Schlagwort: Alltag

Müssen Pastoren bürgerlich sein?

Anfang der Woche stieß ich auf ZEITonline auf einen Artikel in der Rubrik „Jung und Gott“ mit dem Titel „Pfarrerin: Ja, auch ich sündige“. Die junge Frau, die lieber anonym bleibt, berichtet von ihren Partyvorlieben und auch von so manch durchzechter Nacht in ihrem Pfarrhaus.

Ich fand es kurzweilig zu lesen, habe mir aber zunächst nicht viele Gedanken über den Inhalt und schon gar nicht über das Leben der jungen Pfarrerin gemacht. Ein wenig Effekthascherei ist wohl auch gewollt, dachte ich noch. Doch in den folgenden Tagen bemerkte ich, wie sehr über den Artikel bzw. das Verhalten der jungen Dame diskutiert wurde. Allein unter dem Text auf ZEITonline sammelten sich bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 430 Kommentare. Die zahlreichen Diskussionen in den Sozialen Medien sind wohl kaum zu zählen. Wie viele Leserbriefe wohl die Redaktion auf klassischem Weg und per Mail schon erreicht haben? Und nun beschäftigt er mich doch, dieser Artikel von der Pfarrerin und der Sünde mit dem frivolen Bild über der Headline.

Dabei ist es weniger der Inhalt, der mich bewegt. Wie gesagt, ich fand ihn wenig aufsehenerregend. Es sind mehr die Inhalte der Diskussionen, die Statements, die Erwartungen, die die Menschen in ihren Kommentaren äußern. Da geht es um Vorbildfunktionen und wie ein Pfarrer oder Pastor zu sein hat. Oder es sprechen Menschen der jungen Pfarrerin die Reife ab, ihren Beruf ausüben zu können. Andere unterstellen, dass die gesamte Geschichte nur konstruiert ist, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Und wieder andere finden, dass die Pastorin nicht zu toppen ist. Kolleginnen wünschen sich sogar, selbst ein solches Leben führen zu können.

Mich angesprochen hat besonders eine Diskussion, nämlich die, dass die junge Dame wenig bürgerlich sei bzw. sich für einen nicht bürgerlichen Lebensstil entschieden hat. Sofort sprang in meinem Kopf die Frage auf: „Müssen Pastoren zwingend bürgerlich sein?“ Ist nur eine bürgerliche Pastorin eine gute Pastorin? Was aber heißt bürgerlich eigentlich?

Holzschnittartig gesagt entwickelte sich das Bürgertum im Feudalismus als eine Vergesellschaftungsform der Mittelschichten in Abgrenzung zum Adel nach oben und zu Bauern und Arbeitern nach unten. Die geschichtliche Entwicklung hat seither eine Ausbildung verschiedenster Untergruppen hervorgebracht. Dennoch verbindet man mit den Worten Bürgertum und bürgerlich besonders Bildung und Ausbildung ebenso wie Selbstständigkeit und Freiheit, aber auch Rechte und Besitz. Hinzu kommen Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Leistung. So hat das Bild des (Bildungs-)Bürgers wohl unsere Vorstellung eines vorbildhaften Bürgers geprägt, das wir oft besonders mit bestimmten Berufen in Verbindung bringen. Genauso gibt es aber meines Erachtens auch die Bilder der verrohten, saufenden und marodierenden Menschen, die wir mit anderen Berufen verbinden. Letzteres kommt mir in den Sinn, wenn ich vorurteilsbehaftete Gespräche z.B. über Soldaten oder Security-Mitarbeiter höre. Genau diese Bilder sind es aber auch, die zeigen, wie absurd solche Vorstellungen und Erwartungen oft sind.

Ja, Pastorin wird man erst nach einem ziemlich langen Studium mit anschließender mehr als zweijähriger praktischer Ausbildung. Außerdem gelobt zumindest in meiner Landeskirche jede Pastorin und jeder Pastor mit der Ordination einen dem Amt entsprechenden Lebensstil zu führen. Aber da steht nirgends, dass dieser bürgerlich sein muss. Vielmehr hat er sich an dem, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat, zu messen – so wie das Leben aller Menschen. So sind die Pastorinnen und Pastoren keine besseren Menschen oder Menschen mit besonderen Pflichten, was den Lebensstil angeht, auch wenn sie in ihren Gemeinden oft unter einer besonderen Beobachtung leben.

Sich an dem zu messen, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat, aber ist eine viel größere Herausforderung als bürgerlich zu sein. Das nämlich bedeutet, sich mit seinen (Jesu!) Worten und Taten auseinanderzusetzen, sie mit unserer Gegenwart, unserem Leben ins Gespräch zu bringen. Das ist, meines Erachtens, viel herausfordernder, als bürgerliche Tugenden wie Leistung und Fleiß und Sparsamkeit zu üben.

Ob das dann wilde Partys im Pfarrhaus, deren Beschreibung die meiste Aufregung in den Kommentaren erzeugt hat, bedeutet, ist mir an dieser Stelle gar nicht wichtig. Vieles an dieser Aufregung ist wohl den bereits genannten Bildern geschuldet und einiges davon könnte sicher anders aussehen. Mit liegt mehr am Herzen, dass, wenn wir alle unser Leben nicht am alten Klassendenken ausrichten würden – auch der Adel hat nicht mehr die Stellung, die er mal hatte – sondern an Gottes Bild für unser Leben, wir alle viel versöhnlicher miteinander leben könnten. Bei allem, was dann noch unrund, nicht zufrieden stellend und schief ist, gilt Gottes liebender Blick und das Versprechen seiner Gnade.

Deshalb gefallen mir die folgenden Worte des Artikels: „Gott ist da für die Unperfekten, die Zweifler, ja, auch für diejenigen, die bei Sonnenaufgang betrunken nach Hause kommen oder die gar keine Beziehung mit ihm wollen. Deshalb bin ich Pfarrerin und das möchte ich den Menschen und zwar allen Menschen, im Glauben und im Leben mitgeben.“

Und im Geist ergänze ich: er ist auch da für die Perfekten, die Glaubenden, die Nüchternen, die Strebsamen und die, die der allgemeinen Moral entsprechen und es deshalb gerade auch nicht immer leicht haben.

Wie geht es euch mit den Erwartungen der anderen an euer Leben und wonach richtet ihr es aus? Oder was denkt ihr über die Pfarrerin und ihre Vorbildfunktion? Diskutiert doch auch mal an dieser Stelle.

Zwischen Geist und Geistern…

… Gedanken am Ende eines langen Wochenendes:

In diesen Minuten geht das historische Reformationswochenende zuende. Im Fernsehen läuft noch das Pop-Oratorium Luther. Ich hänge mit meinen Gedanken bei dem, was mir an diesem so historischen Wochenende begegnet ist. Zwischen Geist und Geistern habe ich mich bewegt und mich gefragt, ob sie vielleicht doch zusammengehören, auch wenn das allerorts vehement bestritten wird.

Nach zehn Jahren Vorbereitung feierten heute Gemeinden im ganzen Land Gottesdienste anlässlich des Reformationsjubiläums. Zu allen Tageszeiten öffneten sich Kirchentüren, um in kleinen und großen Feiern die Botschaft der Reformation neu erklingen zu lassen. Von vielen Freunden und Bekannten im kirchlichen Dienst bekam ich über den Tag verteilt Nachrichten, dass die Kirchen gut gefüllt gewesen seien. Mancherorts mussten die Menschen sogar stehen, oder die Türen wegen Überfüllung wieder geschlossen werden. Auch ich war in einem solchen Gottesdienst, in dem schnell noch Stühle in die Kirche getragen wurden und dennoch viele standen. Allen Unkenrufen zum trotz, alle Abgesänge angesichts unsicherer Zahlen beim Kirchentag widerlegend sind heute viele in die Kirchen gekommen, um von der Reformation zu hören, in deren Zentrum diese Gedanken von der Befreiung aus allen Zwängen durch Jesus Christus stehen. Was führte die Menschen hierher? Das Gefühl, einer Tradition verbunden zu sein? Das Bedürfnis, bei diesem einmaligen Feiertag doch irgendwie dabei zu sein? Vielleicht auch die Sehnsucht nach einer wegweisenden Botschaft, wie Luther sie einst hatte? Oder vielleicht auch nur ein besonders gestalteter Gottesdienst?

Dort wo ich war, wurde zum Beispiel eine Kantate aufgeführt, die wahrscheinlich die letzten zweihundertfünfzig Jahre nicht zu hören war, da die Noten in einer alten Bibliothek verschollen waren und erst vor wenigen Jahren wieder an die Öffentlichkeit gerieten. So wurde heute vom Geist gesungen, der allein dazu verhilft Gott zu finden. Vom besten Segen, der der Geist Gottes ist war die Rede und davon, dass Vernunft und Weisheit nicht ausreichen, um Gott zu finden. Denn durch unser Tun und Wissen können wir vor Gott nie bestehen, denn irgendwo wissen wir immer noch nicht alles oder haben auch nicht alles getan. Doch zugleich sind wir genau so mit unserem Tun und Wissen vor Gott gut genug, weil der Segen aus einer ganz anderen Richtung kommt als aus unseren eigenen Erfolgen. Der Geist Gottes ist wirklich der beste Segen!

In vollen Kirchen haben viele heute diese Botschaft hoffentlich gehört und hören wollen. Die Forderung nach einem regelmäßigen Feiertag „Reformationstag“ scheint berechtigt. Der Tag gehört zur Geschichte unseres Landes, hat unsere Kultur und Tradition geprägt.

Am Samstag auf dem Spielplatz habe ich noch anderes gehört. An der Kinderschaukel komme ich mit einer anderen Mutter ins Gespräch. Sie fragt die Kinder nach ihren Halloween-Kostümen und fährt fort, dass sie es schön findet, dass Halloween in diesem Jahr ein Feiertag ist. Das könnte ruhig jedes Jahr so sein. Die Regierung sei da ja am überlegen. Obwohl da ja eigentlich irgendetwas anderes gefeiert würde. Da war wohl irgendwas mit einem Buch und einem Jubiläum. Aber so hätten die Kinder Halloween wenigstens frei und könnten feiern. Ich überlege noch, ob ich ihr erklären soll, was der Reformationstag eigentlich bedeutet. Doch da erzählt sie schon voller Begeisterung von den Kostümen ihrer Kinder und den Vorbereitungen für die abendliche Party.

Diese Begegnung lässt mich nicht los – vielleicht, weil meine Kinder mich später nach Halloween fragen und heute fasziniert die kostümierten Kinder auf der Straße betrachten. Vielleicht aber auch, weil ich mich frage, was die Menschen an diesem „Fest“ so anzieht? Denn eins gilt auch für dieses Anlass: erklären, woher der Halloween-Brauch kommt, können die wenigsten. Auf die Frage, was dort gefeiert wird, erhält man ähnlich vage Antworten wie auf die Frage nach der Bedeutung von Pfingsten. Was also motiviert jedes Jahr mehr Menschen, die Wohnungen und Häuser für einen Abend mit Kürbissen, Spinnennetzen und Geisterdarstellungen auszustatten und zu dekorieren? Ist es die pure Lust an der Verkleidung, der Hunger der Kinder nach Süßigkeiten? Steigt die Freude an diesem Tag stetig, weil Prominente in Amerika es uns vorleben oder weil man eine Gelegenheit braucht, um hinter Masken unerkannt hemmungslos feiern zu können? Wäre ein regemäßig freier Reformationstag da nicht eher Wasser auf die Mühlen des Halloween-Hypes?

Warum aber dominieren ausgerechnet Maskeraden rund um Hexen, Geister, Zombies und andere Gestalten aus der Welt des Bösen und des Todes diesen Tag? Sicher, die Tradition des Vorabends von Allerheiligen gibt dies irgendwie vor, doch davon haben die wenigstens, die hier feiern, eine Ahnung. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr habe ich den Eindruck, dass, auch wenn vielen die Herkunft von Halloween unbekannt ist, sie dennoch in den länger werdenden Nächten der trüben Jahreszeit eine Ahnung von der Endlichkeit ihres eigenen Lebens haben, von der eigenen Verstrickung in die Mächte und Gewalten dieser Welt, von der eigenen Ohnmacht angesichts von Hass und Gewalt oder von den Geistern, die sie selbst durch ihr Tun riefen. Ihnen einmal im Jahr hinter der Verkleidung schamlos ins Gesicht lachen, sie für kurze Zeit aus dem eigenen Leben vertreiben zu können mit allerlei Süßem und Saurem, mit Lachen und Schabernack, kann zumindest für kurze Zeit befreiend wirken. So frage ich mich, ob hinter dem immer größer werdenden Halloween-Kult unserer Tage nicht eine Sehnsucht nach Befreiung aus den Zwängen des Scheiterns, des nicht genug Seins, des endlichen Lebens steht. Die Antwort darauf hat uns Martin Luther vor fünfhundert Jahren noch einmal deutlich vor Augen gestellt. Vielleicht haben gerade deshalb am 31. Oktober Halloween und Reformationstag ihre Berechtigung – Sehnsucht und Antwort. 

Dann aber bleibt eine Frage für mich noch unbeantwortet: waren zehn Jahre Vorbereitung und ein Jahr Feiern hilfreich, Sehnsucht und Antwort einander näher zu bringen? Sprich: was machen wir, wenn morgen, am 1. November, das Reformationsjubiläum zuende ist? Packen wir alles in eine Schublade und machen dort weiter, wo wir vor dem Jubiläum standen? Haben wir gefeiert, um eben zu feiern? Oder war es mehr? War das Jubiläumsjahr ein Schritt auf dem Weg, der Sehnsucht und Antwort zusammenbringt? Haben Menschen außerhalb des innerkirchlichen Zirkels etwas von der Befreiung durch Jesus Christus erfahren, um ihre Sehnsucht zu stillen? Haben Kirchen sich weiter reformiert, um zu den Menschen zu gehen? Haben Christen gelernt, den Menschen aufs Maul zu schauen, ihnen zuzuhören und in ihrer Sprache zu sprechen? Wenn ja, dann sollte der Reformationstag wirklich ein regelmäßiger Feiertag werden, damit wir jedes Jahr damit weitermachen.

Die Antwort auf diese Frage steht noch aus. Vielleicht bekommen wir im Laufe der nächsten Monate, des nächsten Jahres eine Antwort darauf. Oder wie ist euer Resümee zum Reformationsjahr?

(De)Mut

„Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes, dem das Leben gehört, und das ist der Mut.“ – Theodor Fontane, Cécil

Ohne ein gewisses Maß an Demut geht es wohl nicht. So habe ich in meinem letzten Newsletter geschrieben und dabei an die Haltung der zweiundsiebzig Jünger gedacht, die Jesus in Lk 10 auf den Weg schickt. Nicht erst seit dieser Aussage denke ich über den Begriff der Demut nach. Denn häufiger schon habe ich gelesen oder gehört, dass sich christliche Gemeinschaft durch Demut auszeichnet oder der Glaube sich an ihr erst zeigt und bemisst. Dabei frage ich mich dann, was meint die Autorin, der Autor jener Aussagen, wenn er davon spricht?

Auf den ersten Klang hört sich dieses Wort für mich alt, altmodisch, vielleicht auch ein wenig angestaubt an. Demut – was ist das eigentlich? Schaut man in die Lexika, so erfährt man, dass der Begriff vom althochdeutschen diomuoti abstammt, was soviel wie dienstwillig bedeutet. Dem philosophischen Wörterbuch zufolge bezeichnet Demut die „Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit (Gottheit, sittliches Ideal, erhabenes Vorbild) hervorgehen kann“. Im Begriff Demut kommt also ein Unterordnungsverhältnis zum Ausdruck. So hat die Wurzel des hebräischen Wortes, welches mit Demut übersetzt wird, das „sich beugen“ zur Grundlage. Entsprechend steht im Alten Testament der Demut der Hochmut gegenüber. Demut bedeutet in diesem Zusammenhang, die Allmacht Gottes anzuerkennen, während der Hochmütige meint, ohne Gott auszukommen oder sogar wider ihn leben zu können. 

Wenn Demut aber bedeutet, eine höhere Macht anzuerkennen, dann ist sie in erster Linie eine Haltung des jeweiligen einzelnen Menschen. Der Mensch selbst entscheidet sich dazu. Dabei ist ein Leben, das Gottes Willen entspricht, ein demütiges Leben, wie in Micha 6,8 nachzulesen ist: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Vor Gott demütig zu sein und seine Allmacht anzuerkennen, bedeutet zugleich die eigene Geschöpflichkeit anzunehmen, zu akzeptieren, dass der einzelne Mensch und mit ihm alle Menschen von Gott einzigartig geschaffen sind. 

Was aber heißt das eigentlich für die Jetztzeit und für mich? Geht man von der Grundlage dieser Erklärungen aus, dann ist die christlich verstandene Demut der Schlüssel zum Glauben. Nur wer sich selbst als Geschöpf Gottes versteht und sich damit der Allmacht Gottes untergeordnet weiß, entspricht dem Anspruch Gottes. Wer sich selbst so in der Welt sieht, der wird auch sein Leben so ausrichten, dass es diesem Anspruch gerecht wird. Wenn ich mich selbst und alle anderen als einzigartig von Gott geschaffen sehe, dann achte ich mich und alle anderen als gleich wert und gleich wertvoll. Dann sind meine Wünsche, Ansprüche und Vorstellungen nicht wichtiger als die von anderen Menschen. Dann bin ich bereit, den anderen zu dienen, da sie Geschöpfe sind. Demgegenüber steht wie im Alten Testament der Hochmut, die Meinung, etwas besseres, wertvolleres zu sein als alle oder ein Teil der anderen Menschen, der Gedanke, dass das eigene Interesse mehr zählt als das anderer. Soweit die Theorie, der viele sicher zustimmen können. 

Und doch frage ich mich, was diese Lebenshaltung, so möchte ich Demut einmal beschreiben, für mich, mein Leben, mein Umfeld bedeutet. Begegnet mir der Begriff im Alltag, dann mutet ihm oft etwas von Unterwürfigkeit, Zurückstecken und manchmal auch Resignation an. In einem Wörterbuch habe ich einmal folgende Definition gelesen: „Demut ist die Bereitschaft, etwas als Gegebenheit hinzunehmen, nicht darüber zu klagen und sich selbst als eher unwichtig zu betrachten.“ Demut scheint entsprechend höchstens für Ordensleute oder besonders religiöse Leute passend zu sein. Im Alltag zwischen Familie, Nachbarn und Beruf geht es viel mehr darum, sich selbst seinen Platz zu verschaffen. Achtsamkeit, Zeit für sich selbst zu haben, die eigenen Interessen vertreten, die eigenen Träume verwirklichen. Das sind die Schlagwörter dieser Zeit. Wo hat da die Demut ihren Platz?

Ich glaube, genau da, zwischen Familie und Beruf, zwischen Zeit für sich selbst und Achtsamkeit ist ihr Platz. Demut als Anerkennung der Vorrangstellung Gottes und damit als Wertschätzung seiner Geschöpfe heißt für mich die eigenen Bedürfnisse nicht zum Narzissmus werden zu lassen. Meine eigenen Interessen nicht höher als die anderer zu stellen. Sie wird damit zum Korrektiv meiner eigenen Ansprüche. Demut heißt damit aber nicht, dass ich mich beständig nur unterwerfe und selbst geringer schätze als mein Gegenüber. In der Anerkennung Gottes seine Geschöpfe wert zu achten heißt auch, mich selbst wert zu schätzen. In dieser Gleichwertigkeit der Geschöpfe Gottes kann ich die besseren Fähigkeiten eines anderen anerkennen und auch mal meine eigenen Interessen zurücknehmen. Ist Demut in dieser Form eine Haltung, die mein Leben bestimmt, bin ich bereit, dem anderen zu dienen, weil ich in ihm Gottes wertvolles Wesen sehe, ohne mich selbst dabei aufzugeben.

Damit komme ich auf das Zitat von Fontane zurück, das ich zu Beginn meiner Gedanken genutzt habe. In diesem Sinne verstanden steht der Mut, dem das Leben gehört, meines Erachtens nicht zwischen Hochmut und Demut, die beide den Mut im Namen tragen. Der Mut, dem das Leben gehört, ist für mich eher der Mut zum Dienen, zum auch mal zurückstecken in einem Umfeld, in dem der Stärkere stets gewinnt. Der Mut, der bereit ist, auch mal auf etwas zu verzichten, mit weniger auszukommen, sich auf das Leben anderer einzulassen, ist der Mut, dem das Leben gehört. Die Demut verstanden als ein solcher Mut zum Dienen – diesen Begriff habe ich übrigens bei Siegbert Warwitz geklaut – brauchten die Jünger, als sie von Jesus ausgesandt wurden. Diese Demut stünde uns heute auch noch gut. Deshalb wünsche ich mir oft ein wenig mehr Demut bei den Menschen, nicht nur bei den anderen, auch bei mir. In manchem Leben kann man sie heute schon entdecken. Einige von ihnen sind bekannte, religiöse Personen. Viel häufiger erfahre ich sie bei Menschen, die in keiner Art und Weise berühmt sind. Gerade gestern ist sie mir wieder begegnet in Form einer Dame, die im Geschäft gerne auf eine bestimmte Brötchensorte verzichtete, da die Kinder der jungen Familie hinter ihr in der Schlange sich diese wünschten und nicht mehr genug für alle da waren.

Was sind eure Erfahrungen mit der Demut und wie definiert ihr sie? Wo entdeckt ihr sie in eurem Alltag? Lasst uns doch mal daran teilhaben.

Ein Wochenende in der Jugendherberge 

Jugendherberge – was hat das mit Gott zu tun? Das mag wohl mancher denken, wenn er meine Überschrift liest. Ehrlich gesagt, ein wenig denke ich das auch. Und doch bewegt mich der eine oder andere Gedanke, der mir während eines Kurzurlaubs in der Jugendherberge Bonn gekommen ist.

Mit meiner Familie nutze ich immer mal wieder das Angebot der Jugendherbergen, wenn wir Freunde besuchen, eine günstige Unterkunft während Tagungen, Messen etc. brauchen oder einen Städtetripp unternehmen. Ein wenig fühlt man sich, sobald man das Haus betritt, in die eigene Kindheit zurück versetzt. Erinnerungen an verschiedene Klassenfahrten, kurze Nächte und roten Hagebuttentee werden wach. Dabei gibt es letzteren nur noch, wenn man es wirklich möchte. Das bringt mich meinen Gedanken auch schon etwas näher. 

Die Jugendherbergen haben sich verändert. Moderne Familienzimmer gehören jetzt genauso dazu wie ein Bistro zur Abendgestaltung – zumindest in Bonn. Den Kaffee oder Tee zum Frühstück kann man nun in großen Bechern genießen und die Speisen am Buffet betrachten und auswählen. Für ein wenig Aufgeld bekommt man sogar Pancakes zum Frühstück. Mit den leicht angetrockneten Wurst- und Käsescheiben meiner Kindheit hat das nicht mehr soviel zu tun. Auch wenn es sie wohl noch gibt, diese Jugendherbergen der vergangenen Tage. Und unter ihrem Ruf leiden auch die jüngeren, renovierten Häuser.

Vielleicht leiden sie aber auch nicht darunter. Denn hier trifft sich mittlerweile eine junge oder junge gebliebene, internationale Gemeinschaft. Von Asien über Afrika und Osteuropa bis Europa und natürlich Deutschland waren hier zahlreiche Nationen vertreten. Auf dem Begrüßungsschild am Eingang stand neben dem Gesangverein einer Kleinstadt ein slowenisches Unternehmen und  neben dem Gymnasium vom Stadtrand Ärzte ohne Grenzen. Die Hälfte der Sprachen, die im Foyer zu hören waren, wusste ich nicht zu übersetzen. Im Speisesaal saß die alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Kindern neben den Tagungsteilnehmern aus Asien und die kleine Radfahrgruppe in ihren unverkennbaren Fahrraddresses neben den Ärzten aus Afrika. Der alleinreisende ältere Wanderer blieb ein wenig für sich und freute sich doch am Spiel der Kinder. Sie alle aßen zusammen in einem Raum und kamen ins Gespräch. Hier und da hörte man Fragen nach Namen und Herkunft, nach Aufenthaltsdauer und Ziel der Reise. Gespräche entspannen sich. Und kam man nicht ins Gespräch, so grüßte man sich doch, wenn man sich begegnete. Hier wurden einander die Türen aufgehalten. Niemand drängelte an der Rezeption vor. Keiner war ungeduldig, wenn es am Kaffeeautomaten etwas länger dauerte. Je mehr ich mich umsah, umso mehr hatte ich den Eindruck, dass hier eine ganz eigene Gemeinschaft zusammen gekommen war. Das Funktionieren und Leben rund um die Jugendherberge war ihre Verbindung. Keiner von ihnen hatte sich für ein Hotel entschieden, welche Gründe auch immer dahinter standen.

Nach diesem Wochenende denke ich, die Jugendherbergen haben sich verändert – zumindest die meisten – und leben doch auch von der Tradition der Erinnerungen. Wer weiß nicht eine Geschichte aus seiner Kindheit zum Aufenthalt in einer Jugendherberge zu erzählen? Doch dabei sind sie nicht stehen geblieben. Sie haben sie genutzt, sind weitergegangen mit den Menschen der jeweiligen Zeit. So treffen sich dort heute Menschen aus aller Welt in einer besonderen Gemeinschaft und leben ein wenig vor, wie es in der Welt sein könnte.

Ich muss wohl nicht mehr schreiben, dass ich mir einiges davon auch für unsere Kirchen wünschte. Zugleich versuche ich manches von dem, was ich an diesem Wochenende gesehen und erfahren habe, mit Blick auf die Kirche zu sehen. Auch sie leidet ja so manches Mal unter der Tradition der Erinnerungen und hat sich längst in ihren Mauern gewandelt. Nur von den Menschen davor ist es nicht unbedingt wahrgenommen worden. Ist  vielleicht diese bunte, internationale Gemeinschaft auch die, die Christus noch begegnen möchte? Die Menschen, die zwar zeitgemäß ihren Kaffee aus Bechern trinken, aber dennoch auf ein gewisses Maß an Service und Komfort verzichten wollen, weil anderes wichtiger ist? Die Menschen, die eine andere Art zu leben vorziehen, um Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit für andere zu ermöglichen.

Es war zumindest in diesen Tagen in der Jugendherberge ein Zusammenleben zu spüren und zu beobachten, dass von Freundlichkeit und Höflichkeit, von Hilfsbereitschaft und Respekt geprägt war. Vieles davon ist in unseren Kirchen und im Wahlkampf gerade Thema. Doch wieviel davon wird auch gelebt? Mir ist deutlich geworden, es liegt an der Haltung der Menschen. Diese zu ändern ist eine Herausforderung und geschieht wohl nur durch ein geduldiges Vorleben. Die großen, flammenden Reden sind es nicht, die eine Veränderung bewirken. Das stete Erfahren verändert viel mehr. So können auch Wochenenden in Jugendherbergen zu einem Auftanken werden, zumindest wenn man solch eine Erfahrung macht wie ich in Bonn. Ja, es gibt auch noch die anderen Jugendherbergen, die den Kindheitserinnerungen entsprechen mit strengen Herbergseltern und rotem Hagebuttentee. Aber „bei Kirchens“ gibt es auch noch die einen und die anderen – die, die den Kindheitserinnerungen entsprechen mit mächtigem Pfarrer und steifem Gottesdienst, und die, die sich gewandelt haben zur lebendigen Gemeinschaft unter Christus. So wünsche ich allen ein Wochenende in einer Jugendherberge oder einer lebendigen Gemeinde. Es stärkt und macht zuversichtlich. Aber Vorsicht: es kann auch das Leben verändern.

Wie sind eure Erfahrungen mit Jugendherberge und Kirche? Haben sie euer Leben schon verändert? 

Sonntag ist Ruhetag – wirklich?

Vor ein paar Tagen im Urlaub zog es mich in ein kleines Geschäft mit Tee und Keramik – „Ostseeschönheiten“ stand über der Tür. Ich gehe hinein, schaue mich um. Während mein Blick über Tassen und Dosen schweift, höre ich im Hintergrund die Inhaberin des kleinen Ladens telefonieren. Aus den Wortfetzen schließe ich, dass wohl jemand ihr Angebot mit eigenen Augen sehen möchte. Plötzlich höre ich die Inhaberin sagen: „Sonntags habe ich grundsätzlich zu. Da ist der Tag des Herrn!“ Niemand in ihren Räumen kann ihre Worte überhört haben. Das war wohl auch gar nicht ihre Absicht. Denn was ich gerade noch als vielleicht matten Spruch zur Verteidigung der Öffnungszeiten gedeutet habe, entpuppt sich beim Blick zur Tür als ihre feste Meinung. An einem kleinen Ständer hängt dort eines der bekannten Schilder vom Sonntag als dem Tag des Herrn. Ich ziehe innerlich den Hut vor dem Mut dieser Frau, in einer Touristenstadt, in der die anderen Geschäfte und Einrichtungen so viel wie möglich am Sonntag geöffnet haben, konsequent ihre Ladentüren geschlossen zu halten. Rückblickend ärgere ich mich auch, dass ich es ihr nicht gesagt habe. Ich war wohl irgendwie zu erstaunt darüber, denn ich habe es an dieser Stelle gar nicht erwartet.

Draußen vor der Tür komme ich mit meinem Mann darüber ins Gespräch und trage die Gedanken lange an diesem Tag mit mir mit. Da steht eine Frau mutig für den freien Sonntag als Tag des Herrn ein. Gleichzeitig diskutieren wir aber landauf landab über die besten Gottesdienstzeiten. Ist es noch der Sonntag morgens um 10.00 Uhr? Wäre nicht eine andere Zeit viel angebrachter? Ist es überhaupt noch der Sonntag? Oder müssten wir unsere Gottesdienste nicht besser auf einen anderen Tag in der Woche legen, um im Alltag der Menschen einen Ort dafür zu finden bzw. zu bekommen? Gehört der Sonntag nicht eher der Familie? Auch ich genieße es doch, am Sonntag mit meinen Kindern ganz in Ruhe frühstücken zu können. Da wird die Zeit schon eng, wenn wir dann noch in den Gottesdienst gehen wollen. Ist der Sonntag noch angemessen als Ruhetag oder Tag des Herrn?

Unabhängig von der Frage nach dem Gottesdienstbesuch haben verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass Menschen Ruhezeiten brauchen, um in den anderen Zeiten in Arbeit, Schule und Familie bestehen zu können. Gerade in den Sommerferien habe ich einen Artikel gelesen, dass man den Kindern in den Ferien auch die Langeweile lassen soll und sie nicht mit „freiwilligem Lernen“ oder anderen Ferienprogramm zu überfrachten. Nur dann können sie ihre Kreativität voll entwickeln und in den Schulzeiten aufnahmebereit sein für alles, was der Unterricht und die Schule ihnen abverlangen. Der Mensch braucht Pausen, sonst verliert er an Kraft. Das gilt auch für den Wochenverlauf des Alltags.

Nun höre ich schon die Stimmen, die sagen, dass dann doch jeder alleine entscheiden soll, wann er sich diese Zeiten nimmt. Außerdem sei es nun einmal in unserer Gesellschaft so, dass nicht alles am Sonntag still stehen könne, schließlich bräuchten wir doch Ärzte, Polizei und all die anderen Dienstleister. Ja, das stimmt. Aber die, die an diesen Tagen ihren Dienst tun, tun dies nicht jeden Sonntag, nicht 52 Wochen in Folge. Ihr Dienst am Sonntag ist nicht der Dienst des Alltags. Er ist anders als an einem Montag oder Dienstag. Die meisten dieser Arbeitnehmer arbeiten wechselschichtig  und haben so ein Wochenende frei und arbeiten am nächsten. Und sie freuen sich auf ihr freies Wochenende.

Der Mensch braucht Pausen, er braucht freie Zeiten, um in den anderen Zeiten seine ganze Kraft für seine je eigenen Aufgabe einsetzen zu können. Natürlich sind diese freien Zeiten nicht an einen bestimmten Tag gebunden. Selbstverständlich könnte jeder seinen freien Tag an einem anderen Tag haben. Vielleicht wäre das wirtschaftlich sogar für die Gesellschaft von Nutzen. So gut kenne ich mich mit Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft nicht aus, um das beurteilen zu können. Ich gebe ehrlich zu, es interessiert mich auch nicht so sehr, dass ich mir weiter damit auseinandersetzen wollte. Doch eine Frage stelle ich mir: welche Auswirkungen hätte der individuelle freie Tag auf unser soziales Zusammenleben? Wie würde das gemeinsame Leben der Familien aussehen, wenn die Kinder am Sonntag, der Vater am Montag und die Mutter am Mittwoch frei hätte und zwar nicht nur zwei oder dreimal im Jahr sondern jede Woche über viele Jahre? Wie würden Menschen zusammen leben, wenn die Freunde, Bekannten an ganz anderen Tagen als man selbst frei hätte. Träfe man sich noch zum Essen oder zum Fußball spielen? Wären solche Phänomene wie die Bundesliga und ihre Fankultur überhaupt noch möglich?

Wir alle ziehen unsere Kraft zum Leben nicht nur aus der täglichen Arbeit. Wir sind auch auf unsere sozialen Beziehungen als Kraftspender angewiesen. Dazu braucht es aber gemeinsame Zeit, mehr Zeit als morgens die halbe Stunde beim Frühstück oder zwei Stunden am Abend, mehr als zwei Wochen gemeinsame Zeit im Urlaub einmal im Jahr. Deshalb, denke ich, ist es notwendig, dass wir uns auf einen gemeinsamen Tag in der Woche einigen, den wir, so weit es geht, von Arbeit und für die notwendigen Pausen frei halten. Wie wir diesen Tag gestalten, ist wohl unseren eigenen Bedürfnissen und Lebensumständen geschuldet. Die einen planen den Tag mit ihrer Familie, mit gemeinsamen Frühstück oder Radtour zum See. Die anderen treffen Freunde beim Fußball oder entspannen beim Lesen oder Malen. Sie alle sammeln in diesen Zeiten neue Kraft für die Woche.

Für mich gibt es einen weiteren Kraftspender, den Kraftspender überhaupt. Es ist der Glaube an den dreieinigen Gott. Deshalb brauche ich auch die Gemeinschaft mit anderen Christen, das gemeinsame Loben und Beten, um in den anderen Zeiten meine ganze Kraft in meine Aufgaben investieren zu können. So merke ich, dass ich unruhig werde, wenn ich längere Zeit mal keinen Gottesdienst besucht habe. Dass dieser nicht immer am Sonntag sein muss, auch ich das ausgiebige Frühstück mit meiner Familie am Sonntagmorgen genieße, steht dabei außer Frage. Natürlich könnte der Gottesdienst auch an einem Freitagabend gefeiert werden, damit er in meinen Alltag hineinpasst. Doch auch für den Gottesdienst gilt: der gemeinsame freie Tag ermöglicht es, dass möglichst viele an diesem Gottesdienst teilnehmen könnten. Und das viel zitierte Familienfrühstück, das endlich einmal Ausschlafen am freien Tag? Vielleicht könnte man das eine mit dem anderen verbinden? Vielleicht wäre ein Sonntagsbrunch zu späterer Zeit mit dem Gotteslob zu verbinden? Vielleicht ist es auch eine Frage der Wertigkeit unserer Gottesdienste?

Ich bin froh über den Sonntag als gemeinsamen Tag. Ich bin dankbar, dass unser Gesetzgeber noch immer an seinem Schutz festhält und dabei die christliche Tradition des ersten Tages der Woche als freiem Tag fortsetzt. Es ist wichtig, dass der Mensch solche Tage zum Kraft sammeln hat. Mein Traum wäre es noch, an diesem Tag mit möglichst vielen Menschen den Kraftspender Gott zu feiern. Warum wir es in unserem Kirchen nur noch mit wenigen tun, hängt meines Erachtens weniger am Tag als an der Uhrzeit und der Form. Warum nicht mal über eine andere Art des Gottesdienstes nachdenken, vielleicht so wie es schon in bei den ersten Christen üblich war, mit Essen und Trinken und zu einer der Hausgemeinschaft angepassten Uhrzeit, mit viel Gespräch und Diskussion des Evangeliums aber nicht unbedingt in starre liturgische und mittlerweile fremdgewordene Formen gepresst. Ich merke, dass ich immer weniger über den Sonntag als Tag des Herrn nachdenke als vielmehr über die Formen des Gottesdienstes. Denn der Sonntag ist mir heilig, nur den zu meinem Alltag passenden Gottesdienst habe ich noch nicht gefunden!

Wie geht es euch mit dem Sonntag? Ist er der Tag zum Kraft sammeln, vielleicht auch im Gottesdienst? Habt ihr vielleicht sogar schon eure Form des Gottesdienstes gefunden?

 

 

Vom Fußball lernen

In diesen Tagen geht die Fußballsaison wieder los. Bereits am Freitag startete die 1. Runde des DFB-Pokals, am 18. August dann die 1. Bundesliga. Nun möchte ich nicht behaupten, dass ich eine Fußballexpertin oder ein überzeugter Fan bin. Doch es gibt einen Verein, dem ich schon seit Kindertagen treu bin. Jedes Wochenende suche ich nach den Spielergebnissen und die großen Spiele schaue ich auch gerne in der Übertragung im Fernsehen. Aber im Stadion war ich noch nie. Erst waren sie für mich als Jugendliche zu weit weg, dann als Studentin die Karten zu teuer und heute unternehme ich am Wochenende lieber etwas mit meiner Familie. Aber die Kultur der Fußballstadien fasziniert mich schon.

Wenn jedes Wochenende zehntausende Menschen sich zum Teil auf weite Wege machen, um ihrem Verein beim Spiel beizustehen, zieht mich der Gedanke, doch einmal dabei zu sein, in seinen Bann. Spätestens als im Mai das DFB-Pokalfinale mit dem Kirchentag zusammen in Berlin ausgetragen wurde, war der Vergleich zwischen Kirche, Gottesdienstbesuch und Fußball mal wieder Thema der Öffentlichkeit. Was mir bei den meisten der Veröffentlichungen auffällt ist, dass entweder der Fußball mit den Kennzeichen einer Religion oder religiösen Ritualen verglichen wird, um ihn als Ersatzreligion zu kennzeichnen. Oder aber es folgt nach dem Vergleich beider Einrichtungen ein für die Kirche ziemlich schlechtes Fazit, in dem festgestellt wird, dass Kirche ihre Schafe nicht genügend anspricht, die eigenen Rituale nicht mehr ausübt, den Menschen im Gegensatz zum Fußball keinen Sinn mehr stiftet. 

Und innerkirchlich? Da begegnet mir oft so etwas wie eine Neidkultur. In der Öffentlichkeit wird dargestellt, was man mit den zum Teil horrenden Ablösesummen in den Armutsgebieten dieser Welt bewirken könnte. Es wird kritisiert, auf welche Art und Weise religiöse Rituale für den Fußball missbraucht werden, oder dass die Spiele am Wochenende kirchlichen Veranstaltungen die Besucher wegnehmen. Intern aber schielt so mancher auf die Besucherzahlen eines Fußballspiels und das beginnt schon beim kleinen Dorfverein. Die Mechanismen der Fußballkultur werden unter die Lupe genommen und analysiert. Und manch Geistlicher spielt in seiner Freizeit gerne mal im Verein oder besucht das eine oder andere Spiel. 

Wie also mit diesem Phänomen umgehen? Für mich steht fest, ich komme nicht daran vorbei. Ich will es auch gar nicht, schließlich gehört meine Aufmerksamkeit, wie schon erwähnt, auch einem bestimmten Verein. Die Fans oder die Vereine oder die Kultur zu kritisieren, liegt mir entsprechend fern. Denn eins ist mir klar: auch wenn mit den Millionen Ablösesumme, die in den letzten Wochen zwischen den diversen Vereinen ausgetauscht wurden, mehrere tausend Kinder in Afrika versorgt werden könnten (wie es in meiner Timeline bei Facebook tagelang zu lesen war), so käme das Geld da nicht an, würden diese Summen nicht gezahlt werden. Diese Probleme müssen anders gelöst werden und das ist definitiv wichtiger als ein Fußballspiel. Doch letzteres darf dennoch gerne ausgetragen werden. Es geht nicht um ein entweder – oder. Deshalb möchte ich vom Phänomen Fußballkultur lernen. Denn es gibt einige Dinge, die dort nach meinem Eindruck selbstverständlich sind, von denen höre ich „bei Kirchens“ oft, dass das heute nicht mehr geht, weil die Menschen sich verändert haben.

Wenn ich mit eingefleischten Fußballfans ins Gespräch komme, dann erzählen sie mir oft, dass ihr Herz dem Verein gehört. Meistens ist sogar die ganze Familie Anhänger ein und desselben Vereins. Dann sind alle bereit besonders für wichtige Spiele auf den einen oder anderen Termin zu verzichten, um im Stadion dabei zu sein, oder auch an einigen Stellen zurückzustecken, um die Jahreskarte und die Fahrten zu den Auswärtsspielen zu finanzieren. Gerne bindet man sich mit der Jahreskarte für ein Jahr an den Verein, mehr noch, dem Verein gehört das Herz ein Leben lang. Das steht fest. Im Stadion kann jeder Fan eine besondere Gemeinschaft teilen. Dort werden Freude und auch Trauer geteilt, dort können Männer zusammen weinen. All das haben mir Fans schon erzählt und ich habe den Eindruck, ein Spiel im Stadion wirkt anziehend, weil man etwas teilt, zusammen erlebt. Ein Fußballspiel im Stadion ist toll, weil viele andere schon da sind. Fußballfans empfinden ihr Leben als bereichert durch den Verein, die anderen Fans. Das geht bis zur Hochzeit im Stadion und auch die Bischofseinführung meiner Landeskirche wurde in Räumen des Stadions gefeiert.

Mich fasziniert diese Fankultur, denn wenn ich ehrlich bin, würde ich mir vieles davon für das Leben in der Kirche wünschen. Menschen, die ihr Leben durch Jesus Christus als bereichert empfinden, ihren Alltag am Terminkalender der Gemeinde ausrichten, bereit sind, an anderen Stellen zurückzustecken, um am Leben der Gemeinde teilzunehmen, da sie dort die Gemeinschaft finden, die sie suchen. Die Realität aber sieht oft anders aus. Das wissen wir alle. Doch es gibt Ausnahmen. Auch in christlichen Zusammenhängen habe ich diese Erfahrungen schon gemacht. Im letzten Jahr beim Willow Creek Leitungskongress in Hannover z.B. oder bei Dynammissio in Berlin im März. Es gibt sie, die christlichen „Großveranstaltungen“, zu denen die Menschen weite Wege auf sich nehmen und einiges bereit sind zu opfern, um daran teilzunehmen. Auch sie erleben eine besondere Gemeinschaft, teilen Trauer und Leid, selbst wenn sie sich gerade erst kennengelernt haben. Doch nicht nur bei Großveranstaltungen habe ich diese Erfahrungen schon gemacht. Auch in einem kleinen Gottesdienst, bei einem Treffen von Christen zum Frühstück stellte sich dieses besondere Gefühl schon bei mir ein. Da war ich selbst bereit, viele Kilometer zu fahren, um dabei zu sein. Es ist ein besonderer Geist, der hier weht.

Es ist wohl auch ein besonderer Geist, der die Fußballfans in die Stadien zieht oder ins kleine Vereinsheim. Nur dass der Geist in Sachen Fußball nach außen irgendwie lebendiger wirkt. So stelle ich mir die Frage, wie ich daran mitwirken kann, dass der Geist Gottes mindestens ebenso lebendig wirkt und die Menschen um mich herum fasziniert. Ich frage mich, was ich für diese Aufgabe vom Fußball lernen kann. Die Konzentration auf den einen Mittelpunkt, um den sich alles andere dreht, scheint mir dabei entscheidend. Steht der dreieinige Gott im Mittelpunkt unseres Glaubenslebens? Oder sind andere Dinge entscheidender? Manchmal habe ich den Eindruck, dass z.B. über das diakonische Handeln oder die gewünschte Außendarstellung der Gemeinde die eigentliche Mitte aus den Augen verloren wird. Gehe ich in den Gottesdienst, um Gott zu feiern, von ihm zu hören, oder um Menschen zu treffen, den neusten Klatsch zu hören und von anderen gesehen zu werden? Vielleicht können wir genau das vom Fußball lernen: uns auf die Mitte zu konzentrieren. Gott in den Mittelpunkt meines Denkens und Handelns zu stellen will ich üben und hoffentlich damit andere faszinieren, dass sie es ebenso versuchen. Denn ich will nicht neidisch auf den Fußball schauen, sondern von ihm lernen. Es geht nicht um ein Entweder-oder. Ich freue mich schon jetzt auf den Gottesdienst am Wochenende, die Predigt, das Gotteslob und die Fußballergebnisse werde ich auch wieder verfolgen.

Wie geht es euch? Was fasziniert euch? Was ist euer Mittelpunkt, um den sich alles andere dreht?

 

Ganz(e) Kirche?

Fresh X sind ekklesial heißt es in Fresh X. Der Guide. Fresh X sind Kirche, Gemeinde. Sie sind nicht die ganze Kirche, aber sie sind ganz Kirche. Damit sind sie theoretisch jeder „normalen“ Ortsgemeinde gleich gestellt, gleich wichtig, gleich wertig. Sie sind Teil der einen Kirche in der Welt.

Was sich erst einmal sehr einleuchtend anhört, ist für viele durchaus ein Stein des Anstoßes. Entscheidet sich daran doch nicht nur die Verteilung finanzieller Mittel durch kirchliche Ämter. Auch das eigene Kirchenverständnis wird hier auf die Probe gestellt. Was ist Kirche? oder: An was denkst du, wenn du an Kirche denkst? Ist es das imposante Gebäude im Ortskern, irgendwann aus der Zeit des Barock, wundervoll ausgestattet und leider ziemlich kostspielig in der Unterhaltung? Oder ist es eher der kastige Betonbau im Stadtteil um die Ecke, der innen bunt gestaltet ist, dich dringend ein neues Dach bräuchte?

Andere mögen an ihre Kirchengemeinde denken, an die verschiedenen Angebote für Junge und Alte, von Kindergottesdienst bis Seniorenkreis, oder an die schöne Taufe, die man dort gefeiert hat, oder auch an den Spaß in der Konfirmandenzeit. Wiederum andere verdrehen bei dem Wort die Augen, weil ihnen Kirchensteuer und Skandale in den Sinn kommen. Aber ist das alles Kirche? Irgendwie schon, denn es bestimmt unsere Realität. Doch das Wesen von Kirche sieht hoffentlich anders aus.

Im Manuskript ihres Vortrags auf dem Kirchentag bin ich bei Nadia Bolz-Weber auf ein Gedankenspiel gestoßen, das mich nicht mehr loslässt. Was wäre, wenn die Kirche nur noch fünf Jahre hätte und nichts dieses Ende verhindern könnte? Wie würde das kirchliche Leben dann aussehen? Fielen wir alle in eine tiefe Depression und würden lethargisch auf das Ende warten? Würden wir weitermachen wie bisher? Oder würden wir aufhören, in Gebäude zu investieren, die wir uns eigentlich gar nicht leisten können? Würden wir weiter um den Gottesdienst am Sonntag Morgen kämpfen oder uns einfach am Freitag Mittag oder Dienstag Abend treffen? Vielleicht könnten wir auch einfach alle Sitzungen absagen und die Zeit in der Nachbarschaft verbringen. Vielleicht könnten wir das Abendmahl nicht nur einmal im Monat, sondern täglich an völlig unterschiedlichen Orten wie der Tankstelle, dem Seniorenheim, dem Park oder dem eigenen Wohnzimmer feiern.

Zum Manuskript von Nadia Bolz-Weber

Hoffen wir, dass die Kirche noch mehr als fünf Jahre besteht. Doch was diese Gedanken mich lehren ist, dass all diese äußerlichen Gegebenheiten nicht darüber entscheiden, was Kirche ist.

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ sagt Jesus (Mt 18,20). für mich ist die ein, wenn nicht der zentrale Satz mit Blick auf die Kirche. Jesus, das Evangelium ist die Mitte oder das innere Wesen der Kirche. Wo sich Menschen in seinem Namen versammeln, da entsteht Kirche. Dabei ist Kirche stets im Werden, ist nie gleich, verändert sich immer wieder mit den Menschen, die am jeweiligen Ort, im jeweiligen Kontext zusammen kommen.

Kirche ist eine Gemeinschaft von Menschen, die von Beziehungen geprägt ist. Diese Beziehungen werden nach Michael Moynagh, Fresh X. Das Praxisbuch, in vier Dimensionen ausgelebt. Neben der Dimension nach oben, der Beziehung mit und zum trinitarischen Gott, stehen die Beziehungen ins Innere der Gemeinschaft hinein und nach außen zu den Menschen in der Liebe und dem Dienst für die Welt. Die vierte Beziehungsdimension ist die der Verbindung mit der ganzen Kirche. Wenn eine Gemeinschaft in diesen Dimensionen lebt und wächst, dann ist sie Kirche. Damit sind aber die äußeren Faktoren wie Ort, Zeit, Gruppengröße oder Leitungsstil nicht entscheidend. Oder anders gesagt: Die Zeiten, in denen man Kirche am Kirchturm erkannte, sind vorbei oder waren nie da.

Ich „brenne“ für diese Kirche, denn auch wenn ich gerne in barocke Kirchen gehe, so hängt die Existenz der Kirche nicht an Äußerlichkeiten. Jeden Tag kann sie anders aussehen, an jedem Tag an einem anderen Ort neu werden. Jeden Tag baut Jesus Christus, die Mitte der Kirche, seine Kirche neu. Diese Kirche wird nicht aufhören zu bestehen, egal wie klein Kirchengemeinden vor Ort werden. Und ich darf mich jeden Tag neu von ihr überraschen lassen. Vielleicht wird morgen schon in meinem Wohnzimmer Kirche sichtbar oder in deinem Garten.

 

Hier noch einmal die Links zu den anderen Beiträgen der Reihe zu den Kennzeichen einer Fresh X:

Ein optimiertes Leben?

Von „optimiere dein Leben“ bis zum „Weg in ein neues Leben“ reicht die Ratgeberliteratur, an die ich denken musste, als ich das erste Mal davon las, dass fresh expressions of church lebensverändernd sein wollen. Doch was verbirgt sich wirklich hinter diesem Wort? Eine Fresh X „lädt Menschen in die Nachfolge Jesu ein. Persönliche Beziehungen und wachsender Glaube führen zur Lebensveränderung.“ heißt es bei Reinhold Krebs und Daniel Rempe in Fresh X. Der Guide. Ziemlich gestelzt für mein Empfinden. Aber das, was dahinter steht, spricht mir aus dem Herzen, schließlich habe ich es selbst erlebt.

Als ich als Jugendliche beschloss, in der christlichen Jugendarbeit aktiv zu werden, lernte ich eine besondere Gemeinschaft junger Menschen kennen. Da waren jüngere und auch ältere, die sich für mich interessierten, die fragten, wie es mir geht, was mich beschäftigt. Sie begleiteten mich durch die unterschiedlichsten Lebenslagen und riefen mich an, wenn ich nicht zum Treffen erschien. Ich fragte, warum sie das taten und machte mich mit ihnen zusammen auf die Reise des Glaubens. Diese Erfahrungen veränderten mich und meine Sicht auf Kirche. Hier ging es um mein ganzes Leben und nicht nur um meinen Gottesdienstbesuch am Sonntag. „Wie kann ich auch am Montag glauben?“ wurde zur Frage, die mich begleitete. Es sollte jeder und jede erfahren, dass ich an Gott glaube. Und zugleich war das ein Wagnis. War ich bereit und in der Lage, über meinen Glauben zu reden, mich mit den Bemerkungen und manchmal auch mit dem Spott der anderen auseinanderzusetzen? Doch auch da halfen die persönlichen Beziehungen zu den anderen in der Jugendarbeit. Das, was ich dort erlebte, war eine tiefe Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft trug auch die, die nicht glaubten und auch deren Leben veränderte sich durch die Gemeinschaft. Sie wollten in und mit dieser Gemeinschaft leben und lebten damit oft ein Leben in der Nachfolge Jesu, ohne selbst schon an ihn zu glauben.

Seit ich auf Fresh X gestoßen bin, fühle ich mich oft an diese Gemeinschaft zurückerinnert und an die Zeit, in der ich das Gefühl hatte dazu zu gehören und in die Gemeinschaft hineinzupassen. Diese Zeit war es auch, die mir den Weg zum Glauben und zur Theologie geebnet hat. Eine solche Zeit wollen Fresh X den Menschen schenken. Wer eine Gemeinschaft für den Alltag findet, in der er sich durch gute Beziehungen zu den anderen wohl fühlt, dessen Leben wird verändert. Wer dann noch eine solch tiefe Beziehung zu Gott entwickeln kann und pflegt, der wir sein Leben erst recht neu erfahren.

So habe ich den Eindruck, dass das dritte Merkmal einer Fresh X – die Lebensveränderung – immer dann von selbst angestoßen wird, wenn die Fresh X für den Menschen passt, der zu ihr kommt. Deshalb sind der Kontextbezug und die Lebensveränderung manchmal nur schwer zu differenzieren und bedingen sich gegenseitig. Doch das macht es gerade auch so spannend, darüber nachzudenken und es selbst zu erleben. Wenn ich dann noch die Dimension der Kirche mitdenke, dann ist für mich eine noch so kleine Fresh X irgendwie weltbedeutend. Aber damit bin ich schon beim vierten Merkmal einer Fresh X und darüber schreibe ich ein anderes Mal.

Jetzt würde mich vielmehr interessieren, ob ihr eine solche Gemeinschaft auch schon mal erlebt habt, und ob und wie sie euer Leben verändert hat?

Wer meine anderen Beiträge zu den Merkmalen einer Fresh X nachlesen möchte, findet hier die Links:

 

Kirche geht und bleibt

Es ist schon einige Zeit her, da schickte mir ein Freund den Link zu einem Videoclip. „Kirche geht“ war der Titel und ich fragte mich „Wohin?“. Ist sie überflüssig geworden. Brauchen wir sie nicht mehr? Ist ihre Zeit endgültig vorbei? Der Clip erzählt von einem anderen „gehen“. Kirche geht aus ihrer Burg heraus wieder ins Umland. Menschen gehen hinaus und erwarten nicht, dass die anderen zu ihnen kommen. Sehr kurz gesagt beschreibt dies, was „kontextuell“ als Kennzeichen einer Fresh X bedeutet. Seither ist mein Leitspruch: Ich will mich ans Lagerfeuer der Menschen setzen und mit ihnen über ihre Themen reden.

zum YouTube-Video „Kirche geht“

Das ist sicher etwas kurz zu kurz gegriffen, doch holzschnittartig trifft es zu. Sich anzupassen ist Teil jeden Lebens. Jeder, der in eine andere Umgebung kommt, auf Menschen trifft, passt sich in gewisser Weise an. Sei es, dass man sich auf eine gemeinsame Sprache einigt oder die Höflichkeitsformen des anderen adaptiert. Wer kommt schon auf die Idee in England rechts zu fahren und zu meinen, das müssten nun auch alle anderen tun? Das gilt aber nicht nur für Situationen im Ausland oder mit fremden Menschen. Wenn draußen die Sonne scheint und mehr als zwanzig Grad herrschen, werden die wenigsten in Winterjacke und Stiefeln unterwegs sein. Der Mensch passt sich immer seiner Umgebung an – mal mehr und mal weniger.

Auch Gott passt sich in gewisser Weise an. Die Bibel ist in Anpassung an die Zeit ihrer Entstehung geschrieben. Nur so konnte sie den Menschen eine verständliche Botschaft vermitteln. Gott selbst ist in Jesus Mensch geworden, hat sich unserer Welt angepasst, damit seine Liebe und Gnade für uns Menschen begreifbar wird.

Nun verändert sich unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere Welt ständig. Was ich in meiner Kindheit gut fand und gerne gemacht habe, ist für mich als Erwachsene vielleicht schon längst nicht mehr angesagt. Vor fast zwanzig Jahren bekam ich mein erstes Mobiltelefon. Das ich einmal damit im Internet surfen, einkaufen und Menschen in der ganzen Welt Nachrichten schreiben würde, habe ich damals nicht zu träumen gewagt. Genauso verändert sich die Kultur und die Gesellschaft ständig. Die Gesellschaft ist sehr viel heterogener geworden als noch vor ein paar Jahren. In diesem Umfeld dient die Kirche immer noch vielen. Vielen dient sie aber auch nicht mehr, weil sie sich nicht mehr angesprochen fühlen, weil die Kirche nicht mehr zu ihrem Umfeld passt. Genau deshalb muss Kirche wieder zum Milieu und zu den Lebensumständen derer passen, die sie erreichen will. „Darum entwickeln Fresh X neue Formen von Gemeinde für unsere sich verändernde Kultur.“ So heißt es in Fresh X. Der Guide von Reinhold Krebs und Daniel Rempe. Hingehen, hinhören und hinsehen seien dabei die ersten Schritte auf dem Weg.

Kirche passt sich an, ist kontextuell. Das heißt aber nicht, dass alles geht, Hauptsache die Menschen werden angesprochen. Wenn Kirche in dem Bewusstsein geschieht, dass sie an der Missio Dei mitwirkt, dann wird sie ihr Handeln immer auch daran ausrichten. Michael Moynagh verfasst dazu in seinem Buch Fresh X. Das Praxisbuch, vier Leitsätze, an denen christliche Gemeinschaften ihre Anpassung an die Kultur immer wieder ausrichten können. Sie bleiben erstens der Schrift treu, legen zweitens die Schrift im Einklang mit der ganzen Kirche aus, beachten drittens den missionarischen Kontext und kommen viertens gemeinsam zu Entscheidungen, da dann das Risiko der Fehlentscheidung geringer ist. Diese Leitsätze sind meines Erachtens hilfreich, zeigen sie doch, dass es nicht um Anpassung um jeden Preis geht. Bei aller Kontextualisierung sind christliche Gemeinschaften durch ihren Bezug zu Gott doch immer auch anders und das ist gut so. Es ist sogar entscheidend im Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Einrichtungen und Vereinen.

Unter der Führung des Heiligen Geistes sind Fresh X daher kontextuell und passen sich an ihr Umfeld an. So entspricht der immer heterogener gewordenen Gesellschaft und Kultur eine heterogene Kirchenlandschaft (mixed economy), in der die verschiedenen Formen von Kirche je ihre Funktion haben. Denn unterschiedliche Menschen werden von unterschiedlichen Formen angesprochen – nicht nur am Sonntag, sondern im Alltag. Das verändert ihr Leben. Doch davon berichte ich in meinen Gedanken zum dritten Kennzeichen von Fresh X.

Jetzt würde mich interessieren, wie die Kirche, die eurem Lebensumfeld angepasst ist, aussähe.

 

Hier noch die Links zu den anderen Beiträgen der Serie zu den Kennzeichen einer Fresh X:

 

Dynamissio – ein missionarischer Aufbruch?

Vor einer Woche ging der missionarische Gemeindekongress anlässlich des Reformationsjubiläums – oder kurz Dynamissio – zuende. Irgendwie scheint das Erlebte schon wieder weit weg, doch das geht wohl vielen so. Die Fülle des Terminkalenders holt einen innerhalb von Stunden wieder zurück in den Alltag. Doch dieser Alltag ist es, der das Gehörte und Gesehene auf den Prüfstand stellt. War es so tiefgehend, dass der Vorsatz, das eine oder andere sofort oder später umzusetzen, nicht nur ein Vorsatz bleibt. Gibt es etwas, und wenn es nur ein Satz ist, das etwas im Alltag verändert.

Bei mir ist es noch immer die Verwunderung, die geblieben ist. Verwunderung darüber, dass ich den Eindruck hatte, dass sich nur wenige auf den Weg gemacht haben. Seit Mitte letzten Jahres wurde intensiv für diese Tage geworben. Ich kann gar nicht zählen, wie oft die Einladung bei mir im elektronischen Postkasten landete, von den realen Papiereinladungen ganz zu schweigen. Doch den Weg ins Velodrom in Berlin, das ohne weiteres bei anderen Veranstaltungen bis zu zehntausend Menschen Raum bietet, fanden nur knapp zweitausenddreihundert Teilnehmer. War das Thema nicht interessant, die Referentenauswahl nicht gut oder der Termin ungünstig?  Oder leben wir immer noch in der Illusion, dass wir mit unseren Gemeinden auf sicherem Posten stehen und uns über die Zukunft keine Gedanken machen müssen?

Doch in diesen trüben Gedanken will ich nicht festhängen, denn Dynamissio hat anderes spüren lassen. In jedem Vortrag, jedem Seminar und jedem Forum richteten motivierte Christinnen und Christen den Blick nach vorne. Da sprach Professor Dr. Michael Herbst vom Pharisäer-Gen, das wir alle in uns tragen. Der Mensch sei auf ein Leben nach den Regeln der Werkgerechtigkeit angelegt und schaue auf Grund dessen früher oder später in seinen eigenen tiefsten Abgrund. Dort aber warte Jesus. Er warte mit ausgebreiteten Armen am Kreuz auf jeden einzelnen von uns. Diesem Jesus bringe uns das Evangelium nahe. Mit dem Evangelium zu leben hieße dann: „Mach es, so gut du kannst, gib dir Mühe. Wenn du dann versagen solltest, dann denke daran, dass du festen Grund unter den Füßen hast.“ Gottes Liebe trägt uns.

Die neue Übersetzung des Missionsbefehls unter dem Kreuz.

Mit Blick auf die Jüngerschaft als Herzstück kirchlicher und gemeindlicher Erneuerung eröffneten die Theologen Kolja Koeninger und Patrick Todjeras ihr Forum mit der Feststellung, dass sie eigentlich gar nicht mehr darüber sprechen könnten. Die neue Lutherübersetzung aus dem Jahr 2017 übersetze die zentrale Stelle Mt 28,20 schließlich nun mit „Gehet hin und lehret alle Völker“ statt mit den so bekannten Worten „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“. Ich gestehe, diesen Übersetzungsunterschied hatte ich bisher noch nicht wahrgenommen, doch blitzte hier noch einmal der Gedanke auf, ob Mission nicht gern gesehen wird. Im Anschluss an diesen Opener führten die beiden Referenten dann dennoch anhand der Aussendung der Zwölf (Mk 3) zu den Gedanken, wie Mission im Sinne einer Jüngerschaft gestaltet werden könne. Jünger seien berufen „vor Ort“ zu sein, der Welt zugewandt und gleichzeitig ein Teil der kirchlichen Tradition. Jüngerinnen und Jünger würden als Experten, als Ansprechpartner für den Sinn des Lebens verstanden. Sie seien wichtig, um anderen den Weg zum Glauben zu eröffnen.

Die Bibelarbeit des Ratsvorsitzenden der EKD, Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, am nächsten morgen führte für mich diese Gedanken weiter. Angesichts der verunsichernden und erschreckenden Ereignisse sprach er davon, dass Christen nicht mit Gewalt darauf reagierten oder die Angst überhand gewinnen ließen. Christen seien Botschafter der Versöhnung, wobei sich der Blick auf die Welt verändere, wenn wir mit Augen der Versöhnung auf die sähen. Denn Versöhnung sei heilsam. Durch sie würden selbst Unmenschen zu Menschen. Grund der Versöhnung sei, dass Gott den ganzen Kosmos mit sich versöhnt habe, nicht nur Juden oder Christen. Es sei eine radikale Liebe Gottes, die sich hier realisiere. Diese Liebe rufe uns dazu auf, ganz in der Welt zu leben, und diese Liebe dort zum Ausdruck zu bringen. Daran wird sich die Authentizität der Kirche zu messen haben.

Dr. Steven Croft stellte am letzten Tag die Frage, ob es nach der Konferenz so weitergehen dürfe wie bisher? Was ist unsere Vision von Kirche, wenn viele Beschreibungen nur noch leere Worthülsen sind? Drei Worte gab er seinen Zuhörer mit, die für ihn beschreiben, wie Kirche sein soll: kontemplativ, mitfühlend, mutig. So seien wir berufen, eine christusgleiche Kirche zu sein. Was das genau heiße, beschrieben die Seligpreisungen in Mt 5. Jeder Satz fange mit einem neuen Segen an, der ermutigen, Hoffnung wecken solle. Dabei könne niemand allein alle Sätze, die dort genannt seien, erfüllen. Erst alle vereint in der einen Gemeinde könnten den Seligpreisungen entsprechend leben. Diese Kirche habe auch Martin Luther im Sinn gehabt, der immer wieder zur Schrift zurückkehrte.

Gemeinsames Abendmahl zum Abschluss

Es sind nur wenige Highlights, die ich hier zur Sprache bringen kann. Es gab noch so viele andere. Am Ende blieben Gedanken, die mich seither noch mehr bewegen als vorher. Auch wenn die neue Lutherübersetzung meines Erachtens die Worte in Mt 28,20 abschwächt und gemessen an der Werbung nur wenige den Weg nach Berlin fanden, ist Mission zentrales Anliegen des Evangeliums. Die Liebe Gottes radikal in der Welt zu leben und Menschen in die Jüngerschaft zu begleiten, ist Gottes eigene Mission in der Welt. Wir arbeiten lediglich daran mit. Dabei geht mein Denken noch weiter, nämlich weg von der einzelnen Ortsgemeinde hin zu der einen Gemeinde, die alle Christen umfasst. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass wir erst, wenn wir aufhören nach Mitgliedszahlen und Taufquoten zu schielen, die Kirche Gottes wirklich entdecken und sehen werden. Sollten wir nicht für jeden Menschen dankbar sein und uns freuen, der Jesus begegnet ist und ihm nachfolgt, unabhängig von der Gemeinde, der er angehört? Brauchen wir wirklich noch die Auseinandersetzungen darüber, wer die bessere Gemeinde ist, das attraktivere Angebot, die meisten Gottesdienstbesucher hat? Meine Mission heißt Jesus Christus und nicht Kirchengemeinde xy. Dann ist es nicht ausschlaggebend, wie viele Menschen in Berlin dabei waren, sondern dass jede und jeder, der da war, die missio Dei in seiner Welt, in seinem Umfeld weitergibt, daran mitwirkt.

Dynamissio – drei Tage nachdenken über Gott und seine Mission. Ich danke allen Mitwirkenden für diese Zeit, denn sie hat mir neue Gedanken eröffnet, die mich nun begleiten.