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Kirche in der VUCA-Welt

Im Mai 2019 erschien die Studie Projektion 2060 der Universität Freiburg in Verbindung mit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wir alle kennen die Ergebnisse: die Prognose der Halbierung der Kirchenmitglieder in den nächsten vierzig Jahren. Für viele kamen die Ergebnisse nicht unerwartet, beobachten wir doch seit Jahren steigende Austrittszahlen. Doch statt Häme oder einem „Das sagen wir doch schon lange!“ löste die Veröffentlichung eher eine flächendeckende Bestürzung aus und schaffte es bis in die Tagesschau. In der vergangenen Woche dann die Veröffentlichung der Austrittszahlen des vergangenen Jahres. Die Zahlen zeigen ein exponentielles Wachstum, wie wir es in Zeiten von Corona ständig in anderen Zusammenhängen diskutieren. Nun auch in Sachen Austrittszahlen. Auch wenn Untersuchungen der Gründe für die Austritte ausstehen, zeigen die Zahlen deutlich, dass nicht der demographische Wandel, der vielleicht noch halbwegs durch Taufen abgefangen werden könnte, das größere Problem ist, wie noch vor wenigen Jahren vermutet, sondern die bewusste Abkehr der Menschen von der Institution Kirche. Die Reaktionen auf diese Zahlen reichten in den letzten Tagen von Artikeln, die empfehlen, die Kirche sterben zu lassen, bis hin zu Videoclips, die vom Guten in der Kirche berichten. Zu den Zahlen treten Versuche, die zu benennen, die nicht mehr zur Kirche gehören. Sie reichen von Atheist, Agnostiker über kirchenfern oder kirchendistanziert bis hin zu indifferent oder freundlich desinteressiert. Immer aber schwingt eine Unterscheidung von wir, die Kirchenmitglieder, und die anderen mit. Das alles geschieht in einer Welt, in der sich die Gesellschaft in einem rasanten Wandel befindet. Im Bereich der Organisationsentwicklung wird sie immer wieder als VUCA-Welt bezeichnet. Das Akronym VUCA beschreibt die Rahmenbedingungen, denen Organisationen besonders im Zeitalter der Digitalisierung ausgesetzt sind. Ich finde dieses Akronym ganz passend, da es mehr als die bisher oft zitierte Komplexität umfasst. Votalität (Flüchtigkeit), Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (Mehrdeutigkeit) bestimmen den Alltag und führen dazu, dass Erfahrungswissen immer endlicher wird. Lineares Denken, Ursache-Wirkungsprozesse bieten keine Lösungen mehr an. Stattdessen braucht es immer mehr neue und individuelle Lösungen. Zukunft kann nicht mehr aus bisherigen Erfahrungen abgeleitet werden und ist entsprechend schlecht vorhersagbar.

Daher sind auch die missionarischen Perspektiven, die ich nun beschreiben möchte, Blitzlichter, Gedankensplitter, niemals vollständig und schon gar kein Patentrezept.

Kirche ist Teil der Vuca-Welt, sie lebt und agiert in ihr, steht ihr nicht gegenüber. Wie alle anderen Menschen und Organisationen auch ist sie diesen Rahmenbedingungen ausgesetzt. Deshalb möchte ich noch einmal bei VUCA ansetzen, denn in den Organisationstheorien heißt es, dass der Vuca-Welt mit VUCA begegnet werden muss. Vision, Verstehen, Klarheit und Beweglichkeit sind die entsprechenden Begriffe dieses Akronyms.

Es braucht eine Vision, um der Flüchtigkeit zu begegnen, ein Bild von der wünschenswerten Zukunft, das als Kompass oder Orientierungshilfe dient, das Sinn stiftet und Motivation auslöst. Was ist die Vision der Kirche oder besser ihre Mission? Was ist die Vision der Gemeinden vor Ort, der Menschen in unseren Orten? Gott handelt an und in der gesamten Welt. In diese Bewegung sind wir hineingenommen, sind daran beteiligt. Das entlastet, denn wir müssen die Kirche nicht schaffen oder retten. Das führt zugleich zu einer Haltung der Zugewandtheit zu den Menschen und dem Wunsch nach Kommunikation des Evangeliums. Es gilt: Das teilen, was man liebt. Eine der missionarischen Perspektiven ist daher m.E., den Begriff „Mission“ aus dem Feld der negativen Konnotation zu befreien und in ein ganzheitliches Verständnis zu überführen. Wie George Augustin schreibt, geht es nicht exklusiv um eine Evangelisierung der Nichtchristen, sondern um die Verlebendigung des Glaubens bei allen Menschen. Nicht unterscheiden in wir und die anderen, sondern gemeinsam auf dem Weg sein und damit Identifikation und Wirkungskraft ermöglichen. Denn dort, wo Kirchen und Religionsgemeinschaften es schaffen, den Transzendenzbezug „zurück ins Leben zu holen“, sind sie erfolgreich. So legt es die Untersuchung von Detlef Pollack und Gergely Rosta, Religion in der Moderne, nahe. Diese missionarische Perspektive stellt sich also als eine Frage der Haltung bzw. des Blickwinkels dar. Mission als Wesen des Christseins bzw. Christwerdens. Diese Haltung aber ist nicht auf besondere FreshX-Projekte beschränkt, sondern eröffnet jeder Ortskirchengemeinde eine neue Zuwendung hin zu den Menschen.

In der Zugewandheit zu den Menschen kann der Unsicherheit mit Verstehen begegnet werden. Essentiell für das Verstehen sind Zuhören und Beobachten. Ausgehend von einem systemischen Ansatz sind die Menschen die Experten für ihre jeweilige Situation. Ihnen in einer demütigen und lernenden Haltung zu begegnen, ermöglicht, sie wirklich wahrzunehmen. Was sind ihre Bedürfnisse, was sind ihre Träume? Wie gestaltet sich ihre Welt und ihr Alltag? Die Menschen zu verstehen braucht eine selbstreflexive Haltung. Was sind mein Weltbild, meine Tradition, meine Kultur, die in die Wahrnehmung mit einfließen? Die Wahrnehmung des Kontextes fußt daher auf einer Haltung, die oft mit den Worten von Klaus Hemmerle beschrieben wird: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“ Eine weitere missionarische Perspektive ist daher meines Erachtens das Leben mit den Menschen in ihrem Kontext, in ihrem Alltag außerhalb der Grenzen der Kirchen zu gestalten, sich mit ihnen in einen gegenseitigen Lernprozess zu begeben. FreshX-Projekte, die in besonderen Lebenszusammenhängen oder an besonderen Orten entstehen, gehen mittlerweile oft wie selbstverständlich von einer Sozialraumorientierung aus. Den Kontext außerhalb der eigenen Gemeindegrenzen wahrzunehmen, sich z.B. als Kirche für den Ort zu verstehen, kann auch einer Ortskirchengemeinde neue Perspektiven eröffnen. Die Idee der Gemeinwesendiakonie setzt z.B. bei dieser Perspektive an.

Dabei ist der Komplexität im näheren und weiteren Umfeld durch Klarheit zu begegnen. Klarheit beinhaltet den Austausch von Wissen, die Transparenz in der gegenseitigen Information und Kommunikation und die Fokussierung auf das Ziel bzw. die Vision. Dazu gehört auch, im eigenen Umfeld Netzwerke aufzubauen und in Netzwerken zu handeln, da Netzwerke der Reduktion von Komplexität dienen. Um in Netzwerken handeln zu können, braucht es sich selbst organisierende Teams, die von Vertrauen gekennzeichnet sind. Netzwerke agieren außerdem zunehmend im digitalen Raum. Unter dem Gesichtspunkt der missionarischen Perspektive bedeutet dies, dass Kirche vor Ort sich zum einen fokussiert z.B. unter Aspekten der Zielgruppenorientierung oder besonderer örtlicher Gegebenheiten. Zum anderen kooperiert sie im Sinne eines gemeinsamen Interesses, der Mission, und im gegenseitigen Vertrauen mit anderen Partnern vor Ort und zunehmend auch überörtlich. (Ökumene der Sendung). Gemeinsam die Kommunikation des Evangeliums verfolgen, indem unterschiedliche Netzwerkpartner ihre Fähigkeiten und Kompetenzen einbringen.

Dabei treffen in den unterschiedlichsten Zusammenhängen unterschiedlichste Wertesysteme und Wahrnehmungen aufeinander. „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“ Dinge werden unterschiedlich gedeutet. Diese Mehrdeutigkeit bedeutet auch ein Mehr an Auswahl. Jeder*r kann heute nahezu alles zu jeder Zeit an jedem Ort machen, lesen, lernen. Dieser Ambiguität ist mit Beweglichkeit zu begegnen. Beweglichkeit meint die Schaffung und Akzeptanz von Perspektivvielfalt, die agile Reaktion auf Veränderungen, die Förderung von Innovation. Da die Organisation Kirche und damit auch die Ortskirchengemeinden in der Regel in vielfältige Verpflichtungen und Aufgaben eingebunden sind, ergibt sich aus der Beweglichkeit die missionarische Perspektive von FreshX-Projekten oder besser Erprobungsräumen als Orte, in denen individuell und situativ im Sinne eines trial an error ausprobiert werden kann, in denen eine hohe Fehlertoleranz und ein hohes Maß an Selbstorganisation herrscht. Hier geht es um Innovation, um ein thinking out oft he box. Jeder dieser Räume ist ganz Kirche, wenn auch nicht die ganze Kirche. Gemeinsam mit den Ortskirchengemeinden, diakonischen Einrichtungen und anderen Formen gemeindlichen Lebens sind sie Kirche und ermöglichen so, unterschiedliche Formen geistlichen Lebens und ekklesiale Vielfalt zu leben. Der Individualisierung und Subjektivierung der Gesellschaft entspricht die Entwicklung immer neuer individueller Ansätze vor Ort. Dabei können solche FreshX-Projekte sich eigenständig gründen oder im Zusammenhang einer Ortskirchengemeinde ihr Wirken entfalten. Vielleicht werden sie sogar einmal selbst zu einer Kirchengemeinde an einem neuen Ort oder befruchten die Ortskirchengemeinden mit ihren Innovationen.

Diese Perspektiven zeigen, dass das Schnittfeld von FreshX-Projekten und Ortskirchengemeinden groß ist, sie sich nicht in Konkurrenz oder einer Wertung von Altem und Neuem gegenüber stehen. Gemeinsam wirken sie mit an der Missio Dei. Vor diesem Hintergrund möchte ich noch einmal auf meine Beobachtungen vom Anfang zurückkommen. Die Projektion 2060 oder auch die aktuellen Austrittszahlen haben im Sinne der Ambiguität unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Deutlich ist, dass sich Kirche verändern wird. Sie wird sicher auch kleiner werden. Doch zeigen die missionarischen Perspektiven, dass sich auch hier gilt: „Flatten the churve“. So führte Fabian Peters bei einer Präsentation der Projektion 2060 aus: Würde es den Kirchen gelingen, die Tauf- und Aufnahmebereitschaft um zehn Prozent zu erhöhen und gleichzeitig die Austritte um zehn Prozent  zu verringern, dann würde sich die vorausberechnete Zahl der Kirchenmitglieder in allen Landeskirchen und Bistümern  für das Jahr 2060 um zwei Millionen Menschen erhöhen. Konkret auf eine einzelne Gemeinde mit etwa zweitausend Mitgliedern bezogen hieße das: Der Gemeinde müsste es gelingen, in zwei Jahren drei bis vier Austritte zu verhindern und drei zusätzliche Menschen zu taufen. Kein unmögliches Szenario oder?

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