Monat: September 2017

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 1

Nun hat sie also angefangen, die Pionier-Weiterbildung. Auf Facebook hatte ich ja schon darauf hingewiesen. Auch hatte ich dort gepostet, dass jeder Teilnehmer zu Beginn ein Pioniertagebuch erhalten hat. Dort kann hineingeschrieben werden, was man behalten möchte, was einen angeregt hat, was Fragen sind oder was sonst noch bewegt. Aus meinem Tagebuch möchte ich euch regelmäßig berichten. Damit der Überblick nicht verloren geht, zähle ich die Beiträge einfach nach Seiten, auch wenn sie manchmal mehr als eine Seite umfassen.

Genug der Vorrede: Ich schlage Seite 1 auf. Leer lag sie zunächst vor mir. Doch dann ging es irgendwie gleich ans Eingemachte. Alle Teilnehmer der Weiterbildung wurden sogleich als Pionierinnen und Pioniere bezeichnet. Ich schreckte innerlich ein wenig auf. Denn die Frage, ob ich eine Pionierin bin, schwelt noch immer in mir. Eine Antwort wollte ich ja gerade hier finden. So passte es ganz gut, dass der gesamte Einstieg der persönlichen Klärung dienen sollte, was ein Pionier- eine Pionierin ist, was sie ausmacht und wie man diese Frage für sich selbst beantwortet.

Was also ist eine Pionierin? Einige Gedanken sind hängen geblieben: Pioniere sind als erstes vor Ort. Pionierin zu sein heißt, losgehen, erste Schritte wagen. Pionier sein führt auch in die Einsamkeit. Pioniere können alt und jung, introvertiert und extrovertiert, hauptamtlich oder ehrenamtlich sein. Es gibt keine festgeschriebenen Voraussetzungen außer vielleicht eine Unruhe im Inneren des Pioniers, ein Gefühl des Nicht-Hinein-Passens. Letzteres als Gabe Gottes zu verstehen, finde ich herausfordernd. Bisher strebte ich immer danach, endlich mal so richtig dazuzugehören. Doch diese Gabe kann Fluch und Segen, Last und Lust zugleich sein. So gehen Pioniere mit den Prägungen aus Kultur und Biographie in ihrer Heimat im Gepäck, um das Evangelium, dass sie in sich tragen, in einer anderen Kultur mit anderen Biographien ins Gespräch zu bringen. Dazu muss man den eigenen Standpunkt kennen. Eine Pionierin ist eine Wanderin zwischen den Welten.

Wanderin zwischen den Welten – so fühlte und fühle ich mich oft. Sei es als Arbeiterkind an einem altsprachlichen Gymnasium in einer „Ärtze- und Juristenstadt“, sei es als Kirchen-Nerd zwischen den Golfspielern auf dem Grün oder als junge Pastorin in einer Gemeinde, in der der Lieblingssatz lautete „Das machen wir seit 30 Jahren so.“ Man könnte also fast sagen, dass ich im Wandern zwischen den Welten geübt bin. Das Gefühl nicht Hineinzupassen ist immer wieder Teil meines Lebens gewesen. Allerdings ist es irgendwie nicht das, was mich momentan motiviert. Es ist eher diese Unruhe in mir, die ich manchmal nicht erklären, in Worte fassen kann. Es ist das Gefühl, dass ich nicht ganz da, vor Ort bin, dass irgendwas im Bauch grummelt. Dieses Gefühl treibt mich an, denn auch ich möchte mich gerne wohlfühlen, wo ich bin. Vielleicht ließe es sich auch als die Sehnsucht nach meinem Paradies beschreiben, nach der für mich perfekten Lebenssituation. Dazu gehört auch mein Traum von Kirche, den wir heute zwischen Playmobil und Lego, zwischen Buntstiften und Playdoo in Sichtbares umsetzen sollten.

Wenn dieses Gefühl da ist, dann mag ich aktiv werden. Dann blitzen Ideen in mir auf, dann entwickeln sich Visionen, die immer auf die eine hinauslaufen – ein für die Welt relevantes, fröhlich gelebtes Christentum. Ich glaube daran, dass es möglich ist, dass Gott längst am Werk ist. Dann, wenn die Unruhe in mir aufsteigt, dann will ich handeln, losgehen, loslegen – mitbauen an dem, was Gott längst begonnen hat.

Wenn es das ist, was eine Pionierin ausmacht, dann bin ich eine. Das ist mir heute klar geworden. Damit ist mir der Begriff Pionier allerdings noch nicht sympathischer geworden. Ich habe den Eindruck, dass er vor allem der Beschreibung und Abgrenzung von schon bestehenden Aufgaben und Tätigkeiten in der Kirche dient. Ich frage mich aber, ob nicht in jedem, der in der Kirche und der Welt unterwegs ist, diese Unruhe wirken sollte, bis wir den Himmel auf Erden haben. Deshalb möchte ich lieber von der Gabe der Unruhe oder des Nicht-Hinein-Passens sprechen, die sich in die Reihe der anderen Gaben, der des Leitens, des Visionierens, der Seelsorge, des Lehrens …, einreiht.

Wie ich diese Gabe zum Ausdruck bringe, umsetze, ist wohl die nächste große Herausforderung, vor der ich nun stehe – und mit mir all die anderen, die das Gefühl haben, ihrer Unruhe Ausdruck verleihen zu wollen. Es sind noch viele Seiten im Pioniertagebuch frei – ich bin gespannt, wie sie gefüllt werden.

Bis ich die nächste Seite des Tagebuches aufschlage, würde ich gerne wissen, wie es euch geht mit dem Gefühl der Unruhe oder des Nicht-Hinein-Passens. Hinterlasst doch einfach einen Kommentar.

Ein Wochenende in der Jugendherberge 

Jugendherberge – was hat das mit Gott zu tun? Das mag wohl mancher denken, wenn er meine Überschrift liest. Ehrlich gesagt, ein wenig denke ich das auch. Und doch bewegt mich der eine oder andere Gedanke, der mir während eines Kurzurlaubs in der Jugendherberge Bonn gekommen ist.

Mit meiner Familie nutze ich immer mal wieder das Angebot der Jugendherbergen, wenn wir Freunde besuchen, eine günstige Unterkunft während Tagungen, Messen etc. brauchen oder einen Städtetripp unternehmen. Ein wenig fühlt man sich, sobald man das Haus betritt, in die eigene Kindheit zurück versetzt. Erinnerungen an verschiedene Klassenfahrten, kurze Nächte und roten Hagebuttentee werden wach. Dabei gibt es letzteren nur noch, wenn man es wirklich möchte. Das bringt mich meinen Gedanken auch schon etwas näher. 

Die Jugendherbergen haben sich verändert. Moderne Familienzimmer gehören jetzt genauso dazu wie ein Bistro zur Abendgestaltung – zumindest in Bonn. Den Kaffee oder Tee zum Frühstück kann man nun in großen Bechern genießen und die Speisen am Buffet betrachten und auswählen. Für ein wenig Aufgeld bekommt man sogar Pancakes zum Frühstück. Mit den leicht angetrockneten Wurst- und Käsescheiben meiner Kindheit hat das nicht mehr soviel zu tun. Auch wenn es sie wohl noch gibt, diese Jugendherbergen der vergangenen Tage. Und unter ihrem Ruf leiden auch die jüngeren, renovierten Häuser.

Vielleicht leiden sie aber auch nicht darunter. Denn hier trifft sich mittlerweile eine junge oder junge gebliebene, internationale Gemeinschaft. Von Asien über Afrika und Osteuropa bis Europa und natürlich Deutschland waren hier zahlreiche Nationen vertreten. Auf dem Begrüßungsschild am Eingang stand neben dem Gesangverein einer Kleinstadt ein slowenisches Unternehmen und  neben dem Gymnasium vom Stadtrand Ärzte ohne Grenzen. Die Hälfte der Sprachen, die im Foyer zu hören waren, wusste ich nicht zu übersetzen. Im Speisesaal saß die alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Kindern neben den Tagungsteilnehmern aus Asien und die kleine Radfahrgruppe in ihren unverkennbaren Fahrraddresses neben den Ärzten aus Afrika. Der alleinreisende ältere Wanderer blieb ein wenig für sich und freute sich doch am Spiel der Kinder. Sie alle aßen zusammen in einem Raum und kamen ins Gespräch. Hier und da hörte man Fragen nach Namen und Herkunft, nach Aufenthaltsdauer und Ziel der Reise. Gespräche entspannen sich. Und kam man nicht ins Gespräch, so grüßte man sich doch, wenn man sich begegnete. Hier wurden einander die Türen aufgehalten. Niemand drängelte an der Rezeption vor. Keiner war ungeduldig, wenn es am Kaffeeautomaten etwas länger dauerte. Je mehr ich mich umsah, umso mehr hatte ich den Eindruck, dass hier eine ganz eigene Gemeinschaft zusammen gekommen war. Das Funktionieren und Leben rund um die Jugendherberge war ihre Verbindung. Keiner von ihnen hatte sich für ein Hotel entschieden, welche Gründe auch immer dahinter standen.

Nach diesem Wochenende denke ich, die Jugendherbergen haben sich verändert – zumindest die meisten – und leben doch auch von der Tradition der Erinnerungen. Wer weiß nicht eine Geschichte aus seiner Kindheit zum Aufenthalt in einer Jugendherberge zu erzählen? Doch dabei sind sie nicht stehen geblieben. Sie haben sie genutzt, sind weitergegangen mit den Menschen der jeweiligen Zeit. So treffen sich dort heute Menschen aus aller Welt in einer besonderen Gemeinschaft und leben ein wenig vor, wie es in der Welt sein könnte.

Ich muss wohl nicht mehr schreiben, dass ich mir einiges davon auch für unsere Kirchen wünschte. Zugleich versuche ich manches von dem, was ich an diesem Wochenende gesehen und erfahren habe, mit Blick auf die Kirche zu sehen. Auch sie leidet ja so manches Mal unter der Tradition der Erinnerungen und hat sich längst in ihren Mauern gewandelt. Nur von den Menschen davor ist es nicht unbedingt wahrgenommen worden. Ist  vielleicht diese bunte, internationale Gemeinschaft auch die, die Christus noch begegnen möchte? Die Menschen, die zwar zeitgemäß ihren Kaffee aus Bechern trinken, aber dennoch auf ein gewisses Maß an Service und Komfort verzichten wollen, weil anderes wichtiger ist? Die Menschen, die eine andere Art zu leben vorziehen, um Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit für andere zu ermöglichen.

Es war zumindest in diesen Tagen in der Jugendherberge ein Zusammenleben zu spüren und zu beobachten, dass von Freundlichkeit und Höflichkeit, von Hilfsbereitschaft und Respekt geprägt war. Vieles davon ist in unseren Kirchen und im Wahlkampf gerade Thema. Doch wieviel davon wird auch gelebt? Mir ist deutlich geworden, es liegt an der Haltung der Menschen. Diese zu ändern ist eine Herausforderung und geschieht wohl nur durch ein geduldiges Vorleben. Die großen, flammenden Reden sind es nicht, die eine Veränderung bewirken. Das stete Erfahren verändert viel mehr. So können auch Wochenenden in Jugendherbergen zu einem Auftanken werden, zumindest wenn man solch eine Erfahrung macht wie ich in Bonn. Ja, es gibt auch noch die anderen Jugendherbergen, die den Kindheitserinnerungen entsprechen mit strengen Herbergseltern und rotem Hagebuttentee. Aber „bei Kirchens“ gibt es auch noch die einen und die anderen – die, die den Kindheitserinnerungen entsprechen mit mächtigem Pfarrer und steifem Gottesdienst, und die, die sich gewandelt haben zur lebendigen Gemeinschaft unter Christus. So wünsche ich allen ein Wochenende in einer Jugendherberge oder einer lebendigen Gemeinde. Es stärkt und macht zuversichtlich. Aber Vorsicht: es kann auch das Leben verändern.

Wie sind eure Erfahrungen mit Jugendherberge und Kirche? Haben sie euer Leben schon verändert? 

Bin ich Pionierin?

Anfang des Jahres, gerade hatte ich meine neue Pfarrstelle angetreten, drückte mir jemand einen Flyer in die Hand. „Weiterbildung für Pioniere in Kirche: Mission : Gesellschaft“ stand da drauf. Ich nahm in mit, schaute ihn an und dachte „Das bist du nicht!“ Ich tue doch nur meine Arbeit, meinen Dienst auf dem Weg hin zu einer anderen Form von Kirche. So blieb es – einige Wochen und Monate lang. Dann fragte bei Twitter jemand in den Orbit: Wer hat sich zur Pionierausbildung angemeldet?“ und jemand anderes antwortete: „Ich nicht, aber pastrix_sabine bestimmt!“ Nein, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht, hatte es ja auch schon lange Zeit verdrängt. Doch es arbeitete in mir. In diesem Moment merkte ich es. Aber noch immer meldete ich mich nicht an.

Anfang Mai, ich räumte gerade auf meinem Schreibtisch auf, fiel aus einem Buch ein Flyer – der Flyer. Wieder las ich ihn. Anmeldeschluss war Ende Mai. Sollte ich mich anmelden? Bin ich eine Pionierin? Wieder legte ich den Flyer weg, doch in dieser Nacht schlief ich ziemlich schlecht. Am nächsten Tag mailte ich meinem Superintendenten – würde er seine Zustimmung zu einer Anmeldung geben? Schließlich brauchte ich dafür eine Dienstbefreiung. Es brauchte einige Tage, doch dann antwortete er: „Melden Sie sich ruhig an!“. Gesagt, getan, bevor ich wieder ins Zweifeln gerate. Einige Tage später schon die Bestätigung, dass ich dabei bin, und wieder ein paar Tage später die Information, dass der Kurs voll ist.

Seither denke ich darüber nach, ob ich eine Pionierin bin? Oder werde ich durch die Weiterbildung erst eine Pionierin? Was ist überhaupt eine Pionierin? Wenn ich etwas dazu lese, dann lese ich oft von dem Gefühl, nicht hineinzupassen. Das kenne ich. Das beschleicht mich schon seit meiner Jugend immer wieder. So gerne ich auch Gottesdienste gestalte und feiere, so gerne ich in der Gemeinde gearbeitet habe, immer war da irgendwie dieses Gefühl, dass es nicht meine Gemeinde ist. Oft habe ich mir die Frage gestellt, ob ich in den Gottesdienst ginge, wenn ich nicht die Pastorin wäre. Würde ich eine Gruppe, eine Veranstaltung besuchen, vielleicht mich sogar für länger verpflichten? Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen: Nein! Das würde ich wohl nicht tun. Irgendetwas fehlte mir immer. Wie oft habe ich den Scherz gemacht: Irgendwann gründe ich mal meine eigenen Gemeinde! Eine, wo ich endlich mal richtig hineinpasse.

Bin ich eine Pionierin? Ich weiß es nicht. Aber ich bin aufgebrochen, habe mich angemeldet. In eineinhalb Wochen beginnt die Weiterbildung und ich bin gespannt, was dann auf mich wartet. In den letzten vier Wochen sollten wir schon mir einer Kamera anhand von elf Sätzen auf Entdeckungsreise gehen. Eine Einwegkamera – ich vermute, die Bilder sind verwackelt, unscharf, nicht genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Wie hält man schon in einem Bild fest, was für mich ein heiliger Ort ist, oder wo ich Kreativität wahrnehme. An vielen Sätzen habe ich lange gehangen, überlegt, was ich wohl fotografieren soll. Bei einem Satz aber war ich mir gleich sicher: Typisch Pionier! Ein gelber Kinderspaten mitten im Blumenbeet wird zu sehen sein. Und das, obwohl ich mir nicht so sicher bin, was ein Pionier – eine Pionierin ist. Bin ich eine Pionierin? Die Frage bleibt. Ich hoffe, ich werde in den nächsten beiden Jahren der Weiterbildung eine Antwort finden.

Auf jeden Fall nehme ich euch aber an dieser Stelle mit auf meinen Weg durch die „Weiterbildung für Pioniere in Kirche: Mission : Gesellschaft“. In eineinhalb Wochen geht es los und ihr dürft gespannt sein. Bis dahin frage ich euch: Was ist ein Pionier / eine Pionierin für euch? Seid ihr vielleicht selbst einer / eine?