Kategorie: Allgemein

Was mich in diesen Tagen ärgert…

#keingradwaermer – seit Freitag hat dieser Hashtag große Aufmerksamkeit gewonnen und das ist gut so. Freitag war die fridays for future – Bewegung endlich wieder flächendeckend auf den Straßen, um daran zu erinnern, dass der Klimawandel unser aller Leben bedroht. Und ja, ich finde, das kann man in dieser Deutlichkeit so sagen, denn die Auswirkungen dessen, was da gerade durch menschliches Zutun geschieht, werden an vielen Stellen schleichend sein, am Ende aber in unterschiedlichster Art und Weise für alle lebensbedrohlich. Vielleicht nicht direkt durch Stürme und Überschwemmungen, vielleicht eher indirekt durch Verteilungskämpfe um die knapper werdenden Ressourcen unserer Erde. Ich will nicht schwarzmalen, denn noch können wir handeln und etwas ändern.

Wie gut, dass am Freitag verschiedenste kirchliche Einrichtungen bis hin zu den Kirchenleitenden sich deutlich für den Erhalt unseres Lebensraumes eingesetzt haben. Es tut gut zu sehen, dass Kirche sich positioniert, auch wenn das Diskussionen und an manchen Stellen auch Verärgerung hervorruft. Aber dann bekommt das Thema die notwendige Aufmerksamkeit und Menschen kommen miteinander ins Gespräch, um Lösungen zu finden, was in unserer komplexen Welt gar nicht so einfach ist.

Auch in mir regt sich seit geraumer Zeit Verärgerung, nicht über die fridays for future-Bewegung, eher über Vorschriften, die unter den Vorzeichen der Pandemie für die Bewahrung der Schöpfung nicht gerade förderlich sind. Da sehe ich den Bischof meiner Landeskirche in den Medien, wie er sich an die Seite der jungen Menschen stellt, sich öffentlich für die Bewahrung der Schöpfung einsetzt, die Kirchengemeinden auffordert, die Türen ihrer Gemeindehäuser im Winter für diese Bewegung zu öffnen. Danke für diesen Aufruf. Zeitgleich aber ist auf meinem Bildschirm eine Vorlage für die Erstellung eines Hygienekonzeptes für ein solches Gemeindehaus geöffnet, das von eben dieser Landeskirche stammt. Und da lese ich Vorgaben wie die Bereitstellung von Zucker, Dosenmilch, Senf und Ketchup in Einmalverpackungen. Mal abgesehen davon, dass kaum noch einer der jungen Menschen, an deren Seite der Bischof da gerade spricht, Dosenmilch in den Kaffee gießt, sind genau diese Einmalverpackungen ein großes Verpackungsproblem. Auch wenn Nutzer:innen sie brav in den dafür vorgesehenen Verpackungsmüllsack werfen, können sie nicht recycelt werden, da durch den Aludeckel, der durch die Verbraucher:innen niemals rückstandslos abgetrennt und einzeln in den Sack geworfen wird, der Kunststoff nicht sortenrein ist und in den Sortiermaschinen zur Verbrennung aussortiert wird. Über die dabei entstehenden Rückstände muss kaum geschrieben werden. Außerdem ist eine Ansteckung durch die gemeinsame Nutzung einer Milchflasche oder einer Zuckerdose wohl ziemlich unwahrscheinlich, wenn gleichzeitig an den Buffets des Landes das Anlegebesteck von ziemlich vielen Personen nacheinander genutzt werden darf.

Ebenso haben wir Sanitäranlagen und Küchen in den kirchlichen Gebäuden in rasender Geschwindigkeit mit Einmalhandtüchern, Seifenspendern (sprich Flüssigseife) und Desinfektionsmitteln aufgerüstet, wo zuvor in unzähligen Schulungsveranstaltungen versucht wurde, andere Wege gegen den Müll und insbesondere das Plastik aufzuzeigen. Wege, die nicht weniger hygienisch waren. Bereits im Mai vermeldeten übrigens besonders die Städte eine Steigerung des Müllaufkommens durch Corona von zehn bis zwanzig Prozent.

Und dann ist da noch ein Punkt, der mich besonders verärgert. Der Gebrauch von Einwegmasken und -handschuhen, den man auch bei vielen kirchlichen Vertreter:innen sieht, die gleichzeitig die fridays for future – Bewegung loben. Alle diese Produkte, egal aus welchem Material sie hergestellt sind, sind nur für den einmaligen Gebrauch bestimmt und müssen danach im Restmüll entsorgt werden, der dann verbrannt wird. Bis auf die Wärme, die daraus gewonnen wird, ist damit nichts Gutes getan. Von den Verbrennungsresten sprach ich bereits… Noch viel schlimmer ist für mich allerdings die Entsorgung auf der Straße, in der Natur. Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie auf dem Supermarktparkplatz die Handschuhe beim Einsteigen ins Auto abgestreift und aus der noch geöffneten Autotür hinaus auf den Boden geworfen werden. Das habe ich tatsächlich mittlerweile mehr als einmal gesehen. Und erst am vergangenen Wochenende sah ich in unmittelbarer Nähe eines Cafés in der Lüneburger Heide die benutzten Einmalmasken in Bäumen hängen – weil wohl kein Mülleimer in der Nähe war. Wären nicht mehrfach zu verwendende Masken, vielleicht auch mit Statement, eine gute Alternative? Gerade wenn dabei öffentliche Bilder entstehen, könnte das die Botschaft doch noch mehr unterstützen! Wunderbare Beispiele gibt es genug. Ein Blick in die gleichen Medien genügt.

Nun habe ich meinem Ärger Raum gemacht und würde mir wünschen, dass gerade mit Blick auf die jungen Menschen, die sich für den Erhalt unseres Lebensraumes stark machen, unsere Unterstützung nicht auf Grund einer Pandemie auf der Strecke bleibt. Das eine darf nicht gegen das andere ins Feld geführt werden. Kreative Lösungen sind gefragt. Im Kleinen können wir anfangen, z.b. mit den Einwegverpackungen in unseren Gemeindehäusern oder unseren Mund-Nase-Bedeckungen. Ich bin mir sicher, dass dadurch die Infektionszahlen nicht steigen werden.

Wie ist euer Standpunkt? Gehen Corona-Schutz und Umweltschutz gemeinsam oder müssen wir das eine zugunsten des anderen lassen? Schreibt eure Meinung doch mal in die Kommentare.

Ungewöhnlich oder nur ungewohnt?

Ein Schauspieler ist gestorben. Von vielen wurde er Volksschauspieler genannt. Auch er selbst sprach so von sich. Er war noch nicht alt, doch er war krank. Er hat mit seinem Tod gerechnet und schon vor langer Zeit seine Wünsche für seine Beerdigung öffentlich geäußert. Gestern nun fand sie statt. Millionen Menschen nahmen Anteil und verfolgten auf Leinwänden vor Ort oder am Bildschirm die Trauerfeier im Michel. Die Glocken zum Auszug aus der Kirche läuteten noch, da sprachen Kommentator*innen schon von einer ungewöhnlichen Trauerfeier. Doch war sie das wirklich?

Ich habe diesen Schauspieler gemocht. Ich habe seine Filme und Serien geschaut, manche auch immer wieder. Ich mochte seine direkte Art und seine „Kodderschnauze“. Sie liegen mir, denn wie er bin auch ich eine Norddeutsche. Also habe ich auch die Übertragung der Trauerfeier verfolgt. Ungewöhnlich oder eher für viele ungewohnt? Der Schauspieler hat sie sich gewünscht, die Trauerfeier in seiner Kirche, in der er getauft und konfirmiert wurde, in der er heiratete und seine Mutter Tanzunterricht gab. Der Hauptpastor im Talar hielt die Trauerfeier. Er eröffnete sie mit biblischem Votum und Begrüßung. Es folgten Gebet und Lesung, Predigt mit biografischen Anklängen, Abschied mit Gebet, Vaterunser und Segen. Ich könnte die Agende für Bestattungen (das Buch, in dem Vorschläge für den Ablauf einer Trauerfeier und Beerdigung festgehalten sind) aufschlagen und es wäre genau so dort nachzulesen. Nicht nur das. Viele der Formulierungen beginnend bei der Eröffnung der Trauerfeier bis hin zur Abschiedsformel wären dort ebenso nachzulesen. Ich selbst konnte sie auswendig mitsprechen und mein Mann neben mir kam ins Schmunzeln. Auch die Texte, Psalm 139 oder 1. Kor 13, waren für eine Trauerfeier wenig ungewöhnlich. Wohl eher ungewohnt für ein Millionenpublikum, das den Besuch von Trauerfeiern nur selten aus eigener Erfahrung kennt.

Vielleicht die Musik. Der Schauspieler selbst war zu hören mit einem seiner bekanntesten Lieder und einem Lied, das er für seine Frau geschrieben hat. Daneben die Titelmusik seiner bekanntesten Fernsehserie, Knocking on Heavens Door,  Deep Purple und nicht zu vergessen: die Hamburger Hymne „An de Eck steiht n Jung mit nem Tüddelband“. Wenig ungewöhnlich für die Besucher dieser Trauerfeier. Der Verstorbene bezeichnete sich selbst als Rocker. Diese Musik gehörte zu seinem Leben. Zahlreiche Weggefährten waren anwesend. Auch sie vertraut mit diesen Liedern. Ungewohnt waren diese Stücke für sie nicht. Ungewöhnlich für sie wohl eher an diesem Ort, wo man sie nicht erwartete. Mit Kirche verbinden die meisten andere Musik. Ungewohnt und ungewöhnlich war sie wahrscheinlich für die kirchlichen Hausherren, die in ihren Gottesdiensten  eher selten diese Musik spielten. Umso großartiger, dass der Organist sie virtuos auf einer der drei Orgeln der Kirche spielte. In der Auswahl der Musik wurde für mich deutlich, dass hier zwei Welten aufeinander trafen, die oft einander gegenüber gestellt werden. Die schillernde Welt des Films und der Schauspielerei und die schlichte Welt der Kirche. Sie trafen sich in einer besonderen Kirche in Hamburg, so wie es sich der Verstorbene gewünscht hatte. Und sie trafen sich in einem Kirchenlied, das sich der Verstorbene ebenfalls gewünscht hatte „Geh aus mein Herz und suche Freud´“. Und es ging gut. Es war angesichts all der Trauer auch ein Fest, nicht nur weil der Verstorbene an diesem Tag auch Geburtstag gehabt hätte. Es war eine Trauerfeier, die vielen in Erinnerung bleiben wird. Eine Trauerfeier, bei der die eine oder der andere denken mag, so soll es bei mir auch einmal sein. Entschuldigt den Ausdruck, aber für mich war es die beste Werbung für kirchliche Trauerfeiern, die Kirche passieren konnte.

Für mich war es eine Trauerfeier, die zeigte, dass die Lebenswelt des Verstorbenen und die Lebenswelt der Kirche in Einklang zubringen sind. Die eine spiegelte sich in der anderen wider. Sie gingen eine Verbindung ein und brachten so mehr zum klingen als jede einzelne es sonst gekonnt hätte. Vielleicht verlieren die Menschen dann die Scheu vor kirchlichen Trauerfeiern. Vielleicht wagen sie dann das Gespräch über ihre Wünsche mit ihren Angehörigen oder einer Person aus der Welt der Kirche. Am besten noch zu Lebzeiten. Dann kann einiges miteinander besprochen und geplant werden. Ich bin mir sicher, es finden sich Wege, wie das eine mit dem anderen in Einklang und zum Klingen gebracht werden kann. Und ja, auch ich habe mit meinem Mann schon über meine Trauerfeier gesprochen. Auch bei mir wird „Geh aus mein Herz“ gesungen werden und ganz viel Punkrock zu hören sein – und wenn nicht von der Orgel, dann doch wenigstens vom Band. Denn auch meine Lebenswelt besteht aus anderer Musik als den geistlichen Gesängen und Chorälen meiner Kirche…

Also: Wie sehen Eure Wünsche für Eure Trauerfeier aus?

 

Wenn mir die Worte fehlen…

Vor wenigen Stunden ging es durch die Medien. Der Ratsvorsitzende der EKD erhält Morddrohungen, weil er sich für die Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen einsetzt. Empörung, Entsetzen sind die weitläufigen Reaktionen darauf. Mir fehlen einfach nur die Worte. Ist es nicht mehr möglich, unterschiedliche Meinungen und Standpunkte zu vertreten? Muss man oder frau gleich mit dem Allerschlimmsten drohen, wenn das Gegenüber etwas sagt, was nicht der eigenen Meinung entspricht? Haben wir mittlerweile alle Hemmungen verloren, was den Umgang miteinander angeht? Oder geschieht so etwas, weil man sich nicht persönlich gegenübersteht, wenn solch ein Brief verschickt wird? Mich macht es einfach nur sprachlos. Doch ich ahne, dass die Anfänge dieses Umgangs miteinander schon an anderer Stelle zu suchen sind.

Vor einiger Zeit hörte ich zwei Kolleg*innen miteinander diskutieren. Den Inhalt der Diskussion weiß ich schon gar nicht mehr. Doch irgendwann fielen Sätze wie „Das ist doch totaler Quatsch!“ und „Du hast doch keine Ahnung!“. Oder eine Diskussion zwischen sich selbst als Christen bezeichnenden Personen im Internet. Es geht um eine politische Entscheidung unserer Regierung, die von den an der Diskussion Beteiligten gänzlich unterschiedlich beurteilt wird. Innerhalb weniger Sätze kommt es zu wüsten gegenseitigen Beschimpfungen. Ich könnte noch zahlreiche solcher Szenen benennen. Immer häufiger geschieht dies auch in Diskussionen über Themen des Glaubens. Immer häufiger greifen sich die Personen dabei sehr persönlich an. Mich macht das einfach nur sprachlos. Mitdiskutieren mag ich schon lange nicht mehr. Bin immer weniger in Diskussionen aktiv. Doch das ist auch keine Lösung. Einfach stehen lassen mag ich diese Form des Diskutierens miteinander auch nicht.

Es ist doch normal, dass man unterschiedlicher Meinung ist. Es ist normal, dass man darüber auch mal heftiger diskutiert. Doch es ist nicht normal, dass diese Diskussionen immer häufiger nach wenigen Sätzen in persönlichen Angriffen gipfeln, die sich noch gegenseitig zu überbieten versuchen. Gerade vor dem Hintergrund, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat – „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ oder „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ – wünschte ich mir, dass gerade Christen einen Unterschied machen würden. Oft rutscht uns so manches an Unflätigkeiten einfach raus. Auch ich ertappe mich dabei immer wieder. Schließlich sind auch Pastor*innen nur ganz normale Menschen. Doch vielleicht würde es etwas ändern, wenn ein Unterschied spürbar würde. Ich jedenfalls habe für das nächste Jahr einen Vorsatz gefasst. Auch wenn ich sonst von diesen Vorsätzen für das neue Jahr nicht wirklich viel halte. Aber das vor mir liegende Jahr will ich nutzen, die Worte, die ich sage, und die Sätze, die ich schreibe, zu prüfen, ob sie den Worten Jesu standhalten. Würde ich sie mir gerne sagen lassen? Entsprechen sie der Liebe zu mir selbst? Ich hoffe, dass ein Unterschied spürbar wird, denn ich glaube daran, dass viele kleine Unterschiede etwas verändern können. Und ein wenig mehr Respekt im Umgang miteinander können wir alle gut vertragen. Also vielleicht magst Du Dich meinem Vorsatz ja anschließen und am Ende des Jahres ziehen wir dann gemeinsam Bilanz.

Mit anderen Augen…

Sechs Tage war ich mit meinen Kindern in London unterwegs. Die klassischen Sehenswürdigkeiten haben wir angeschaut und einiges, was für Kinder besonders interessant ist wie den Diana Memorial Playground. In diesen Tagen habe ich London mit anderen Augen gesehen, mit den Augen meiner Kinder.

Sie wachsen sehr behütet auf in einem neuen Stadtteil einer norddeutschen Kleinstadt. In den Straßen der englischen Metropole erblickten sie vieles, was sie bis dato noch nicht kannten, mir aber so selbstverständlich erschien. Dazu gehörten vor allem die vielen Menschen ohne Wohnung, die in Zelten, Hauseingängen oder direkt auf der Straße schliefen. Meine Kinder machten mich immer wieder auf sie aufmerksam und fragten, warum sie mitten am Tag schliefen, warum sie keine richtige und saubere Kleidung tragen, warum sie keine Wohnung haben, warum sie soviel Alkohol trinken, warum niemand ihnen hilft. Meine Kinder konnten nicht einfach daran vorbeischauen, sie nicht aus ihrem Blick ausblenden, wie ich es immer wieder tue. Die Frage, die mich am meisten bewegte, war: warum gibt es das bei uns und warum machen wir nichts dagegen?

Die Fragen meiner Kinder lassen mich nicht los. Ich versuche, Kirche mit den Menschen meines Stadtteils zu gestalten. Es entstehen Formate und Veranstaltungen, die uns gut tun, die unseren Glauben wecken oder auch wachsen lassen. Unsere Gemeinschaft wächst und wir genießen es sehr. Aber ist es das, was wir, was unsere Welt wirklich braucht? Ist das Ziel wirklich, neue Gemeinden entstehen zu lassen? Oder sind wir berufen, diese Welt menschlicher bzw. nach dem Willen Gottes zu gestalten? Müssten wir dann nicht hinaus auf die Straßen gehen und den Menschen dort ganz konkret helfen? Bei den Ärmsten und Verachtetsten anfangen und nicht eher aufhören, bevor sie alle ein für sie gutes Leben führen? Weniger an uns, an ordentliche und gepflegte Kirchen denken als an die Menschen in unserer Nachbarschaft, auf unseren Straßen?

Vermutlich werden jetzt viele sagen, man kann das eine tun ohne das andere zu lassen. Das stimmt sicher auch zum Teil, denn immerhin gibt es neben den etablierten Gemeinden auch viele Projekte und Einrichtungen, die sich für die Ärmsten einsetzen. Und doch habe ich das Gefühl, wir haben uns viel zu sehr an den Anblick der Obdachlosen auf der Straße gewöhnt, sehen sie eher als ein Ärgernis, als dass wir ihre Geschichte und ihre Not kennen wollten. Wenn wir an ihnen vorbei gehen, blenden wir sie aus unserem Blick aus.

Meine Kinder sind noch nicht daran gewöhnt, etwas auszublenden. Sie nehmen alles noch so wahr, wie sie es sehen und stellen ihre Fragen dazu. Sie haben mich in den wenigen Tagen in London gelehrt, die Straßen der Metropole mit ihren Augen zu sehen. Dabei fiel mir Jesu Wort ein „wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“. Vielleicht sollten wir wieder mehr mit ihrem Blick durch unsere Straßen gehen…

Gartenzwerggedanken

Ich hab den Gartenzwerg in London gefunden. Auch wenn er schon etwas in die Jahre gekommen ist, steht er in der Nähe des Columbia Road Flower Markets doch goldrichtig. Wenn ich hier so durch die Straßen wandere, denke ich viel über Kultur und Tradition nach. Da musste das Bild vom Gartenzwerg einfach mit, ist er doch oft ein Symbol für eine bestimmte Kultur in Deutschland. Hier stand er in einem angesagten Hinterhof mit Mode, Kunst und Coffeeshop. Wie gegensätzlich das doch ist…

Und dann laufe ich an alten, fast baufälligen Kirchen vorbei und mir schallt fröhliche Musik entgegen und an der Tür werde ich freundlich eingeladen hineinzukommen. Dabei kommen mir Gedanken an Kirchen in Deutschland, gut ausgestattet, sehr gut gepflegt, aufgeräumt und der Begrüßungsdienst gut geschult. Aber das Leben fehlt.

Selbstverständlich weiß ich, dass diese Beschreibung klischeehaft ist, dass es auch in Deutschland und England andere Kirchen und Gemeinden gibt. Aber es erinnert mich an einen Satz, den ich vor ca. zehn Jahren einmal in England gehört habe: „In Deutschland sind eure Kirchen noch zu reich. Es besteht gar keine Notwendigkeit, dass ihr handelt und über andere Wege nachdenkt.“ In diesen Worten und in den Begegnungen in England und in Deutschland liegen für mich alte Weisheiten und Mutmachendes dicht beieinander. Zum einen bringen gut sanierte und gepflegte Kirchen nicht mehr Menschen in die Kirche, auch wenn ich mich freue, dass Kirchen und Gemeinden diese Arbeit noch immer leisten können. Zum anderen zeigt es, dass auch ohne viel Geld Großartiges entstehen und wachsen kann. Auch in Zeiten sinkender Finanzen können Gemeinden wachsen oder sogar entstehen. Das ist so ein bisschen wie mit dem Gartenzwerg. Er zählt nicht zu den schönsten, ist nicht gerade groß und doch mehr oder weniger weltberühmt, was mit der Liebe und Hingabe einiger Menschen an dieses Gartenaccessoire zu tun hat.

Liebe und Hingabe – es ist die Haltung, die etwas verändert. Sicher, innovative Projekte und Veranstaltungen rufen sehr viel Aufmerksamkeit hervor. So manch eine*r mag dabei denken: „So kreativ oder innovativ bin ich nicht!“ Doch das ist nicht das Entscheidende. Es ist die Haltung gegenüber den Menschen. Was sie auszeichnet? Liebe und Hingabe zu Christus und den Menschen. Bereitschaft, das Leben der Menschen mit ihnen zu teilen, von ihnen zu lernen. Offenheit, zu entdecken, wo Gott längst bei den Menschen am Werk ist. Manchmal möchte ich es einfach mit einem Satz zusammen fassen: geht mit offenen Augen und mit Liebe im Herzen durch die Welt!

Ein Jahr…

Ein Jahr PastriXs MittwochsGedanken liegt hinter mir. Ein Jahr ein Bild und ein kurzer Gedanke am Mittwoch Morgen. Ein Jahr immer wieder etwas Neues finden und formulieren.

Entstanden sind die MittwochsGedanken, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, der Blog braucht auch eine spirituelle Dimension. Etwas, was noch einmal in anderer Form dazu anregt nachzudenken, Gott im Alltag zu finden. Dabei stand für mich gleich fest, dass das kein regelmäßiger Blogbeitrag sein könnte. Kurz, prägnant, in einer kleinen Pause lesbar und unterwegs verfügbar sollte es sein. Ich dachte darüber nach, was ich gerne hätte, was in meinen Alltag passen würde. Immer dabei ist das Handy und damit ein Nachrichtendienst. Wenn es pingt, dann weiß ich, es ist etwas für mich angekommen, denn diesen Benachrichtigungston hat nur dieser Nachrichtendienst. Dann ist es keine Werbung, keine andere Social Media App mit mehr oder weniger wichtigen Informationen. Dann ist es wirklich für mich. Da wollte ich hin mit meinen Gedanken. So waren PastriXs MittwochsGedanken geboren.

Seit einem Jahr gibt es Menschen, die sie lesen. Dem Medium geschuldet kenne ich die meisten nicht. Klar, ein paar Freunde und Verwandte lesen mit. Aber von den meisten kenne ich nur die Telefonnummer, mit der sie sich angemeldet haben. Wenn ich dann irgendwo mit Menschen über Gott und die Welt rede, frage ich mich manchmal: „Bekommt er oder sie vielleicht die MittwochsGedanken?“ Manchmal verrät sich jemand, indem sie von einem der Bilder erzählt. Manchmal sagt auch jemand zu mir: „Ich lese ja Mittwoch von dir.“ Dann bin ich oft überrascht und manchmal auch perplex und oft leider nicht spontan genug zu fragen, was eigentlich an den MittwochsGedanken gefällt und was nicht und was vielleicht anders sein könnte. Aber ich freue mich, dass jemand auf die Gedanken wartet und sie anscheinend gerne liest. So ist es mir übrigens letzte Woche gerade wieder ergangen. Dann hoffe und bete ich, dass Gott durch die nächsten MittwochsGedanken wieder wirkt. Und ich fange an zu überlegen, welches Bild es wohl werden könnte und was ich dazu schreiben möchte.

Doch am Ende werde ich mir wieder dessen bewusst, dass ich mir zwar lange Gedanken über meine Worte machen kann. Der, der durch sie wirkt, aber ist ein anderer. Und über ihn kann ich nicht verfügen und das ist gut so. So bleibt immer die Chance, dass er auch durch die holprigen, weniger gut gewählten Worte Großartiges wirken kann. Gott sei Dank!

Wie ist es bei dir? Hast du schon mal erlebt, dass Gott durch dich gewirkt hat, auch wenn du von deinem Reden und Tun gar nicht begeistert warst? Oder wo hast du ein solches Wirken schon einmal bei anderen erlebt?

PS: PastriXs MittwochsGedanken freuen sich immer über neue Leser. Melde dich doch einfach an. Wie? Das erfährst du am Ende der Seite in der mobilen Version oder in der rechten Spalte der Desktop-Version.

Was zählt?!

Woran misst sich der Erfolg einer Fresh Expression? Sind es die Zahlen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer? Wenn es nach der Vorstellung mancher geht, sind genau das die entscheidenden Kriterien. Doch wie soll eine Fresh Expression die Mitgliedszahlen einer etablierten Kirchengemeinde erreichen, wenn es noch nicht einmal eine offizielle Erfassung der Teilnehmer gibt – die meines Erachtens auch nicht Ziel und Zweck sein kann. Oder bemisst sich der Erfolg an den Zahlen der Teilnehmenden an den einzelnen Angeboten und lohnt es sich, für drei oder vier schon aktiv zu werden? Zum einen ist aller Anfang schwer und auch Jesus hat sich mit einer kleinen Zahl Jünger auf den Weg gemacht. Zum anderen ist so manche Veranstaltung in einer etablierten Gemeinde nicht besser besucht und wird dennoch angeboten.

Ich halte nicht viel von dieser Zahlenklauberei und weiß dennoch, dass sie vielleicht das einzige Mittel ist, nach dem sich Erfolg bemessen lässt. Letzterer ist aber notwendig, wenn es dauerhaft weitergehen soll und Finanzmittel bewilligt und zugewiesen werden sollen. Dennoch sind es andere Momente, die mich glauben lassen, dass gewollt ist, was geschieht. Das klingt kryptisch. Doch ein kleiner Einblick in „meine“ Fresh Expression macht vielleicht deutlich, was mich bewegt:

Die letzten Tage schien irgendwie alles schief zu gehen. Seit Tagen schon streikt die Heizung bei uns im TrafoHaus. Heute morgen lief uns dann auch noch das Wasser aus dem Kühlfach des Kühlschranks entgegen. Irgendwann letzte Nacht hat er seinen Dienst quittiert.
Was nun? Eigentlich sollte heute AbenteuerZeit sein – der Nachmittag für Kleine und Große mit viel Spiel und Spaß, Andacht und gemeinsamen Abendessen. Im kalten TrafoHaus heute unmöglich. Doch was sollen wir tun?

Irgendwann dann die Idee: wir versuchen es im RaumZeit-Laden. Ja, der ist von der Größe, der Ausstattung und der Beschaffenheit nicht optimal. Wir werden nicht alle Kreativangebote durchführen können. Es wird eng und laut werden. Doch wie schrieb eine Mutter: „Wenn wir AbenteuerZeit ausfallen lassen, haben wir hier Drama!“ Nicht nur für ihre Tochter ist AbenteuerZeit mittlerweile fester Bestandteil des Lebens. Sobald der neue Flyer erscheint, wissen alle, es geht wieder los. Also gingen wir heute Nachmittag das Wagnis ein.
Und dann zeigte sich: gerade die schwierigsten Situationen können zum Segen werden. Auf kleinstem Raum feierten wir AbenteuerZeit, dankten Gott, für alles, was er uns mit seiner Schöpfung geschenkt hat. In diesen Stunden war es besonders unsere Gemeinschaft, dass die Erwachsenen sich untereinander austauschen, die Kinder miteinander spielen konnten. Jede und jeder ist so willkommen, wie es ihn gerade zu uns hereinträgt. Das gemeinsame Essen ist da dann noch der krönende Abschluss und das Aufräumen im Anschluss für alle eine Selbstverständlichkeit.

Ja, es war wuselig und wesentlich lauter als sonst. Aber schon wenige Minuten nach Schluss werden per Nachrichtendienst die ersten Fotos und Nachrichten ausgetauscht. Alle sind sich einig: gut, dass wir es nicht ausfallen lassen haben. Es war ein wunderschöner Nachmittag.

Mitten in diesem so wuseligen, chaotischen Nachmittag war Gott da. Die Größe des Raumes, die Vielfalt der Angebote, die Zahl der Teilnehmenden war nicht von Bedeutung. Das, was zählte, war unsere Gemeinschaft und die Gemeinschaft mit Gott. So fühle ich mich heute Abend einfach nur gesegnet und kann die nächste AbenteuerZeit kaum erwarten. Hoffentlich dann aber wieder im TrafoHaus.

Wie wichtig sind dir die Zahlen oder woran bemisst du den Erfolg einer Gemeinde?

Lerne gehen, nicht laufen

Diesen Satz bekommt ein junger amerikanischer Pastor mit auf den Weg, als er im schottischen Hochland seinen Dienst antritt. Goldspeed heißt der Kurzfilm, in dem er und einige seiner Wegbegleiter von den Erfahrungen berichten, die er nach diesem Auftrag macht. Was heißt es zu gehen statt zu laufen? Was heißt das besonders in einer Welt, in der scheinbar alles auf maximale Geschwindigkeit ausgerichtet ist? Die Menschen in der Einsamkeit Schottlands lehren es ihn, dort, wo jeder Hof einen Namen hat und jeder die Geschichte des anderen kennt.

Es geht um Beziehungen und Begegnungen. Ein Büro hat der Pastor nicht. Dafür ist er auf der Straße unterwegs. Dort lernt er gehen, nicht laufen. Gehen, bei dem man wahrnimmt, gehen, bei dem man nicht auf ein bestimmtes Ziel drauf losläuft. Gehen, das zunächst einmal zweckfrei ist. Durch den Blick eines Schotten, der viel in der Natur unterwegs ist, lernt er die Wege zu begreifen, die Jesus ging. Anhand einer Landkarte in der Bibel und den Erfahrungen in Schottland werden Entfernungen und Geschwindigkeit begreifbar. Gottes Geschwindigkeit (godspeed) sind nicht die 6 km/h, mit denen wir zielstrebig auf etwas zulaufen. Es sind 3 km/h, die den Blick auf die Umgebung ermöglichen. Gehen, nicht laufen eben.

Auf diese Weise lernt der Pastor die Menschen und ihre Geschichten kennen. Er lernt ihre Sprache und Bilder und kann ihnen so vom Evangelium erzählen. Es entsteht eine Gemeinschaft, die sich nicht auf den Sonntagmorgen begrenzt, sondern alltagstauglich ist.

Doch was im schottischen Hochland so gut funktionierte, ist in der hektischen Welt der amerikanischen Stadt schon schwieriger. Dort geht niemand zu Fuß und klopft einfach an fremde Türen. Dort kennt nicht jeder die Geschichte des anderen. Dort ist eine Nachbarschaft nicht unbedingt eine Gemeinschaft. Das muss der Pastor erfahren, als er nach Jahren in seine Heimat zurückkehrt. Und doch sprechen auch dort die Menschen von ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft und gesehen werden. Deshalb will es der Pastor versuchen. Will auch dort gehen statt laufen.

Eine halbe Stunde Dokumentarfilm, die auch für die Kirchen in Deutschland eine Botschaft hat. Alltagstauglich sein, die Menschen und ihre Geschichten kennen, in Beziehungen oder Gemeinschaft mit ihnen leben sind meines Erachtens auch bei uns die Momente, in denen das Evangelium lebendig werden kann. Also lernt gehen, nicht laufen!

Übrigens: das englische Wort godspeed ist auch ein Segenswunsch, der einen positiven Ausgang der Vorhaben wünscht, besonders zu Beginn einer langen und gefährlichen Reise. In diesem Sinne wünsche ich der Kirche und euch: godspeed!

PS: Wer den Film selbst sehen möchte, findet ihn hier: godspeed

Weihnachten – aber wie?!

„Was macht ihr denn Weihnachten?“ In diesen Tagen begegnet mir diese Frage mehrfach am Tag. Für immer mehr meiner Gesprächspartner gehört der Gottesdienstbesuch nicht mehr selbstverständlich zum Festtagsprogramm dazu. Liegt es an einer schwindenden Frömmigkeit oder was sind die Gründe?

Heute morgen hatte ich in dem Café, in dem ich einmal die Woche sitze, mal wieder so ein Gespräch. Eigentlich ging es um betriebliche Weihnachtsfeiern und was dazugehört. Während eine Wichteln toll findet, empfindet die andere es als zusätzlichen Stress. Ich meinte scherzhaft, ob sie schon mal von Weihnachtscrashern gehört habe. Nach einer Diskussion darüber, ob man etwas crashen darf oder nicht, erzählte ich, dass ich manchmal den Impuls habe, traditionelle Weihnachtsgottesdienste zu crashen. Mein Motiv? Der geilste Geburtstag der Welt hat doch eigentlich die coolste Party der Welt verdient, oder? Mit diesem Satz hatte ich etwas ausgelöst. Sofort sprudelte es aus einer heraus: „Ja, so richtig fetzig mit Gospel und so!“ Eine andere meinte: „Und was zu trinken gibt’s auch!“ Und eine dritte sagte: „Wenn du das machst, dann komme ich auch.“

Es ist wohl nicht nur die nachlassende Frömmigkeit, die immer mehr Menschen Weihnachten ohne Gottesdienstbesuch feiern lässt. Auch unsere traditionellen, oft sehr besinnlichen und ernsten Formate an den Festtagen sind längst nicht mehr für jede und jeden passend. Ich frage mich, wie viele Menschen vielleicht nur noch in den Gottesdiensten an Heiligabend sitzen, weil sie die Familie nicht enttäuschen wollen oder sich einer Tradition verpflichtet fühlen, mit deren Form sie nichts mehr anzufangen wissen.

Ich erlebe, dass gerade zu Weihnachten Menschen noch über Kirche nachdenken – mehr als zu anderen Zeiten des Jahres. Müsste die Kirche dann nicht auch in dieser Zeit noch mehr über die Menschen in ihrer Nachbarschaft nachdenken und sie zumindest fragen, wie sie den Geburtstag desjenigen feiern wollen, der mit jedem einzelnen von ihnen feiern will? Stattdessen feiern wir ungefragt nach Abläufen und mit Liedern, die zahlreiche Menschen nicht mehr nachvollziehen oder singen können, die gerne mit uns den Geburtstag Jesu feiern würden.

Es täte unserer Gottesdienstlandschaft gut, neben den besinnlichen und traditionellen Angeboten mit den Menschen danach zu suchen und zu fragen, wie sie den geilsten Geburtstag der Welt feiern wollen. Weihnachten- aber wie? Ich habe mir vorgenommen, diese Frage im nächsten Jahr zu stellen und Weihnachten mit den Menschen so zu feiern, wie sie es sich vorstellen. Mein ganz persönliches Weihnachtsgeschenk für dieses Jahr habe ich dafür heute gleich mitbekommen. Eine fragte zum Abschluss unseres Gesprächs: „Wo bist du denn Heiligabend in der Kirche?“ Ich sagte ihr wo und sagte auch, dass es ein traditioneller Gottesdienst sei. „Aber du bist nicht so ernst, sondern ganz locker. Und deshalb komme ich vielleicht. Eigentlich gehen wir ja nicht in die Kirche.“ Das ist Weihnachten für mich – aber wie!

Berührt

Totensonntag oder Ewigkeitssonntag – oft stolpere ich in diesen Tag einfach hinein. In den Tagen davor ist so viel anderes los. So viel will schon für die Adventszeit, Weihnachten, sogar das neue Jahr bedacht werden.

Und dann ist er plötzlich da. Manchmal, wenn ich keinen Gottesdienst habe, merke ich es erst gegen Mittag oder Abend. Die Gräber der Menschen, die mir fehlen, sind weit weg. Dort fahre ich an diesem Tag selten hin, um Blumen abzulegen und Kerzen anzuzünden. Dann rauscht dieser Tag an mir vorüber. Dann lese und sehe ich zwar in den sozialen Medien Bilder und Texte zum Tag. Doch es sind nicht meine Toten, für die diese Kerzen brennen. Es bewegt mich, ich fühle mit, doch es wirft mich nicht aus der Bahn.

Bis heute morgen war es in diesem Jahr nicht anders. Das Wochenende habe ich mit tollen Menschen in einem Ferienhaus an der See verbracht. Wir haben gelacht, gelebt. Der Tod war zwar Thema, aber nicht so, dass er uns tief getroffen hätte. Heute morgen im Zug aber trifft er mich tief. Wie immer lese ich in den sozialen Medien. Bei Twitter erreicht mich die Nachricht, dass gestern Abend ein Mensch gestorben ist, den ich eigentlich gar nicht kannte. Doch ich bin ihr gefolgt. Seit einigen Wochen schon. Ich war eine von vielen und sie hat uns mitgenommen auf die Intensivstation, ins Hospiz und in ihre Gedanken. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht morgens schon geschaut hätte, ob sie gewittert hat. Es war so unglaublich berührend, wie sie in wenigen Worten zum Ausdruck brachte, was sie bewegt, berührt. Bis zuletzt waren da Träume, Wünsche, Hoffnungen. Ich spürte aber auch ihre Traurigkeit, vielleicht auch Verzweiflung. Und ich hatte Angst vor dem Moment, da irgendjemand schreiben würde, dass sie den letzten Weg gegangen ist.

Gestern Abend ist es geschehen, am Abend des Ewigkeitssonntags, der in diesem Jahr mehr an mir vorbei rauschte als alles andere. Heute morgen im Zug las ich die Nachricht. Ihr Bruder hat sie geschrieben. In ihrem Namen. Sie traf mich tief. Die Tränen flossen und ich schämte mich ihrer nicht. Nur für wenige Wochen gehörten die Worte dieser jungen Frau zu meinem Leben. Aber sie werden immer einen Nachhall in meinem Leben haben. Sie haben mich berührt. Immer und immer wieder. Ich bin unendlich dankbar dafür.

In der Bahn lese ich noch einmal ihre Worte und die Tweets der vielen Menschen, die sie berührt hat wie mich. Immer mehr schreiben von ihrer Trauer über ihren Tod, wünschen der Familie Kraft und Segen. Ich schreibe diese Worte, um meine Trauer in Worte zu fassen, sie zu fassen zu bekommen. Dabei habe ich die junge Frau gar nicht persönlich gekannt, nur ihre Worte im Netz.

Heute morgen ist es für mich kaum greifbarer als in ihrem Leben und Sterben und der Anteilnahme der vielen anderen, was Netzgemeinde bedeutet. Dass sie nicht anonym, künstlich ist. Sie ist zutiefst menschlich. Sie hat mich berührt. Spuren in meinem Leben hinterlassen. Mir bleibt nur ein Wort: Danke!