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Mit anderen Augen…

Sechs Tage war ich mit meinen Kindern in London unterwegs. Die klassischen Sehenswürdigkeiten haben wir angeschaut und einiges, was für Kinder besonders interessant ist wie den Diana Memorial Playground. In diesen Tagen habe ich London mit anderen Augen gesehen, mit den Augen meiner Kinder.

Sie wachsen sehr behütet auf in einem neuen Stadtteil einer norddeutschen Kleinstadt. In den Straßen der englischen Metropole erblickten sie vieles, was sie bis dato noch nicht kannten, mir aber so selbstverständlich erschien. Dazu gehörten vor allem die vielen Menschen ohne Wohnung, die in Zelten, Hauseingängen oder direkt auf der Straße schliefen. Meine Kinder machten mich immer wieder auf sie aufmerksam und fragten, warum sie mitten am Tag schliefen, warum sie keine richtige und saubere Kleidung tragen, warum sie keine Wohnung haben, warum sie soviel Alkohol trinken, warum niemand ihnen hilft. Meine Kinder konnten nicht einfach daran vorbeischauen, sie nicht aus ihrem Blick ausblenden, wie ich es immer wieder tue. Die Frage, die mich am meisten bewegte, war: warum gibt es das bei uns und warum machen wir nichts dagegen?

Die Fragen meiner Kinder lassen mich nicht los. Ich versuche, Kirche mit den Menschen meines Stadtteils zu gestalten. Es entstehen Formate und Veranstaltungen, die uns gut tun, die unseren Glauben wecken oder auch wachsen lassen. Unsere Gemeinschaft wächst und wir genießen es sehr. Aber ist es das, was wir, was unsere Welt wirklich braucht? Ist das Ziel wirklich, neue Gemeinden entstehen zu lassen? Oder sind wir berufen, diese Welt menschlicher bzw. nach dem Willen Gottes zu gestalten? Müssten wir dann nicht hinaus auf die Straßen gehen und den Menschen dort ganz konkret helfen? Bei den Ärmsten und Verachtetsten anfangen und nicht eher aufhören, bevor sie alle ein für sie gutes Leben führen? Weniger an uns, an ordentliche und gepflegte Kirchen denken als an die Menschen in unserer Nachbarschaft, auf unseren Straßen?

Vermutlich werden jetzt viele sagen, man kann das eine tun ohne das andere zu lassen. Das stimmt sicher auch zum Teil, denn immerhin gibt es neben den etablierten Gemeinden auch viele Projekte und Einrichtungen, die sich für die Ärmsten einsetzen. Und doch habe ich das Gefühl, wir haben uns viel zu sehr an den Anblick der Obdachlosen auf der Straße gewöhnt, sehen sie eher als ein Ärgernis, als dass wir ihre Geschichte und ihre Not kennen wollten. Wenn wir an ihnen vorbei gehen, blenden wir sie aus unserem Blick aus.

Meine Kinder sind noch nicht daran gewöhnt, etwas auszublenden. Sie nehmen alles noch so wahr, wie sie es sehen und stellen ihre Fragen dazu. Sie haben mich in den wenigen Tagen in London gelehrt, die Straßen der Metropole mit ihren Augen zu sehen. Dabei fiel mir Jesu Wort ein „wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“. Vielleicht sollten wir wieder mehr mit ihrem Blick durch unsere Straßen gehen…

Eine Zielgruppe jenseits der Erreichbarkeit?

Kirche erreicht längst nicht mehr alle Menschen, egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Da sind sich so ziemlich alle Studien einig. Also wird über Kontextualisierung und Zielgruppenorientierung gesprochen. Wobei gerade bei letzterem Stichwort noch immer viele abwehren und sagen, dass die Volkskirche doch für alle da sein muss. Theoretisch ist das sicher auch so. Wer sich aber ein wenig mit Milieustudien etc. beschäftigt, der muss eingestehen, dass Kirche schon heute viele Milieus unserer Gesellschaft nicht anspricht und so wohl oder übel zielgruppenorientiert arbeitet. Nur als Stichwort: viele Angebote der Kirchen richten sich z. B. diakonisch an Bedürftige.

Nun bin ich aber ausgezogen, neue Formen von Kirche zu suchen, kontextuell und an der Zielgruppe ausgerichtet. Also habe ich mich viel damit auseinander gesetzt, wer eigentlich in „meinem“ Stadtteil wohnt. Bleibe ich in der Begrifflichkeit der Sinusstudie, sind es vor allem drei Gruppen an Menschen: die bürgerliche Mitte, die Liberal-Intellektuellen und die Konservativ-Etablierten.

Drei Milieus, die erstmal nicht durch Angebote wie Seniorencafé, Hausaufgabenhilfe und Wärmestube angesprochen werden. Schaut man noch etwas tiefer, so lernt man, dass sie in der Kirche die Bewahrerin der Tradition sehen, was aber nicht heißt, dass sie hingehen. Ganz im Gegenteil, ein Teil dieser Gruppen geht sogar davon aus, dass Kirche ihnen nichts bieten kann, da es dort keine Menschen wie sie gibt. Sie sind zwar aus Traditionsbewusstsein noch Kirchenmitglieder, erwarten auch, dass Kirche den Bedürftigen hilft, sie selbst sieht man dort aber nicht. Sie haben keine entsprechenden Bedürfnisse, verstehen sich auch nicht als Suchende, die in Kirche etwas finden könnten.

So stelle ich mir dieser Tage oft die Frage, ob es Zielgruppen jenseits der Erreichbarkeit gibt. Sind große Teile der Bevölkerung längst nicht mehr ansprechbar für Kirche? Stehen wir längst auf verlorenem Posten? Doch so schnell will ich nicht aufgeben, denn ich glaube daran, dass das Evangelium zu jedem Menschen sprechen kann. Also bin ich in den Straßen meines Stadtteils unterwegs, lerne viel über Zaunhöhen und das Bedürfnis nach Schutz der eigenen Privatsphäre und des Eigentums. Höre von der Angst vor dem sozialen Abstieg und dem Standesbewusstsein dieser Menschen. Kirche wird hier oft mit der Forderung nach Aufgabe des Besitzes und Abwertung des hart erarbeiteten Vermögens in Verbindung gebracht. Entsprechend groß sind die Vorbehalte.

Doch das ist hier zur Zeit gar nicht mein Thema. Stattdessen bin ich Lernende in den Straßen „meines“ Stadtteils. Das Leben dieser Menschen interessiert mich, was sie bewegt, was ihre Ziele, ihre Träume sind. Ich höre viel von den Anforderungen im Beruf, von den Wünschen für die Zukunft der Kinder und auch davon, wie sie gerne an einer friedvollen Welt mitbauen wollen. Das sind Momente, in denen ich denke, Gott ist schon da. Vielleicht brauchen die Menschen hier gar keine großen Angebote, sondern einfach jemanden, der durch ihre Straßen geht, ihre Häuser und Gärten sieht und ihnen ein paar Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Vielleicht sind diese Zielgruppen dann doch gar nicht so unerreichbar?

Also mache ich mich wieder auf den Weg durch die Straßen – in diesem Jahr meint es das Wetter ja gut mit mir.