Monat: Februar 2017

W@nder – zwischen wandern und wundern

 

Zwischen Hütte und Hochebene, zwischen Gletscher und Schlucht trafen sich am 14. und 15. Februar Christen bei W@nder – der Konferenz für Pioniere und ich war mittendrin. Mittendrin zwischen Menschen, die sich in der ein oder anderen Weise fremd in ihrer Kirche fühlen. Menschen, die das Gefühl haben, irgendwie nicht hineinzupassen, und doch den Glauben an Gott nicht fallen lassen wollen. Denn sie wissen sich von Gott getragen und gerufen.

Was für ein großartiges und buntes Zusammenkommen: Katholiken, Lutheraner, Baptisten und Methodisten. Dabei war die erste Frage nie: welcher Konfession gehörst du an? Vielmehr war an allen Orten die Frage zu hören: Warum fühlst du dich fremd in der Kirche? Und dann taten sich Lebensgeschichten auf von dem jungen Mann, der gerade weil er sich fremd fühlte, Theologie studierte und nun eine fresh expression of church in Köln aufbaut. Oder von der jungen Frau, die sich im Reisekonzern irgendwann unwohl fühlte, weil die Arbeit dort nicht ihren Werten entsprach. So brach sie aus, kündigte, suchte ihre Waldlichtung und machte sich selbständig.

Dazu ein beeindruckender Vortrag von Johnny Baker und Susanne Haehnel aus England über „the pioneer gift“. Das Gefühl, nicht hineinzupassen als Gabe bzw. Geschenk zu verstehen und sich deshalb als Pionier auf den Weg zu machen, ist eine für manchen ungewohnte Sichtweise. Bisher haben viele dieses Gefühl eher defizitär verstanden. In der Kirche war eben bisher nie richtig Platz für sie. Ein Gefühl des Unwohlseins blieb trotz aller Anpassungsversuche. Nun können sie es als Chance zum Aufbruch begreifen.

Foto: Sabine Ulrich

Denn Pioniere sind Menschen, die Möglichkeiten sehen und aufbrechen, sie zu realisieren. Sie sind Wanderer zwischen den Welten – der Realität ihrer Kirche und der Vision von einer Kirche, in die sie hineinpassen. Sie wundern sich, entwickeln Visionen einer Kirche, die das Evangelium in den jeweiligen Kontext vor Ort einträgt. Denn wenn viele Gott aus verschiedenen Blickwinkel betrachten, dann ergibt sich ein besseres, ein vollständigeres Bild von ihm. Doch Pioniere reden nicht nur darüber, sie brechen auf, wechseln die Straßenseite, lassen geschehen und bauen. Dabei muss so manch einer erfahren, dass dieser Weg durch Schluchten, Wüsten, Einsamkeit führen kann. Deshalb brauchen Pioniere eine Gemeinschaft, die sie trägt, die sie aufbaut.

Bei W@nder konnte ich diese Gemeinschaft spüren. Ich bin mit so vielen Menschen ins Gespräch gekommen, konnte Ideen austauschen, gemeinsam reflektieren. Das Gefühl nicht zu passen, war hier nicht spürbar. Stattdessen wuchs in mir das Bewusstsein: auch ich bin ein Pionier, oder besser: eine Pionierin. Ich bin aufgebrochen, die Straßenseite zu wechseln. Dabei blieb mir ein Satz besonders hängen: Pionier sein heißt: nicht auf den Zug warten, der nicht mehr kommen wird.

Wie geht es euch? Habt ihr auch das Gefühl nicht zu passen? Wollt ihr vielleicht auch die Straßenseite wechseln? Ich bin gespannt auf Eure Berichte.

 

 

 

Warum eigentlich fresh x?

„Glauben ist was für alte Leute“, „Kirche ist alt und verstaubt“, „Ich bin nicht so der Kirchgänger“ – Sätze, die so oder so ähnlich immer wieder laut werden, wenn es um den eigenen Bezug zum christlichen Glauben und zur Kirche geht. Auch wenn in den westlichen Bundesländern noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung Mitglied einer der christlichen Kirchen ist, haben viele „ihre“ Kirche schon lange nicht mehr von innen gesehen – oder auch nie.

Ganz ehrlich, auch wenn ich Pastorin bin, zieht es mich am Sonntag auch nicht unbedingt in den nächsten Gottesdienst. Auch ich fühle mich nicht unbedingt angesprochen von dem, was dort geschieht. So wähle ich mir die Gottesdienste, die ich besuche, immer ziemlich sorgfältig aus.

Zugleich wächst die Zahl derer, die noch nie mit einer Kirchengemeinde oder Christen in Kontakt gekommen, geschweige denn eine Kirche von innen gesehen haben. Aber ist der Glaube an den dreieinigen Gott deshalb veraltet, nicht mehr angesagt? Mein Eindruck ist, dass ganz das Gegenteil der Fall ist. Wenn ich mit Menschen im Zug, bei privaten Einladungen oder auch an anderen Orten ins Gespräch komme, dann haben die meisten gleich Fragen rund um Gott und die Welt. Oder sie wollen einfach mal über etwas reden. Oft sind es die großen Themen rund um den Sinn des Lebens und das Danach.

Gedanken und Erfahrungen, die mich bewegt haben, nach dem „mehr“ zu suchen. Ich bin überzeugt davon, dass Gott für jeden Menschen die beste Botschaft bereit hält, die ein Mensch nur erfahren kann. Deshalb will ich davon erzählen. Aber wie?

Fresh expressions of church – neue Ausdrucksformen von Kirche sind m.E. ein Weg, Menschen Begegnungen mit Gott zu ermöglichen. Denn darum geht es: Gott will den Menschen begegnen, ihnen nahe sein, damit sie seine Liebe spüren und weitergeben. Doch wie sollen Menschen Gott begegnen, wenn sie gar nicht wissen, wie er sich ihnen zeigt? Wenn sich Glauben auf das beschränkt, was hinter Kirchentüren und Gemeindehauswänden stattfindet, dann ist er Teil einer Sonntagskirche. Da aber verirren sich nur selten Menschen hin, die noch nie Kontakt mit dem christlichen Glauben hatten. Christlicher Glaube muss sich im Alltag zeigen, damit Menschen Gott neu begegnen können. Er muss sich dort zeigen, wo die Menschen sind – im Wohngebiet, am Arbeitsplatz, vielleicht sogar im Supermarkt. Genau das wollen fresh expressions of church: Zeugnisgemeinschaften der guten Botschaft Gottes vor Ort bei den Menschen sein.

Dabei zeichnen sich fresh expressions durch vier Kennzeichen aus: sie sind missional, kontextuell, lebensverändernd und ekklesial. Was das genau bedeutet, werde ich in den kommenden Wochen in einer kleinen Reihe darlegen. Zunächst interessiert mich aber, welche Vorstellungen von einer christlichen Gemeinschaft im Alltag ihr habt.

 

Hier der Link zu den nächsten Beiträgen über die Kennzeichen von fresh x:

 

Baustelle des Glaubens

Am 21. Januar wurde ich offiziell in mein neues Amt als Pastorin für fresh x und Quartiersmanagement mitten auf einer Baustelle eingeführt. Was lagt da näher als über die Baustelle des Glaubens zu predigen. Die Predigt möchte ich euch nicht vorenthalten. Ich freue mich auf Eure Kommentare.

Herzlich willkommen auf der Baustelle schön, dass sie alle so zahlreich gekommen sind – ach nein, so etwas sagt man nicht. Das geht doch nicht. Schließlich hängt an so ziemlich jeder Baustelle das allseits bekannte Schild „Betreten verboten, Eltern haften für ihre Kinder.“ Eine Baustelle ist gefährlich, niemand will und kann die Verantwortung übernehmen, wenn etwas passiert. Da ist es besser, sich abzusichern, durch Schilder und durch hohe Zäune.

Aber haben sie eine solche Baustelle schon einmal etwas näher beobachtet? Ich meine dabei erstmal noch gar nicht die Baustelle an sich, sondern das Geschehen vor dem Bauzaun. In Nordholz, wo ich die letzten sechs Jahre Pastorin war, hatte ich zwei Jahre alle Gelegenheit dazu. Die Kirchengemeinde hat eine Kirche gebaut und ich habe im Pfarrhaus direkt nebenan gewohnt, hatte also quasi den exklusiven Überblick. Natürlich standen auch um diese Baustelle die besagten hohen Zäune herum und natürlich hing auch an diesen Zäunen alle paar Meter das besagte Schild „Betreten der Baustelle verboten“. Schließlich musste die Kirchengemeinde auf Nummer sicher gehen. Doch schon Tage bevor sich die erste Baggerschaufel in den Boden grub, um mit dem Erdaushub für die Fundamente zu beginnen, war etwas in unserer Straße zu beobachten – es reichte das bloße Aufstellen der Zäune und Anbringen der Schilder.

Was dort geschah? Das Verkehrsaufkommen in unserer Straße steigerte sich merklich und das lag nicht daran, dass der Lidl auf der anderen Straßenseite gerade besonders gute Angebote hatte. Nein, die Autos, Radfahrer und Fußgänger, die durch unsere Straße fuhren oder gingen, waren gekommen, um die Baustelle der Kirche anzusehen. Wie ich darauf komme? Das Grundstück der Kirchengemeinde in Nordholz liegt auf der Spitze zwischen drei Straßen und man konnte herrlich im Kreis fahren und so die Baustelle von nahezu allen Seiten betrachten. Seit dem Tag, an dem die Bauzäune errichtet worden waren, taten das viele. Und wer bei der ersten Runde noch nicht alles gesehen hatte, fuhr gerne auch noch eine zweite Runde ums Gelände herum. Viele blieben auch stehen, so mancher wagte einen Blick direkt durch den Zaun, so wie man sich das immer an den Gehegegittern im Zoo vorstellt. Ich habe dann so manches Mal gewitzelt, ich stelle eine Kaffeebude auf und werbe damit die noch fehlenden Mittel für den Kirchbau ein.

Es gab auch einige Mitbürger, die täglich oder wöchentlich zur Baustelle kamen, um Fotos zu machen – ich glaube, die Baustelle unserer Kirche ist in zwei Jahren Bauzeit mindestens genauso oft fotografiert worden wie der Kölner Dom in seiner ganzen Geschichte, wobei dessen Bauzeit ja bis heute nicht abgeschlossen ist.. Besonders interessant wurde es übrigens auf der Baustelle bzw. in ihrem Umfeld, als der Rohbau abgeschlossen war, man von außen quasi nicht mehr viel sehen konnte, weil innen nun der Innenausbau stattfand. Sie kennen das, der Innenausbau dauert ja fast so lange, manchmal sogar länger als der Rohbau. Wie oft haben mir da die Mitarbeiter der verschiedenen Bauunternehmen erzählt, dass mal wieder neugierige Mitbürger sich ihren Weg ins Innere der Kirche gesucht haben, sie sie nur mit Mühe und Not davon abhalten konnten, in den frisch gegossenen Estrich zu treten oder auf das Gerüst zum Bau der Orgelempore zu klettern.

Der erste Gottesdienst, Heilig Abend in der Baustelle der Kirche, war so gut besucht, wie lange nicht mehr. Während zu anderen Zeiten die Temperatur in der Kirche nie die richtige ist, haben an jenem Abend alle gerne gefroren. Auch die Bierzeltbänke waren nicht zu unbequem und dass viele stehen mussten, war an jenem Abend überhaupt kein Problem. Ganz ehrlich? Viele der Menschen habe ich an jenem Abend das erste Mal in der Kirche gesehen.

Genau deshalb war ich begeistert, als wir im November zusammen mit Superintendent Kück und Pastorin Brandy überlegten, den Gottesdienst zu meiner Amtseinführung hier in der Baustelle zu feiern, man könnte sagen „Mit Baustellen kenne ich mich aus“.

Außerdem liebe ich das Bild von der Baustelle. Ich vergleiche den christlichen Glauben immer mal wieder mit einer Baustelle und ja, ich weiß, jeder Vergleich hinkt an der einen oder anderen Stelle. Doch ich halte es da wie Jesus, der zu den Menschen auch gerne in Bildern und Gleichnissen sprach. Der Glaube als Baustelle, die viele gerne durch Zäune nach außen absichern, um keine Gefahr einzugehen. Bitte auch niemanden Fremdes, der nicht dazu befugt ist, auf die Baustelle lassen, wer weiß, was sonst passiert. Neue Ideen könnten ja den ganzen Bau verändern. Das geht nicht, man muss sich doch an die Pläne halten und so haben es schon die Handwerker vor uns gemacht. Am besten nichts nach außen zeigen, denn wer weiß, was dann passiert. So findet Glaube an vielen Orten hinter Zäunen oder verschlossenen Mauern statt, hinter der Kirchentür oder im Gemeindehaus. Und wenn der Gottesdienst oder der Frauenkreis, wo ich wirklich Gutes von Gott gehört habe und an meinem Glauben bauen konnte, wenn er zuende ist, dann verlasse ich die Baustelle für den Rest der Woche. Dabei trauen sich nur wenige, die bisher mit der Baustelle des Glaubens nichts zu tun hatten, auf die Baustelle. Die Schilder an den Zäunen, das Gefühl, hinter dem Zaun, auf der Baustelle könnte es gefährlich sein, schreckt viele ab. Und doch ist da diese Neugier, die Sehnsucht danach, auch etwas über die Baustelle zu erfahren. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass der Verkehr auf den Straßen um die Baustelle in den letzten Jahren wieder deutlich zugenommen hat, nur auf der Baustelle merkt man es nicht.

Und dann gibt es da diese seltenen Einblicke auf die Baustelle: die Hochzeit, zu der man eingeladen ist, bei der man merkt, dass es da auf der Baustelle irgendwie doch ganz anders ist, als man es sich vorgestellt hat. Der Kirchentag in diesem Jahr in Berlin und vielen anderen Orten wird sicher auch für so manchen so ein Blick auf diese Baustelle sein. Doch wahrscheinlich werden die meisten danach nicht wieder auf die Baustelle kommen, so wie nach jenem ersten Heiligabend Gottesdienst auf unserer Kirchenbaustelle in Nordholz. Im Alltag geht es eben doch wie gewohnt weiter. Und im Alltag hat die Baustelle des Glaubens keinen Platz. Dort gehe ich nur hin, wenn ich Zeit übrig habe.

Doch wer bleibt, oder wer wiederkommt, der kann erfahren, dass diese Baustelle sich lohnt, dass da etwas ganz großartiges entsteht, etwas, dass das Leben verändert. Denn der Bauherr ist ein ganz besonderer. Er heißt Gott und hat schon ziemlich viele gute Bauprojekte durchgeführt: angefangen bei der Arche, die vierzig Tage Dauerregen und die größte Flut der Weltgeschichte unbeschadet überstanden und die Existenz der Menschen und Tiefe auf der Erde gesichert hat. An seiner größten Baustelle aber baut der Bauherr noch: am Reich Gottes, dem himmlischen Jerusalem. Den Eckstein dazu, der alles trägt, hat er schon gelegt in Jesus Christus. Nun liegt es an uns Menschen, am Reich Gottes weiterzubauen und die Baustelle der Vollendung entgegenzuführen. Doch dafür braucht es viele fleißige Hände und die sind noch lange nicht alle auf der Baustelle angekommen. Sie stehen noch davor, schauen vielleicht schon mal neugierig über den Zaun, fahren eine Extrarunde um die Baustelle oder bleiben zumindest auf der anderen Straßenseite kurz stehen. Diese Menschen in den Blick zu nehmen, ist die Herausforderung, der die Christen sich immer mehr stellen müssen, soll die Baustelle, das Reich Gottes, vollendet werden. Dann kommen wir an den Punkt, an dem der Vergleich hinkt. An der Baustelle des Glaubens darf nicht das Schild „Betreten verboten“ stehen, um die Neugierigen und Sehnsuchtsvollen außen vor zu halten. An dieser Baustelle ist jeder willkommen und jeder kann und soll an diesem Bau mitbauen, seine Ideen und Gedanken einbringen. An dieser Baustelle muss eigentlich ein ganz anderes Schild stehen: wegen Umbau geöffnet. Und der wichtigste Ort ist die Baustellenausfahrt, der Ort, den man frei halten soll, damit alles aus dem Glauben hinaus in den Alltag fließen kann und die Baustelle Glauben nicht hinter hohen Zäunen verborgen bleibt. So will es der Bauleiter und seinen Bauplan hat er uns allen in die Hand gegeben.

Die Projektstelle, auf die ich heute eingeführt worden bin, ist so eine Baustellenausfahrt, vielleicht auch der Beginn, die Bauzäune trotz Baustellenbetrieb abzubauen. Ich freue mich sehr, dass ich an dieser Stelle den Bauplan unseres Bauleiters mit umsetzen darf. Und dann komme ich wieder zur Kaffeebudenidee zurück, die ich schon in Nordholz beim Bau der Kirche hatte. Bereits im Bewerbungsgespräch habe ich gesagt, dass ich mir vorstellen kann, mit dem Bollerwagen und Kaffee durch die Siedlung zu ziehen, um die Menschen kennenzulernen und von ihnen zu hören, zu erfahren, was sie bewegt. In den Zeitungsartikeln nach der Bekanntgabe der Besetzung der Stelle durch mich war ebenso von diesem Bollerwagen zu lesen. Und was soll ich sagen: Hier steht er. Heute noch nicht mit Kaffeekannen, Teekannen und Tassen gefüllt. Dafür aber mit Zetteln und Stiften. Ich möchte mich zum Tee bei Ihnen einladen, um sie kennenzulernen. Schreiben Sie doch einfach im Laufe des Nachmittags ihren Namen und ihre Telefonnummer auf einen der Zettel und ich rufe Sie an. Wir machen einen Termin aus und ich komme sie auf einen Tee oder Kaffee besuchen. Den selbstgebackenen Kuchen bringe selbstverständlich ich mit. Und wer sich den Bollerwagen einfach nur mal etwas näher anschauen will, der findet noch ein wenig Stärkung darin. Dieses Angebot gilt nicht nur heute, sondern immer, wenn sie den Bollerwagen irgendwo stehen oder fahren sehen.

Denn ich möchte mit Ihnen, den Menschen hier in Riensförde und Ottenbeck, zum einen auf den Baustellen der Stadtteile arbeiten, zum anderen aber auch auf der Baustelle des Glaubens. Dabei können wir keinen besseren Bauherrn als Gott haben, denn wenn er nicht das Haus baut, dann bauen umsonst, die daran bauen.