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Alles nur Symptome?

„Pfarrberuf 2030 – wir reiten die Welle“ – aber welche Welle reiten wir wirklich? Seit ich Anfang der Woche auf der großen Tagung meiner Landeskirche zur Zukunft des Pfarrberufes war, stelle ich mir diese Frage. Wenn ich ehrlich bin, stelle ich sie mir nicht er seit dieser Tagung, sondern tat es auch schon vorher. Aber irgendwie ist sie seither noch einmal lauter geworden.

Die Mitgliedszahlen der Kirchen schwinden ebenso wie die Finanzen und auch die Zahl der aktiven Pastorinnen und Pastoren steht scheinbar vor dem Kollaps. Allerorten mehren sich die Stimmen, die Veränderungen auch für den Pfarrberuf fordern. Also warum nicht mal mit denen darüber diskutieren, die es unmittelbar betrifft. Gesagt, getan.

In verschiedenen Impulsen und besonders in einem umfangreichen Open Space wurden Stimmen, Ideen und konkrete Vorschläge gesammelt. Für mich bezeichnend war, dass die Topthemen sich schnell um Dinge wie neue Strukturen, multiprofessionelle Pfarrteams, die Verteilung zwischen Land und Stadt etc. drehten. Auch das 21-Punkte-Programm der bayrischen Landeskirche, das vorgestellt wurde, hatte auffallend viele Strukturveränderungen wie die bessere Ausbildung und Bezahlung der Pfarrsekretärinnen oder die lebenslange Fort- und Weiterbildung der Geistlichen zum Inhalt. Viele der Anwesenden waren begeistert, stimmten ein in den Gesang derer, die meinten, mit diesen Änderungen würde die Zukunft in den Griff zu bekommen sein. In vielen Dingen stimme ich dem zu. Doch je mehr Abstand ich von diesen Tagen bekam, umso mehr bleibt ein Nachgeschmack.

Mehr und mehr festigt sich mittlerweile bei mir der Eindruck, dass all diese Strukturdebatten und Veränderungsvorschläge eher ein Symptom als eine Lösung darstellen. Das eigentliche Problem aber, scheint mir, ist an anderer Stelle zu suchen und zu finden. Es sind verschiedene Beobachtungen, die mich dahin führten. An einigen möchte ich euch teilhaben lassen.

Gerade die verschiedenen Strukturveränderungen der letzten Jahre wie Jahresgespräche und Dienstbeschreibungen ließen mich erfahren, dass die einen sie lieben und die anderen sie ablehnen. Entsprechend sehen die einen in ihnen die Lösung oder zumindest einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer besseren Berufsausführung. Die anderen aber lehnen sie ab und fühlen sich durch Maßnahmen wie diese eingeengt, in ihrer Freiheit beschränkt. Sprich ich habe den Eindruck, dass, egal welche Strukturveränderung anstehen, sie immer auch Widerstand hervorrufen und man sich in den Grabenkämpfen um sie auch verlieren kann. Lösungen, die zu einer umfassenden Zufriedenheit der Pastorinnen und Pastoren führen, aber bringen sie nicht, werden sie niemals bringen. Stattdessen binden sie immer neue Zeit. Vielleicht sind sie so auch eine gute Entschuldigung, um sich nicht mit anderen wesentlicheren Dingen beschäftigen zu müssen.

Was das Wesentlichere ist? Vielleicht ist genau das die Frage. Darauf gestoßen bin ich, als ich in einer Plenumsrunde der Tagung die gut zweihundert anwesenden Pastorinnen und Pastoren bat, für eines meiner Vorhaben zu beten. Diverse Gesichter sahen mich darauf verständnislos an. Nach der Runde wurde ich sogar angesprochen, dass ich so etwas in dieser Form äußern konnte und ich war erstaunt. Wo denn sonst, wenn nicht unter Glaubensgeschwistern in einer Kirche?

Dazu eine weitere Beobachtung einen Tag später in einer kleinen Runde von Pastorinnen und Pastoren. Es geht um die Zukunft des Pfarrberufes und was wir in diesen Zeiten noch verkündigen können. Da äußert einer der Anwesenden, dass es im Jahr 2030 keinen Gott mehr gäbe, denn schließlich sei der eine menschliche Vorstellung und in zwanzig Jahren würde da niemand mehr dran glauben.

Mit diesen Eindrücken fuhr ich nach Hause, hatte in der Bahn noch Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen und spürte, dass mich ein Gedanke seither nicht mehr los lässt. Was wäre, wenn alle diese Diskussionen und Debatten um andere Strukturen, um bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um neue Berufsbilder und und und nur ein Symptom für das eigentliche Problem wären. Was wäre, wenn die zahlreichen Forderungen und Veränderungen so hoch gepuscht würden, um vom eigentlichen Problem abzulenken, sich nicht damit auseinandersetzen zu  müssen? Wenn es so wäre, spräche vieles dafür, dass wir auch im Jahr 2030 uns noch immer um diese Fragen drehen würden, vielleicht noch viel intensiver als wir es heute schon tun, und noch immer keine Zufriedenheit erreicht wäre, evtl. sogar noch weit weniger Menschen diesen Beruf ausüben möchten als die schlimmsten Prognosen es uns an den Himmel zeichnen. Dann hätten wir noch immer übervolle Terminkalender und noch leerere Kirchen.

Was dann das eigentliche Problem ist? Ich kann es nicht abschließend bestimmen. Aber eine Ahnung sagt mir, dass in unseren Kirchen und Gemeinden, in unseren Amtszimmern und Herzen eine Art Geistlosigkeit herrscht. Mit dem Wirken des Heiligen Geistes wird nicht gerechnet. Der eigene Bezug zu Gott und Evangelium hat stark gelitten und wird wenig geübt. Die Grundlage des Glaubens ist verschütt gegangen und die Menschen um uns her spüren das allzu deutlich. Es ist einfacher, sich mit Strukturen und immer neuen Veränderungen zu beschäftigen, mit Sitzungen und Verwaltungsnormen den Kalender zu füllen, als auf sich und den eigenen Glauben geworfen zu sein. Es lässt sich leichter über Veränderungen im Pfarrberuf streiten als zu fragen, was wir noch glauben (können) und auch die eigene Leere zu bekennen.

Pfarrberuf 2030 – wir reiten die Welle. Ich wünschte mir, wir würden wieder die Welle des Glaubens reiten, dem Geist vertrauen, dass er uns dort hinspült, wo Gott schon am Werk ist und wir mitwirken dürfen. Wieder das Surfen dieser Welle zu lernen, scheint mir zielführender zu sein als immer wieder neu über Strukturen zu diskutieren und Strukturen zu verändern. Dann wären wir meines Erachtens dem Problem deutlich näher und würden nicht nur Symptome bekämpfen.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Was sind Eure Eindrücke zwischen Pfarrberuf und Strukturwandel? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 3

Warum? Wie oft haben meine Kinder mir diese Frage schon gestellt? Als sie damit anfingen, habe ich mir vorgenommen, sie nie mit Antworten abzuspeisen wie „Wie das so ist!“ oder „Dafür bist du noch zu klein!“. So versuche ich immer, ihnen angemessene Antworten zu geben, mit denen sie etwas anfangen und an denen sie weiterdenken können. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Aber ich merke, dass die Kinder so die Lust am Fragen behalten und Dinge nicht einfach hinnehmen.

Warum? Diese Frage bekam in den letzten Tagen Pionierweiterbildung auch für mich noch einmal eine neue Bedeutung. Alles fing mit einem Planspiel an. Ein Planspiel zum Thema „mixed economy“ – es füllte einen Vormittag und brachte mich zum Nachdenken. Situation dieses Spiels, entwickelt am IEEG in Greifswald, ist eine Kirchenregion im Nordosten Deutschlands, die auf Grund anstehender Personalkürzungen neu überlegen muss, wie sie ihre Arbeit bzw. ihr kirchliches Leben gestalten will. Verschiedene Partner sitzen am Verhandlungstisch wie die Pfarrerin, der politisch interessierte Küster und der pietistische Pionier. Wir haben das Spiel in mehreren Gruppen gespielt, doch am Ende berichteten alle ähnliche Erfahrungen: Damit sich in den Verhandlungen etwas rührte, musste einer seine Rolle verlassen. Noch wichtiger aber: so lange sich die Verhandlungspartner nicht auf ein Ziel, eine Vision geeinigt hatten, blieb es bei einzelnen Ideen. Ein gemeinsames Ganzes entstand nicht. Wenn die Kirchenregion sich nicht klar ist, warum sie etwas tut, entsteht nichts längerfristiges. Es braucht eine Vision.

Warum? Die Frage nach der Motivation, der Vision ist mir ja schon lange wichtig. Mal wieder stand ich an dem Punkt, dass ich überlegte, ob wir in unseren Gemeinden und Kirchen überhaupt eine Vision verfolgen, oder ob wir nicht meistens einen Business as usual-Weg eingeschlagen haben. Die Erledigung des Alltagsgeschäfts, irgendwie über die Runden zu kommen, ist so in den Vordergrund gerückt, dass die Frage nach dem Warum? in den Hintergrund geraten ist, keine Antwort mehr findet.  Antworten wie „Das machen wir schon immer so.“ oder „Als Kirchengemeinde macht man das so.“ stellen nicht zufrieden, regen nicht zum weiteren Nachdenken an. Ich merke, von der Situation meiner Kinder sind wir da gar nicht so weit entfernt.

Warum? Es wurde Zeit, dass wir uns diese Frage auch für unsere Initiativen und Projekte stellten. Anhand der Theorie von Simon Sinek (Start with Why) versuchten wir zu formulieren, was unsere Motivation ist, was uns antreibt, diese eine fresh x zu gründen. Was ist unsere Vision? Warum machst du das? Dabei stellte sich schnell heraus, dass die ersten Antworten meistens noch wieder zu hinterfragen sind. Nicht bei den Floskeln zu bleiben, war gar nicht so einfach. Mit „um das Evangeliums zu verkünden“ wollte ich mich nicht zufrieden geben. Das höre ich so oft und habe das Gefühl es bleibt bei einer Formel der Antwort „weil das so ist“ an die Kinder vergleichbar. Also noch einmal:

Warum? Ich habe diese Frage in den letzten Tagen mir immer und immer wieder gestellt. Mittlerweile habe ich für mich eine Antwort und ich merke, sie verändert etwas im Blick auf meine Arbeit. Das, was in meiner Dienstvereinbarung steht, hat dadurch eine Veränderung erfahren, einen anderen Stellenwert bekommen. Diese Antwort ist viel existentieller, hat etwas mit mir zu tun und motiviert mich anders als das, was mir durch meinen Dienst aufgegeben ist.

Warum? Mit dieser Frage fing es an und mit dieser Frage endet es auch. Wieder einmal merke ich, dass es ohne Vision langfristig nicht läuft. Deshalb frage ich mich umso mehr, worin die Vision unserer Gemeinden und Kirchen besteht. Ich hoffe sehr, dass es dabei nicht bei Formeln bleibt, denn eine ehrliche, wirkliche Antwort regt nicht nur zum Nachdenken an, sondern motiviert auch ungemein. Aber Vorsicht: sie hat etwas mit einem ganz persönlich zu tun!

Warum? Stellt Ihr euch diese Frage auch? Ich bin gespannt, von Euren Erfahrungen mit dem Warum? zu erfahren.

Quo vadis Kirchenleitung?

Manchmal darf ich in den Kirchen meines Kirchenkreises Gottesdienste vertreten. So in diesem Jahr auch am Sonntag Miserikordias Domini, dem Sonntag, der uns vom Guten Hirten erzählt. Ein schöner Sonntag, denn ich freue mich immer, wenn das Beten des 23. Psalm ein Lächeln in die Gesichter der Menschen zaubert und sie mit voller Stimme in das Gebet einstimmen. Dazu gehörte in diesem Jahr ein Predigttext aus dem ersten Petrusbrief, der erst einmal an die Ältesten der Gemeinde adressiert ist. Während der Predigtvorbereitung sah ich im Geiste schon so manches Gemeindemitglied sich zurück lehnen: betrifft mich nicht, bin ja nicht im Kirchenvorstand. Doch der Autor des Petrusbriefes ist auch der, von dem sich u.a. das sog. Priestertum aller Glaubenden ableitet, also die Aufforderung an alle Glaubenden, die Wohltaten Jesu bekannt zu machen – nachzulesen im 2. Kapitel des Briefes. So haben wohl auch alle Glaubende eine Verantwortung für die Leitung der Kirche und können es nicht einfach auf die jeweils ein höhere Ebene abschieben.

Mich führte die Vorbereitung der Predigt mal wieder dazu, über die Leitung der Kirche generell nachzudenken und das nicht nur, weil es immer schwieriger wird, Kandidaten für den Kirchenvorstand zu finden. Ist die Art, wie wir unsere Gemeinden, die Kirchenkreise und die Kirche insgesamt führen und leiten noch dem Evangelium und unserer gesellschaftlichen Situation angemessen? Schauen wir auf den Kontext, z.b. in der Arbeitswelt, sagen Studien, das zwei von drei Arbeitnehmern nur noch Dienst nach Vorschrift machen, jeder siebte sogar innerlich gekündigt hat. Gilt das auch für unsere Gemeinden, dann können wir den Auftrag unseres Herrn nicht mehr adäquat ausführen. Dann verlieren wir Menschen, statt sie mit dem Evangelium bekannt zu machen.

Mich bewegen diese Fragen sehr, vor allem mit Blick auf sich neu gründende Gemeinden. Zwängen wir sie in das alte System des Führens und Leitens hinein, habe ich Sorge, dass die jungen Pflänzchen, die da sprießen, schneller wieder verwelken, als sie wachsen können. Deshalb habe ich in den letzten Wochen das Buch „Reinventing Organisations“ von Frédéric Laloux gelesen. Das ist sicher auch noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Doch sprechen mich die drei Aspekte, die er für seine neue Organisationsform aufzeigt, sehr an. Erstens die Verteilung der Rollen und der Macht verbunden mit einem hohen Maß an Selbstverantwortung der Mitarbeiter. Zweitens die ganzheitliche Sicht des Mitarbeiters, die ihn nicht nur auf seine Arbeitskraft reduziert. Und drittens der Aspekt der sinnstiftenden Vision für ein Unternehmen, der u.a. bedeutet, dass andere Unternehmen der gleichen Branche keine Konkurrenten, sondern Mitwirkende bei der Realisierung dieser Vision sind.

Bezogen auf Kirche, auf Kirchengemeinden, auf neu entstehende Gemeindeformen bedeutet das für mich, dass wir uns erst einmal fragen sollten, ob wir überhaupt noch eine Vision haben, oder ob wir sie nicht vor langer Zeit schon im Gestrüpp der Gewohnheiten verloren haben. Wird diese Vision aber wieder präsent, sind andere Kirchengemeinden keine Konkurrenten mehr, mit denen man um Mitglieder oder Finanzen oder besser besuchte Veranstaltungen konkurriert, sondern Mitstreiter im Lauf, vom Evangelium zu erzählen und es zu leben. Es würde auch eine intensive Zuwendung zu den Menschen bedeuten, die nicht mehr nur als Spender oder Gottesdienstbesucher oder… gesehen würden. Vor allem aber hieße es, über die Leitung und Führung unserer Gemeinden nachzudenken. Wenn jeder Verantwortung für das Geschick der Gemeinde wahrnehmen könnte, keine übergeordneten Gremien mehr entscheiden, sondern höchstens noch beraten könnten, wäre das m.E. auch Teil der Wahrnehmung des viel zitierten Priestertums aller Glaubenden. Und ja, damit wäre auch verbunden, dass Gemeinden durch das Handeln der Menschen in ihr scheitern könnten. Das ist eben auch ein Teil der Selbstverantwortung. Stellt sich die Frage, ob wir, die Kirche, bereit sind, diese Überlegungen anzustellen, diese Verantwortung zu übernehmen und Neues zu wagen? Ich glaube, wir kommen nicht umhin, uns diese Fragen zu stellen. Denn eines zeigen die zart sprießenden Pflänzchen neuer Gemeindeentwicklungen: die, die dort neu zum Glauben und zur Kirche kommen, wollen nicht einfach nur teilnehmen, sondern mitgestalten, mitentscheiden. Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und visionär zu denken und stellen bereits jetzt viele gewohnte Formen infrage. Warum also nicht mal über neue Formen der Leitung auch für die etablierten Gemeinden nachdenken? Wer weiß, vielleicht gleicht in einigen Jahren so manche Landeskirche auch einer Reinventing Organisation…

Konkurrenz belebt das Geschäft

„Konkurrenz belebt das Geschäft“ – wer kennt diesen Satz nicht? Geht man auf die Suche nach der Herkunft dieses Satzes, liest man viel davon, dass es sich um ein deutsches Sprichwort handelt. Etwas Überzeugendes zu Ursprung und Herkunft aber habe ich nicht gefunden. Dennoch ist jeder überzeugt davon, dass es stimmt.

Mittlerweile hört man diesen Satz auch in kirchlichen Kreisen. Der amerikanische Soziologe Rodney Stark sagt zum Beispiel, dass Veränderungen in der Religiösität hauptsächlich durch das Angebot vorangetrieben werden. So wie wir alle an einem Buffet mehr essen als bei einem Drei-Gänge-Menü, führt auch im Bereich der Religionen mehr Angebot zu mehr Nachfrage. Dabei ist nicht die Zahl der Kirchen entscheidend sondern ihr Engagement. Auch Marlin Watling, Start, schreibt mit Rückgriff auf verschiedenste Studien, dass die Zugehörigkeit und Beteiligung an Kirche durch das Angebot gefördert wird. Und was sagt die praktische Erfahrung dazu?

Seit etwas mehr als einem Jahr bin ich in Sachen Gemeindegründung unterwegs. Viel Energie und Kraft habe ich schon investiert und so langsam entsteht etwas. Dabei zeigt sich gerade in den letzten Wochen, dass, wenn erst einmal etwas da ist, weitere Ideen und Aktivitäten immer schneller neu hinzukommen. So gesehen ist etwas dran an der Feststellung, dass das Angebot die Nachfrage steigert und umgekehrt. Doch nicht nur intern wächst das Angebot und die Nachfrage. Auch die Gemeinden im Umfeld, habe ich das Gefühl, feilen wieder mehr an ihrem Angebot. So wird es auf die Fläche gesehen für die Menschen vielfältiger. Angebot und Nachfrage sind also durchaus auch für Kirche Themen, über die es nachzudenken gilt.

Doch dann sind wir noch nicht bei jenem Sprichwort „Konkurrenz belebt das Geschäft“. Als ich vor einigen Tagen bei Twitter fragte, ob dieser Satz auch für Kirche gilt, war eine der ersten Antworten „Kirche ist doch kein Geschäft!“. Das stimmt. Kirche ist kein Geschäft, auch wenn sie an vielen Stellen wirtschaftlich denken muss. Darum ging es mir auch weniger. Aber ich nehme in meinem Dienst immer wieder wahr, wie sehr Menschen aus anderen Gemeinden mein Projekt als Konkurrenz wahrnehmen bis hin zu Aussagen wie „Was ist, wenn die Menschen lieber zu dir kommen als zu uns?“ oder „Vielleicht wollen unsere Ehrenamtlichen dann lieber bei dir mitmachen als bei uns.“. So geht es dann eben doch auch um Wettbewerb und Konkurrenz. Manchmal zwingt uns wohl die Abhängigkeit von Gemeindegliederzahlen dazu. Außerdem sind wir alle Menschen und es gewohnt, in Vergleichen zu leben und zu denken. Gilt das Sprichwort also doch auch für Kirche?

Mich beschäftigt dabei besonders ein Gedanke. Wer in Konkurrenz und Wettbewerb denkt, der muss mitdenken, dass der Wettbewerb so manchen Anbieter vom Markt verdrängt, Konkurrenten pleite gehen und vom Markt verschwinden. Oft genug endet es in der Monopolstellung einzelner Anbieter. Das kann meines Erachtens bei Kirche aber nicht gewollt sein. Ziel unseres Dienstes darf nicht sein, die Menschen zu Mitgliedern einer Kirchengemeinde zu machen, sondern sie auf dem Weg zu einem mündigen Christsein zu begleiten.

Ja, ich weiß, in unserer Gesellschaft braucht es Strukturen und ohne ein Mitgliedschaftssystem geht es wohl nicht. Aber ist es da nicht eher wichtig, dass jemand überhaupt Mitglied ist, und nicht in welcher Gemeinde? In einem guten Solidarsystem sollte das doch möglich sein, oder?

Das englische Bild von der mixed economy oder das deutsche Equivalent vom deutschen Mischwald, die für neue und andere Formen von Kirche neben den bestehenden sprechen, stehen nicht für eine Verdrängung von Anbietern durch Konkurrenz und Wettbewerb, sondern für eine Ausweitung des Angebots durch gleichwertige Partner.

In diesem Sinne lasst uns das Angebot ausweiten und solidarisch zueinander stehen. Oder was denkt ihr?

Wenn Ermutiger Ermutigung brauchen

Wenn mich Menschen fragen, worin ich meine Aufgabe sehe, so lautet eine Antwort „Ich möchte Menschen Mut machen, ihre eigene Form von Kirche zu entdecken und zu gestalten.“ Ich möchte Mut machen, ermutigen. Und nicht nur ich, viele andere auch. Gerade letztes Wochenende sagte eine junge Kollegin mit Blick auf ihre Jugendarbeit zu mir: „Ich sehe mich als Ermutigerin für die Jugendlichen.“ Den Menschen nicht vorgeben, was zu tun ist, sondern sie ermutigen, selbst auszuprobieren, selbst zu gestalten – für mich ist das eine wichtige Grundlage meiner Arbeit.

Doch immer häufiger erlebe ich, dass Ermutigerinnen und Ermutiger selbst mutlos werden. Die, die sie ermutigen wollen, möchten lieber konsumieren, als selbst aktiv zu werden. Projekte kommen nicht ins Laufen. In ihrem Umfeld schlägt ihnen mehr Gegenwind entgegen, als dass sie Unterstützung erfahren. Und manchmal sind es die bürokratischen Zwänge, die jedes zarte Pflänzchen im Keim ersticken. Dann höre ich Sätze wie: „Die Kirche ist noch nicht so weit.“ oder „An den ganzen Widerständen reibe ich mich auf!“…

Auch mir geht es manchmal so. Endlose Diskussionen in einer Sitzung, zigtausend Nein und Aber mit Blick auf ein neues Vorhaben. Dann würde ich am liebsten alles hinschmeißen, mir eine x beliebige Stelle suchen und gut wäre es. Doch es gibt Dinge, die mich davon abhalten, mir wieder Mut schenken. An erster Stelle steht da meine Beziehung zu Gott. Wenn ich sein Wort höre, seine Gegenwart spüre, mit ihm rede, dann spüre ich neuen Mut, neue Motivation. Dann weiß ich, dass sich alle Mühe lohnt.

Daneben gibt es aber noch etwas, das mir hilft – Beziehungen zu und Gemeinschaft mit gleichgesinnten Christen. Wenn es im täglichen Geschäft eng wird, dann habe ich eine Freundin oder einen Freund, der ich texten kann, der für mich und mit mir betet. Um gute Gemeinschaft zu erfahren, habe ich mir Netzwerke gesucht, in denen wir gemeinsam auf dem Weg sind. Churchconvention ist so eines. Und dann muss ich ein- bis zweimal im Jahr zu einem Kongress, einem Großevent, wo ich einfach auf Grund der Teilnehmerzahl schon spüre, dass ich nicht allein unterwegs bin. Mit zehntausend Menschen „Lobet den Herren“ singen tut einfach gut. Dazu gute Themen, Workshops, Gespräche. Das gibt Kraft für mindestens ein halbes Jahr.

Deshalb möchte ich euch Mut machen. Sucht euch eure Unterstützer, die ihr zu jeder Zeit anrufen könnt. Sucht euch eure Netzwerke, die euch gut tun. Fahrt zu Veranstaltungen, die euch spüren lassen, dass ihr nicht alleine unterwegs seid. Vor allem aber hört auf Gottes Wort und Stimme und betet. Kaum etwas gibt soviel Kraft wie das Gespräch mit Gott.

Was gibt euch Mut? In den Kommentaren könnt ihr davon erzählen.

Übrigens: am 23. und 24. Februar bin ich bei der Missionale in Köln – auch so ein mutmachendes Event. Bei Twitter und Facebook werde ich mich von dort melden. Also folgt mir doch auch dort.

Drei Tage zwischen Zukunft und Hoffen

Zukunft. Hoffnung. Kirche – drei Worte, drei Tage Willow Creek Leitungskongress in Dortmund. Ich war dabei und frage mich, was bleibt. Was nehme ich mit? Was bewegt der Kongress in den Menschen und in unserem Land? Denn das ist immer wieder der Anspruch der Veranstalter – die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen ermutigt und zugerüstet werden, um etwas in ihrem Umfeld zu verändern, in Bewegung zu setzen.

So will ich in den folgenden Zeilen nicht berichten, welche Vorträge, welche Inhalte präsentiert wurden (wobei das nicht immer zu vermeiden sein wird), sondern davon schreiben, was ich wahrgenommen und beobachtet, gefühlt und gesehen habe. Natürlich darf dabei nicht fehlen, was ich persönlich mitgenommen habe. Also kommt mit auf die gedankliche Reise zum Willow Creek Leitungskongress 2018. Sie beginnt am Donnerstag. Tausende strömen in die Halle. Mit etwas Verspätung und viel guter Musik beginnt der Kongress. Im Anschluss folgen die ersten Vorträge – Bill Hybels spricht von Resepkt und Höflichkeit, Erin Meyer von der kulturellen Lücke zwischen verschiedenen Ländern, die immer wieder zu Missverständnissen und fehlschlagender Kommunikation führt. Ein wahres Highlight dieses Themenkreises ist Horst Schulze am Freitag, der vom Dienst an den Menschen spricht unter dem Leitwort „Ladies and Gentlemen serve Ladies and Gentlemen“.

Foto: KirchGezeiten

Ehrlich gesagt, mich bewegen diese Worte sehr. Immer wieder leide ich am Umgang der Menschen miteinander und wundere mich, warum ich so komisch angeschaut werde, weil ich der Kassiererin an der Kasse noch einen schönen Tag wünsche. Oft sage ich es auch drastisch: Die Gesellschaft krankt an ihrer Selbstzentriertheit. Da sind diese Vorträge so wohltuend. Der anschließende Applaus lässt mich Hoffnung schöpfen, dass die nicht ganz geringe Zahl der engagierten Christen etwas verändern kann im Umgang miteinander. Doch nur wenige Minuten später wird der Verkäufer am Kaffeestand angemault, weil der Kaffee an seinem Stand ausgegangen ist, auch wenn er darauf hinweist, dass es ihm leid tue, doch an einem Stand weiter noch Kaffee vorhanden sei. Respekt, Höflichkeit im Umgang miteinander – meine Hoffnung schwindet bereits wieder. Am Abend in einem angesagten Szenerestaurant in Bochum darf ich dann als Krönung des Ganzen erleben, wie ein Restaurantfachmann seine Gäste belehrt, welche Vorspeise zu wählen sei, obwohl der Gast bereits eine ausgewählt und zweimal betont hat, dass ihm Spargel nicht schmeckt. Ich spüre, wie Groll in mir aufsteigt. Es muss sich etwas ändern im Umgang miteinander. So hoffe ich, dass die Vorträge nachwirken – und ein wenig scheint es schon begonnen zu haben. Am letzten Tag auf dem Parkplatz fragt mich ein Ordner, wann denn die Veranstaltung zuende sei. Auf meine Auskunft, dass das Programm offiziell bis 12.45 Uhr gehe, runzelt er die Stirn und meint, das sei knapp, denn ab 12 Uhr würden die Fußballfans anreisen und da bräuchten sie jeden Parkplatz. Aber mit den Christen sei das wohl kein Problem. Die seien immer so freundlich. Also lasst uns den Menschen respektvoll und höflich begegnen. Denn ich hoffe noch immer, dass sich etwas ändern kann in unserer Straße, in unserer Stadt, in unserem Land, in der Welt.

Foto: KirchGezeiten

Aber das war nicht alles, was vom Leitungskongress als Reiseerfahrung blieb. Die Reise ging schließlich noch weiter. Es blieb nicht bei einer Tagesfahrt. So war ein zweiter großer Themenkomplex die Zukunft der Kirche. Ob Christian Hennecke, Michael Herbst, Tobias Teichen oder Freimut Haverkamp – sie alle sprachen in der einen oder anderen Weise davon, wohin sich Kirche entwickeln kann und muss, was diesen Weg erschwert und was dennoch möglich ist. In einer Halle mit mehr als zehntausend Menschen, die alle ein Herz für ihre Kirche haben, wirken solche Worte wirklich ermutigend. Wenn so viele Menschen an einer Zukunft der Kirche mitwirken wollen, dann muss das doch was werden. Dabei standen einige Gedanken immer wieder im Raum – der geistliche Aufbruch zum Beispiel. Wenn wir eine missionarische Kirche wollen, die an der missio Dei mitwirkt, dann braucht es einen neuen geistlichen Aufbruch in der Pfarrerschaft, wie Michael Herbst sagt, aber auch in der großen Schar der Christen. Es geht eben nicht darum, Kirche zu verwalten, sondern darum Kirche zu sein, Jüngerinnen und Jünger Jesu zu werden und zu sein, den dreieinigen Gott in den Mittelpunkt zu stellen und nicht irgendwelche Kirchengesetze und Verwaltungsvorschriften. Das hört sich oft leichter an als es in Wirklichkeit ist. Denn ich habe den Eindruck, dass wir dafür erst einmal aus unserer Komfortzone rausmüssen, in der wir uns mit unserem Klagen und Stöhnen über Bürokratie und Arbeitsbelastung eingerichtet haben. Die Komfortzone zu verlassen, heißt zu den Menschen zu gehen und dort zu bleiben. Das wurde auch bei Willow deutlich. Dann geht es um einen Wandel vom Sterben zum Osterglauben und vom Machen und Herrschen zum Dienen und Ermöglichen, wie Christian Hennecke es sagte.  Gerade der Wechsel hin zum Dienen und Ermutigen fällt schwer. Wer möchte schon freiwillig Diener sein? An dieser Stelle schloss sich der Kreis für mich hin zum Vortrag von Horst Schulze. „Ladies and Gentlemen serve Ladies and Gentlemen.“ Niemand ist besser als der andere, aber es ist auch niemand schlechter als der andere.

Foto: KirchGezeiten

Zukunft. Hoffnung. Kirche – drei Worte, drei Tage Leitungskongress. Sie waren wie die Quelle frischen Wassers für mich. Ich konnte drei Tage auftanken, um zuhause wieder loszugehen, nach den Orten zu suchen, wo Gott schon aktiv ist, an seiner Mission mitzuwirken. Sie haben mich inspiriert, den Weg des Dienens und Ermutigens weiterzugehen, auch wenn ich manches Mal am Verhalten anderer Menschen leide. Ich habe den Aufruf Gottes gespürt, es anders zu machen. Respekt und Höflichkeit – zwei Gedanken, die mich seit diesen Tagen noch mehr bewegen als sie es zuvor schon taten. Und ich habe den Wunsch und das Verlangen, diese Erfahrungen, die ich in Dortmund machen durfte, an andere weiterzugeben. In diesem Jahr waren wir zu zweit beim Leitungskongress. In zwei Jahren möchte ich mindestens zwei weitere Personen aus meiner Arbeit mitnehmen. Bis dahin ist meine Herausforderung zu dienen und zu ermutigen. Jetzt aber sage ich „Danke, Willow, für diese mutmachenden, inspirierenden Tage!“

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 2

In den letzten Wochen blieb mein Pioniertagebuch geschlossen – Vieles andere lag an und war im Kalenderablauf wichtiger. Doch in diesen Tagen habe ich es wieder aufgeschlagen. Zur Pionier-Weiterbildung gehören zwischen den Präsenzphasen immer auch Online-Einheiten zum Nacharbeiten, Selbststudium, Vorbereiten des nächsten Treffens. Da sich Ende des Monats die (angehenden) Pionierinnen und Pioniere das nächste Mal im Reallife treffen, war es für mich Zeit, mich näher mit den Onlinematerialien zu befassen.

Besonders die Einheit zum Selbststudium hat es mir angetan. Zahlreiche Aufsätze und Buchauszüge drehten sich um die Wahrnehmung des Kontextes oder des Missionsfeldes. Wie ist es abgegrenzt, wie ist es zu erfassen? Unterschiedlichste Methoden von der Erstellung von Landkarten bis hin zu Gebetsspaziergängen wurden vorgestellt. Das Hören auf die Menschen bekam Bedeutung und daneben das Hören auf Gott. Wo ist er in diesem Kontext längst am Werk? Wo will er, dass ich an seinem Wirken mitwirke? Habe ich das schon vernommen oder laufe ich auf der falschen Fährte? Daneben die Frage, was wichtiger ist, auf Gott zu hören oder auf die Menschen? Was kommt zuerst oder geht das eine nur mit dem anderen?

Das Nachdenken über all diese Fragen hat mich bisher nicht zu Antworten geführt. Eigentlich bringt es sogar jeden Tag neue Fragen hervor. In dieses ganze Nachdenken hinein kam es zu einer Begebenheit, die mich noch weniger loslässt:

Meine Kinder haben Weihnachten Playmobil für sich entdeckt – ein großer roter Trecker und ein Prinzessinnenschloss sei dank! Entsprechend werden zur Zeit in allen Spielzeuggeschäften und Katalogen die potentiellen nächsten Geschenke dieser Marke ausgesucht. Da passte es gut, dass Mama zu Weihnachten die entsprechende Krippe geschenkt bekommen hatte und auch schon die Kirche besitzt. So langsam füllt sich unsere Sammlung. Sie droht zu einer eigenen Stadt zu werden. Vor einigen Tagen standen wir mal wieder mit der gesamten Familie vor einem dieser besagten Regale. Zahlreiche Wünsche wurden geäußert. Es wurde gefachsimpelt, was man wie zusammenbauen könnte, was wo anzubauen wäre oder zu welchem bereits vorhandenen Bauwerk passt. Da fiel mein Blick auf einen weiteren Karton und in mir regte sich etwas. Diesen Karton würde ich neben Krippe und Kirche gerne mein Eigen nennen, auch wenn ich nur wenig damit spiele – nicht für die Kinder, nur für mich – zum Anschauen und Träumen. Es ist das Café Cupcake. Freunde und Verwandte wissen längst, dass ich davon träume, irgendwann einmal ein eigenes Café zu eröffnen. Ehrlich gesagt, ich vermute, dass einige auch schon ziemlich angenervt sind von meinem Träumen.

Foto: KirchGezeiten

 

Aber es war nicht nur das, was mich in diesem Moment anregte. Als wir in der ersten Präsenzphase unseren Traum von Kirche darstellen sollten, baute ich ihn mit genau diesem Karton. Dieses Café, das entsprechend den Produkten dieser Marke zwar recht real, aber dennoch ziemlich bunt ist, hat für mich viel mit meinem Traum zu tun. Es steht für mich für eine Orientierung am realen Leben, das dennoch oder gerade deshalb bunt und farbenfroh ist. Hier gehen Menschen verschiedenster Alltagsstufen ein und aus. Hier treffen sich die jungen Leute zum Kaffeetrendgetränk, die Familie kommt mit den Kindern zum Frühstück, die Laufgruppe trinkt noch ein Wasser nach der wöchentlichen Runde, die Großeltern spendieren ihrem Enkel einen Kakao und ein Stück Kuchen. Und ein paar Tische weiter sitzt jeden Morgen der gleiche ältere einsame Mann mit seinem Kaffee, dem belegten Brötchen und der Tageszeitung. Eben kommt noch ein Schüler rein, zählt sein Geld ab und überlegt, ob es wohl für etwas Süßes reicht. Und letzte Woche hatten an einem Tisch drei Geschäftsleute große Baupläne für ein neues Mehrfamilienhaus ausgebreitet und besprachen die gewünschten Änderungen. Ach, die Filmleute will ich nicht vergessen, die mittels Stadtplan mögliche Filmsets für ihren nächsten Film besprachen. Ja, das alles habe ich schon in ein- und demselben Café erlebt. Früher oder später kennen dann die Angestellten die Vorlieben ihrer Gäste und das ältere Ehepaar muss nicht mehr sagen, dass es ein halbes Brötchen mit Marmelade und ein halbes mit Käse zum mittleren Kaffee bekommt. Diese beiden sind es auch, die das Bücherregal pflegen und dafür sorgen, dass immer mal was Neues dabei ist. Für die Spielecke haben sie auch schon mal ein neues Bilderbuch mitgebracht.

Café ist für mich aber noch mehr. Es bietet Raum und Zeit, um Pause zu machen, um es sich bei einem Getränk und etwas zu Essen gut gehen zu lassen, die Gedanken zu ordnen, Freunde zu treffen und neue Menschen kennenzulernen. Hier kann ich spüren, welches Leben in der Umgebung des Cafés gelebt wird, erlebe Menschen so wie sie sind. Ich finde, Cafés haben eine eigene Atmosphäre, egal ob es ein Traditionscafé mit Silberbesteck und Monogramm im Geschirr ist oder der kleine Szene-Coffeeshop. So richtig zum Café wird das Café dann für mich, wenn man z.B. Café schenken kann, d.h. für andere, die ihn sich nicht leisten können, den Kaffee einfach mitbezahlen kann. Dann hängen irgendwo Kaffeegutscheine, an denen man sich unbemerkt bedienen kann, um in den Genuss des heißen Getränks zu kommen. Das geht natürlich nicht nur mit Kaffee, sondern auch mit all den anderen Köstlichkeiten aus dem Angebot. Hier ist jeder willkommen. Hier kann gelacht, erzählt, auch gestritten und geweint werden. Wer häufiger in dies Café kommt wird merken, dass es kleine Gemeinschaften in diesem Café gibt, die immer zur gleichen Zeit kommen, meist sogar an immer demselben Tisch sitzen. Doch sie sind nicht fest voneinander abgegrenzt, dienen einander, wenn irgendwo der Zucker, die Milch oder auch ein Stuhl fehlt. Sie alle zusammen sind die Gemeinschaft der Café-Besucher.

Ich gebe zu, das klingt alles ein wenig idealistisch – was es wohl auch ist. Aber sprechen wir nicht auch so von unserem Traum von Kirche? Dabei ist das, was uns dann als Café in der Realität begegnet und wo wir immer wieder gerne hingehen, doch auch recht gut. Das gilt übrigens auch für die Kirche. Wer sich dann im Traditionscafé nicht so wohl fühlt, der geht einfach ein paar Straßen weiter und findet dort vielleicht das kleine Café im Stil der 60er und 70er Jahre oder den modernen Coffeeshop oder das Landfrauencafé. Das Gute an der Idee des Cafés ist, dass jeder weiß, was es ist und es doch kaum zählbare verschiedene Cafés gibt. Für jeden ist etwas dabei – okay, daran arbeiten wir bei Kirche noch etwas.

Vielleicht träume ich gerade deshalb von einem eigenen Café, weil es für mich soviel von Kirche spiegelt. Genauso träume ich einen Traum von Kirche, an dem ich mitbauen möchte. Um das eine mit dem anderen zu verbinden, werde ich auch weiterhin in „mein“ Café gehen und dort auf die Menschen, den Kontext und Gott hören. Das geht übrigens auch hervorragend bei einem Kaffee oder Chai latte, allein oder gemeinsam. Vielleicht treffen wir uns dann ja mal in einem Café und hören und träumen von „unserer“ Kirche.

Bis dahin freue ich mich, von euch zu hören, was eure Träume von Kirche sind. Hinterlasst sie einfach in den Kommentaren.

Ein Jahr Aufbruch 

In diesen Stunden geht es zuende: mein erstes Jahr im Aufbruch – ein Jahr wandern und wundern, ein Jahr voller Höhen und Tiefen. Ich frage mich, was hat es gebracht, mir und den anderen? Oder ist alles noch so wie vor einem Jahr?

Ich will nicht die zahlreichen Veranstaltungen aufzählen, auf denen ich war oder die verschiedenen Wege, die ich durch meine Stadtteile gegangen bin. Die Liste wäre lang, aber Veränderung bemisst sich daran nicht. Eher will ich davon berichten, was meine Eindrücke, meine Gedanken zum Thema Kirche und Glauben nach diesem Jahr sind. 

Dabei muss ich aber doch bei den Begegnungen anfangen, denn allein auf Grund meiner Stellenbeschreibung sehen viele, denen ich begegne, in mir die, die jetzt alles anders macht, Traditionen bricht, kurz gesagt: das enfant terrible. Einige haben wohl auch Angst, dass ich ihre althergebrachten Ordnungen über den Haufen werfen oder es irgendwie so modern mache, dass die jungen Leute aus ihren Gemeinden lieber zu mir kommen. Ehrlich gesagt, mittlerweile spiele ich manchmal auch mit diesem Image. Denn manchmal nerven mich diese Vorannahmen. Genauso gerne, wie ich im Stadtteil auf der grünen Wiese Brot und Butter teile, feiere ich nämlich klassische Gottesdienste in alten Kirchen. 

Eine Veränderung habe ich aber bei allen gespürt, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin. Wir haben geredet – über Kirche und Glaube, über Formen und Traditionen, über Gottesdienst und Seelsorge. Dann war es egal, ob man in der Kirche ist oder nicht, ob frau ehrenamtlich engagiert ist oder sich weit vom Herrn entfernt sieht. Bei allen spürte ich eine Sehnsucht, dass etwas geschehen solle, dass man Glauben und Kirche doch nicht einfach so aufgeben dürfe. Die Beweggründe der einzelnen Gesprächspartner waren dabei ganz unterschiedlich. Die einen waren überzeugte „Papa-Kinder“, die anderen sahen die soziale Arbeit der Kirche als unabdingbar an, hatten aber selbst nicht viel mit Gott am Hut. Auf einen Bericht über meine Arbeit im Fernsehen hin meldeten sich fremde Menschen bei mir, weil sie sich freuten, dass etwas geschieht. Kirche und Glaube sind für die Menschen, denen ich begegnete, nicht bedeutungslos. Der Wunsch danach, dass etwas geschieht, ist da und er ist groß. Sie alle wollten darüber reden, über neue Wege nachdenken. Nicht einfach aufgeben. 

So nehme ich in den letzten Wochen vermehrt wahr, dass Kirche im Gespräch ist, dass sie aus dem Bewusstsein der Menschen noch nicht ganz verschwunden ist. Es gibt noch Redebedarf und ich begreife, dass dies die Chance ist, die es zu ergreifen gilt. Das gilt nicht nur mit Blick auf die Existenz der Kirche als Institution, das gilt für mich besonders mit Blick auf den christlichen Glauben in seiner gesellschaftlichen Auswirkung.

In einer Gesellschaft, in der Individualität und Unabhängigkeit von großer Bedeutung sind, in der jede und jeder seine eigene Lebensform sucht und sich doch nach Gemeinschaft sehnt, braucht es dennoch Werte, an denen man sich orientieren kann. Und es braucht höchst unterschiedliche Formen von Gemeinde und Glaube – von der traditionellen Gemeinde bis hin zum gemeinschaftlichen Leben in der Platte.  Die Zeit der best praxis – Arbeit ist dabei größtenteils vorbei. Den Koffer mit dem erprobtem Handwerkszeug können wir getrost in die Ecke stellen, denn an jedem Ort gilt es Neues auszuprobieren. Das merke ich schon in meinen beiden Stadtteilen und die liegen nur fünf Kilometer voneinander entfernt. Es gibt kein richtig und kein falsch. Alles will ausprobiert werden, eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Aber genau das macht es so spannend.

Mein erstes Jahr Aufbruch geht zuende und geht morgen auch gleich weiter. Jeder Tag ist ein neuer Aufbruch, bedeutet Wandern und Wundern in den Straßen und Häusern meiner Stadt. Seitdem ich aufgebrochen bin, nehme ich vieles um mich herum viel bewusster wahr. Mein Dienst lehrt mich immer wieder neu zu fragen, was will Gott hier oder dort tun oder tut es schon längst? Wie kommt sein Evangelium im Alltag zum Klingen? Seit ich aufgebrochen bin, erlebe ich meine Arbeit intensiver, tiefer als je zuvor. Seither bekommt die Theologie jeden Tag neue Bedeutung. Das ist wohl die größte Veränderung bei mir, vielleicht auch bei den anderen. Und es ist ein unglaublich großes Geschenk, dies erleben zu dürfen. 

Ich wünsche es jedem, dass er oder sie diesen Aufbruch erleben kann, denn er bereichert ungemein. So wünsche ich euch allen ein gesegnetes neues Jahr voller Aufbrüche, voller Wandern und Wundern. 

Darf oder muss Kirche sich einmischen?

Seit einigen Tagen bewegt eine Frage die sozialen Medien: darf eine Weihnachtspredigt politisch sein – oder muss sie es vielleicht sogar? Ein Tweet des Journalisten Ulf Poschardt bezüglich der Predigt in einer Berliner Christmette löste die Diskussion aus. Zahlreiche Menschen antworteten auf unterschiedlichste Weise bis hin zu Politikern und dem Ratsvorsitzenden der EKD. Damit ist die alte Frage wieder aufgeworfen: Darf oder muss sich die Kirche in politische Fragen einmischen? Darf oder muss Kirche politisch aktiv sein?

Über diese Frage ist mit Recht nachzudenken. Doch sei zunächst noch genannt das eben jener Journalist, der zugleich Chefredakteur der Zeitung „Die Welt“ ist, heute in einem Kommentar auf der online-Präsenz des Blattes noch einmal klarstellt, dass er die Kirche durchaus für sinnvoll hält, doch eher mit Blick auf Gottesdienst und Seelsorge. Neben der Glaubensvermittlung soll Kirche vor allem soziale Instanz und Ort der Begegnung sein. Doch genau hier regt sich mein Widerstand. Denn eine soziale Instanz im Sinne des Evangeliums ist mehr als ein Ort der Begegnung, ist mehr als die Essensausgabe in der Tafel oder die Wohneinrichtung für Alte und Behinderte. Es geht nicht nur um ihre Versorgung, sondern auch um ihre Rechte und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Jesus war es, der sich mit den Gelehrten und Hohepriestern auseinandersetzte, um die Ehebrecherin zu schützen. Seine Reden und Predigten äußerten sich auch zu gängigen Lebens- und Rechtsauffassungen. Er selbst beschränkte sich nicht darauf, die Kranken zu heilen oder mit den Aussätzigen zu essen. Dass er mit der Samaritanerin sprach, ihre Bitte sogar erhörte, war ein Affront gegen geltende Regeln.

Entsprechend muss Kirche auch heute noch mehr als Glaubensvermittlung und Ort der Begegnung sein. Kirche als soziale Instanz, die das Evangelium ernst nimmt, setzt sich für die Rechte derer ein, um die sie sich sorgt. Dabei ist es nicht entscheidend, ob es Menschen mit Behinderung, Sterbende oder Menschen ohne Heimat sind. Denn in vielen dieser Bereiche gibt es noch immer deutlichen Verbesserungsbedarf. Wer sich hier einsetzt, betritt früher oder später politischen Boden. Das lässt sich meines Erachtens kaum vermeiden.

Das bedeutet aber auch, dass man auf der Grundlage der christlichen Werte, die oft so hoch bewertet werden, oder besser in der Nachfolge des Evangeliums nicht jede Politik gutheißen kann, wenn sie menschenverachtend ist, nationalistisch, rassistisch oder anderweitig ethisch zweifelhaft. Dort einfach zuzuschauen, nichts dagegen zu sagen, hieße, sie zu dulden. Das aber kann nicht im Sinne des Schöpfers sein, weil es sich gegen seine Schöpfung richtet.

Deshalb muss Kirche sich einmischen und das tut sie nun einmal in Form von Personen. Es sind Pastorinnen oder Pastoren, die predigen, oder Sprecherinnen und Sprecher, die öffentlich reden. Ohne diese Äußerungen würde eine Instanz in Politik und der Gesellschaft fehlen, die auch mal ein kritisches Fragezeichen an gängige Entwicklungen setzt, die den Blick auf weniger Gutes richtet oder andere Werte ins Spiel bringt. Die dann immer wieder ins Spiel gebrachten Drohungen mit den Kirchenaustritten sehe ich an dieser Stelle tatsächlich gelassen. Wenn jemand aus der Kirche austritt, weil ein Bischof sich über die Politik eines amerikanischen Präsidenten geäußert hat oder ein Pfarrer sich kritisch zur Massentierhaltung geäußert hat, dann war es mit dem Bezug zum christlichen Glauben vielleicht vorher schon nicht so gut bestellt. Eine Kirche, die zu allem, was politisch sein könnte, schweigt oder sich allem anbiedert, damit ja niemand austritt, verschwindet früher oder später in der Bedeutungslosigkeit.

Das Christentum ist seit jeher hochpolitisch, indem es Partei nimmt für die Schwachen, Benachteiligten, Armen und Entrechteten. Kirche ist entsprechend mehr als eine soziale Instanz und Ort der Begegnung. Das möchte ich Ulf Poschardt entgegensetzen. In einem aber folge ich ihm. Sein ursprünglicher Tweet lautete: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“. Wenn Predigten den Eindruck eines Parteiprogramms erwecken bzw. von Parteiveranstaltungen nicht mehr zu unterscheiden sind, dann würde ich auch nicht in eine solche Christmette gehen. Dann wäre das Evangelium wohl nicht adäquat zur Sprache gekommen. Dieser Unterschied allerdings ist für mich entscheidend. Doch ich bezweifle, dass in den Christmetten dieser Tage Parteiprogramme und nicht die Geburt des Kindes für jeden einzelnen von uns gepredigt wurden.

Zwischen Geist und Geistern…

… Gedanken am Ende eines langen Wochenendes:

In diesen Minuten geht das historische Reformationswochenende zuende. Im Fernsehen läuft noch das Pop-Oratorium Luther. Ich hänge mit meinen Gedanken bei dem, was mir an diesem so historischen Wochenende begegnet ist. Zwischen Geist und Geistern habe ich mich bewegt und mich gefragt, ob sie vielleicht doch zusammengehören, auch wenn das allerorts vehement bestritten wird.

Nach zehn Jahren Vorbereitung feierten heute Gemeinden im ganzen Land Gottesdienste anlässlich des Reformationsjubiläums. Zu allen Tageszeiten öffneten sich Kirchentüren, um in kleinen und großen Feiern die Botschaft der Reformation neu erklingen zu lassen. Von vielen Freunden und Bekannten im kirchlichen Dienst bekam ich über den Tag verteilt Nachrichten, dass die Kirchen gut gefüllt gewesen seien. Mancherorts mussten die Menschen sogar stehen, oder die Türen wegen Überfüllung wieder geschlossen werden. Auch ich war in einem solchen Gottesdienst, in dem schnell noch Stühle in die Kirche getragen wurden und dennoch viele standen. Allen Unkenrufen zum trotz, alle Abgesänge angesichts unsicherer Zahlen beim Kirchentag widerlegend sind heute viele in die Kirchen gekommen, um von der Reformation zu hören, in deren Zentrum diese Gedanken von der Befreiung aus allen Zwängen durch Jesus Christus stehen. Was führte die Menschen hierher? Das Gefühl, einer Tradition verbunden zu sein? Das Bedürfnis, bei diesem einmaligen Feiertag doch irgendwie dabei zu sein? Vielleicht auch die Sehnsucht nach einer wegweisenden Botschaft, wie Luther sie einst hatte? Oder vielleicht auch nur ein besonders gestalteter Gottesdienst?

Dort wo ich war, wurde zum Beispiel eine Kantate aufgeführt, die wahrscheinlich die letzten zweihundertfünfzig Jahre nicht zu hören war, da die Noten in einer alten Bibliothek verschollen waren und erst vor wenigen Jahren wieder an die Öffentlichkeit gerieten. So wurde heute vom Geist gesungen, der allein dazu verhilft Gott zu finden. Vom besten Segen, der der Geist Gottes ist war die Rede und davon, dass Vernunft und Weisheit nicht ausreichen, um Gott zu finden. Denn durch unser Tun und Wissen können wir vor Gott nie bestehen, denn irgendwo wissen wir immer noch nicht alles oder haben auch nicht alles getan. Doch zugleich sind wir genau so mit unserem Tun und Wissen vor Gott gut genug, weil der Segen aus einer ganz anderen Richtung kommt als aus unseren eigenen Erfolgen. Der Geist Gottes ist wirklich der beste Segen!

In vollen Kirchen haben viele heute diese Botschaft hoffentlich gehört und hören wollen. Die Forderung nach einem regelmäßigen Feiertag „Reformationstag“ scheint berechtigt. Der Tag gehört zur Geschichte unseres Landes, hat unsere Kultur und Tradition geprägt.

Am Samstag auf dem Spielplatz habe ich noch anderes gehört. An der Kinderschaukel komme ich mit einer anderen Mutter ins Gespräch. Sie fragt die Kinder nach ihren Halloween-Kostümen und fährt fort, dass sie es schön findet, dass Halloween in diesem Jahr ein Feiertag ist. Das könnte ruhig jedes Jahr so sein. Die Regierung sei da ja am überlegen. Obwohl da ja eigentlich irgendetwas anderes gefeiert würde. Da war wohl irgendwas mit einem Buch und einem Jubiläum. Aber so hätten die Kinder Halloween wenigstens frei und könnten feiern. Ich überlege noch, ob ich ihr erklären soll, was der Reformationstag eigentlich bedeutet. Doch da erzählt sie schon voller Begeisterung von den Kostümen ihrer Kinder und den Vorbereitungen für die abendliche Party.

Diese Begegnung lässt mich nicht los – vielleicht, weil meine Kinder mich später nach Halloween fragen und heute fasziniert die kostümierten Kinder auf der Straße betrachten. Vielleicht aber auch, weil ich mich frage, was die Menschen an diesem „Fest“ so anzieht? Denn eins gilt auch für dieses Anlass: erklären, woher der Halloween-Brauch kommt, können die wenigsten. Auf die Frage, was dort gefeiert wird, erhält man ähnlich vage Antworten wie auf die Frage nach der Bedeutung von Pfingsten. Was also motiviert jedes Jahr mehr Menschen, die Wohnungen und Häuser für einen Abend mit Kürbissen, Spinnennetzen und Geisterdarstellungen auszustatten und zu dekorieren? Ist es die pure Lust an der Verkleidung, der Hunger der Kinder nach Süßigkeiten? Steigt die Freude an diesem Tag stetig, weil Prominente in Amerika es uns vorleben oder weil man eine Gelegenheit braucht, um hinter Masken unerkannt hemmungslos feiern zu können? Wäre ein regemäßig freier Reformationstag da nicht eher Wasser auf die Mühlen des Halloween-Hypes?

Warum aber dominieren ausgerechnet Maskeraden rund um Hexen, Geister, Zombies und andere Gestalten aus der Welt des Bösen und des Todes diesen Tag? Sicher, die Tradition des Vorabends von Allerheiligen gibt dies irgendwie vor, doch davon haben die wenigstens, die hier feiern, eine Ahnung. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr habe ich den Eindruck, dass, auch wenn vielen die Herkunft von Halloween unbekannt ist, sie dennoch in den länger werdenden Nächten der trüben Jahreszeit eine Ahnung von der Endlichkeit ihres eigenen Lebens haben, von der eigenen Verstrickung in die Mächte und Gewalten dieser Welt, von der eigenen Ohnmacht angesichts von Hass und Gewalt oder von den Geistern, die sie selbst durch ihr Tun riefen. Ihnen einmal im Jahr hinter der Verkleidung schamlos ins Gesicht lachen, sie für kurze Zeit aus dem eigenen Leben vertreiben zu können mit allerlei Süßem und Saurem, mit Lachen und Schabernack, kann zumindest für kurze Zeit befreiend wirken. So frage ich mich, ob hinter dem immer größer werdenden Halloween-Kult unserer Tage nicht eine Sehnsucht nach Befreiung aus den Zwängen des Scheiterns, des nicht genug Seins, des endlichen Lebens steht. Die Antwort darauf hat uns Martin Luther vor fünfhundert Jahren noch einmal deutlich vor Augen gestellt. Vielleicht haben gerade deshalb am 31. Oktober Halloween und Reformationstag ihre Berechtigung – Sehnsucht und Antwort. 

Dann aber bleibt eine Frage für mich noch unbeantwortet: waren zehn Jahre Vorbereitung und ein Jahr Feiern hilfreich, Sehnsucht und Antwort einander näher zu bringen? Sprich: was machen wir, wenn morgen, am 1. November, das Reformationsjubiläum zuende ist? Packen wir alles in eine Schublade und machen dort weiter, wo wir vor dem Jubiläum standen? Haben wir gefeiert, um eben zu feiern? Oder war es mehr? War das Jubiläumsjahr ein Schritt auf dem Weg, der Sehnsucht und Antwort zusammenbringt? Haben Menschen außerhalb des innerkirchlichen Zirkels etwas von der Befreiung durch Jesus Christus erfahren, um ihre Sehnsucht zu stillen? Haben Kirchen sich weiter reformiert, um zu den Menschen zu gehen? Haben Christen gelernt, den Menschen aufs Maul zu schauen, ihnen zuzuhören und in ihrer Sprache zu sprechen? Wenn ja, dann sollte der Reformationstag wirklich ein regelmäßiger Feiertag werden, damit wir jedes Jahr damit weitermachen.

Die Antwort auf diese Frage steht noch aus. Vielleicht bekommen wir im Laufe der nächsten Monate, des nächsten Jahres eine Antwort darauf. Oder wie ist euer Resümee zum Reformationsjahr?