Kategorie: vor Ort

Ein Wochenende in der Jugendherberge 

Jugendherberge – was hat das mit Gott zu tun? Das mag wohl mancher denken, wenn er meine Überschrift liest. Ehrlich gesagt, ein wenig denke ich das auch. Und doch bewegt mich der eine oder andere Gedanke, der mir während eines Kurzurlaubs in der Jugendherberge Bonn gekommen ist.

Mit meiner Familie nutze ich immer mal wieder das Angebot der Jugendherbergen, wenn wir Freunde besuchen, eine günstige Unterkunft während Tagungen, Messen etc. brauchen oder einen Städtetripp unternehmen. Ein wenig fühlt man sich, sobald man das Haus betritt, in die eigene Kindheit zurück versetzt. Erinnerungen an verschiedene Klassenfahrten, kurze Nächte und roten Hagebuttentee werden wach. Dabei gibt es letzteren nur noch, wenn man es wirklich möchte. Das bringt mich meinen Gedanken auch schon etwas näher. 

Die Jugendherbergen haben sich verändert. Moderne Familienzimmer gehören jetzt genauso dazu wie ein Bistro zur Abendgestaltung – zumindest in Bonn. Den Kaffee oder Tee zum Frühstück kann man nun in großen Bechern genießen und die Speisen am Buffet betrachten und auswählen. Für ein wenig Aufgeld bekommt man sogar Pancakes zum Frühstück. Mit den leicht angetrockneten Wurst- und Käsescheiben meiner Kindheit hat das nicht mehr soviel zu tun. Auch wenn es sie wohl noch gibt, diese Jugendherbergen der vergangenen Tage. Und unter ihrem Ruf leiden auch die jüngeren, renovierten Häuser.

Vielleicht leiden sie aber auch nicht darunter. Denn hier trifft sich mittlerweile eine junge oder junge gebliebene, internationale Gemeinschaft. Von Asien über Afrika und Osteuropa bis Europa und natürlich Deutschland waren hier zahlreiche Nationen vertreten. Auf dem Begrüßungsschild am Eingang stand neben dem Gesangverein einer Kleinstadt ein slowenisches Unternehmen und  neben dem Gymnasium vom Stadtrand Ärzte ohne Grenzen. Die Hälfte der Sprachen, die im Foyer zu hören waren, wusste ich nicht zu übersetzen. Im Speisesaal saß die alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Kindern neben den Tagungsteilnehmern aus Asien und die kleine Radfahrgruppe in ihren unverkennbaren Fahrraddresses neben den Ärzten aus Afrika. Der alleinreisende ältere Wanderer blieb ein wenig für sich und freute sich doch am Spiel der Kinder. Sie alle aßen zusammen in einem Raum und kamen ins Gespräch. Hier und da hörte man Fragen nach Namen und Herkunft, nach Aufenthaltsdauer und Ziel der Reise. Gespräche entspannen sich. Und kam man nicht ins Gespräch, so grüßte man sich doch, wenn man sich begegnete. Hier wurden einander die Türen aufgehalten. Niemand drängelte an der Rezeption vor. Keiner war ungeduldig, wenn es am Kaffeeautomaten etwas länger dauerte. Je mehr ich mich umsah, umso mehr hatte ich den Eindruck, dass hier eine ganz eigene Gemeinschaft zusammen gekommen war. Das Funktionieren und Leben rund um die Jugendherberge war ihre Verbindung. Keiner von ihnen hatte sich für ein Hotel entschieden, welche Gründe auch immer dahinter standen.

Nach diesem Wochenende denke ich, die Jugendherbergen haben sich verändert – zumindest die meisten – und leben doch auch von der Tradition der Erinnerungen. Wer weiß nicht eine Geschichte aus seiner Kindheit zum Aufenthalt in einer Jugendherberge zu erzählen? Doch dabei sind sie nicht stehen geblieben. Sie haben sie genutzt, sind weitergegangen mit den Menschen der jeweiligen Zeit. So treffen sich dort heute Menschen aus aller Welt in einer besonderen Gemeinschaft und leben ein wenig vor, wie es in der Welt sein könnte.

Ich muss wohl nicht mehr schreiben, dass ich mir einiges davon auch für unsere Kirchen wünschte. Zugleich versuche ich manches von dem, was ich an diesem Wochenende gesehen und erfahren habe, mit Blick auf die Kirche zu sehen. Auch sie leidet ja so manches Mal unter der Tradition der Erinnerungen und hat sich längst in ihren Mauern gewandelt. Nur von den Menschen davor ist es nicht unbedingt wahrgenommen worden. Ist  vielleicht diese bunte, internationale Gemeinschaft auch die, die Christus noch begegnen möchte? Die Menschen, die zwar zeitgemäß ihren Kaffee aus Bechern trinken, aber dennoch auf ein gewisses Maß an Service und Komfort verzichten wollen, weil anderes wichtiger ist? Die Menschen, die eine andere Art zu leben vorziehen, um Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit für andere zu ermöglichen.

Es war zumindest in diesen Tagen in der Jugendherberge ein Zusammenleben zu spüren und zu beobachten, dass von Freundlichkeit und Höflichkeit, von Hilfsbereitschaft und Respekt geprägt war. Vieles davon ist in unseren Kirchen und im Wahlkampf gerade Thema. Doch wieviel davon wird auch gelebt? Mir ist deutlich geworden, es liegt an der Haltung der Menschen. Diese zu ändern ist eine Herausforderung und geschieht wohl nur durch ein geduldiges Vorleben. Die großen, flammenden Reden sind es nicht, die eine Veränderung bewirken. Das stete Erfahren verändert viel mehr. So können auch Wochenenden in Jugendherbergen zu einem Auftanken werden, zumindest wenn man solch eine Erfahrung macht wie ich in Bonn. Ja, es gibt auch noch die anderen Jugendherbergen, die den Kindheitserinnerungen entsprechen mit strengen Herbergseltern und rotem Hagebuttentee. Aber „bei Kirchens“ gibt es auch noch die einen und die anderen – die, die den Kindheitserinnerungen entsprechen mit mächtigem Pfarrer und steifem Gottesdienst, und die, die sich gewandelt haben zur lebendigen Gemeinschaft unter Christus. So wünsche ich allen ein Wochenende in einer Jugendherberge oder einer lebendigen Gemeinde. Es stärkt und macht zuversichtlich. Aber Vorsicht: es kann auch das Leben verändern.

Wie sind eure Erfahrungen mit Jugendherberge und Kirche? Haben sie euer Leben schon verändert? 

Segen für alle?

Am vergangenen Wochenende war ich in Wittenberg. Wenn ich schon nicht den großen Reformationskirchentag besucht hatte, so wollte ich doch wenigstens die Weltausstellung Reformation besuchen. Also gesagt, getan und recht spontan geplant. Dabei befiel mich schon ein wenig die Angst, dass es doch wohl recht voll sein würde, denn ein Hotelzimmer in Wittenberg oder der näheren Umgebung war kaum noch zu finden. Doch ich hatte Glück – in einem kleinen Dorf zehn Kilometer vor der Stadt fand sich etwas und das auch noch zu moderaten Preisen.

Als ich dann am Freitag Nachmittag zusammen mit meinem Mann im Auto anreiste, empfingen uns schon am Stadtrand Parkleitschilder, die besagten, dass im Stadtzentrum keine Parkplätze mehr frei seien und man doch bitte den Reformationsparkplatz an der Kuhlache nutzen solle. Doch wir waren dreist, wollten nicht außerhalb für fünf Euro parken und dann auch noch in die Stadt laufen. Also lautete unser Motto: „Wir versuchen es erstmal in der Stadt. Rausfahren können wir immer noch.“ Direkt neben der Klosterkirche empfingen uns zahlrieche freie Parkplätze und auch das Parkhaus, das übrigens nur drei Euro am Tag kostet und im Gegensatz zum Reformationsparkplatz auch nach 19 Uhr noch geöffnet hat, war bei weitem nicht voll. Wir waren sehr überrascht, hatten wir doch ganz anderes erwartet. So wie die Parkplätze war auch die Stadt nicht voll. Dass hier eine besondere Ausstellung anlässlich der Reformation stattfindet, war nur durch die zahlreichen Banner und Plakate zu bemerken, nicht aber durch die Zahl der Menschen. Und was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnten – dieser Eindruck sollte sich in den nächsten zwei Tagen noch verstärken.

Bild: KirchGezeiten

Aber erstmal ankommen und das geht am Besten mit dem Abendsegen, der jeden Abend um 18 Uhr auf dem Marktplatz gefeiert wird. Zehn Bierzeltbänke laden vor der großen Bühne zum Platz Nehmen ein. Ein kleines Buch „Spiritual Journey – Gott auf der Spur in der Lutherstadt Wittenberg“ wurde uns in die Hand gedrückt und leitete uns durch den Besuch in Wittenberg und den Abendsegen. (Das sollte eigentlich jeder zu seiner Eintrittskarte dazu bekommen. Es lohnt sich wirklich und kann auch nach dem Besuch der Lutherstadt weitergenutzt werden.) Neben uns füllten sich die Bänke – nicht besetzt bis auf den letzten Platz, aber doch so, dass man den Eindruck gewann, hier geschieht etwas. Beim ersten Lied war dann schon klar, dass hier der Inner Circle der Kirchengemeinden saß. Kräftig wurde mitgesungen und auch weniger bekanntes Liedgut wie das Schlusslied „Jeder Mensch braucht einen Engel“ klang nicht dünn und unterbesetzt. Beim Singen ließ ich meinen Blick schweifen und dachte: „Gut, dass es die Cafés und Restaurants rings um den Marktplatz gibt. So können die, die eigentlich nicht mit Kirche in Verbindung gebracht werden wollen oder denen die Schwelle zur Teilnahme einfach zu groß ist, doch aus der Ferne etwas davon erahnen.“ Ohne dass hier Kirchenmauern stünden, waren sie doch deutlich wahrzunehmen. Auf der einen Seite die, die sich auskennen und kräftig mitsingen können. Auf der anderen Seite die, die mal vorsichtig schauen wollen, sich nicht rüber trauen oder nicht rüber wollen. 

Als dann im kurzen Impuls die Worte „fucking perfect“ fielen, horchte wohl nicht nur ich auf. Die einen zogen den Kopf ein – so etwas sagt man doch nicht und schon gar nicht bei der Kirche. Die anderen auf den Stufen zu Füßen Luthers mit der Bierflasche in der Hand und den schwarz gefärbten Haaren schauten plötzlich zur Bühne und hörten zu. Bis zum Segen galt der Person auf der Bühne nun ihre Aufmerksamkeit. So wurde der Segen wirklich zum Segen für alle. Beim Burger am Abend fragte ich mich, wer aus diesen wenigen Gedanken des Segens wohl was mit in seinen Alltag genommen hat? Wer fühlte sich durch die Musik und die Worte angesprochen? Für wen waren sie gedacht?

Diese Gedanken nahm ich mit in den nächsten Tag, an dem ich mir die verschiedenen Torräume der Ausstellung und die beiden großen Kirchen der Stadt ansah. Das Asisi-Panorama beeindruckte mich – ich gestehe aber auch, dass ich wirklich eine Bewunderin seiner Arbeiten bin. Die Wall in Berlin ist ganz anders und doch genauso großartig. Der Weg durch die einzelnen Torräume aber erstaunte, nein entsetzte mich. Wo waren hier die Menschen, die sich die einzelnen Ausstellungen, die einzelnen Themenbereiche ansahen. Die Menschen, die sich hier auf die Spuren der Reformation begaben? Überall herrschte gähnende Leere. Allerorten standen die vielen Ehrenamtlichen und warteten darauf, ihr Thema den Besuchern näher zu bringen. Mit einigen von ihnen kam ich ins Gespräch, hörte, dass sie selbst am Kirchentagswochenende nicht viel mehr Gäste begrüßen konnten, spürte auch den Frust vieler, die für ihren Dienst bei der Ausstellung Urlaub genommen haben. Einige sagten auch, dass man sich hier wohl ziemlich überschätzt hätte. Es gäbe gar nicht genügend Übernachtungsmöglichkeiten für mehr Gäste und aus dem Umland kämen sie nicht – wie denn auch bei zehn Prozent Kirchenzugehörigkeit. 

Später, auf dem Weg von der Schlosskirche zur Stadtkirche über den Marktplatz vorbei am Melanchton-Hof und Cranach-Haus, da waren mehr Menschen zu sehen. Doch bei genauerem Hinhören entpuppten sich viele als Tagesgäste, die eine klassische Stadtführung genossen, bevor ihr Reisebus sie an einen anderen Ort weiterfahren würde. Für die Weltausstellung Reformation waren sie nicht gekommen. Die Fragen des Vorabends wurden wieder lauter. Wer soll hier angesprochen werden? Für wen ist die Weltausstellung gedacht? Wer nimmt etwas aus ihr mit für seinen Alltag? Ist hier der Inner Circle angesprochen und die anderen sind die Rand- bzw. Zaungäste? Dann wünschte ich mir auch für die Ausstellung ein Moment des „fucking perfect“, damit sie ein Segen für alle wird. Denn eins steht für mich fest – es lohnt sich, mal nach Wittenberg zu fahren und nicht nur die Ausstellung zu besuchen, sondern auch zu erleben, wie sie von den „Zaungästen“ wahrgenommen wird. Mir hat sie ein Wochenende neuer Gedanken und Impulse geschenkt, die ich mitnehme in meinen Alltag.

Dynamissio – ein missionarischer Aufbruch?

Vor einer Woche ging der missionarische Gemeindekongress anlässlich des Reformationsjubiläums – oder kurz Dynamissio – zuende. Irgendwie scheint das Erlebte schon wieder weit weg, doch das geht wohl vielen so. Die Fülle des Terminkalenders holt einen innerhalb von Stunden wieder zurück in den Alltag. Doch dieser Alltag ist es, der das Gehörte und Gesehene auf den Prüfstand stellt. War es so tiefgehend, dass der Vorsatz, das eine oder andere sofort oder später umzusetzen, nicht nur ein Vorsatz bleibt. Gibt es etwas, und wenn es nur ein Satz ist, das etwas im Alltag verändert.

Bei mir ist es noch immer die Verwunderung, die geblieben ist. Verwunderung darüber, dass ich den Eindruck hatte, dass sich nur wenige auf den Weg gemacht haben. Seit Mitte letzten Jahres wurde intensiv für diese Tage geworben. Ich kann gar nicht zählen, wie oft die Einladung bei mir im elektronischen Postkasten landete, von den realen Papiereinladungen ganz zu schweigen. Doch den Weg ins Velodrom in Berlin, das ohne weiteres bei anderen Veranstaltungen bis zu zehntausend Menschen Raum bietet, fanden nur knapp zweitausenddreihundert Teilnehmer. War das Thema nicht interessant, die Referentenauswahl nicht gut oder der Termin ungünstig?  Oder leben wir immer noch in der Illusion, dass wir mit unseren Gemeinden auf sicherem Posten stehen und uns über die Zukunft keine Gedanken machen müssen?

Doch in diesen trüben Gedanken will ich nicht festhängen, denn Dynamissio hat anderes spüren lassen. In jedem Vortrag, jedem Seminar und jedem Forum richteten motivierte Christinnen und Christen den Blick nach vorne. Da sprach Professor Dr. Michael Herbst vom Pharisäer-Gen, das wir alle in uns tragen. Der Mensch sei auf ein Leben nach den Regeln der Werkgerechtigkeit angelegt und schaue auf Grund dessen früher oder später in seinen eigenen tiefsten Abgrund. Dort aber warte Jesus. Er warte mit ausgebreiteten Armen am Kreuz auf jeden einzelnen von uns. Diesem Jesus bringe uns das Evangelium nahe. Mit dem Evangelium zu leben hieße dann: „Mach es, so gut du kannst, gib dir Mühe. Wenn du dann versagen solltest, dann denke daran, dass du festen Grund unter den Füßen hast.“ Gottes Liebe trägt uns.

Die neue Übersetzung des Missionsbefehls unter dem Kreuz.

Mit Blick auf die Jüngerschaft als Herzstück kirchlicher und gemeindlicher Erneuerung eröffneten die Theologen Kolja Koeninger und Patrick Todjeras ihr Forum mit der Feststellung, dass sie eigentlich gar nicht mehr darüber sprechen könnten. Die neue Lutherübersetzung aus dem Jahr 2017 übersetze die zentrale Stelle Mt 28,20 schließlich nun mit „Gehet hin und lehret alle Völker“ statt mit den so bekannten Worten „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“. Ich gestehe, diesen Übersetzungsunterschied hatte ich bisher noch nicht wahrgenommen, doch blitzte hier noch einmal der Gedanke auf, ob Mission nicht gern gesehen wird. Im Anschluss an diesen Opener führten die beiden Referenten dann dennoch anhand der Aussendung der Zwölf (Mk 3) zu den Gedanken, wie Mission im Sinne einer Jüngerschaft gestaltet werden könne. Jünger seien berufen „vor Ort“ zu sein, der Welt zugewandt und gleichzeitig ein Teil der kirchlichen Tradition. Jüngerinnen und Jünger würden als Experten, als Ansprechpartner für den Sinn des Lebens verstanden. Sie seien wichtig, um anderen den Weg zum Glauben zu eröffnen.

Die Bibelarbeit des Ratsvorsitzenden der EKD, Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, am nächsten morgen führte für mich diese Gedanken weiter. Angesichts der verunsichernden und erschreckenden Ereignisse sprach er davon, dass Christen nicht mit Gewalt darauf reagierten oder die Angst überhand gewinnen ließen. Christen seien Botschafter der Versöhnung, wobei sich der Blick auf die Welt verändere, wenn wir mit Augen der Versöhnung auf die sähen. Denn Versöhnung sei heilsam. Durch sie würden selbst Unmenschen zu Menschen. Grund der Versöhnung sei, dass Gott den ganzen Kosmos mit sich versöhnt habe, nicht nur Juden oder Christen. Es sei eine radikale Liebe Gottes, die sich hier realisiere. Diese Liebe rufe uns dazu auf, ganz in der Welt zu leben, und diese Liebe dort zum Ausdruck zu bringen. Daran wird sich die Authentizität der Kirche zu messen haben.

Dr. Steven Croft stellte am letzten Tag die Frage, ob es nach der Konferenz so weitergehen dürfe wie bisher? Was ist unsere Vision von Kirche, wenn viele Beschreibungen nur noch leere Worthülsen sind? Drei Worte gab er seinen Zuhörer mit, die für ihn beschreiben, wie Kirche sein soll: kontemplativ, mitfühlend, mutig. So seien wir berufen, eine christusgleiche Kirche zu sein. Was das genau heiße, beschrieben die Seligpreisungen in Mt 5. Jeder Satz fange mit einem neuen Segen an, der ermutigen, Hoffnung wecken solle. Dabei könne niemand allein alle Sätze, die dort genannt seien, erfüllen. Erst alle vereint in der einen Gemeinde könnten den Seligpreisungen entsprechend leben. Diese Kirche habe auch Martin Luther im Sinn gehabt, der immer wieder zur Schrift zurückkehrte.

Gemeinsames Abendmahl zum Abschluss

Es sind nur wenige Highlights, die ich hier zur Sprache bringen kann. Es gab noch so viele andere. Am Ende blieben Gedanken, die mich seither noch mehr bewegen als vorher. Auch wenn die neue Lutherübersetzung meines Erachtens die Worte in Mt 28,20 abschwächt und gemessen an der Werbung nur wenige den Weg nach Berlin fanden, ist Mission zentrales Anliegen des Evangeliums. Die Liebe Gottes radikal in der Welt zu leben und Menschen in die Jüngerschaft zu begleiten, ist Gottes eigene Mission in der Welt. Wir arbeiten lediglich daran mit. Dabei geht mein Denken noch weiter, nämlich weg von der einzelnen Ortsgemeinde hin zu der einen Gemeinde, die alle Christen umfasst. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass wir erst, wenn wir aufhören nach Mitgliedszahlen und Taufquoten zu schielen, die Kirche Gottes wirklich entdecken und sehen werden. Sollten wir nicht für jeden Menschen dankbar sein und uns freuen, der Jesus begegnet ist und ihm nachfolgt, unabhängig von der Gemeinde, der er angehört? Brauchen wir wirklich noch die Auseinandersetzungen darüber, wer die bessere Gemeinde ist, das attraktivere Angebot, die meisten Gottesdienstbesucher hat? Meine Mission heißt Jesus Christus und nicht Kirchengemeinde xy. Dann ist es nicht ausschlaggebend, wie viele Menschen in Berlin dabei waren, sondern dass jede und jeder, der da war, die missio Dei in seiner Welt, in seinem Umfeld weitergibt, daran mitwirkt.

Dynamissio – drei Tage nachdenken über Gott und seine Mission. Ich danke allen Mitwirkenden für diese Zeit, denn sie hat mir neue Gedanken eröffnet, die mich nun begleiten.

W@nder – zwischen wandern und wundern

 

Zwischen Hütte und Hochebene, zwischen Gletscher und Schlucht trafen sich am 14. und 15. Februar Christen bei W@nder – der Konferenz für Pioniere und ich war mittendrin. Mittendrin zwischen Menschen, die sich in der ein oder anderen Weise fremd in ihrer Kirche fühlen. Menschen, die das Gefühl haben, irgendwie nicht hineinzupassen, und doch den Glauben an Gott nicht fallen lassen wollen. Denn sie wissen sich von Gott getragen und gerufen.

Was für ein großartiges und buntes Zusammenkommen: Katholiken, Lutheraner, Baptisten und Methodisten. Dabei war die erste Frage nie: welcher Konfession gehörst du an? Vielmehr war an allen Orten die Frage zu hören: Warum fühlst du dich fremd in der Kirche? Und dann taten sich Lebensgeschichten auf von dem jungen Mann, der gerade weil er sich fremd fühlte, Theologie studierte und nun eine fresh expression of church in Köln aufbaut. Oder von der jungen Frau, die sich im Reisekonzern irgendwann unwohl fühlte, weil die Arbeit dort nicht ihren Werten entsprach. So brach sie aus, kündigte, suchte ihre Waldlichtung und machte sich selbständig.

Dazu ein beeindruckender Vortrag von Johnny Baker und Susanne Haehnel aus England über „the pioneer gift“. Das Gefühl, nicht hineinzupassen als Gabe bzw. Geschenk zu verstehen und sich deshalb als Pionier auf den Weg zu machen, ist eine für manchen ungewohnte Sichtweise. Bisher haben viele dieses Gefühl eher defizitär verstanden. In der Kirche war eben bisher nie richtig Platz für sie. Ein Gefühl des Unwohlseins blieb trotz aller Anpassungsversuche. Nun können sie es als Chance zum Aufbruch begreifen.

Foto: Sabine Ulrich

Denn Pioniere sind Menschen, die Möglichkeiten sehen und aufbrechen, sie zu realisieren. Sie sind Wanderer zwischen den Welten – der Realität ihrer Kirche und der Vision von einer Kirche, in die sie hineinpassen. Sie wundern sich, entwickeln Visionen einer Kirche, die das Evangelium in den jeweiligen Kontext vor Ort einträgt. Denn wenn viele Gott aus verschiedenen Blickwinkel betrachten, dann ergibt sich ein besseres, ein vollständigeres Bild von ihm. Doch Pioniere reden nicht nur darüber, sie brechen auf, wechseln die Straßenseite, lassen geschehen und bauen. Dabei muss so manch einer erfahren, dass dieser Weg durch Schluchten, Wüsten, Einsamkeit führen kann. Deshalb brauchen Pioniere eine Gemeinschaft, die sie trägt, die sie aufbaut.

Bei W@nder konnte ich diese Gemeinschaft spüren. Ich bin mit so vielen Menschen ins Gespräch gekommen, konnte Ideen austauschen, gemeinsam reflektieren. Das Gefühl nicht zu passen, war hier nicht spürbar. Stattdessen wuchs in mir das Bewusstsein: auch ich bin ein Pionier, oder besser: eine Pionierin. Ich bin aufgebrochen, die Straßenseite zu wechseln. Dabei blieb mir ein Satz besonders hängen: Pionier sein heißt: nicht auf den Zug warten, der nicht mehr kommen wird.

Wie geht es euch? Habt ihr auch das Gefühl nicht zu passen? Wollt ihr vielleicht auch die Straßenseite wechseln? Ich bin gespannt auf Eure Berichte.

 

 

 

Baustelle des Glaubens

Am 21. Januar wurde ich offiziell in mein neues Amt als Pastorin für fresh x und Quartiersmanagement mitten auf einer Baustelle eingeführt. Was lagt da näher als über die Baustelle des Glaubens zu predigen. Die Predigt möchte ich euch nicht vorenthalten. Ich freue mich auf Eure Kommentare.

Herzlich willkommen auf der Baustelle schön, dass sie alle so zahlreich gekommen sind – ach nein, so etwas sagt man nicht. Das geht doch nicht. Schließlich hängt an so ziemlich jeder Baustelle das allseits bekannte Schild „Betreten verboten, Eltern haften für ihre Kinder.“ Eine Baustelle ist gefährlich, niemand will und kann die Verantwortung übernehmen, wenn etwas passiert. Da ist es besser, sich abzusichern, durch Schilder und durch hohe Zäune.

Aber haben sie eine solche Baustelle schon einmal etwas näher beobachtet? Ich meine dabei erstmal noch gar nicht die Baustelle an sich, sondern das Geschehen vor dem Bauzaun. In Nordholz, wo ich die letzten sechs Jahre Pastorin war, hatte ich zwei Jahre alle Gelegenheit dazu. Die Kirchengemeinde hat eine Kirche gebaut und ich habe im Pfarrhaus direkt nebenan gewohnt, hatte also quasi den exklusiven Überblick. Natürlich standen auch um diese Baustelle die besagten hohen Zäune herum und natürlich hing auch an diesen Zäunen alle paar Meter das besagte Schild „Betreten der Baustelle verboten“. Schließlich musste die Kirchengemeinde auf Nummer sicher gehen. Doch schon Tage bevor sich die erste Baggerschaufel in den Boden grub, um mit dem Erdaushub für die Fundamente zu beginnen, war etwas in unserer Straße zu beobachten – es reichte das bloße Aufstellen der Zäune und Anbringen der Schilder.

Was dort geschah? Das Verkehrsaufkommen in unserer Straße steigerte sich merklich und das lag nicht daran, dass der Lidl auf der anderen Straßenseite gerade besonders gute Angebote hatte. Nein, die Autos, Radfahrer und Fußgänger, die durch unsere Straße fuhren oder gingen, waren gekommen, um die Baustelle der Kirche anzusehen. Wie ich darauf komme? Das Grundstück der Kirchengemeinde in Nordholz liegt auf der Spitze zwischen drei Straßen und man konnte herrlich im Kreis fahren und so die Baustelle von nahezu allen Seiten betrachten. Seit dem Tag, an dem die Bauzäune errichtet worden waren, taten das viele. Und wer bei der ersten Runde noch nicht alles gesehen hatte, fuhr gerne auch noch eine zweite Runde ums Gelände herum. Viele blieben auch stehen, so mancher wagte einen Blick direkt durch den Zaun, so wie man sich das immer an den Gehegegittern im Zoo vorstellt. Ich habe dann so manches Mal gewitzelt, ich stelle eine Kaffeebude auf und werbe damit die noch fehlenden Mittel für den Kirchbau ein.

Es gab auch einige Mitbürger, die täglich oder wöchentlich zur Baustelle kamen, um Fotos zu machen – ich glaube, die Baustelle unserer Kirche ist in zwei Jahren Bauzeit mindestens genauso oft fotografiert worden wie der Kölner Dom in seiner ganzen Geschichte, wobei dessen Bauzeit ja bis heute nicht abgeschlossen ist.. Besonders interessant wurde es übrigens auf der Baustelle bzw. in ihrem Umfeld, als der Rohbau abgeschlossen war, man von außen quasi nicht mehr viel sehen konnte, weil innen nun der Innenausbau stattfand. Sie kennen das, der Innenausbau dauert ja fast so lange, manchmal sogar länger als der Rohbau. Wie oft haben mir da die Mitarbeiter der verschiedenen Bauunternehmen erzählt, dass mal wieder neugierige Mitbürger sich ihren Weg ins Innere der Kirche gesucht haben, sie sie nur mit Mühe und Not davon abhalten konnten, in den frisch gegossenen Estrich zu treten oder auf das Gerüst zum Bau der Orgelempore zu klettern.

Der erste Gottesdienst, Heilig Abend in der Baustelle der Kirche, war so gut besucht, wie lange nicht mehr. Während zu anderen Zeiten die Temperatur in der Kirche nie die richtige ist, haben an jenem Abend alle gerne gefroren. Auch die Bierzeltbänke waren nicht zu unbequem und dass viele stehen mussten, war an jenem Abend überhaupt kein Problem. Ganz ehrlich? Viele der Menschen habe ich an jenem Abend das erste Mal in der Kirche gesehen.

Genau deshalb war ich begeistert, als wir im November zusammen mit Superintendent Kück und Pastorin Brandy überlegten, den Gottesdienst zu meiner Amtseinführung hier in der Baustelle zu feiern, man könnte sagen „Mit Baustellen kenne ich mich aus“.

Außerdem liebe ich das Bild von der Baustelle. Ich vergleiche den christlichen Glauben immer mal wieder mit einer Baustelle und ja, ich weiß, jeder Vergleich hinkt an der einen oder anderen Stelle. Doch ich halte es da wie Jesus, der zu den Menschen auch gerne in Bildern und Gleichnissen sprach. Der Glaube als Baustelle, die viele gerne durch Zäune nach außen absichern, um keine Gefahr einzugehen. Bitte auch niemanden Fremdes, der nicht dazu befugt ist, auf die Baustelle lassen, wer weiß, was sonst passiert. Neue Ideen könnten ja den ganzen Bau verändern. Das geht nicht, man muss sich doch an die Pläne halten und so haben es schon die Handwerker vor uns gemacht. Am besten nichts nach außen zeigen, denn wer weiß, was dann passiert. So findet Glaube an vielen Orten hinter Zäunen oder verschlossenen Mauern statt, hinter der Kirchentür oder im Gemeindehaus. Und wenn der Gottesdienst oder der Frauenkreis, wo ich wirklich Gutes von Gott gehört habe und an meinem Glauben bauen konnte, wenn er zuende ist, dann verlasse ich die Baustelle für den Rest der Woche. Dabei trauen sich nur wenige, die bisher mit der Baustelle des Glaubens nichts zu tun hatten, auf die Baustelle. Die Schilder an den Zäunen, das Gefühl, hinter dem Zaun, auf der Baustelle könnte es gefährlich sein, schreckt viele ab. Und doch ist da diese Neugier, die Sehnsucht danach, auch etwas über die Baustelle zu erfahren. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass der Verkehr auf den Straßen um die Baustelle in den letzten Jahren wieder deutlich zugenommen hat, nur auf der Baustelle merkt man es nicht.

Und dann gibt es da diese seltenen Einblicke auf die Baustelle: die Hochzeit, zu der man eingeladen ist, bei der man merkt, dass es da auf der Baustelle irgendwie doch ganz anders ist, als man es sich vorgestellt hat. Der Kirchentag in diesem Jahr in Berlin und vielen anderen Orten wird sicher auch für so manchen so ein Blick auf diese Baustelle sein. Doch wahrscheinlich werden die meisten danach nicht wieder auf die Baustelle kommen, so wie nach jenem ersten Heiligabend Gottesdienst auf unserer Kirchenbaustelle in Nordholz. Im Alltag geht es eben doch wie gewohnt weiter. Und im Alltag hat die Baustelle des Glaubens keinen Platz. Dort gehe ich nur hin, wenn ich Zeit übrig habe.

Doch wer bleibt, oder wer wiederkommt, der kann erfahren, dass diese Baustelle sich lohnt, dass da etwas ganz großartiges entsteht, etwas, dass das Leben verändert. Denn der Bauherr ist ein ganz besonderer. Er heißt Gott und hat schon ziemlich viele gute Bauprojekte durchgeführt: angefangen bei der Arche, die vierzig Tage Dauerregen und die größte Flut der Weltgeschichte unbeschadet überstanden und die Existenz der Menschen und Tiefe auf der Erde gesichert hat. An seiner größten Baustelle aber baut der Bauherr noch: am Reich Gottes, dem himmlischen Jerusalem. Den Eckstein dazu, der alles trägt, hat er schon gelegt in Jesus Christus. Nun liegt es an uns Menschen, am Reich Gottes weiterzubauen und die Baustelle der Vollendung entgegenzuführen. Doch dafür braucht es viele fleißige Hände und die sind noch lange nicht alle auf der Baustelle angekommen. Sie stehen noch davor, schauen vielleicht schon mal neugierig über den Zaun, fahren eine Extrarunde um die Baustelle oder bleiben zumindest auf der anderen Straßenseite kurz stehen. Diese Menschen in den Blick zu nehmen, ist die Herausforderung, der die Christen sich immer mehr stellen müssen, soll die Baustelle, das Reich Gottes, vollendet werden. Dann kommen wir an den Punkt, an dem der Vergleich hinkt. An der Baustelle des Glaubens darf nicht das Schild „Betreten verboten“ stehen, um die Neugierigen und Sehnsuchtsvollen außen vor zu halten. An dieser Baustelle ist jeder willkommen und jeder kann und soll an diesem Bau mitbauen, seine Ideen und Gedanken einbringen. An dieser Baustelle muss eigentlich ein ganz anderes Schild stehen: wegen Umbau geöffnet. Und der wichtigste Ort ist die Baustellenausfahrt, der Ort, den man frei halten soll, damit alles aus dem Glauben hinaus in den Alltag fließen kann und die Baustelle Glauben nicht hinter hohen Zäunen verborgen bleibt. So will es der Bauleiter und seinen Bauplan hat er uns allen in die Hand gegeben.

Die Projektstelle, auf die ich heute eingeführt worden bin, ist so eine Baustellenausfahrt, vielleicht auch der Beginn, die Bauzäune trotz Baustellenbetrieb abzubauen. Ich freue mich sehr, dass ich an dieser Stelle den Bauplan unseres Bauleiters mit umsetzen darf. Und dann komme ich wieder zur Kaffeebudenidee zurück, die ich schon in Nordholz beim Bau der Kirche hatte. Bereits im Bewerbungsgespräch habe ich gesagt, dass ich mir vorstellen kann, mit dem Bollerwagen und Kaffee durch die Siedlung zu ziehen, um die Menschen kennenzulernen und von ihnen zu hören, zu erfahren, was sie bewegt. In den Zeitungsartikeln nach der Bekanntgabe der Besetzung der Stelle durch mich war ebenso von diesem Bollerwagen zu lesen. Und was soll ich sagen: Hier steht er. Heute noch nicht mit Kaffeekannen, Teekannen und Tassen gefüllt. Dafür aber mit Zetteln und Stiften. Ich möchte mich zum Tee bei Ihnen einladen, um sie kennenzulernen. Schreiben Sie doch einfach im Laufe des Nachmittags ihren Namen und ihre Telefonnummer auf einen der Zettel und ich rufe Sie an. Wir machen einen Termin aus und ich komme sie auf einen Tee oder Kaffee besuchen. Den selbstgebackenen Kuchen bringe selbstverständlich ich mit. Und wer sich den Bollerwagen einfach nur mal etwas näher anschauen will, der findet noch ein wenig Stärkung darin. Dieses Angebot gilt nicht nur heute, sondern immer, wenn sie den Bollerwagen irgendwo stehen oder fahren sehen.

Denn ich möchte mit Ihnen, den Menschen hier in Riensförde und Ottenbeck, zum einen auf den Baustellen der Stadtteile arbeiten, zum anderen aber auch auf der Baustelle des Glaubens. Dabei können wir keinen besseren Bauherrn als Gott haben, denn wenn er nicht das Haus baut, dann bauen umsonst, die daran bauen.