Schlagwort: Jesus

Warum tust du dir das an?

Warum ich auf den Spielplatz gehe, werde ich gefragt. Warum setzt du dich in ein Café und wartest, ob einer zu dir kommt? Was machst Du, wenn keiner kommt, wenn die Menschen über dich tuscheln, weil keiner kommt? Warum tust du dir das an?

Diese Fragen sind tatsächlich gar nicht so selten. Immer wieder werde ich von Menschen, seien es Kollegen oder Kirchenmitglieder, gefragt, warum ich so etwas tue? Und ob ich meine Zeit nicht besser an anderer Stelle investieren oder sie sinnvoller nutzen könnte? Lange Zeit habe ich versucht, argumentativ zu antworten, habe von Präsenz unter den Menschen gesprochen, von Jesu Weg auf der Straße, in die Synagogen. Das hat meinem Gegenüber dann mal mehr, mal weniger eingeleuchtet. Oft endeten diese Gespräche aber auch mit Aussagen wie „ich würde so etwas nicht machen!“.

Mittlerweile erzähle ich von den Erfahrungen und Beobachtungen, die ich an diesen Tagen mache. Ich erzähle davon, wie sehr ich „meine“ Stadtteile und die Menschen dort dadurch kennenlerne. Ich erzähle von dem anderen Blick auf das Leben vor Ort, den ich gewinne. Und ich erzähle davon, wie sehr diese Begegnungen mich und mein Leben, meinen Glauben, meinen Dienst bereichern. Natürlich sind das alles subjektive Erfahrungen und Wahrnehmungen. Aber können wir andere als subjektive Beobachtungen überhaupt machen? Das fängt zum Beispiel damit an, dass ich den Eindruck habe, dass mir die oben genannten Fragen nie von Menschen gestellt werden, die mit Kirche wenig Verbindung haben, die vielleicht noch nicht einmal an einen Gott glauben. Oft höre ich von ihnen, dass sie es toll finden, mal jemanden von der Kirche einfach so zu treffen. Manchmal bleibt es bei dem Satz „Ich finde es gut, dass sie hier sitzen.“ Manchmal entstehen lange Gespräche daraus – die werdenden Eltern, die überlegen, ob sie ihr Kind taufen lassen sollen. Ihre Eltern würden sagen, dass das doch dazu gehört. Aber sie hätten Schwierigkeiten mit diesem Gedanken. Immer wieder kommen auch Menschen zu mir, die etwas wegen einer unserer Veranstaltungen wissen wollen. Sie haben eines der Plakate oder eine der Postkarten gesehen und fragen, ob das meine Angebote seien. Wenn sie ein Gesicht dazu kennen, dann trauen sie sich eher, auch zu kommen. Oder es kommt eine Aussage wie „Ich wusste ja, dass du donnerstags hier sitzt. Da muss ich keinen Termin machen, sondern kann einfach so vorbei kommen.“

Meistens, besonders auf dem Spielplatz, fangen die Gespräche ganz belanglos an – beim gemeinsamen Spiel der Kinder, der Frage nach dem besten Kindergarten oder der Wahl der Schule. Oder wir erzählen uns vom Wochenende, von den Urlaubsplänen. Menschen, die sich vorher vielleicht höchstens mal auf der Straße gesehen haben, kommen ins Gespräch miteinander, weil sich alles um den Bollerwagen mit dem Kaffee und dem Kuchen sammelt. Dann lachen wir gemeinsam oder machen Pläne, wie der Stadtteil mal werden soll. Manchmal teilen wir auch Sorgen miteinander. Und dann ist da diese besondere Gemeinschaft zu spüren, die sich hier um den Bollerwagen und die Beachflag bildet, in der jeder willkommen ist, in der jeder zu Wort kommt. Dann sprechen wir auch darüber, was uns Halt gibt, was uns hilft, wenn wir uns um die Kinder oder die Familie sorgen. Auch wenn viele in dieser kleinen Gemeinschaft es vielleicht nicht so benennen würden, aber ich spüre, dass Gott dann mit uns im Kreis steht, vielleicht auch mit der Kaffeetasse in der Hand, immer ein Auge bei den Kindern. Ich fühle mich in diesen Momenten unglaublich bereichert in meinem Leben, in meinem Glauben, in meinem Dienst. Genau deshalb tue ich mir das an.

Natürlich gibt es auch die Stunden, in denen ich alleine sitze, auf dem Spielplatz oder im Café. Dann halte ich mich auch mal an meiner Tasse fest und beobachte die Menschen um mich herum. Da sitzt die Familie, die am Beginn der Ferien sich ein besonderes Frühstück im Café gönnt, oder der Lauftreff der Damen, die sich nach dem gemeinsamen Laufen noch einen Cappuccino gönnen. Einmal saßen da auch Menschen vom Film, die über Stadtpläne gebeugt über neue mögliche Drehorte diskutierten. In diesen Stunden lerne ich unglaublich viel über das Leben der Menschen im Stadtteil, verstehe manches, was mir begegnet, besser. Nicht eine Minute dieser Zeit ist vergebens. Und noch nie hat jemand darüber getuschelt. Ganz im Gegenteil – oft wünschen mir die Angestellten im Café oder die Nachbarn im Stadtteil, dass möglichst viele Menschen kommen, denn sie möchten, dass dieses Angebot noch lange bestehen bleibt.

Warum tust du dir das an? Wie oft mir diese Frage schon gestellt wurde, habe ich nicht gezählt. Aber ich mache jedem Mut, es selbst mal auszuprobieren. Es bereichert das Leben!

Das Kreuz mit dem Kreuz!

Das Kreuz sei ein klares Bekenntnis zur bayrischen Identität und zu den christlichen Werten. So schrieb es Markus Söder gestern bei Facebook, nachdem das Kabinett beschlossen hatte, dass ab 1. Juni in jeder staatlichen Behörde ein Kreuz hängen muss. Schnell verbreiteten sich seine Worte in den Sozialen Medien und Empörung machte sich breit. Ganz ehrlich, mein erster Gedanke bei dieser Meldung war: Wenn Herr Söder ein Bekenntnis zur bayrischen Identität wünscht, dann sollte das eher in Form von Lederhosen, Weißwurst und Bier geschehen, zumindest wenn man diversen Klischees folgt. Aber die lassen sich einfach so schlecht aufhängen. Gleichzeitig fragte ich mich, ob es bis zum 1. Juni noch eine Ausführungsbestimmung geben wird, wie diese Kreuze wohl auszusehen haben, mit dem Corpus Christi oder ohne, in Holz, Metall oder eher barock?

Aber natürlich habe ich mir noch mehr Gedanken dazu gemacht. Ich war erstaunt, wie schnell sich Protest besonders von zwei Seiten regte. Zum einen von denen, die die strikte Trennung von Staat und Kirche fordern und entsprechend keine Kreuze oder andere religiöse Symbole in öffentlichen Gebäuden sehen wollen. Zum anderen von Christen, die ihr Glaubenssymbol durch das gesetzmäßige Aufhängen von Kreuzen in staatlichen Behörden missbraucht sehen. Diese Diskussionen möchte ich gar nicht weiter befeuern, denn ich habe nicht den Eindruck, dass dies weiterführen würde. So will ich einfach meine Sicht der Dinge schildern, denn für mich steht da noch ein ganz anderer Aspekt im Hintergrund.

Vorweg: auch ich halte das Kreuz in den staatlichen Behörden für nicht angebracht. Wer es nutzt, sollte wissen für was es steht. Genau da aber liegt für mich das Problem. Seit vielen Monaten schon hört und liest man immer wieder davon, dass die christlichen Werte wieder hochgehalten werden müssten, dass sie gegen Angriffe von außen verteidigt werden müssten. Der Islam ist da schnell zum Feindbild geworden. Doch liegt das eigentliche Problem nicht beim Islam. Es liegt in unserer eigenen Gesellschaft. Die Rede von den christlichen Werten ist zu einem Reden in Floskeln geworden, denn wer weiß eigentlich wirklich noch, was sich dahinter verbirgt? Fragt man Menschen, was sie damit meinen (und das habe ich mehrfach getan), dann kommen da Aussagen wir Höflichkeit, Respekt den anderen gegenüber, Wertschätzung… Aber diese Werte finden sich auch in anderen Religionen oder Wertvorstellungen. Sie sind nicht spezifisch christlich. Wer die christlichen Werte einfordert, sollte es daher nicht bei Floskeln belassen, sondern sie auch mit Inhalt füllen. Das ist die eigentliche Herausforderung. Um das zu tun, braucht es ein gewisses Grundwissen in Sachen Religion, auch eine Teilnahme und ein Leben des Glaubens wären wünschenswert. Doch fragt man Menschen, was sie denn über den christlichen Glauben wissen, z.B. über den Hintergrund der Feiertage, dann bleibt es oft bei vagen Äußerungen, oder es zeigt sich ein deutliches Nichtwissen. Übrigens: genau diese Fragen stelle ich im Zuge meiner Pionierweiterbildung gerade Menschen auf der Straße. Deshalb ist es schwierig, in unseren Tagen von den christlichen Werten zu sprechen, wenn es nicht bei Floskeln bleiben soll. Denn Floskeln braucht kein Mensch.

Das Kreuz als Bekenntnis zu den christlichen Werten in staatlichen Behörden halte ich aber auch noch aus einem anderen Grund für ziemlich schwierig. Es stellt sich mir nämlich die Frage, ob es überhaupt ein solches Zeichen braucht, oder ob Jesus Christus es so gewollt hätte. Auch ich trage ein kleines Kreuz an einer Kette um den Hals, habe in meinem Arbeitszimmer und an anderen Orten im Haus ein Kreuz stehen. Doch trage ich es nicht, um zu zeigen, dass ich Christin bin. Ich bin mir sicher, dass ich es dafür nicht brauche. Genauso sicher bin ich mir, dass Jesus es zu diesem Zweck auch nicht wollte. Es hat einen anderen Sinn für mich. Oft erwische ich mich, wie ich in schwierigen Situationen, in Momenten des Zweifels oder der Fragen, mal eben das Kreuz an meinem Hals berühre. Oder ich suche mit den Augen das Kreuz in meinem Arbeitszimmer. Dieses Anfassen, dieser Anblick schenken mit Zuversicht, Hoffnung für das, was vor mir liegt. Es erinnert mich einfach daran, welch großes Geschenk mir Gott in Christus gemacht hat. Doch es braucht dieses Zeichen nicht aus Demonstrationszwecken irgendeiner Identität oder irgendwelcher Werte. Es wäre ein Armutszeugnis unseres Glaubens, wären wir nur an einem solchen Symbol erkennbar. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ sagt Jesus in Matthäus 7,16. Was das heißt, führt Johannes in seinem ersten Brief aus: Und hieran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben; wenn wir seine Gebote halten.  Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in dem ist nicht die Wahrheit.  Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet. Hieran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist. (1. Johannes 2,3-6) Ich bin mir sicher, wären wir an unseren Früchten erkennbar, müssten wir nicht über das Kreuz als Bekenntnis zu den christlichen Werten diskutieren. Dann würden andere uns schon an unserem Handeln erkennen.

So besteht für mich die eigentliche Herausforderung darin, dass Christinnen und Christen wieder an ihren Früchten, ihren Worten und Taten, erkennbar werden. Ich will jeden Tag daran arbeiten. Ihr auch? Hinterlasst doch mal in den Kommentaren, wie ihr mit der Frage nach dem Kreuz umgeht, oder was das Leben in Worten und Taten für euch bedeutet.

Licht unter dem Scheffel

Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich lange mit einer Frau mittleren Alters. Es ging buchstäblich um Gott und die Welt. Irgendwann landeten wir auch bei dem, was ich tue. Ich erzählte ihr, dass ich Pastorin für fresh expressions of church sei, und von RaumZeit, meinem Projekt oder besser meiner Gemeinde, auch wenn sie als solche (noch) nicht anerkannt ist. Die Frau war sehr interessiert, stellte Fragen, wollte verstehen, was ich mache. Sie fragte sogar nach meiner Vision. Irgendwann, es war schon fast eine Stunde vergangen, sagte sie diesen einen Satz, der unserem Gespräch noch einmal eine ganz neue Richtung gab: „Übrigens, ich bin seit einigen Jahren auch gläubige Christin.“

Unsere Unterhaltung ging noch eine Weile. Ich habe sie sehr genossen. Und doch beschäftigt mich seither ein Gedanke: Warum halten wir mit unserem Bekenntnis zu Christus oft so lange hinter dem Berg? Ist es Angst? Haben wir schlechte Erfahrungen gemacht? Oder gehört es sich bei uns einfach nicht, offen davon zu reden? Vielleicht fühlen sich die anderen ja auch davon belästigt.

Viele dieser Beweggründe kann ich gut verstehen. So manch einer möchte auch lieber an seinen Taten und nicht an seinen Worten erkannt werden. Allerdings frage ich mich, wie die Menschen dadurch etwas von Jesus Christus erfahren sollen. Viele Verhaltensweisen werden einfach mit gutem Benehmen und Höflichkeit in Verbindung gebracht und nicht mit einem christlichen Leben. Früher oder später braucht es Worte, die von Jesus, von Gott, von Gnade und Barmherzigkeit erzählen. Warum also nicht früher und gut erkennbar? Ich weiß, ich höre jetzt schon die Stimmen, die an die alten Methoden der Mission erinnern, die vor Frommen und Straßenevangelisation warnen. Dann sind da auch noch die, die meinen, für Mission nicht geeignet zu sein, zu wenig zu wissen, nicht die richtigen Worte finden zu können.

Ich denke, es braucht dafür keine besondere Ausbildung, Vorbereitung oder ein besonderes Talent. Wer von Gott berührt wurde, der kann auch von ihm erzählen – durch sein Leben in seinem Alltag. Warum nicht mal sagen, dass man betet und wo es geholfen hat? Warum das Gebet vor dem Essen weglassen, nur weil man in fremder Gesellschaft ist? Warum nicht mal vom Gottesdienst erzählen und andere einladen und mitnehmen? Warum nicht auch mal davon erzählen, wo oder wie man Gott begegnet ist, wo man ihn gespürt hat? Am Anfang kostet das sicher Überwindung, braucht etwas Mut. Aber dann bereichert es nicht nur das Leben der anderen, sondern auch das eigene. So wie mein Gespräch mit der Frau vor ein paar Tagen noch einmal eine ganz neue Dimension bekam durch ihr Bekenntnis. Am Ende hätte sogar ein gemeinsames Gebet stehen können. Schade, dass wir es nicht getan haben.

So möchte ich euch Mut machen, selbst anderen von eurem Leben mit Jesus zu erzählen. Ich bin mir sicher, dass es euer Leben unglaublich bereichern wird. Ganz nebenbei würden wir damit auch den Auftrag Jesu erfüllen: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker.“

Wie geht es euch mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus? Erzählt ihr anderen davon oder liegt euch das eher nicht? In den Kommentaren ist Platz für eure Erfahrungen.

Advent heißt Warten oder nicht? 

Advent bedeutet Warten, so habe ich es mal gelernt. Aber wo und wie warten wir? Warten wir überhaupt? Heißt Advent nicht eher hektische Betriebsamkeit und die Rede von der besinnlichen Zeit bleibt ungestillte Sehnsucht?

Vielleicht kommen mir diese Gedanken gerade jetzt, da ich auf einem norddeutschen Bahnhof sitze und mich über verspätete Züge ärgere. Plötzlich ausgebremst auf dem Weg, alle Pläne auf Null gesetzt, noch einmal von vorne anfangen und neu planen, erstmal den nächsten Zug, dann die Termine.

So sitze ich da und beobachte die Menschen, die an mir vorbei hasten. Pendler auf dem Weg zum Job und Urlauber, Geschäftsreisende und Menschen auf dem Weg zum Einkauf in die Stadt. Wie sie so an mir vorbei ziehen, eint sie eins: die eiligen Schritte, der gehetzte Gang, der fokussierte Blick. Ist das nicht vielmehr Advent als besinnliches Warten bei Kerzenschein und Glühwein. Okay, irgendwo zwischen den vielen Terminen kurz vor Jahresende ist auch noch Platz für einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, aber hat das etwas mit dem zu tun, was so oft unter dem Begriff Advent vermittelt wird?

Zur gleichen Zeit laufen in den Medien Werbespots, in denen Familiengeschichten mit fröhlichem Weihnachtsessen oder Happyend gezeigt werden. Einige dieser Filme verbreiten sich im Anschluss viral im Internet, werden preisgekrönt. Sie scheinen die Menschen, ihre Sehnsüchte anzusprechen, oder warum sonst sind sie so erfolgreich?

Bewegen sich die Menschen im Advent vielleicht deshalb so hektisch, weil sie den Traum verfolgen, ihre Sehnsucht nach Familienglück, Ruhe und Besinnlichkeit doch irgendwann einmal stillen zu können? Dann aber folgt die Frage, ob das überhaupt möglich ist oder die Sehnsucht immer Sehnsucht bleibt. Wenn sie aber zu stillen wäre, wie könnte das passieren? 

Während ich die Menschen an mir vorbei laufen sehe, ist mir eins klar. Im generellen Brandmarken des Weihnachtsgeschenketrubels liegt keine Antwort. Gerade gestern habe ich im Buchladen zwei Jugendliche beobachtet, die, bereits mit vielen kleineren und größeren Tüten ausgestattet, gemeinsam Geschenke für zwei weitere Freundinnen überlegten. Das hatte etwas von Stress und doch schien es den Jugendlichen am Herzen zu liegen und Spaß zu machen. Etwas zu schenken hat oft auch etwas mit Wertschätzung zu tun. Zugleich wird viel Liebe ins Überlegen und Aussuchen des Geschenks investiert. Die vielen Tüten am Arm der Jugendlichen waren eben auch Ausdruck ihrer sozialen Beziehungen, in denen sie zuhause sind. Wenn Schenken nicht als Verpflichtung und Last empfunden wird, will ich es nicht bewerten. Da darf es auch ruhig mal etwas trubeliger zugehen, zumal ich den Eindruck habe, dass die drei Weisen damals auch nicht wohlgeplant aufgebrochen sind oder besinnlich unterwegs waren zur Krippe.

Liegt die Antwort dann vielleicht in der nüchternen Aufklärung der Mitmenschen, dass die Realität eben anders aussieht und sich ihre Sehnsüchte einer romantischen Verklärung der Welt verdanken? Auch darin sehe ich keine Lösung. Diese Sehnsüchte haben meines Erachtens ihren Grund, drücken etwas von dem aus, was die Menschen sich wünschen, was sie als erstrebenswert erachten und was ihnen Hoffnung schenkt. Es scheint ein Sinn in diesem Sehnen zu liegen. Vielleicht ist es einfach das Korrektiv zur erlebten Welt, das manches im Alltag in ein anderes Licht rückt. 

Noch immer hasten die Menschen an mir vorbei, den Blick auf ein fernes Ziel gerichtet. Auch ich muss weiter. Der Zug soll endlich kommen. Was ich mitnehme aus diesem erzwungenen Warten? Ich möchte mit den Menschen in ihrem Weihnachtstrubel unterwegs sein, mich manchmal vielleicht auch von ihrer Hektik anstecken lassen. Und dann in den kleinen und großen Momenten des Wartens mit ihnen ihren Sehnsüchten nachgehen, nachfragen, was sie sich wünschen und warum? Jesus wurde auch nicht geboren, als alles bereitet war, sondern mitten hinein in den Trubel einer Volkszählung. Später dann hat er sich auf den Weg gemacht, ist mit den Menschen unterwegs gewesen, hat nach ihren Hoffnungen gefragt und mit ihnen geschaut, wo und wie sie Gestalt gewinnen könnten. 

Für mich liegt darin der Reiz des Advents: im Weihnachtstrubel unterwegs sein, die Sehnsüchte der Menschen entdecken und in den unerwarteten Momenten mit ihnen den Sinn suchen. Denn Weihnachten lässt sich nicht aufhalten. Es kommt, egal ob alles bereit ist oder noch im Chaos versinkt, und es kommt zu jeder und jedem.

So ziehe ich weiter – zurück in meinen ganz persönlichen Weihnachtstrubel. 

Habt ihr sie auch schon erlebt, die Momente des erzwungenen Wartens, in denen plötzlich Sehnsüchte und Hoffnungen aufleuchten? Vielleicht mögt ihr im Kommentar davon erzählen. 

Albert Einstein und RaumZeit

Im November hatte ich die Ehre, die fresh expression, in der ich arbeite, im FreshX-Netzwerk Deutschland in einer Kombination aus Andacht und Präsentation vorstellen zu dürfen. Die einleitenden Gedanken über Albert Einstein, RaumZeit, Gott und Jesus möchte ich Euch nicht vorenthalten. Wenn Ihr dann noch mehr über RaumZeit erfahren wollt, findet ihr mehr unter http://www.raumzeit.wir-e.de

 

Was hat Albert Einstein mit RaumZeit zu tunund dann auch noch Jesus…

Albert Einstein – viele kennen ihn, zumindest von Fotos oder ziemlich vielen Legenden, die sich um ihn ranken. War er nun gut in der Schule oder nicht, konnte er Mathe oder nicht? Soviel ist wohl sicher: seine Schulkarriere war nicht ganz so ruhmreich.

Seine physikalischen Entdeckungen sind eher aus der Langeweile heraus geboren, als dass er von Anfang an als Genie an renommierter Stelle gearbeitet hätte. Er war gelangweilt auf seiner Position im Patentamt, wo er vor allem für die letzte Kontrolle der Entscheidungen anderer zuständig war. Sein Job füllte ihn nicht aus, er war unzufrieden, wurde unruhig und unwillig. So machte er in seiner Freizeit das, was er gut konnte – sich mit Physik zu beschäftigen. Erst als er hier Ergebnisse lieferte, folgten die entsprechenden Stellen im Max-Planck-Institut und anderswo und schließlich der Nobelpreis.

Wir alle wissen, wofür er diesen Preis bekommen hat und ich vermute, jeder kann auch die entsprechende Formel zitieren, wobei ich jetzt nicht abfragen werde, wer sie auch erklären kann oder zumindest weiß, wofür die einzelnen Buchstaben stehen. Dennoch möchte ich Sie auf einen ganz kleinen Ausschnitt dieser Formel mitnehmen.
Wir Menschen erleben Raum und Zeit als zwei unterschiedliche Gegebenheiten. In der Physik jenseits der Lichtgeschwindigkeit bedingen sich Raum und Zeit gegenseitig. Sie stehen in Kausalität zueinander. Die Raumzeit ist die vierte Koordinate im vierdimensionalen Koordinatensystem. In diesem Koordinatensystem sind Raum und Zeit dynamisch und nicht mehr starr. Das sogenannte Raum-Zeit-Kontinuum ist so der Zusammenhang aller in der Vergangenheit passierten, gerade in der Gegenwart passierenden sowie zukünftig passierenden Ereignisse in einem Zusammenhang.

Ohne die Physik gewaltsam beugen zu wollen, muss ich bei diesen Ausführungen unwillkürlich an Gott, an Transzendenz und Immanenz denken. Der Zusammenhang, der alles umfasst, ist Gott. In dieser RaumZeit gestalten wir Menschen Raum und Zeit miteinander. So ist unser Projekt RaumZeit zu seinem Namen gekommen, in dem Verständnis, dass da, wo Raum und Zeit eins werden, in der vierten Dimension der Raumzeit, Gott immer schon da ist.
So sind wir, ich als Hauptamtliche und zwei Ehrenamtliche, auf dem Weg in dem Anliegen, mit den Menschen der beiden Stadtteile Riensförde und Ottenbeck Raum und Zeit zu gestalten und sie dadurch auf Gott aufmerksam zu machen. Vielleicht begegnet ihnen dann Jesus auf dem Spielplatz, im Café, beim Abendessen oder er tanzt einfach mal eine Runde mit den Menschen…

… denn wer dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm. (1. Kor. 6,11)

Müssen Pastoren bürgerlich sein?

Anfang der Woche stieß ich auf ZEITonline auf einen Artikel in der Rubrik „Jung und Gott“ mit dem Titel „Pfarrerin: Ja, auch ich sündige“. Die junge Frau, die lieber anonym bleibt, berichtet von ihren Partyvorlieben und auch von so manch durchzechter Nacht in ihrem Pfarrhaus.

Ich fand es kurzweilig zu lesen, habe mir aber zunächst nicht viele Gedanken über den Inhalt und schon gar nicht über das Leben der jungen Pfarrerin gemacht. Ein wenig Effekthascherei ist wohl auch gewollt, dachte ich noch. Doch in den folgenden Tagen bemerkte ich, wie sehr über den Artikel bzw. das Verhalten der jungen Dame diskutiert wurde. Allein unter dem Text auf ZEITonline sammelten sich bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 430 Kommentare. Die zahlreichen Diskussionen in den Sozialen Medien sind wohl kaum zu zählen. Wie viele Leserbriefe wohl die Redaktion auf klassischem Weg und per Mail schon erreicht haben? Und nun beschäftigt er mich doch, dieser Artikel von der Pfarrerin und der Sünde mit dem frivolen Bild über der Headline.

Dabei ist es weniger der Inhalt, der mich bewegt. Wie gesagt, ich fand ihn wenig aufsehenerregend. Es sind mehr die Inhalte der Diskussionen, die Statements, die Erwartungen, die die Menschen in ihren Kommentaren äußern. Da geht es um Vorbildfunktionen und wie ein Pfarrer oder Pastor zu sein hat. Oder es sprechen Menschen der jungen Pfarrerin die Reife ab, ihren Beruf ausüben zu können. Andere unterstellen, dass die gesamte Geschichte nur konstruiert ist, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Und wieder andere finden, dass die Pastorin nicht zu toppen ist. Kolleginnen wünschen sich sogar, selbst ein solches Leben führen zu können.

Mich angesprochen hat besonders eine Diskussion, nämlich die, dass die junge Dame wenig bürgerlich sei bzw. sich für einen nicht bürgerlichen Lebensstil entschieden hat. Sofort sprang in meinem Kopf die Frage auf: „Müssen Pastoren zwingend bürgerlich sein?“ Ist nur eine bürgerliche Pastorin eine gute Pastorin? Was aber heißt bürgerlich eigentlich?

Holzschnittartig gesagt entwickelte sich das Bürgertum im Feudalismus als eine Vergesellschaftungsform der Mittelschichten in Abgrenzung zum Adel nach oben und zu Bauern und Arbeitern nach unten. Die geschichtliche Entwicklung hat seither eine Ausbildung verschiedenster Untergruppen hervorgebracht. Dennoch verbindet man mit den Worten Bürgertum und bürgerlich besonders Bildung und Ausbildung ebenso wie Selbstständigkeit und Freiheit, aber auch Rechte und Besitz. Hinzu kommen Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Leistung. So hat das Bild des (Bildungs-)Bürgers wohl unsere Vorstellung eines vorbildhaften Bürgers geprägt, das wir oft besonders mit bestimmten Berufen in Verbindung bringen. Genauso gibt es aber meines Erachtens auch die Bilder der verrohten, saufenden und marodierenden Menschen, die wir mit anderen Berufen verbinden. Letzteres kommt mir in den Sinn, wenn ich vorurteilsbehaftete Gespräche z.B. über Soldaten oder Security-Mitarbeiter höre. Genau diese Bilder sind es aber auch, die zeigen, wie absurd solche Vorstellungen und Erwartungen oft sind.

Ja, Pastorin wird man erst nach einem ziemlich langen Studium mit anschließender mehr als zweijähriger praktischer Ausbildung. Außerdem gelobt zumindest in meiner Landeskirche jede Pastorin und jeder Pastor mit der Ordination einen dem Amt entsprechenden Lebensstil zu führen. Aber da steht nirgends, dass dieser bürgerlich sein muss. Vielmehr hat er sich an dem, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat, zu messen – so wie das Leben aller Menschen. So sind die Pastorinnen und Pastoren keine besseren Menschen oder Menschen mit besonderen Pflichten, was den Lebensstil angeht, auch wenn sie in ihren Gemeinden oft unter einer besonderen Beobachtung leben.

Sich an dem zu messen, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat, aber ist eine viel größere Herausforderung als bürgerlich zu sein. Das nämlich bedeutet, sich mit seinen (Jesu!) Worten und Taten auseinanderzusetzen, sie mit unserer Gegenwart, unserem Leben ins Gespräch zu bringen. Das ist, meines Erachtens, viel herausfordernder, als bürgerliche Tugenden wie Leistung und Fleiß und Sparsamkeit zu üben.

Ob das dann wilde Partys im Pfarrhaus, deren Beschreibung die meiste Aufregung in den Kommentaren erzeugt hat, bedeutet, ist mir an dieser Stelle gar nicht wichtig. Vieles an dieser Aufregung ist wohl den bereits genannten Bildern geschuldet und einiges davon könnte sicher anders aussehen. Mit liegt mehr am Herzen, dass, wenn wir alle unser Leben nicht am alten Klassendenken ausrichten würden – auch der Adel hat nicht mehr die Stellung, die er mal hatte – sondern an Gottes Bild für unser Leben, wir alle viel versöhnlicher miteinander leben könnten. Bei allem, was dann noch unrund, nicht zufrieden stellend und schief ist, gilt Gottes liebender Blick und das Versprechen seiner Gnade.

Deshalb gefallen mir die folgenden Worte des Artikels: „Gott ist da für die Unperfekten, die Zweifler, ja, auch für diejenigen, die bei Sonnenaufgang betrunken nach Hause kommen oder die gar keine Beziehung mit ihm wollen. Deshalb bin ich Pfarrerin und das möchte ich den Menschen und zwar allen Menschen, im Glauben und im Leben mitgeben.“

Und im Geist ergänze ich: er ist auch da für die Perfekten, die Glaubenden, die Nüchternen, die Strebsamen und die, die der allgemeinen Moral entsprechen und es deshalb gerade auch nicht immer leicht haben.

Wie geht es euch mit den Erwartungen der anderen an euer Leben und wonach richtet ihr es aus? Oder was denkt ihr über die Pfarrerin und ihre Vorbildfunktion? Diskutiert doch auch mal an dieser Stelle.

Ganz(e) Kirche?

Fresh X sind ekklesial heißt es in Fresh X. Der Guide. Fresh X sind Kirche, Gemeinde. Sie sind nicht die ganze Kirche, aber sie sind ganz Kirche. Damit sind sie theoretisch jeder „normalen“ Ortsgemeinde gleich gestellt, gleich wichtig, gleich wertig. Sie sind Teil der einen Kirche in der Welt.

Was sich erst einmal sehr einleuchtend anhört, ist für viele durchaus ein Stein des Anstoßes. Entscheidet sich daran doch nicht nur die Verteilung finanzieller Mittel durch kirchliche Ämter. Auch das eigene Kirchenverständnis wird hier auf die Probe gestellt. Was ist Kirche? oder: An was denkst du, wenn du an Kirche denkst? Ist es das imposante Gebäude im Ortskern, irgendwann aus der Zeit des Barock, wundervoll ausgestattet und leider ziemlich kostspielig in der Unterhaltung? Oder ist es eher der kastige Betonbau im Stadtteil um die Ecke, der innen bunt gestaltet ist, dich dringend ein neues Dach bräuchte?

Andere mögen an ihre Kirchengemeinde denken, an die verschiedenen Angebote für Junge und Alte, von Kindergottesdienst bis Seniorenkreis, oder an die schöne Taufe, die man dort gefeiert hat, oder auch an den Spaß in der Konfirmandenzeit. Wiederum andere verdrehen bei dem Wort die Augen, weil ihnen Kirchensteuer und Skandale in den Sinn kommen. Aber ist das alles Kirche? Irgendwie schon, denn es bestimmt unsere Realität. Doch das Wesen von Kirche sieht hoffentlich anders aus.

Im Manuskript ihres Vortrags auf dem Kirchentag bin ich bei Nadia Bolz-Weber auf ein Gedankenspiel gestoßen, das mich nicht mehr loslässt. Was wäre, wenn die Kirche nur noch fünf Jahre hätte und nichts dieses Ende verhindern könnte? Wie würde das kirchliche Leben dann aussehen? Fielen wir alle in eine tiefe Depression und würden lethargisch auf das Ende warten? Würden wir weitermachen wie bisher? Oder würden wir aufhören, in Gebäude zu investieren, die wir uns eigentlich gar nicht leisten können? Würden wir weiter um den Gottesdienst am Sonntag Morgen kämpfen oder uns einfach am Freitag Mittag oder Dienstag Abend treffen? Vielleicht könnten wir auch einfach alle Sitzungen absagen und die Zeit in der Nachbarschaft verbringen. Vielleicht könnten wir das Abendmahl nicht nur einmal im Monat, sondern täglich an völlig unterschiedlichen Orten wie der Tankstelle, dem Seniorenheim, dem Park oder dem eigenen Wohnzimmer feiern.

Zum Manuskript von Nadia Bolz-Weber

Hoffen wir, dass die Kirche noch mehr als fünf Jahre besteht. Doch was diese Gedanken mich lehren ist, dass all diese äußerlichen Gegebenheiten nicht darüber entscheiden, was Kirche ist.

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ sagt Jesus (Mt 18,20). für mich ist die ein, wenn nicht der zentrale Satz mit Blick auf die Kirche. Jesus, das Evangelium ist die Mitte oder das innere Wesen der Kirche. Wo sich Menschen in seinem Namen versammeln, da entsteht Kirche. Dabei ist Kirche stets im Werden, ist nie gleich, verändert sich immer wieder mit den Menschen, die am jeweiligen Ort, im jeweiligen Kontext zusammen kommen.

Kirche ist eine Gemeinschaft von Menschen, die von Beziehungen geprägt ist. Diese Beziehungen werden nach Michael Moynagh, Fresh X. Das Praxisbuch, in vier Dimensionen ausgelebt. Neben der Dimension nach oben, der Beziehung mit und zum trinitarischen Gott, stehen die Beziehungen ins Innere der Gemeinschaft hinein und nach außen zu den Menschen in der Liebe und dem Dienst für die Welt. Die vierte Beziehungsdimension ist die der Verbindung mit der ganzen Kirche. Wenn eine Gemeinschaft in diesen Dimensionen lebt und wächst, dann ist sie Kirche. Damit sind aber die äußeren Faktoren wie Ort, Zeit, Gruppengröße oder Leitungsstil nicht entscheidend. Oder anders gesagt: Die Zeiten, in denen man Kirche am Kirchturm erkannte, sind vorbei oder waren nie da.

Ich „brenne“ für diese Kirche, denn auch wenn ich gerne in barocke Kirchen gehe, so hängt die Existenz der Kirche nicht an Äußerlichkeiten. Jeden Tag kann sie anders aussehen, an jedem Tag an einem anderen Ort neu werden. Jeden Tag baut Jesus Christus, die Mitte der Kirche, seine Kirche neu. Diese Kirche wird nicht aufhören zu bestehen, egal wie klein Kirchengemeinden vor Ort werden. Und ich darf mich jeden Tag neu von ihr überraschen lassen. Vielleicht wird morgen schon in meinem Wohnzimmer Kirche sichtbar oder in deinem Garten.

 

Hier noch einmal die Links zu den anderen Beiträgen der Reihe zu den Kennzeichen einer Fresh X: