Monat: April 2019

Gartenzwerggedanken

Ich hab den Gartenzwerg in London gefunden. Auch wenn er schon etwas in die Jahre gekommen ist, steht er in der Nähe des Columbia Road Flower Markets doch goldrichtig. Wenn ich hier so durch die Straßen wandere, denke ich viel über Kultur und Tradition nach. Da musste das Bild vom Gartenzwerg einfach mit, ist er doch oft ein Symbol für eine bestimmte Kultur in Deutschland. Hier stand er in einem angesagten Hinterhof mit Mode, Kunst und Coffeeshop. Wie gegensätzlich das doch ist…

Und dann laufe ich an alten, fast baufälligen Kirchen vorbei und mir schallt fröhliche Musik entgegen und an der Tür werde ich freundlich eingeladen hineinzukommen. Dabei kommen mir Gedanken an Kirchen in Deutschland, gut ausgestattet, sehr gut gepflegt, aufgeräumt und der Begrüßungsdienst gut geschult. Aber das Leben fehlt.

Selbstverständlich weiß ich, dass diese Beschreibung klischeehaft ist, dass es auch in Deutschland und England andere Kirchen und Gemeinden gibt. Aber es erinnert mich an einen Satz, den ich vor ca. zehn Jahren einmal in England gehört habe: „In Deutschland sind eure Kirchen noch zu reich. Es besteht gar keine Notwendigkeit, dass ihr handelt und über andere Wege nachdenkt.“ In diesen Worten und in den Begegnungen in England und in Deutschland liegen für mich alte Weisheiten und Mutmachendes dicht beieinander. Zum einen bringen gut sanierte und gepflegte Kirchen nicht mehr Menschen in die Kirche, auch wenn ich mich freue, dass Kirchen und Gemeinden diese Arbeit noch immer leisten können. Zum anderen zeigt es, dass auch ohne viel Geld Großartiges entstehen und wachsen kann. Auch in Zeiten sinkender Finanzen können Gemeinden wachsen oder sogar entstehen. Das ist so ein bisschen wie mit dem Gartenzwerg. Er zählt nicht zu den schönsten, ist nicht gerade groß und doch mehr oder weniger weltberühmt, was mit der Liebe und Hingabe einiger Menschen an dieses Gartenaccessoire zu tun hat.

Liebe und Hingabe – es ist die Haltung, die etwas verändert. Sicher, innovative Projekte und Veranstaltungen rufen sehr viel Aufmerksamkeit hervor. So manch eine*r mag dabei denken: „So kreativ oder innovativ bin ich nicht!“ Doch das ist nicht das Entscheidende. Es ist die Haltung gegenüber den Menschen. Was sie auszeichnet? Liebe und Hingabe zu Christus und den Menschen. Bereitschaft, das Leben der Menschen mit ihnen zu teilen, von ihnen zu lernen. Offenheit, zu entdecken, wo Gott längst bei den Menschen am Werk ist. Manchmal möchte ich es einfach mit einem Satz zusammen fassen: geht mit offenen Augen und mit Liebe im Herzen durch die Welt!

Neue Reformator*innen gesucht

Ich habe es getan. Ich habe Erik Flügges neues Buch „Nicht heulen, sondern handeln“ gelesen. Das ging auch recht schnell, denn die Schrift ist groß gehalten und der Umfang hält sich ebenfalls in Grenzen. Und gleich vorab: das Buch hinterlässt bei mir eine gewisse Zerrissenheit. Ich kann nicht sagen, ob ich es gut oder schlecht finde, den Thesen zustimme oder sie ablehne. Einiges aber nehme ich mit zum Nachdenken und Weiterverfolgen. Anderes hinterlässt bei mir den Geschmack bewusster Überspitzung.

Erik Flügge legt den Finger in die Wunde des Protestantismus. Die Gottesdienste werden landauf landab nur noch von wenigen Menschen besucht. Das hinterlässt Fragen, die Flügge in der These zuspitzt, dass der Gottesdienst tot und nicht wiederzubeleben sei. Mir stellt sich allerdings die Frage, ob Gottesdienst nur jene Veranstaltung am Sonntag Morgen um 10 Uhr in der Kirche ist. Schaut man nur auf diese, dann hat Flügge nicht so unrecht. Aber ist Gottesdienst nicht mehr? Besteht Gottesdienst wirklich nur aus der Predigt, die von Erik Flügge ebenso scharf kritisiert wird, oder kann Gottesdienst nicht auch etwas ganz anderes sein? Gottesdienst als Zusammenkommen von Menschen, die gemeinsam Gott feiern, auf ihn hören, zu ihm beten, von ihren Erfahrungen mit ihm berichten wollen? Ist das nicht auch Gottesdienst? Und das gibt es zahlreich und in unterschiedlichen Formen und an unterschiedlichen Orten sehr erfolgreich.

Damit verbunden ist eine zweite Kritik Flügges. Der Protestantismus habe die Menschen so weit in die Selbständigkeit geführt, dass es das Gemeinschaftserlebnis nicht mehr brauche. Spiritualität und Glauben könnten von jedem Einzelnen individuell und alleine erfahren werden. Ja, die eigene Spiritualität, z.B. das eigene Gebet auch in der Einsamkeit, sind wichtige Erfahrungen des Menschen. Zwingend notwendig ist die Begegnung mit anderen sicher nicht. Aber sie bereichert den eigenen Glauben, lässt neue Impulse bzw. Inspirationen zu. Die Menschen suchen von sich aus die Gemeinschaft, um neue Erfahrungen zu machen. Das muss nicht unbedingt die Gemeinschaft in Form einer Gottesdienstgemeinde am Sonntag Morgen sein, aber ohne scheint es auch nicht zu gehen, wie Flügge selbst andeutet, indem er schreibt: „Und im Laufe der Zeit werden Menschen zu Ihnen kommen und Sie bitten, mit ihnen zu beten. (…) Dann ist Gottesdienst mehr als eine Routine. Er ist zum Wunsch geworden.“ An dieser Stelle stimme ich ihm zu. Gottesdienst sollte Wunsch und nicht Routine sein, wobei Routinen gerade in Krisenzeiten tragen können. Aber als dauerhaftes routiniertes Abspulen von Traditionen fehlt ihm das, was die Menschen zum Gottesdienst kommen lässt.

Spannend finde ich die Thesen zur Schrift und zu den neuen Prophet*innen, die der Protestantismus braucht. Wobei ich mich frage, ob nur der Protestantismus sie braucht und nicht der Katholizismus auch. Nach aller historisch-kritischen Forschung wissen wir heute, „dass der Text der Bibel weit weniger heilig ist, als diejenigen dachten, die ihn erstmals übersetzten“, schreibt Flügge und legt im Anschluss dar, wie groß der Graben zwischen der Welt der Bibel und der Welt, in der wir heute leben, ist. Die Bibel habe für die Menschen heute ihre Relevanz verloren und müsse fortgeschrieben werden. Ob damit verbunden der alte Text in die Ecke gelegt werden kann, denke ich nicht. Denn schon die alten Fortschreibungen, auch bibelintern, bezogen sich schon immer auch auf den vorhandenen Text. Aber dass es eine gute Fortführung der Theologie braucht, das denke ich auch. Viel zu viel haben wir uns in Formalitäten und Äußerlichkeiten verloren. Allerorten wird über die Form von Gottesdiensten und Gemeindearbeit diskutiert. Der Inhalt gerät dabei selten in den Blick. Dieser aber muss relevant für die Menschen werden, damit sie sich damit auseinander setzen. Das wird er nicht durch eine andere Gottesdienstzeit oder -form, sondern indem Menschen erleben, wie er heute noch etwas für ihr Leben zu sagen hat. Deshalb gefällt mir auch der Gedanke Flügges die neuen Prophet*innen betreffend so gut.

Mit der Fortschreibung der Schrift ist m.E. untrennbar verbunden, dass es Menschen gibt, die mit pointierten Positionen und Thesen für die Kirche richtungsweisend werden können. Eine Fortschreibung der Schrift im Sinne der Relevanz ist sicher nicht mit Konsenspapieren zu erreichen. Es braucht Menschen, die streitbar sind, die Menschen zum Zuhören und Nachdenken anregen, die auch Aufmerksamkeit erregen. Ohne Provokationen, Überspitzungen und steile Thesen gibt es keine Weiterentwicklung. Dies zuzulassen, den Denker*innen den Freiraum zu lassen, ist die Herausforderung, vor der die kirchlichen Institutionen stehen. Denn das, was dann entsteht, könnte auch unangenehm für die Institution sein. Die zahlreichen Reaktionen auf Erik Flügges Bücher sind ein gutes Beispiel dafür. Ob es dafür aber das gewählte Prophet*innenamt braucht, bezweifle ich. Darin sehe ich mehr die Gefahr der erneuten Institutionalisierung und Abhängigkeit von anderen. Auch der vielzitierte Luther war nicht in das Amt des Reformators gewählt worden, sondern hat sich diesen Freiraum genommen. Diesen Freiraum zu bekommen, ihn leben und nutzen zu dürfen und nicht in Paragraphen und Vorschriften zu ersticken, wäre schon ein Anfang. Noch wichtiger wäre aber, die Ergebnisse wahrzunehmen und sich mutig an ihre Umsetzung zu wagen.

Der Bibel zu Relevanz im Leben der Menschen zu verhelfen, ist der entscheidende Schritt. Alles andere, wie Gemeinschaft zwischen Menschen und Gottesdienste wie gewünscht, ergibt sich dann wie von selbst. Mit dieser These schließe ich meine Gedanken zu Erik Flügges Buch und bin gespannt, ob ihr es auch schon gelesen habt und was eure Gedanken dazu sind. Hinterlasst sie doch einfach in den Kommentaren.

Erschrocken…

Was mich gerade erschreckt? Was mich sprachlos macht? Und auch ein bisschen wütend?

Vor zwei Tagen wurde die Kathedrale Notre-Dame in Paris durch ein verheerendes Feuer schwer beschädigt. Tausende Menschen standen fassungslos am Ufer der Seine und sahen zu, wie hunderte Feuerwehrkräfte versuchten, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Sie weinten. Sie beteten. Sie hofften. Seit gestern Mittag finden sich im Internet, in den Zeitungen und im Fernsehen Bilder davon, wie die Kirche nach dem Brand aussieht, davon, was im Innenraum zerstört und erhalten ist. Auch in den sozialen Medien wird darüber diskutiert.

In diese Diskussion mischen sich Bilder oder besser Vergleiche mit hungernden Kindern. Mit diesen Bildern werden die bereits öffentlich gewordenen Spender und mit ihnen alle, die sich für den Wiederaufbau einsetzen, quasi der Unmenschlichkeit angeklagt. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie sich lieber für tote Steine als für lebende Menschen einsetzen. Dass hungernde Kinder nicht so wichtig sind wie eine Kirche, mit der man auf Grund des Tourismus Geld verdienen kann.

Doch so einfach ist das nicht und deshalb machen mich diese Vorwürfe nicht nur sprachlos, sondern auch wütend. Zum einen kennt niemand die Beweggründe der einzelnen Menschen, die sich schon jetzt für den Wiederaufbau einsetzen. Vielleicht verbinden sie sehr persönliche Erinnerungen, Erfahrungen, Begegnungen mit Notre-Dame. Vielleicht sehen sie in dieser Kirche mehr als ein bloßes Gebäude aus Stein. Vielleicht gibt es aber auch noch ganz andere Gründe. Fakt ist, dass mit der Zerstörung eines Gebäudes mehr zerstört wird als nur ein Konstrukt aus Holz und Stein. Es geht z.B. ein Stück Geschichte verloren. Bei Notre-Dame sogar ein Stück Geschichte einer Nation. Es geht auch ein Stück Identifikation verloren. Das gilt nicht nur für eine Kathedrale wie Notre-Dame. Das gilt auch für die kleine Dorfkirche, was übrigens beim Umzug der recht unscheinbaren Kirche von Heuersdorf in Sachsen nach Borna vor etwas mehr als zehn Jahren deutlich wahrzunehmen war. Gerade Kirchen sind mehr als einfache Konstrukte aus Stein. Das durfte ich selbst erfahren, als ich eine Kirche entwidmet habe, die verkauft wurde. Während des letzten Gottesdienstes waren zahlreiche Menschen gekommen, die sehr persönliche Erinnerungen an dieses Haus, besonders aber an die Begegnungen und Erfahrungen in diesem Haus hatten. Da war die Tochter eines Mannes, der das Dach der Kirche gebaut hatte. Da waren Menschen, die die Kirche gelöscht hatten, als sie vor vierzig Jahren in Brand geraten war. Da waren Menschen, die in dieser Kirche getauft, konfirmiert, getraut worden waren. Nicht wenige von ihnen hatten Tränen in den Augen, einige weinten offen, als wir das letzte Mal die Kirchentür schlossen. Sie alle hätten die Kirche lieber erhalten und einige wohnen heute darin, denn sie wurde zu einem Wohnhaus umgebaut.

Kirchen sind mehr als bloße Konstrukte aus Holz und Stein. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass direkt nach Bekanntwerden der Brandkatastrophe von Notre-Dame Menschen bereit waren zu spenden, um die Kirche wieder aufzubauen, um sie zu erhalten. Das hat aber nichts damit zu tun, dass diese Menschen unmenschlich sind und für die „hungernden Kinder in Afrika“ nicht spenden würden. Vielleicht haben sie es längst getan und wir wissen es nicht. Denn das eine schließt das andere nicht aus. Es sind einfach unterschiedliche Beweggründe, die die Menschen zum spenden animieren. Außerdem rufen aktuelle Ereignisse und Dinge, zu denen man eine sehr persönliche Verbindung hat, immer mehr spontane Hilfe hervor als Dinge, an die man sich längst gewöhnt hat. Der Tsunamie mit seinen verheerenden Auswirkungen hat übrigens auch sofort die Hilfsbereitschaft von Millionen an Menschen aktiviert und da ging es nicht um „tote Steine“. Die langfristigen Hungerkatastrophen, z.B. die, die gerade in Mozambique droht, brauchen genauso viel Unterstützung wie aktuelle Ereignisse. Die Menschen dort dürfen nicht vergessen werden. Aber ihr Leid gegen das anderer Menschen, das sicher ganz anders geartet und nicht miteinander zu vergleichen ist, aufzuwiegen, kann nicht der Weg sein. Es ist genug Geld vorhanden, um beide Notlagen zu unterstützen. Davon bin ich überzeugt.

Statt also gegen die zu hetzen, die gerade für den Wiederaufbau spenden, wäre es angebrachter, die Hunger- und Naturkatastrophen im Bewusstsein der Menschen zu halten, damit auch dort weiterhin geholfen werden kann. Vielleicht ist es möglich, sich selbst dafür einzusetzen, selbst für diese Zwecke zu spenden. Oder auch am eigenen Verhalten etwas zu ändern, denn dieses Leid resultiert leider viel zu oft aus dem Leben der Industrienationen auf Kosten anderer. Aber es bringt nichts, das Leid der einen gegen das der anderen aufzuwiegen. Letztendlich entscheidet jeder und jede selbst, für was sie oder er sich einsetzen mag. Hauptsache ist, man engagiert sich überhaupt irgendwo. Damit wäre schon vielen in dieser Welt geholfen.

Wo bist du aktiv? Für was setzt du dich ein?

Ein Jahr…

Ein Jahr PastriXs MittwochsGedanken liegt hinter mir. Ein Jahr ein Bild und ein kurzer Gedanke am Mittwoch Morgen. Ein Jahr immer wieder etwas Neues finden und formulieren.

Entstanden sind die MittwochsGedanken, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, der Blog braucht auch eine spirituelle Dimension. Etwas, was noch einmal in anderer Form dazu anregt nachzudenken, Gott im Alltag zu finden. Dabei stand für mich gleich fest, dass das kein regelmäßiger Blogbeitrag sein könnte. Kurz, prägnant, in einer kleinen Pause lesbar und unterwegs verfügbar sollte es sein. Ich dachte darüber nach, was ich gerne hätte, was in meinen Alltag passen würde. Immer dabei ist das Handy und damit ein Nachrichtendienst. Wenn es pingt, dann weiß ich, es ist etwas für mich angekommen, denn diesen Benachrichtigungston hat nur dieser Nachrichtendienst. Dann ist es keine Werbung, keine andere Social Media App mit mehr oder weniger wichtigen Informationen. Dann ist es wirklich für mich. Da wollte ich hin mit meinen Gedanken. So waren PastriXs MittwochsGedanken geboren.

Seit einem Jahr gibt es Menschen, die sie lesen. Dem Medium geschuldet kenne ich die meisten nicht. Klar, ein paar Freunde und Verwandte lesen mit. Aber von den meisten kenne ich nur die Telefonnummer, mit der sie sich angemeldet haben. Wenn ich dann irgendwo mit Menschen über Gott und die Welt rede, frage ich mich manchmal: „Bekommt er oder sie vielleicht die MittwochsGedanken?“ Manchmal verrät sich jemand, indem sie von einem der Bilder erzählt. Manchmal sagt auch jemand zu mir: „Ich lese ja Mittwoch von dir.“ Dann bin ich oft überrascht und manchmal auch perplex und oft leider nicht spontan genug zu fragen, was eigentlich an den MittwochsGedanken gefällt und was nicht und was vielleicht anders sein könnte. Aber ich freue mich, dass jemand auf die Gedanken wartet und sie anscheinend gerne liest. So ist es mir übrigens letzte Woche gerade wieder ergangen. Dann hoffe und bete ich, dass Gott durch die nächsten MittwochsGedanken wieder wirkt. Und ich fange an zu überlegen, welches Bild es wohl werden könnte und was ich dazu schreiben möchte.

Doch am Ende werde ich mir wieder dessen bewusst, dass ich mir zwar lange Gedanken über meine Worte machen kann. Der, der durch sie wirkt, aber ist ein anderer. Und über ihn kann ich nicht verfügen und das ist gut so. So bleibt immer die Chance, dass er auch durch die holprigen, weniger gut gewählten Worte Großartiges wirken kann. Gott sei Dank!

Wie ist es bei dir? Hast du schon mal erlebt, dass Gott durch dich gewirkt hat, auch wenn du von deinem Reden und Tun gar nicht begeistert warst? Oder wo hast du ein solches Wirken schon einmal bei anderen erlebt?

PS: PastriXs MittwochsGedanken freuen sich immer über neue Leser. Melde dich doch einfach an. Wie? Das erfährst du am Ende der Seite in der mobilen Version oder in der rechten Spalte der Desktop-Version.