Monat: Oktober 2017

Zwischen Geist und Geistern…

… Gedanken am Ende eines langen Wochenendes:

In diesen Minuten geht das historische Reformationswochenende zuende. Im Fernsehen läuft noch das Pop-Oratorium Luther. Ich hänge mit meinen Gedanken bei dem, was mir an diesem so historischen Wochenende begegnet ist. Zwischen Geist und Geistern habe ich mich bewegt und mich gefragt, ob sie vielleicht doch zusammengehören, auch wenn das allerorts vehement bestritten wird.

Nach zehn Jahren Vorbereitung feierten heute Gemeinden im ganzen Land Gottesdienste anlässlich des Reformationsjubiläums. Zu allen Tageszeiten öffneten sich Kirchentüren, um in kleinen und großen Feiern die Botschaft der Reformation neu erklingen zu lassen. Von vielen Freunden und Bekannten im kirchlichen Dienst bekam ich über den Tag verteilt Nachrichten, dass die Kirchen gut gefüllt gewesen seien. Mancherorts mussten die Menschen sogar stehen, oder die Türen wegen Überfüllung wieder geschlossen werden. Auch ich war in einem solchen Gottesdienst, in dem schnell noch Stühle in die Kirche getragen wurden und dennoch viele standen. Allen Unkenrufen zum trotz, alle Abgesänge angesichts unsicherer Zahlen beim Kirchentag widerlegend sind heute viele in die Kirchen gekommen, um von der Reformation zu hören, in deren Zentrum diese Gedanken von der Befreiung aus allen Zwängen durch Jesus Christus stehen. Was führte die Menschen hierher? Das Gefühl, einer Tradition verbunden zu sein? Das Bedürfnis, bei diesem einmaligen Feiertag doch irgendwie dabei zu sein? Vielleicht auch die Sehnsucht nach einer wegweisenden Botschaft, wie Luther sie einst hatte? Oder vielleicht auch nur ein besonders gestalteter Gottesdienst?

Dort wo ich war, wurde zum Beispiel eine Kantate aufgeführt, die wahrscheinlich die letzten zweihundertfünfzig Jahre nicht zu hören war, da die Noten in einer alten Bibliothek verschollen waren und erst vor wenigen Jahren wieder an die Öffentlichkeit gerieten. So wurde heute vom Geist gesungen, der allein dazu verhilft Gott zu finden. Vom besten Segen, der der Geist Gottes ist war die Rede und davon, dass Vernunft und Weisheit nicht ausreichen, um Gott zu finden. Denn durch unser Tun und Wissen können wir vor Gott nie bestehen, denn irgendwo wissen wir immer noch nicht alles oder haben auch nicht alles getan. Doch zugleich sind wir genau so mit unserem Tun und Wissen vor Gott gut genug, weil der Segen aus einer ganz anderen Richtung kommt als aus unseren eigenen Erfolgen. Der Geist Gottes ist wirklich der beste Segen!

In vollen Kirchen haben viele heute diese Botschaft hoffentlich gehört und hören wollen. Die Forderung nach einem regelmäßigen Feiertag „Reformationstag“ scheint berechtigt. Der Tag gehört zur Geschichte unseres Landes, hat unsere Kultur und Tradition geprägt.

Am Samstag auf dem Spielplatz habe ich noch anderes gehört. An der Kinderschaukel komme ich mit einer anderen Mutter ins Gespräch. Sie fragt die Kinder nach ihren Halloween-Kostümen und fährt fort, dass sie es schön findet, dass Halloween in diesem Jahr ein Feiertag ist. Das könnte ruhig jedes Jahr so sein. Die Regierung sei da ja am überlegen. Obwohl da ja eigentlich irgendetwas anderes gefeiert würde. Da war wohl irgendwas mit einem Buch und einem Jubiläum. Aber so hätten die Kinder Halloween wenigstens frei und könnten feiern. Ich überlege noch, ob ich ihr erklären soll, was der Reformationstag eigentlich bedeutet. Doch da erzählt sie schon voller Begeisterung von den Kostümen ihrer Kinder und den Vorbereitungen für die abendliche Party.

Diese Begegnung lässt mich nicht los – vielleicht, weil meine Kinder mich später nach Halloween fragen und heute fasziniert die kostümierten Kinder auf der Straße betrachten. Vielleicht aber auch, weil ich mich frage, was die Menschen an diesem „Fest“ so anzieht? Denn eins gilt auch für dieses Anlass: erklären, woher der Halloween-Brauch kommt, können die wenigsten. Auf die Frage, was dort gefeiert wird, erhält man ähnlich vage Antworten wie auf die Frage nach der Bedeutung von Pfingsten. Was also motiviert jedes Jahr mehr Menschen, die Wohnungen und Häuser für einen Abend mit Kürbissen, Spinnennetzen und Geisterdarstellungen auszustatten und zu dekorieren? Ist es die pure Lust an der Verkleidung, der Hunger der Kinder nach Süßigkeiten? Steigt die Freude an diesem Tag stetig, weil Prominente in Amerika es uns vorleben oder weil man eine Gelegenheit braucht, um hinter Masken unerkannt hemmungslos feiern zu können? Wäre ein regemäßig freier Reformationstag da nicht eher Wasser auf die Mühlen des Halloween-Hypes?

Warum aber dominieren ausgerechnet Maskeraden rund um Hexen, Geister, Zombies und andere Gestalten aus der Welt des Bösen und des Todes diesen Tag? Sicher, die Tradition des Vorabends von Allerheiligen gibt dies irgendwie vor, doch davon haben die wenigstens, die hier feiern, eine Ahnung. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr habe ich den Eindruck, dass, auch wenn vielen die Herkunft von Halloween unbekannt ist, sie dennoch in den länger werdenden Nächten der trüben Jahreszeit eine Ahnung von der Endlichkeit ihres eigenen Lebens haben, von der eigenen Verstrickung in die Mächte und Gewalten dieser Welt, von der eigenen Ohnmacht angesichts von Hass und Gewalt oder von den Geistern, die sie selbst durch ihr Tun riefen. Ihnen einmal im Jahr hinter der Verkleidung schamlos ins Gesicht lachen, sie für kurze Zeit aus dem eigenen Leben vertreiben zu können mit allerlei Süßem und Saurem, mit Lachen und Schabernack, kann zumindest für kurze Zeit befreiend wirken. So frage ich mich, ob hinter dem immer größer werdenden Halloween-Kult unserer Tage nicht eine Sehnsucht nach Befreiung aus den Zwängen des Scheiterns, des nicht genug Seins, des endlichen Lebens steht. Die Antwort darauf hat uns Martin Luther vor fünfhundert Jahren noch einmal deutlich vor Augen gestellt. Vielleicht haben gerade deshalb am 31. Oktober Halloween und Reformationstag ihre Berechtigung – Sehnsucht und Antwort. 

Dann aber bleibt eine Frage für mich noch unbeantwortet: waren zehn Jahre Vorbereitung und ein Jahr Feiern hilfreich, Sehnsucht und Antwort einander näher zu bringen? Sprich: was machen wir, wenn morgen, am 1. November, das Reformationsjubiläum zuende ist? Packen wir alles in eine Schublade und machen dort weiter, wo wir vor dem Jubiläum standen? Haben wir gefeiert, um eben zu feiern? Oder war es mehr? War das Jubiläumsjahr ein Schritt auf dem Weg, der Sehnsucht und Antwort zusammenbringt? Haben Menschen außerhalb des innerkirchlichen Zirkels etwas von der Befreiung durch Jesus Christus erfahren, um ihre Sehnsucht zu stillen? Haben Kirchen sich weiter reformiert, um zu den Menschen zu gehen? Haben Christen gelernt, den Menschen aufs Maul zu schauen, ihnen zuzuhören und in ihrer Sprache zu sprechen? Wenn ja, dann sollte der Reformationstag wirklich ein regelmäßiger Feiertag werden, damit wir jedes Jahr damit weitermachen.

Die Antwort auf diese Frage steht noch aus. Vielleicht bekommen wir im Laufe der nächsten Monate, des nächsten Jahres eine Antwort darauf. Oder wie ist euer Resümee zum Reformationsjahr?

Gelesen: Selbst glauben

Mit diesem Beitrag möchte ich euch mal wieder ein neues Buch vorstellen, das ich gerade gelesen habe. Der Titel des Buches lautet Selbst Glauben. 50 religionspädagogische Methoden und Konzepte für Gemeinde, Jugendarbeit und Schule. Mit Florian Karcher, Petra Freudenberger-Lötz und Germo Zimmermann haben sich drei Herausgeber auf den Weg gemacht, nicht nur eine Methodensammlung für die Jugendarbeit zusammenzustellen, sondern unter dem Aspekt einer subjektorientierten Religionspädagogik verschiedene Ansätze und eine Sammlung dazugehörender Methoden in einem Buch zu vereinen. So entsteht eine Dreiteilung des Buches mit einer ausführlichen Einleitung, dem theoretischen Einblick in unterschiedliche Ansätze und einer Zusammenstellung verschiedener zu den Ansätzen gehörender Methoden.

In der ausführlichen Einleitung stellen die Herausgeber den Gedanken der subjektbezogenen Religionspädagogik vor, deren Ziel eine religiöse Subjekt-Bildung und -Werdung ist. Die Praxis dieses Ansatzes ist auf Partizipation und Eigenverantwortung ausgelegt. Allen im Buch vorgestellten Ansätzen liegt daher eine Hermeneutik der Aneignung zugrunde, die mit den Kindern, Jugendlichen, Schülern oder Konfirmanden gemeinsam nach Wegen des Glaubens suchen will. Folgt man dieser Hermeneutik braucht es viele verschiedene religionspädagogische Konzepte, um möglichst viele Kinder und Jugendliche ansprechen zu können. Es gibt nicht das eine für alle gültige Konzept. Entsprechend werden in diesem Buch eben verschiedene Ansätze nebeneinander vorgestellt. Leider wird nicht erwähnt, unter welchen Kriterien die Auswahl erfolgte, ob sie evtl. sogar erschöpfend ist oder es noch andere Ansätze gibt, die diesem Ansatz dienen.

Neben den drei Herausgebern konnten Autoren wie Uta Pohl-Patalong oder Delia Freudenreich gewonnen werden, Konzepte wie die Kreative Bibeldidaktik, Bibliolog oder Godly Play zu beschreiben. Sämtliche Aufsätze folgen dergleichen Struktur, so dass die Konzepte auf diese Art und Weise gut miteinander verglichen werden können. Die jeweiligen Ausführungen erstrecken sich immer nur über wenige Seiten und lassen sich gut auch mal zwischendurch lesen. Außerdem ist allen Aufsätzen eine kleine Liste weiterführender Literatur angefügt. Das hat mir sehr gut gefallen, da die Ausführungen auf Grund der gebotenen Kürze immer nur einen kleinen Einblick in das jeweilige Konzept bieten. Wer mehr wissen will, muss an anderer Stelle weiterlesen oder wie im Falle des Bibliologs eine entsprechende Ausbildung machen. Für einen ersten Einblick sind die Aufsätze aber gut geeignet.

Im dritten Abschnitt des Buches sind den Konzepten mehrere verschiedene Methoden zugeordnet. Nach einem Satz der Kurzbeschreibung folgen Angaben zur benötigten Zeit, Vorbereitung, zum Material und zur Durchführung sowie zur Reflexion der jeweiligen Methode in der Gruppe. Auch Hinweise und Variationsmöglichkeiten werden angeführt. So lassen sich die Methoden gleich mal in der Praxis ausprobieren, um noch einen anderen Einblick in den jeweiligen Ansatz zu erhalten. Vielleicht entsteht dann ja Lust auf mehr und man arbeitet sich in das jeweilige Konzept tiefer ein.

Mein Fazit zu diesem Buch: Wer in der Religionspädagogik unterwegs ist, schon immer für neue Ansätze und Methoden ansprechbar war, wird das ein oder andere bekannte in diesem Buch finden. Konzepte wie der Bibliolog, Godly Play und Interreligiöses Lernen sind schon länger auf dem Markt und hier und da auch schon etabliert. Gerade die Vergleichbarkeit der Ansätze durch den identischen Aufbau der Aufsätze macht das Buch aber interessant. So ist es möglich, für den eigenen Zusammenhang einen hoffentlich passenden Ansatz auszuwählen, ohne gleich zig verschiedene Bücher lesen zu müssen. Die beigefügten Methoden ermöglichen ein erstes Ausprobieren. Wer dann feststellt, dass es passt, wird durch die beigefügten Literaturlisten an die Hand genommen und kann an anderer Stelle weiterlesen. Alles in allem eignet sich das Buch gut, wenn man auf der Suche nach einem Konzept ist und erstmal einen Überblick gewinnen möchte. Wer sich über einen bestimmten Ansatz näher informieren will, sollte zu einem anderen Buch greifen.

Vielleicht nicht unbedingt direkt fresh x, so stellt sich doch innerhalb meines Aufgabenfeldes die Frage nach den Ansätzen und Methoden. Deshalb fand ich es ganz spannend, in dieses Buch mal hineinzulesen. Kennt Ihr das Buch vielleicht schon oder wollt jetzt auch mal hineinschauen? Ich wäre gespannt, von Euren Erfahrungen mit den Methoden zu erfahren. Schreibt doch einfach eure Gedanken dazu in die Kommentare.

 

 

(De)Mut

„Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes, dem das Leben gehört, und das ist der Mut.“ – Theodor Fontane, Cécil

Ohne ein gewisses Maß an Demut geht es wohl nicht. So habe ich in meinem letzten Newsletter geschrieben und dabei an die Haltung der zweiundsiebzig Jünger gedacht, die Jesus in Lk 10 auf den Weg schickt. Nicht erst seit dieser Aussage denke ich über den Begriff der Demut nach. Denn häufiger schon habe ich gelesen oder gehört, dass sich christliche Gemeinschaft durch Demut auszeichnet oder der Glaube sich an ihr erst zeigt und bemisst. Dabei frage ich mich dann, was meint die Autorin, der Autor jener Aussagen, wenn er davon spricht?

Auf den ersten Klang hört sich dieses Wort für mich alt, altmodisch, vielleicht auch ein wenig angestaubt an. Demut – was ist das eigentlich? Schaut man in die Lexika, so erfährt man, dass der Begriff vom althochdeutschen diomuoti abstammt, was soviel wie dienstwillig bedeutet. Dem philosophischen Wörterbuch zufolge bezeichnet Demut die „Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit (Gottheit, sittliches Ideal, erhabenes Vorbild) hervorgehen kann“. Im Begriff Demut kommt also ein Unterordnungsverhältnis zum Ausdruck. So hat die Wurzel des hebräischen Wortes, welches mit Demut übersetzt wird, das „sich beugen“ zur Grundlage. Entsprechend steht im Alten Testament der Demut der Hochmut gegenüber. Demut bedeutet in diesem Zusammenhang, die Allmacht Gottes anzuerkennen, während der Hochmütige meint, ohne Gott auszukommen oder sogar wider ihn leben zu können. 

Wenn Demut aber bedeutet, eine höhere Macht anzuerkennen, dann ist sie in erster Linie eine Haltung des jeweiligen einzelnen Menschen. Der Mensch selbst entscheidet sich dazu. Dabei ist ein Leben, das Gottes Willen entspricht, ein demütiges Leben, wie in Micha 6,8 nachzulesen ist: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Vor Gott demütig zu sein und seine Allmacht anzuerkennen, bedeutet zugleich die eigene Geschöpflichkeit anzunehmen, zu akzeptieren, dass der einzelne Mensch und mit ihm alle Menschen von Gott einzigartig geschaffen sind. 

Was aber heißt das eigentlich für die Jetztzeit und für mich? Geht man von der Grundlage dieser Erklärungen aus, dann ist die christlich verstandene Demut der Schlüssel zum Glauben. Nur wer sich selbst als Geschöpf Gottes versteht und sich damit der Allmacht Gottes untergeordnet weiß, entspricht dem Anspruch Gottes. Wer sich selbst so in der Welt sieht, der wird auch sein Leben so ausrichten, dass es diesem Anspruch gerecht wird. Wenn ich mich selbst und alle anderen als einzigartig von Gott geschaffen sehe, dann achte ich mich und alle anderen als gleich wert und gleich wertvoll. Dann sind meine Wünsche, Ansprüche und Vorstellungen nicht wichtiger als die von anderen Menschen. Dann bin ich bereit, den anderen zu dienen, da sie Geschöpfe sind. Demgegenüber steht wie im Alten Testament der Hochmut, die Meinung, etwas besseres, wertvolleres zu sein als alle oder ein Teil der anderen Menschen, der Gedanke, dass das eigene Interesse mehr zählt als das anderer. Soweit die Theorie, der viele sicher zustimmen können. 

Und doch frage ich mich, was diese Lebenshaltung, so möchte ich Demut einmal beschreiben, für mich, mein Leben, mein Umfeld bedeutet. Begegnet mir der Begriff im Alltag, dann mutet ihm oft etwas von Unterwürfigkeit, Zurückstecken und manchmal auch Resignation an. In einem Wörterbuch habe ich einmal folgende Definition gelesen: „Demut ist die Bereitschaft, etwas als Gegebenheit hinzunehmen, nicht darüber zu klagen und sich selbst als eher unwichtig zu betrachten.“ Demut scheint entsprechend höchstens für Ordensleute oder besonders religiöse Leute passend zu sein. Im Alltag zwischen Familie, Nachbarn und Beruf geht es viel mehr darum, sich selbst seinen Platz zu verschaffen. Achtsamkeit, Zeit für sich selbst zu haben, die eigenen Interessen vertreten, die eigenen Träume verwirklichen. Das sind die Schlagwörter dieser Zeit. Wo hat da die Demut ihren Platz?

Ich glaube, genau da, zwischen Familie und Beruf, zwischen Zeit für sich selbst und Achtsamkeit ist ihr Platz. Demut als Anerkennung der Vorrangstellung Gottes und damit als Wertschätzung seiner Geschöpfe heißt für mich die eigenen Bedürfnisse nicht zum Narzissmus werden zu lassen. Meine eigenen Interessen nicht höher als die anderer zu stellen. Sie wird damit zum Korrektiv meiner eigenen Ansprüche. Demut heißt damit aber nicht, dass ich mich beständig nur unterwerfe und selbst geringer schätze als mein Gegenüber. In der Anerkennung Gottes seine Geschöpfe wert zu achten heißt auch, mich selbst wert zu schätzen. In dieser Gleichwertigkeit der Geschöpfe Gottes kann ich die besseren Fähigkeiten eines anderen anerkennen und auch mal meine eigenen Interessen zurücknehmen. Ist Demut in dieser Form eine Haltung, die mein Leben bestimmt, bin ich bereit, dem anderen zu dienen, weil ich in ihm Gottes wertvolles Wesen sehe, ohne mich selbst dabei aufzugeben.

Damit komme ich auf das Zitat von Fontane zurück, das ich zu Beginn meiner Gedanken genutzt habe. In diesem Sinne verstanden steht der Mut, dem das Leben gehört, meines Erachtens nicht zwischen Hochmut und Demut, die beide den Mut im Namen tragen. Der Mut, dem das Leben gehört, ist für mich eher der Mut zum Dienen, zum auch mal zurückstecken in einem Umfeld, in dem der Stärkere stets gewinnt. Der Mut, der bereit ist, auch mal auf etwas zu verzichten, mit weniger auszukommen, sich auf das Leben anderer einzulassen, ist der Mut, dem das Leben gehört. Die Demut verstanden als ein solcher Mut zum Dienen – diesen Begriff habe ich übrigens bei Siegbert Warwitz geklaut – brauchten die Jünger, als sie von Jesus ausgesandt wurden. Diese Demut stünde uns heute auch noch gut. Deshalb wünsche ich mir oft ein wenig mehr Demut bei den Menschen, nicht nur bei den anderen, auch bei mir. In manchem Leben kann man sie heute schon entdecken. Einige von ihnen sind bekannte, religiöse Personen. Viel häufiger erfahre ich sie bei Menschen, die in keiner Art und Weise berühmt sind. Gerade gestern ist sie mir wieder begegnet in Form einer Dame, die im Geschäft gerne auf eine bestimmte Brötchensorte verzichtete, da die Kinder der jungen Familie hinter ihr in der Schlange sich diese wünschten und nicht mehr genug für alle da waren.

Was sind eure Erfahrungen mit der Demut und wie definiert ihr sie? Wo entdeckt ihr sie in eurem Alltag? Lasst uns doch mal daran teilhaben.