Schlagwort: Mission

Licht unter dem Scheffel

Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich lange mit einer Frau mittleren Alters. Es ging buchstäblich um Gott und die Welt. Irgendwann landeten wir auch bei dem, was ich tue. Ich erzählte ihr, dass ich Pastorin für fresh expressions of church sei, und von RaumZeit, meinem Projekt oder besser meiner Gemeinde, auch wenn sie als solche (noch) nicht anerkannt ist. Die Frau war sehr interessiert, stellte Fragen, wollte verstehen, was ich mache. Sie fragte sogar nach meiner Vision. Irgendwann, es war schon fast eine Stunde vergangen, sagte sie diesen einen Satz, der unserem Gespräch noch einmal eine ganz neue Richtung gab: „Übrigens, ich bin seit einigen Jahren auch gläubige Christin.“

Unsere Unterhaltung ging noch eine Weile. Ich habe sie sehr genossen. Und doch beschäftigt mich seither ein Gedanke: Warum halten wir mit unserem Bekenntnis zu Christus oft so lange hinter dem Berg? Ist es Angst? Haben wir schlechte Erfahrungen gemacht? Oder gehört es sich bei uns einfach nicht, offen davon zu reden? Vielleicht fühlen sich die anderen ja auch davon belästigt.

Viele dieser Beweggründe kann ich gut verstehen. So manch einer möchte auch lieber an seinen Taten und nicht an seinen Worten erkannt werden. Allerdings frage ich mich, wie die Menschen dadurch etwas von Jesus Christus erfahren sollen. Viele Verhaltensweisen werden einfach mit gutem Benehmen und Höflichkeit in Verbindung gebracht und nicht mit einem christlichen Leben. Früher oder später braucht es Worte, die von Jesus, von Gott, von Gnade und Barmherzigkeit erzählen. Warum also nicht früher und gut erkennbar? Ich weiß, ich höre jetzt schon die Stimmen, die an die alten Methoden der Mission erinnern, die vor Frommen und Straßenevangelisation warnen. Dann sind da auch noch die, die meinen, für Mission nicht geeignet zu sein, zu wenig zu wissen, nicht die richtigen Worte finden zu können.

Ich denke, es braucht dafür keine besondere Ausbildung, Vorbereitung oder ein besonderes Talent. Wer von Gott berührt wurde, der kann auch von ihm erzählen – durch sein Leben in seinem Alltag. Warum nicht mal sagen, dass man betet und wo es geholfen hat? Warum das Gebet vor dem Essen weglassen, nur weil man in fremder Gesellschaft ist? Warum nicht mal vom Gottesdienst erzählen und andere einladen und mitnehmen? Warum nicht auch mal davon erzählen, wo oder wie man Gott begegnet ist, wo man ihn gespürt hat? Am Anfang kostet das sicher Überwindung, braucht etwas Mut. Aber dann bereichert es nicht nur das Leben der anderen, sondern auch das eigene. So wie mein Gespräch mit der Frau vor ein paar Tagen noch einmal eine ganz neue Dimension bekam durch ihr Bekenntnis. Am Ende hätte sogar ein gemeinsames Gebet stehen können. Schade, dass wir es nicht getan haben.

So möchte ich euch Mut machen, selbst anderen von eurem Leben mit Jesus zu erzählen. Ich bin mir sicher, dass es euer Leben unglaublich bereichern wird. Ganz nebenbei würden wir damit auch den Auftrag Jesu erfüllen: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker.“

Wie geht es euch mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus? Erzählt ihr anderen davon oder liegt euch das eher nicht? In den Kommentaren ist Platz für eure Erfahrungen.

Drei Tage zwischen Zukunft und Hoffen

Zukunft. Hoffnung. Kirche – drei Worte, drei Tage Willow Creek Leitungskongress in Dortmund. Ich war dabei und frage mich, was bleibt. Was nehme ich mit? Was bewegt der Kongress in den Menschen und in unserem Land? Denn das ist immer wieder der Anspruch der Veranstalter – die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen ermutigt und zugerüstet werden, um etwas in ihrem Umfeld zu verändern, in Bewegung zu setzen.

So will ich in den folgenden Zeilen nicht berichten, welche Vorträge, welche Inhalte präsentiert wurden (wobei das nicht immer zu vermeiden sein wird), sondern davon schreiben, was ich wahrgenommen und beobachtet, gefühlt und gesehen habe. Natürlich darf dabei nicht fehlen, was ich persönlich mitgenommen habe. Also kommt mit auf die gedankliche Reise zum Willow Creek Leitungskongress 2018. Sie beginnt am Donnerstag. Tausende strömen in die Halle. Mit etwas Verspätung und viel guter Musik beginnt der Kongress. Im Anschluss folgen die ersten Vorträge – Bill Hybels spricht von Resepkt und Höflichkeit, Erin Meyer von der kulturellen Lücke zwischen verschiedenen Ländern, die immer wieder zu Missverständnissen und fehlschlagender Kommunikation führt. Ein wahres Highlight dieses Themenkreises ist Horst Schulze am Freitag, der vom Dienst an den Menschen spricht unter dem Leitwort „Ladies and Gentlemen serve Ladies and Gentlemen“.

Foto: KirchGezeiten

Ehrlich gesagt, mich bewegen diese Worte sehr. Immer wieder leide ich am Umgang der Menschen miteinander und wundere mich, warum ich so komisch angeschaut werde, weil ich der Kassiererin an der Kasse noch einen schönen Tag wünsche. Oft sage ich es auch drastisch: Die Gesellschaft krankt an ihrer Selbstzentriertheit. Da sind diese Vorträge so wohltuend. Der anschließende Applaus lässt mich Hoffnung schöpfen, dass die nicht ganz geringe Zahl der engagierten Christen etwas verändern kann im Umgang miteinander. Doch nur wenige Minuten später wird der Verkäufer am Kaffeestand angemault, weil der Kaffee an seinem Stand ausgegangen ist, auch wenn er darauf hinweist, dass es ihm leid tue, doch an einem Stand weiter noch Kaffee vorhanden sei. Respekt, Höflichkeit im Umgang miteinander – meine Hoffnung schwindet bereits wieder. Am Abend in einem angesagten Szenerestaurant in Bochum darf ich dann als Krönung des Ganzen erleben, wie ein Restaurantfachmann seine Gäste belehrt, welche Vorspeise zu wählen sei, obwohl der Gast bereits eine ausgewählt und zweimal betont hat, dass ihm Spargel nicht schmeckt. Ich spüre, wie Groll in mir aufsteigt. Es muss sich etwas ändern im Umgang miteinander. So hoffe ich, dass die Vorträge nachwirken – und ein wenig scheint es schon begonnen zu haben. Am letzten Tag auf dem Parkplatz fragt mich ein Ordner, wann denn die Veranstaltung zuende sei. Auf meine Auskunft, dass das Programm offiziell bis 12.45 Uhr gehe, runzelt er die Stirn und meint, das sei knapp, denn ab 12 Uhr würden die Fußballfans anreisen und da bräuchten sie jeden Parkplatz. Aber mit den Christen sei das wohl kein Problem. Die seien immer so freundlich. Also lasst uns den Menschen respektvoll und höflich begegnen. Denn ich hoffe noch immer, dass sich etwas ändern kann in unserer Straße, in unserer Stadt, in unserem Land, in der Welt.

Foto: KirchGezeiten

Aber das war nicht alles, was vom Leitungskongress als Reiseerfahrung blieb. Die Reise ging schließlich noch weiter. Es blieb nicht bei einer Tagesfahrt. So war ein zweiter großer Themenkomplex die Zukunft der Kirche. Ob Christian Hennecke, Michael Herbst, Tobias Teichen oder Freimut Haverkamp – sie alle sprachen in der einen oder anderen Weise davon, wohin sich Kirche entwickeln kann und muss, was diesen Weg erschwert und was dennoch möglich ist. In einer Halle mit mehr als zehntausend Menschen, die alle ein Herz für ihre Kirche haben, wirken solche Worte wirklich ermutigend. Wenn so viele Menschen an einer Zukunft der Kirche mitwirken wollen, dann muss das doch was werden. Dabei standen einige Gedanken immer wieder im Raum – der geistliche Aufbruch zum Beispiel. Wenn wir eine missionarische Kirche wollen, die an der missio Dei mitwirkt, dann braucht es einen neuen geistlichen Aufbruch in der Pfarrerschaft, wie Michael Herbst sagt, aber auch in der großen Schar der Christen. Es geht eben nicht darum, Kirche zu verwalten, sondern darum Kirche zu sein, Jüngerinnen und Jünger Jesu zu werden und zu sein, den dreieinigen Gott in den Mittelpunkt zu stellen und nicht irgendwelche Kirchengesetze und Verwaltungsvorschriften. Das hört sich oft leichter an als es in Wirklichkeit ist. Denn ich habe den Eindruck, dass wir dafür erst einmal aus unserer Komfortzone rausmüssen, in der wir uns mit unserem Klagen und Stöhnen über Bürokratie und Arbeitsbelastung eingerichtet haben. Die Komfortzone zu verlassen, heißt zu den Menschen zu gehen und dort zu bleiben. Das wurde auch bei Willow deutlich. Dann geht es um einen Wandel vom Sterben zum Osterglauben und vom Machen und Herrschen zum Dienen und Ermöglichen, wie Christian Hennecke es sagte.  Gerade der Wechsel hin zum Dienen und Ermutigen fällt schwer. Wer möchte schon freiwillig Diener sein? An dieser Stelle schloss sich der Kreis für mich hin zum Vortrag von Horst Schulze. „Ladies and Gentlemen serve Ladies and Gentlemen.“ Niemand ist besser als der andere, aber es ist auch niemand schlechter als der andere.

Foto: KirchGezeiten

Zukunft. Hoffnung. Kirche – drei Worte, drei Tage Leitungskongress. Sie waren wie die Quelle frischen Wassers für mich. Ich konnte drei Tage auftanken, um zuhause wieder loszugehen, nach den Orten zu suchen, wo Gott schon aktiv ist, an seiner Mission mitzuwirken. Sie haben mich inspiriert, den Weg des Dienens und Ermutigens weiterzugehen, auch wenn ich manches Mal am Verhalten anderer Menschen leide. Ich habe den Aufruf Gottes gespürt, es anders zu machen. Respekt und Höflichkeit – zwei Gedanken, die mich seit diesen Tagen noch mehr bewegen als sie es zuvor schon taten. Und ich habe den Wunsch und das Verlangen, diese Erfahrungen, die ich in Dortmund machen durfte, an andere weiterzugeben. In diesem Jahr waren wir zu zweit beim Leitungskongress. In zwei Jahren möchte ich mindestens zwei weitere Personen aus meiner Arbeit mitnehmen. Bis dahin ist meine Herausforderung zu dienen und zu ermutigen. Jetzt aber sage ich „Danke, Willow, für diese mutmachenden, inspirierenden Tage!“

Die Zielgruppe der Mission

Kirche muss sich verändern, Kirche muss neue Wege erschließen – so oder ähnlich ist es an verschiedenen Stellen berechtigterweise zu lesen oder zu hören. Fast immer wird im Anschluss von Zielgruppenorientierung gesprochen, davon dass mit den diversen Angeboten nicht mehr alle Menschen angesprochen werden können; davon, dass bei der Planung einer Veranstaltung überlegt werden muss, wen man damit ansprechen möchte.

Also legt sich doch die Frage nahe, welche Zielgruppe Mission hat. Wen wollen wir damit ansprechen? Ich stelle diese Frage immer dann, wenn ich mit Menschen in Kontakt komme, die missionarisch unterwegs sind – egal, ob in Sachen Fresh X oder Gemeindepflanzung. Dabei hat sich ein Eindruck bei mir festgesetzt, der durch die Ausschreibung vieler Förderungen und Projekte stetig verfestigt wird. Mission wird dort tätig, wo Hilfe notwendig ist, wo es ein Bedürfnis gibt. Das können die Kinder in der Plattenbausiedlung sein, die Unterstützung bei den Hausaufgaben brauchen. Oder es sind die Geflüchteten, die kaum jemanden in ihrer neuen Stadt kennen. Vielleicht sind es auch sozial schwache Familien oder alleinerziehende Mütter, denen man helfen sollte. Anknüpfungspunkte sind immer wieder die sozialen Bedürfnisse.

Aber was ist dann mit denen, die finanziell besser gestellt sind? Brauchen sie das Evangelium nicht oder können sie durch Mission nicht erreicht werden? Doch, lautete eine Antwort, die ich unlängst auf meine Frage bekam. Natürlich brauche auch ein gestresster Manager kurz vor dem Burnout das Evangelium. Er könne schließlich dadurch erfahren, welche Dinge im Leben wirklich entscheidend seien. Doch schon wieder richtet sich diese Zielgruppenbeschreibung an einem Bedürfnis aus, ist defizitorientiert.

Bei all diesen Beschreibungen beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Das Evangelium als Mittel, um Leerstellen zu füllen und falsches Verhalten aufzudecken oder zu korrigieren, das greift mir zu kurz. Die Hilfe für Arme, Witwen und Waisen, zu der schon das Alte Testament aufruft, ist ein guter Dienst am Menschen. Doch ist es nicht der einzige Anspruch des Evangeliums. Darauf kann man es nicht reduzieren. Außerdem gibt es doch auch Menschen, die wirtschaftlich gut gestellt sind, gerade in keiner Krise stecken und ihr Leben einfach nur genießen. Muss ich mich mit ihnen so lange auf die Suche begeben, bis wir die Leerstellen in ihrem Leben gefunden haben, um dann das Evangelium zur Sprache zu bringen?

Nein, ich möchte mich mit ihnen vielmehr freuen über das, was sie haben, entdecken, was ihnen geschenkt worden ist. Ich möchte mit ihnen das Leben feiern und vielleicht zu einem Gefühl der Dankbarkeit kommen, dass sie nach Gott fragen lässt. Dann entstehen in mir Bilder von einem fröhlichen und lebendigen Leben mit Christus. Wenn die sozialen Bedürfnisse nicht der einzige Anknüpfungspunkt für Mission sind, sondern diese Menschen ganz anders zu erreichen sind, dann ist Kirche meines Erachtens noch einmal neu herausgefordert.

Die Hilfe für andere hat sie über Jahrhunderte in der Diakonie gelernt und ausgeübt. Das Feiern des Lebens und die Wertschätzung des Vorhandenen ist immer wieder zu kurz gekommen. Unter diesem Aspekt eine neue Form von Kirche, eine fresh expression zu entdecken, fände ich spannend. Da will ich dran bleiben. Vielleicht entsteht etwas, vielleicht merke ich aber auch, dass es selbst in diesen Zusammenhängen um Bedürfnisse und Leerstellen geht.

Ich halte euch auf dem Laufenden. Bis dahin hinterlasst mir doch eure Ideen und Gedanken in den Kommentaren.

Ist Mission nicht gewollt? Gedanken zur neuen Lutherbibel

RaumZeit – so heißt die fresh expression, mit der ich praktisch im realen Leben unterwegs bin. Wobei ich sagen muss, dass RaumZeit noch auf dem Weg ist, eine fresh x zu werden, wenn es nach den vier Kriterien einer fresh x geht. Doch für mich ist sie das irgendwie schon. Dort lebe ich Kirche im Alltag bei den Menschen, eine Form von Kirche, in der ich mich wohl fühle. Begonnen hat sie als Projekt des Kirchenkreises vor einem halben Jahr. Dabei bin ich oft erstaunt, wie schnell die Zeit vergeht und was in dieser Zeit alles geschehen ist. Dafür kann ich Gott nur danken, denn ich bin überzeugt davon, wenn er nicht längst schon am Werk wäre, stünde RaumZeit nicht dort, wo es derzeit steht.

In unserem Umkreis sind viele an RaumZeit interessiert. Immer wieder darf ich darüber irgendwo schreiben oder berichten. Dabei fällt mir auf, dass gerade in den etablierten kirchlichen Strukturen Menschen zusammenzucken, wenn ich sage, dass RaumZeit missional angelegt ist. Und ich frage mich, warum ist das so? Warum haben die Menschen Angst vor Mission? Ich vermute, es sind die negativen Erfahrungen der Geschichte, denn noch immer wird dann auf Kreuzzüge und Schwertmission hingewiesen. Vielleicht ist es auch das Gefühl, niemanden überfahren zu wollen, denn Religion ist doch irgendwie privat. Über Religion und den Glauben spricht man nicht. Jeder soll mit seinem Glauben glücklich werden. Das mag zu einem gewissen Teil stimmen, denn es geht doch gar nicht darum, jemanden aus seinem Glauben herauszureißen, sei er Muslim, Buddhist oder Jude. Doch was ist mit den Menschen, die auf der Suche sind, die irgendwie das Gefühl haben, es fehlt etwas in ihrem Leben? In meiner Zeit bei der Bundeswehr habe ich viele junge Menschen kennengelernt, die mit mir darüber gesprochen haben. Auch in meiner Nachbarschaft wohnen viele, die es faszinierend finden, dass ich Pastorin bin, und mit mir gerne mal über Gott und die Welt reden. Sollte ich da nicht über den Glauben reden, der mein Leben erfüllt?

Seit meiner Jugend begleitet mich ein Buchtitel: „Bekehre nicht, lebe!“ Das ist zu meinem Grundsatz geworden. Durch mein Leben, mein Handeln möchte ich vom Evangelium erzählen, der für mich besten Nachricht der Welt. Ich wünsche mir, dass andere Menschen, genau wie ich, das Großartige an dieser Botschaft erfahren dürfen. Aber wie komme ich eigentlich dazu? Weil Jesus uns dazu aufgefordert hat. Die letzten Worte des Matthäusevangeliums sind der sogenannte „Taufbefehl“. An vielen Stellen heißt er aber auch „Missionsbefehl“ und lautet: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ So zumindest steht es in der Lutherübersetzung der Bibel von 1984, mit der ich groß geworden bin. Doch auch in früheren Übersetzungen war dieser Satz schon so zu lesen. 

Jetzt aber hat es sich geändert. In der neuen Lutherübersetzung, die anlässlich des Reformationsjubiläums erschienen ist, heißt es: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Wer schnell nur einmal über die Worte fliegt, bemerkt den Unterschied vielleicht gar nicht. Es ist ja auch nur ein Wort anders übersetzt worden. Das griechische „matheteusate“ ist statt mit „zu Jüngern machen“ nun mit „lehren“ wiedergegeben worden und ich frage mich warum? Der eine oder die andere mag meinen, das sei doch so ziemlich dasselbe. Doch ich halte „zu Jüngern machen“ schon für etwas anderes als „lehren“. Schaut man ins Griechische, so bedeutet der Wortstamm erst einmal „Jünger/Schüler werden bzw. sein“. Das ist mehr als nur gelehrt zu werden. Das schließt ein, dass man einer Schule, einem Lehrer folgt, so wie sich viele heute als Schüler ihres Doktorvaters oder einer besonderen Lehrrichtung bezeichnen. Im Transitiv dann bedeutet das Wort entsprechend „zum Jünger machen; jemanden in die Schule nehmen“, oder auch „belehren“. Gemeint ist, dass sich jemand der lehrenden Schule zurechnet, ihr folgt. Genau das war Jesu Absicht, als er seine Jünger (!) in die Schule nahm. Sie sollten ihm folgen, seine Lehre weitergeben. So ist „zu Jüngern machen“ schon etwas anderes als nur „lehren“. Die Schüler unserer Schulen werden gelehrt, doch folgen sie damit wirklich ihren Schulen? Geben sie weiter, was sie gelernt haben? Sicher, wer sich seiner Schule verbunden fühlt, wird später Mitglied des Schulvereins oder einer Alumniorganisation. Doch würde sich wohl niemand als Jünger seiner Schule, seines Lehrers bezeichnen. Die Jünger Jesu taten es.

Die deutsche Übersetzung der neuen Lutherbibel nun schwächt dies meines Erachtens ab. Es geht nicht nur ums lehren, darum etwas zu lernen und zu behalten. Der Wortstamm sagt aus, dass die, die ihm im Akusativ folgen, zu Jüngern, Schülern werden, die weitergeben, was sie gelernt haben. Sicher eine Übersetzung wie in der neuen Lutherbibel ist grammatikalisch möglich. Doch frage ich mich, warum man sich für diese Abschwächung entschieden hat. Wollte man die Mission nicht deutlich zu Wort kommen lassen? Oder schien die Formulierung „zu Jüngern machen“ zuviel Zwang oder gar Gewalt auszudrücken? Oder sind wir längt zu weit abgekommen vom Missionsgedanken? Ist Mission nicht mehr gewollt? Auf meine Fragen werde ich wohl keine Antworten bekommen. Vielleicht ist über diese andere Übersetzung auch gar nicht so intensiv diskutiert worden, wie ich es mir wünschen würde. Für mich aber bedeutet diese andere Übersetzung, dass ich zumindest für Mt 28,18-20 weiterhin auf die alte Übersetzung zurückgreifen werde. Mir ist die Mission ein Anliegen, sie ist meine Haltung.

So mache ich bei RaumZeit auch keinen Hehl daraus, was mich in meinem Leben bewegt. Und oft habe ich das Gefühl, dass manche Gespräche gerade deshalb zustande kommen. Das hindert uns nicht daran, gemeinsam ein Bier oder einen Wein zu trinken, zu lachen oder einen Flohmarkt zu organisieren. Bei RaumZeit ist für alles Raum und Zeit.

Und wie haltet ihr es mit der Mission?

Übrigens: Wenn ihr wissen wollt, was wir bei RaumZeit so machen, schaut doch mal auf unserer Homepage www.raumzeit.wir-e.de vorbei oder folgt uns bei Facebook und Twitter unter RaumZeit Stade.

Dynamissio – ein missionarischer Aufbruch?

Vor einer Woche ging der missionarische Gemeindekongress anlässlich des Reformationsjubiläums – oder kurz Dynamissio – zuende. Irgendwie scheint das Erlebte schon wieder weit weg, doch das geht wohl vielen so. Die Fülle des Terminkalenders holt einen innerhalb von Stunden wieder zurück in den Alltag. Doch dieser Alltag ist es, der das Gehörte und Gesehene auf den Prüfstand stellt. War es so tiefgehend, dass der Vorsatz, das eine oder andere sofort oder später umzusetzen, nicht nur ein Vorsatz bleibt. Gibt es etwas, und wenn es nur ein Satz ist, das etwas im Alltag verändert.

Bei mir ist es noch immer die Verwunderung, die geblieben ist. Verwunderung darüber, dass ich den Eindruck hatte, dass sich nur wenige auf den Weg gemacht haben. Seit Mitte letzten Jahres wurde intensiv für diese Tage geworben. Ich kann gar nicht zählen, wie oft die Einladung bei mir im elektronischen Postkasten landete, von den realen Papiereinladungen ganz zu schweigen. Doch den Weg ins Velodrom in Berlin, das ohne weiteres bei anderen Veranstaltungen bis zu zehntausend Menschen Raum bietet, fanden nur knapp zweitausenddreihundert Teilnehmer. War das Thema nicht interessant, die Referentenauswahl nicht gut oder der Termin ungünstig?  Oder leben wir immer noch in der Illusion, dass wir mit unseren Gemeinden auf sicherem Posten stehen und uns über die Zukunft keine Gedanken machen müssen?

Doch in diesen trüben Gedanken will ich nicht festhängen, denn Dynamissio hat anderes spüren lassen. In jedem Vortrag, jedem Seminar und jedem Forum richteten motivierte Christinnen und Christen den Blick nach vorne. Da sprach Professor Dr. Michael Herbst vom Pharisäer-Gen, das wir alle in uns tragen. Der Mensch sei auf ein Leben nach den Regeln der Werkgerechtigkeit angelegt und schaue auf Grund dessen früher oder später in seinen eigenen tiefsten Abgrund. Dort aber warte Jesus. Er warte mit ausgebreiteten Armen am Kreuz auf jeden einzelnen von uns. Diesem Jesus bringe uns das Evangelium nahe. Mit dem Evangelium zu leben hieße dann: „Mach es, so gut du kannst, gib dir Mühe. Wenn du dann versagen solltest, dann denke daran, dass du festen Grund unter den Füßen hast.“ Gottes Liebe trägt uns.

Die neue Übersetzung des Missionsbefehls unter dem Kreuz.

Mit Blick auf die Jüngerschaft als Herzstück kirchlicher und gemeindlicher Erneuerung eröffneten die Theologen Kolja Koeninger und Patrick Todjeras ihr Forum mit der Feststellung, dass sie eigentlich gar nicht mehr darüber sprechen könnten. Die neue Lutherübersetzung aus dem Jahr 2017 übersetze die zentrale Stelle Mt 28,20 schließlich nun mit „Gehet hin und lehret alle Völker“ statt mit den so bekannten Worten „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“. Ich gestehe, diesen Übersetzungsunterschied hatte ich bisher noch nicht wahrgenommen, doch blitzte hier noch einmal der Gedanke auf, ob Mission nicht gern gesehen wird. Im Anschluss an diesen Opener führten die beiden Referenten dann dennoch anhand der Aussendung der Zwölf (Mk 3) zu den Gedanken, wie Mission im Sinne einer Jüngerschaft gestaltet werden könne. Jünger seien berufen „vor Ort“ zu sein, der Welt zugewandt und gleichzeitig ein Teil der kirchlichen Tradition. Jüngerinnen und Jünger würden als Experten, als Ansprechpartner für den Sinn des Lebens verstanden. Sie seien wichtig, um anderen den Weg zum Glauben zu eröffnen.

Die Bibelarbeit des Ratsvorsitzenden der EKD, Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, am nächsten morgen führte für mich diese Gedanken weiter. Angesichts der verunsichernden und erschreckenden Ereignisse sprach er davon, dass Christen nicht mit Gewalt darauf reagierten oder die Angst überhand gewinnen ließen. Christen seien Botschafter der Versöhnung, wobei sich der Blick auf die Welt verändere, wenn wir mit Augen der Versöhnung auf die sähen. Denn Versöhnung sei heilsam. Durch sie würden selbst Unmenschen zu Menschen. Grund der Versöhnung sei, dass Gott den ganzen Kosmos mit sich versöhnt habe, nicht nur Juden oder Christen. Es sei eine radikale Liebe Gottes, die sich hier realisiere. Diese Liebe rufe uns dazu auf, ganz in der Welt zu leben, und diese Liebe dort zum Ausdruck zu bringen. Daran wird sich die Authentizität der Kirche zu messen haben.

Dr. Steven Croft stellte am letzten Tag die Frage, ob es nach der Konferenz so weitergehen dürfe wie bisher? Was ist unsere Vision von Kirche, wenn viele Beschreibungen nur noch leere Worthülsen sind? Drei Worte gab er seinen Zuhörer mit, die für ihn beschreiben, wie Kirche sein soll: kontemplativ, mitfühlend, mutig. So seien wir berufen, eine christusgleiche Kirche zu sein. Was das genau heiße, beschrieben die Seligpreisungen in Mt 5. Jeder Satz fange mit einem neuen Segen an, der ermutigen, Hoffnung wecken solle. Dabei könne niemand allein alle Sätze, die dort genannt seien, erfüllen. Erst alle vereint in der einen Gemeinde könnten den Seligpreisungen entsprechend leben. Diese Kirche habe auch Martin Luther im Sinn gehabt, der immer wieder zur Schrift zurückkehrte.

Gemeinsames Abendmahl zum Abschluss

Es sind nur wenige Highlights, die ich hier zur Sprache bringen kann. Es gab noch so viele andere. Am Ende blieben Gedanken, die mich seither noch mehr bewegen als vorher. Auch wenn die neue Lutherübersetzung meines Erachtens die Worte in Mt 28,20 abschwächt und gemessen an der Werbung nur wenige den Weg nach Berlin fanden, ist Mission zentrales Anliegen des Evangeliums. Die Liebe Gottes radikal in der Welt zu leben und Menschen in die Jüngerschaft zu begleiten, ist Gottes eigene Mission in der Welt. Wir arbeiten lediglich daran mit. Dabei geht mein Denken noch weiter, nämlich weg von der einzelnen Ortsgemeinde hin zu der einen Gemeinde, die alle Christen umfasst. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass wir erst, wenn wir aufhören nach Mitgliedszahlen und Taufquoten zu schielen, die Kirche Gottes wirklich entdecken und sehen werden. Sollten wir nicht für jeden Menschen dankbar sein und uns freuen, der Jesus begegnet ist und ihm nachfolgt, unabhängig von der Gemeinde, der er angehört? Brauchen wir wirklich noch die Auseinandersetzungen darüber, wer die bessere Gemeinde ist, das attraktivere Angebot, die meisten Gottesdienstbesucher hat? Meine Mission heißt Jesus Christus und nicht Kirchengemeinde xy. Dann ist es nicht ausschlaggebend, wie viele Menschen in Berlin dabei waren, sondern dass jede und jeder, der da war, die missio Dei in seiner Welt, in seinem Umfeld weitergibt, daran mitwirkt.

Dynamissio – drei Tage nachdenken über Gott und seine Mission. Ich danke allen Mitwirkenden für diese Zeit, denn sie hat mir neue Gedanken eröffnet, die mich nun begleiten.

Der erste Schritt Gottes

Warum eigentlich fresh x? – So habe ich vor einiger Zeit gefragt und am Ende auf die Kennzeichen einer fresh expression of church verwiesen. Schaut man in die mittlerweile zahlreiche Literatur über fresh expressions of church, so wird als erstes immer genannt, dass sie missional sind.

Missional klingt nach Mission oder missionarisch und schon ziehen einige den Kopf ein, reden leiser oder wechseln gleich ganz das Thema. Der Begriff Mission ist vielerorts mehr als schlecht konnotiert, so dass er am liebsten gar nicht mehr verwendet wird. Manchmal begegnet mir auch der Gedanke „Mission, das ist doch etwas für Afrika!“. Ja, viele Jahrzehnte und Jahrhunderte spielte sich das, was Mission beschrieb, hauptsächlich in anderen Ländern ab und nicht bei uns. Doch ist das richtig?

Seit ca. 20 Jahren wird der Begriff missional systematisch verwendet. Besonders im englischsprachigen Raum entwickelte sich eine missionale Theologie. David J. Bosch hat diese Entwicklung zusammenfassend dargestellt (Mission im Wandel, 2012). Grundlage dieser Theologie ist die Idee der Missio Dei, der Sendung Gottes, die Mission in erster Linie als Gottes Handeln versteht. Mission ist Gottes erster Schritt auf die Welt, die Menschen zu. So schreibt Michael Moynagh, dass Gottes Herz für Mission schlägt, deren Dynamik die Liebe ist (Praxisbuch, 98). Weil Gott die Menschen liebt, geht er auf sie zu, wendet sich ihnen zu. Er gibt sich ihnen hin. Das ist, kurz gefasst, das Wesen der Missio Dei. Damit ist Mission aber mehr als ein Handeln Gottes, sie gehört zum Wesen Gottes ebenso wie die Liebe.

Wer dieser Liebe begegnet, von ihr ergriffen ist, will sie weitergeben. Denn wer kann schon schweigen und nichts tun, wenn einem das Herz übergeht. So ist die Kirche dazu berufen, ebenso wie Gott, von ihrem Wesen her missional zu sein. An dieser Stelle schreibe ich bewusst missional. Denn m.E. liegt hier der Unterschied zu missionarisch. Gehört die Mission zum Wesen der Kirche oder jedes Christen, dann ist sie mehr als ein Tun. Sie ist eine Haltung, die das Tun bestimmt. Missionarisch ist das Tun der Kirche, doch dies kann auch eins unter vielen sein. Dann geschieht an einer Stelle der Gottesdienst oder der Konfirmandenunterricht, an anderer Stelle aber das missionarische Tun vielleicht in Form eines Vortrages. Missional dagegen ist die Haltung der Gemeinde oder der Kirche, die sich darin äußert, dass z.B. jeder Gottesdienst neben dem Lobpreis Gottes oder der Feier des Abendmahls auch Mission ist – liebendes Zugehen auf die Menschen, um sie zu Gott zu führen. Entsprechend sind die Begriffe missional und missionarisch nicht gegeneinander aufzuwiegen, sondern beschreiben zwei unterschiedliche Aspekte von Mission.

Fresh expressions of church sind missional. Die Mission ist Teil ihres Wesens, indem sie sich in der liebenden Zuwendung an Menschen richten, die bisher keinen Bezug zu Gott haben. Mir gefällt dabei das Bild der Extrameile. Mission im Sinne der missionalen Haltung bedeutet für mich, dass ich gerne eine Extrameile mit denen mitgehe, die Gott noch nicht begegnet sind. Weil ich Gottes Liebe in Jesus Christus begegnet bin, weil ich von ihr ergriffen bin, kann ich davon nicht schweigen. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen ebenso der Liebe Gottes begegnen, die ich weitergeben darf. Dazu hat Gott mich berufen. Deshalb gehe ich hinaus und gehe gerne auch so manche Extrameile oder Umweg mit, bis Menschen Gott begegnen.

Ich gehe hinaus in den Kontext der Menschen, denn das zweite Kennzeichen von fresh x ist, dass diese neuen Formen von Kirche kontextuell sind. Was das für mich heißt, werde ich in einem nächsten Beitrag schreiben. Jetzt würde mich aber interessieren, ob Mission auch etwas für euch ist?

 

Hier noch der Link zu den anderen Beiträgen der Serie: