Schlagwort: Spende

Erschrocken…

Was mich gerade erschreckt? Was mich sprachlos macht? Und auch ein bisschen wütend?

Vor zwei Tagen wurde die Kathedrale Notre-Dame in Paris durch ein verheerendes Feuer schwer beschädigt. Tausende Menschen standen fassungslos am Ufer der Seine und sahen zu, wie hunderte Feuerwehrkräfte versuchten, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Sie weinten. Sie beteten. Sie hofften. Seit gestern Mittag finden sich im Internet, in den Zeitungen und im Fernsehen Bilder davon, wie die Kirche nach dem Brand aussieht, davon, was im Innenraum zerstört und erhalten ist. Auch in den sozialen Medien wird darüber diskutiert.

In diese Diskussion mischen sich Bilder oder besser Vergleiche mit hungernden Kindern. Mit diesen Bildern werden die bereits öffentlich gewordenen Spender und mit ihnen alle, die sich für den Wiederaufbau einsetzen, quasi der Unmenschlichkeit angeklagt. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie sich lieber für tote Steine als für lebende Menschen einsetzen. Dass hungernde Kinder nicht so wichtig sind wie eine Kirche, mit der man auf Grund des Tourismus Geld verdienen kann.

Doch so einfach ist das nicht und deshalb machen mich diese Vorwürfe nicht nur sprachlos, sondern auch wütend. Zum einen kennt niemand die Beweggründe der einzelnen Menschen, die sich schon jetzt für den Wiederaufbau einsetzen. Vielleicht verbinden sie sehr persönliche Erinnerungen, Erfahrungen, Begegnungen mit Notre-Dame. Vielleicht sehen sie in dieser Kirche mehr als ein bloßes Gebäude aus Stein. Vielleicht gibt es aber auch noch ganz andere Gründe. Fakt ist, dass mit der Zerstörung eines Gebäudes mehr zerstört wird als nur ein Konstrukt aus Holz und Stein. Es geht z.B. ein Stück Geschichte verloren. Bei Notre-Dame sogar ein Stück Geschichte einer Nation. Es geht auch ein Stück Identifikation verloren. Das gilt nicht nur für eine Kathedrale wie Notre-Dame. Das gilt auch für die kleine Dorfkirche, was übrigens beim Umzug der recht unscheinbaren Kirche von Heuersdorf in Sachsen nach Borna vor etwas mehr als zehn Jahren deutlich wahrzunehmen war. Gerade Kirchen sind mehr als einfache Konstrukte aus Stein. Das durfte ich selbst erfahren, als ich eine Kirche entwidmet habe, die verkauft wurde. Während des letzten Gottesdienstes waren zahlreiche Menschen gekommen, die sehr persönliche Erinnerungen an dieses Haus, besonders aber an die Begegnungen und Erfahrungen in diesem Haus hatten. Da war die Tochter eines Mannes, der das Dach der Kirche gebaut hatte. Da waren Menschen, die die Kirche gelöscht hatten, als sie vor vierzig Jahren in Brand geraten war. Da waren Menschen, die in dieser Kirche getauft, konfirmiert, getraut worden waren. Nicht wenige von ihnen hatten Tränen in den Augen, einige weinten offen, als wir das letzte Mal die Kirchentür schlossen. Sie alle hätten die Kirche lieber erhalten und einige wohnen heute darin, denn sie wurde zu einem Wohnhaus umgebaut.

Kirchen sind mehr als bloße Konstrukte aus Holz und Stein. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass direkt nach Bekanntwerden der Brandkatastrophe von Notre-Dame Menschen bereit waren zu spenden, um die Kirche wieder aufzubauen, um sie zu erhalten. Das hat aber nichts damit zu tun, dass diese Menschen unmenschlich sind und für die „hungernden Kinder in Afrika“ nicht spenden würden. Vielleicht haben sie es längst getan und wir wissen es nicht. Denn das eine schließt das andere nicht aus. Es sind einfach unterschiedliche Beweggründe, die die Menschen zum spenden animieren. Außerdem rufen aktuelle Ereignisse und Dinge, zu denen man eine sehr persönliche Verbindung hat, immer mehr spontane Hilfe hervor als Dinge, an die man sich längst gewöhnt hat. Der Tsunamie mit seinen verheerenden Auswirkungen hat übrigens auch sofort die Hilfsbereitschaft von Millionen an Menschen aktiviert und da ging es nicht um „tote Steine“. Die langfristigen Hungerkatastrophen, z.B. die, die gerade in Mozambique droht, brauchen genauso viel Unterstützung wie aktuelle Ereignisse. Die Menschen dort dürfen nicht vergessen werden. Aber ihr Leid gegen das anderer Menschen, das sicher ganz anders geartet und nicht miteinander zu vergleichen ist, aufzuwiegen, kann nicht der Weg sein. Es ist genug Geld vorhanden, um beide Notlagen zu unterstützen. Davon bin ich überzeugt.

Statt also gegen die zu hetzen, die gerade für den Wiederaufbau spenden, wäre es angebrachter, die Hunger- und Naturkatastrophen im Bewusstsein der Menschen zu halten, damit auch dort weiterhin geholfen werden kann. Vielleicht ist es möglich, sich selbst dafür einzusetzen, selbst für diese Zwecke zu spenden. Oder auch am eigenen Verhalten etwas zu ändern, denn dieses Leid resultiert leider viel zu oft aus dem Leben der Industrienationen auf Kosten anderer. Aber es bringt nichts, das Leid der einen gegen das der anderen aufzuwiegen. Letztendlich entscheidet jeder und jede selbst, für was sie oder er sich einsetzen mag. Hauptsache ist, man engagiert sich überhaupt irgendwo. Damit wäre schon vielen in dieser Welt geholfen.

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