Schlagwort: Alltag

Meine liebste Gottesdienstzeit

Zwei Wochen Coronazeit sind um. Coronazeit – so nenne ich die Zeit, seit die Schulen und Kirchen geschlossen sind und wir als Familie plötzlich fast 24 Stunden rund um die Uhr zusammen in unserem Reihenhaus oder Garten verbringen. Dazu zwei Fulltimejobs, die unter den zahlreichen Veranstaltungsabsagen und Dienstreiseverbot leiden und sich im Homeoffice gerade mehr im Krisenmanagement üben als dass sie das Gefühl hätten, produktiv oder kreativ zu sein. Und dann der Druck, doch irgendwie für die Menschen ansprechbar zu sein, nicht in der Nichtwahrnehmung zu verschwinden. Gleichzeitig die Angst der eigenen Kinder, die Sorge um die Familienangehörigen, die schon älter oder auch krank sind. Das war am Anfang einfach nur Stress.

Mittlerweile habe ich das Gefühl, wir sind angekommen. Die Situation hat etwas Normales bekommen. Wir haben unseren Alltag in der Krise gefunden. Dazu gehört für uns, dass das Wochenende, besonders aber der Sonntag etwas Besonderes bleiben sollen, um der Woche Struktur zu geben. Damit nicht jeder Tag ein Mittwoch, sprich gleich ist. Doch wie schafft man das nur, wenn jeder Tag irgendwie gleich anfängt, niemand danach fragt, wann man aufsteht oder welche Termine man hat?

Heute morgen habe ich nach dem Frühstück das Wohn- und Esszimmer geputzt. Okay, das Frühstück war schon besonders. Es war ein Sonntagsfrüstück, so wie wir es immer zelebrieren, mit Ei und Kerzen und selbstgebackenen Brötchen. Aber dann gingen die Kinder in ihr Zimmer und ich habe angefangen zu putzen. Nicht besonders sonntäglich, oder? Während ich den Fußboden wischte, ging mir durch den Kopf, wie es früher bei mir Zuhause am Sonntag war. Es gab immer ein gemeinsames besonderes Frühstück, alle saßen mit am Tisch, egal wann wir manchmal nachts nach Hause gekommen waren. Und danach kochte meine Mutter das Mittagessen, putzte oder arbeitete jedes zweite Wochenende. Entsprechend kochten mein Vater und ich an den anderen Sonntagen oder ich lernte für die Schule oder mein Vater werkelte im Haus. Das Mittagessen am Sonntag gab es pünktlich und dann putzte meine Mutter noch den Küchenfußboden. Erst dann konnte es wirklich Sonntag werden. Der begann dann mit einer Mittagspause und am Nachmittag machten wir etwas Besonderes. Dann ruhte der Garten, der Haushalt, die Schule. Dann war Sonntag. Und am Abend gab es Abendessen im Wohnzimmer.

Heute morgen habe ich nach dem Frühstück das Wohnzimmer geputzt und während ich den Fußboden wischte, kamen die Erinnerungen. Hängen geblieben ist mir, dass mich diese Kindheit geprägt hat. Auch heute noch ist der Sonntagnachmittag die besondere Zeit, in der alles andere ruht und die ich gerne mit meiner Familie verbringe. In diese Zeit gehört auch meine Zeit mit Gott. Damals ging das kaum, denn Gottesdienste waren in der Regel am Sonntagmorgen. Heute aber ist das anders. Heute kann ich mich am Nachmittag aufs Sofa setzen mit dem Tee in der Hand und einen Gottesdienst feiern, den andere vielleicht schon vormittags oder am Vorabend gefeiert haben. Und ich kann mir einen Gottesdienst aussuchen, der zu mir passt, in dem ich mich wohlfühle. Die digitale Kirche und die kreativen Ideen vieler Gemeinden in der Coronazeit machen es möglich. Nur eins können sie nicht ersetzen, den direkten Kontakt, die Nähe zu den anderen Gottesdienstfeiernden. Für mich ist es einfach immer noch etwas anderes, ob ich mit anderen zusammen singe, bete, feiere, die neben mir sitzen, oder ob ich das vor dem Bildschirm tue. Da singe ich übrigens meistens nicht mit, sondern höre den anderen zu.

Irgendwann wird die Coronazeit zuende sein. Irgendwann werden wir in unseren Kirchen wieder Gottesdienst feiern. Dann wird für mich der Sonntagnachmittag immer noch das Besondere am Sonntag sein und am Vormittag wird der Haushalt auf mich warten. Einfach weil ich es so gewohnt bin, weil ich es so mag. Vielleicht nehmen wir als die, die über Kirche und Gottesdienste nachdenken, aus der Coronazeit mit, dass Gottesdienste zu anderen Zeiten, in anderen Gestalten ganz unterschiedlich sein dürfen, dass es eine große Auswahl braucht, damit möglichst viele Menschen ihren Gottesdienst finden. Auch wenn das bedeutet, dass die Besuchszahlen der einzelnen Gottesdienste dann geringer sein werden. Und vielleicht ist dann auch mein Sonntagnachmittag Sofagottesdienst dabei. Dann werde ich mit anderen zusammen am Sonntag Nachmittag auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen. Vor uns werden, Kaffee, Tee und Kuchen stehen und wir werden gemeinsam Gottesdienst feiern, wie wir es noch nie gefeiert haben. Und Gott wird mitten unter uns sein, vielleicht auch mit einer Tasse Kaffee in der Hand…

Wenn mir die Worte fehlen…

Vor wenigen Stunden ging es durch die Medien. Der Ratsvorsitzende der EKD erhält Morddrohungen, weil er sich für die Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen einsetzt. Empörung, Entsetzen sind die weitläufigen Reaktionen darauf. Mir fehlen einfach nur die Worte. Ist es nicht mehr möglich, unterschiedliche Meinungen und Standpunkte zu vertreten? Muss man oder frau gleich mit dem Allerschlimmsten drohen, wenn das Gegenüber etwas sagt, was nicht der eigenen Meinung entspricht? Haben wir mittlerweile alle Hemmungen verloren, was den Umgang miteinander angeht? Oder geschieht so etwas, weil man sich nicht persönlich gegenübersteht, wenn solch ein Brief verschickt wird? Mich macht es einfach nur sprachlos. Doch ich ahne, dass die Anfänge dieses Umgangs miteinander schon an anderer Stelle zu suchen sind.

Vor einiger Zeit hörte ich zwei Kolleg*innen miteinander diskutieren. Den Inhalt der Diskussion weiß ich schon gar nicht mehr. Doch irgendwann fielen Sätze wie „Das ist doch totaler Quatsch!“ und „Du hast doch keine Ahnung!“. Oder eine Diskussion zwischen sich selbst als Christen bezeichnenden Personen im Internet. Es geht um eine politische Entscheidung unserer Regierung, die von den an der Diskussion Beteiligten gänzlich unterschiedlich beurteilt wird. Innerhalb weniger Sätze kommt es zu wüsten gegenseitigen Beschimpfungen. Ich könnte noch zahlreiche solcher Szenen benennen. Immer häufiger geschieht dies auch in Diskussionen über Themen des Glaubens. Immer häufiger greifen sich die Personen dabei sehr persönlich an. Mich macht das einfach nur sprachlos. Mitdiskutieren mag ich schon lange nicht mehr. Bin immer weniger in Diskussionen aktiv. Doch das ist auch keine Lösung. Einfach stehen lassen mag ich diese Form des Diskutierens miteinander auch nicht.

Es ist doch normal, dass man unterschiedlicher Meinung ist. Es ist normal, dass man darüber auch mal heftiger diskutiert. Doch es ist nicht normal, dass diese Diskussionen immer häufiger nach wenigen Sätzen in persönlichen Angriffen gipfeln, die sich noch gegenseitig zu überbieten versuchen. Gerade vor dem Hintergrund, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat – „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ oder „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ – wünschte ich mir, dass gerade Christen einen Unterschied machen würden. Oft rutscht uns so manches an Unflätigkeiten einfach raus. Auch ich ertappe mich dabei immer wieder. Schließlich sind auch Pastor*innen nur ganz normale Menschen. Doch vielleicht würde es etwas ändern, wenn ein Unterschied spürbar würde. Ich jedenfalls habe für das nächste Jahr einen Vorsatz gefasst. Auch wenn ich sonst von diesen Vorsätzen für das neue Jahr nicht wirklich viel halte. Aber das vor mir liegende Jahr will ich nutzen, die Worte, die ich sage, und die Sätze, die ich schreibe, zu prüfen, ob sie den Worten Jesu standhalten. Würde ich sie mir gerne sagen lassen? Entsprechen sie der Liebe zu mir selbst? Ich hoffe, dass ein Unterschied spürbar wird, denn ich glaube daran, dass viele kleine Unterschiede etwas verändern können. Und ein wenig mehr Respekt im Umgang miteinander können wir alle gut vertragen. Also vielleicht magst Du Dich meinem Vorsatz ja anschließen und am Ende des Jahres ziehen wir dann gemeinsam Bilanz.

Und in der Zukunft ein Klassentreffen…

Die CVJM-Hochschule hatte zum Studientag geladen und viele waren gekommen. Referent*innen wie Heinrich Bedford-Strohm und Sandra Bils zogen. In letzter Minute musste noch der Hörsaal gewechselt werden, da sich überraschend viele angemeldet hatten. Schon auf dem Weg von der Tram zum Universitätsgebäude hier und da ein „Hallo, wie geht es dir? Wir haben uns aber lange nicht mehr gesehen…“. Im Foyer des Hörsaalgebäudes steigerte sich dies noch und auch ich traf viele bekannte Gesichter. Menschen, die wie ich über die Zukunft der Kirche nachdenken und diese gestalten wollen. Menschen, die an ganz unterschiedlichen Orten nach Wegen suchen, das Evangelium unter den Menschen relevant werden zu lassen. Die Freude war groß, sie hier wiedergesehen zu haben.

„Kirche als Hoffnungsträgerin im gesellschaftlichen Wandel“ so die Überschrift, unter der dieser Tag stand. Ambitioniert? Realistisch? Zu hoch gegriffen? Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie sieht die Rolle der Kirche in diesem Wandel in zwei Funktionen. Zum einen solle sie denen den Rücken stärken, die den Wandel betreiben, gerade, wenn diese persönlich angegriffen werden. Zum anderen solle die Kirche ihre Energie nicht in internen Debatten verschwenden, denn sie werde in der Welt als Hoffnungsträgerin gebraucht. Gerade in einer Zeit, in der angesichts immer neuer Hiobsbotschaften in Sachen Klima sich Frustration breit mache und die Hoffnung schwinde, sei sie mit ihrem ureigensten Thema Hoffnung gefragt. Auch der Vorsitzende des Rats der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, sprach von der Hoffnung, von der die Kirche zu reden habe und die über die Welt hinaus trage, schließlich läge diese in Gottes Hand. Wenn aber die Welt in Gottes Hand liegt, dann könnten Christen sich nicht aus der Politik raushalten, dann müssten sie sich einmischen z.b. durch Denkschriften oder Gespräche oder aktives Handeln. Damit aber sei Kirche ein Change Agent im gesellschaftlichen Wandel.

Wie dies praktisch aussehen könnte, führte Sandra Bils anhand der neuen Bibliothek Oodi in Helsinki vor Augen. Sie zeigte deutlich, dass Kirche viel nachzuholen habe, wenn es um die Frage ginge, warum sie etwas täte. In der Regel sei sie an ihren Formaten und Angeboten erkennbar und nicht an ihrer Mission. Das aber mache sie wenig relevant für die Menschen. So geriete sie im gesellschaftlichen Wandel ins Abseits. Zwischen den Impulsen Diskussionen und Gespräche zwischen den Teilnehmer*innen und am Ende ein Zukunftscafé zu den Fragen, die sich während des Tages ergeben hatten.

Auf dem Heimweg stellt sich die Frage, was ist hängen geblieben? Vieles war mir bekannt. Anderes kann man in den Büchern der Referent*innen nachlesen. Das allein ist es nicht, was diesen Tag erfolgreich macht. Das Wiedersehen mit bekannten Gesichtern war ebenso schön und gewinnbringend. Aber auch das ist nicht der alleinige Erfolgsfaktor. Es kommt noch etwas anderes hinzu. Es ist die Herausforderung, vor der die Kirche steht, die hier eine Perspektive, auch einen Namen bekommen hat. Kirche als Hoffnungsträgerin, die u.a. darauf hofft, das Gott längst da ist. Sie muss nicht allein die Welt retten, sondern kann sich von Gott getragen wissen. Er ist längst da. In diesem Wissen kann sie alles tun, was in ihrer Macht steht und braucht angesichts dessen, was nicht gelingt oder was sie nicht ändern kann, nicht zu verzweifeln.

Und das ist Herausforderung genug, denn haben wir schon geklärt, welche Hoffnung wir authentisch weitergeben können? Und wenn ja, wie geben wir sie weiter, damit sie in dieser Welt Relevanz gewinnt? Das zu bedenken und zu wagen, ist am Ende dieses Tages in großen Lettern auf meine Fahnen geschrieben. Damit Studientage immer wieder zum Weiterdenken und Nicht nachlassen anregen und nicht zu Klassentreffen entarten, bei denen man sich seiner Erfolge rühmt und in Erinnerungen schwelgt. Die Hoffnung möge uns antreiben, ermutigen und stärken.

Subtext „ich“

„Wenn die anderen Kinder dich nicht mitspielen lassen, dann haust du ihnen beim nächsten Mal einfach ein paar auf die Schnauze!“ Ein Satz, der mich zutiefst geschockt hat, als ich mit meinen Kindern auf dem Spielplatz war. Wo führt es hin, wenn wir schon unsere Kinder so erziehen, habe ich gedacht. Und: warum wundert man sich dann noch, wenn Erwachsene sich wild beschimpfen oder Schlimmeres? Geht unsere Welt nicht den Bach runter angesichts solcher Aussagen?

Nein, so schlimm ist es sicher nicht und dieser Vater war sicherlich die unrühmliche Ausnahme. Doch mir fallen immer wieder Situationen auf, in denen das Ich wichtiger ist als die Gemeinschaft. Da steht im Urlaub eine lange Schlange vor der Bäckerei. Drei Personen vor mir ein Junge von ca. acht Jahren. Bis wir dran sind haben die beiden Männer zwischen uns ihn zur Seite gedrängt und der kleine Junge wartet weiter geduldig, um seine Bestellung aufzugeben. Ein anderer Tag. Es geht um die Nachmittagsbetreuung des Kindes und eine Mutter sagt mir mit einem Augenzwinkern: „Die Leitung des Horts kenne ich aus dem Sportverein. Da rede ich mal beim nächsten Training mit ihr. Dann bekommen wir sicher noch einen Platz.“ Oder etwas allgemeiner: eine große Mehrheit unterstützt die Fridaysforfuture-Bewegung, aber achtzig Prozent würden nicht auf eine Flugreise im Jahr zugunsten des Klimas verzichten.

Es ist normal geworden, dass wir zuerst an uns und unsere Interessen denken. Gleichzeitig werden die Stimmen immer lauter, die über die Verrohung der Gesellschaft klagen, die den Egoismus der anderen an den Pranger stellen. In einem Buch habe ich einmal gelesen, dass, egal was wir tun, selbst bei Bibelstudium und Gebet immer bewusst oder unbewusst der Subtext „ich“ mitläuft. Mit dem stetig wachsenden Wohlstand und der stetig wachsenden Unabhängigkeit der Menschen hat sich das in unserer Gesellschaft immer mehr entwickelt. Das hat durchaus seine positiven Züge. Wie viele positiven Entwicklungen hätte es sonst nicht gegeben? Doch es scheint zu kippen. Irgendwann scheint der Moment erreicht, da der Subtext „ich“ alles andere überwiegt und das Zusammenleben darunter leidet.

Warum ich hier davon schreibe? Weil ich zunehmend den Eindruck habe, dass dieser Subtext immer mehr auch unsere Gemeinden dominiert. Da werden Schränke abgeschlossen, da andere sonst das eigene Material nutzen könnten. Dabei ist alles aus den Finanzmitteln der Gemeinde beschafft worden. Oder es wird penibel darauf geachtet, zu welcher Gemeinde welche Straße gehört, damit ja in der zuständigen Gemeinde die Taufe, Hochzeit oder Beerdigung erfolgt. Die Quote muss schließlich stimmen. Zugleich will man aber bitte nicht mehr arbeiten als der Kollege in der Nachbargemeinde.

Ist das der Eindruck, den wir als Christen bei den Menschen hinterlassen wollen? Ist es das, was unser Christsein ausmacht? Ist es das, was Jesus wollte? Und ist überhaupt noch etwas an der Situation zu ändern?

Ich bin ehrlich. Manchmal kommen mir Zweifel. Doch ich will nicht aufgeben. Ich glaube, dass Jesus etwas anderes im Sinn hatte, als er von der Nächstenliebe sprach oder von den Friedfertigen, die selig werden. Ich glaube, dass ein wenig mehr Selbstlosigkeit uns und unserer Gesellschaft gut täte. Selbstlosigkeit im Sinne von auch mal von sich selbst absehen können. Selbstlosigkeit, die beinhaltet, dass man seinen Wert nicht aus den eigenen Leistungen oder Vermögen bezieht. Der Wert einer Person ergibt sich daraus, dass sie Gottes geliebtes Kind ist, dass Jesus für sie gestorben ist unabhängig vom Ansehen in der Welt. Wer das für sich annehmen kann, muss nicht immer in der ersten Reihe stehen, kann anderen auch was gönnen, lernt den Wert einer Gemeinschaft kennen, die mehr ist als das eigene ich. Denn wenn viele ihre eigenen Fähigkeiten einbringen und auch mal anderen den Vortritt lassen, dann entstehen Dinge, die ein einzelner nicht vermag. Auf diese Weise ließe sich doch eine Menge in unseren Gemeinden und vielleicht auch in unserer Welt erreichen.

Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass es zwanzig Prozent in einer Gruppe braucht, um etwas zu verändern oder eine neue Entwicklung anzustoßen. Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, diese zwanzig Prozent für eine Gesellschaft, in der das „wir“ stärker ist als der Subtext „ich“, noch zusammen zu bekommen. Seid ihr ein Teil dieser zwanzig Prozent? Dann lasst uns anfangen, in unserer Nachbarschaft selbstlos zu wirken!

Was für ein Vertrauen… eine Notiz im Pioniertagebuch

Was für ein Vertrauen… Das Motto des Kirchentags klingt noch an vielen Stellen nach, auch wenn die meisten Besucher schon wieder im Alltag angekommen sind. Nach Jahren war ich mal wieder die gesamte Zeit, vom Anfangs- bis zum Schlussgottesdienst da. Ich habe Workshops besucht, Vorträge gehört, bin durch den Markt der Möglichkeiten geschlendert und habe mit mir bekannten und unbekannten Menschen geredet und diskutiert. Es war spannend, es war lohnend, auch wenn ich nicht jede Veranstaltung ein zweites Mal wählen würde. Ich habe neue Eindrücke und Ideen mit nach Hause gebracht, die sicher noch einige Zeit nachwirken werden.

So manche Zeit habe ich auch damit verbracht, auf der Straße unterwegs zu sein und den Menschen zuzuhören. Und ich habe viel in den sozialen Medien gelesen von Dingen, die ich selbst besucht habe oder die ich nicht besucht habe. Auch heute lese ich weiter. Die Predigt von Sandra Bils oder auch zwei Workshops haben viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dem einen gefällt das eine, der anderen das andere und manches gefällt auch nur wenigen. Und das ist gut so. Ich freue mich, wenn rege über Kirche, Glauben, Meinungen diskutiert wird. Das alles zeigt die Vielfalt unserer Gesellschaft, die ich mir einfach nur bunt wünsche.

Doch eines verleidet mir zunehmend das lesen. Es ist der Ton und die Wortwahl, die besonders in den Diskussionen im Internet herrschen. Klar, das ist die Anonymität der Sozialen Medien, mögen viele denken. So ist das leider. Da kann man nicht viel machen und von einschlägigen Parteien und Gruppierungen ist eben nichts anderes zu erwarten. Doch die, die da diskutiert haben, gehörten offensichtlich nicht zu einer dieser schnell in die Ecke gedrängten Gruppen. Die, die da diskutierten, bezeichnen sich selbst als Christen, sind beruflich oder ehrenamtlich bei Kirche aktiv, hatten selbst den Kirchentag besucht. Und äußerten sich an anderer Stelle über die Verrohung unserer Gesellschaft. Doch dann las ich Sätze, die von „Das ist doch totaler Blödsinn, was du schreibst.“ bis hin zu „Stell dich nicht so an!“ reichten. Schlimmeres mag ich hier nicht zitieren. Wie sehr es die Adressaten dieser Sätze verletzt haben mag, diese Sätze zu lesen, wissen nur sie selbst. Ich aber frage mich, ob das dem Umgang miteinander entspricht, der Gottes Willen entsprechen könnte? Ist es das, was wir unter einem christlichen Leben verstehen. Haben wir uns dem allgemeinen Ton mittlerweile zu sehr angepasst?

Ich wünschte mir, es wäre anders. Ich wünschte mir, die Menschen um uns herum würden den Unterschied spüren. Jetzt lesen sie eher, dass die, die sich Christen nennen, genauso roh miteinander umgehen, wie andere es auch tun. Warum also etwas ändern? Doch was könnten wir verändern, wenn wir unsere Worte bewusst wählten, wenn wir, bevor wir sie aussprechen oder niederschreiben, einmal überlegten, wie unser Gegenüber sie auffassen könnte?

Der Kirchentag ist vorüber, einige Workshops, Vorträge und auch die Predigt von Sandra Bils wirken noch nach. Ich wünschte mir, sie würden auch in Sachen Wortwahl und Umgang miteinander nachwirken.

Imbissliebe

Ich muss euch etwas gestehen: ich liebe Imbissbuden, Grillbuden, Dönerläden. Jetzt ist es raus.

Nicht nur wegen des Essens. Das darf auch mal nicht so gut sein, damit ich wieder komme. Es sind vielmehr die Menschen, die dort arbeiten, essen, vorüber gehen, die mich anziehen. Ich liebe es, in einem Imbiss zu sitzen und den Menschen zuzuhören, die hier so wunderbar geerdet, ehrlich sind. Menschen, die hier in ihrer Muttersprache, ihrem Dialekt aus ihrem Leben erzählen, unverblümt, ungeschönt. Da wird über drei Tische hinweg von der Krankheit des Mannes erzählt, der nebenan im Krankenhaus in der Onkologie liegt. Da wird die neue Geschäftsidee für den nächsten Imbiss verkündet oder über die Nachbarin mit den schiefen Gardinen geschimpft.

Der Ton ist manchmal etwas ruppiger, schon bei der Begrüßung. So mancher nicht ganz politisch korrekte Spruch ist mir hier schon entgegen geflogen. Und manchmal auch ein skeptischer Blick, der fragte, wer ich wohl sei. Gerade dann, wenn ich in nicht touristisch geprägten Ecken des Landes als deutlich an der Sprache erkennbare Norddeutsche das erste Mal einen Imbiss betrete. Aber hier fühle ich mich wohl. Dem flotten Spruch setze ich einen anderen entgegen, bestelle die Currywurst, den Döner, die Cola, suche mir einen Tisch.

Und dann höre ich zu, meistens heimlich vom Nachbartisch aus, ohne etwas zu sagen, ohne mitzureden. Manchmal muss ich schmunzeln, manchmal auch schlucken. Dann geht es mir nahe, was dort gerade erzählt wird. Am liebsten würde ich dann etwas sagen, jemanden in den Arm nehmen. Manchmal werde ich in ein solches Gespräch mit hineingezogen. Manchmal heißt es einfach: „Du kommst aber nicht von hier, wa?“ Dann erzähle ich, wo ich herkomme. Meistens geht das eigentliche Gespräch dann schon weiter.

Und irgendwann stehe ich auf und gehe, wieder in der Welt angekommen aus meinem kirchlichen Wolkenkuckucksheim. Das sind diese Momente, in denen ich aus der kirchlichen Filterblase fliehen muss, in denen ich Sehnsucht nach Leben habe, wie es wirklich ist. Ich liebe dieses Leben mit Radio Niedersachsen und Bild-Zeitung, mit Bier aus der Flasche, auch wenn ich es nicht trinke, und Pommes, die man mit den Fingern isst, bis diese vor Salz, Fett und Ketchup kleben. Irgendwann kehre ich zurück in meine kirchliche Welt und merke, ich bin eine Wanderin zwischen den Welten. Nehme aus der einen etwas in die andere Welt mit, bin nie ganz in einer zuhause und will es mittlerweile auch gar nicht mehr sein. Denn genau das bereichert meine Arbeit und mein Leben. Und es bereichert meine Vision von Kirche.

Also wenn ihr mich sucht, besucht den nächsten Imbiss. Vielleicht sitze ich ja schon da…

Elf Freunde sollt ihr sein…

…ein Satz, der uns aus dem Fußball bekannt ist, der sich seinen Weg in viele weitere Bereiche gebahnt hat. Dahinter steht der Wunsch nach Gemeinschaft, denn, so ist die Überzeugung, in einer Gemeinschaft lässt sich fast alles erreichen. Aber Gemeinschaft lässt sich nicht erzwingen. Niemand kann dazu verpflichtet werden, zumindest nicht so, dass die Gemeinschaft dann auch funktioniert.

Vor eineinhalb Jahren startete ich in die Pionierweiterbildung. Schon in der Ausschreibung stand etwas von Weggemeinschaft. Vielleicht nicht für immer, aber für diesen Weg, die gemeinsame Zeit der Weiterbildung bestand der Wunsch Gemeinschaft zu werden, zu sein, zu leben. Aber lässt sich das erzwingen?

Ich habe mich auf das Abenteuer eingelassen. Am ersten Tag war ich ziemlich aufgeregt. Ich weiß es noch wie heute. Welche Menschen werde ich kennenlernen. Können wir eineinhalb Jahre Weiterbildung gemeinsam aushalten oder werden wir alle froh sein, wenn der letzte Tag gekommen ist. Wie wird der Umgang mit dem Leitungsteam sein, dass sich ja diese Weggemeinschaft schon per Ausschreibung wünschte. Gedanken, die unablässig in meinem Kopf kreisten.

Die ersten Tage der Weiterbildung bestanden aus dem gegenseitigen vorsichtigen Abtasten. Wo kommen die anderen her, was machen sie, was denken sie und wie sind sie so drauf? Und dann gab es die ersten Momente, in denen wir einfach nur herzhaft zusammen gelacht haben, gemeinsam im Wald gefühlt oder in Berlin gefeiert haben. Momente, in denen wir zusammen gesungen, geschwiegen, gebetet haben. Jedes Mal, wenn wir uns trafen – manchmal lagen Monate dazwischen – war es mehr wie nach Hause kommen. Dabei waren wir so unglaublich verschieden. Katholisch oder evangelisch, Landeskirche oder Freikirche, Hauptamtlich oder gar nicht bei Kirche engagiert, jung oder schon etwas älter, aus dem Norden oder dem Süden und manche auch so ganz anders als man selbst. Aus diesen Menschen sollte eine Gemeinschaft werden?

Sie entstand in einer Form, in der ich es bisher selten erlebt habe. Ich kann nur ahnen, warum es gelang. Wir alle haben uns auf dieses Abenteuer eingelassen, waren offen dafür, neue, ganz andere Menschen kennenzulernen und sich mit ihnen auf den Weg zu machen. Auch wenn es für den einen oder die andere eine ganz schöne Herausforderung war. Was uns dazu bewegte? Wir hatten ein gemeinsames Anliegen, etwas, das uns alle bewegt. Wir alle leben in einer Beziehung mit Gott, in sehr lebendigen, sehr unterschiedlich gestalteten Beziehungen. Aber wir alle wünschen uns, dass auch andere Menschen das Geschenk dieser Beziehung erfahren dürfen. An der missio dei wollen wir mitwirken.

Das trug uns, ließ uns zusammen kommen und Gespräche bis tief in die Nacht führen. Im Glauben an diesen Gott begleiteten wir einander, nahmen Anteil am Leben der anderen, feierten neues Leben und trauerten um die, die den Kurs nicht beenden konnten. Wie sehr diese Gemeinschaft gewachsen ist, zeigte sich in den letzten zweieinhalb Tagen, die persönlich, intensiv und segensreich waren. Noch einmal klangen tiefe persönliche Erfahrungen an, noch einmal schenkten wir einander Einblick in unser Leben. Als Abschiedsgeschenk an jeden einzelnen von uns. Wir beteten füreinander und sprachen uns Segen zu. Mein Gedanke auf der Heimfahrt: das ist Kirche, Kirche wie Menschen sie brauchen, wie ich sie leben möchte, wie Gott sie ins Leben gerufen hat.

Deshalb sind diese Worte nicht nur ein Liebeslied auf Gott, der uns diese Gemeinschaft schenkte, sondern auch auf die Weggefährten dieser Weiterbildung. Lasst diese Kirche an je euren Orten spürbar und sichtbar werden.

Mit anderen Augen…

Sechs Tage war ich mit meinen Kindern in London unterwegs. Die klassischen Sehenswürdigkeiten haben wir angeschaut und einiges, was für Kinder besonders interessant ist wie den Diana Memorial Playground. In diesen Tagen habe ich London mit anderen Augen gesehen, mit den Augen meiner Kinder.

Sie wachsen sehr behütet auf in einem neuen Stadtteil einer norddeutschen Kleinstadt. In den Straßen der englischen Metropole erblickten sie vieles, was sie bis dato noch nicht kannten, mir aber so selbstverständlich erschien. Dazu gehörten vor allem die vielen Menschen ohne Wohnung, die in Zelten, Hauseingängen oder direkt auf der Straße schliefen. Meine Kinder machten mich immer wieder auf sie aufmerksam und fragten, warum sie mitten am Tag schliefen, warum sie keine richtige und saubere Kleidung tragen, warum sie keine Wohnung haben, warum sie soviel Alkohol trinken, warum niemand ihnen hilft. Meine Kinder konnten nicht einfach daran vorbeischauen, sie nicht aus ihrem Blick ausblenden, wie ich es immer wieder tue. Die Frage, die mich am meisten bewegte, war: warum gibt es das bei uns und warum machen wir nichts dagegen?

Die Fragen meiner Kinder lassen mich nicht los. Ich versuche, Kirche mit den Menschen meines Stadtteils zu gestalten. Es entstehen Formate und Veranstaltungen, die uns gut tun, die unseren Glauben wecken oder auch wachsen lassen. Unsere Gemeinschaft wächst und wir genießen es sehr. Aber ist es das, was wir, was unsere Welt wirklich braucht? Ist das Ziel wirklich, neue Gemeinden entstehen zu lassen? Oder sind wir berufen, diese Welt menschlicher bzw. nach dem Willen Gottes zu gestalten? Müssten wir dann nicht hinaus auf die Straßen gehen und den Menschen dort ganz konkret helfen? Bei den Ärmsten und Verachtetsten anfangen und nicht eher aufhören, bevor sie alle ein für sie gutes Leben führen? Weniger an uns, an ordentliche und gepflegte Kirchen denken als an die Menschen in unserer Nachbarschaft, auf unseren Straßen?

Vermutlich werden jetzt viele sagen, man kann das eine tun ohne das andere zu lassen. Das stimmt sicher auch zum Teil, denn immerhin gibt es neben den etablierten Gemeinden auch viele Projekte und Einrichtungen, die sich für die Ärmsten einsetzen. Und doch habe ich das Gefühl, wir haben uns viel zu sehr an den Anblick der Obdachlosen auf der Straße gewöhnt, sehen sie eher als ein Ärgernis, als dass wir ihre Geschichte und ihre Not kennen wollten. Wenn wir an ihnen vorbei gehen, blenden wir sie aus unserem Blick aus.

Meine Kinder sind noch nicht daran gewöhnt, etwas auszublenden. Sie nehmen alles noch so wahr, wie sie es sehen und stellen ihre Fragen dazu. Sie haben mich in den wenigen Tagen in London gelehrt, die Straßen der Metropole mit ihren Augen zu sehen. Dabei fiel mir Jesu Wort ein „wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“. Vielleicht sollten wir wieder mehr mit ihrem Blick durch unsere Straßen gehen…

Gartenzwerggedanken

Ich hab den Gartenzwerg in London gefunden. Auch wenn er schon etwas in die Jahre gekommen ist, steht er in der Nähe des Columbia Road Flower Markets doch goldrichtig. Wenn ich hier so durch die Straßen wandere, denke ich viel über Kultur und Tradition nach. Da musste das Bild vom Gartenzwerg einfach mit, ist er doch oft ein Symbol für eine bestimmte Kultur in Deutschland. Hier stand er in einem angesagten Hinterhof mit Mode, Kunst und Coffeeshop. Wie gegensätzlich das doch ist…

Und dann laufe ich an alten, fast baufälligen Kirchen vorbei und mir schallt fröhliche Musik entgegen und an der Tür werde ich freundlich eingeladen hineinzukommen. Dabei kommen mir Gedanken an Kirchen in Deutschland, gut ausgestattet, sehr gut gepflegt, aufgeräumt und der Begrüßungsdienst gut geschult. Aber das Leben fehlt.

Selbstverständlich weiß ich, dass diese Beschreibung klischeehaft ist, dass es auch in Deutschland und England andere Kirchen und Gemeinden gibt. Aber es erinnert mich an einen Satz, den ich vor ca. zehn Jahren einmal in England gehört habe: „In Deutschland sind eure Kirchen noch zu reich. Es besteht gar keine Notwendigkeit, dass ihr handelt und über andere Wege nachdenkt.“ In diesen Worten und in den Begegnungen in England und in Deutschland liegen für mich alte Weisheiten und Mutmachendes dicht beieinander. Zum einen bringen gut sanierte und gepflegte Kirchen nicht mehr Menschen in die Kirche, auch wenn ich mich freue, dass Kirchen und Gemeinden diese Arbeit noch immer leisten können. Zum anderen zeigt es, dass auch ohne viel Geld Großartiges entstehen und wachsen kann. Auch in Zeiten sinkender Finanzen können Gemeinden wachsen oder sogar entstehen. Das ist so ein bisschen wie mit dem Gartenzwerg. Er zählt nicht zu den schönsten, ist nicht gerade groß und doch mehr oder weniger weltberühmt, was mit der Liebe und Hingabe einiger Menschen an dieses Gartenaccessoire zu tun hat.

Liebe und Hingabe – es ist die Haltung, die etwas verändert. Sicher, innovative Projekte und Veranstaltungen rufen sehr viel Aufmerksamkeit hervor. So manch eine*r mag dabei denken: „So kreativ oder innovativ bin ich nicht!“ Doch das ist nicht das Entscheidende. Es ist die Haltung gegenüber den Menschen. Was sie auszeichnet? Liebe und Hingabe zu Christus und den Menschen. Bereitschaft, das Leben der Menschen mit ihnen zu teilen, von ihnen zu lernen. Offenheit, zu entdecken, wo Gott längst bei den Menschen am Werk ist. Manchmal möchte ich es einfach mit einem Satz zusammen fassen: geht mit offenen Augen und mit Liebe im Herzen durch die Welt!

Neue Reformator*innen gesucht

Ich habe es getan. Ich habe Erik Flügges neues Buch „Nicht heulen, sondern handeln“ gelesen. Das ging auch recht schnell, denn die Schrift ist groß gehalten und der Umfang hält sich ebenfalls in Grenzen. Und gleich vorab: das Buch hinterlässt bei mir eine gewisse Zerrissenheit. Ich kann nicht sagen, ob ich es gut oder schlecht finde, den Thesen zustimme oder sie ablehne. Einiges aber nehme ich mit zum Nachdenken und Weiterverfolgen. Anderes hinterlässt bei mir den Geschmack bewusster Überspitzung.

Erik Flügge legt den Finger in die Wunde des Protestantismus. Die Gottesdienste werden landauf landab nur noch von wenigen Menschen besucht. Das hinterlässt Fragen, die Flügge in der These zuspitzt, dass der Gottesdienst tot und nicht wiederzubeleben sei. Mir stellt sich allerdings die Frage, ob Gottesdienst nur jene Veranstaltung am Sonntag Morgen um 10 Uhr in der Kirche ist. Schaut man nur auf diese, dann hat Flügge nicht so unrecht. Aber ist Gottesdienst nicht mehr? Besteht Gottesdienst wirklich nur aus der Predigt, die von Erik Flügge ebenso scharf kritisiert wird, oder kann Gottesdienst nicht auch etwas ganz anderes sein? Gottesdienst als Zusammenkommen von Menschen, die gemeinsam Gott feiern, auf ihn hören, zu ihm beten, von ihren Erfahrungen mit ihm berichten wollen? Ist das nicht auch Gottesdienst? Und das gibt es zahlreich und in unterschiedlichen Formen und an unterschiedlichen Orten sehr erfolgreich.

Damit verbunden ist eine zweite Kritik Flügges. Der Protestantismus habe die Menschen so weit in die Selbständigkeit geführt, dass es das Gemeinschaftserlebnis nicht mehr brauche. Spiritualität und Glauben könnten von jedem Einzelnen individuell und alleine erfahren werden. Ja, die eigene Spiritualität, z.B. das eigene Gebet auch in der Einsamkeit, sind wichtige Erfahrungen des Menschen. Zwingend notwendig ist die Begegnung mit anderen sicher nicht. Aber sie bereichert den eigenen Glauben, lässt neue Impulse bzw. Inspirationen zu. Die Menschen suchen von sich aus die Gemeinschaft, um neue Erfahrungen zu machen. Das muss nicht unbedingt die Gemeinschaft in Form einer Gottesdienstgemeinde am Sonntag Morgen sein, aber ohne scheint es auch nicht zu gehen, wie Flügge selbst andeutet, indem er schreibt: „Und im Laufe der Zeit werden Menschen zu Ihnen kommen und Sie bitten, mit ihnen zu beten. (…) Dann ist Gottesdienst mehr als eine Routine. Er ist zum Wunsch geworden.“ An dieser Stelle stimme ich ihm zu. Gottesdienst sollte Wunsch und nicht Routine sein, wobei Routinen gerade in Krisenzeiten tragen können. Aber als dauerhaftes routiniertes Abspulen von Traditionen fehlt ihm das, was die Menschen zum Gottesdienst kommen lässt.

Spannend finde ich die Thesen zur Schrift und zu den neuen Prophet*innen, die der Protestantismus braucht. Wobei ich mich frage, ob nur der Protestantismus sie braucht und nicht der Katholizismus auch. Nach aller historisch-kritischen Forschung wissen wir heute, „dass der Text der Bibel weit weniger heilig ist, als diejenigen dachten, die ihn erstmals übersetzten“, schreibt Flügge und legt im Anschluss dar, wie groß der Graben zwischen der Welt der Bibel und der Welt, in der wir heute leben, ist. Die Bibel habe für die Menschen heute ihre Relevanz verloren und müsse fortgeschrieben werden. Ob damit verbunden der alte Text in die Ecke gelegt werden kann, denke ich nicht. Denn schon die alten Fortschreibungen, auch bibelintern, bezogen sich schon immer auch auf den vorhandenen Text. Aber dass es eine gute Fortführung der Theologie braucht, das denke ich auch. Viel zu viel haben wir uns in Formalitäten und Äußerlichkeiten verloren. Allerorten wird über die Form von Gottesdiensten und Gemeindearbeit diskutiert. Der Inhalt gerät dabei selten in den Blick. Dieser aber muss relevant für die Menschen werden, damit sie sich damit auseinander setzen. Das wird er nicht durch eine andere Gottesdienstzeit oder -form, sondern indem Menschen erleben, wie er heute noch etwas für ihr Leben zu sagen hat. Deshalb gefällt mir auch der Gedanke Flügges die neuen Prophet*innen betreffend so gut.

Mit der Fortschreibung der Schrift ist m.E. untrennbar verbunden, dass es Menschen gibt, die mit pointierten Positionen und Thesen für die Kirche richtungsweisend werden können. Eine Fortschreibung der Schrift im Sinne der Relevanz ist sicher nicht mit Konsenspapieren zu erreichen. Es braucht Menschen, die streitbar sind, die Menschen zum Zuhören und Nachdenken anregen, die auch Aufmerksamkeit erregen. Ohne Provokationen, Überspitzungen und steile Thesen gibt es keine Weiterentwicklung. Dies zuzulassen, den Denker*innen den Freiraum zu lassen, ist die Herausforderung, vor der die kirchlichen Institutionen stehen. Denn das, was dann entsteht, könnte auch unangenehm für die Institution sein. Die zahlreichen Reaktionen auf Erik Flügges Bücher sind ein gutes Beispiel dafür. Ob es dafür aber das gewählte Prophet*innenamt braucht, bezweifle ich. Darin sehe ich mehr die Gefahr der erneuten Institutionalisierung und Abhängigkeit von anderen. Auch der vielzitierte Luther war nicht in das Amt des Reformators gewählt worden, sondern hat sich diesen Freiraum genommen. Diesen Freiraum zu bekommen, ihn leben und nutzen zu dürfen und nicht in Paragraphen und Vorschriften zu ersticken, wäre schon ein Anfang. Noch wichtiger wäre aber, die Ergebnisse wahrzunehmen und sich mutig an ihre Umsetzung zu wagen.

Der Bibel zu Relevanz im Leben der Menschen zu verhelfen, ist der entscheidende Schritt. Alles andere, wie Gemeinschaft zwischen Menschen und Gottesdienste wie gewünscht, ergibt sich dann wie von selbst. Mit dieser These schließe ich meine Gedanken zu Erik Flügges Buch und bin gespannt, ob ihr es auch schon gelesen habt und was eure Gedanken dazu sind. Hinterlasst sie doch einfach in den Kommentaren.