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Wie hältst Du´s mit der Frustration?

Es sollte ein Experiment, ein Versuch, ein erstes Angehen werden. Die Idee dazu entstand irgendwann im November des vergangenen Jahres. Da huschte ein Hashtag durch die sozialen Medien – #hundert5 – verbunden mit der Frage und der Idee, dass sich hundert Pionierinnen und Pioniere einen Abend lang, fünf Stunden, treffen, sich kennenlernen, austauschen, inspirieren. Ich war von Anfang an von der Idee begeistert. Geworden ist daraus das Missionale Atelier am Vorabend der diesjährigen Missionale in Köln. Mein Terminkalender gab mir frei und ich konnte fahren.

Zwar waren es nicht hundert Pioniere, doch ungefähr fünfzig trafen sich im Solution Center, einer Büroetage für Coworking, mit Sesseln und Sofas, Küche und Kaffeeecke wunderbar eingerichtet. Die meisten kannten sich schon – einige persönlich, viele aus den Sozialen Medien, wo man sich gegenseitig folgte, voneinander oder den jeweiligen Projekten las. So entstanden binnen weniger Minuten angeregte Gespräche. Es wurde von den eigenen Vorhaben berichtet, Fragen gestellt, Ideen getauscht und reflektiert. Endlich gab es dafür genügend Raum und Zeit. Wieviele Ideen an diesem Abend noch entstanden sind, werden vielleicht erst die nächsten Wochen zeigen. Doch für mich war Energie und Kreativität im Raum. Allein dafür hat sich die lange Fahrt gelohnt.

Mein persönliches Highlight aber war der Eingangsimpuls von Frank Berzbach. Durch sein Buch „Die Kunst ein kreatives Leben zu führen“ war ich einst auf ihn aufmerksam geworden. Ihn nun real erleben zu dürfen, bereicherte meinen Abend. Unter der Leitfrage „Wie hältst Du’s mit der Frustration?“ bzw. dem Thema „Kreativität und Frustration“ ließ er seine Hörer an seinen Gedanken teilhaben. Die begannen mit dem Satz „Wer kreativ ist, ist automatisch mit Frustration konfrontiert.“. Dabei sind wir alle kreativ, nur mit der Realisierung hapert es oft. Anschließend stellte Berzbach die zwei Seiten der Frustration vor, berichtete von den Fallstricken, die eine Organisation den Kreativen stellt, allein dadurch dass sie Organisation ist. So muss der Kreative Nischen finden, in denen Innovation möglich ist, eine Art zufriedener Außenseiter werden, der Bremser und Bedenkenträger ignoriert ohne für berechtigte Kritik blind zu werden. Dabei ist die Einsamkeit die größte Ressource der Kreativität.

Mit diesen Worten hat Frank Berzbach mir viel zum Nachdenken mitgegeben. Bei weitem nicht alle Gedanken waren an diesem Abend schon abgeschlossen. Kreativität, Einsamkeit, Außenseitertum – Begriffe, die mich in meiner derzeitigen Situation ansprechen. Es von jemand anderem zu hören, war wie eine Erlaubnis es zu leben. Das trägt noch einmal andere Aspekte in mein Tun. Dazu trat ein weiterer Gedanke Frank Berzbachs: Wer mit Humor über die Fallstricke der Organisation balanciert, kommt nicht so oft zu Fall. Humor entwaffnet, wie Joseph Beys einmal sagte. Er hilft, eine Art „selektiven Größenwahn“ zu leben, in dem man unterscheidet, was man ändern kann und was nicht, um die eigene Energie zu erhalten. Denn ohne Energie gibt es keine Kreativität.

Diese Energie war im Anschluss im Raum zu greifen. Die Coaching Zone mit Bob und Mary Hopkins bereicherte die Gespräche noch um weitere inspirierende Gedanken. Von Frustration war für mich in diesen Stunden wenig zu spüren. Da galt wohl jener Satz, der im geistlichen Abschluss fiel: „Gottes Antwort auf Frustration ist Geist.“

Experiment geglückt. Der Abend war mehr als gewinnbringend und ich wünschte mir, es gäbe mehr dieser Ateliers, in denen Energie und Kreativität frei gesetzt werden und Neues entsteht. Mich zumindest lassen die Gedanken dieses Ateliers noch nicht los und ich werde sicher an so manchem weiter denken.

Übrigens: einige der besten Zitate schwirren in den Sozialen Medien unter dem Hashtag #missionale18 rum.

Segen für alle?

Am vergangenen Wochenende war ich in Wittenberg. Wenn ich schon nicht den großen Reformationskirchentag besucht hatte, so wollte ich doch wenigstens die Weltausstellung Reformation besuchen. Also gesagt, getan und recht spontan geplant. Dabei befiel mich schon ein wenig die Angst, dass es doch wohl recht voll sein würde, denn ein Hotelzimmer in Wittenberg oder der näheren Umgebung war kaum noch zu finden. Doch ich hatte Glück – in einem kleinen Dorf zehn Kilometer vor der Stadt fand sich etwas und das auch noch zu moderaten Preisen.

Als ich dann am Freitag Nachmittag zusammen mit meinem Mann im Auto anreiste, empfingen uns schon am Stadtrand Parkleitschilder, die besagten, dass im Stadtzentrum keine Parkplätze mehr frei seien und man doch bitte den Reformationsparkplatz an der Kuhlache nutzen solle. Doch wir waren dreist, wollten nicht außerhalb für fünf Euro parken und dann auch noch in die Stadt laufen. Also lautete unser Motto: „Wir versuchen es erstmal in der Stadt. Rausfahren können wir immer noch.“ Direkt neben der Klosterkirche empfingen uns zahlrieche freie Parkplätze und auch das Parkhaus, das übrigens nur drei Euro am Tag kostet und im Gegensatz zum Reformationsparkplatz auch nach 19 Uhr noch geöffnet hat, war bei weitem nicht voll. Wir waren sehr überrascht, hatten wir doch ganz anderes erwartet. So wie die Parkplätze war auch die Stadt nicht voll. Dass hier eine besondere Ausstellung anlässlich der Reformation stattfindet, war nur durch die zahlreichen Banner und Plakate zu bemerken, nicht aber durch die Zahl der Menschen. Und was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnten – dieser Eindruck sollte sich in den nächsten zwei Tagen noch verstärken.

Bild: KirchGezeiten

Aber erstmal ankommen und das geht am Besten mit dem Abendsegen, der jeden Abend um 18 Uhr auf dem Marktplatz gefeiert wird. Zehn Bierzeltbänke laden vor der großen Bühne zum Platz Nehmen ein. Ein kleines Buch „Spiritual Journey – Gott auf der Spur in der Lutherstadt Wittenberg“ wurde uns in die Hand gedrückt und leitete uns durch den Besuch in Wittenberg und den Abendsegen. (Das sollte eigentlich jeder zu seiner Eintrittskarte dazu bekommen. Es lohnt sich wirklich und kann auch nach dem Besuch der Lutherstadt weitergenutzt werden.) Neben uns füllten sich die Bänke – nicht besetzt bis auf den letzten Platz, aber doch so, dass man den Eindruck gewann, hier geschieht etwas. Beim ersten Lied war dann schon klar, dass hier der Inner Circle der Kirchengemeinden saß. Kräftig wurde mitgesungen und auch weniger bekanntes Liedgut wie das Schlusslied „Jeder Mensch braucht einen Engel“ klang nicht dünn und unterbesetzt. Beim Singen ließ ich meinen Blick schweifen und dachte: „Gut, dass es die Cafés und Restaurants rings um den Marktplatz gibt. So können die, die eigentlich nicht mit Kirche in Verbindung gebracht werden wollen oder denen die Schwelle zur Teilnahme einfach zu groß ist, doch aus der Ferne etwas davon erahnen.“ Ohne dass hier Kirchenmauern stünden, waren sie doch deutlich wahrzunehmen. Auf der einen Seite die, die sich auskennen und kräftig mitsingen können. Auf der anderen Seite die, die mal vorsichtig schauen wollen, sich nicht rüber trauen oder nicht rüber wollen. 

Als dann im kurzen Impuls die Worte „fucking perfect“ fielen, horchte wohl nicht nur ich auf. Die einen zogen den Kopf ein – so etwas sagt man doch nicht und schon gar nicht bei der Kirche. Die anderen auf den Stufen zu Füßen Luthers mit der Bierflasche in der Hand und den schwarz gefärbten Haaren schauten plötzlich zur Bühne und hörten zu. Bis zum Segen galt der Person auf der Bühne nun ihre Aufmerksamkeit. So wurde der Segen wirklich zum Segen für alle. Beim Burger am Abend fragte ich mich, wer aus diesen wenigen Gedanken des Segens wohl was mit in seinen Alltag genommen hat? Wer fühlte sich durch die Musik und die Worte angesprochen? Für wen waren sie gedacht?

Diese Gedanken nahm ich mit in den nächsten Tag, an dem ich mir die verschiedenen Torräume der Ausstellung und die beiden großen Kirchen der Stadt ansah. Das Asisi-Panorama beeindruckte mich – ich gestehe aber auch, dass ich wirklich eine Bewunderin seiner Arbeiten bin. Die Wall in Berlin ist ganz anders und doch genauso großartig. Der Weg durch die einzelnen Torräume aber erstaunte, nein entsetzte mich. Wo waren hier die Menschen, die sich die einzelnen Ausstellungen, die einzelnen Themenbereiche ansahen. Die Menschen, die sich hier auf die Spuren der Reformation begaben? Überall herrschte gähnende Leere. Allerorten standen die vielen Ehrenamtlichen und warteten darauf, ihr Thema den Besuchern näher zu bringen. Mit einigen von ihnen kam ich ins Gespräch, hörte, dass sie selbst am Kirchentagswochenende nicht viel mehr Gäste begrüßen konnten, spürte auch den Frust vieler, die für ihren Dienst bei der Ausstellung Urlaub genommen haben. Einige sagten auch, dass man sich hier wohl ziemlich überschätzt hätte. Es gäbe gar nicht genügend Übernachtungsmöglichkeiten für mehr Gäste und aus dem Umland kämen sie nicht – wie denn auch bei zehn Prozent Kirchenzugehörigkeit. 

Später, auf dem Weg von der Schlosskirche zur Stadtkirche über den Marktplatz vorbei am Melanchton-Hof und Cranach-Haus, da waren mehr Menschen zu sehen. Doch bei genauerem Hinhören entpuppten sich viele als Tagesgäste, die eine klassische Stadtführung genossen, bevor ihr Reisebus sie an einen anderen Ort weiterfahren würde. Für die Weltausstellung Reformation waren sie nicht gekommen. Die Fragen des Vorabends wurden wieder lauter. Wer soll hier angesprochen werden? Für wen ist die Weltausstellung gedacht? Wer nimmt etwas aus ihr mit für seinen Alltag? Ist hier der Inner Circle angesprochen und die anderen sind die Rand- bzw. Zaungäste? Dann wünschte ich mir auch für die Ausstellung ein Moment des „fucking perfect“, damit sie ein Segen für alle wird. Denn eins steht für mich fest – es lohnt sich, mal nach Wittenberg zu fahren und nicht nur die Ausstellung zu besuchen, sondern auch zu erleben, wie sie von den „Zaungästen“ wahrgenommen wird. Mir hat sie ein Wochenende neuer Gedanken und Impulse geschenkt, die ich mitnehme in meinen Alltag.