#inderpassiongutesentdecken

Alles fing damit an, dass ich das Buch „Im Grunde gut“ von Rutger Bregman empfohlen bekam. Ziemlich viele Seiten in einer Zeit, in der ich von Fortbildung zu Fortbildung fuhr und sich die Bücher auf meinem Schreibtisch stapelten. Wie gut, dass ich das Buch gleich noch als Hörbuch entdeckte und ziemlich viele Stunden Autofahrt vor mir hatte. Also fing ich an zu hören. Und hörte. Und hörte. Und bemerkte mit der Zeit, dass ich immer mehr über mein eigenes Menschenbild nachdachte. Hatte ich das Gefühl, dass die Welt irgendwie immer schlechter wurde, immer mehr Verbrechen begangen wurden, die Zahl der hungernden Menschen beständig stieg, weil eben immer alles irgendwie schlechter wurde? Oder konnte ich wahrnehmen, dass sich etwas zum Guten veränderte? Konnte ich in den Menschen Gutes sehen, oder begegnete ich ihnen mit Skepsis. Das Hören des Buches wurde zur Selbstprüfung für mich und somit zur spannenden Begegnung.

Und dann war da die Passionszeit. Einfach nur fasten, auf irgendein Luxusgut, sei es Schokolade oder das Internet, zu verzichten, befriedigte mich nicht. Passion ist irgendwie mehr. Ist dem Leben und Sterben Jesu neu zu begegnen, es in meinen Alltag holen. Was sollte ich tun? Eine Idee entstand: konnte ich das eine mit dem anderen verbinden, etwas für meinen Alltag daraus mitnehmen? Ich beschloss, jeden Tag in der Passionszeit einen oder zwei Verse aus der Erzählung des Johannesevangeliums zu lesen, sie mit in meinen Alltag zu nehmen und zu erfahren, wo ich mit ihnen im Rücken etwas Gutes entdecken könnte. Ein Experiment. Verbunden mit der Frage oder auch der Gefahr, die Worte vom Leiden und Sterben leichthin in etwas Gutes umzudeuten. Und doch: würde am Ende auch für mich und meinen Blick auf den Alltag gelten: im Grunde gut?

Ich wagte es. Begann zu lesen. Von den Soldaten, die Jesus gefangen nahmen. Mitten in den Tagen, als in der Ukraine die ersten Schüsse fielen, Soldaten in ein Land einfielen, das nicht ihres war. Zivilisten töteten. Menschen sich auf die Flucht begaben. Vor Augen immer die wenigen Worte am Tag, die von den Soldaten im Garten Gethsemane vor mehr als zweitausend Jahren berichteten. Und wo war oder ist in diesem Leid noch das Gute? Wohl nirgends, denn wie kann Krieg, Leid, Töten und Getötet Werden etwas Gutes haben? Doch mein Wahrnehmen wurde geschärft und ich hörte und las von abenteuerlichen Fluchtberichten, in denen Menschen anderen Menschen halfen. Ich erfuhr, wie schnell auch in unserer Nachbarschaft Menschen bereit waren zu teilen, was sie haben. Ich entdeckte Gutes in wenigen Sätzen in Nachrichten oder Tweets. Mein Alltag bekam eine neue Wahrnehmung.

Gleichzeitig begann auch der biblische Text neu zu sprechen. Indem ich nur wenige Worte, nicht mehr als einen oder zwei Verse am Tag las – nicht nur einmal, sondern mehrfach am Tag – wurde ihr Inhalt intensiver Teil meines Alltags. Ich entdeckte Dinge, die ich vorher nur überlesen hatte. Die unbekannte Frau, die Petrus hilft, in den Palast zu kommen. Sie ging mir tagelang nach. Oder die letzten Minuten im Leben Jesu. Der Essig der gereicht werden sollte. Ich konnte den Geschmack auf meiner eigenen Zunge förmlich spüren. Und dann das Schweigen der Bibel am Karsamstag. Und das Gefühl des Verloren Seins, das nicht nur zwischen den Zeilen des Johannesevangeliums spürbar war, sondern sich auch in mir breit machte. Das Halleluja am Ostermontag erklang darin um vieles lauter als ich mich bisher erinnern konnte. Hoffnung, die nicht aufgegeben werden will, war mit Händen zu greifen. Will mitgenommen werden.

#inderpassiongutesentdecken – dieser Hashtag begleitete mich die ganze Zeit. Es waren nicht viele Posts, die sich darunter versammelten. Doch er steht für eine Zeit, die meinen Blick, meine Wahrnehmung intensiv beeinflusste. Aus der ich unglaublich viel in die nächsten Tage und Wochen mitnehme. Es brauchte keinen Verzicht, kein Fasten auf irgendein Luxusgut. Es waren wenige Worte und die Frage nach meinem eigenen Menschenbild. Und am Ende steht meine Gewissheit „im Grunde gut“ oder die Hoffnung lebt!

 

 

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