Wertvolle Zeit!

Einmal in der Woche sitze ich im Café. Ein Bilderrahmen erzählt davon, dass ich Pastorin bin. Viele wissen mittlerweile, dass ich hier sitze, gleich an der Tür, am ersten Tisch. Mindestens ein Lächeln und ein „Guten Morgen“ bekommt jede*r von mir geschenkt. Manchmal ergibt sich dann mehr…

Auch heute bin ich wieder hier. Draußen ist es grau, nasskalt, ungemütlich. Heute ist das Café gut besucht. Das war in den letzten Wochen nicht immer so. Zwei neue Cafés bzw. Bäckereien mit Kaffeeangebot haben in der Nähe eröffnet. Jetzt gehen die Kunden erstmal dort schauen. Aber heute ist es nicht so. Vielleicht liegt es am Wetter, denke ich. Vielleicht ist es heute zu nass, zu kalt, um den weiteren Weg zu fahren oder zu laufen. Oder liegt es an der Jahreszeit, dass die Menschen das Bedürfnis haben, sich mit anderen auf einen Kaffee zu treffen, dass sie nicht allein sein wollen, dass sie das Gefühl von Nähe brauchen? Ich ahne, dass es in den nächsten Wochen, im Advent ähnlich sein könnte.

Ich habe heute kein Gespräch. Niemand hat sich an meinen Tisch gesetzt. Die, die heute hier sind, sind nicht allein gekommen. Mindestens zu zweit sitzen sie an den Tischen um mich herum. Da ist die Mutter, die mit ihrem Sohn, der heute nicht in den Kindergarten muss, frühstückt. Sie erzählen und lachen und teilen ihr Rührei und zwischendurch rufen sie Papa an, um ihm zu erzählen, wo sie sind. Einen Tisch weiter, zwei junge Frauen. Eine ist schwanger. Sie beraten, wie die Sorge um die älter werdenden Eltern zu tragen ist. Wie wichtig ihnen die Familie ist. Noch ein paar Tische weiter drei junge Leute aus der nahegelegenen Weiterbildungseinrichtung. Sie haben gerade Pause. Die geplante Party am Wochenende braucht noch etwas Vorbereitung.

Ich habe kein Gespräch. Und doch höre ich zu, denn so manches lässt sich hier angesichts der allgemeinen Lautstärke nicht überhören. Ist das hier Arbeit? Oder sollte ich besser etwas „Sinnvolleres“ tun? Ich bin es schon oft gefragt worden. Meine Antwort? Hier werde ich einen Vormittag lang beschenkt mit Einblicken in das, was die Menschen in meinem Stadtteil bewegt. Mit einem Lächeln von denen, die auf mein Lächeln reagieren. Mit der Gewissheit, dass die Menschen hier Gottes geliebte Kinder sind. Und immer wieder darf ich etwas davon zurück geben. Dann, wenn die Mitarbeiter*innen mir ihr Herz ausschütten, weil gerade nicht soviel los ist im Café. Dann, wenn sich die junge Mutter an meinen Tisch setzt und fragt, „wie Taufe geht.“ Dann, wenn eine Frau beim Hereinkommen sagt: „Sie ist wieder da. Jetzt geht die Sonne auf!“ oder der ältere Herr, der hier immer seine Zeitung liest, nach meinem Urlaub zu mir sagt: „Na, dann sind wir ja jetzt wieder komplett.“

Vielleicht müssen wir „von Kirche“ gar nicht immer verkündigen und mit Angeboten den Menschen dienen. Vielleicht dürfen wir auch einfach nur mal da sein und uns beschenken lassen und ein klein wenig davon zurück geben. Hier mitten unter den Menschen ein Gespür dafür bekommen, was außerhalb unserer kirchlichen Mauern und Blasen die Menschen bewegt, sie erfreut oder einfach nur Spaß macht. Und diese Eindrücke mitnehmen und mit ihnen im Gepäck vielleicht die Predigt für den Heiligabend schreiben und sie dadurch relevant für die Menschen werden lassen.

Ich lasse mich hier gerne beschenken und ja, ein paar Gedanken für Heiligabend habe ich auch schon gesammelt…

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