Monat: Juli 2017

Ist Mission nicht gewollt? Gedanken zur neuen Lutherbibel

RaumZeit – so heißt die fresh expression, mit der ich praktisch im realen Leben unterwegs bin. Wobei ich sagen muss, dass RaumZeit noch auf dem Weg ist, eine fresh x zu werden, wenn es nach den vier Kriterien einer fresh x geht. Doch für mich ist sie das irgendwie schon. Dort lebe ich Kirche im Alltag bei den Menschen, eine Form von Kirche, in der ich mich wohl fühle. Begonnen hat sie als Projekt des Kirchenkreises vor einem halben Jahr. Dabei bin ich oft erstaunt, wie schnell die Zeit vergeht und was in dieser Zeit alles geschehen ist. Dafür kann ich Gott nur danken, denn ich bin überzeugt davon, wenn er nicht längst schon am Werk wäre, stünde RaumZeit nicht dort, wo es derzeit steht.

In unserem Umkreis sind viele an RaumZeit interessiert. Immer wieder darf ich darüber irgendwo schreiben oder berichten. Dabei fällt mir auf, dass gerade in den etablierten kirchlichen Strukturen Menschen zusammenzucken, wenn ich sage, dass RaumZeit missional angelegt ist. Und ich frage mich, warum ist das so? Warum haben die Menschen Angst vor Mission? Ich vermute, es sind die negativen Erfahrungen der Geschichte, denn noch immer wird dann auf Kreuzzüge und Schwertmission hingewiesen. Vielleicht ist es auch das Gefühl, niemanden überfahren zu wollen, denn Religion ist doch irgendwie privat. Über Religion und den Glauben spricht man nicht. Jeder soll mit seinem Glauben glücklich werden. Das mag zu einem gewissen Teil stimmen, denn es geht doch gar nicht darum, jemanden aus seinem Glauben herauszureißen, sei er Muslim, Buddhist oder Jude. Doch was ist mit den Menschen, die auf der Suche sind, die irgendwie das Gefühl haben, es fehlt etwas in ihrem Leben? In meiner Zeit bei der Bundeswehr habe ich viele junge Menschen kennengelernt, die mit mir darüber gesprochen haben. Auch in meiner Nachbarschaft wohnen viele, die es faszinierend finden, dass ich Pastorin bin, und mit mir gerne mal über Gott und die Welt reden. Sollte ich da nicht über den Glauben reden, der mein Leben erfüllt?

Seit meiner Jugend begleitet mich ein Buchtitel: „Bekehre nicht, lebe!“ Das ist zu meinem Grundsatz geworden. Durch mein Leben, mein Handeln möchte ich vom Evangelium erzählen, der für mich besten Nachricht der Welt. Ich wünsche mir, dass andere Menschen, genau wie ich, das Großartige an dieser Botschaft erfahren dürfen. Aber wie komme ich eigentlich dazu? Weil Jesus uns dazu aufgefordert hat. Die letzten Worte des Matthäusevangeliums sind der sogenannte „Taufbefehl“. An vielen Stellen heißt er aber auch „Missionsbefehl“ und lautet: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ So zumindest steht es in der Lutherübersetzung der Bibel von 1984, mit der ich groß geworden bin. Doch auch in früheren Übersetzungen war dieser Satz schon so zu lesen. 

Jetzt aber hat es sich geändert. In der neuen Lutherübersetzung, die anlässlich des Reformationsjubiläums erschienen ist, heißt es: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Wer schnell nur einmal über die Worte fliegt, bemerkt den Unterschied vielleicht gar nicht. Es ist ja auch nur ein Wort anders übersetzt worden. Das griechische „matheteusate“ ist statt mit „zu Jüngern machen“ nun mit „lehren“ wiedergegeben worden und ich frage mich warum? Der eine oder die andere mag meinen, das sei doch so ziemlich dasselbe. Doch ich halte „zu Jüngern machen“ schon für etwas anderes als „lehren“. Schaut man ins Griechische, so bedeutet der Wortstamm erst einmal „Jünger/Schüler werden bzw. sein“. Das ist mehr als nur gelehrt zu werden. Das schließt ein, dass man einer Schule, einem Lehrer folgt, so wie sich viele heute als Schüler ihres Doktorvaters oder einer besonderen Lehrrichtung bezeichnen. Im Transitiv dann bedeutet das Wort entsprechend „zum Jünger machen; jemanden in die Schule nehmen“, oder auch „belehren“. Gemeint ist, dass sich jemand der lehrenden Schule zurechnet, ihr folgt. Genau das war Jesu Absicht, als er seine Jünger (!) in die Schule nahm. Sie sollten ihm folgen, seine Lehre weitergeben. So ist „zu Jüngern machen“ schon etwas anderes als nur „lehren“. Die Schüler unserer Schulen werden gelehrt, doch folgen sie damit wirklich ihren Schulen? Geben sie weiter, was sie gelernt haben? Sicher, wer sich seiner Schule verbunden fühlt, wird später Mitglied des Schulvereins oder einer Alumniorganisation. Doch würde sich wohl niemand als Jünger seiner Schule, seines Lehrers bezeichnen. Die Jünger Jesu taten es.

Die deutsche Übersetzung der neuen Lutherbibel nun schwächt dies meines Erachtens ab. Es geht nicht nur ums lehren, darum etwas zu lernen und zu behalten. Der Wortstamm sagt aus, dass die, die ihm im Akusativ folgen, zu Jüngern, Schülern werden, die weitergeben, was sie gelernt haben. Sicher eine Übersetzung wie in der neuen Lutherbibel ist grammatikalisch möglich. Doch frage ich mich, warum man sich für diese Abschwächung entschieden hat. Wollte man die Mission nicht deutlich zu Wort kommen lassen? Oder schien die Formulierung „zu Jüngern machen“ zuviel Zwang oder gar Gewalt auszudrücken? Oder sind wir längt zu weit abgekommen vom Missionsgedanken? Ist Mission nicht mehr gewollt? Auf meine Fragen werde ich wohl keine Antworten bekommen. Vielleicht ist über diese andere Übersetzung auch gar nicht so intensiv diskutiert worden, wie ich es mir wünschen würde. Für mich aber bedeutet diese andere Übersetzung, dass ich zumindest für Mt 28,18-20 weiterhin auf die alte Übersetzung zurückgreifen werde. Mir ist die Mission ein Anliegen, sie ist meine Haltung.

So mache ich bei RaumZeit auch keinen Hehl daraus, was mich in meinem Leben bewegt. Und oft habe ich das Gefühl, dass manche Gespräche gerade deshalb zustande kommen. Das hindert uns nicht daran, gemeinsam ein Bier oder einen Wein zu trinken, zu lachen oder einen Flohmarkt zu organisieren. Bei RaumZeit ist für alles Raum und Zeit.

Und wie haltet ihr es mit der Mission?

Übrigens: Wenn ihr wissen wollt, was wir bei RaumZeit so machen, schaut doch mal auf unserer Homepage www.raumzeit.wir-e.de vorbei oder folgt uns bei Facebook und Twitter unter RaumZeit Stade.

Gelesen: Fresh X. Der Guide

Immer wieder werde ich gefragt, was man zum Thema Fresh X mal lesen könnte. Nun habe ich selbst noch nicht alles gelesen, was so auf dem Markt ist. Aber es wird täglich mehr, denn ich bin eine absolute Leseratte und das gilt nicht nur für die sogenannte Trivialliteratur. So langsam füllt sich mein Bücherregal mit gelesener Literatur sowohl aus dem englisch- als auch aus dem deutschsprachigen Raum. Also habe ich mir überlegt, ich werde in loser Reihenfolge immer mal ein Buch vorstellen, das über meinen Schreibtisch gewandert ist, und von dem ich mir vorstellen könnte, dass es auch andere interessiert.

Den Anfang mache ich mit dem kleinen Buch „Fresh X. Der Guide“ von Reinhold Krebs und Daniel Rempe. Reinhold Krebs ist im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg tätig und koordiniert seit einigen Jahren die Arbeit des deutschen Netzwerkes Fresh X. Daniel Rempe arbeitet als Bildungsreferent im Diakonischen Jahr der evangelischen Kirche von Westfalen . Außerdem engagiert er sich u.a. bei CVJM e/motion in verschiedenen Projekten und nennt diese Gemeinschaft seine Gemeinde. Beide Autoren wissen also, wovon sie in ihrem Buch berichten. So schreiben sie von einer Reise hin zu einer Kirche für Menschen, die nie eine betreten würden. Entsprechend ist ihr Buch wie ein Reiseführer gestaltet und beginnt gleich mit einer Landkarte der einzelnen Stationen dieser Reise. Sie ersetzt das klassische Inhaltsverzeichnis. Und dann geht sie los, die Reise zu den neuen Gemeindeformen.

Die Stationen dieser Reise sind z.B. die Fragen, die zu Fresh X führen, der Beginn des Abenteuers vor zweitausend Jahren, die Schritte, die zu einer Fresh X führen, oder auch das Geistliche Fernweh. Gut verständlich werden die Kennzeichen einer Fresh X dargestellt, die Entstehung dieser Bewegung beleuchtet und erste praktische Hinweise zur Umsetzung gegeben. So eignet sich dieser Reiseführer für einen ersten Überblick, wenn man einfach mal wissen möchte, was sich hinter dem Begriff Fresh X verbirgt. Doch auch wer am Anfang des Aufbruchs zu einer neuen Gemeindeform steht und gerne vor einer Reise mal einen Reiseführer liest, fühlt sich gut an die Hand genommen. Besonders die Ausflugsziele in den Norden und Süden, die Initiativen vor Ort vorstellen, lassen die theoretischen Inhalte konkret erscheinen und machen Lust selbst anzufangen. Da ist es gut, dass am Ende des Reiseführers eine Menge Proviant für den weiteren Weg geboten wird. Neben der weiterführenden Literatur sind es Dvds, Internethinweise oder auch Namen von Partnern des Fresh X-Netzwerkes. Im Buchcover ist dazu noch eine zweite Landkarte ausklappbar, die die fünf Schritte zur Fresh X darstellt. Diese gibt es mittlerweile auch als Postkarte. Nachdem ich sie bei Dynamissio gefunden habe, steht sie nun gut sichtbar auf meinem Schreibtisch, denn mir macht sie Mut – immer dann, wenn ich mal wieder überlege, ob ich wirklich noch auf dem richtigen Weg bin. Dann entdecke ich z.B. auf dieser Landkirche, dass Gottes Spuren nicht immer geradeaus führen, oder auf der geistlichen Reise durchaus auch Pausen eingeplant sind, und man den einen oder die andere auch mal ziehen lassen muss.

Für mich ist dieses Buch eine gelungene Einführung, ein erster Einblick in Fresh X, so wie mir vor einer Reise der kleine Reiseführer Lust auf meinen Urlaub macht. Deshalb kann ich das Buch allen empfehlen, die mal schauen wollen. Die Mitstreiter im TraumTeam unserer Fresh X haben es alle gelesen, da es ohne großes theologisches Wissen verständlich und so schön konkret ist. Meine persönlichen Highlights sind die kurze, prägnante Darstellung der Kennzeichen einer Fresh X. Die nutze ich immer, wenn ich irgendwo in einem Vortrag erklären soll, was eine Fresh X eigentlich von der Gemeindegruppe in der Kirchengemeinde unterscheidet. Dazu die einzelnen Beispiele der Ausflugstipps. Sie haben mir noch einmal gezeigt, wie unterschiedlich, wie kreativ einzelne Initiativen sein können, und dass Ausprobieren und Scheitern auch dazugehören dürfen. Und das letzte Highlight ist die bereits erwähnte Karte, die nun als Postkarte in meinem Sichtfeld steht.

Mein Fazit: Für einen ersten Überblick über das unbekannte Land der Fresh X, und um Lust auf die Reise zu machen, kann ich das Buch uneingeschränkt empfehlen. Wer schon weiter drin ist im Thema, vielleicht selbst schon eine neue Gemeindeform lebt, der wird sicher auf viel Bekanntes stoßen, aber die tieferen Fragen nicht beantwortet bekommen. Da sind andere Bücher empfehlenswerter. Doch dazu schreibe ich zu anderer Zeit mehr.

Habt Ihr das Buch vielleicht auch schon gelesen? Was ist euer Eindruck davon?