Kategorie: glauben und leben

Erschrocken…

Was mich gerade erschreckt? Was mich sprachlos macht? Und auch ein bisschen wütend?

Vor zwei Tagen wurde die Kathedrale Notre-Dame in Paris durch ein verheerendes Feuer schwer beschädigt. Tausende Menschen standen fassungslos am Ufer der Seine und sahen zu, wie hunderte Feuerwehrkräfte versuchten, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Sie weinten. Sie beteten. Sie hofften. Seit gestern Mittag finden sich im Internet, in den Zeitungen und im Fernsehen Bilder davon, wie die Kirche nach dem Brand aussieht, davon, was im Innenraum zerstört und erhalten ist. Auch in den sozialen Medien wird darüber diskutiert.

In diese Diskussion mischen sich Bilder oder besser Vergleiche mit hungernden Kindern. Mit diesen Bildern werden die bereits öffentlich gewordenen Spender und mit ihnen alle, die sich für den Wiederaufbau einsetzen, quasi der Unmenschlichkeit angeklagt. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie sich lieber für tote Steine als für lebende Menschen einsetzen. Dass hungernde Kinder nicht so wichtig sind wie eine Kirche, mit der man auf Grund des Tourismus Geld verdienen kann.

Doch so einfach ist das nicht und deshalb machen mich diese Vorwürfe nicht nur sprachlos, sondern auch wütend. Zum einen kennt niemand die Beweggründe der einzelnen Menschen, die sich schon jetzt für den Wiederaufbau einsetzen. Vielleicht verbinden sie sehr persönliche Erinnerungen, Erfahrungen, Begegnungen mit Notre-Dame. Vielleicht sehen sie in dieser Kirche mehr als ein bloßes Gebäude aus Stein. Vielleicht gibt es aber auch noch ganz andere Gründe. Fakt ist, dass mit der Zerstörung eines Gebäudes mehr zerstört wird als nur ein Konstrukt aus Holz und Stein. Es geht z.B. ein Stück Geschichte verloren. Bei Notre-Dame sogar ein Stück Geschichte einer Nation. Es geht auch ein Stück Identifikation verloren. Das gilt nicht nur für eine Kathedrale wie Notre-Dame. Das gilt auch für die kleine Dorfkirche, was übrigens beim Umzug der recht unscheinbaren Kirche von Heuersdorf in Sachsen nach Borna vor etwas mehr als zehn Jahren deutlich wahrzunehmen war. Gerade Kirchen sind mehr als einfache Konstrukte aus Stein. Das durfte ich selbst erfahren, als ich eine Kirche entwidmet habe, die verkauft wurde. Während des letzten Gottesdienstes waren zahlreiche Menschen gekommen, die sehr persönliche Erinnerungen an dieses Haus, besonders aber an die Begegnungen und Erfahrungen in diesem Haus hatten. Da war die Tochter eines Mannes, der das Dach der Kirche gebaut hatte. Da waren Menschen, die die Kirche gelöscht hatten, als sie vor vierzig Jahren in Brand geraten war. Da waren Menschen, die in dieser Kirche getauft, konfirmiert, getraut worden waren. Nicht wenige von ihnen hatten Tränen in den Augen, einige weinten offen, als wir das letzte Mal die Kirchentür schlossen. Sie alle hätten die Kirche lieber erhalten und einige wohnen heute darin, denn sie wurde zu einem Wohnhaus umgebaut.

Kirchen sind mehr als bloße Konstrukte aus Holz und Stein. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass direkt nach Bekanntwerden der Brandkatastrophe von Notre-Dame Menschen bereit waren zu spenden, um die Kirche wieder aufzubauen, um sie zu erhalten. Das hat aber nichts damit zu tun, dass diese Menschen unmenschlich sind und für die „hungernden Kinder in Afrika“ nicht spenden würden. Vielleicht haben sie es längst getan und wir wissen es nicht. Denn das eine schließt das andere nicht aus. Es sind einfach unterschiedliche Beweggründe, die die Menschen zum spenden animieren. Außerdem rufen aktuelle Ereignisse und Dinge, zu denen man eine sehr persönliche Verbindung hat, immer mehr spontane Hilfe hervor als Dinge, an die man sich längst gewöhnt hat. Der Tsunamie mit seinen verheerenden Auswirkungen hat übrigens auch sofort die Hilfsbereitschaft von Millionen an Menschen aktiviert und da ging es nicht um „tote Steine“. Die langfristigen Hungerkatastrophen, z.B. die, die gerade in Mozambique droht, brauchen genauso viel Unterstützung wie aktuelle Ereignisse. Die Menschen dort dürfen nicht vergessen werden. Aber ihr Leid gegen das anderer Menschen, das sicher ganz anders geartet und nicht miteinander zu vergleichen ist, aufzuwiegen, kann nicht der Weg sein. Es ist genug Geld vorhanden, um beide Notlagen zu unterstützen. Davon bin ich überzeugt.

Statt also gegen die zu hetzen, die gerade für den Wiederaufbau spenden, wäre es angebrachter, die Hunger- und Naturkatastrophen im Bewusstsein der Menschen zu halten, damit auch dort weiterhin geholfen werden kann. Vielleicht ist es möglich, sich selbst dafür einzusetzen, selbst für diese Zwecke zu spenden. Oder auch am eigenen Verhalten etwas zu ändern, denn dieses Leid resultiert leider viel zu oft aus dem Leben der Industrienationen auf Kosten anderer. Aber es bringt nichts, das Leid der einen gegen das der anderen aufzuwiegen. Letztendlich entscheidet jeder und jede selbst, für was sie oder er sich einsetzen mag. Hauptsache ist, man engagiert sich überhaupt irgendwo. Damit wäre schon vielen in dieser Welt geholfen.

Wo bist du aktiv? Für was setzt du dich ein?

Ein Jahr…

Ein Jahr PastriXs MittwochsGedanken liegt hinter mir. Ein Jahr ein Bild und ein kurzer Gedanke am Mittwoch Morgen. Ein Jahr immer wieder etwas Neues finden und formulieren.

Entstanden sind die MittwochsGedanken, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, der Blog braucht auch eine spirituelle Dimension. Etwas, was noch einmal in anderer Form dazu anregt nachzudenken, Gott im Alltag zu finden. Dabei stand für mich gleich fest, dass das kein regelmäßiger Blogbeitrag sein könnte. Kurz, prägnant, in einer kleinen Pause lesbar und unterwegs verfügbar sollte es sein. Ich dachte darüber nach, was ich gerne hätte, was in meinen Alltag passen würde. Immer dabei ist das Handy und damit ein Nachrichtendienst. Wenn es pingt, dann weiß ich, es ist etwas für mich angekommen, denn diesen Benachrichtigungston hat nur dieser Nachrichtendienst. Dann ist es keine Werbung, keine andere Social Media App mit mehr oder weniger wichtigen Informationen. Dann ist es wirklich für mich. Da wollte ich hin mit meinen Gedanken. So waren PastriXs MittwochsGedanken geboren.

Seit einem Jahr gibt es Menschen, die sie lesen. Dem Medium geschuldet kenne ich die meisten nicht. Klar, ein paar Freunde und Verwandte lesen mit. Aber von den meisten kenne ich nur die Telefonnummer, mit der sie sich angemeldet haben. Wenn ich dann irgendwo mit Menschen über Gott und die Welt rede, frage ich mich manchmal: „Bekommt er oder sie vielleicht die MittwochsGedanken?“ Manchmal verrät sich jemand, indem sie von einem der Bilder erzählt. Manchmal sagt auch jemand zu mir: „Ich lese ja Mittwoch von dir.“ Dann bin ich oft überrascht und manchmal auch perplex und oft leider nicht spontan genug zu fragen, was eigentlich an den MittwochsGedanken gefällt und was nicht und was vielleicht anders sein könnte. Aber ich freue mich, dass jemand auf die Gedanken wartet und sie anscheinend gerne liest. So ist es mir übrigens letzte Woche gerade wieder ergangen. Dann hoffe und bete ich, dass Gott durch die nächsten MittwochsGedanken wieder wirkt. Und ich fange an zu überlegen, welches Bild es wohl werden könnte und was ich dazu schreiben möchte.

Doch am Ende werde ich mir wieder dessen bewusst, dass ich mir zwar lange Gedanken über meine Worte machen kann. Der, der durch sie wirkt, aber ist ein anderer. Und über ihn kann ich nicht verfügen und das ist gut so. So bleibt immer die Chance, dass er auch durch die holprigen, weniger gut gewählten Worte Großartiges wirken kann. Gott sei Dank!

Wie ist es bei dir? Hast du schon mal erlebt, dass Gott durch dich gewirkt hat, auch wenn du von deinem Reden und Tun gar nicht begeistert warst? Oder wo hast du ein solches Wirken schon einmal bei anderen erlebt?

PS: PastriXs MittwochsGedanken freuen sich immer über neue Leser. Melde dich doch einfach an. Wie? Das erfährst du am Ende der Seite in der mobilen Version oder in der rechten Spalte der Desktop-Version.

Gemeinsame Erwartungen

Ich stehe auf dem Ölberg in Jerusalem. Ich genieße den Ausblick. Ich sehe den Tempelberg. Vor mir liegt das sogenannte Goldene Tor. Es ist schon lange zugemauert. Zwischen mir und dem Tor zum Tempelberg liegen tausende Gräber. Ich kann sie nicht zählen. Sie liegen vor mir. Die weißen Steine leuchten in der Sonne. Erst bei genauerem Hinsehen sind Unterschiede zu erkennen.

Zu meinen Füßen den Ölberg hinab abertausende jüdische Gräber. Hier begraben zu sein, ist für viele Juden das höchste Ziel am Ende ihres Lebens. Wenn der Tag kommt, da der Messias erscheinen und nach Jerusalem hineinziehen wird, dann, so glauben sie, wird er über diesen Berg gehen und die Toten auferwecken. Dem Propheten Ezechiel entsprechend erwarten die Juden eine leibliche Auferstehung, so dass diese Gräber bis in Ewigkeit hier ihren Ort haben werden. Und dann, am Ende der Zeiten, werden sie die ersten sein, die zusammen mit dem Messias in die heilige Stadt Jerusalem einziehen.

Mein Blick wandert durch das Tal den Berg zum Goldenen Tor hinauf. Wieder Gräber. Diesmal muslimische. Auch sie erwarten eine Auferstehung. Mohammed ist der letzte Prophet. Doch vor ihm waren andere, u.a. Isa ibn Maryam (Jesus), der nicht am Kreuz starb, sondern entrückt wurde. Er wird wieder kommen am Tag vor dem Tag der Auferstehung. Er ist der Gesandte, der Messias. Nach ihm werden alle Menschen auferstehen.

Ein Stück die Stadtmauer entlang ein christlicher Friedhof. Einige Gräber sind schon sehr alt, erzählen von Menschen, die unter besonderen Umständen hierher gekommen sind. Nicht alle sind hier in diesem Land gestorben, doch sie wünschten sich, hier begraben zu werden. Auch sie erwarteten eine Wiederkehr des Messias. Nicht unbedingt hier in Jerusalem. Vielleicht erscheint er zuerst an einem ganz anderen Ort oder überall zugleich. Aber er wird kommen und sein Reich mit himmlischen Frieden aufrichten.

Ich stehe auf dem Ölberg und lasse meinen Blick schweifen. Ich denke darüber nach, dass die Erwartungen eines kommenden Reiches vielleicht doch gar nicht so weit auseinander liegen. Vielleicht wären sie es, über die wir miteinander reden könnten, um uns besser kennenzulernen. Das Gemeinsame zu entdecken, statt immer und immer wieder die Unterschiede zu betonen, ist keine Gleichmacherei, kein Hinwegbügeln von Trennendem. Aber es kann die Türen öffnen, um aufeinander zuzugehen und Respekt füreinander zu entwickeln.

Doch dann dauert es nicht lange und ich denke, „warum soll das zwischen den drei „Abrahamsreligionen“ klappen, wenn wir das schon mit unseren christlichen Schwestern und Brüdern anderer Konfessionen und Denominationen schon nicht hinbekommen“. Deshalb lasst uns doch erstmal die Gemeinsamkeiten erkennen und betonen, bevor wir die Unterschiede diskutieren. Einen Versuch ist es wert!

Alles auf Neuanfang?

Noch völlig leer liegt es vor mir. Nur die Ferientermine stehen schon drin. Sie werden viele der Termine bestimmen, die irgendwann auf diesem Blatt stehen werden. Aber noch ist es leer und in mir schwingt die Frage, ob ich mit diesem Blatt nicht einfach alles auf Neuanfang setzen kann.

Manchmal ist dieser Wunsch plötzlich da. Dann, wenn im vergangenen Jahr etwas nicht gut gelaufen ist. Dann, wenn Erfahrungen zu schmerzhaft waren. Dann, wenn etwas das Gefühl von Versagen, Nicht-gut-genug-Sein oder auch Schuld hinterlassen hat. Einfach noch einmal neu anfangen können, nicht an altem bemessen werden. Nicht mit den alten Erfahrungen im Gepäck losgehen, die vieles unmöglich scheinen lassen. Ich denke, dass deshalb viele Menschen Sprüche wie „Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat’s gemacht.“ so gerne lesen, hören, teilen.

Natürlich weiß ich, dass das tatsächlich nicht geht. Mindestens unsere eigenen Erfahrungen, Gedanken, Gefühle haben wir immer dabei, selbst wenn das Umfeld neu und unbekannt ist und von all dem Vergangenen nichts weiß. Ich will auch gar nicht alles hinter mir lassen. Neben den weniger schönen Dingen ist da auch so viel Gutes, das mich trägt, aus dem ich schöpfen kann und sei es nur die Erinnerung an einen schönen Moment, die mir Kraft gibt für das Weitergehen.

Nach zwei Jahren Fresh Expressions in Theorie und Praxis ist das Nachdenken über den Neuanfang rund um diesen Jahreswechsel besonders laut. Die ersten Formate haben wir in meinem Projekt schon wieder aufgegeben. Einige neue Ideen hängen in der Luft. Gleichzeitig gibt es ein großes Gefühl von Abhängigkeit von Unveränderbarem und Dankbarkeit für das Getragenwerden durch Etabliertes. Und doch wünschte ich mir manchmal den Knopf, mit dem in der Kirche alles auf Neuanfang gesetzt werden könnte. Wie gerne würde ich beobachten wollen, wie sich dann alles entwickeln würde. Glaube, Gottesdienst, Gemeinschaft, Gemeinde, Institution. Würde es anders, besser werden? Ehrlich? Ich denke nicht. Wir bleiben Menschen mit all unseren menschlichen Grenzen. Perfekt kann nur einer. Der aber sagt: „Seid getrost, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Darauf vertraue ich, wenn ich manchmal gerne alles auf Neuanfang setzen würde und es doch nicht kann, sondern mit den Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen im Gepäck meine Wege weiterziehe.

Und dann füllt sich binnen Minuten das leere Kalenderblatt vor mir mit Terminen, die im alten Kalender nur darauf gewartet haben, im neuen endlich zur Geltung zu kommen. Ich hoffe, dass das auch für die Kirche gilt, dass Dinge, die im alten warten, im neuen endlich zur Geltung kommen. Was das sein wird? Es wird sich zeigen…

Berührt

Totensonntag oder Ewigkeitssonntag – oft stolpere ich in diesen Tag einfach hinein. In den Tagen davor ist so viel anderes los. So viel will schon für die Adventszeit, Weihnachten, sogar das neue Jahr bedacht werden.

Und dann ist er plötzlich da. Manchmal, wenn ich keinen Gottesdienst habe, merke ich es erst gegen Mittag oder Abend. Die Gräber der Menschen, die mir fehlen, sind weit weg. Dort fahre ich an diesem Tag selten hin, um Blumen abzulegen und Kerzen anzuzünden. Dann rauscht dieser Tag an mir vorüber. Dann lese und sehe ich zwar in den sozialen Medien Bilder und Texte zum Tag. Doch es sind nicht meine Toten, für die diese Kerzen brennen. Es bewegt mich, ich fühle mit, doch es wirft mich nicht aus der Bahn.

Bis heute morgen war es in diesem Jahr nicht anders. Das Wochenende habe ich mit tollen Menschen in einem Ferienhaus an der See verbracht. Wir haben gelacht, gelebt. Der Tod war zwar Thema, aber nicht so, dass er uns tief getroffen hätte. Heute morgen im Zug aber trifft er mich tief. Wie immer lese ich in den sozialen Medien. Bei Twitter erreicht mich die Nachricht, dass gestern Abend ein Mensch gestorben ist, den ich eigentlich gar nicht kannte. Doch ich bin ihr gefolgt. Seit einigen Wochen schon. Ich war eine von vielen und sie hat uns mitgenommen auf die Intensivstation, ins Hospiz und in ihre Gedanken. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht morgens schon geschaut hätte, ob sie gewittert hat. Es war so unglaublich berührend, wie sie in wenigen Worten zum Ausdruck brachte, was sie bewegt, berührt. Bis zuletzt waren da Träume, Wünsche, Hoffnungen. Ich spürte aber auch ihre Traurigkeit, vielleicht auch Verzweiflung. Und ich hatte Angst vor dem Moment, da irgendjemand schreiben würde, dass sie den letzten Weg gegangen ist.

Gestern Abend ist es geschehen, am Abend des Ewigkeitssonntags, der in diesem Jahr mehr an mir vorbei rauschte als alles andere. Heute morgen im Zug las ich die Nachricht. Ihr Bruder hat sie geschrieben. In ihrem Namen. Sie traf mich tief. Die Tränen flossen und ich schämte mich ihrer nicht. Nur für wenige Wochen gehörten die Worte dieser jungen Frau zu meinem Leben. Aber sie werden immer einen Nachhall in meinem Leben haben. Sie haben mich berührt. Immer und immer wieder. Ich bin unendlich dankbar dafür.

In der Bahn lese ich noch einmal ihre Worte und die Tweets der vielen Menschen, die sie berührt hat wie mich. Immer mehr schreiben von ihrer Trauer über ihren Tod, wünschen der Familie Kraft und Segen. Ich schreibe diese Worte, um meine Trauer in Worte zu fassen, sie zu fassen zu bekommen. Dabei habe ich die junge Frau gar nicht persönlich gekannt, nur ihre Worte im Netz.

Heute morgen ist es für mich kaum greifbarer als in ihrem Leben und Sterben und der Anteilnahme der vielen anderen, was Netzgemeinde bedeutet. Dass sie nicht anonym, künstlich ist. Sie ist zutiefst menschlich. Sie hat mich berührt. Spuren in meinem Leben hinterlassen. Mir bleibt nur ein Wort: Danke!

Gedanken zum Gedenktag

Heute ist der 9. November. Schon seit der Schule bewegt mich dieser Tag. Näher gebracht hat ihn mir mein Geschichtslehrer, der übrigens auch an diesem Tag Geburtstag hat. Aus der Ferne gratuliere ich ihm in Gedanken. Vielleicht konnte er deshalb mit soviel Leidenschaft, mit soviel menschlicher Nähe von den Ereignissen dieses Tages berichten. Egal, ob es das Ende des Ersten Weltkriegs war, die Reichsprogromnacht oder der Fall der Mauer, den wir alle gerade erst miterlebt hatten. Mein Geschichtslehrer nannte nicht einfach die Daten und Fakten. Er erzählte die Geschichten von Menschen an diesen Tagen. Das brachte mir und meinen Mitschülern diese Ereignisse um soviel näher als die Buchstaben in unseren Geschichtsbüchern. Die Synagoge unserer Heimatstadt entging z.B. nur deshalb der totalen Zerstörung, da der Brandmeister vor Ort Angst um sein eigenes Haus hatte, das in der Nähe stand. In einer Fachwerkstatt brennt eben alles ein wenig schneller.

In diesem Jahr verbringe ich den 9. November in den Mauern der Altstadt von Jerusalem. Es ist ein Freitag. Die Sicherheitsvorkehrungen sind höher als in den letzten Tagen. Es sind spürbar mehr Soldaten und Polizisten in der Stadt. Die Straßen zum Tempelberg sind voller als gestern oder vorgestern. Das liegt nicht nur an den Touristen in der Stadt, die heute schon früh unterwegs sind, denn das Wetter ist nach erstem Herbstregen wieder gut. Es sind vor allem Gläubige in den Straßen. Sie hasten die David Street hinunter oder gehen durchs Damaskustor in die Stadt. Kurz vor dem Tempelberg teilen sich die Gruppen, die eben noch dicht beieinander gingen. Die einen gehen rechts Richtung Sicherheitskontrollen, um an die Westmauer zu gelangen. Die anderen gehen links, um durch einen der sechs Eingänge auf den Berg zu gelangen, die nur Muslimen vorbehalten sind. Von einer Aussichtsplattform dem heiligen Berg gegenüber beobachte ich das Treiben. Während unten jüdische Männer und Frauen an der Mauer beten und Touristengruppen davor stehen und sie beobachten, schallt im Hintergrund das Gebet der Muslime über die Stadt. Man sieht sie nicht, aber es müssen viele sein. Der Tempelberg ist freitags und samstags für alle Nicht-Muslime geschlossen.

Und dann ist da in diesem Treiben noch die eine Gruppe, die diesen Menschenströmen entgegengeht. Besonders freitags ziehen gläubige Christen mit mannshohen Kreuzen durch die Stadt. Sie vollziehen den Kreuzweg Jesu nach und dieser folgt so gar nicht den Wegen der gläubigen Muslime und Juden. Dieser Weg führt vom Tempel weg; immer wieder die Wege der Juden und Muslime kreuzend wird es eng in den Straßen der Stadt. Während Muslime und Juden am und auf dem Tempelberg beten, tragen die Kreuze den Gesang der Gläubigen in die Straßen der Stadt. immer wieder gegen den Strom, weg vom Allerheiligsten. Schon damals trieb man Jesus hinaus aus der Stadt, weg von dem, was heilig war, in die Abgründe, die tiefsten Tiefen der Menschen.

Ich schaue dem Treiben zu und lasse mich selbst durch die Straßen der Altstadt treiben. In Gedanken bin ich beim 9. November, dem Tag, der so oft zwischen totaler Zerstörung, Angst, Gewalt, Hoffnung, Freude und Frieden schillert. Egal ob man heute des Kriegsendes vor einhundert Jahren, der Novemberpogrome vor 80 Jahren oder dem Fall der Mauer vor 29 Jahren gedenkt. Keines dieser Daten ist mehr ohne die anderen denkbar. Wer der Ermordung der Juden gedenkt, muss auch von der Hoffnung reden, die 1989 aufkeimte, von den Veränderungen im Land und der Erkenntnis, dass gerade in diesen Tagen wieder unglaubliche Dinge gegen Juden und Muslime und Menschen anderer Herkunft verbreitet werden. Wer das Ende des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren feiert, muss auch daran erinnern, dass Frieden äußerst zerbrechlich ist, und schon zwanzig Jahre später wieder aufgekündigt wurde. Es gibt nicht nur die eine oder die andere Seite, es gibt nicht nur schwarz und weiß, die Guten und die Bösen.

Hier in Jerusalem bewegen mich diese Gedanken noch einmal mehr als zuhause. Wie oft reden wir davon, dass wir Christen zu den Menschen in die Straßen gehen, ihnen zuhören wollen. Vielleicht wollen wir sogar Gedanken des Friedens in die Straßen dieser und vieler anderer Städte bringen. Zumindest höre ich Christen oft davon reden. Und manchmal hinterlassen ihre Prozessionen durch die Straßen der Stadt, die innig betenden Menschen auch diesen Eindruck bei mir. Ich spüre, sie beeindrucken mich, wenn sie in ärmsten Kirchen und Kapellen singen und beten. Hoffnung keimt ihn mir auf. Liegt hierin die Kraft, die Welt zu verändern? Doch dann komme ich in die Grabeskirche, werde in der Schlange vor dem Grab geschubst und gestoßen und aus der Grabkammer rüde wieder herausgezerrt, weil ein Aufpasser meint, ich dürfe mich dort nicht zu lange aufhalten. Nur Minuten später erlebe ich, wie Priester und Mönche verschiedener Denominationen sich anschreien und beschimpfen, sogar mit Kerzenleuchtern nach einander schlagen. Nein, auch hier gibt es viel grau und schwarz.

Am Frieden müssen wir eben alle zusammen jeden Tag neu hart arbeiten, egal welcher Religion und Denomination wir angehören. Frieden gibt es nicht geschenkt, nicht auf dem Silbertablett serviert. Frieden ist kein Automatismus, wenn man nur den richtigen Knopf drückt oder den richtigen Glauben hat. Frieden muss immer wieder neu gewagt werden. Das fängt schon im Kleinen in unserer Nachbarschaft an. Insofern hoffe ich, dass Tage wie dieser helfen, uns daran immer und immer wieder zu erinnern und nicht aufzugeben. „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jer 29,11)

Ein neuer Streit?

Heute ist Reformationstag, in vielen Bundesländern seit diesem Jahr ein neuer gesetzlicher Feiertag. Gleichzeitig breitet sich das Feiern von Halloween an diesem Tag immer weiter aus. In zahlreichen Zeitungen und Beiträgen in den Sozialen Medien sind Statements dazu zu lesen, was man an diesem Tag zu feiern. Viele von ihnen wirken unnachgiebig, radikal. Ein Streit, der sich durch Nachbarschaften zieht, scheint vorprogrammiert. Leidtragende werden wohl vor allem die Kinder sein. Dürfen sie zu Halloween verkleidet von Haus zu Haus ziehen oder feiert ihre Familie den Reformationstag mit einem Gottesdienstbesuch? Ich frage mich: Geht nicht auch beides? Wie ich auf diese Frage komme, will ich erklären.

In der Gegend, aus der ich komme, bin ich mit einem Brauch aufgewachsen, der nannte sich „Matten Herrn“. Am Abend des 10. Novembers zogen wir Kinder verkleidet von Haus zu Haus, sangen Lieder und sammelten damit Süßigkeiten ein. Wer nicht öffnete, musste damit rechnen, dass wir manchmal minutenlang Sturm klingelten. Dieser Brauch ist alt und hat weit vor der Reformation seine ersten Ursprünge. Traditionell war der 10. November der Tag, an dem die Adligen und Bauern ihre Landarbeiter in den Winter verließen. Daher zogen ihre Kinder am Abend dieses Tages mit Laternen von Haus zu Haus, um Gaben zu erbetteln, die ihren Familien halfen, den Winter zu überstehen. Später wandelte sich der Brauch dahin, dass es immer mehr symbolische Gaben wurden, die die Kinder erhielten. Auch die Deutung hin auf Martin Luther, dessen Geburtstag der 10. November war, kam hinzu. Zum dreihundertsten Reformationsjubiläums wurde festgelegt, dass von nun an in Abgrenzung zum Martinssingen der katholischen Kirche am 11. November, Martin Luther am Vorabend, also am 10. November, als Lichtfreund und Glaubensmann gefeiert wurde. Auch hier schien ein ewiger Streit vorprogrammiert.

Doch was machten wir Kinder daraus? Wir zogen am 10. November von Haus zu Haus, verkleidet, mit Laternen, auf denen durchaus auch Sankt Martin beim Teilen des Mantels zu sehen war. Wir sangen Lieder, die gar keinen religiösen Bezug hatten, sondern das Schenken der Süßigkeiten zum Inhalt. Wir sangen aber auch von Martin Luther und Sankt Martin. Meistens hing es davon ab, welche Lieder wir am besten konnten und auf welche wir schon keine Lust mehr hatten, da wir sie bereits zu oft gesungen hatten. An diesem Abend zählte nicht, ob wir evangelisch oder katholisch waren. Entscheidend war, wo es die besten Süßigkeiten gab. Und doch hat sich bei mir durch die Beschäftigung mit diesem Tag, das Warten, wann wir endlich wieder los durften, es endlich dunkel genug sein würde, sowohl der Geburtstag Martin Luthers als auch die Erzählung von Sankt Martin eingebrannt.

So frage ich mich, ob das nicht auch im Streit zwischen Reformationstag und Halloween möglich ist? Können wir nicht am Tag gemeinsam von der Reformation hören, die unsere westliche Welt vor fünfhundert Jahren so einschneidend verändert hat, und am Abend den Vorabend von Allerheiligen gemeinsam begehen, denn der Verstorbenen gedenken wir doch alle, ob es nun besonders heilige Menschen oder unsere nächsten Verwandten waren. Ja, ich weiß auch um die Herleitung aus heidnischen keltischen Bräuchen. Doch die meisten unserer Feiertage sind terminlich mit solchen vorchristlichen Festen verbunden. Prominentestes Beispiel ist das Weihnachtsfest.

Während der einzelnen Feiern werden die historischen Hintergründe selten Thema sein, doch wenn die Feiern helfen, sich in der Vorbereitung darauf mit den Anlässen zu beschäftigen, so wie ich es damals mit Martin Luther und Sankt Martin anlässlich Matten Herrns tat, so kann es doch nur helfen, in christlicher Verbundenheit gemeinsam die jeweiligen Feste zu begehen.

Auch wenn Reformationstag und Halloween mittlerweile prominenter sind, so gibt es den Brauch von Matten Herrn noch heute. In diesem Jahr dürfen meine Kinder das erste Mal bei den Großeltern diesen Tag begehen. Und ich hoffe, dass auch sie beides lernen: den Geburtstag Martin Luthers und die Erzählung von Sankt Martin. Die Lieder üben sie schon fleißig.

 

Ach ja: auch im letzten Jahr bewegte mich die Frage von Reformationstag und Halloween schon. Wenn du noch einmal nachlesen willst, findest du den Beitrag hier: http://kirchgezeiten.de/zwischen-geist-und-geistern

Sprachverwirrung

Gestern war ich beim Generalkonvent unseres Sprengels. Das Gebiet der Landeskirche ist in Regionen aufgeteilt und einmal im Jahr treffen sich alle Pastorinnen und Pastoren einer Region (Sprengel) zum Austausch.

Unter dem Thema „Gottesdienst und Sprache“ stand unser Treffen in diesem Jahr. Der Bischof predigte über die Poesie der Psalmen und vom Asyl der Poesie im Gottesdienst. Christian Lehnert, Theologe und Poet und Referent an diesem Morgen, bezeichnete sich im Anschluss daher als Asylantragsteller, bevor er über die Grenzen der Sprache referierte. Ein Gedanke seiner Ausführungen hat sich bei mir festgesetzt. Noch heute morgen denke ich darüber nach.

Lehnert sprach von der Doppelklick-Kommunikation, die in unserer Gesellschaft derzeit vorherrschend sei. Demnach ist jedes Wort der Code für einen Fakt der Wirklichkeit nach dem Schema „Tisch – Doppelkick – auf dem Bildschirm erscheint ein Tisch“. In dieser Form sind die Menschen gewohnt zu kommunizieren. Entsprechend nehmen sie ihre Umwelt und ihr Leben wahr. Bei dem Wort „Gott“ aber ist das anders. Gott – Doppelkick – leerer Bildschirm. Es gibt für Gott keinen Gegenstand, kein festes Bild, das nach dem Doppelkick auf dem Bildschirm erscheinen könne. Entsprechend brauche es eine andere Sprache, um von ihm zu reden: z. B. die Poesie.

Das ist nur sehr verkürzt das, was Christian Lehnert zur Doppelklick-Kommunikation ausführte. Mir schwirrt dabei durch den Kopf, dass der leere Bildschirm, der sich bei „Gott“ zeigt, sich doch auch bei anderen Worten zeigen muss. „Liebe“ ist so eines oder auch „Vertrauen“ und natürlich auch deren Gegenstücke. Auch „Seele“ sei noch genannt. Es sind die Dinge jenseits der stofflichen Welt, die Gefühle, die Werte, die uns ausmachen und prägen. Bei allen bliebe nach dem Doppelkick höchstens ein Bild, eine Metapher, um sie zu beschreiben.

Genau da liegt wohl die Herausforderung, vor der wir stehen. Wenn die dominierende Form der Kommunikation eine Doppelklick-Kommunikation ist, dann braucht es funktionierende Bilder und Metaphern, um über die nichtstofflichen Dinge, Gefühle, Werte, Glaube zu reden. Das schlimmste, was dann nach dem Doppelkick geschehen könnte, wäre, dass der Bildschirm leer bleibt. Nach meinem Eindruck geschieht das gerade in Bezug auf Gott und Glaube aber zunehmend. Während Menschen mit „Liebe“ z. B. immer noch Bilder oder Metaphern verbinden, die relevant für sie sind, die sie ansprechen, ist das für Gott immer seltener der Fall.

Was daraus folgt? Ich meine, es ist dringend Zeit, an der Kommunikation des Glaubens zu arbeiten. Welche Sprache, welche Bilder und Metaphern sind für die Menschen relevant. Welche sprechen sie an? Die tradierten Bilder von der Burg, vom Schutz und Schild, vom Hirten werden von vielen noch verstanden. Das ist wohl wahr. Aber dennoch fühlen sich immer mehr nicht davon angesprochen. Da hilft auch zahlreiches Erklären nichts. Was also sind die Bilder, die Metaphern, die Sprache, die heute relevant ist und trägt? Ist es die Poesie, ein gutes Storytelling? Was ist deine Antwort?

Aber halt: so einfach ist das nicht. Auch wenn man sich für eine Antwort entschieden hat, wenn man seine Sprache gefunden hat, mag sie für den nächsten schon nicht mehr treffend sein. Denn die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass die Gesellschaft immer komplexer wird. Der Kanon der funktionierenden Bilder und Metaphern weicht sich auf. Entsprechend muss auch die Zahl der Möglichkeiten immer größer werden. Wenn Christen also relevant von Gott reden wollen, dann werden sie es nicht in der einen Sprache tun können. Dann werden sie sich je mit ihrem Gegenüber auf die Suche nach der in diesem Gespräch passenden Metaphorik begeben müssen. Das ist die eigentliche Herausforderung im Reden von Gott und Glaube. Am besten geht das aber im Hören auf und im Wahrnehmen des Gegenübers. Erst dann kann relevant gesprochen werden.

Vom Tisch aufstehen

Erzähle ich davon, welche Stelle ich gerade inne habe, und berichte ich dann noch von meinem Traum vom Aufbruch in der Kirche, denken viele, ich würde die etablierten Kirchengemeinden nicht wert schätzen. Einige meinen sogar, ihre Traditionen vor mir verteidigen zu müssen. Dabei bin ich ganz und gar ein Kind dieser Kirche. Bin unzählige Male im Kindergottesdienst gewesen, war mit acht oder neun auf meiner ersten Kinderfreizeit und danach mindestens einmal im Jahr wieder. Ich habe in der Kantorei Bach und Mozart gesungen und im Gospelchor „O happy day“. Ehrlich gesagt liebe ich auch die gesungene Liturgie.

Und doch habe ich diesen Traum von einer Kirche, in der es lebendig zugeht, in der zusammen gesungen und gelacht, aber auch gemeinsam geweint und getrauert wird. Ich träume von der einen Kirche, in der sich so unterschiedliche Menschen wohl fühlen wie es sie auf Gottes schönem Erdboden gibt. Eine Kirche, in der Bach neben Gospel, House neben Punk möglich ist und rund um die Uhr Türen und Fenster offen stehen. Vor allem aber träume ich von einer Kirche, in der Jesus Christus im Zentrum steht und sein Evangelium das Maß aller Dinge ist.

Dabei ist es völlig egal, ob dies eine katholische, evangelische, traditionelle oder freie Gemeinde ist. Ich bin sogar davon überzeugt, dass wir alle diese Gemeinden brauchen. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Ja, ich höre gerne mal Punk und brauche nicht unbedingt das klassische Repertoire im Gottesdienst. Aber meine Nachbarin liebt es und geht genau deshalb gerne in ihren Gottesdienst. Ich suche derweil noch nach meiner Form. Aber ich genieße es, wenn mir die Nachbarin mit strahlenden Augen davon berichtet, wieviel ihr der Gottesdienst gegeben hat, danke Gott dafür!

Das gilt nicht nur für die Gottesdienste. Auch andere Veranstaltungen dürfen gerne die ganze Bandbreite von traditionell bis modern, hip, angesagt abdecken. Auch das ist notwendig. So erlebte ich in der vergangenen Woche, wie die katholische Gemeinde im Urlaubsort durch die Unterstützung vieler Ehrenamtlicher 12 Wochen Programm für Urlauber und Einheimische auf die Beine stellt. Von der Messe am Sonntag Morgen bis zur Klangmeditation, von der Teestube bis zum Bastelangebot für Kinder reicht das Angebot. Dabei knüpften meine Kinder dann Freundschaftsbänder wie ich vor fast dreißig Jahren und es lag das gleiche Anleitungsbuch wie damals auf dem Tisch. Auch das Chaosspiel zwei Tage zuvor habe ich schon vor 15 Jahren mit Konfirmanden gespielt. Aber an den leuchtenden Kinderaugen und dem Spaß, den sie haben, hat sich nichts geändert. Da brauchte es gar nicht irgendwelche Hightech-Angebote.

Eines aber unterschied die Jugendlichen, die dort erklärten, wie es geht, von einigen anderen Menschen, die ich schon in Kirchengemeinden erlebt habe. Sie gingen unglaublich offen auf alle Kinder zu, die kamen – egal ob sie sie kannten oder nicht. Sie bildeten keine in sich geschlossene Runde, sondern jeder konnte sich an ihrem Tisch gleich wohlfühlen. Und sie erzählten begeistert von den anderen Angeboten der Woche, luden dazu ein und machten deutlich, dass es nicht schlimm ist, wenn man sich nicht auskennt. Sie nahmen die Kinder einfach an die Hand. So wollten meine Kinder unbedingt immer wieder hin und haben sich gleich für das nächste Jahr wieder angemeldet – übrigens auch für die Gute-Nacht-Geschichte der evangelischen Gemeinde, denn dort wurden wir ebenso herzlich begrüßt.

Mein Fazit nach diesen Urlaubstagen: es ist egal, wie traditionell oder modern das Angebot ist. Für alles gibt es eine Zielgruppe und die Kirche braucht die große Bandbreite, um das Evangelium möglichst weit bekannt zu machen. Entscheidend aber ist die Haltung, mit der die Kirche den Menschen begegnet. Solange wir nur mit den alten Bekannten am Tisch sitzen und zwar von unserer angeblichen Offenheit reden, aber keinen Platz am Tisch mehr frei haben und für die dazukommenden nicht zusammenrücken oder noch besser aufstehen, bleibt mein Traum von Kirche nur ein Traum.

So danke ich Gott und den katholischen Geschwistern für diese Urlaubserfahrung und hoffe, dass in der Kirche möglichst viele aufstehen, um andere willkommen zu heißen.

Hast du in den letzten Wochen vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht? Dann teile sie doch mit uns in den Kommentaren.

Gottesdienst ist Sonntag

Liturgischer Wildwuchs, schlecht vorbereitete Predigten und individuelle Pastorinnen und Pastoren, die sich mehr an der Kandare reißen könnten – Stichworte aus einem Interview des Deutschlandfunks mit Prof. Dorothea Wendebourg. Sie erhitzen die Gemüter. Auch ich habe mich darüber geärgert, nicht unbedingt über den Inhalt, sondern eher über so manche Formulierung, bei der ich mich frage, warum man so plakativ über andere in der Öffentlichkeit reden muss.

Dabei fand ich den ersten Teil des Interviews über die Spielarten und Folgen der Reformation sehr erhellend. Da habe auch ich, gerade mit Blick auf die verschiedenen Spielarten der Reformation – oder sagen wir jetzt Reformationen? – noch einiges gelernt. Doch es folgt ein zweiter Teil eingeleitet durch die Frage nach den Herausforderungen für die protestantischen Kirchen hierzulande und Frau Prof. Wendebourg fordert zum einen mehr Lebendigkeit und zugleich mehr Disziplin. Dabei verweist sie in Sachen Lebendigkeit auf charismatische und freikirchliche Bewegungen, die bewusst auf die persönliche Frömmigkeit setzen, den institutionellen Überbau und auch die starke Akademisierung nicht wollen. Bezüglich der Disziplin verweist sie auf den Gedanken der einen Kirche, was der geforderten Lebendigkeit zunächst nicht widerspricht, führt nach einer Nachfrage dann aber aus, dass es ihres Erachtens zuviel Wildwuchs in den Gottesdiensten gibt. Das will für mich nicht so recht zusammen passen. Gerade die von ihr genannten Bewegungen zeichnen sich ja durchaus durch verschiedenste Gottesdienstformen aus, durch freie Gebete, die nicht im Vorhinein wohl formuliert worden sind. Gerade dadurch entsteht meines Erachtens der Eindruck der Lebendigkeit. Zugleich führt die Disziplin in den Gottesdiensten, die frei von liturgischem Wildwuchs ist, wohl zu einem in allen Kirchen und Gemeinden einheitlichen Gottesdienst, der sicher eine nennenswerte Zahl an Menschen anspricht, mindestens ebenso viele aber auch nicht. Denn bei diesen Überlegungen nicht bedacht ist die immer größer werdende Komplexität der Gesellschaft, die nicht mehr eine einheitliche, homogene Zielgruppe darstellt, die sich durch den einen Gottesdienst ansprechen lässt und dort Relevanz für den Alltag erfährt.

Über all diese Punkte könnte ich diskutieren, was mich aber wirklich geärgert hat, war die plakative Formulierung: „Man hat doch viel Wildwuchs in Gottesdiensten, liturgischen Wildwuchs, Gebetsformulierungen, schlecht vorbereitete Predigten und dergleichen mehr. Da, denke ich, könnten individuelle Pastoren und Pastorinnen schon sich etwas mehr an der Kandare reißen. Das erfordert erstens Arbeit und zweitens auch eine gewisse Selbstkritik…“ So plakativ geäußert kommt das meines Erachtens einer Unterstellung vielen Kollegen gegenüber gleich, dass sie faul sind, sich in ihre Gottesdienste nicht investieren und einfach so daher plappern. Wenig später spricht Frau Prof. Wendebourg noch von fehlender Motivation und noch etwas später hebt sie den Berliner Dom als leuchtendes Beispiel hervor, wo nicht „gebastelt“ wird, „und so verschiedene. Aber sonst in der Breite… ja“ … da wird gebastelt. Ich frage mich, liegt dieses Urteil daran, dass sie selbst im Dom predigt, oder dass sie in der Breite schon lange keine Gottesdienste mehr besucht hat, dass sie selbst schon lange keine Gemeinde mehr geleitet hat? In meinen Ohren klingt ein solches Urteil vernichtend gegenüber den vielen guten Gottesdiensten, die ich in allen Teilen des Landes schon erlebt habe, die mich berührt haben, die auch am Montag morgen noch relevant waren. Und es klingt vernichtend mit Blick auf die Arbeit, die guten Gedanken, das Engagement vieler Pastorinnen und Pastoren in unserem Land. Sicher, nicht immer gelingt alles. Es gibt auch Gottesdienste, die sind eher aus Verzweiflung gehalten als aus Motivation heraus gefeiert. Aber das berechtigt meines Erachtens nicht zu einem solch pauschalen Urteil in der Öffentlichkeit, auch wenn das, wie die Aufnahme in den Medien zeigt, sehr öffentlichkeitswirksam ist.

Ein letzter Gedanke zum Schluss: Auch wenn Frau Prof. Wendebourg es nicht explizit äußert, so entsteht während des Interviews doch der Eindruck als wünsche sie sich den klassischen liturgischen Gottesdienst am Sonntag morgen, bei dem die Gläubigen in den klassischen Kirchenbänken sitzen und staunend mindestens eine Stunde zuhören. Doch wer sagt, dass das die einzige Form von Gottesdienst ist. Die ersten Christen, übrigens wahrscheinlich eine charismatisch bewegte Gruppierung, traf sich in Privathäusern, aß und trank zusammen und feierte während des Essens das Abendmahl. Dem Tagesablauf entsprechend taten sie dies wohl auch eher am Abend, denn am Sonntag morgen um 10 Uhr. Sie wählten Ort, Zeit und Form ihren Lebensumständen entsprechend. Sollten wir dies nicht auch tun, damit das Evangelium nicht nur am Sonntag morgen gepredigt, sondern am Montag Mittag auch noch gelebt wird? Angesichts der Auffächerung der Gesellschaft in verschiedene Lebensformen und Lebensweisen stünden der protestantischen Kirche dann sicher viele verschiedene Formen von Gottesdienst gut zu Gesicht, die durch das Evangelium miteinander verbunden sind.

So zolle ich den Kolleginnen und Kollegen gegenüber Respekt, die vor Ort in ihren Gemeinden alles daran setzen, vom Reich Gottes ihrem Kontext entsprechend zu reden. Ich freue mich, dort immer wieder auch für mich Neues zu entdecken und möchte Mut machen, genau dies auch in aller Unterschiedlichkeit weiter zu leben. Denn das eine Christentum besteht für mich in der unglaublichen Vielfalt der Menschen und Gottesdienste je an ihrem Ort verbunden durch den Glauben an den dreieinen Gott.