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Kirche in der VUCA-Welt

Im Mai 2019 erschien die Studie Projektion 2060 der Universität Freiburg in Verbindung mit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wir alle kennen die Ergebnisse: die Prognose der Halbierung der Kirchenmitglieder in den nächsten vierzig Jahren. Für viele kamen die Ergebnisse nicht unerwartet, beobachten wir doch seit Jahren steigende Austrittszahlen. Doch statt Häme oder einem „Das sagen wir doch schon lange!“ löste die Veröffentlichung eher eine flächendeckende Bestürzung aus und schaffte es bis in die Tagesschau. In der vergangenen Woche dann die Veröffentlichung der Austrittszahlen des vergangenen Jahres. Die Zahlen zeigen ein exponentielles Wachstum, wie wir es in Zeiten von Corona ständig in anderen Zusammenhängen diskutieren. Nun auch in Sachen Austrittszahlen. Auch wenn Untersuchungen der Gründe für die Austritte ausstehen, zeigen die Zahlen deutlich, dass nicht der demographische Wandel, der vielleicht noch halbwegs durch Taufen abgefangen werden könnte, das größere Problem ist, wie noch vor wenigen Jahren vermutet, sondern die bewusste Abkehr der Menschen von der Institution Kirche. Die Reaktionen auf diese Zahlen reichten in den letzten Tagen von Artikeln, die empfehlen, die Kirche sterben zu lassen, bis hin zu Videoclips, die vom Guten in der Kirche berichten. Zu den Zahlen treten Versuche, die zu benennen, die nicht mehr zur Kirche gehören. Sie reichen von Atheist, Agnostiker über kirchenfern oder kirchendistanziert bis hin zu indifferent oder freundlich desinteressiert. Immer aber schwingt eine Unterscheidung von wir, die Kirchenmitglieder, und die anderen mit. Das alles geschieht in einer Welt, in der sich die Gesellschaft in einem rasanten Wandel befindet. Im Bereich der Organisationsentwicklung wird sie immer wieder als VUCA-Welt bezeichnet. Das Akronym VUCA beschreibt die Rahmenbedingungen, denen Organisationen besonders im Zeitalter der Digitalisierung ausgesetzt sind. Ich finde dieses Akronym ganz passend, da es mehr als die bisher oft zitierte Komplexität umfasst. Votalität (Flüchtigkeit), Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (Mehrdeutigkeit) bestimmen den Alltag und führen dazu, dass Erfahrungswissen immer endlicher wird. Lineares Denken, Ursache-Wirkungsprozesse bieten keine Lösungen mehr an. Stattdessen braucht es immer mehr neue und individuelle Lösungen. Zukunft kann nicht mehr aus bisherigen Erfahrungen abgeleitet werden und ist entsprechend schlecht vorhersagbar.

Daher sind auch die missionarischen Perspektiven, die ich nun beschreiben möchte, Blitzlichter, Gedankensplitter, niemals vollständig und schon gar kein Patentrezept.

Kirche ist Teil der Vuca-Welt, sie lebt und agiert in ihr, steht ihr nicht gegenüber. Wie alle anderen Menschen und Organisationen auch ist sie diesen Rahmenbedingungen ausgesetzt. Deshalb möchte ich noch einmal bei VUCA ansetzen, denn in den Organisationstheorien heißt es, dass der Vuca-Welt mit VUCA begegnet werden muss. Vision, Verstehen, Klarheit und Beweglichkeit sind die entsprechenden Begriffe dieses Akronyms.

Es braucht eine Vision, um der Flüchtigkeit zu begegnen, ein Bild von der wünschenswerten Zukunft, das als Kompass oder Orientierungshilfe dient, das Sinn stiftet und Motivation auslöst. Was ist die Vision der Kirche oder besser ihre Mission? Was ist die Vision der Gemeinden vor Ort, der Menschen in unseren Orten? Gott handelt an und in der gesamten Welt. In diese Bewegung sind wir hineingenommen, sind daran beteiligt. Das entlastet, denn wir müssen die Kirche nicht schaffen oder retten. Das führt zugleich zu einer Haltung der Zugewandtheit zu den Menschen und dem Wunsch nach Kommunikation des Evangeliums. Es gilt: Das teilen, was man liebt. Eine der missionarischen Perspektiven ist daher m.E., den Begriff „Mission“ aus dem Feld der negativen Konnotation zu befreien und in ein ganzheitliches Verständnis zu überführen. Wie George Augustin schreibt, geht es nicht exklusiv um eine Evangelisierung der Nichtchristen, sondern um die Verlebendigung des Glaubens bei allen Menschen. Nicht unterscheiden in wir und die anderen, sondern gemeinsam auf dem Weg sein und damit Identifikation und Wirkungskraft ermöglichen. Denn dort, wo Kirchen und Religionsgemeinschaften es schaffen, den Transzendenzbezug „zurück ins Leben zu holen“, sind sie erfolgreich. So legt es die Untersuchung von Detlef Pollack und Gergely Rosta, Religion in der Moderne, nahe. Diese missionarische Perspektive stellt sich also als eine Frage der Haltung bzw. des Blickwinkels dar. Mission als Wesen des Christseins bzw. Christwerdens. Diese Haltung aber ist nicht auf besondere FreshX-Projekte beschränkt, sondern eröffnet jeder Ortskirchengemeinde eine neue Zuwendung hin zu den Menschen.

In der Zugewandheit zu den Menschen kann der Unsicherheit mit Verstehen begegnet werden. Essentiell für das Verstehen sind Zuhören und Beobachten. Ausgehend von einem systemischen Ansatz sind die Menschen die Experten für ihre jeweilige Situation. Ihnen in einer demütigen und lernenden Haltung zu begegnen, ermöglicht, sie wirklich wahrzunehmen. Was sind ihre Bedürfnisse, was sind ihre Träume? Wie gestaltet sich ihre Welt und ihr Alltag? Die Menschen zu verstehen braucht eine selbstreflexive Haltung. Was sind mein Weltbild, meine Tradition, meine Kultur, die in die Wahrnehmung mit einfließen? Die Wahrnehmung des Kontextes fußt daher auf einer Haltung, die oft mit den Worten von Klaus Hemmerle beschrieben wird: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“ Eine weitere missionarische Perspektive ist daher meines Erachtens das Leben mit den Menschen in ihrem Kontext, in ihrem Alltag außerhalb der Grenzen der Kirchen zu gestalten, sich mit ihnen in einen gegenseitigen Lernprozess zu begeben. FreshX-Projekte, die in besonderen Lebenszusammenhängen oder an besonderen Orten entstehen, gehen mittlerweile oft wie selbstverständlich von einer Sozialraumorientierung aus. Den Kontext außerhalb der eigenen Gemeindegrenzen wahrzunehmen, sich z.B. als Kirche für den Ort zu verstehen, kann auch einer Ortskirchengemeinde neue Perspektiven eröffnen. Die Idee der Gemeinwesendiakonie setzt z.B. bei dieser Perspektive an.

Dabei ist der Komplexität im näheren und weiteren Umfeld durch Klarheit zu begegnen. Klarheit beinhaltet den Austausch von Wissen, die Transparenz in der gegenseitigen Information und Kommunikation und die Fokussierung auf das Ziel bzw. die Vision. Dazu gehört auch, im eigenen Umfeld Netzwerke aufzubauen und in Netzwerken zu handeln, da Netzwerke der Reduktion von Komplexität dienen. Um in Netzwerken handeln zu können, braucht es sich selbst organisierende Teams, die von Vertrauen gekennzeichnet sind. Netzwerke agieren außerdem zunehmend im digitalen Raum. Unter dem Gesichtspunkt der missionarischen Perspektive bedeutet dies, dass Kirche vor Ort sich zum einen fokussiert z.B. unter Aspekten der Zielgruppenorientierung oder besonderer örtlicher Gegebenheiten. Zum anderen kooperiert sie im Sinne eines gemeinsamen Interesses, der Mission, und im gegenseitigen Vertrauen mit anderen Partnern vor Ort und zunehmend auch überörtlich. (Ökumene der Sendung). Gemeinsam die Kommunikation des Evangeliums verfolgen, indem unterschiedliche Netzwerkpartner ihre Fähigkeiten und Kompetenzen einbringen.

Dabei treffen in den unterschiedlichsten Zusammenhängen unterschiedlichste Wertesysteme und Wahrnehmungen aufeinander. „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“ Dinge werden unterschiedlich gedeutet. Diese Mehrdeutigkeit bedeutet auch ein Mehr an Auswahl. Jeder*r kann heute nahezu alles zu jeder Zeit an jedem Ort machen, lesen, lernen. Dieser Ambiguität ist mit Beweglichkeit zu begegnen. Beweglichkeit meint die Schaffung und Akzeptanz von Perspektivvielfalt, die agile Reaktion auf Veränderungen, die Förderung von Innovation. Da die Organisation Kirche und damit auch die Ortskirchengemeinden in der Regel in vielfältige Verpflichtungen und Aufgaben eingebunden sind, ergibt sich aus der Beweglichkeit die missionarische Perspektive von FreshX-Projekten oder besser Erprobungsräumen als Orte, in denen individuell und situativ im Sinne eines trial an error ausprobiert werden kann, in denen eine hohe Fehlertoleranz und ein hohes Maß an Selbstorganisation herrscht. Hier geht es um Innovation, um ein thinking out oft he box. Jeder dieser Räume ist ganz Kirche, wenn auch nicht die ganze Kirche. Gemeinsam mit den Ortskirchengemeinden, diakonischen Einrichtungen und anderen Formen gemeindlichen Lebens sind sie Kirche und ermöglichen so, unterschiedliche Formen geistlichen Lebens und ekklesiale Vielfalt zu leben. Der Individualisierung und Subjektivierung der Gesellschaft entspricht die Entwicklung immer neuer individueller Ansätze vor Ort. Dabei können solche FreshX-Projekte sich eigenständig gründen oder im Zusammenhang einer Ortskirchengemeinde ihr Wirken entfalten. Vielleicht werden sie sogar einmal selbst zu einer Kirchengemeinde an einem neuen Ort oder befruchten die Ortskirchengemeinden mit ihren Innovationen.

Diese Perspektiven zeigen, dass das Schnittfeld von FreshX-Projekten und Ortskirchengemeinden groß ist, sie sich nicht in Konkurrenz oder einer Wertung von Altem und Neuem gegenüber stehen. Gemeinsam wirken sie mit an der Missio Dei. Vor diesem Hintergrund möchte ich noch einmal auf meine Beobachtungen vom Anfang zurückkommen. Die Projektion 2060 oder auch die aktuellen Austrittszahlen haben im Sinne der Ambiguität unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Deutlich ist, dass sich Kirche verändern wird. Sie wird sicher auch kleiner werden. Doch zeigen die missionarischen Perspektiven, dass sich auch hier gilt: „Flatten the churve“. So führte Fabian Peters bei einer Präsentation der Projektion 2060 aus: Würde es den Kirchen gelingen, die Tauf- und Aufnahmebereitschaft um zehn Prozent zu erhöhen und gleichzeitig die Austritte um zehn Prozent  zu verringern, dann würde sich die vorausberechnete Zahl der Kirchenmitglieder in allen Landeskirchen und Bistümern  für das Jahr 2060 um zwei Millionen Menschen erhöhen. Konkret auf eine einzelne Gemeinde mit etwa zweitausend Mitgliedern bezogen hieße das: Der Gemeinde müsste es gelingen, in zwei Jahren drei bis vier Austritte zu verhindern und drei zusätzliche Menschen zu taufen. Kein unmögliches Szenario oder?

Was Kirche mit der Automobilindustrie zu tun hat…

Was Kirche mit der Automobilindustrie zu tun hat? Eigentlich erstmal gar nichts, oder? Tatsächlich gibt es da erstmal keine festen Zusammenhänge. Doch sehe ich in vielen Erfahrungen, Trends und Entwicklungen des sozialen und wirtschaftlichen Umfelds von Kirche Chancen, von denen Kirche lernen kann und manchmal auch sollte. Doch das gilt nicht generell. Manchmal ist besser, gerade nicht vom Umfeld zu lernen. Oder sollte sie besser nicht von den Gigaplayern lernen, sondern von kleinen Unternehmen? Oder einfach alles anders machen? Am Wochenende habe ich mal wieder darüber und damit verbunden auch über die Automobilindustrie nachgedacht. Dabei sind die nachfolgenden Zeilen ausdrücklich keine Werbung, auch wenn Firmennamen genannt werden. Es geht mir allein um die Handlungsprinzipien.

Nun aber zurück zu der Frage, was Kirche mit der Automobilindustrie zu tun hat. Wie gesagt, erstmal nichts. Doch dann bin ich auf einen Artikel im Handelsblatt gestoßen. Den könnt ihr übrigens hier nachlesen. Da beschreibt der „Gründer“ Frank Thelen in einem Gastkommentar, was die Zukunft der Automobilindustrie sein könnte, wenn sie nicht endlich die Zeichen der Zeit erkennt. Im Vergleich mit dem Elektroautohersteller Tesla prophezeit er bekannten Marken wie Audi, BMW und wie sie alle heißen, den Untergang in der Bedeutungslosigkeit. Anlass ist übrigens, dass das amerikanische Unternehmen erstmals an der Börse höher dotiert ist als der wertvollste deutsche Autobauer. Thelen nennt als Gründe z.B. den progressiven Blick in die Zukunft oder die Risikobereitschaft zu investieren und dabei auch erstmal Verluste einzufahren. Eine agile Produktion und die Zusammenarbeit in Teams, die nach dem First-Principle-Prinzip arbeiten sowie ein Marketing, das auf Mund-zu-Mund-Propaganda und persönlichen Empfehlungen von Kund:innen basiert, sind weitere Gründe. Um das Ganze noch zu betonen ist ein Bild beigefügt, auf dem ein Elektroauto einen Ölwechsel fordert, da es mit der Software klassischer Verbrennungsautos arbeitet.

Wenn ich das lese, fühle ich mich dann doch an Kirche erinnert. Wobei es nicht um Marktwert und finanzielle Fakten geht. Nein, es sind eher die Prinzipien, die auf der einen oder anderen Seite vertreten werden. Die leuchtende Ölstandsanzeige im Elektroauto ist da ein Symbolbild. Es wird auf Dauer zum Scheitern verurteilt sein, wenn altes, manchmal auch bewährtes, nur an einigen Stellen modifiziert wird, um neuen Herausforderungen zu begegnen. Es gibt an vielen Orten in unserer Kirchenlandschaft Gottesdienste, die modern aufgewertet und dennoch nicht mehr besucht werden. Ein neuer Antrieb im alten Autoformat hinterlässt erstmal den Anschein neuer Entwicklungen, doch auf Dauer zeigt die Ölstandsanzeige, dass diese Form der Entwicklung Grenzen hat. Das Problem benennen, in Grundbausteine zerlegen, überlegen, was möglich ist, ohne darauf zurückzugreifen, wie es bisher gemacht wurde, das Risiko von Fehlversuchen eingehen und dennoch darin investieren, ist aussichtsreicher. Für unsere Gottesdienste heißt das z. B., die „altbewährte“ Zeit am Sonntag Morgen nicht als gesetzt zu betrachten, auch wenn das viel Aufregung verursacht, wie der Versuch einer Gemeinde in Oldenburg zeigt, der es bis auf die Titelseiten großer überregionaler Zeitungen geschafft hat. Das Problem braucht evtl. eine andere Lösung wie Treffen am Samstag Abend. In einer Zeit, in der Filmsequenzen immer kürzer werden und Lernen nur noch wenig frontal stattfindet, ist das Format des agendarischen Gottesdienstes mit langen, von vorne agierenden Sequenzen vielleicht auch nicht mehr die Lösung – vielleicht leuchtet dann auch hier bald die Ölstandsanzeige auf, obwohl es gar kein Öl mehr braucht. Die Liste dieser Beispiele ließe sich übrigens durchaus noch weiterausführen.

Und dann hat Kirche eben doch etwas mit der Automobilindustrie zu tun und sollte diesmal nicht von ihr lernen. Die Probleme erkennen, in Grundbausteine zerlegen, überlegen, was möglich ist und dabei nicht nur die Gegenwart im Blick haben, sondern die Zukunft gleich mitdenken, das ist die Herausforderung, vor der Kirche gerade steht. Aber hier braucht es Mut. Mut, einfach mal zu machen, zu investieren, auch wenn am Ende vielleicht ein Scheitern steht. Doch auch daraus kann man lernen, wie der automatisierte Zusammenbau bei Tesla zeigt. Mittlerweile gibt es auch hier Lösungen. Genau deshalb wünsche ich der Kirche Mut und die Bereitschaft auch in Fehler zu investieren…

 

Wertvolle Zeit!

Einmal in der Woche sitze ich im Café. Ein Bilderrahmen erzählt davon, dass ich Pastorin bin. Viele wissen mittlerweile, dass ich hier sitze, gleich an der Tür, am ersten Tisch. Mindestens ein Lächeln und ein „Guten Morgen“ bekommt jede*r von mir geschenkt. Manchmal ergibt sich dann mehr…

Auch heute bin ich wieder hier. Draußen ist es grau, nasskalt, ungemütlich. Heute ist das Café gut besucht. Das war in den letzten Wochen nicht immer so. Zwei neue Cafés bzw. Bäckereien mit Kaffeeangebot haben in der Nähe eröffnet. Jetzt gehen die Kunden erstmal dort schauen. Aber heute ist es nicht so. Vielleicht liegt es am Wetter, denke ich. Vielleicht ist es heute zu nass, zu kalt, um den weiteren Weg zu fahren oder zu laufen. Oder liegt es an der Jahreszeit, dass die Menschen das Bedürfnis haben, sich mit anderen auf einen Kaffee zu treffen, dass sie nicht allein sein wollen, dass sie das Gefühl von Nähe brauchen? Ich ahne, dass es in den nächsten Wochen, im Advent ähnlich sein könnte.

Ich habe heute kein Gespräch. Niemand hat sich an meinen Tisch gesetzt. Die, die heute hier sind, sind nicht allein gekommen. Mindestens zu zweit sitzen sie an den Tischen um mich herum. Da ist die Mutter, die mit ihrem Sohn, der heute nicht in den Kindergarten muss, frühstückt. Sie erzählen und lachen und teilen ihr Rührei und zwischendurch rufen sie Papa an, um ihm zu erzählen, wo sie sind. Einen Tisch weiter, zwei junge Frauen. Eine ist schwanger. Sie beraten, wie die Sorge um die älter werdenden Eltern zu tragen ist. Wie wichtig ihnen die Familie ist. Noch ein paar Tische weiter drei junge Leute aus der nahegelegenen Weiterbildungseinrichtung. Sie haben gerade Pause. Die geplante Party am Wochenende braucht noch etwas Vorbereitung.

Ich habe kein Gespräch. Und doch höre ich zu, denn so manches lässt sich hier angesichts der allgemeinen Lautstärke nicht überhören. Ist das hier Arbeit? Oder sollte ich besser etwas „Sinnvolleres“ tun? Ich bin es schon oft gefragt worden. Meine Antwort? Hier werde ich einen Vormittag lang beschenkt mit Einblicken in das, was die Menschen in meinem Stadtteil bewegt. Mit einem Lächeln von denen, die auf mein Lächeln reagieren. Mit der Gewissheit, dass die Menschen hier Gottes geliebte Kinder sind. Und immer wieder darf ich etwas davon zurück geben. Dann, wenn die Mitarbeiter*innen mir ihr Herz ausschütten, weil gerade nicht soviel los ist im Café. Dann, wenn sich die junge Mutter an meinen Tisch setzt und fragt, „wie Taufe geht.“ Dann, wenn eine Frau beim Hereinkommen sagt: „Sie ist wieder da. Jetzt geht die Sonne auf!“ oder der ältere Herr, der hier immer seine Zeitung liest, nach meinem Urlaub zu mir sagt: „Na, dann sind wir ja jetzt wieder komplett.“

Vielleicht müssen wir „von Kirche“ gar nicht immer verkündigen und mit Angeboten den Menschen dienen. Vielleicht dürfen wir auch einfach nur mal da sein und uns beschenken lassen und ein klein wenig davon zurück geben. Hier mitten unter den Menschen ein Gespür dafür bekommen, was außerhalb unserer kirchlichen Mauern und Blasen die Menschen bewegt, sie erfreut oder einfach nur Spaß macht. Und diese Eindrücke mitnehmen und mit ihnen im Gepäck vielleicht die Predigt für den Heiligabend schreiben und sie dadurch relevant für die Menschen werden lassen.

Ich lasse mich hier gerne beschenken und ja, ein paar Gedanken für Heiligabend habe ich auch schon gesammelt…

Elf Freunde sollt ihr sein…

…ein Satz, der uns aus dem Fußball bekannt ist, der sich seinen Weg in viele weitere Bereiche gebahnt hat. Dahinter steht der Wunsch nach Gemeinschaft, denn, so ist die Überzeugung, in einer Gemeinschaft lässt sich fast alles erreichen. Aber Gemeinschaft lässt sich nicht erzwingen. Niemand kann dazu verpflichtet werden, zumindest nicht so, dass die Gemeinschaft dann auch funktioniert.

Vor eineinhalb Jahren startete ich in die Pionierweiterbildung. Schon in der Ausschreibung stand etwas von Weggemeinschaft. Vielleicht nicht für immer, aber für diesen Weg, die gemeinsame Zeit der Weiterbildung bestand der Wunsch Gemeinschaft zu werden, zu sein, zu leben. Aber lässt sich das erzwingen?

Ich habe mich auf das Abenteuer eingelassen. Am ersten Tag war ich ziemlich aufgeregt. Ich weiß es noch wie heute. Welche Menschen werde ich kennenlernen. Können wir eineinhalb Jahre Weiterbildung gemeinsam aushalten oder werden wir alle froh sein, wenn der letzte Tag gekommen ist. Wie wird der Umgang mit dem Leitungsteam sein, dass sich ja diese Weggemeinschaft schon per Ausschreibung wünschte. Gedanken, die unablässig in meinem Kopf kreisten.

Die ersten Tage der Weiterbildung bestanden aus dem gegenseitigen vorsichtigen Abtasten. Wo kommen die anderen her, was machen sie, was denken sie und wie sind sie so drauf? Und dann gab es die ersten Momente, in denen wir einfach nur herzhaft zusammen gelacht haben, gemeinsam im Wald gefühlt oder in Berlin gefeiert haben. Momente, in denen wir zusammen gesungen, geschwiegen, gebetet haben. Jedes Mal, wenn wir uns trafen – manchmal lagen Monate dazwischen – war es mehr wie nach Hause kommen. Dabei waren wir so unglaublich verschieden. Katholisch oder evangelisch, Landeskirche oder Freikirche, Hauptamtlich oder gar nicht bei Kirche engagiert, jung oder schon etwas älter, aus dem Norden oder dem Süden und manche auch so ganz anders als man selbst. Aus diesen Menschen sollte eine Gemeinschaft werden?

Sie entstand in einer Form, in der ich es bisher selten erlebt habe. Ich kann nur ahnen, warum es gelang. Wir alle haben uns auf dieses Abenteuer eingelassen, waren offen dafür, neue, ganz andere Menschen kennenzulernen und sich mit ihnen auf den Weg zu machen. Auch wenn es für den einen oder die andere eine ganz schöne Herausforderung war. Was uns dazu bewegte? Wir hatten ein gemeinsames Anliegen, etwas, das uns alle bewegt. Wir alle leben in einer Beziehung mit Gott, in sehr lebendigen, sehr unterschiedlich gestalteten Beziehungen. Aber wir alle wünschen uns, dass auch andere Menschen das Geschenk dieser Beziehung erfahren dürfen. An der missio dei wollen wir mitwirken.

Das trug uns, ließ uns zusammen kommen und Gespräche bis tief in die Nacht führen. Im Glauben an diesen Gott begleiteten wir einander, nahmen Anteil am Leben der anderen, feierten neues Leben und trauerten um die, die den Kurs nicht beenden konnten. Wie sehr diese Gemeinschaft gewachsen ist, zeigte sich in den letzten zweieinhalb Tagen, die persönlich, intensiv und segensreich waren. Noch einmal klangen tiefe persönliche Erfahrungen an, noch einmal schenkten wir einander Einblick in unser Leben. Als Abschiedsgeschenk an jeden einzelnen von uns. Wir beteten füreinander und sprachen uns Segen zu. Mein Gedanke auf der Heimfahrt: das ist Kirche, Kirche wie Menschen sie brauchen, wie ich sie leben möchte, wie Gott sie ins Leben gerufen hat.

Deshalb sind diese Worte nicht nur ein Liebeslied auf Gott, der uns diese Gemeinschaft schenkte, sondern auch auf die Weggefährten dieser Weiterbildung. Lasst diese Kirche an je euren Orten spürbar und sichtbar werden.

Gartenzwerggedanken

Ich hab den Gartenzwerg in London gefunden. Auch wenn er schon etwas in die Jahre gekommen ist, steht er in der Nähe des Columbia Road Flower Markets doch goldrichtig. Wenn ich hier so durch die Straßen wandere, denke ich viel über Kultur und Tradition nach. Da musste das Bild vom Gartenzwerg einfach mit, ist er doch oft ein Symbol für eine bestimmte Kultur in Deutschland. Hier stand er in einem angesagten Hinterhof mit Mode, Kunst und Coffeeshop. Wie gegensätzlich das doch ist…

Und dann laufe ich an alten, fast baufälligen Kirchen vorbei und mir schallt fröhliche Musik entgegen und an der Tür werde ich freundlich eingeladen hineinzukommen. Dabei kommen mir Gedanken an Kirchen in Deutschland, gut ausgestattet, sehr gut gepflegt, aufgeräumt und der Begrüßungsdienst gut geschult. Aber das Leben fehlt.

Selbstverständlich weiß ich, dass diese Beschreibung klischeehaft ist, dass es auch in Deutschland und England andere Kirchen und Gemeinden gibt. Aber es erinnert mich an einen Satz, den ich vor ca. zehn Jahren einmal in England gehört habe: „In Deutschland sind eure Kirchen noch zu reich. Es besteht gar keine Notwendigkeit, dass ihr handelt und über andere Wege nachdenkt.“ In diesen Worten und in den Begegnungen in England und in Deutschland liegen für mich alte Weisheiten und Mutmachendes dicht beieinander. Zum einen bringen gut sanierte und gepflegte Kirchen nicht mehr Menschen in die Kirche, auch wenn ich mich freue, dass Kirchen und Gemeinden diese Arbeit noch immer leisten können. Zum anderen zeigt es, dass auch ohne viel Geld Großartiges entstehen und wachsen kann. Auch in Zeiten sinkender Finanzen können Gemeinden wachsen oder sogar entstehen. Das ist so ein bisschen wie mit dem Gartenzwerg. Er zählt nicht zu den schönsten, ist nicht gerade groß und doch mehr oder weniger weltberühmt, was mit der Liebe und Hingabe einiger Menschen an dieses Gartenaccessoire zu tun hat.

Liebe und Hingabe – es ist die Haltung, die etwas verändert. Sicher, innovative Projekte und Veranstaltungen rufen sehr viel Aufmerksamkeit hervor. So manch eine*r mag dabei denken: „So kreativ oder innovativ bin ich nicht!“ Doch das ist nicht das Entscheidende. Es ist die Haltung gegenüber den Menschen. Was sie auszeichnet? Liebe und Hingabe zu Christus und den Menschen. Bereitschaft, das Leben der Menschen mit ihnen zu teilen, von ihnen zu lernen. Offenheit, zu entdecken, wo Gott längst bei den Menschen am Werk ist. Manchmal möchte ich es einfach mit einem Satz zusammen fassen: geht mit offenen Augen und mit Liebe im Herzen durch die Welt!

Lerne gehen, nicht laufen

Diesen Satz bekommt ein junger amerikanischer Pastor mit auf den Weg, als er im schottischen Hochland seinen Dienst antritt. Goldspeed heißt der Kurzfilm, in dem er und einige seiner Wegbegleiter von den Erfahrungen berichten, die er nach diesem Auftrag macht. Was heißt es zu gehen statt zu laufen? Was heißt das besonders in einer Welt, in der scheinbar alles auf maximale Geschwindigkeit ausgerichtet ist? Die Menschen in der Einsamkeit Schottlands lehren es ihn, dort, wo jeder Hof einen Namen hat und jeder die Geschichte des anderen kennt.

Es geht um Beziehungen und Begegnungen. Ein Büro hat der Pastor nicht. Dafür ist er auf der Straße unterwegs. Dort lernt er gehen, nicht laufen. Gehen, bei dem man wahrnimmt, gehen, bei dem man nicht auf ein bestimmtes Ziel drauf losläuft. Gehen, das zunächst einmal zweckfrei ist. Durch den Blick eines Schotten, der viel in der Natur unterwegs ist, lernt er die Wege zu begreifen, die Jesus ging. Anhand einer Landkarte in der Bibel und den Erfahrungen in Schottland werden Entfernungen und Geschwindigkeit begreifbar. Gottes Geschwindigkeit (godspeed) sind nicht die 6 km/h, mit denen wir zielstrebig auf etwas zulaufen. Es sind 3 km/h, die den Blick auf die Umgebung ermöglichen. Gehen, nicht laufen eben.

Auf diese Weise lernt der Pastor die Menschen und ihre Geschichten kennen. Er lernt ihre Sprache und Bilder und kann ihnen so vom Evangelium erzählen. Es entsteht eine Gemeinschaft, die sich nicht auf den Sonntagmorgen begrenzt, sondern alltagstauglich ist.

Doch was im schottischen Hochland so gut funktionierte, ist in der hektischen Welt der amerikanischen Stadt schon schwieriger. Dort geht niemand zu Fuß und klopft einfach an fremde Türen. Dort kennt nicht jeder die Geschichte des anderen. Dort ist eine Nachbarschaft nicht unbedingt eine Gemeinschaft. Das muss der Pastor erfahren, als er nach Jahren in seine Heimat zurückkehrt. Und doch sprechen auch dort die Menschen von ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft und gesehen werden. Deshalb will es der Pastor versuchen. Will auch dort gehen statt laufen.

Eine halbe Stunde Dokumentarfilm, die auch für die Kirchen in Deutschland eine Botschaft hat. Alltagstauglich sein, die Menschen und ihre Geschichten kennen, in Beziehungen oder Gemeinschaft mit ihnen leben sind meines Erachtens auch bei uns die Momente, in denen das Evangelium lebendig werden kann. Also lernt gehen, nicht laufen!

Übrigens: das englische Wort godspeed ist auch ein Segenswunsch, der einen positiven Ausgang der Vorhaben wünscht, besonders zu Beginn einer langen und gefährlichen Reise. In diesem Sinne wünsche ich der Kirche und euch: godspeed!

PS: Wer den Film selbst sehen möchte, findet ihn hier: godspeed

Weihnachten – aber wie?!

„Was macht ihr denn Weihnachten?“ In diesen Tagen begegnet mir diese Frage mehrfach am Tag. Für immer mehr meiner Gesprächspartner gehört der Gottesdienstbesuch nicht mehr selbstverständlich zum Festtagsprogramm dazu. Liegt es an einer schwindenden Frömmigkeit oder was sind die Gründe?

Heute morgen hatte ich in dem Café, in dem ich einmal die Woche sitze, mal wieder so ein Gespräch. Eigentlich ging es um betriebliche Weihnachtsfeiern und was dazugehört. Während eine Wichteln toll findet, empfindet die andere es als zusätzlichen Stress. Ich meinte scherzhaft, ob sie schon mal von Weihnachtscrashern gehört habe. Nach einer Diskussion darüber, ob man etwas crashen darf oder nicht, erzählte ich, dass ich manchmal den Impuls habe, traditionelle Weihnachtsgottesdienste zu crashen. Mein Motiv? Der geilste Geburtstag der Welt hat doch eigentlich die coolste Party der Welt verdient, oder? Mit diesem Satz hatte ich etwas ausgelöst. Sofort sprudelte es aus einer heraus: „Ja, so richtig fetzig mit Gospel und so!“ Eine andere meinte: „Und was zu trinken gibt’s auch!“ Und eine dritte sagte: „Wenn du das machst, dann komme ich auch.“

Es ist wohl nicht nur die nachlassende Frömmigkeit, die immer mehr Menschen Weihnachten ohne Gottesdienstbesuch feiern lässt. Auch unsere traditionellen, oft sehr besinnlichen und ernsten Formate an den Festtagen sind längst nicht mehr für jede und jeden passend. Ich frage mich, wie viele Menschen vielleicht nur noch in den Gottesdiensten an Heiligabend sitzen, weil sie die Familie nicht enttäuschen wollen oder sich einer Tradition verpflichtet fühlen, mit deren Form sie nichts mehr anzufangen wissen.

Ich erlebe, dass gerade zu Weihnachten Menschen noch über Kirche nachdenken – mehr als zu anderen Zeiten des Jahres. Müsste die Kirche dann nicht auch in dieser Zeit noch mehr über die Menschen in ihrer Nachbarschaft nachdenken und sie zumindest fragen, wie sie den Geburtstag desjenigen feiern wollen, der mit jedem einzelnen von ihnen feiern will? Stattdessen feiern wir ungefragt nach Abläufen und mit Liedern, die zahlreiche Menschen nicht mehr nachvollziehen oder singen können, die gerne mit uns den Geburtstag Jesu feiern würden.

Es täte unserer Gottesdienstlandschaft gut, neben den besinnlichen und traditionellen Angeboten mit den Menschen danach zu suchen und zu fragen, wie sie den geilsten Geburtstag der Welt feiern wollen. Weihnachten- aber wie? Ich habe mir vorgenommen, diese Frage im nächsten Jahr zu stellen und Weihnachten mit den Menschen so zu feiern, wie sie es sich vorstellen. Mein ganz persönliches Weihnachtsgeschenk für dieses Jahr habe ich dafür heute gleich mitbekommen. Eine fragte zum Abschluss unseres Gesprächs: „Wo bist du denn Heiligabend in der Kirche?“ Ich sagte ihr wo und sagte auch, dass es ein traditioneller Gottesdienst sei. „Aber du bist nicht so ernst, sondern ganz locker. Und deshalb komme ich vielleicht. Eigentlich gehen wir ja nicht in die Kirche.“ Das ist Weihnachten für mich – aber wie!

Schenkt uns Freiraum!

Pionierwochenende in Essen – wir verbringen einen Tag im Unperfekthaus. Letzten Freitag in Stade – ein Abend zur Zukunft der Kirche. Im Gespräch dabei ein Mitbegründer des CFK-Valleys, der in Europa führenden Forschungseinrichtung für Faserverbundstoffe. Warum ich beide Tage in Verbindung miteinander bringe? Immer wieder fällt das Wort „Freiraum“.

Das Unperfekthaus steht in der Innenstadt von Essen und ist unbedingt einen Besuch wert. Schon von außen fällt es aus dem Rahmen und innen drin erst recht. Wer den Eintritt bezahlt hat und vielleicht auch noch eines der Essensangebote dazu gewählt hat, betritt eine andere Welt. Überall im Haus sitzen und arbeiten Menschen, die einen kreativ mit den Händen. Maler, Bildhauer, Künstler würde man sie wohl nennen. Doch die anderen sind es nicht weniger. Im Tonstudio, am Computer oder mit vielen an einem Tisch um einen großen Plan versammelt, entstehen hier ebenso kreative Ideen und Vorhaben. Der Gründer des Hauses, Reinhard Wiesemann, nennt das Haus ein Künstlerdorf und berichtet davon, was ihn bewegt hat, dieses Haus zu gründen. Er will Menschen Raum geben, in dem sie in den Grenzen der Legalität aber ohne Konventionen und Vorgaben denken, kreativ werden und arbeiten können. Nur in dieser Freiheit entstünden Dinge, die wie heute noch gar nicht erahnen könnten. Um diese neuen Ideen und ihre Urheber mit wirtschaftlich potenten Menschen in Kontakt zu bringen, die bei der Umsetzung helfen können, gibt es seit einiger Zeit ein Luxushotel neben dem Unperfekthaus. Wer hier eincheckt, muss durch das Unperfekthaus eintreten. Dabei soll das Haus die bestmögliche Atmosphäre dafür schaffen. Neben unterschiedlichsten Ateliers und Arbeitsräumen gibt es „Kuschelecken“ und Gemeinschaftszonen. So lange ein Raum nicht für ein Aufgeld gebucht worden ist, kann jeder in die Treffen und Veranstaltungen zu jeder Zeit hinein schauen. Zu jeder Zeit steht ein Buffet zur Stärkung bereit und die Getränkeautomaten scheinen niemals leer zu sein. Das Unperfekthaus ist eine eigene Welt, die größtmöglichen Freiraum zur Entwicklung neuer Ideen bieten will.

Nur wer Freiraum hat, kann Neues entdecken, so beschrieb auch Thomas Friedrichs vom CFK-Valley das Anliegen dieser Forschungseinrichtung. Unter bestmöglichen Voraussetzungen soll jungen Wissenschaftlern die Möglichkeit geboten werden, ihre Ideen auszuprobieren. Nur dann seien neue Entwicklungen möglich – und wer weiß, wozu diese einmal dienen werden. Thomas Friedrichs beschrieb das, was ihn antreibt, als Wunsch, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen und daran mitwirken zu dürfen.

Freiraum, um neue Ideen zu entwickeln, unter bestmöglichen Voraussetzungen. Das ist ungefähr der Satz, der sich seit diesen Erfahrungen in mir festgesetzt hat. Ich will ihn auf Kirche hin denken, denn allerorten hören wir doch, dass wir neue Ideen brauchen, damit Kirche Zukunft hat. Wenn das so ist, dann schenkt denen, die kreativ denken und werden wollen, Freiraum! Dieser Wunsch richtet sich an Kirchenleitungen, aber auch an Gemeinden. Aufrechnungen, wofür das Geld und die Personalmittel besser hätten eingesetzt werden können, engen ein und schaffen keinen Freiraum. Das Pochen und Beharren auf Gewohntes schafft keinen Freiraum für neue Ideen, sondern steckt enge Grenzen ab.

Warum nicht Freiräume ermöglichen, in denen erst einmal alles möglich ist, die gut ausgestattet sind und die nicht ständig unter der Beobachtung anderer stehen? Freiräume, in denen Menschen einfach mal kreativ sein können, egal wie verrückt die Ideen auch sind? Freiräume, in denen niemand unter Erwartungsdruck steht, sondern Scheitern oder Misserfolge genauso möglich und anerkannt sind. Ich bin mir sicher, dass das, was dort entsteht, zusammen mit dem schon Vorhandenen unsere Kirchenlandschaft bereichern und viele neue Impulse für alle bringen wird. Ich bin mir auch sicher, dass viele der neuen Ideen sich aus den Erfahrungen und Traditionen der etablierten Kirchen speisen werden. Also habt keine Angst vor dem Neuen, was dort entstehen könnte, sondern schenkt den Neudenkern Freiraum!

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 4

Es ist schon wieder fast drei Wochen her, da brach ich zu einem erneuten Pionierwochenende auf. Diesmal führte es mich nach Essen, der Stadt mitten in Europa (zumindest nach eigenem Bekunden). Auf der Fahrt dorthin dachte ich im Zug viel darüber nach, was uns wohl erwarten würde, was wir sehen und lernen würden. Vor allem aber dachte ich darüber nach, was diese Tage wohl für mein eigenes Vorhaben austragen würden. Dabei schoss es mir durch den Kopf, dass die Hälfte der Weiterbildung schon wieder hinter uns liegt und ich noch lange nicht das Gefühl habe, dass ich in einem Dreivierteljahr, wenn unsere Pionierweiterbildung endet, mit meinem Projekt in einem sicheren Hafen angekommen wäre. Aber vielleicht sind es gar nicht die Dinge, die ich bewusst überlege und wahrnehme, die es wachsen lassen, sondern dass, was währenddessen unbewusst geschieht. Irgendwann wird es einem dann bewusst und man ist überrascht, was sich doch alles getan hat.

So standen an diesem Wochenende auch weniger das bewusste Lernen und Nachdenken im Vordergrund, sondern eher dass, was ich gesehen habe, was mich beeindruckt hat, was seither in mir arbeitet. Das fing schon vor der Weiterbildung an. Ich hatte noch etwas Zeit und landete im Café Church. Der Name zog mich an und wie sollte es anders sein, es war ein Café der Kirche. Neben dem normalen Betrieb eines Restaurants bietet es Jugendlichen und Erwachsenen die Möglichkeit eine Ausbildung im Gastgewerbe zu machen bzw. den Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu finden. Solche Projekte gibt es sicher viele. Mich sprach es einfach an, weil das Styling der Räume, die Atmosphäre zu meinem Lebensstil passten. Es war wirklich ein gemütlicher Platz in der Fensterbank, den ich fand und wo ich mich niederließ. Hätte das Café nicht zu mir gepasst, mich nicht optisch angesprochen, hätte auch die Motivation, die hinter diesem Konzept steht, nicht geholfen, mich als Kunden zu gewinnen. Und dann dachte ich an so manches Gemeindehaus oder auch an Kirchen und andere Einrichtungen der Kirche. Sind sie so gestaltet, dass sie zu den Menschen passen, die hineingehen sollen? Passt die Ästhetik zum Leben der Menschen oder hängen wir, meistens auf Grund mangelnder Finanzen, einer Zeit nach, die mindestens dreißig Jahre vergangen ist? Das Motto „Für die Kirche ist das noch gut genug und ich muss es nicht wegwerfen“ kann meines Erachtens keine Motivation zur Einrichtung und Gestaltung von kirchlichen Gebäuden sein. Auch die Gebäude dienen zur Ehre und zum Lob Gottes. Wenn wir sie nicht entsprechend wahrnehmen und mit Dingen ausstatten, die andere nicht mehr haben wollen, sagt das ja auch schon viel aus.

Entsprechend warf ich die nächsten beiden Tage einen anderen Blick auf die Orte, an denen wir zu Gast waren. CVJM, Unperfekthaus und Raumschiff Ruhr ernteten einen anderen Blick von mir. Wenn man mit einem solchen Blick von außen auf die Räumlichkeiten schaut, wird sehr schnell deutlich, wie die Räume und der Inhalt aufeinander wirken und ob sie stimmig zueinander passen oder sich bewusst entgegenstehen. Letzteres kann ja auch durchaus beabsichtigt sein. Was aber ebenso schnell auffällt ist, wenn Räume lieblos gestaltet sind. Wenn die Einrichtung zwar zweckmäßig ist, aber in dem Raum eigentlich eine positive Lernatmosphäre herrschen soll. Wenn überall Möbel herumstehen, die nicht zusammen passen, die nur zusammengewürfelt sind, aber das Ganze ein junges Publikum ansprechen soll. Das passt nicht. Da können die Kirchen noch so lange an ihren Inhalten feilen. Wenn schon die Äußerlichkeiten auf die anvisierte Zielgruppe abschreckend wirken, werden die Menschen von den Inhalten nichts hören, weil sie gar nicht erst hineingehen.

Deshalb würde ich am liebsten allen Gemeinden und Einrichtungen empfehlen, mal mit Menschen der Zielgruppe durch ihre Räumlichkeiten zu gehen und sie ehrlich sagen zu lassen, wie die Räume aussehen müssten, damit diese Zielgruppe sich dort wohl fühlen würde. Oder ich würde ihnen Mut machen, sich von Menschen der Zielgruppe mal zu sich nach Hause einladen zu lassen, damit sie erleben und erfahren, wie diese Menschen leben. Am besten wäre noch, die Zielgruppe die Räumlichkeiten selbst mitgestalten zu lassen. Dann entsprächen sie wirklich dem, was sie anspricht. Das Ergebnis wären sicher sehr unterschiedlich gestaltete Räumlichkeiten, in denen sich nicht alle Menschen gleich wohl fühlen. Aber in den Gemeindehäusern im Stil der 80er Jahre mit gespendeten Möbeln aus den Haushalten des gesamten Ortes tun das auch nur die wenigsten.

Wie sähen die Räumlichkeiten aus, in denen du Kirche und Glauben leben möchtest. Wie wären sie ausgestattet? Was braucht es unbedingt und was weniger? Und gibt es diesen Raum vielleicht schon irgendwo? Hinterlass mir doch deine Antwort in den Kommentaren.

 

Vom Tisch aufstehen

Erzähle ich davon, welche Stelle ich gerade inne habe, und berichte ich dann noch von meinem Traum vom Aufbruch in der Kirche, denken viele, ich würde die etablierten Kirchengemeinden nicht wert schätzen. Einige meinen sogar, ihre Traditionen vor mir verteidigen zu müssen. Dabei bin ich ganz und gar ein Kind dieser Kirche. Bin unzählige Male im Kindergottesdienst gewesen, war mit acht oder neun auf meiner ersten Kinderfreizeit und danach mindestens einmal im Jahr wieder. Ich habe in der Kantorei Bach und Mozart gesungen und im Gospelchor „O happy day“. Ehrlich gesagt liebe ich auch die gesungene Liturgie.

Und doch habe ich diesen Traum von einer Kirche, in der es lebendig zugeht, in der zusammen gesungen und gelacht, aber auch gemeinsam geweint und getrauert wird. Ich träume von der einen Kirche, in der sich so unterschiedliche Menschen wohl fühlen wie es sie auf Gottes schönem Erdboden gibt. Eine Kirche, in der Bach neben Gospel, House neben Punk möglich ist und rund um die Uhr Türen und Fenster offen stehen. Vor allem aber träume ich von einer Kirche, in der Jesus Christus im Zentrum steht und sein Evangelium das Maß aller Dinge ist.

Dabei ist es völlig egal, ob dies eine katholische, evangelische, traditionelle oder freie Gemeinde ist. Ich bin sogar davon überzeugt, dass wir alle diese Gemeinden brauchen. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Ja, ich höre gerne mal Punk und brauche nicht unbedingt das klassische Repertoire im Gottesdienst. Aber meine Nachbarin liebt es und geht genau deshalb gerne in ihren Gottesdienst. Ich suche derweil noch nach meiner Form. Aber ich genieße es, wenn mir die Nachbarin mit strahlenden Augen davon berichtet, wieviel ihr der Gottesdienst gegeben hat, danke Gott dafür!

Das gilt nicht nur für die Gottesdienste. Auch andere Veranstaltungen dürfen gerne die ganze Bandbreite von traditionell bis modern, hip, angesagt abdecken. Auch das ist notwendig. So erlebte ich in der vergangenen Woche, wie die katholische Gemeinde im Urlaubsort durch die Unterstützung vieler Ehrenamtlicher 12 Wochen Programm für Urlauber und Einheimische auf die Beine stellt. Von der Messe am Sonntag Morgen bis zur Klangmeditation, von der Teestube bis zum Bastelangebot für Kinder reicht das Angebot. Dabei knüpften meine Kinder dann Freundschaftsbänder wie ich vor fast dreißig Jahren und es lag das gleiche Anleitungsbuch wie damals auf dem Tisch. Auch das Chaosspiel zwei Tage zuvor habe ich schon vor 15 Jahren mit Konfirmanden gespielt. Aber an den leuchtenden Kinderaugen und dem Spaß, den sie haben, hat sich nichts geändert. Da brauchte es gar nicht irgendwelche Hightech-Angebote.

Eines aber unterschied die Jugendlichen, die dort erklärten, wie es geht, von einigen anderen Menschen, die ich schon in Kirchengemeinden erlebt habe. Sie gingen unglaublich offen auf alle Kinder zu, die kamen – egal ob sie sie kannten oder nicht. Sie bildeten keine in sich geschlossene Runde, sondern jeder konnte sich an ihrem Tisch gleich wohlfühlen. Und sie erzählten begeistert von den anderen Angeboten der Woche, luden dazu ein und machten deutlich, dass es nicht schlimm ist, wenn man sich nicht auskennt. Sie nahmen die Kinder einfach an die Hand. So wollten meine Kinder unbedingt immer wieder hin und haben sich gleich für das nächste Jahr wieder angemeldet – übrigens auch für die Gute-Nacht-Geschichte der evangelischen Gemeinde, denn dort wurden wir ebenso herzlich begrüßt.

Mein Fazit nach diesen Urlaubstagen: es ist egal, wie traditionell oder modern das Angebot ist. Für alles gibt es eine Zielgruppe und die Kirche braucht die große Bandbreite, um das Evangelium möglichst weit bekannt zu machen. Entscheidend aber ist die Haltung, mit der die Kirche den Menschen begegnet. Solange wir nur mit den alten Bekannten am Tisch sitzen und zwar von unserer angeblichen Offenheit reden, aber keinen Platz am Tisch mehr frei haben und für die dazukommenden nicht zusammenrücken oder noch besser aufstehen, bleibt mein Traum von Kirche nur ein Traum.

So danke ich Gott und den katholischen Geschwistern für diese Urlaubserfahrung und hoffe, dass in der Kirche möglichst viele aufstehen, um andere willkommen zu heißen.

Hast du in den letzten Wochen vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht? Dann teile sie doch mit uns in den Kommentaren.