Schlagwort: Unruhe

Advent heißt Warten oder nicht? 

Advent bedeutet Warten, so habe ich es mal gelernt. Aber wo und wie warten wir? Warten wir überhaupt? Heißt Advent nicht eher hektische Betriebsamkeit und die Rede von der besinnlichen Zeit bleibt ungestillte Sehnsucht?

Vielleicht kommen mir diese Gedanken gerade jetzt, da ich auf einem norddeutschen Bahnhof sitze und mich über verspätete Züge ärgere. Plötzlich ausgebremst auf dem Weg, alle Pläne auf Null gesetzt, noch einmal von vorne anfangen und neu planen, erstmal den nächsten Zug, dann die Termine.

So sitze ich da und beobachte die Menschen, die an mir vorbei hasten. Pendler auf dem Weg zum Job und Urlauber, Geschäftsreisende und Menschen auf dem Weg zum Einkauf in die Stadt. Wie sie so an mir vorbei ziehen, eint sie eins: die eiligen Schritte, der gehetzte Gang, der fokussierte Blick. Ist das nicht vielmehr Advent als besinnliches Warten bei Kerzenschein und Glühwein. Okay, irgendwo zwischen den vielen Terminen kurz vor Jahresende ist auch noch Platz für einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, aber hat das etwas mit dem zu tun, was so oft unter dem Begriff Advent vermittelt wird?

Zur gleichen Zeit laufen in den Medien Werbespots, in denen Familiengeschichten mit fröhlichem Weihnachtsessen oder Happyend gezeigt werden. Einige dieser Filme verbreiten sich im Anschluss viral im Internet, werden preisgekrönt. Sie scheinen die Menschen, ihre Sehnsüchte anzusprechen, oder warum sonst sind sie so erfolgreich?

Bewegen sich die Menschen im Advent vielleicht deshalb so hektisch, weil sie den Traum verfolgen, ihre Sehnsucht nach Familienglück, Ruhe und Besinnlichkeit doch irgendwann einmal stillen zu können? Dann aber folgt die Frage, ob das überhaupt möglich ist oder die Sehnsucht immer Sehnsucht bleibt. Wenn sie aber zu stillen wäre, wie könnte das passieren? 

Während ich die Menschen an mir vorbei laufen sehe, ist mir eins klar. Im generellen Brandmarken des Weihnachtsgeschenketrubels liegt keine Antwort. Gerade gestern habe ich im Buchladen zwei Jugendliche beobachtet, die, bereits mit vielen kleineren und größeren Tüten ausgestattet, gemeinsam Geschenke für zwei weitere Freundinnen überlegten. Das hatte etwas von Stress und doch schien es den Jugendlichen am Herzen zu liegen und Spaß zu machen. Etwas zu schenken hat oft auch etwas mit Wertschätzung zu tun. Zugleich wird viel Liebe ins Überlegen und Aussuchen des Geschenks investiert. Die vielen Tüten am Arm der Jugendlichen waren eben auch Ausdruck ihrer sozialen Beziehungen, in denen sie zuhause sind. Wenn Schenken nicht als Verpflichtung und Last empfunden wird, will ich es nicht bewerten. Da darf es auch ruhig mal etwas trubeliger zugehen, zumal ich den Eindruck habe, dass die drei Weisen damals auch nicht wohlgeplant aufgebrochen sind oder besinnlich unterwegs waren zur Krippe.

Liegt die Antwort dann vielleicht in der nüchternen Aufklärung der Mitmenschen, dass die Realität eben anders aussieht und sich ihre Sehnsüchte einer romantischen Verklärung der Welt verdanken? Auch darin sehe ich keine Lösung. Diese Sehnsüchte haben meines Erachtens ihren Grund, drücken etwas von dem aus, was die Menschen sich wünschen, was sie als erstrebenswert erachten und was ihnen Hoffnung schenkt. Es scheint ein Sinn in diesem Sehnen zu liegen. Vielleicht ist es einfach das Korrektiv zur erlebten Welt, das manches im Alltag in ein anderes Licht rückt. 

Noch immer hasten die Menschen an mir vorbei, den Blick auf ein fernes Ziel gerichtet. Auch ich muss weiter. Der Zug soll endlich kommen. Was ich mitnehme aus diesem erzwungenen Warten? Ich möchte mit den Menschen in ihrem Weihnachtstrubel unterwegs sein, mich manchmal vielleicht auch von ihrer Hektik anstecken lassen. Und dann in den kleinen und großen Momenten des Wartens mit ihnen ihren Sehnsüchten nachgehen, nachfragen, was sie sich wünschen und warum? Jesus wurde auch nicht geboren, als alles bereitet war, sondern mitten hinein in den Trubel einer Volkszählung. Später dann hat er sich auf den Weg gemacht, ist mit den Menschen unterwegs gewesen, hat nach ihren Hoffnungen gefragt und mit ihnen geschaut, wo und wie sie Gestalt gewinnen könnten. 

Für mich liegt darin der Reiz des Advents: im Weihnachtstrubel unterwegs sein, die Sehnsüchte der Menschen entdecken und in den unerwarteten Momenten mit ihnen den Sinn suchen. Denn Weihnachten lässt sich nicht aufhalten. Es kommt, egal ob alles bereit ist oder noch im Chaos versinkt, und es kommt zu jeder und jedem.

So ziehe ich weiter – zurück in meinen ganz persönlichen Weihnachtstrubel. 

Habt ihr sie auch schon erlebt, die Momente des erzwungenen Wartens, in denen plötzlich Sehnsüchte und Hoffnungen aufleuchten? Vielleicht mögt ihr im Kommentar davon erzählen. 

Albert Einstein und RaumZeit

Im November hatte ich die Ehre, die fresh expression, in der ich arbeite, im FreshX-Netzwerk Deutschland in einer Kombination aus Andacht und Präsentation vorstellen zu dürfen. Die einleitenden Gedanken über Albert Einstein, RaumZeit, Gott und Jesus möchte ich Euch nicht vorenthalten. Wenn Ihr dann noch mehr über RaumZeit erfahren wollt, findet ihr mehr unter http://www.raumzeit.wir-e.de

 

Was hat Albert Einstein mit RaumZeit zu tunund dann auch noch Jesus…

Albert Einstein – viele kennen ihn, zumindest von Fotos oder ziemlich vielen Legenden, die sich um ihn ranken. War er nun gut in der Schule oder nicht, konnte er Mathe oder nicht? Soviel ist wohl sicher: seine Schulkarriere war nicht ganz so ruhmreich.

Seine physikalischen Entdeckungen sind eher aus der Langeweile heraus geboren, als dass er von Anfang an als Genie an renommierter Stelle gearbeitet hätte. Er war gelangweilt auf seiner Position im Patentamt, wo er vor allem für die letzte Kontrolle der Entscheidungen anderer zuständig war. Sein Job füllte ihn nicht aus, er war unzufrieden, wurde unruhig und unwillig. So machte er in seiner Freizeit das, was er gut konnte – sich mit Physik zu beschäftigen. Erst als er hier Ergebnisse lieferte, folgten die entsprechenden Stellen im Max-Planck-Institut und anderswo und schließlich der Nobelpreis.

Wir alle wissen, wofür er diesen Preis bekommen hat und ich vermute, jeder kann auch die entsprechende Formel zitieren, wobei ich jetzt nicht abfragen werde, wer sie auch erklären kann oder zumindest weiß, wofür die einzelnen Buchstaben stehen. Dennoch möchte ich Sie auf einen ganz kleinen Ausschnitt dieser Formel mitnehmen.
Wir Menschen erleben Raum und Zeit als zwei unterschiedliche Gegebenheiten. In der Physik jenseits der Lichtgeschwindigkeit bedingen sich Raum und Zeit gegenseitig. Sie stehen in Kausalität zueinander. Die Raumzeit ist die vierte Koordinate im vierdimensionalen Koordinatensystem. In diesem Koordinatensystem sind Raum und Zeit dynamisch und nicht mehr starr. Das sogenannte Raum-Zeit-Kontinuum ist so der Zusammenhang aller in der Vergangenheit passierten, gerade in der Gegenwart passierenden sowie zukünftig passierenden Ereignisse in einem Zusammenhang.

Ohne die Physik gewaltsam beugen zu wollen, muss ich bei diesen Ausführungen unwillkürlich an Gott, an Transzendenz und Immanenz denken. Der Zusammenhang, der alles umfasst, ist Gott. In dieser RaumZeit gestalten wir Menschen Raum und Zeit miteinander. So ist unser Projekt RaumZeit zu seinem Namen gekommen, in dem Verständnis, dass da, wo Raum und Zeit eins werden, in der vierten Dimension der Raumzeit, Gott immer schon da ist.
So sind wir, ich als Hauptamtliche und zwei Ehrenamtliche, auf dem Weg in dem Anliegen, mit den Menschen der beiden Stadtteile Riensförde und Ottenbeck Raum und Zeit zu gestalten und sie dadurch auf Gott aufmerksam zu machen. Vielleicht begegnet ihnen dann Jesus auf dem Spielplatz, im Café, beim Abendessen oder er tanzt einfach mal eine Runde mit den Menschen…

… denn wer dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm. (1. Kor. 6,11)

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 1

Nun hat sie also angefangen, die Pionier-Weiterbildung. Auf Facebook hatte ich ja schon darauf hingewiesen. Auch hatte ich dort gepostet, dass jeder Teilnehmer zu Beginn ein Pioniertagebuch erhalten hat. Dort kann hineingeschrieben werden, was man behalten möchte, was einen angeregt hat, was Fragen sind oder was sonst noch bewegt. Aus meinem Tagebuch möchte ich euch regelmäßig berichten. Damit der Überblick nicht verloren geht, zähle ich die Beiträge einfach nach Seiten, auch wenn sie manchmal mehr als eine Seite umfassen.

Genug der Vorrede: Ich schlage Seite 1 auf. Leer lag sie zunächst vor mir. Doch dann ging es irgendwie gleich ans Eingemachte. Alle Teilnehmer der Weiterbildung wurden sogleich als Pionierinnen und Pioniere bezeichnet. Ich schreckte innerlich ein wenig auf. Denn die Frage, ob ich eine Pionierin bin, schwelt noch immer in mir. Eine Antwort wollte ich ja gerade hier finden. So passte es ganz gut, dass der gesamte Einstieg der persönlichen Klärung dienen sollte, was ein Pionier- eine Pionierin ist, was sie ausmacht und wie man diese Frage für sich selbst beantwortet.

Was also ist eine Pionierin? Einige Gedanken sind hängen geblieben: Pioniere sind als erstes vor Ort. Pionierin zu sein heißt, losgehen, erste Schritte wagen. Pionier sein führt auch in die Einsamkeit. Pioniere können alt und jung, introvertiert und extrovertiert, hauptamtlich oder ehrenamtlich sein. Es gibt keine festgeschriebenen Voraussetzungen außer vielleicht eine Unruhe im Inneren des Pioniers, ein Gefühl des Nicht-Hinein-Passens. Letzteres als Gabe Gottes zu verstehen, finde ich herausfordernd. Bisher strebte ich immer danach, endlich mal so richtig dazuzugehören. Doch diese Gabe kann Fluch und Segen, Last und Lust zugleich sein. So gehen Pioniere mit den Prägungen aus Kultur und Biographie in ihrer Heimat im Gepäck, um das Evangelium, dass sie in sich tragen, in einer anderen Kultur mit anderen Biographien ins Gespräch zu bringen. Dazu muss man den eigenen Standpunkt kennen. Eine Pionierin ist eine Wanderin zwischen den Welten.

Wanderin zwischen den Welten – so fühlte und fühle ich mich oft. Sei es als Arbeiterkind an einem altsprachlichen Gymnasium in einer „Ärtze- und Juristenstadt“, sei es als Kirchen-Nerd zwischen den Golfspielern auf dem Grün oder als junge Pastorin in einer Gemeinde, in der der Lieblingssatz lautete „Das machen wir seit 30 Jahren so.“ Man könnte also fast sagen, dass ich im Wandern zwischen den Welten geübt bin. Das Gefühl nicht Hineinzupassen ist immer wieder Teil meines Lebens gewesen. Allerdings ist es irgendwie nicht das, was mich momentan motiviert. Es ist eher diese Unruhe in mir, die ich manchmal nicht erklären, in Worte fassen kann. Es ist das Gefühl, dass ich nicht ganz da, vor Ort bin, dass irgendwas im Bauch grummelt. Dieses Gefühl treibt mich an, denn auch ich möchte mich gerne wohlfühlen, wo ich bin. Vielleicht ließe es sich auch als die Sehnsucht nach meinem Paradies beschreiben, nach der für mich perfekten Lebenssituation. Dazu gehört auch mein Traum von Kirche, den wir heute zwischen Playmobil und Lego, zwischen Buntstiften und Playdoo in Sichtbares umsetzen sollten.

Wenn dieses Gefühl da ist, dann mag ich aktiv werden. Dann blitzen Ideen in mir auf, dann entwickeln sich Visionen, die immer auf die eine hinauslaufen – ein für die Welt relevantes, fröhlich gelebtes Christentum. Ich glaube daran, dass es möglich ist, dass Gott längst am Werk ist. Dann, wenn die Unruhe in mir aufsteigt, dann will ich handeln, losgehen, loslegen – mitbauen an dem, was Gott längst begonnen hat.

Wenn es das ist, was eine Pionierin ausmacht, dann bin ich eine. Das ist mir heute klar geworden. Damit ist mir der Begriff Pionier allerdings noch nicht sympathischer geworden. Ich habe den Eindruck, dass er vor allem der Beschreibung und Abgrenzung von schon bestehenden Aufgaben und Tätigkeiten in der Kirche dient. Ich frage mich aber, ob nicht in jedem, der in der Kirche und der Welt unterwegs ist, diese Unruhe wirken sollte, bis wir den Himmel auf Erden haben. Deshalb möchte ich lieber von der Gabe der Unruhe oder des Nicht-Hinein-Passens sprechen, die sich in die Reihe der anderen Gaben, der des Leitens, des Visionierens, der Seelsorge, des Lehrens …, einreiht.

Wie ich diese Gabe zum Ausdruck bringe, umsetze, ist wohl die nächste große Herausforderung, vor der ich nun stehe – und mit mir all die anderen, die das Gefühl haben, ihrer Unruhe Ausdruck verleihen zu wollen. Es sind noch viele Seiten im Pioniertagebuch frei – ich bin gespannt, wie sie gefüllt werden.

Bis ich die nächste Seite des Tagebuches aufschlage, würde ich gerne wissen, wie es euch geht mit dem Gefühl der Unruhe oder des Nicht-Hinein-Passens. Hinterlasst doch einfach einen Kommentar.