Mitnehmen oder streamen, sollten die Zahlen gegen ein gemeinsames Feiern sprechen.

Mir kommen in diesen Tagen aber auch die kritischen Stimmen aus dem Frühjahr in den Sinn. Stimmen, die vom einsamen Sterben sprachen, von fehlender Seelsorge, von irrelevanten Kirchen. Ich will sie nicht vom Tisch wischen, ahne, dass sie Wahrheit enthalten. Gerade mit Blick auf die „dunkle“ Jahreszeit, in der Einsamkeit und Traurigkeit stärker als in anderen Zeiten spürbar werden, ist es meines Erachtens wichtig, noch einmal über diese kritischen Stimmen nachzudenken. Wie kann ich Menschen in dieser Zeit begleiten, sie ermutigen, ihnen Kraft schenken, gerade wenn die Infektionszahlen und die Witterung die Menschen in ihren Wohnungen halten, wo manche nur Einsamkeit empfängt? Es werden nicht die zufälligen Begegnungen auf dem Spielplatz wie im Sommer sein, die uns zusammenführen. Was aber ist es dann? Eine offene Kirche vielleicht? Oder ein anderer Ort, wo man einfach hingehen und erzählen kann? Ich suche nach Wegn und Möglichkeiten. Das ist anstrengend, kostet viel Kraft – mehr als die Weihnachtsvorbereitungen der letzten Jahre. Aber im Gegensatz zu Ostern kann ich mich mit Blick auf Weihnachten besser darauf vorbereiten.

So wünsche ich mir in diesen Tagen Gemeinden und Menschen, die nicht dem Weihnachten der letzten Jahre nachtrauern, sondern Wege suchen, Weihnachten in diesem Jahr anders bei und mit den Menschen zu feiern – nicht nur in Gottesdiensten und Andachten, sondern auch in vielen Begegnungen, im Zuhören, im Begleiten und in der Seelsorge. Denn ich bin überzeugt davon, dass dadurch Gott Mensch wird mitten unter uns, durch uns, so wie wir es an Weihnachten hören und lesen werden.

Gestern war Ostern und dann?

Fast viereinhalb Wochen Coronazeit liegen hinter uns und ich sehne mich nach Normalität. Zugleich habe ich angefangen, mich innerlich einzurichten. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass noch lange mit Einschränkungen zu rechnen ist. Wann werden wir in den Gemeinden und Einrichtungen wieder mit Menschen zusammen unterwegs sein können – real, einander in die Augen sehend, vielleicht auch mit Schutzmaßnahmen, doch endlich wieder miteinander singen, beten, nicht durch Telefon oder Internet miteinander verbunden, sondern nebeneinander sitzend. Es fehlt mir, auch wenn ich mir aus dem großen digitalen Angebot längst meine Favoriten, mit denen ich nun meinen Glaubensalltag gestalte, herausgesucht habe. Es geht (gut), aber es fehlt etwas.

Das sind ungefähr auch meine Gedanken zum Auftreten und präsent Sein der Kirchen in diesen Tagen. Unglaublich viele Angebote sind in den letzten vier Wochen entstanden. Für jeden ist etwas dabei. Da bin ich mir sicher. Und sollte doch noch etwas fehlen, wird es sicher in den nächsten Tagen und Wochen noch entstehen. Sicher, das eine oder andere entspricht nicht meinem Geschmack, wäre sicher auch qualitiativ noch ausbaufähig. Aber was ist das nicht. Selbst der größte Blockbuster gefällt nicht einhundert Prozent der Zuschauer. Deshalb bin ich es auch leid, darüber zu diskutieren, wie Kirche sich gerade präsentiert. Ob sie endlich im digitalen Zeitalter angekommen ist, ob Pfarrpersonen sich dort nur selbst produzieren und besser schweigen sollten. Das haben in den letzten Tagen und Wochen genügend andere mehr oder weniger gut getan.

Mich bewegt etwas anderes. Seit die ersten Entscheidungen zum sogenannten Shutdown öffentlich wurden, folgten immer wieder Sätze und Aussagen, die den Eindruck hinterließen, dass nach Ostern alles zur Normalität zurückkehren würde. In vielen Gesprächen und Verlautbarungen hatte ich das Gefühl, als ginge es nur darum zu betonen, dass Ostern in diesem Jahr zwar anders werden würde, aber garantiert nicht ausfallen würde. Wie auch? Gott ist nicht an unsere Terminkalender gebunden und die Auferstehung hat sich längst vollzogen. Alles fieberte dennoch auf dieses Wochenende hin. Wie würde es werden? Wie könnte es gestaltet werden, damit die Menschen trotz geschlossener Kirchen merken, dass Ostern ist und nicht in ihrem Garten arbeiten oder ihr Auto waschen? Partys waren ja sowieso verboten.

Doch Ostern war gestern. Und heute? Es ist stiller in meiner Timeline – egal welchen meiner Social Media Kanäle ich heute morgen öffne. Ein paar Hinweise auf die großartigen Gottesdienste gestern und vorgestern und vielleicht noch Bilder von einigen wenigen vergessenen Ostereiern. Aber sonst? Und ich frage mich, was wird jetzt zum Fokus der Kirche werden? Das Datum, an dem endlich wieder Gottesdienste in unseren Kirchen gefeiert werden können? Oder Himmelfahrt? Oder Pfingsten? Die meisten Konfirmationen sind abgesagt worden. Die sind es nicht. Aber braucht Kirche in diesen Zeiten diese Zielpunkte oder kann sie sich auch im Alltag einer Coronazeit einrichten? Was motiviert, jetzt zum weitermachen, wenn am Sonntag wieder Gottesdienste gestreamt werden sollen und es kein Zählen auf Ostern mehr gibt?

Für mich steht dahinter die Frage, inwieweit Kirche es schaffen wird, die digitalen Angebote zur Normalität, zum Alltag werden zu lassen. Zu Angeboten, die auch nach Corona und Shutdown neben Gottesdiensten in den Kirchen vor Ort zum Glaubensalltag gehören werden. Oder bleiben diese Formate etwas Besonderes, das man eben zu Coronazeiten gemacht hat, wo man das Equipment aber später wieder einpackt, um zum Normalen wieder zurückzukehren? Wird es dieses Normale überhaupt noch wieder geben? Kirche hätte jetzt genügend Zeit, zu überlegen, wie das „und dann?“ aussehen könnte, wie die Vielfalt, die gerade neben den Gottesdiensten in den Kirchen entsteht, weiter gestaltet werden könnte. Sie hätte jetzt genügend Zeit, den Alltag einer digitalen Kirche zu Coronazeiten auszuprobieren ohne Zählen auf den nächsten Höhepunkt hin.

Ich wünsche mir, dass die Menschen in den Gemeinden, egal ob Pfarrperson oder nicht, diese Gelegenheit erkennen und nutzen, statt ihre Energien in endlose Diskussionen zu stecken, wer geeignet ist, Angebote in der digitalen Welt zu machen, und welche Qualität diese dann haben oder nicht. Und das Argument, wie sehr sich andere (nichtkirchliche) Menschen über so manches digitale Angebot der Kirchen lustig machen? Keine Angst, das machen sie auch über andere Angebote.

Meine liebste Gottesdienstzeit

Zwei Wochen Coronazeit sind um. Coronazeit – so nenne ich die Zeit, seit die Schulen und Kirchen geschlossen sind und wir als Familie plötzlich fast 24 Stunden rund um die Uhr zusammen in unserem Reihenhaus oder Garten verbringen. Dazu zwei Fulltimejobs, die unter den zahlreichen Veranstaltungsabsagen und Dienstreiseverbot leiden und sich im Homeoffice gerade mehr im Krisenmanagement üben als dass sie das Gefühl hätten, produktiv oder kreativ zu sein. Und dann der Druck, doch irgendwie für die Menschen ansprechbar zu sein, nicht in der Nichtwahrnehmung zu verschwinden. Gleichzeitig die Angst der eigenen Kinder, die Sorge um die Familienangehörigen, die schon älter oder auch krank sind. Das war am Anfang einfach nur Stress.

Mittlerweile habe ich das Gefühl, wir sind angekommen. Die Situation hat etwas Normales bekommen. Wir haben unseren Alltag in der Krise gefunden. Dazu gehört für uns, dass das Wochenende, besonders aber der Sonntag etwas Besonderes bleiben sollen, um der Woche Struktur zu geben. Damit nicht jeder Tag ein Mittwoch, sprich gleich ist. Doch wie schafft man das nur, wenn jeder Tag irgendwie gleich anfängt, niemand danach fragt, wann man aufsteht oder welche Termine man hat?

Heute morgen habe ich nach dem Frühstück das Wohn- und Esszimmer geputzt. Okay, das Frühstück war schon besonders. Es war ein Sonntagsfrüstück, so wie wir es immer zelebrieren, mit Ei und Kerzen und selbstgebackenen Brötchen. Aber dann gingen die Kinder in ihr Zimmer und ich habe angefangen zu putzen. Nicht besonders sonntäglich, oder? Während ich den Fußboden wischte, ging mir durch den Kopf, wie es früher bei mir Zuhause am Sonntag war. Es gab immer ein gemeinsames besonderes Frühstück, alle saßen mit am Tisch, egal wann wir manchmal nachts nach Hause gekommen waren. Und danach kochte meine Mutter das Mittagessen, putzte oder arbeitete jedes zweite Wochenende. Entsprechend kochten mein Vater und ich an den anderen Sonntagen oder ich lernte für die Schule oder mein Vater werkelte im Haus. Das Mittagessen am Sonntag gab es pünktlich und dann putzte meine Mutter noch den Küchenfußboden. Erst dann konnte es wirklich Sonntag werden. Der begann dann mit einer Mittagspause und am Nachmittag machten wir etwas Besonderes. Dann ruhte der Garten, der Haushalt, die Schule. Dann war Sonntag. Und am Abend gab es Abendessen im Wohnzimmer.

Heute morgen habe ich nach dem Frühstück das Wohnzimmer geputzt und während ich den Fußboden wischte, kamen die Erinnerungen. Hängen geblieben ist mir, dass mich diese Kindheit geprägt hat. Auch heute noch ist der Sonntagnachmittag die besondere Zeit, in der alles andere ruht und die ich gerne mit meiner Familie verbringe. In diese Zeit gehört auch meine Zeit mit Gott. Damals ging das kaum, denn Gottesdienste waren in der Regel am Sonntagmorgen. Heute aber ist das anders. Heute kann ich mich am Nachmittag aufs Sofa setzen mit dem Tee in der Hand und einen Gottesdienst feiern, den andere vielleicht schon vormittags oder am Vorabend gefeiert haben. Und ich kann mir einen Gottesdienst aussuchen, der zu mir passt, in dem ich mich wohlfühle. Die digitale Kirche und die kreativen Ideen vieler Gemeinden in der Coronazeit machen es möglich. Nur eins können sie nicht ersetzen, den direkten Kontakt, die Nähe zu den anderen Gottesdienstfeiernden. Für mich ist es einfach immer noch etwas anderes, ob ich mit anderen zusammen singe, bete, feiere, die neben mir sitzen, oder ob ich das vor dem Bildschirm tue. Da singe ich übrigens meistens nicht mit, sondern höre den anderen zu.

Irgendwann wird die Coronazeit zuende sein. Irgendwann werden wir in unseren Kirchen wieder Gottesdienst feiern. Dann wird für mich der Sonntagnachmittag immer noch das Besondere am Sonntag sein und am Vormittag wird der Haushalt auf mich warten. Einfach weil ich es so gewohnt bin, weil ich es so mag. Vielleicht nehmen wir als die, die über Kirche und Gottesdienste nachdenken, aus der Coronazeit mit, dass Gottesdienste zu anderen Zeiten, in anderen Gestalten ganz unterschiedlich sein dürfen, dass es eine große Auswahl braucht, damit möglichst viele Menschen ihren Gottesdienst finden. Auch wenn das bedeutet, dass die Besuchszahlen der einzelnen Gottesdienste dann geringer sein werden. Und vielleicht ist dann auch mein Sonntagnachmittag Sofagottesdienst dabei. Dann werde ich mit anderen zusammen am Sonntag Nachmittag auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen. Vor uns werden, Kaffee, Tee und Kuchen stehen und wir werden gemeinsam Gottesdienst feiern, wie wir es noch nie gefeiert haben. Und Gott wird mitten unter uns sein, vielleicht auch mit einer Tasse Kaffee in der Hand…