Aus dem Pioniertagebuch – Seite 1

Nun hat sie also angefangen, die Pionier-Weiterbildung. Auf Facebook hatte ich ja schon darauf hingewiesen. Auch hatte ich dort gepostet, dass jeder Teilnehmer zu Beginn ein Pioniertagebuch erhalten hat. Dort kann hineingeschrieben werden, was man behalten möchte, was einen angeregt hat, was Fragen sind oder was sonst noch bewegt. Aus meinem Tagebuch möchte ich euch regelmäßig berichten. Damit der Überblick nicht verloren geht, zähle ich die Beiträge einfach nach Seiten, auch wenn sie manchmal mehr als eine Seite umfassen.

Genug der Vorrede: Ich schlage Seite 1 auf. Leer lag sie zunächst vor mir. Doch dann ging es irgendwie gleich ans Eingemachte. Alle Teilnehmer der Weiterbildung wurden sogleich als Pionierinnen und Pioniere bezeichnet. Ich schreckte innerlich ein wenig auf. Denn die Frage, ob ich eine Pionierin bin, schwelt noch immer in mir. Eine Antwort wollte ich ja gerade hier finden. So passte es ganz gut, dass der gesamte Einstieg der persönlichen Klärung dienen sollte, was ein Pionier- eine Pionierin ist, was sie ausmacht und wie man diese Frage für sich selbst beantwortet.

Was also ist eine Pionierin? Einige Gedanken sind hängen geblieben: Pioniere sind als erstes vor Ort. Pionierin zu sein heißt, losgehen, erste Schritte wagen. Pionier sein führt auch in die Einsamkeit. Pioniere können alt und jung, introvertiert und extrovertiert, hauptamtlich oder ehrenamtlich sein. Es gibt keine festgeschriebenen Voraussetzungen außer vielleicht eine Unruhe im Inneren des Pioniers, ein Gefühl des Nicht-Hinein-Passens. Letzteres als Gabe Gottes zu verstehen, finde ich herausfordernd. Bisher strebte ich immer danach, endlich mal so richtig dazuzugehören. Doch diese Gabe kann Fluch und Segen, Last und Lust zugleich sein. So gehen Pioniere mit den Prägungen aus Kultur und Biographie in ihrer Heimat im Gepäck, um das Evangelium, dass sie in sich tragen, in einer anderen Kultur mit anderen Biographien ins Gespräch zu bringen. Dazu muss man den eigenen Standpunkt kennen. Eine Pionierin ist eine Wanderin zwischen den Welten.

Wanderin zwischen den Welten – so fühlte und fühle ich mich oft. Sei es als Arbeiterkind an einem altsprachlichen Gymnasium in einer „Ärtze- und Juristenstadt“, sei es als Kirchen-Nerd zwischen den Golfspielern auf dem Grün oder als junge Pastorin in einer Gemeinde, in der der Lieblingssatz lautete „Das machen wir seit 30 Jahren so.“ Man könnte also fast sagen, dass ich im Wandern zwischen den Welten geübt bin. Das Gefühl nicht Hineinzupassen ist immer wieder Teil meines Lebens gewesen. Allerdings ist es irgendwie nicht das, was mich momentan motiviert. Es ist eher diese Unruhe in mir, die ich manchmal nicht erklären, in Worte fassen kann. Es ist das Gefühl, dass ich nicht ganz da, vor Ort bin, dass irgendwas im Bauch grummelt. Dieses Gefühl treibt mich an, denn auch ich möchte mich gerne wohlfühlen, wo ich bin. Vielleicht ließe es sich auch als die Sehnsucht nach meinem Paradies beschreiben, nach der für mich perfekten Lebenssituation. Dazu gehört auch mein Traum von Kirche, den wir heute zwischen Playmobil und Lego, zwischen Buntstiften und Playdoo in Sichtbares umsetzen sollten.

Wenn dieses Gefühl da ist, dann mag ich aktiv werden. Dann blitzen Ideen in mir auf, dann entwickeln sich Visionen, die immer auf die eine hinauslaufen – ein für die Welt relevantes, fröhlich gelebtes Christentum. Ich glaube daran, dass es möglich ist, dass Gott längst am Werk ist. Dann, wenn die Unruhe in mir aufsteigt, dann will ich handeln, losgehen, loslegen – mitbauen an dem, was Gott längst begonnen hat.

Wenn es das ist, was eine Pionierin ausmacht, dann bin ich eine. Das ist mir heute klar geworden. Damit ist mir der Begriff Pionier allerdings noch nicht sympathischer geworden. Ich habe den Eindruck, dass er vor allem der Beschreibung und Abgrenzung von schon bestehenden Aufgaben und Tätigkeiten in der Kirche dient. Ich frage mich aber, ob nicht in jedem, der in der Kirche und der Welt unterwegs ist, diese Unruhe wirken sollte, bis wir den Himmel auf Erden haben. Deshalb möchte ich lieber von der Gabe der Unruhe oder des Nicht-Hinein-Passens sprechen, die sich in die Reihe der anderen Gaben, der des Leitens, des Visionierens, der Seelsorge, des Lehrens …, einreiht.

Wie ich diese Gabe zum Ausdruck bringe, umsetze, ist wohl die nächste große Herausforderung, vor der ich nun stehe – und mit mir all die anderen, die das Gefühl haben, ihrer Unruhe Ausdruck verleihen zu wollen. Es sind noch viele Seiten im Pioniertagebuch frei – ich bin gespannt, wie sie gefüllt werden.

Bis ich die nächste Seite des Tagebuches aufschlage, würde ich gerne wissen, wie es euch geht mit dem Gefühl der Unruhe oder des Nicht-Hinein-Passens. Hinterlasst doch einfach einen Kommentar.

One comment

  1. Dirk says:

    Liebe Sabine,
    die Ambivalenz zwischen dem Gefühl, „das geht was“ und dem „ich laufe Gefahr, damit die ‚Gruppe‘ zu verlassen“, ist mir nur zu vertraut. Ich glaube auch, dass es das gibt, dass die „Pioniere“ aus dem, was ich hier verkürzend ‚die Struktur‘ nennen möchte, ausgegrenzt werden – also aktiv (wenn auch subtil), weil sie/wir auch Gefahr bedeuten, für eine bestimmte Art von Performanz und Selbstverständnis.
    Und darum bin ich so froh, dass sich dank der modernen Kommunikationsmöglichkeiten diese Leute, zu denen ich auch Dich und mich zähle, mttlerweile besser vernetzt sind und auf eine, wenn auch eher lose Art, Gemeinschaft und Netzwerk bilden. Das ist für mich Teil der Wirksamkeit Gottes.
    Aber natürlich bleibt da dieses Unbehagen, das auch bei mir immer wieder auftaucht. Und heute laß ich nun einen Beitrag von Beth Honey (schöner Name!) in „Pioneering Spirituality“, die ein sehr ähnliches Projekt betreibt, wie Du es begonnen hast. Sie brichtet von einer Pilgerfahrt durch Irland, zieht Parallelen zwischen den Mönchen des keltischen Christentums, ihren Missionaren und Pilgern und ihrer eigenen Arbeit.
    In der keltischen Tradition habe es wenig „Märtyrertum“ gegeben und die Mönche hätten sich stattdessen selbst ausgesetzt (Ausgesetztsein ist ja auch das Großthema von Birgit Mattausch).
    Die Mönche suchten aus ihrem relativen Komfort der Gemeinschaften immer wieder neue Wege. Entweder in Gegenden, wo das Christentum noch nicht zu Hause war (white martyrdom) – oder in die Einsamkeit (green martyrdom).
    Und nachdem ich mich schon gestern den ganzen Tag mit Deinem Thema der Gabe des Nichthineipassens als „Fluch und Segen zugleich“ befasst habe, schien mir dieser Beitrag eine Antwort zu geben.
    Nach Erkenntnis von Beth Honey sei das Gefühl des Ausgesetztseins der Preis für die andere Seite der Medaille. Sie gibt diesem Gefühl in ihren Gedanken aber einen Sinn, den sie über das „white martyrdom“ definiert. Das Ausgesetztsein und die damit verbundenen Gefühle sind demnach der Veränderungsraum, den Gott nutzt (unsere Schwäche, so verstehe ich es), um zuerst uns (den Pilger) und dann die Umgebung (die anderen Menschen) zu verändern. Und zwar genau in dieser Reihenfolge.
    Das erinnerte mich an einen betonten Satz aus dem Fresh-X-Kurs, der eigentlich eine Allerweltsweisheit ist, nämlich dass Krisen die Zeit der Veränderung sind. Mir gefällt dieses Bild der Pilger für das Pioniertum. Und ich glaube so bekommt das Wort PionierIn eine andere Klangfarbe. Vielleicht hilft es Dir weiter, was ich hoffe.

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