Christsein in Netzwerken

Während meines Urlaubs habe ich von Christian A. Schwarz „Gott ist unkaputtbar“ gelesen. Dieses Buch hat mich ziemlich zum Nachdenken angeregt, was zum einen daran liegen mag, dass ich im Urlaub einfach mal die Zeit dazu hatte. Zum anderen lag es aber bestimmt auch und vor allem an den Thesen, die Christian A. Schwarz darin aufstellt. Ein wenig davon hatte ich schon bei twitter und Instagram angedeutet, mit einigen habe ich dort auch schon darüber diskutiert und schließlich angekündigt, dass ich hier noch etwas darüber schreiben werde. Keine Rezension. Das haben andere schon längst gemacht. Wahrscheinlich auch weitaus besser als ich. Aber ich möchte einzelne Aspekte aus dem Buch aufgreifen und mit meinen Gedanken versehen.

Das, was mich vielleicht am meisten angesprochen hat, war das Kapitel über die 10/90-Regel, wohl weil ich schon lange auf ähnlichen Pfaden unterwegs bin. Die 10/90-Regel besagt, dass Christen nur 10 Prozent ihrer „Wachzeit“ in kirchlichen Bezügen verbringen. Die anderen 90 Prozent sind sie in anderen Netzwerken wie Arbeit, Familie, Freunde, Vereine usw. unterwegs. Entsprechend müsse laut Christian A. Schwarz der Schwerpunkt der kirchlichen Arbeit darauf liegen, die Menschen in den 10 Prozent ihrer Zeit, die sie in kirchlichen Bezügen verbringen, für die anderen 90 Prozent zu stärken und sie in die Lage zu versetzen, dort das Evangelium und ihren Glauben zum Ausdruck zu bringen. Dabei verweist der Autor u.a. auf Dietrich Bonhoeffer, der Christsein als Hingabe an die Welt bezeichnet hat. Die Fokussierung der Kirche ändert sich, doch darf das Resultat kein Dualismus von Innen und Außen sein. Es geht nicht darum, das eine gegen das andere aufzuwägen oder abzugrenzen. Ganz im Gegenteil, das eine soll mehr mit dem anderen verbunden werden. Die natürlichen Beziehungen der Menschen würden seitens der Kirche mehr wahrgenommen werden und die Menschen, die in kirchlichen Bezügen unterwegs sind, würden adäquat ausgerüstet, um in ihren Netzwerken, in denen sie sowieso schon unterwegs sind, Christus und das Evangelium zum Ausdruck zu bringen. Entsprechend braucht es sowohl die Fokussierung auf das Innen, wenn Menschen bevollmächtigt werden sollen, ihren Dienst in der Welt zu tun, als auch die Fokussierung auf das Außen, wenn die Welt der Ort sein soll, an dem Christen von Christus erzählen. Christian A. Schwarz vergleicht diese wechselseitige Beziehung von Innen und Außen mit dem Rhythmus von Einatmen und Ausatmen. Das eine kann nicht ohne das andere sein. Eine Fokussierung auf das eine oder andere kann immer nur zeitlich begrenzt sein.

Ich finde die Gedanken, die hinter der 10/90-Regel stehen faszinierend. Schon lange beschäftige ich mich mit der Frage, welchen Auftrag, welche „Mission“ Kirche eigentlich in unserer Welt hat. Hat sie sich um die zu sorgen, die sich eindeutig zu ihr bekennen, Mitglied sind und dies auch finanziell zum Ausdruck bringen? Liegt ihre Mission darin, denen Stimme und Gehör zu verschaffen, die in unterschiedlichster Form benachteiligt sind – im Sinne der biblischen Sorge um Witwen und Waise? Oder ist ihr Auftrag, möglichst viele Menschen zum Glauben zu führen? Ich denke, da ist kein entweder – oder, auch wenn das an vielen Stellen so klingt oder gefordert wird. Und manchmal zeigt sich das in ganz kleinen Aspekten wie Sätzen, die lauten „wir besuchen nur Neuzugezogene, die zu unserer Gemeinde gehören“.

Eine meiner liebsten Erzählungen aus dem Neuen Testament – übrigens aus ganz unterschiedlichen Gründen – ist jene, in der Jesus die Samariterin am Brunnen trifft und ihr zunächst die Hilfe verweigert, weil sie kein Kind „aus dem Hause Israel“ ist. Gut, dass die Frau hartnäckig ist, denn so entspinnt sich ein Gespräch, in dem sie Jesus überzeugt, ihm zu helfen. Für mich bedeutet das durchaus auch, dass Jesus hier lernfähig war. Aber vor allem sagt die Erzählung mir, dass es allein um den Glauben geht. Er ist Voraussetzung, Aufgabe und Ziel alles Redens und Handelns, egal ob man zur Gemeinde gehört oder nicht, ob man schon Ewigkeiten Christ ist oder erst seit ein paar Stunden. Und er drückt sich ganz unterschiedlich aus – im helfenden Handeln, im Einsatz für Benachteiligte, im Erzählen vom Glauben. Bei allem aber gilt, dass er sich nicht auf 10 Prozent Wachzeit in kirchlichen Bezügen beschränken lässt, sondern im gesamten Leben Ausdruck finden darf und soll. Christus hat seine Jünger schließlich auch nicht nur in eine einzelne Gemeinde ausgesandt, sondern sie zogen von Dorf zu Dorf, wobei nicht genannt wird, wie weit sie gekommen sind.

Sicher nicken nun viele mit dem Kopf, weil sie dem uneingeschränkt zustimmen würden. Allerdings scheitert es dann doch oft an der Realität. Gemeindeglieder, die nach dem Betreten des Gemeindehauses die Sonnenplissees zuziehen, damit niemand sieht, dass sie bei Kirchens sind (das habe ich wirklich so erlebt), scheinen sich für die kirchlichen Bezüge zu schämen, scheinen die 10 Prozent deutlich von den anderen 90 Prozent trennen zu wollen. Oder die Erfahrung, dass der Gottesdienst am Sonntag zwar ganz nett ist, der Inhalt aber wenig mit dem Alltag, der am Montag morgen wieder beginnt, zu tun hat. Da laufen deutliche Trennlinien zwischen Kirche und Alltag, zwischen Innen und Außen. Und ich frage mich manchmal, ob die Gründung einer Kirche, die in den Alltagsbezügen zum Gegenüber geworden ist, der für viele wenig Relevanz ausstrahlt, wirklich so gewollt war. Vielmehr denke ich, dass Christen dazu berufen sind, in ihren täglichen Netzwerken ihren Glauben zum Ausdruck zu bringen. Das kann ganz unterschiedlich aussehen und richtet sich je nach den Begabungen und Fähigkeiten des einzelnen Menschen. Was für eine Vielfalt da zum Ausdruck käme und wieviele Menschen auf sehr unkomplizierte und für sie relevante Art und Weise vom Evangelium erfahren würden…

Und die Gemeinden? Wofür brauchen wir die dann noch? Jesus hat seine Jünger ausgesandt, ihnen die Kraft und Vollmacht gegeben, Kranke zu heilen und Dämonen auszutreiben. Er hat sie mit dem ausgestattet, was sie zum Bezeugen des Evangeliums in ihrem Umfeld brauchten. So konnten die Jünger aktiv werden. Doch nach einiger Zeit kehrten sie zu Jesus zurück, um neu von ihm unterrichtet zu werden, um selbst wieder aufzutanken. Was, wenn die Kirchengemeinden genau das auch täten? Menschen im Evangelium unterrichten, sie für das Leben im Alltag geistlich zurüsten und ausstatten, Auftankstation für den Glauben sein. Ich vermute, das Bild so mancher Gemeinde würde sich verändern. Das Verständnis von „Gemeinde“ müsste an vielen Stellen neu bedacht werden. So manches „Angebot“ würde vielleicht nicht mehr sinnvoll sein, anderes dafür entstehen. Vieles, was Kirchengemeinden zur Zeit anbieten, was andere Vereine, kommunale Anbieter oder soziale Einrichtungen aber genauso im Programm haben, könnte man vielleicht endlich gemeinsam gestalten, indem Christen ihren Auftrag darin sehen, hier im Alltag mit anderen zusammen aktiv zu werden und nicht neben den anderen ein weiteres „Konkurrenzangebot“ zu gestalten. „Suchet der Stadt Bestes“ geht eben am besten, wenn alle zusammen an einem Strang ziehen und nicht jeder meint, besser als die anderen zu wissen, was der Stadt Bestes ist.

Ich mag diesen Gedanken des Christseins im Alltag und der Gemeinden, in denen Menschen auftanken können und ausgerüstet werden, um ihr Christsein im Alltag zu leben. Genauso wie ich den Gedanken mag, das Kirchengemeinden Gemeinden für den jeweiligen Ort sind und nicht nur für die, die sich zum Mitglied erklärt haben. Ich glaube, es würde viel verändern…

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