Kategorie: Blog

Meine liebste Gottesdienstzeit

Zwei Wochen Coronazeit sind um. Coronazeit – so nenne ich die Zeit, seit die Schulen und Kirchen geschlossen sind und wir als Familie plötzlich fast 24 Stunden rund um die Uhr zusammen in unserem Reihenhaus oder Garten verbringen. Dazu zwei Fulltimejobs, die unter den zahlreichen Veranstaltungsabsagen und Dienstreiseverbot leiden und sich im Homeoffice gerade mehr im Krisenmanagement üben als dass sie das Gefühl hätten, produktiv oder kreativ zu sein. Und dann der Druck, doch irgendwie für die Menschen ansprechbar zu sein, nicht in der Nichtwahrnehmung zu verschwinden. Gleichzeitig die Angst der eigenen Kinder, die Sorge um die Familienangehörigen, die schon älter oder auch krank sind. Das war am Anfang einfach nur Stress.

Mittlerweile habe ich das Gefühl, wir sind angekommen. Die Situation hat etwas Normales bekommen. Wir haben unseren Alltag in der Krise gefunden. Dazu gehört für uns, dass das Wochenende, besonders aber der Sonntag etwas Besonderes bleiben sollen, um der Woche Struktur zu geben. Damit nicht jeder Tag ein Mittwoch, sprich gleich ist. Doch wie schafft man das nur, wenn jeder Tag irgendwie gleich anfängt, niemand danach fragt, wann man aufsteht oder welche Termine man hat?

Heute morgen habe ich nach dem Frühstück das Wohn- und Esszimmer geputzt. Okay, das Frühstück war schon besonders. Es war ein Sonntagsfrüstück, so wie wir es immer zelebrieren, mit Ei und Kerzen und selbstgebackenen Brötchen. Aber dann gingen die Kinder in ihr Zimmer und ich habe angefangen zu putzen. Nicht besonders sonntäglich, oder? Während ich den Fußboden wischte, ging mir durch den Kopf, wie es früher bei mir Zuhause am Sonntag war. Es gab immer ein gemeinsames besonderes Frühstück, alle saßen mit am Tisch, egal wann wir manchmal nachts nach Hause gekommen waren. Und danach kochte meine Mutter das Mittagessen, putzte oder arbeitete jedes zweite Wochenende. Entsprechend kochten mein Vater und ich an den anderen Sonntagen oder ich lernte für die Schule oder mein Vater werkelte im Haus. Das Mittagessen am Sonntag gab es pünktlich und dann putzte meine Mutter noch den Küchenfußboden. Erst dann konnte es wirklich Sonntag werden. Der begann dann mit einer Mittagspause und am Nachmittag machten wir etwas Besonderes. Dann ruhte der Garten, der Haushalt, die Schule. Dann war Sonntag. Und am Abend gab es Abendessen im Wohnzimmer.

Heute morgen habe ich nach dem Frühstück das Wohnzimmer geputzt und während ich den Fußboden wischte, kamen die Erinnerungen. Hängen geblieben ist mir, dass mich diese Kindheit geprägt hat. Auch heute noch ist der Sonntagnachmittag die besondere Zeit, in der alles andere ruht und die ich gerne mit meiner Familie verbringe. In diese Zeit gehört auch meine Zeit mit Gott. Damals ging das kaum, denn Gottesdienste waren in der Regel am Sonntagmorgen. Heute aber ist das anders. Heute kann ich mich am Nachmittag aufs Sofa setzen mit dem Tee in der Hand und einen Gottesdienst feiern, den andere vielleicht schon vormittags oder am Vorabend gefeiert haben. Und ich kann mir einen Gottesdienst aussuchen, der zu mir passt, in dem ich mich wohlfühle. Die digitale Kirche und die kreativen Ideen vieler Gemeinden in der Coronazeit machen es möglich. Nur eins können sie nicht ersetzen, den direkten Kontakt, die Nähe zu den anderen Gottesdienstfeiernden. Für mich ist es einfach immer noch etwas anderes, ob ich mit anderen zusammen singe, bete, feiere, die neben mir sitzen, oder ob ich das vor dem Bildschirm tue. Da singe ich übrigens meistens nicht mit, sondern höre den anderen zu.

Irgendwann wird die Coronazeit zuende sein. Irgendwann werden wir in unseren Kirchen wieder Gottesdienst feiern. Dann wird für mich der Sonntagnachmittag immer noch das Besondere am Sonntag sein und am Vormittag wird der Haushalt auf mich warten. Einfach weil ich es so gewohnt bin, weil ich es so mag. Vielleicht nehmen wir als die, die über Kirche und Gottesdienste nachdenken, aus der Coronazeit mit, dass Gottesdienste zu anderen Zeiten, in anderen Gestalten ganz unterschiedlich sein dürfen, dass es eine große Auswahl braucht, damit möglichst viele Menschen ihren Gottesdienst finden. Auch wenn das bedeutet, dass die Besuchszahlen der einzelnen Gottesdienste dann geringer sein werden. Und vielleicht ist dann auch mein Sonntagnachmittag Sofagottesdienst dabei. Dann werde ich mit anderen zusammen am Sonntag Nachmittag auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen. Vor uns werden, Kaffee, Tee und Kuchen stehen und wir werden gemeinsam Gottesdienst feiern, wie wir es noch nie gefeiert haben. Und Gott wird mitten unter uns sein, vielleicht auch mit einer Tasse Kaffee in der Hand…

Was Kirche mit der Automobilindustrie zu tun hat…

Was Kirche mit der Automobilindustrie zu tun hat? Eigentlich erstmal gar nichts, oder? Tatsächlich gibt es da erstmal keine festen Zusammenhänge. Doch sehe ich in vielen Erfahrungen, Trends und Entwicklungen des sozialen und wirtschaftlichen Umfelds von Kirche Chancen, von denen Kirche lernen kann und manchmal auch sollte. Doch das gilt nicht generell. Manchmal ist besser, gerade nicht vom Umfeld zu lernen. Oder sollte sie besser nicht von den Gigaplayern lernen, sondern von kleinen Unternehmen? Oder einfach alles anders machen? Am Wochenende habe ich mal wieder darüber und damit verbunden auch über die Automobilindustrie nachgedacht. Dabei sind die nachfolgenden Zeilen ausdrücklich keine Werbung, auch wenn Firmennamen genannt werden. Es geht mir allein um die Handlungsprinzipien.

Nun aber zurück zu der Frage, was Kirche mit der Automobilindustrie zu tun hat. Wie gesagt, erstmal nichts. Doch dann bin ich auf einen Artikel im Handelsblatt gestoßen. Den könnt ihr übrigens hier nachlesen. Da beschreibt der „Gründer“ Frank Thelen in einem Gastkommentar, was die Zukunft der Automobilindustrie sein könnte, wenn sie nicht endlich die Zeichen der Zeit erkennt. Im Vergleich mit dem Elektroautohersteller Tesla prophezeit er bekannten Marken wie Audi, BMW und wie sie alle heißen, den Untergang in der Bedeutungslosigkeit. Anlass ist übrigens, dass das amerikanische Unternehmen erstmals an der Börse höher dotiert ist als der wertvollste deutsche Autobauer. Thelen nennt als Gründe z.B. den progressiven Blick in die Zukunft oder die Risikobereitschaft zu investieren und dabei auch erstmal Verluste einzufahren. Eine agile Produktion und die Zusammenarbeit in Teams, die nach dem First-Principle-Prinzip arbeiten sowie ein Marketing, das auf Mund-zu-Mund-Propaganda und persönlichen Empfehlungen von Kund:innen basiert, sind weitere Gründe. Um das Ganze noch zu betonen ist ein Bild beigefügt, auf dem ein Elektroauto einen Ölwechsel fordert, da es mit der Software klassischer Verbrennungsautos arbeitet.

Wenn ich das lese, fühle ich mich dann doch an Kirche erinnert. Wobei es nicht um Marktwert und finanzielle Fakten geht. Nein, es sind eher die Prinzipien, die auf der einen oder anderen Seite vertreten werden. Die leuchtende Ölstandsanzeige im Elektroauto ist da ein Symbolbild. Es wird auf Dauer zum Scheitern verurteilt sein, wenn altes, manchmal auch bewährtes, nur an einigen Stellen modifiziert wird, um neuen Herausforderungen zu begegnen. Es gibt an vielen Orten in unserer Kirchenlandschaft Gottesdienste, die modern aufgewertet und dennoch nicht mehr besucht werden. Ein neuer Antrieb im alten Autoformat hinterlässt erstmal den Anschein neuer Entwicklungen, doch auf Dauer zeigt die Ölstandsanzeige, dass diese Form der Entwicklung Grenzen hat. Das Problem benennen, in Grundbausteine zerlegen, überlegen, was möglich ist, ohne darauf zurückzugreifen, wie es bisher gemacht wurde, das Risiko von Fehlversuchen eingehen und dennoch darin investieren, ist aussichtsreicher. Für unsere Gottesdienste heißt das z. B., die „altbewährte“ Zeit am Sonntag Morgen nicht als gesetzt zu betrachten, auch wenn das viel Aufregung verursacht, wie der Versuch einer Gemeinde in Oldenburg zeigt, der es bis auf die Titelseiten großer überregionaler Zeitungen geschafft hat. Das Problem braucht evtl. eine andere Lösung wie Treffen am Samstag Abend. In einer Zeit, in der Filmsequenzen immer kürzer werden und Lernen nur noch wenig frontal stattfindet, ist das Format des agendarischen Gottesdienstes mit langen, von vorne agierenden Sequenzen vielleicht auch nicht mehr die Lösung – vielleicht leuchtet dann auch hier bald die Ölstandsanzeige auf, obwohl es gar kein Öl mehr braucht. Die Liste dieser Beispiele ließe sich übrigens durchaus noch weiterausführen.

Und dann hat Kirche eben doch etwas mit der Automobilindustrie zu tun und sollte diesmal nicht von ihr lernen. Die Probleme erkennen, in Grundbausteine zerlegen, überlegen, was möglich ist und dabei nicht nur die Gegenwart im Blick haben, sondern die Zukunft gleich mitdenken, das ist die Herausforderung, vor der Kirche gerade steht. Aber hier braucht es Mut. Mut, einfach mal zu machen, zu investieren, auch wenn am Ende vielleicht ein Scheitern steht. Doch auch daraus kann man lernen, wie der automatisierte Zusammenbau bei Tesla zeigt. Mittlerweile gibt es auch hier Lösungen. Genau deshalb wünsche ich der Kirche Mut und die Bereitschaft auch in Fehler zu investieren…

 

Ungewöhnlich oder nur ungewohnt?

Ein Schauspieler ist gestorben. Von vielen wurde er Volksschauspieler genannt. Auch er selbst sprach so von sich. Er war noch nicht alt, doch er war krank. Er hat mit seinem Tod gerechnet und schon vor langer Zeit seine Wünsche für seine Beerdigung öffentlich geäußert. Gestern nun fand sie statt. Millionen Menschen nahmen Anteil und verfolgten auf Leinwänden vor Ort oder am Bildschirm die Trauerfeier im Michel. Die Glocken zum Auszug aus der Kirche läuteten noch, da sprachen Kommentator*innen schon von einer ungewöhnlichen Trauerfeier. Doch war sie das wirklich?

Ich habe diesen Schauspieler gemocht. Ich habe seine Filme und Serien geschaut, manche auch immer wieder. Ich mochte seine direkte Art und seine „Kodderschnauze“. Sie liegen mir, denn wie er bin auch ich eine Norddeutsche. Also habe ich auch die Übertragung der Trauerfeier verfolgt. Ungewöhnlich oder eher für viele ungewohnt? Der Schauspieler hat sie sich gewünscht, die Trauerfeier in seiner Kirche, in der er getauft und konfirmiert wurde, in der er heiratete und seine Mutter Tanzunterricht gab. Der Hauptpastor im Talar hielt die Trauerfeier. Er eröffnete sie mit biblischem Votum und Begrüßung. Es folgten Gebet und Lesung, Predigt mit biografischen Anklängen, Abschied mit Gebet, Vaterunser und Segen. Ich könnte die Agende für Bestattungen (das Buch, in dem Vorschläge für den Ablauf einer Trauerfeier und Beerdigung festgehalten sind) aufschlagen und es wäre genau so dort nachzulesen. Nicht nur das. Viele der Formulierungen beginnend bei der Eröffnung der Trauerfeier bis hin zur Abschiedsformel wären dort ebenso nachzulesen. Ich selbst konnte sie auswendig mitsprechen und mein Mann neben mir kam ins Schmunzeln. Auch die Texte, Psalm 139 oder 1. Kor 13, waren für eine Trauerfeier wenig ungewöhnlich. Wohl eher ungewohnt für ein Millionenpublikum, das den Besuch von Trauerfeiern nur selten aus eigener Erfahrung kennt.

Vielleicht die Musik. Der Schauspieler selbst war zu hören mit einem seiner bekanntesten Lieder und einem Lied, das er für seine Frau geschrieben hat. Daneben die Titelmusik seiner bekanntesten Fernsehserie, Knocking on Heavens Door,  Deep Purple und nicht zu vergessen: die Hamburger Hymne „An de Eck steiht n Jung mit nem Tüddelband“. Wenig ungewöhnlich für die Besucher dieser Trauerfeier. Der Verstorbene bezeichnete sich selbst als Rocker. Diese Musik gehörte zu seinem Leben. Zahlreiche Weggefährten waren anwesend. Auch sie vertraut mit diesen Liedern. Ungewohnt waren diese Stücke für sie nicht. Ungewöhnlich für sie wohl eher an diesem Ort, wo man sie nicht erwartete. Mit Kirche verbinden die meisten andere Musik. Ungewohnt und ungewöhnlich war sie wahrscheinlich für die kirchlichen Hausherren, die in ihren Gottesdiensten  eher selten diese Musik spielten. Umso großartiger, dass der Organist sie virtuos auf einer der drei Orgeln der Kirche spielte. In der Auswahl der Musik wurde für mich deutlich, dass hier zwei Welten aufeinander trafen, die oft einander gegenüber gestellt werden. Die schillernde Welt des Films und der Schauspielerei und die schlichte Welt der Kirche. Sie trafen sich in einer besonderen Kirche in Hamburg, so wie es sich der Verstorbene gewünscht hatte. Und sie trafen sich in einem Kirchenlied, das sich der Verstorbene ebenfalls gewünscht hatte „Geh aus mein Herz und suche Freud´“. Und es ging gut. Es war angesichts all der Trauer auch ein Fest, nicht nur weil der Verstorbene an diesem Tag auch Geburtstag gehabt hätte. Es war eine Trauerfeier, die vielen in Erinnerung bleiben wird. Eine Trauerfeier, bei der die eine oder der andere denken mag, so soll es bei mir auch einmal sein. Entschuldigt den Ausdruck, aber für mich war es die beste Werbung für kirchliche Trauerfeiern, die Kirche passieren konnte.

Für mich war es eine Trauerfeier, die zeigte, dass die Lebenswelt des Verstorbenen und die Lebenswelt der Kirche in Einklang zubringen sind. Die eine spiegelte sich in der anderen wider. Sie gingen eine Verbindung ein und brachten so mehr zum klingen als jede einzelne es sonst gekonnt hätte. Vielleicht verlieren die Menschen dann die Scheu vor kirchlichen Trauerfeiern. Vielleicht wagen sie dann das Gespräch über ihre Wünsche mit ihren Angehörigen oder einer Person aus der Welt der Kirche. Am besten noch zu Lebzeiten. Dann kann einiges miteinander besprochen und geplant werden. Ich bin mir sicher, es finden sich Wege, wie das eine mit dem anderen in Einklang und zum Klingen gebracht werden kann. Und ja, auch ich habe mit meinem Mann schon über meine Trauerfeier gesprochen. Auch bei mir wird „Geh aus mein Herz“ gesungen werden und ganz viel Punkrock zu hören sein – und wenn nicht von der Orgel, dann doch wenigstens vom Band. Denn auch meine Lebenswelt besteht aus anderer Musik als den geistlichen Gesängen und Chorälen meiner Kirche…

Also: Wie sehen Eure Wünsche für Eure Trauerfeier aus?

 

Wenn mir die Worte fehlen…

Vor wenigen Stunden ging es durch die Medien. Der Ratsvorsitzende der EKD erhält Morddrohungen, weil er sich für die Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen einsetzt. Empörung, Entsetzen sind die weitläufigen Reaktionen darauf. Mir fehlen einfach nur die Worte. Ist es nicht mehr möglich, unterschiedliche Meinungen und Standpunkte zu vertreten? Muss man oder frau gleich mit dem Allerschlimmsten drohen, wenn das Gegenüber etwas sagt, was nicht der eigenen Meinung entspricht? Haben wir mittlerweile alle Hemmungen verloren, was den Umgang miteinander angeht? Oder geschieht so etwas, weil man sich nicht persönlich gegenübersteht, wenn solch ein Brief verschickt wird? Mich macht es einfach nur sprachlos. Doch ich ahne, dass die Anfänge dieses Umgangs miteinander schon an anderer Stelle zu suchen sind.

Vor einiger Zeit hörte ich zwei Kolleg*innen miteinander diskutieren. Den Inhalt der Diskussion weiß ich schon gar nicht mehr. Doch irgendwann fielen Sätze wie „Das ist doch totaler Quatsch!“ und „Du hast doch keine Ahnung!“. Oder eine Diskussion zwischen sich selbst als Christen bezeichnenden Personen im Internet. Es geht um eine politische Entscheidung unserer Regierung, die von den an der Diskussion Beteiligten gänzlich unterschiedlich beurteilt wird. Innerhalb weniger Sätze kommt es zu wüsten gegenseitigen Beschimpfungen. Ich könnte noch zahlreiche solcher Szenen benennen. Immer häufiger geschieht dies auch in Diskussionen über Themen des Glaubens. Immer häufiger greifen sich die Personen dabei sehr persönlich an. Mich macht das einfach nur sprachlos. Mitdiskutieren mag ich schon lange nicht mehr. Bin immer weniger in Diskussionen aktiv. Doch das ist auch keine Lösung. Einfach stehen lassen mag ich diese Form des Diskutierens miteinander auch nicht.

Es ist doch normal, dass man unterschiedlicher Meinung ist. Es ist normal, dass man darüber auch mal heftiger diskutiert. Doch es ist nicht normal, dass diese Diskussionen immer häufiger nach wenigen Sätzen in persönlichen Angriffen gipfeln, die sich noch gegenseitig zu überbieten versuchen. Gerade vor dem Hintergrund, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat – „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ oder „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ – wünschte ich mir, dass gerade Christen einen Unterschied machen würden. Oft rutscht uns so manches an Unflätigkeiten einfach raus. Auch ich ertappe mich dabei immer wieder. Schließlich sind auch Pastor*innen nur ganz normale Menschen. Doch vielleicht würde es etwas ändern, wenn ein Unterschied spürbar würde. Ich jedenfalls habe für das nächste Jahr einen Vorsatz gefasst. Auch wenn ich sonst von diesen Vorsätzen für das neue Jahr nicht wirklich viel halte. Aber das vor mir liegende Jahr will ich nutzen, die Worte, die ich sage, und die Sätze, die ich schreibe, zu prüfen, ob sie den Worten Jesu standhalten. Würde ich sie mir gerne sagen lassen? Entsprechen sie der Liebe zu mir selbst? Ich hoffe, dass ein Unterschied spürbar wird, denn ich glaube daran, dass viele kleine Unterschiede etwas verändern können. Und ein wenig mehr Respekt im Umgang miteinander können wir alle gut vertragen. Also vielleicht magst Du Dich meinem Vorsatz ja anschließen und am Ende des Jahres ziehen wir dann gemeinsam Bilanz.

Den Raum leerräumen…

Ein Abend in einem Atelier mitten zwischen den Kunstwerken besonderer Menschen. Ein Atelier, das in seinem ersten Leben eine Sporthalle war und allein deshalb wohl von mir gemieden worden wäre. Doch jetzt ist es anders und das hat auch mit dem zu tun, was ich an diesem Abend höre und erlebe.

Aber am besten beginne ich von vorne. Mit einer ökumenischen Arbeitsgruppe habe ich mich vor etwa eineinhalb Jahren auf den Weg gemacht, die Sehnsucht nach einer Kirche von morgen zu wecken und nach Wegen dorthin zu suchen. Bereits im letzten Jahr haben wir einen Abend unter der Überschrift „Freiraum Zukunft“ gestaltet. Diesmal nun „Freiraum Kreativität“. Die Bildnerische Werkstatt der Rotenburger Werke wurde einen Abend lang zum Atelier für uns und zwanzig andere sehnsuchtsvolle Menschen. Rund um uns herum standen, hingen und lagen Werke von Menschen mit Beeinträchtigung. Nicht eins davon hätte ich selbst malen können. Sie sind beeindruckend und schufen eine besondere Atmosphäre für diesen Abend. Begriffe wie Kreativität und Schöpfung standen im Raum. Ruhe, Zeit, Zwecklosigkeit und kein Arbeitsdruck waren für viele Voraussetzungen, um selbst kreativ werden zu können. Der Künstler Martin Vosswinkel erzählte von den Entdeckungen, die Künstler machen und bei denen sie dann oft jahrelang bleiben und sie immer weiter ausbauen.

Kreativität ereignet sich. Sie fällt dem Künstler zu. Da kann es auch passieren, dass er wochenlang vor einer leeren Leinwand sitzt, bis ein neues Werk entsteht. Martin Vosswinkel selbst, so sagte er, räume sein Atelier leer, wenn er etwas Neues beginnen wolle. Er hänge die Bilder ab und warte, bis ihm etwas zufalle, er etwas entdecke. Das müsse man aushalten können und nicht gleich die ersten Ideen verfolgen. Die Entdeckung stamme nicht von ihm selbst, sie falle ihm von außen zu. Aber wenn sie da sei, die Entdeckung, dann arbeite er exzessiv damit, probiere sie in alle Richtungen aus, denn dann potenziere sie sich.

Inspirierende Gedanken, die mich noch immer bewegen. Was bedeuten sie für den Glauben, die Kirche? Wo räumen wir die Räume leer auf der Suche nach Neuem, seien es die realen oder die inneren. Könnten wir einfach mal die Kirchen leer räumen und die Bilder abhängen und warten, was geschieht? Und wenn das uns noch gelänge, könnten wir auch die inneren Räume in uns leerräumen und warten, bis uns etwas zufällt oder besser: von Gott gegeben wird? Oder würden wir gleich wieder aktiv werden, um die Leere zu füllen, oder weil wir meinen, andere erwarten es von uns? Würden wir das, was uns von außen zufällt, überhaupt erkennen? Wo könnten wir in Ruhe und ohne Druck in völliger Zwecklosigkeit kreativ werden? Wären wir dazu in der Lage oder werden wir im Umkehrschluss keine neuen Entdeckungen erfahren?

Ich wünsche mir den Mut es zu wagen. Leere schaffen und die Leere aushalten. Den Raum leer machen, den äußeren und den inneren, und die alten Bilder abhängen. Und warten, nicht gleich wieder aktiv werden und der ersten eigenen Idee nachrennen. Warten und warten, immer wieder warten, bis von außen etwas in den Raum hineinfällt. Bis sich in diesem leeren Raum etwas ereignet und erst dann erprobt werden kann. Die von mir gemiedene Sporthalle ist auch einst leer geräumt worden, so dass sich Neues auftat. Jetzt bin ich gerne hier, bin immer wieder hier, auch wenn die Turnringe noch an der Decke hängen…

Wertvolle Zeit!

Einmal in der Woche sitze ich im Café. Ein Bilderrahmen erzählt davon, dass ich Pastorin bin. Viele wissen mittlerweile, dass ich hier sitze, gleich an der Tür, am ersten Tisch. Mindestens ein Lächeln und ein „Guten Morgen“ bekommt jede*r von mir geschenkt. Manchmal ergibt sich dann mehr…

Auch heute bin ich wieder hier. Draußen ist es grau, nasskalt, ungemütlich. Heute ist das Café gut besucht. Das war in den letzten Wochen nicht immer so. Zwei neue Cafés bzw. Bäckereien mit Kaffeeangebot haben in der Nähe eröffnet. Jetzt gehen die Kunden erstmal dort schauen. Aber heute ist es nicht so. Vielleicht liegt es am Wetter, denke ich. Vielleicht ist es heute zu nass, zu kalt, um den weiteren Weg zu fahren oder zu laufen. Oder liegt es an der Jahreszeit, dass die Menschen das Bedürfnis haben, sich mit anderen auf einen Kaffee zu treffen, dass sie nicht allein sein wollen, dass sie das Gefühl von Nähe brauchen? Ich ahne, dass es in den nächsten Wochen, im Advent ähnlich sein könnte.

Ich habe heute kein Gespräch. Niemand hat sich an meinen Tisch gesetzt. Die, die heute hier sind, sind nicht allein gekommen. Mindestens zu zweit sitzen sie an den Tischen um mich herum. Da ist die Mutter, die mit ihrem Sohn, der heute nicht in den Kindergarten muss, frühstückt. Sie erzählen und lachen und teilen ihr Rührei und zwischendurch rufen sie Papa an, um ihm zu erzählen, wo sie sind. Einen Tisch weiter, zwei junge Frauen. Eine ist schwanger. Sie beraten, wie die Sorge um die älter werdenden Eltern zu tragen ist. Wie wichtig ihnen die Familie ist. Noch ein paar Tische weiter drei junge Leute aus der nahegelegenen Weiterbildungseinrichtung. Sie haben gerade Pause. Die geplante Party am Wochenende braucht noch etwas Vorbereitung.

Ich habe kein Gespräch. Und doch höre ich zu, denn so manches lässt sich hier angesichts der allgemeinen Lautstärke nicht überhören. Ist das hier Arbeit? Oder sollte ich besser etwas „Sinnvolleres“ tun? Ich bin es schon oft gefragt worden. Meine Antwort? Hier werde ich einen Vormittag lang beschenkt mit Einblicken in das, was die Menschen in meinem Stadtteil bewegt. Mit einem Lächeln von denen, die auf mein Lächeln reagieren. Mit der Gewissheit, dass die Menschen hier Gottes geliebte Kinder sind. Und immer wieder darf ich etwas davon zurück geben. Dann, wenn die Mitarbeiter*innen mir ihr Herz ausschütten, weil gerade nicht soviel los ist im Café. Dann, wenn sich die junge Mutter an meinen Tisch setzt und fragt, „wie Taufe geht.“ Dann, wenn eine Frau beim Hereinkommen sagt: „Sie ist wieder da. Jetzt geht die Sonne auf!“ oder der ältere Herr, der hier immer seine Zeitung liest, nach meinem Urlaub zu mir sagt: „Na, dann sind wir ja jetzt wieder komplett.“

Vielleicht müssen wir „von Kirche“ gar nicht immer verkündigen und mit Angeboten den Menschen dienen. Vielleicht dürfen wir auch einfach nur mal da sein und uns beschenken lassen und ein klein wenig davon zurück geben. Hier mitten unter den Menschen ein Gespür dafür bekommen, was außerhalb unserer kirchlichen Mauern und Blasen die Menschen bewegt, sie erfreut oder einfach nur Spaß macht. Und diese Eindrücke mitnehmen und mit ihnen im Gepäck vielleicht die Predigt für den Heiligabend schreiben und sie dadurch relevant für die Menschen werden lassen.

Ich lasse mich hier gerne beschenken und ja, ein paar Gedanken für Heiligabend habe ich auch schon gesammelt…

Und in der Zukunft ein Klassentreffen…

Die CVJM-Hochschule hatte zum Studientag geladen und viele waren gekommen. Referent*innen wie Heinrich Bedford-Strohm und Sandra Bils zogen. In letzter Minute musste noch der Hörsaal gewechselt werden, da sich überraschend viele angemeldet hatten. Schon auf dem Weg von der Tram zum Universitätsgebäude hier und da ein „Hallo, wie geht es dir? Wir haben uns aber lange nicht mehr gesehen…“. Im Foyer des Hörsaalgebäudes steigerte sich dies noch und auch ich traf viele bekannte Gesichter. Menschen, die wie ich über die Zukunft der Kirche nachdenken und diese gestalten wollen. Menschen, die an ganz unterschiedlichen Orten nach Wegen suchen, das Evangelium unter den Menschen relevant werden zu lassen. Die Freude war groß, sie hier wiedergesehen zu haben.

„Kirche als Hoffnungsträgerin im gesellschaftlichen Wandel“ so die Überschrift, unter der dieser Tag stand. Ambitioniert? Realistisch? Zu hoch gegriffen? Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie sieht die Rolle der Kirche in diesem Wandel in zwei Funktionen. Zum einen solle sie denen den Rücken stärken, die den Wandel betreiben, gerade, wenn diese persönlich angegriffen werden. Zum anderen solle die Kirche ihre Energie nicht in internen Debatten verschwenden, denn sie werde in der Welt als Hoffnungsträgerin gebraucht. Gerade in einer Zeit, in der angesichts immer neuer Hiobsbotschaften in Sachen Klima sich Frustration breit mache und die Hoffnung schwinde, sei sie mit ihrem ureigensten Thema Hoffnung gefragt. Auch der Vorsitzende des Rats der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, sprach von der Hoffnung, von der die Kirche zu reden habe und die über die Welt hinaus trage, schließlich läge diese in Gottes Hand. Wenn aber die Welt in Gottes Hand liegt, dann könnten Christen sich nicht aus der Politik raushalten, dann müssten sie sich einmischen z.b. durch Denkschriften oder Gespräche oder aktives Handeln. Damit aber sei Kirche ein Change Agent im gesellschaftlichen Wandel.

Wie dies praktisch aussehen könnte, führte Sandra Bils anhand der neuen Bibliothek Oodi in Helsinki vor Augen. Sie zeigte deutlich, dass Kirche viel nachzuholen habe, wenn es um die Frage ginge, warum sie etwas täte. In der Regel sei sie an ihren Formaten und Angeboten erkennbar und nicht an ihrer Mission. Das aber mache sie wenig relevant für die Menschen. So geriete sie im gesellschaftlichen Wandel ins Abseits. Zwischen den Impulsen Diskussionen und Gespräche zwischen den Teilnehmer*innen und am Ende ein Zukunftscafé zu den Fragen, die sich während des Tages ergeben hatten.

Auf dem Heimweg stellt sich die Frage, was ist hängen geblieben? Vieles war mir bekannt. Anderes kann man in den Büchern der Referent*innen nachlesen. Das allein ist es nicht, was diesen Tag erfolgreich macht. Das Wiedersehen mit bekannten Gesichtern war ebenso schön und gewinnbringend. Aber auch das ist nicht der alleinige Erfolgsfaktor. Es kommt noch etwas anderes hinzu. Es ist die Herausforderung, vor der die Kirche steht, die hier eine Perspektive, auch einen Namen bekommen hat. Kirche als Hoffnungsträgerin, die u.a. darauf hofft, das Gott längst da ist. Sie muss nicht allein die Welt retten, sondern kann sich von Gott getragen wissen. Er ist längst da. In diesem Wissen kann sie alles tun, was in ihrer Macht steht und braucht angesichts dessen, was nicht gelingt oder was sie nicht ändern kann, nicht zu verzweifeln.

Und das ist Herausforderung genug, denn haben wir schon geklärt, welche Hoffnung wir authentisch weitergeben können? Und wenn ja, wie geben wir sie weiter, damit sie in dieser Welt Relevanz gewinnt? Das zu bedenken und zu wagen, ist am Ende dieses Tages in großen Lettern auf meine Fahnen geschrieben. Damit Studientage immer wieder zum Weiterdenken und Nicht nachlassen anregen und nicht zu Klassentreffen entarten, bei denen man sich seiner Erfolge rühmt und in Erinnerungen schwelgt. Die Hoffnung möge uns antreiben, ermutigen und stärken.

Gelesen: Vom Glück SELBSTlos zu leben

Vor einigen Wochen habe ich ein Buch gelesen und es wirkt immer noch nach. Das geschieht mir nicht so oft bei Büchern. Dabei ist dies weniger ein Buch. Eher ist es eine Broschüre oder ein Aufsatz. Wirkliche Buchlänge hat es nicht und doch bewegt es mich.

Timothy Keller, Pastor einer Gemeinde in New York, in einem Stadtteil, in dem niemand eine Kirche erwartet hätte, hat dieses Buch geschrieben. Gleich zu Beginn greift er zwei Thesen auf, die dem einen oder anderen nicht unbekannt sind und denen man vielleicht auch erst einmal zustimmt. Die erste These beinhaltet, dass Menschen in unserer Welt immer wieder auf Abwege geraten, weil es ihnen an Selbstwertgefühl mangelt. Das kann sich dann in psychischen Krankheiten äußern oder darin, dass man straffällig auffällig wird, um nur zwei der Extreme zu benennen.

Die zweite These besagt, dass das Gegenteil des mangelnden Selbstwertgefühls, der Stolz oder die Überheblichkeit für den Menschen genauso schädlich ist. Das gelte auch für Menschen, die zunächst einmal nicht überheblich erscheinen, sondern einfach etwas erreicht haben. Timothy Keller zitiert dabei aus einem Interview mit Madonna, die sagt: „Ich bin zwar jemand geworden, aber ich muss immer noch beweisen, dass ich jemand bin. Dieser Kampf war noch nie zuende und wird es vermutlich auch nie sein.“

Auch Timothy Keller kennt dieses Gefühl und er findet seine Antwort in einem Brief des Paulus an die Korinther. Da schreibt der Apostel, dass für ihn die Meinung
der Menschen über ihn nicht entscheidend ist. Er kann sie hören, kann auch
Kritik annehmen, aber sie macht nicht seinen Wert aus. Das gleiche sagt Paulus aber auch über seine eigene Meinung über sich selbst aus. Auch sein eigenes Selbstwertgefühl ist am Ende nicht entscheidend. Seinen Selbstwert, seine Identität findet Paulus an anderer Stelle: er sucht es in einem letzten Urteil, nach dem er auf kein weiteres mehr warten muss. Ein letztgültiges Urteil, dass er wichtig und wertvoll ist.

Es gibt, so schreibt Timothy Keller, dieses eine Urteil, das ergeht, bevor die gesammelten Lebensleistungen,
Karriere, Geld, Beruf, Schulnoten, überhaupt bekannt sind. Dieses Urteil lautet: Du bist geliebt von Gott! An diesem Urteil ist ein Leben lang nicht mehr zu
rütteln, egal, was geschieht. Aber unter dem Eindruck dieses Urteils gestalten der selbstlose Mensch sein Leben. Weil Gott ih liebt, muss er nichts mehr tun, um deinen Lebenslauf aufzubessern. Er muss nichts mehr tun, um ein gutes Bild abzugeben. Er kann die Dinge einfach tun, weil sie ihm Freude machen. Er kann anderen helfen, nicht damit er sich großartiger fühle, nicht um seine eigene innere Leere zu füllen, sondern weil er sich von Gott geliebt weiß und es ihm Freude macht.

Timothy Keller bezeichnet dieses Leben als selbstloses Leben. Für mich hat der Begriff Selbstlosigkeit durch dieses Buch noch einmal eine neue Bedeutung gewonnen weg von aller Selbstaufgabe und Selbstverneinung. Ein selbstloses Leben als Leben unter dem Urteil Gottes, dass ich geliebt bin unabhängig von meiner Lebensleitung. Ein Leben, dass frei macht von den Urteilen dieser Welt, dass mir Freude schenkt, anderen zu helfen. Dann ist es wirklich ein Glück, selbstlos zu leben.

Dieses kleine Buch mit seinen gut vierzig Seiten war schnell gelesen, doch es hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck, der mich immer wieder reinschauen lässt. Kennst du das Buch vielleicht und ging es dir beim Lesen wie mir? Ich freue mich über deine Erfahrungen mit diesem Werk in den Kommentaren.

Subtext „ich“

„Wenn die anderen Kinder dich nicht mitspielen lassen, dann haust du ihnen beim nächsten Mal einfach ein paar auf die Schnauze!“ Ein Satz, der mich zutiefst geschockt hat, als ich mit meinen Kindern auf dem Spielplatz war. Wo führt es hin, wenn wir schon unsere Kinder so erziehen, habe ich gedacht. Und: warum wundert man sich dann noch, wenn Erwachsene sich wild beschimpfen oder Schlimmeres? Geht unsere Welt nicht den Bach runter angesichts solcher Aussagen?

Nein, so schlimm ist es sicher nicht und dieser Vater war sicherlich die unrühmliche Ausnahme. Doch mir fallen immer wieder Situationen auf, in denen das Ich wichtiger ist als die Gemeinschaft. Da steht im Urlaub eine lange Schlange vor der Bäckerei. Drei Personen vor mir ein Junge von ca. acht Jahren. Bis wir dran sind haben die beiden Männer zwischen uns ihn zur Seite gedrängt und der kleine Junge wartet weiter geduldig, um seine Bestellung aufzugeben. Ein anderer Tag. Es geht um die Nachmittagsbetreuung des Kindes und eine Mutter sagt mir mit einem Augenzwinkern: „Die Leitung des Horts kenne ich aus dem Sportverein. Da rede ich mal beim nächsten Training mit ihr. Dann bekommen wir sicher noch einen Platz.“ Oder etwas allgemeiner: eine große Mehrheit unterstützt die Fridaysforfuture-Bewegung, aber achtzig Prozent würden nicht auf eine Flugreise im Jahr zugunsten des Klimas verzichten.

Es ist normal geworden, dass wir zuerst an uns und unsere Interessen denken. Gleichzeitig werden die Stimmen immer lauter, die über die Verrohung der Gesellschaft klagen, die den Egoismus der anderen an den Pranger stellen. In einem Buch habe ich einmal gelesen, dass, egal was wir tun, selbst bei Bibelstudium und Gebet immer bewusst oder unbewusst der Subtext „ich“ mitläuft. Mit dem stetig wachsenden Wohlstand und der stetig wachsenden Unabhängigkeit der Menschen hat sich das in unserer Gesellschaft immer mehr entwickelt. Das hat durchaus seine positiven Züge. Wie viele positiven Entwicklungen hätte es sonst nicht gegeben? Doch es scheint zu kippen. Irgendwann scheint der Moment erreicht, da der Subtext „ich“ alles andere überwiegt und das Zusammenleben darunter leidet.

Warum ich hier davon schreibe? Weil ich zunehmend den Eindruck habe, dass dieser Subtext immer mehr auch unsere Gemeinden dominiert. Da werden Schränke abgeschlossen, da andere sonst das eigene Material nutzen könnten. Dabei ist alles aus den Finanzmitteln der Gemeinde beschafft worden. Oder es wird penibel darauf geachtet, zu welcher Gemeinde welche Straße gehört, damit ja in der zuständigen Gemeinde die Taufe, Hochzeit oder Beerdigung erfolgt. Die Quote muss schließlich stimmen. Zugleich will man aber bitte nicht mehr arbeiten als der Kollege in der Nachbargemeinde.

Ist das der Eindruck, den wir als Christen bei den Menschen hinterlassen wollen? Ist es das, was unser Christsein ausmacht? Ist es das, was Jesus wollte? Und ist überhaupt noch etwas an der Situation zu ändern?

Ich bin ehrlich. Manchmal kommen mir Zweifel. Doch ich will nicht aufgeben. Ich glaube, dass Jesus etwas anderes im Sinn hatte, als er von der Nächstenliebe sprach oder von den Friedfertigen, die selig werden. Ich glaube, dass ein wenig mehr Selbstlosigkeit uns und unserer Gesellschaft gut täte. Selbstlosigkeit im Sinne von auch mal von sich selbst absehen können. Selbstlosigkeit, die beinhaltet, dass man seinen Wert nicht aus den eigenen Leistungen oder Vermögen bezieht. Der Wert einer Person ergibt sich daraus, dass sie Gottes geliebtes Kind ist, dass Jesus für sie gestorben ist unabhängig vom Ansehen in der Welt. Wer das für sich annehmen kann, muss nicht immer in der ersten Reihe stehen, kann anderen auch was gönnen, lernt den Wert einer Gemeinschaft kennen, die mehr ist als das eigene ich. Denn wenn viele ihre eigenen Fähigkeiten einbringen und auch mal anderen den Vortritt lassen, dann entstehen Dinge, die ein einzelner nicht vermag. Auf diese Weise ließe sich doch eine Menge in unseren Gemeinden und vielleicht auch in unserer Welt erreichen.

Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass es zwanzig Prozent in einer Gruppe braucht, um etwas zu verändern oder eine neue Entwicklung anzustoßen. Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, diese zwanzig Prozent für eine Gesellschaft, in der das „wir“ stärker ist als der Subtext „ich“, noch zusammen zu bekommen. Seid ihr ein Teil dieser zwanzig Prozent? Dann lasst uns anfangen, in unserer Nachbarschaft selbstlos zu wirken!

Was für ein Vertrauen… eine Notiz im Pioniertagebuch

Was für ein Vertrauen… Das Motto des Kirchentags klingt noch an vielen Stellen nach, auch wenn die meisten Besucher schon wieder im Alltag angekommen sind. Nach Jahren war ich mal wieder die gesamte Zeit, vom Anfangs- bis zum Schlussgottesdienst da. Ich habe Workshops besucht, Vorträge gehört, bin durch den Markt der Möglichkeiten geschlendert und habe mit mir bekannten und unbekannten Menschen geredet und diskutiert. Es war spannend, es war lohnend, auch wenn ich nicht jede Veranstaltung ein zweites Mal wählen würde. Ich habe neue Eindrücke und Ideen mit nach Hause gebracht, die sicher noch einige Zeit nachwirken werden.

So manche Zeit habe ich auch damit verbracht, auf der Straße unterwegs zu sein und den Menschen zuzuhören. Und ich habe viel in den sozialen Medien gelesen von Dingen, die ich selbst besucht habe oder die ich nicht besucht habe. Auch heute lese ich weiter. Die Predigt von Sandra Bils oder auch zwei Workshops haben viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dem einen gefällt das eine, der anderen das andere und manches gefällt auch nur wenigen. Und das ist gut so. Ich freue mich, wenn rege über Kirche, Glauben, Meinungen diskutiert wird. Das alles zeigt die Vielfalt unserer Gesellschaft, die ich mir einfach nur bunt wünsche.

Doch eines verleidet mir zunehmend das lesen. Es ist der Ton und die Wortwahl, die besonders in den Diskussionen im Internet herrschen. Klar, das ist die Anonymität der Sozialen Medien, mögen viele denken. So ist das leider. Da kann man nicht viel machen und von einschlägigen Parteien und Gruppierungen ist eben nichts anderes zu erwarten. Doch die, die da diskutiert haben, gehörten offensichtlich nicht zu einer dieser schnell in die Ecke gedrängten Gruppen. Die, die da diskutierten, bezeichnen sich selbst als Christen, sind beruflich oder ehrenamtlich bei Kirche aktiv, hatten selbst den Kirchentag besucht. Und äußerten sich an anderer Stelle über die Verrohung unserer Gesellschaft. Doch dann las ich Sätze, die von „Das ist doch totaler Blödsinn, was du schreibst.“ bis hin zu „Stell dich nicht so an!“ reichten. Schlimmeres mag ich hier nicht zitieren. Wie sehr es die Adressaten dieser Sätze verletzt haben mag, diese Sätze zu lesen, wissen nur sie selbst. Ich aber frage mich, ob das dem Umgang miteinander entspricht, der Gottes Willen entsprechen könnte? Ist es das, was wir unter einem christlichen Leben verstehen. Haben wir uns dem allgemeinen Ton mittlerweile zu sehr angepasst?

Ich wünschte mir, es wäre anders. Ich wünschte mir, die Menschen um uns herum würden den Unterschied spüren. Jetzt lesen sie eher, dass die, die sich Christen nennen, genauso roh miteinander umgehen, wie andere es auch tun. Warum also etwas ändern? Doch was könnten wir verändern, wenn wir unsere Worte bewusst wählten, wenn wir, bevor wir sie aussprechen oder niederschreiben, einmal überlegten, wie unser Gegenüber sie auffassen könnte?

Der Kirchentag ist vorüber, einige Workshops, Vorträge und auch die Predigt von Sandra Bils wirken noch nach. Ich wünschte mir, sie würden auch in Sachen Wortwahl und Umgang miteinander nachwirken.