Monat: April 2017

Kirche geht und bleibt

Es ist schon einige Zeit her, da schickte mir ein Freund den Link zu einem Videoclip. „Kirche geht“ war der Titel und ich fragte mich „Wohin?“. Ist sie überflüssig geworden. Brauchen wir sie nicht mehr? Ist ihre Zeit endgültig vorbei? Der Clip erzählt von einem anderen „gehen“. Kirche geht aus ihrer Burg heraus wieder ins Umland. Menschen gehen hinaus und erwarten nicht, dass die anderen zu ihnen kommen. Sehr kurz gesagt beschreibt dies, was „kontextuell“ als Kennzeichen einer Fresh X bedeutet. Seither ist mein Leitspruch: Ich will mich ans Lagerfeuer der Menschen setzen und mit ihnen über ihre Themen reden.

zum YouTube-Video „Kirche geht“

Das ist sicher etwas kurz zu kurz gegriffen, doch holzschnittartig trifft es zu. Sich anzupassen ist Teil jeden Lebens. Jeder, der in eine andere Umgebung kommt, auf Menschen trifft, passt sich in gewisser Weise an. Sei es, dass man sich auf eine gemeinsame Sprache einigt oder die Höflichkeitsformen des anderen adaptiert. Wer kommt schon auf die Idee in England rechts zu fahren und zu meinen, das müssten nun auch alle anderen tun? Das gilt aber nicht nur für Situationen im Ausland oder mit fremden Menschen. Wenn draußen die Sonne scheint und mehr als zwanzig Grad herrschen, werden die wenigsten in Winterjacke und Stiefeln unterwegs sein. Der Mensch passt sich immer seiner Umgebung an – mal mehr und mal weniger.

Auch Gott passt sich in gewisser Weise an. Die Bibel ist in Anpassung an die Zeit ihrer Entstehung geschrieben. Nur so konnte sie den Menschen eine verständliche Botschaft vermitteln. Gott selbst ist in Jesus Mensch geworden, hat sich unserer Welt angepasst, damit seine Liebe und Gnade für uns Menschen begreifbar wird.

Nun verändert sich unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere Welt ständig. Was ich in meiner Kindheit gut fand und gerne gemacht habe, ist für mich als Erwachsene vielleicht schon längst nicht mehr angesagt. Vor fast zwanzig Jahren bekam ich mein erstes Mobiltelefon. Das ich einmal damit im Internet surfen, einkaufen und Menschen in der ganzen Welt Nachrichten schreiben würde, habe ich damals nicht zu träumen gewagt. Genauso verändert sich die Kultur und die Gesellschaft ständig. Die Gesellschaft ist sehr viel heterogener geworden als noch vor ein paar Jahren. In diesem Umfeld dient die Kirche immer noch vielen. Vielen dient sie aber auch nicht mehr, weil sie sich nicht mehr angesprochen fühlen, weil die Kirche nicht mehr zu ihrem Umfeld passt. Genau deshalb muss Kirche wieder zum Milieu und zu den Lebensumständen derer passen, die sie erreichen will. „Darum entwickeln Fresh X neue Formen von Gemeinde für unsere sich verändernde Kultur.“ So heißt es in Fresh X. Der Guide von Reinhold Krebs und Daniel Rempe. Hingehen, hinhören und hinsehen seien dabei die ersten Schritte auf dem Weg.

Kirche passt sich an, ist kontextuell. Das heißt aber nicht, dass alles geht, Hauptsache die Menschen werden angesprochen. Wenn Kirche in dem Bewusstsein geschieht, dass sie an der Missio Dei mitwirkt, dann wird sie ihr Handeln immer auch daran ausrichten. Michael Moynagh verfasst dazu in seinem Buch Fresh X. Das Praxisbuch, vier Leitsätze, an denen christliche Gemeinschaften ihre Anpassung an die Kultur immer wieder ausrichten können. Sie bleiben erstens der Schrift treu, legen zweitens die Schrift im Einklang mit der ganzen Kirche aus, beachten drittens den missionarischen Kontext und kommen viertens gemeinsam zu Entscheidungen, da dann das Risiko der Fehlentscheidung geringer ist. Diese Leitsätze sind meines Erachtens hilfreich, zeigen sie doch, dass es nicht um Anpassung um jeden Preis geht. Bei aller Kontextualisierung sind christliche Gemeinschaften durch ihren Bezug zu Gott doch immer auch anders und das ist gut so. Es ist sogar entscheidend im Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Einrichtungen und Vereinen.

Unter der Führung des Heiligen Geistes sind Fresh X daher kontextuell und passen sich an ihr Umfeld an. So entspricht der immer heterogener gewordenen Gesellschaft und Kultur eine heterogene Kirchenlandschaft (mixed economy), in der die verschiedenen Formen von Kirche je ihre Funktion haben. Denn unterschiedliche Menschen werden von unterschiedlichen Formen angesprochen – nicht nur am Sonntag, sondern im Alltag. Das verändert ihr Leben. Doch davon berichte ich in meinen Gedanken zum dritten Kennzeichen von Fresh X.

Jetzt würde mich interessieren, wie die Kirche, die eurem Lebensumfeld angepasst ist, aussähe.

 

Hier noch die Links zu den anderen Beiträgen der Serie zu den Kennzeichen einer Fresh X:

 

Dynamissio – ein missionarischer Aufbruch?

Vor einer Woche ging der missionarische Gemeindekongress anlässlich des Reformationsjubiläums – oder kurz Dynamissio – zuende. Irgendwie scheint das Erlebte schon wieder weit weg, doch das geht wohl vielen so. Die Fülle des Terminkalenders holt einen innerhalb von Stunden wieder zurück in den Alltag. Doch dieser Alltag ist es, der das Gehörte und Gesehene auf den Prüfstand stellt. War es so tiefgehend, dass der Vorsatz, das eine oder andere sofort oder später umzusetzen, nicht nur ein Vorsatz bleibt. Gibt es etwas, und wenn es nur ein Satz ist, das etwas im Alltag verändert.

Bei mir ist es noch immer die Verwunderung, die geblieben ist. Verwunderung darüber, dass ich den Eindruck hatte, dass sich nur wenige auf den Weg gemacht haben. Seit Mitte letzten Jahres wurde intensiv für diese Tage geworben. Ich kann gar nicht zählen, wie oft die Einladung bei mir im elektronischen Postkasten landete, von den realen Papiereinladungen ganz zu schweigen. Doch den Weg ins Velodrom in Berlin, das ohne weiteres bei anderen Veranstaltungen bis zu zehntausend Menschen Raum bietet, fanden nur knapp zweitausenddreihundert Teilnehmer. War das Thema nicht interessant, die Referentenauswahl nicht gut oder der Termin ungünstig?  Oder leben wir immer noch in der Illusion, dass wir mit unseren Gemeinden auf sicherem Posten stehen und uns über die Zukunft keine Gedanken machen müssen?

Doch in diesen trüben Gedanken will ich nicht festhängen, denn Dynamissio hat anderes spüren lassen. In jedem Vortrag, jedem Seminar und jedem Forum richteten motivierte Christinnen und Christen den Blick nach vorne. Da sprach Professor Dr. Michael Herbst vom Pharisäer-Gen, das wir alle in uns tragen. Der Mensch sei auf ein Leben nach den Regeln der Werkgerechtigkeit angelegt und schaue auf Grund dessen früher oder später in seinen eigenen tiefsten Abgrund. Dort aber warte Jesus. Er warte mit ausgebreiteten Armen am Kreuz auf jeden einzelnen von uns. Diesem Jesus bringe uns das Evangelium nahe. Mit dem Evangelium zu leben hieße dann: „Mach es, so gut du kannst, gib dir Mühe. Wenn du dann versagen solltest, dann denke daran, dass du festen Grund unter den Füßen hast.“ Gottes Liebe trägt uns.

Die neue Übersetzung des Missionsbefehls unter dem Kreuz.

Mit Blick auf die Jüngerschaft als Herzstück kirchlicher und gemeindlicher Erneuerung eröffneten die Theologen Kolja Koeninger und Patrick Todjeras ihr Forum mit der Feststellung, dass sie eigentlich gar nicht mehr darüber sprechen könnten. Die neue Lutherübersetzung aus dem Jahr 2017 übersetze die zentrale Stelle Mt 28,20 schließlich nun mit „Gehet hin und lehret alle Völker“ statt mit den so bekannten Worten „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“. Ich gestehe, diesen Übersetzungsunterschied hatte ich bisher noch nicht wahrgenommen, doch blitzte hier noch einmal der Gedanke auf, ob Mission nicht gern gesehen wird. Im Anschluss an diesen Opener führten die beiden Referenten dann dennoch anhand der Aussendung der Zwölf (Mk 3) zu den Gedanken, wie Mission im Sinne einer Jüngerschaft gestaltet werden könne. Jünger seien berufen „vor Ort“ zu sein, der Welt zugewandt und gleichzeitig ein Teil der kirchlichen Tradition. Jüngerinnen und Jünger würden als Experten, als Ansprechpartner für den Sinn des Lebens verstanden. Sie seien wichtig, um anderen den Weg zum Glauben zu eröffnen.

Die Bibelarbeit des Ratsvorsitzenden der EKD, Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, am nächsten morgen führte für mich diese Gedanken weiter. Angesichts der verunsichernden und erschreckenden Ereignisse sprach er davon, dass Christen nicht mit Gewalt darauf reagierten oder die Angst überhand gewinnen ließen. Christen seien Botschafter der Versöhnung, wobei sich der Blick auf die Welt verändere, wenn wir mit Augen der Versöhnung auf die sähen. Denn Versöhnung sei heilsam. Durch sie würden selbst Unmenschen zu Menschen. Grund der Versöhnung sei, dass Gott den ganzen Kosmos mit sich versöhnt habe, nicht nur Juden oder Christen. Es sei eine radikale Liebe Gottes, die sich hier realisiere. Diese Liebe rufe uns dazu auf, ganz in der Welt zu leben, und diese Liebe dort zum Ausdruck zu bringen. Daran wird sich die Authentizität der Kirche zu messen haben.

Dr. Steven Croft stellte am letzten Tag die Frage, ob es nach der Konferenz so weitergehen dürfe wie bisher? Was ist unsere Vision von Kirche, wenn viele Beschreibungen nur noch leere Worthülsen sind? Drei Worte gab er seinen Zuhörer mit, die für ihn beschreiben, wie Kirche sein soll: kontemplativ, mitfühlend, mutig. So seien wir berufen, eine christusgleiche Kirche zu sein. Was das genau heiße, beschrieben die Seligpreisungen in Mt 5. Jeder Satz fange mit einem neuen Segen an, der ermutigen, Hoffnung wecken solle. Dabei könne niemand allein alle Sätze, die dort genannt seien, erfüllen. Erst alle vereint in der einen Gemeinde könnten den Seligpreisungen entsprechend leben. Diese Kirche habe auch Martin Luther im Sinn gehabt, der immer wieder zur Schrift zurückkehrte.

Gemeinsames Abendmahl zum Abschluss

Es sind nur wenige Highlights, die ich hier zur Sprache bringen kann. Es gab noch so viele andere. Am Ende blieben Gedanken, die mich seither noch mehr bewegen als vorher. Auch wenn die neue Lutherübersetzung meines Erachtens die Worte in Mt 28,20 abschwächt und gemessen an der Werbung nur wenige den Weg nach Berlin fanden, ist Mission zentrales Anliegen des Evangeliums. Die Liebe Gottes radikal in der Welt zu leben und Menschen in die Jüngerschaft zu begleiten, ist Gottes eigene Mission in der Welt. Wir arbeiten lediglich daran mit. Dabei geht mein Denken noch weiter, nämlich weg von der einzelnen Ortsgemeinde hin zu der einen Gemeinde, die alle Christen umfasst. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass wir erst, wenn wir aufhören nach Mitgliedszahlen und Taufquoten zu schielen, die Kirche Gottes wirklich entdecken und sehen werden. Sollten wir nicht für jeden Menschen dankbar sein und uns freuen, der Jesus begegnet ist und ihm nachfolgt, unabhängig von der Gemeinde, der er angehört? Brauchen wir wirklich noch die Auseinandersetzungen darüber, wer die bessere Gemeinde ist, das attraktivere Angebot, die meisten Gottesdienstbesucher hat? Meine Mission heißt Jesus Christus und nicht Kirchengemeinde xy. Dann ist es nicht ausschlaggebend, wie viele Menschen in Berlin dabei waren, sondern dass jede und jeder, der da war, die missio Dei in seiner Welt, in seinem Umfeld weitergibt, daran mitwirkt.

Dynamissio – drei Tage nachdenken über Gott und seine Mission. Ich danke allen Mitwirkenden für diese Zeit, denn sie hat mir neue Gedanken eröffnet, die mich nun begleiten.