Monat: Juni 2017

Segen für alle?

Am vergangenen Wochenende war ich in Wittenberg. Wenn ich schon nicht den großen Reformationskirchentag besucht hatte, so wollte ich doch wenigstens die Weltausstellung Reformation besuchen. Also gesagt, getan und recht spontan geplant. Dabei befiel mich schon ein wenig die Angst, dass es doch wohl recht voll sein würde, denn ein Hotelzimmer in Wittenberg oder der näheren Umgebung war kaum noch zu finden. Doch ich hatte Glück – in einem kleinen Dorf zehn Kilometer vor der Stadt fand sich etwas und das auch noch zu moderaten Preisen.

Als ich dann am Freitag Nachmittag zusammen mit meinem Mann im Auto anreiste, empfingen uns schon am Stadtrand Parkleitschilder, die besagten, dass im Stadtzentrum keine Parkplätze mehr frei seien und man doch bitte den Reformationsparkplatz an der Kuhlache nutzen solle. Doch wir waren dreist, wollten nicht außerhalb für fünf Euro parken und dann auch noch in die Stadt laufen. Also lautete unser Motto: „Wir versuchen es erstmal in der Stadt. Rausfahren können wir immer noch.“ Direkt neben der Klosterkirche empfingen uns zahlrieche freie Parkplätze und auch das Parkhaus, das übrigens nur drei Euro am Tag kostet und im Gegensatz zum Reformationsparkplatz auch nach 19 Uhr noch geöffnet hat, war bei weitem nicht voll. Wir waren sehr überrascht, hatten wir doch ganz anderes erwartet. So wie die Parkplätze war auch die Stadt nicht voll. Dass hier eine besondere Ausstellung anlässlich der Reformation stattfindet, war nur durch die zahlreichen Banner und Plakate zu bemerken, nicht aber durch die Zahl der Menschen. Und was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnten – dieser Eindruck sollte sich in den nächsten zwei Tagen noch verstärken.

Bild: KirchGezeiten

Aber erstmal ankommen und das geht am Besten mit dem Abendsegen, der jeden Abend um 18 Uhr auf dem Marktplatz gefeiert wird. Zehn Bierzeltbänke laden vor der großen Bühne zum Platz Nehmen ein. Ein kleines Buch „Spiritual Journey – Gott auf der Spur in der Lutherstadt Wittenberg“ wurde uns in die Hand gedrückt und leitete uns durch den Besuch in Wittenberg und den Abendsegen. (Das sollte eigentlich jeder zu seiner Eintrittskarte dazu bekommen. Es lohnt sich wirklich und kann auch nach dem Besuch der Lutherstadt weitergenutzt werden.) Neben uns füllten sich die Bänke – nicht besetzt bis auf den letzten Platz, aber doch so, dass man den Eindruck gewann, hier geschieht etwas. Beim ersten Lied war dann schon klar, dass hier der Inner Circle der Kirchengemeinden saß. Kräftig wurde mitgesungen und auch weniger bekanntes Liedgut wie das Schlusslied „Jeder Mensch braucht einen Engel“ klang nicht dünn und unterbesetzt. Beim Singen ließ ich meinen Blick schweifen und dachte: „Gut, dass es die Cafés und Restaurants rings um den Marktplatz gibt. So können die, die eigentlich nicht mit Kirche in Verbindung gebracht werden wollen oder denen die Schwelle zur Teilnahme einfach zu groß ist, doch aus der Ferne etwas davon erahnen.“ Ohne dass hier Kirchenmauern stünden, waren sie doch deutlich wahrzunehmen. Auf der einen Seite die, die sich auskennen und kräftig mitsingen können. Auf der anderen Seite die, die mal vorsichtig schauen wollen, sich nicht rüber trauen oder nicht rüber wollen. 

Als dann im kurzen Impuls die Worte „fucking perfect“ fielen, horchte wohl nicht nur ich auf. Die einen zogen den Kopf ein – so etwas sagt man doch nicht und schon gar nicht bei der Kirche. Die anderen auf den Stufen zu Füßen Luthers mit der Bierflasche in der Hand und den schwarz gefärbten Haaren schauten plötzlich zur Bühne und hörten zu. Bis zum Segen galt der Person auf der Bühne nun ihre Aufmerksamkeit. So wurde der Segen wirklich zum Segen für alle. Beim Burger am Abend fragte ich mich, wer aus diesen wenigen Gedanken des Segens wohl was mit in seinen Alltag genommen hat? Wer fühlte sich durch die Musik und die Worte angesprochen? Für wen waren sie gedacht?

Diese Gedanken nahm ich mit in den nächsten Tag, an dem ich mir die verschiedenen Torräume der Ausstellung und die beiden großen Kirchen der Stadt ansah. Das Asisi-Panorama beeindruckte mich – ich gestehe aber auch, dass ich wirklich eine Bewunderin seiner Arbeiten bin. Die Wall in Berlin ist ganz anders und doch genauso großartig. Der Weg durch die einzelnen Torräume aber erstaunte, nein entsetzte mich. Wo waren hier die Menschen, die sich die einzelnen Ausstellungen, die einzelnen Themenbereiche ansahen. Die Menschen, die sich hier auf die Spuren der Reformation begaben? Überall herrschte gähnende Leere. Allerorten standen die vielen Ehrenamtlichen und warteten darauf, ihr Thema den Besuchern näher zu bringen. Mit einigen von ihnen kam ich ins Gespräch, hörte, dass sie selbst am Kirchentagswochenende nicht viel mehr Gäste begrüßen konnten, spürte auch den Frust vieler, die für ihren Dienst bei der Ausstellung Urlaub genommen haben. Einige sagten auch, dass man sich hier wohl ziemlich überschätzt hätte. Es gäbe gar nicht genügend Übernachtungsmöglichkeiten für mehr Gäste und aus dem Umland kämen sie nicht – wie denn auch bei zehn Prozent Kirchenzugehörigkeit. 

Später, auf dem Weg von der Schlosskirche zur Stadtkirche über den Marktplatz vorbei am Melanchton-Hof und Cranach-Haus, da waren mehr Menschen zu sehen. Doch bei genauerem Hinhören entpuppten sich viele als Tagesgäste, die eine klassische Stadtführung genossen, bevor ihr Reisebus sie an einen anderen Ort weiterfahren würde. Für die Weltausstellung Reformation waren sie nicht gekommen. Die Fragen des Vorabends wurden wieder lauter. Wer soll hier angesprochen werden? Für wen ist die Weltausstellung gedacht? Wer nimmt etwas aus ihr mit für seinen Alltag? Ist hier der Inner Circle angesprochen und die anderen sind die Rand- bzw. Zaungäste? Dann wünschte ich mir auch für die Ausstellung ein Moment des „fucking perfect“, damit sie ein Segen für alle wird. Denn eins steht für mich fest – es lohnt sich, mal nach Wittenberg zu fahren und nicht nur die Ausstellung zu besuchen, sondern auch zu erleben, wie sie von den „Zaungästen“ wahrgenommen wird. Mir hat sie ein Wochenende neuer Gedanken und Impulse geschenkt, die ich mitnehme in meinen Alltag.

Ganz(e) Kirche?

Fresh X sind ekklesial heißt es in Fresh X. Der Guide. Fresh X sind Kirche, Gemeinde. Sie sind nicht die ganze Kirche, aber sie sind ganz Kirche. Damit sind sie theoretisch jeder „normalen“ Ortsgemeinde gleich gestellt, gleich wichtig, gleich wertig. Sie sind Teil der einen Kirche in der Welt.

Was sich erst einmal sehr einleuchtend anhört, ist für viele durchaus ein Stein des Anstoßes. Entscheidet sich daran doch nicht nur die Verteilung finanzieller Mittel durch kirchliche Ämter. Auch das eigene Kirchenverständnis wird hier auf die Probe gestellt. Was ist Kirche? oder: An was denkst du, wenn du an Kirche denkst? Ist es das imposante Gebäude im Ortskern, irgendwann aus der Zeit des Barock, wundervoll ausgestattet und leider ziemlich kostspielig in der Unterhaltung? Oder ist es eher der kastige Betonbau im Stadtteil um die Ecke, der innen bunt gestaltet ist, dich dringend ein neues Dach bräuchte?

Andere mögen an ihre Kirchengemeinde denken, an die verschiedenen Angebote für Junge und Alte, von Kindergottesdienst bis Seniorenkreis, oder an die schöne Taufe, die man dort gefeiert hat, oder auch an den Spaß in der Konfirmandenzeit. Wiederum andere verdrehen bei dem Wort die Augen, weil ihnen Kirchensteuer und Skandale in den Sinn kommen. Aber ist das alles Kirche? Irgendwie schon, denn es bestimmt unsere Realität. Doch das Wesen von Kirche sieht hoffentlich anders aus.

Im Manuskript ihres Vortrags auf dem Kirchentag bin ich bei Nadia Bolz-Weber auf ein Gedankenspiel gestoßen, das mich nicht mehr loslässt. Was wäre, wenn die Kirche nur noch fünf Jahre hätte und nichts dieses Ende verhindern könnte? Wie würde das kirchliche Leben dann aussehen? Fielen wir alle in eine tiefe Depression und würden lethargisch auf das Ende warten? Würden wir weitermachen wie bisher? Oder würden wir aufhören, in Gebäude zu investieren, die wir uns eigentlich gar nicht leisten können? Würden wir weiter um den Gottesdienst am Sonntag Morgen kämpfen oder uns einfach am Freitag Mittag oder Dienstag Abend treffen? Vielleicht könnten wir auch einfach alle Sitzungen absagen und die Zeit in der Nachbarschaft verbringen. Vielleicht könnten wir das Abendmahl nicht nur einmal im Monat, sondern täglich an völlig unterschiedlichen Orten wie der Tankstelle, dem Seniorenheim, dem Park oder dem eigenen Wohnzimmer feiern.

Zum Manuskript von Nadia Bolz-Weber

Hoffen wir, dass die Kirche noch mehr als fünf Jahre besteht. Doch was diese Gedanken mich lehren ist, dass all diese äußerlichen Gegebenheiten nicht darüber entscheiden, was Kirche ist.

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ sagt Jesus (Mt 18,20). für mich ist die ein, wenn nicht der zentrale Satz mit Blick auf die Kirche. Jesus, das Evangelium ist die Mitte oder das innere Wesen der Kirche. Wo sich Menschen in seinem Namen versammeln, da entsteht Kirche. Dabei ist Kirche stets im Werden, ist nie gleich, verändert sich immer wieder mit den Menschen, die am jeweiligen Ort, im jeweiligen Kontext zusammen kommen.

Kirche ist eine Gemeinschaft von Menschen, die von Beziehungen geprägt ist. Diese Beziehungen werden nach Michael Moynagh, Fresh X. Das Praxisbuch, in vier Dimensionen ausgelebt. Neben der Dimension nach oben, der Beziehung mit und zum trinitarischen Gott, stehen die Beziehungen ins Innere der Gemeinschaft hinein und nach außen zu den Menschen in der Liebe und dem Dienst für die Welt. Die vierte Beziehungsdimension ist die der Verbindung mit der ganzen Kirche. Wenn eine Gemeinschaft in diesen Dimensionen lebt und wächst, dann ist sie Kirche. Damit sind aber die äußeren Faktoren wie Ort, Zeit, Gruppengröße oder Leitungsstil nicht entscheidend. Oder anders gesagt: Die Zeiten, in denen man Kirche am Kirchturm erkannte, sind vorbei oder waren nie da.

Ich „brenne“ für diese Kirche, denn auch wenn ich gerne in barocke Kirchen gehe, so hängt die Existenz der Kirche nicht an Äußerlichkeiten. Jeden Tag kann sie anders aussehen, an jedem Tag an einem anderen Ort neu werden. Jeden Tag baut Jesus Christus, die Mitte der Kirche, seine Kirche neu. Diese Kirche wird nicht aufhören zu bestehen, egal wie klein Kirchengemeinden vor Ort werden. Und ich darf mich jeden Tag neu von ihr überraschen lassen. Vielleicht wird morgen schon in meinem Wohnzimmer Kirche sichtbar oder in deinem Garten.

 

Hier noch einmal die Links zu den anderen Beiträgen der Reihe zu den Kennzeichen einer Fresh X: