Schlagwort: Leben

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 2

In den letzten Wochen blieb mein Pioniertagebuch geschlossen – Vieles andere lag an und war im Kalenderablauf wichtiger. Doch in diesen Tagen habe ich es wieder aufgeschlagen. Zur Pionier-Weiterbildung gehören zwischen den Präsenzphasen immer auch Online-Einheiten zum Nacharbeiten, Selbststudium, Vorbereiten des nächsten Treffens. Da sich Ende des Monats die (angehenden) Pionierinnen und Pioniere das nächste Mal im Reallife treffen, war es für mich Zeit, mich näher mit den Onlinematerialien zu befassen.

Besonders die Einheit zum Selbststudium hat es mir angetan. Zahlreiche Aufsätze und Buchauszüge drehten sich um die Wahrnehmung des Kontextes oder des Missionsfeldes. Wie ist es abgegrenzt, wie ist es zu erfassen? Unterschiedlichste Methoden von der Erstellung von Landkarten bis hin zu Gebetsspaziergängen wurden vorgestellt. Das Hören auf die Menschen bekam Bedeutung und daneben das Hören auf Gott. Wo ist er in diesem Kontext längst am Werk? Wo will er, dass ich an seinem Wirken mitwirke? Habe ich das schon vernommen oder laufe ich auf der falschen Fährte? Daneben die Frage, was wichtiger ist, auf Gott zu hören oder auf die Menschen? Was kommt zuerst oder geht das eine nur mit dem anderen?

Das Nachdenken über all diese Fragen hat mich bisher nicht zu Antworten geführt. Eigentlich bringt es sogar jeden Tag neue Fragen hervor. In dieses ganze Nachdenken hinein kam es zu einer Begebenheit, die mich noch weniger loslässt:

Meine Kinder haben Weihnachten Playmobil für sich entdeckt – ein großer roter Trecker und ein Prinzessinnenschloss sei dank! Entsprechend werden zur Zeit in allen Spielzeuggeschäften und Katalogen die potentiellen nächsten Geschenke dieser Marke ausgesucht. Da passte es gut, dass Mama zu Weihnachten die entsprechende Krippe geschenkt bekommen hatte und auch schon die Kirche besitzt. So langsam füllt sich unsere Sammlung. Sie droht zu einer eigenen Stadt zu werden. Vor einigen Tagen standen wir mal wieder mit der gesamten Familie vor einem dieser besagten Regale. Zahlreiche Wünsche wurden geäußert. Es wurde gefachsimpelt, was man wie zusammenbauen könnte, was wo anzubauen wäre oder zu welchem bereits vorhandenen Bauwerk passt. Da fiel mein Blick auf einen weiteren Karton und in mir regte sich etwas. Diesen Karton würde ich neben Krippe und Kirche gerne mein Eigen nennen, auch wenn ich nur wenig damit spiele – nicht für die Kinder, nur für mich – zum Anschauen und Träumen. Es ist das Café Cupcake. Freunde und Verwandte wissen längst, dass ich davon träume, irgendwann einmal ein eigenes Café zu eröffnen. Ehrlich gesagt, ich vermute, dass einige auch schon ziemlich angenervt sind von meinem Träumen.

Foto: KirchGezeiten

 

Aber es war nicht nur das, was mich in diesem Moment anregte. Als wir in der ersten Präsenzphase unseren Traum von Kirche darstellen sollten, baute ich ihn mit genau diesem Karton. Dieses Café, das entsprechend den Produkten dieser Marke zwar recht real, aber dennoch ziemlich bunt ist, hat für mich viel mit meinem Traum zu tun. Es steht für mich für eine Orientierung am realen Leben, das dennoch oder gerade deshalb bunt und farbenfroh ist. Hier gehen Menschen verschiedenster Alltagsstufen ein und aus. Hier treffen sich die jungen Leute zum Kaffeetrendgetränk, die Familie kommt mit den Kindern zum Frühstück, die Laufgruppe trinkt noch ein Wasser nach der wöchentlichen Runde, die Großeltern spendieren ihrem Enkel einen Kakao und ein Stück Kuchen. Und ein paar Tische weiter sitzt jeden Morgen der gleiche ältere einsame Mann mit seinem Kaffee, dem belegten Brötchen und der Tageszeitung. Eben kommt noch ein Schüler rein, zählt sein Geld ab und überlegt, ob es wohl für etwas Süßes reicht. Und letzte Woche hatten an einem Tisch drei Geschäftsleute große Baupläne für ein neues Mehrfamilienhaus ausgebreitet und besprachen die gewünschten Änderungen. Ach, die Filmleute will ich nicht vergessen, die mittels Stadtplan mögliche Filmsets für ihren nächsten Film besprachen. Ja, das alles habe ich schon in ein- und demselben Café erlebt. Früher oder später kennen dann die Angestellten die Vorlieben ihrer Gäste und das ältere Ehepaar muss nicht mehr sagen, dass es ein halbes Brötchen mit Marmelade und ein halbes mit Käse zum mittleren Kaffee bekommt. Diese beiden sind es auch, die das Bücherregal pflegen und dafür sorgen, dass immer mal was Neues dabei ist. Für die Spielecke haben sie auch schon mal ein neues Bilderbuch mitgebracht.

Café ist für mich aber noch mehr. Es bietet Raum und Zeit, um Pause zu machen, um es sich bei einem Getränk und etwas zu Essen gut gehen zu lassen, die Gedanken zu ordnen, Freunde zu treffen und neue Menschen kennenzulernen. Hier kann ich spüren, welches Leben in der Umgebung des Cafés gelebt wird, erlebe Menschen so wie sie sind. Ich finde, Cafés haben eine eigene Atmosphäre, egal ob es ein Traditionscafé mit Silberbesteck und Monogramm im Geschirr ist oder der kleine Szene-Coffeeshop. So richtig zum Café wird das Café dann für mich, wenn man z.B. Café schenken kann, d.h. für andere, die ihn sich nicht leisten können, den Kaffee einfach mitbezahlen kann. Dann hängen irgendwo Kaffeegutscheine, an denen man sich unbemerkt bedienen kann, um in den Genuss des heißen Getränks zu kommen. Das geht natürlich nicht nur mit Kaffee, sondern auch mit all den anderen Köstlichkeiten aus dem Angebot. Hier ist jeder willkommen. Hier kann gelacht, erzählt, auch gestritten und geweint werden. Wer häufiger in dies Café kommt wird merken, dass es kleine Gemeinschaften in diesem Café gibt, die immer zur gleichen Zeit kommen, meist sogar an immer demselben Tisch sitzen. Doch sie sind nicht fest voneinander abgegrenzt, dienen einander, wenn irgendwo der Zucker, die Milch oder auch ein Stuhl fehlt. Sie alle zusammen sind die Gemeinschaft der Café-Besucher.

Ich gebe zu, das klingt alles ein wenig idealistisch – was es wohl auch ist. Aber sprechen wir nicht auch so von unserem Traum von Kirche? Dabei ist das, was uns dann als Café in der Realität begegnet und wo wir immer wieder gerne hingehen, doch auch recht gut. Das gilt übrigens auch für die Kirche. Wer sich dann im Traditionscafé nicht so wohl fühlt, der geht einfach ein paar Straßen weiter und findet dort vielleicht das kleine Café im Stil der 60er und 70er Jahre oder den modernen Coffeeshop oder das Landfrauencafé. Das Gute an der Idee des Cafés ist, dass jeder weiß, was es ist und es doch kaum zählbare verschiedene Cafés gibt. Für jeden ist etwas dabei – okay, daran arbeiten wir bei Kirche noch etwas.

Vielleicht träume ich gerade deshalb von einem eigenen Café, weil es für mich soviel von Kirche spiegelt. Genauso träume ich einen Traum von Kirche, an dem ich mitbauen möchte. Um das eine mit dem anderen zu verbinden, werde ich auch weiterhin in „mein“ Café gehen und dort auf die Menschen, den Kontext und Gott hören. Das geht übrigens auch hervorragend bei einem Kaffee oder Chai latte, allein oder gemeinsam. Vielleicht treffen wir uns dann ja mal in einem Café und hören und träumen von „unserer“ Kirche.

Bis dahin freue ich mich, von euch zu hören, was eure Träume von Kirche sind. Hinterlasst sie einfach in den Kommentaren.

Advent heißt Warten oder nicht? 

Advent bedeutet Warten, so habe ich es mal gelernt. Aber wo und wie warten wir? Warten wir überhaupt? Heißt Advent nicht eher hektische Betriebsamkeit und die Rede von der besinnlichen Zeit bleibt ungestillte Sehnsucht?

Vielleicht kommen mir diese Gedanken gerade jetzt, da ich auf einem norddeutschen Bahnhof sitze und mich über verspätete Züge ärgere. Plötzlich ausgebremst auf dem Weg, alle Pläne auf Null gesetzt, noch einmal von vorne anfangen und neu planen, erstmal den nächsten Zug, dann die Termine.

So sitze ich da und beobachte die Menschen, die an mir vorbei hasten. Pendler auf dem Weg zum Job und Urlauber, Geschäftsreisende und Menschen auf dem Weg zum Einkauf in die Stadt. Wie sie so an mir vorbei ziehen, eint sie eins: die eiligen Schritte, der gehetzte Gang, der fokussierte Blick. Ist das nicht vielmehr Advent als besinnliches Warten bei Kerzenschein und Glühwein. Okay, irgendwo zwischen den vielen Terminen kurz vor Jahresende ist auch noch Platz für einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, aber hat das etwas mit dem zu tun, was so oft unter dem Begriff Advent vermittelt wird?

Zur gleichen Zeit laufen in den Medien Werbespots, in denen Familiengeschichten mit fröhlichem Weihnachtsessen oder Happyend gezeigt werden. Einige dieser Filme verbreiten sich im Anschluss viral im Internet, werden preisgekrönt. Sie scheinen die Menschen, ihre Sehnsüchte anzusprechen, oder warum sonst sind sie so erfolgreich?

Bewegen sich die Menschen im Advent vielleicht deshalb so hektisch, weil sie den Traum verfolgen, ihre Sehnsucht nach Familienglück, Ruhe und Besinnlichkeit doch irgendwann einmal stillen zu können? Dann aber folgt die Frage, ob das überhaupt möglich ist oder die Sehnsucht immer Sehnsucht bleibt. Wenn sie aber zu stillen wäre, wie könnte das passieren? 

Während ich die Menschen an mir vorbei laufen sehe, ist mir eins klar. Im generellen Brandmarken des Weihnachtsgeschenketrubels liegt keine Antwort. Gerade gestern habe ich im Buchladen zwei Jugendliche beobachtet, die, bereits mit vielen kleineren und größeren Tüten ausgestattet, gemeinsam Geschenke für zwei weitere Freundinnen überlegten. Das hatte etwas von Stress und doch schien es den Jugendlichen am Herzen zu liegen und Spaß zu machen. Etwas zu schenken hat oft auch etwas mit Wertschätzung zu tun. Zugleich wird viel Liebe ins Überlegen und Aussuchen des Geschenks investiert. Die vielen Tüten am Arm der Jugendlichen waren eben auch Ausdruck ihrer sozialen Beziehungen, in denen sie zuhause sind. Wenn Schenken nicht als Verpflichtung und Last empfunden wird, will ich es nicht bewerten. Da darf es auch ruhig mal etwas trubeliger zugehen, zumal ich den Eindruck habe, dass die drei Weisen damals auch nicht wohlgeplant aufgebrochen sind oder besinnlich unterwegs waren zur Krippe.

Liegt die Antwort dann vielleicht in der nüchternen Aufklärung der Mitmenschen, dass die Realität eben anders aussieht und sich ihre Sehnsüchte einer romantischen Verklärung der Welt verdanken? Auch darin sehe ich keine Lösung. Diese Sehnsüchte haben meines Erachtens ihren Grund, drücken etwas von dem aus, was die Menschen sich wünschen, was sie als erstrebenswert erachten und was ihnen Hoffnung schenkt. Es scheint ein Sinn in diesem Sehnen zu liegen. Vielleicht ist es einfach das Korrektiv zur erlebten Welt, das manches im Alltag in ein anderes Licht rückt. 

Noch immer hasten die Menschen an mir vorbei, den Blick auf ein fernes Ziel gerichtet. Auch ich muss weiter. Der Zug soll endlich kommen. Was ich mitnehme aus diesem erzwungenen Warten? Ich möchte mit den Menschen in ihrem Weihnachtstrubel unterwegs sein, mich manchmal vielleicht auch von ihrer Hektik anstecken lassen. Und dann in den kleinen und großen Momenten des Wartens mit ihnen ihren Sehnsüchten nachgehen, nachfragen, was sie sich wünschen und warum? Jesus wurde auch nicht geboren, als alles bereitet war, sondern mitten hinein in den Trubel einer Volkszählung. Später dann hat er sich auf den Weg gemacht, ist mit den Menschen unterwegs gewesen, hat nach ihren Hoffnungen gefragt und mit ihnen geschaut, wo und wie sie Gestalt gewinnen könnten. 

Für mich liegt darin der Reiz des Advents: im Weihnachtstrubel unterwegs sein, die Sehnsüchte der Menschen entdecken und in den unerwarteten Momenten mit ihnen den Sinn suchen. Denn Weihnachten lässt sich nicht aufhalten. Es kommt, egal ob alles bereit ist oder noch im Chaos versinkt, und es kommt zu jeder und jedem.

So ziehe ich weiter – zurück in meinen ganz persönlichen Weihnachtstrubel. 

Habt ihr sie auch schon erlebt, die Momente des erzwungenen Wartens, in denen plötzlich Sehnsüchte und Hoffnungen aufleuchten? Vielleicht mögt ihr im Kommentar davon erzählen. 

Müssen Pastoren bürgerlich sein?

Anfang der Woche stieß ich auf ZEITonline auf einen Artikel in der Rubrik „Jung und Gott“ mit dem Titel „Pfarrerin: Ja, auch ich sündige“. Die junge Frau, die lieber anonym bleibt, berichtet von ihren Partyvorlieben und auch von so manch durchzechter Nacht in ihrem Pfarrhaus.

Ich fand es kurzweilig zu lesen, habe mir aber zunächst nicht viele Gedanken über den Inhalt und schon gar nicht über das Leben der jungen Pfarrerin gemacht. Ein wenig Effekthascherei ist wohl auch gewollt, dachte ich noch. Doch in den folgenden Tagen bemerkte ich, wie sehr über den Artikel bzw. das Verhalten der jungen Dame diskutiert wurde. Allein unter dem Text auf ZEITonline sammelten sich bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 430 Kommentare. Die zahlreichen Diskussionen in den Sozialen Medien sind wohl kaum zu zählen. Wie viele Leserbriefe wohl die Redaktion auf klassischem Weg und per Mail schon erreicht haben? Und nun beschäftigt er mich doch, dieser Artikel von der Pfarrerin und der Sünde mit dem frivolen Bild über der Headline.

Dabei ist es weniger der Inhalt, der mich bewegt. Wie gesagt, ich fand ihn wenig aufsehenerregend. Es sind mehr die Inhalte der Diskussionen, die Statements, die Erwartungen, die die Menschen in ihren Kommentaren äußern. Da geht es um Vorbildfunktionen und wie ein Pfarrer oder Pastor zu sein hat. Oder es sprechen Menschen der jungen Pfarrerin die Reife ab, ihren Beruf ausüben zu können. Andere unterstellen, dass die gesamte Geschichte nur konstruiert ist, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Und wieder andere finden, dass die Pastorin nicht zu toppen ist. Kolleginnen wünschen sich sogar, selbst ein solches Leben führen zu können.

Mich angesprochen hat besonders eine Diskussion, nämlich die, dass die junge Dame wenig bürgerlich sei bzw. sich für einen nicht bürgerlichen Lebensstil entschieden hat. Sofort sprang in meinem Kopf die Frage auf: „Müssen Pastoren zwingend bürgerlich sein?“ Ist nur eine bürgerliche Pastorin eine gute Pastorin? Was aber heißt bürgerlich eigentlich?

Holzschnittartig gesagt entwickelte sich das Bürgertum im Feudalismus als eine Vergesellschaftungsform der Mittelschichten in Abgrenzung zum Adel nach oben und zu Bauern und Arbeitern nach unten. Die geschichtliche Entwicklung hat seither eine Ausbildung verschiedenster Untergruppen hervorgebracht. Dennoch verbindet man mit den Worten Bürgertum und bürgerlich besonders Bildung und Ausbildung ebenso wie Selbstständigkeit und Freiheit, aber auch Rechte und Besitz. Hinzu kommen Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Leistung. So hat das Bild des (Bildungs-)Bürgers wohl unsere Vorstellung eines vorbildhaften Bürgers geprägt, das wir oft besonders mit bestimmten Berufen in Verbindung bringen. Genauso gibt es aber meines Erachtens auch die Bilder der verrohten, saufenden und marodierenden Menschen, die wir mit anderen Berufen verbinden. Letzteres kommt mir in den Sinn, wenn ich vorurteilsbehaftete Gespräche z.B. über Soldaten oder Security-Mitarbeiter höre. Genau diese Bilder sind es aber auch, die zeigen, wie absurd solche Vorstellungen und Erwartungen oft sind.

Ja, Pastorin wird man erst nach einem ziemlich langen Studium mit anschließender mehr als zweijähriger praktischer Ausbildung. Außerdem gelobt zumindest in meiner Landeskirche jede Pastorin und jeder Pastor mit der Ordination einen dem Amt entsprechenden Lebensstil zu führen. Aber da steht nirgends, dass dieser bürgerlich sein muss. Vielmehr hat er sich an dem, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat, zu messen – so wie das Leben aller Menschen. So sind die Pastorinnen und Pastoren keine besseren Menschen oder Menschen mit besonderen Pflichten, was den Lebensstil angeht, auch wenn sie in ihren Gemeinden oft unter einer besonderen Beobachtung leben.

Sich an dem zu messen, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat, aber ist eine viel größere Herausforderung als bürgerlich zu sein. Das nämlich bedeutet, sich mit seinen (Jesu!) Worten und Taten auseinanderzusetzen, sie mit unserer Gegenwart, unserem Leben ins Gespräch zu bringen. Das ist, meines Erachtens, viel herausfordernder, als bürgerliche Tugenden wie Leistung und Fleiß und Sparsamkeit zu üben.

Ob das dann wilde Partys im Pfarrhaus, deren Beschreibung die meiste Aufregung in den Kommentaren erzeugt hat, bedeutet, ist mir an dieser Stelle gar nicht wichtig. Vieles an dieser Aufregung ist wohl den bereits genannten Bildern geschuldet und einiges davon könnte sicher anders aussehen. Mit liegt mehr am Herzen, dass, wenn wir alle unser Leben nicht am alten Klassendenken ausrichten würden – auch der Adel hat nicht mehr die Stellung, die er mal hatte – sondern an Gottes Bild für unser Leben, wir alle viel versöhnlicher miteinander leben könnten. Bei allem, was dann noch unrund, nicht zufrieden stellend und schief ist, gilt Gottes liebender Blick und das Versprechen seiner Gnade.

Deshalb gefallen mir die folgenden Worte des Artikels: „Gott ist da für die Unperfekten, die Zweifler, ja, auch für diejenigen, die bei Sonnenaufgang betrunken nach Hause kommen oder die gar keine Beziehung mit ihm wollen. Deshalb bin ich Pfarrerin und das möchte ich den Menschen und zwar allen Menschen, im Glauben und im Leben mitgeben.“

Und im Geist ergänze ich: er ist auch da für die Perfekten, die Glaubenden, die Nüchternen, die Strebsamen und die, die der allgemeinen Moral entsprechen und es deshalb gerade auch nicht immer leicht haben.

Wie geht es euch mit den Erwartungen der anderen an euer Leben und wonach richtet ihr es aus? Oder was denkt ihr über die Pfarrerin und ihre Vorbildfunktion? Diskutiert doch auch mal an dieser Stelle.

(De)Mut

„Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes, dem das Leben gehört, und das ist der Mut.“ – Theodor Fontane, Cécil

Ohne ein gewisses Maß an Demut geht es wohl nicht. So habe ich in meinem letzten Newsletter geschrieben und dabei an die Haltung der zweiundsiebzig Jünger gedacht, die Jesus in Lk 10 auf den Weg schickt. Nicht erst seit dieser Aussage denke ich über den Begriff der Demut nach. Denn häufiger schon habe ich gelesen oder gehört, dass sich christliche Gemeinschaft durch Demut auszeichnet oder der Glaube sich an ihr erst zeigt und bemisst. Dabei frage ich mich dann, was meint die Autorin, der Autor jener Aussagen, wenn er davon spricht?

Auf den ersten Klang hört sich dieses Wort für mich alt, altmodisch, vielleicht auch ein wenig angestaubt an. Demut – was ist das eigentlich? Schaut man in die Lexika, so erfährt man, dass der Begriff vom althochdeutschen diomuoti abstammt, was soviel wie dienstwillig bedeutet. Dem philosophischen Wörterbuch zufolge bezeichnet Demut die „Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit (Gottheit, sittliches Ideal, erhabenes Vorbild) hervorgehen kann“. Im Begriff Demut kommt also ein Unterordnungsverhältnis zum Ausdruck. So hat die Wurzel des hebräischen Wortes, welches mit Demut übersetzt wird, das „sich beugen“ zur Grundlage. Entsprechend steht im Alten Testament der Demut der Hochmut gegenüber. Demut bedeutet in diesem Zusammenhang, die Allmacht Gottes anzuerkennen, während der Hochmütige meint, ohne Gott auszukommen oder sogar wider ihn leben zu können. 

Wenn Demut aber bedeutet, eine höhere Macht anzuerkennen, dann ist sie in erster Linie eine Haltung des jeweiligen einzelnen Menschen. Der Mensch selbst entscheidet sich dazu. Dabei ist ein Leben, das Gottes Willen entspricht, ein demütiges Leben, wie in Micha 6,8 nachzulesen ist: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Vor Gott demütig zu sein und seine Allmacht anzuerkennen, bedeutet zugleich die eigene Geschöpflichkeit anzunehmen, zu akzeptieren, dass der einzelne Mensch und mit ihm alle Menschen von Gott einzigartig geschaffen sind. 

Was aber heißt das eigentlich für die Jetztzeit und für mich? Geht man von der Grundlage dieser Erklärungen aus, dann ist die christlich verstandene Demut der Schlüssel zum Glauben. Nur wer sich selbst als Geschöpf Gottes versteht und sich damit der Allmacht Gottes untergeordnet weiß, entspricht dem Anspruch Gottes. Wer sich selbst so in der Welt sieht, der wird auch sein Leben so ausrichten, dass es diesem Anspruch gerecht wird. Wenn ich mich selbst und alle anderen als einzigartig von Gott geschaffen sehe, dann achte ich mich und alle anderen als gleich wert und gleich wertvoll. Dann sind meine Wünsche, Ansprüche und Vorstellungen nicht wichtiger als die von anderen Menschen. Dann bin ich bereit, den anderen zu dienen, da sie Geschöpfe sind. Demgegenüber steht wie im Alten Testament der Hochmut, die Meinung, etwas besseres, wertvolleres zu sein als alle oder ein Teil der anderen Menschen, der Gedanke, dass das eigene Interesse mehr zählt als das anderer. Soweit die Theorie, der viele sicher zustimmen können. 

Und doch frage ich mich, was diese Lebenshaltung, so möchte ich Demut einmal beschreiben, für mich, mein Leben, mein Umfeld bedeutet. Begegnet mir der Begriff im Alltag, dann mutet ihm oft etwas von Unterwürfigkeit, Zurückstecken und manchmal auch Resignation an. In einem Wörterbuch habe ich einmal folgende Definition gelesen: „Demut ist die Bereitschaft, etwas als Gegebenheit hinzunehmen, nicht darüber zu klagen und sich selbst als eher unwichtig zu betrachten.“ Demut scheint entsprechend höchstens für Ordensleute oder besonders religiöse Leute passend zu sein. Im Alltag zwischen Familie, Nachbarn und Beruf geht es viel mehr darum, sich selbst seinen Platz zu verschaffen. Achtsamkeit, Zeit für sich selbst zu haben, die eigenen Interessen vertreten, die eigenen Träume verwirklichen. Das sind die Schlagwörter dieser Zeit. Wo hat da die Demut ihren Platz?

Ich glaube, genau da, zwischen Familie und Beruf, zwischen Zeit für sich selbst und Achtsamkeit ist ihr Platz. Demut als Anerkennung der Vorrangstellung Gottes und damit als Wertschätzung seiner Geschöpfe heißt für mich die eigenen Bedürfnisse nicht zum Narzissmus werden zu lassen. Meine eigenen Interessen nicht höher als die anderer zu stellen. Sie wird damit zum Korrektiv meiner eigenen Ansprüche. Demut heißt damit aber nicht, dass ich mich beständig nur unterwerfe und selbst geringer schätze als mein Gegenüber. In der Anerkennung Gottes seine Geschöpfe wert zu achten heißt auch, mich selbst wert zu schätzen. In dieser Gleichwertigkeit der Geschöpfe Gottes kann ich die besseren Fähigkeiten eines anderen anerkennen und auch mal meine eigenen Interessen zurücknehmen. Ist Demut in dieser Form eine Haltung, die mein Leben bestimmt, bin ich bereit, dem anderen zu dienen, weil ich in ihm Gottes wertvolles Wesen sehe, ohne mich selbst dabei aufzugeben.

Damit komme ich auf das Zitat von Fontane zurück, das ich zu Beginn meiner Gedanken genutzt habe. In diesem Sinne verstanden steht der Mut, dem das Leben gehört, meines Erachtens nicht zwischen Hochmut und Demut, die beide den Mut im Namen tragen. Der Mut, dem das Leben gehört, ist für mich eher der Mut zum Dienen, zum auch mal zurückstecken in einem Umfeld, in dem der Stärkere stets gewinnt. Der Mut, der bereit ist, auch mal auf etwas zu verzichten, mit weniger auszukommen, sich auf das Leben anderer einzulassen, ist der Mut, dem das Leben gehört. Die Demut verstanden als ein solcher Mut zum Dienen – diesen Begriff habe ich übrigens bei Siegbert Warwitz geklaut – brauchten die Jünger, als sie von Jesus ausgesandt wurden. Diese Demut stünde uns heute auch noch gut. Deshalb wünsche ich mir oft ein wenig mehr Demut bei den Menschen, nicht nur bei den anderen, auch bei mir. In manchem Leben kann man sie heute schon entdecken. Einige von ihnen sind bekannte, religiöse Personen. Viel häufiger erfahre ich sie bei Menschen, die in keiner Art und Weise berühmt sind. Gerade gestern ist sie mir wieder begegnet in Form einer Dame, die im Geschäft gerne auf eine bestimmte Brötchensorte verzichtete, da die Kinder der jungen Familie hinter ihr in der Schlange sich diese wünschten und nicht mehr genug für alle da waren.

Was sind eure Erfahrungen mit der Demut und wie definiert ihr sie? Wo entdeckt ihr sie in eurem Alltag? Lasst uns doch mal daran teilhaben.

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 1

Nun hat sie also angefangen, die Pionier-Weiterbildung. Auf Facebook hatte ich ja schon darauf hingewiesen. Auch hatte ich dort gepostet, dass jeder Teilnehmer zu Beginn ein Pioniertagebuch erhalten hat. Dort kann hineingeschrieben werden, was man behalten möchte, was einen angeregt hat, was Fragen sind oder was sonst noch bewegt. Aus meinem Tagebuch möchte ich euch regelmäßig berichten. Damit der Überblick nicht verloren geht, zähle ich die Beiträge einfach nach Seiten, auch wenn sie manchmal mehr als eine Seite umfassen.

Genug der Vorrede: Ich schlage Seite 1 auf. Leer lag sie zunächst vor mir. Doch dann ging es irgendwie gleich ans Eingemachte. Alle Teilnehmer der Weiterbildung wurden sogleich als Pionierinnen und Pioniere bezeichnet. Ich schreckte innerlich ein wenig auf. Denn die Frage, ob ich eine Pionierin bin, schwelt noch immer in mir. Eine Antwort wollte ich ja gerade hier finden. So passte es ganz gut, dass der gesamte Einstieg der persönlichen Klärung dienen sollte, was ein Pionier- eine Pionierin ist, was sie ausmacht und wie man diese Frage für sich selbst beantwortet.

Was also ist eine Pionierin? Einige Gedanken sind hängen geblieben: Pioniere sind als erstes vor Ort. Pionierin zu sein heißt, losgehen, erste Schritte wagen. Pionier sein führt auch in die Einsamkeit. Pioniere können alt und jung, introvertiert und extrovertiert, hauptamtlich oder ehrenamtlich sein. Es gibt keine festgeschriebenen Voraussetzungen außer vielleicht eine Unruhe im Inneren des Pioniers, ein Gefühl des Nicht-Hinein-Passens. Letzteres als Gabe Gottes zu verstehen, finde ich herausfordernd. Bisher strebte ich immer danach, endlich mal so richtig dazuzugehören. Doch diese Gabe kann Fluch und Segen, Last und Lust zugleich sein. So gehen Pioniere mit den Prägungen aus Kultur und Biographie in ihrer Heimat im Gepäck, um das Evangelium, dass sie in sich tragen, in einer anderen Kultur mit anderen Biographien ins Gespräch zu bringen. Dazu muss man den eigenen Standpunkt kennen. Eine Pionierin ist eine Wanderin zwischen den Welten.

Wanderin zwischen den Welten – so fühlte und fühle ich mich oft. Sei es als Arbeiterkind an einem altsprachlichen Gymnasium in einer „Ärtze- und Juristenstadt“, sei es als Kirchen-Nerd zwischen den Golfspielern auf dem Grün oder als junge Pastorin in einer Gemeinde, in der der Lieblingssatz lautete „Das machen wir seit 30 Jahren so.“ Man könnte also fast sagen, dass ich im Wandern zwischen den Welten geübt bin. Das Gefühl nicht Hineinzupassen ist immer wieder Teil meines Lebens gewesen. Allerdings ist es irgendwie nicht das, was mich momentan motiviert. Es ist eher diese Unruhe in mir, die ich manchmal nicht erklären, in Worte fassen kann. Es ist das Gefühl, dass ich nicht ganz da, vor Ort bin, dass irgendwas im Bauch grummelt. Dieses Gefühl treibt mich an, denn auch ich möchte mich gerne wohlfühlen, wo ich bin. Vielleicht ließe es sich auch als die Sehnsucht nach meinem Paradies beschreiben, nach der für mich perfekten Lebenssituation. Dazu gehört auch mein Traum von Kirche, den wir heute zwischen Playmobil und Lego, zwischen Buntstiften und Playdoo in Sichtbares umsetzen sollten.

Wenn dieses Gefühl da ist, dann mag ich aktiv werden. Dann blitzen Ideen in mir auf, dann entwickeln sich Visionen, die immer auf die eine hinauslaufen – ein für die Welt relevantes, fröhlich gelebtes Christentum. Ich glaube daran, dass es möglich ist, dass Gott längst am Werk ist. Dann, wenn die Unruhe in mir aufsteigt, dann will ich handeln, losgehen, loslegen – mitbauen an dem, was Gott längst begonnen hat.

Wenn es das ist, was eine Pionierin ausmacht, dann bin ich eine. Das ist mir heute klar geworden. Damit ist mir der Begriff Pionier allerdings noch nicht sympathischer geworden. Ich habe den Eindruck, dass er vor allem der Beschreibung und Abgrenzung von schon bestehenden Aufgaben und Tätigkeiten in der Kirche dient. Ich frage mich aber, ob nicht in jedem, der in der Kirche und der Welt unterwegs ist, diese Unruhe wirken sollte, bis wir den Himmel auf Erden haben. Deshalb möchte ich lieber von der Gabe der Unruhe oder des Nicht-Hinein-Passens sprechen, die sich in die Reihe der anderen Gaben, der des Leitens, des Visionierens, der Seelsorge, des Lehrens …, einreiht.

Wie ich diese Gabe zum Ausdruck bringe, umsetze, ist wohl die nächste große Herausforderung, vor der ich nun stehe – und mit mir all die anderen, die das Gefühl haben, ihrer Unruhe Ausdruck verleihen zu wollen. Es sind noch viele Seiten im Pioniertagebuch frei – ich bin gespannt, wie sie gefüllt werden.

Bis ich die nächste Seite des Tagebuches aufschlage, würde ich gerne wissen, wie es euch geht mit dem Gefühl der Unruhe oder des Nicht-Hinein-Passens. Hinterlasst doch einfach einen Kommentar.