Schlagwort: Räume

Schenkt uns Freiraum!

Pionierwochenende in Essen – wir verbringen einen Tag im Unperfekthaus. Letzten Freitag in Stade – ein Abend zur Zukunft der Kirche. Im Gespräch dabei ein Mitbegründer des CFK-Valleys, der in Europa führenden Forschungseinrichtung für Faserverbundstoffe. Warum ich beide Tage in Verbindung miteinander bringe? Immer wieder fällt das Wort „Freiraum“.

Das Unperfekthaus steht in der Innenstadt von Essen und ist unbedingt einen Besuch wert. Schon von außen fällt es aus dem Rahmen und innen drin erst recht. Wer den Eintritt bezahlt hat und vielleicht auch noch eines der Essensangebote dazu gewählt hat, betritt eine andere Welt. Überall im Haus sitzen und arbeiten Menschen, die einen kreativ mit den Händen. Maler, Bildhauer, Künstler würde man sie wohl nennen. Doch die anderen sind es nicht weniger. Im Tonstudio, am Computer oder mit vielen an einem Tisch um einen großen Plan versammelt, entstehen hier ebenso kreative Ideen und Vorhaben. Der Gründer des Hauses, Reinhard Wiesemann, nennt das Haus ein Künstlerdorf und berichtet davon, was ihn bewegt hat, dieses Haus zu gründen. Er will Menschen Raum geben, in dem sie in den Grenzen der Legalität aber ohne Konventionen und Vorgaben denken, kreativ werden und arbeiten können. Nur in dieser Freiheit entstünden Dinge, die wie heute noch gar nicht erahnen könnten. Um diese neuen Ideen und ihre Urheber mit wirtschaftlich potenten Menschen in Kontakt zu bringen, die bei der Umsetzung helfen können, gibt es seit einiger Zeit ein Luxushotel neben dem Unperfekthaus. Wer hier eincheckt, muss durch das Unperfekthaus eintreten. Dabei soll das Haus die bestmögliche Atmosphäre dafür schaffen. Neben unterschiedlichsten Ateliers und Arbeitsräumen gibt es „Kuschelecken“ und Gemeinschaftszonen. So lange ein Raum nicht für ein Aufgeld gebucht worden ist, kann jeder in die Treffen und Veranstaltungen zu jeder Zeit hinein schauen. Zu jeder Zeit steht ein Buffet zur Stärkung bereit und die Getränkeautomaten scheinen niemals leer zu sein. Das Unperfekthaus ist eine eigene Welt, die größtmöglichen Freiraum zur Entwicklung neuer Ideen bieten will.

Nur wer Freiraum hat, kann Neues entdecken, so beschrieb auch Thomas Friedrichs vom CFK-Valley das Anliegen dieser Forschungseinrichtung. Unter bestmöglichen Voraussetzungen soll jungen Wissenschaftlern die Möglichkeit geboten werden, ihre Ideen auszuprobieren. Nur dann seien neue Entwicklungen möglich – und wer weiß, wozu diese einmal dienen werden. Thomas Friedrichs beschrieb das, was ihn antreibt, als Wunsch, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen und daran mitwirken zu dürfen.

Freiraum, um neue Ideen zu entwickeln, unter bestmöglichen Voraussetzungen. Das ist ungefähr der Satz, der sich seit diesen Erfahrungen in mir festgesetzt hat. Ich will ihn auf Kirche hin denken, denn allerorten hören wir doch, dass wir neue Ideen brauchen, damit Kirche Zukunft hat. Wenn das so ist, dann schenkt denen, die kreativ denken und werden wollen, Freiraum! Dieser Wunsch richtet sich an Kirchenleitungen, aber auch an Gemeinden. Aufrechnungen, wofür das Geld und die Personalmittel besser hätten eingesetzt werden können, engen ein und schaffen keinen Freiraum. Das Pochen und Beharren auf Gewohntes schafft keinen Freiraum für neue Ideen, sondern steckt enge Grenzen ab.

Warum nicht Freiräume ermöglichen, in denen erst einmal alles möglich ist, die gut ausgestattet sind und die nicht ständig unter der Beobachtung anderer stehen? Freiräume, in denen Menschen einfach mal kreativ sein können, egal wie verrückt die Ideen auch sind? Freiräume, in denen niemand unter Erwartungsdruck steht, sondern Scheitern oder Misserfolge genauso möglich und anerkannt sind. Ich bin mir sicher, dass das, was dort entsteht, zusammen mit dem schon Vorhandenen unsere Kirchenlandschaft bereichern und viele neue Impulse für alle bringen wird. Ich bin mir auch sicher, dass viele der neuen Ideen sich aus den Erfahrungen und Traditionen der etablierten Kirchen speisen werden. Also habt keine Angst vor dem Neuen, was dort entstehen könnte, sondern schenkt den Neudenkern Freiraum!

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 4

Es ist schon wieder fast drei Wochen her, da brach ich zu einem erneuten Pionierwochenende auf. Diesmal führte es mich nach Essen, der Stadt mitten in Europa (zumindest nach eigenem Bekunden). Auf der Fahrt dorthin dachte ich im Zug viel darüber nach, was uns wohl erwarten würde, was wir sehen und lernen würden. Vor allem aber dachte ich darüber nach, was diese Tage wohl für mein eigenes Vorhaben austragen würden. Dabei schoss es mir durch den Kopf, dass die Hälfte der Weiterbildung schon wieder hinter uns liegt und ich noch lange nicht das Gefühl habe, dass ich in einem Dreivierteljahr, wenn unsere Pionierweiterbildung endet, mit meinem Projekt in einem sicheren Hafen angekommen wäre. Aber vielleicht sind es gar nicht die Dinge, die ich bewusst überlege und wahrnehme, die es wachsen lassen, sondern dass, was währenddessen unbewusst geschieht. Irgendwann wird es einem dann bewusst und man ist überrascht, was sich doch alles getan hat.

So standen an diesem Wochenende auch weniger das bewusste Lernen und Nachdenken im Vordergrund, sondern eher dass, was ich gesehen habe, was mich beeindruckt hat, was seither in mir arbeitet. Das fing schon vor der Weiterbildung an. Ich hatte noch etwas Zeit und landete im Café Church. Der Name zog mich an und wie sollte es anders sein, es war ein Café der Kirche. Neben dem normalen Betrieb eines Restaurants bietet es Jugendlichen und Erwachsenen die Möglichkeit eine Ausbildung im Gastgewerbe zu machen bzw. den Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu finden. Solche Projekte gibt es sicher viele. Mich sprach es einfach an, weil das Styling der Räume, die Atmosphäre zu meinem Lebensstil passten. Es war wirklich ein gemütlicher Platz in der Fensterbank, den ich fand und wo ich mich niederließ. Hätte das Café nicht zu mir gepasst, mich nicht optisch angesprochen, hätte auch die Motivation, die hinter diesem Konzept steht, nicht geholfen, mich als Kunden zu gewinnen. Und dann dachte ich an so manches Gemeindehaus oder auch an Kirchen und andere Einrichtungen der Kirche. Sind sie so gestaltet, dass sie zu den Menschen passen, die hineingehen sollen? Passt die Ästhetik zum Leben der Menschen oder hängen wir, meistens auf Grund mangelnder Finanzen, einer Zeit nach, die mindestens dreißig Jahre vergangen ist? Das Motto „Für die Kirche ist das noch gut genug und ich muss es nicht wegwerfen“ kann meines Erachtens keine Motivation zur Einrichtung und Gestaltung von kirchlichen Gebäuden sein. Auch die Gebäude dienen zur Ehre und zum Lob Gottes. Wenn wir sie nicht entsprechend wahrnehmen und mit Dingen ausstatten, die andere nicht mehr haben wollen, sagt das ja auch schon viel aus.

Entsprechend warf ich die nächsten beiden Tage einen anderen Blick auf die Orte, an denen wir zu Gast waren. CVJM, Unperfekthaus und Raumschiff Ruhr ernteten einen anderen Blick von mir. Wenn man mit einem solchen Blick von außen auf die Räumlichkeiten schaut, wird sehr schnell deutlich, wie die Räume und der Inhalt aufeinander wirken und ob sie stimmig zueinander passen oder sich bewusst entgegenstehen. Letzteres kann ja auch durchaus beabsichtigt sein. Was aber ebenso schnell auffällt ist, wenn Räume lieblos gestaltet sind. Wenn die Einrichtung zwar zweckmäßig ist, aber in dem Raum eigentlich eine positive Lernatmosphäre herrschen soll. Wenn überall Möbel herumstehen, die nicht zusammen passen, die nur zusammengewürfelt sind, aber das Ganze ein junges Publikum ansprechen soll. Das passt nicht. Da können die Kirchen noch so lange an ihren Inhalten feilen. Wenn schon die Äußerlichkeiten auf die anvisierte Zielgruppe abschreckend wirken, werden die Menschen von den Inhalten nichts hören, weil sie gar nicht erst hineingehen.

Deshalb würde ich am liebsten allen Gemeinden und Einrichtungen empfehlen, mal mit Menschen der Zielgruppe durch ihre Räumlichkeiten zu gehen und sie ehrlich sagen zu lassen, wie die Räume aussehen müssten, damit diese Zielgruppe sich dort wohl fühlen würde. Oder ich würde ihnen Mut machen, sich von Menschen der Zielgruppe mal zu sich nach Hause einladen zu lassen, damit sie erleben und erfahren, wie diese Menschen leben. Am besten wäre noch, die Zielgruppe die Räumlichkeiten selbst mitgestalten zu lassen. Dann entsprächen sie wirklich dem, was sie anspricht. Das Ergebnis wären sicher sehr unterschiedlich gestaltete Räumlichkeiten, in denen sich nicht alle Menschen gleich wohl fühlen. Aber in den Gemeindehäusern im Stil der 80er Jahre mit gespendeten Möbeln aus den Haushalten des gesamten Ortes tun das auch nur die wenigsten.

Wie sähen die Räumlichkeiten aus, in denen du Kirche und Glauben leben möchtest. Wie wären sie ausgestattet? Was braucht es unbedingt und was weniger? Und gibt es diesen Raum vielleicht schon irgendwo? Hinterlass mir doch deine Antwort in den Kommentaren.