Monat: Januar 2020

Ungewöhnlich oder nur ungewohnt?

Ein Schauspieler ist gestorben. Von vielen wurde er Volksschauspieler genannt. Auch er selbst sprach so von sich. Er war noch nicht alt, doch er war krank. Er hat mit seinem Tod gerechnet und schon vor langer Zeit seine Wünsche für seine Beerdigung öffentlich geäußert. Gestern nun fand sie statt. Millionen Menschen nahmen Anteil und verfolgten auf Leinwänden vor Ort oder am Bildschirm die Trauerfeier im Michel. Die Glocken zum Auszug aus der Kirche läuteten noch, da sprachen Kommentator*innen schon von einer ungewöhnlichen Trauerfeier. Doch war sie das wirklich?

Ich habe diesen Schauspieler gemocht. Ich habe seine Filme und Serien geschaut, manche auch immer wieder. Ich mochte seine direkte Art und seine „Kodderschnauze“. Sie liegen mir, denn wie er bin auch ich eine Norddeutsche. Also habe ich auch die Übertragung der Trauerfeier verfolgt. Ungewöhnlich oder eher für viele ungewohnt? Der Schauspieler hat sie sich gewünscht, die Trauerfeier in seiner Kirche, in der er getauft und konfirmiert wurde, in der er heiratete und seine Mutter Tanzunterricht gab. Der Hauptpastor im Talar hielt die Trauerfeier. Er eröffnete sie mit biblischem Votum und Begrüßung. Es folgten Gebet und Lesung, Predigt mit biografischen Anklängen, Abschied mit Gebet, Vaterunser und Segen. Ich könnte die Agende für Bestattungen (das Buch, in dem Vorschläge für den Ablauf einer Trauerfeier und Beerdigung festgehalten sind) aufschlagen und es wäre genau so dort nachzulesen. Nicht nur das. Viele der Formulierungen beginnend bei der Eröffnung der Trauerfeier bis hin zur Abschiedsformel wären dort ebenso nachzulesen. Ich selbst konnte sie auswendig mitsprechen und mein Mann neben mir kam ins Schmunzeln. Auch die Texte, Psalm 139 oder 1. Kor 13, waren für eine Trauerfeier wenig ungewöhnlich. Wohl eher ungewohnt für ein Millionenpublikum, das den Besuch von Trauerfeiern nur selten aus eigener Erfahrung kennt.

Vielleicht die Musik. Der Schauspieler selbst war zu hören mit einem seiner bekanntesten Lieder und einem Lied, das er für seine Frau geschrieben hat. Daneben die Titelmusik seiner bekanntesten Fernsehserie, Knocking on Heavens Door,  Deep Purple und nicht zu vergessen: die Hamburger Hymne „An de Eck steiht n Jung mit nem Tüddelband“. Wenig ungewöhnlich für die Besucher dieser Trauerfeier. Der Verstorbene bezeichnete sich selbst als Rocker. Diese Musik gehörte zu seinem Leben. Zahlreiche Weggefährten waren anwesend. Auch sie vertraut mit diesen Liedern. Ungewohnt waren diese Stücke für sie nicht. Ungewöhnlich für sie wohl eher an diesem Ort, wo man sie nicht erwartete. Mit Kirche verbinden die meisten andere Musik. Ungewohnt und ungewöhnlich war sie wahrscheinlich für die kirchlichen Hausherren, die in ihren Gottesdiensten  eher selten diese Musik spielten. Umso großartiger, dass der Organist sie virtuos auf einer der drei Orgeln der Kirche spielte. In der Auswahl der Musik wurde für mich deutlich, dass hier zwei Welten aufeinander trafen, die oft einander gegenüber gestellt werden. Die schillernde Welt des Films und der Schauspielerei und die schlichte Welt der Kirche. Sie trafen sich in einer besonderen Kirche in Hamburg, so wie es sich der Verstorbene gewünscht hatte. Und sie trafen sich in einem Kirchenlied, das sich der Verstorbene ebenfalls gewünscht hatte „Geh aus mein Herz und suche Freud´“. Und es ging gut. Es war angesichts all der Trauer auch ein Fest, nicht nur weil der Verstorbene an diesem Tag auch Geburtstag gehabt hätte. Es war eine Trauerfeier, die vielen in Erinnerung bleiben wird. Eine Trauerfeier, bei der die eine oder der andere denken mag, so soll es bei mir auch einmal sein. Entschuldigt den Ausdruck, aber für mich war es die beste Werbung für kirchliche Trauerfeiern, die Kirche passieren konnte.

Für mich war es eine Trauerfeier, die zeigte, dass die Lebenswelt des Verstorbenen und die Lebenswelt der Kirche in Einklang zubringen sind. Die eine spiegelte sich in der anderen wider. Sie gingen eine Verbindung ein und brachten so mehr zum klingen als jede einzelne es sonst gekonnt hätte. Vielleicht verlieren die Menschen dann die Scheu vor kirchlichen Trauerfeiern. Vielleicht wagen sie dann das Gespräch über ihre Wünsche mit ihren Angehörigen oder einer Person aus der Welt der Kirche. Am besten noch zu Lebzeiten. Dann kann einiges miteinander besprochen und geplant werden. Ich bin mir sicher, es finden sich Wege, wie das eine mit dem anderen in Einklang und zum Klingen gebracht werden kann. Und ja, auch ich habe mit meinem Mann schon über meine Trauerfeier gesprochen. Auch bei mir wird „Geh aus mein Herz“ gesungen werden und ganz viel Punkrock zu hören sein – und wenn nicht von der Orgel, dann doch wenigstens vom Band. Denn auch meine Lebenswelt besteht aus anderer Musik als den geistlichen Gesängen und Chorälen meiner Kirche…

Also: Wie sehen Eure Wünsche für Eure Trauerfeier aus?

 

Wenn mir die Worte fehlen…

Vor wenigen Stunden ging es durch die Medien. Der Ratsvorsitzende der EKD erhält Morddrohungen, weil er sich für die Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen einsetzt. Empörung, Entsetzen sind die weitläufigen Reaktionen darauf. Mir fehlen einfach nur die Worte. Ist es nicht mehr möglich, unterschiedliche Meinungen und Standpunkte zu vertreten? Muss man oder frau gleich mit dem Allerschlimmsten drohen, wenn das Gegenüber etwas sagt, was nicht der eigenen Meinung entspricht? Haben wir mittlerweile alle Hemmungen verloren, was den Umgang miteinander angeht? Oder geschieht so etwas, weil man sich nicht persönlich gegenübersteht, wenn solch ein Brief verschickt wird? Mich macht es einfach nur sprachlos. Doch ich ahne, dass die Anfänge dieses Umgangs miteinander schon an anderer Stelle zu suchen sind.

Vor einiger Zeit hörte ich zwei Kolleg*innen miteinander diskutieren. Den Inhalt der Diskussion weiß ich schon gar nicht mehr. Doch irgendwann fielen Sätze wie „Das ist doch totaler Quatsch!“ und „Du hast doch keine Ahnung!“. Oder eine Diskussion zwischen sich selbst als Christen bezeichnenden Personen im Internet. Es geht um eine politische Entscheidung unserer Regierung, die von den an der Diskussion Beteiligten gänzlich unterschiedlich beurteilt wird. Innerhalb weniger Sätze kommt es zu wüsten gegenseitigen Beschimpfungen. Ich könnte noch zahlreiche solcher Szenen benennen. Immer häufiger geschieht dies auch in Diskussionen über Themen des Glaubens. Immer häufiger greifen sich die Personen dabei sehr persönlich an. Mich macht das einfach nur sprachlos. Mitdiskutieren mag ich schon lange nicht mehr. Bin immer weniger in Diskussionen aktiv. Doch das ist auch keine Lösung. Einfach stehen lassen mag ich diese Form des Diskutierens miteinander auch nicht.

Es ist doch normal, dass man unterschiedlicher Meinung ist. Es ist normal, dass man darüber auch mal heftiger diskutiert. Doch es ist nicht normal, dass diese Diskussionen immer häufiger nach wenigen Sätzen in persönlichen Angriffen gipfeln, die sich noch gegenseitig zu überbieten versuchen. Gerade vor dem Hintergrund, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat – „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ oder „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ – wünschte ich mir, dass gerade Christen einen Unterschied machen würden. Oft rutscht uns so manches an Unflätigkeiten einfach raus. Auch ich ertappe mich dabei immer wieder. Schließlich sind auch Pastor*innen nur ganz normale Menschen. Doch vielleicht würde es etwas ändern, wenn ein Unterschied spürbar würde. Ich jedenfalls habe für das nächste Jahr einen Vorsatz gefasst. Auch wenn ich sonst von diesen Vorsätzen für das neue Jahr nicht wirklich viel halte. Aber das vor mir liegende Jahr will ich nutzen, die Worte, die ich sage, und die Sätze, die ich schreibe, zu prüfen, ob sie den Worten Jesu standhalten. Würde ich sie mir gerne sagen lassen? Entsprechen sie der Liebe zu mir selbst? Ich hoffe, dass ein Unterschied spürbar wird, denn ich glaube daran, dass viele kleine Unterschiede etwas verändern können. Und ein wenig mehr Respekt im Umgang miteinander können wir alle gut vertragen. Also vielleicht magst Du Dich meinem Vorsatz ja anschließen und am Ende des Jahres ziehen wir dann gemeinsam Bilanz.