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Vom Fußball lernen

In diesen Tagen geht die Fußballsaison wieder los. Bereits am Freitag startete die 1. Runde des DFB-Pokals, am 18. August dann die 1. Bundesliga. Nun möchte ich nicht behaupten, dass ich eine Fußballexpertin oder ein überzeugter Fan bin. Doch es gibt einen Verein, dem ich schon seit Kindertagen treu bin. Jedes Wochenende suche ich nach den Spielergebnissen und die großen Spiele schaue ich auch gerne in der Übertragung im Fernsehen. Aber im Stadion war ich noch nie. Erst waren sie für mich als Jugendliche zu weit weg, dann als Studentin die Karten zu teuer und heute unternehme ich am Wochenende lieber etwas mit meiner Familie. Aber die Kultur der Fußballstadien fasziniert mich schon.

Wenn jedes Wochenende zehntausende Menschen sich zum Teil auf weite Wege machen, um ihrem Verein beim Spiel beizustehen, zieht mich der Gedanke, doch einmal dabei zu sein, in seinen Bann. Spätestens als im Mai das DFB-Pokalfinale mit dem Kirchentag zusammen in Berlin ausgetragen wurde, war der Vergleich zwischen Kirche, Gottesdienstbesuch und Fußball mal wieder Thema der Öffentlichkeit. Was mir bei den meisten der Veröffentlichungen auffällt ist, dass entweder der Fußball mit den Kennzeichen einer Religion oder religiösen Ritualen verglichen wird, um ihn als Ersatzreligion zu kennzeichnen. Oder aber es folgt nach dem Vergleich beider Einrichtungen ein für die Kirche ziemlich schlechtes Fazit, in dem festgestellt wird, dass Kirche ihre Schafe nicht genügend anspricht, die eigenen Rituale nicht mehr ausübt, den Menschen im Gegensatz zum Fußball keinen Sinn mehr stiftet. 

Und innerkirchlich? Da begegnet mir oft so etwas wie eine Neidkultur. In der Öffentlichkeit wird dargestellt, was man mit den zum Teil horrenden Ablösesummen in den Armutsgebieten dieser Welt bewirken könnte. Es wird kritisiert, auf welche Art und Weise religiöse Rituale für den Fußball missbraucht werden, oder dass die Spiele am Wochenende kirchlichen Veranstaltungen die Besucher wegnehmen. Intern aber schielt so mancher auf die Besucherzahlen eines Fußballspiels und das beginnt schon beim kleinen Dorfverein. Die Mechanismen der Fußballkultur werden unter die Lupe genommen und analysiert. Und manch Geistlicher spielt in seiner Freizeit gerne mal im Verein oder besucht das eine oder andere Spiel. 

Wie also mit diesem Phänomen umgehen? Für mich steht fest, ich komme nicht daran vorbei. Ich will es auch gar nicht, schließlich gehört meine Aufmerksamkeit, wie schon erwähnt, auch einem bestimmten Verein. Die Fans oder die Vereine oder die Kultur zu kritisieren, liegt mir entsprechend fern. Denn eins ist mir klar: auch wenn mit den Millionen Ablösesumme, die in den letzten Wochen zwischen den diversen Vereinen ausgetauscht wurden, mehrere tausend Kinder in Afrika versorgt werden könnten (wie es in meiner Timeline bei Facebook tagelang zu lesen war), so käme das Geld da nicht an, würden diese Summen nicht gezahlt werden. Diese Probleme müssen anders gelöst werden und das ist definitiv wichtiger als ein Fußballspiel. Doch letzteres darf dennoch gerne ausgetragen werden. Es geht nicht um ein entweder – oder. Deshalb möchte ich vom Phänomen Fußballkultur lernen. Denn es gibt einige Dinge, die dort nach meinem Eindruck selbstverständlich sind, von denen höre ich „bei Kirchens“ oft, dass das heute nicht mehr geht, weil die Menschen sich verändert haben.

Wenn ich mit eingefleischten Fußballfans ins Gespräch komme, dann erzählen sie mir oft, dass ihr Herz dem Verein gehört. Meistens ist sogar die ganze Familie Anhänger ein und desselben Vereins. Dann sind alle bereit besonders für wichtige Spiele auf den einen oder anderen Termin zu verzichten, um im Stadion dabei zu sein, oder auch an einigen Stellen zurückzustecken, um die Jahreskarte und die Fahrten zu den Auswärtsspielen zu finanzieren. Gerne bindet man sich mit der Jahreskarte für ein Jahr an den Verein, mehr noch, dem Verein gehört das Herz ein Leben lang. Das steht fest. Im Stadion kann jeder Fan eine besondere Gemeinschaft teilen. Dort werden Freude und auch Trauer geteilt, dort können Männer zusammen weinen. All das haben mir Fans schon erzählt und ich habe den Eindruck, ein Spiel im Stadion wirkt anziehend, weil man etwas teilt, zusammen erlebt. Ein Fußballspiel im Stadion ist toll, weil viele andere schon da sind. Fußballfans empfinden ihr Leben als bereichert durch den Verein, die anderen Fans. Das geht bis zur Hochzeit im Stadion und auch die Bischofseinführung meiner Landeskirche wurde in Räumen des Stadions gefeiert.

Mich fasziniert diese Fankultur, denn wenn ich ehrlich bin, würde ich mir vieles davon für das Leben in der Kirche wünschen. Menschen, die ihr Leben durch Jesus Christus als bereichert empfinden, ihren Alltag am Terminkalender der Gemeinde ausrichten, bereit sind, an anderen Stellen zurückzustecken, um am Leben der Gemeinde teilzunehmen, da sie dort die Gemeinschaft finden, die sie suchen. Die Realität aber sieht oft anders aus. Das wissen wir alle. Doch es gibt Ausnahmen. Auch in christlichen Zusammenhängen habe ich diese Erfahrungen schon gemacht. Im letzten Jahr beim Willow Creek Leitungskongress in Hannover z.B. oder bei Dynammissio in Berlin im März. Es gibt sie, die christlichen „Großveranstaltungen“, zu denen die Menschen weite Wege auf sich nehmen und einiges bereit sind zu opfern, um daran teilzunehmen. Auch sie erleben eine besondere Gemeinschaft, teilen Trauer und Leid, selbst wenn sie sich gerade erst kennengelernt haben. Doch nicht nur bei Großveranstaltungen habe ich diese Erfahrungen schon gemacht. Auch in einem kleinen Gottesdienst, bei einem Treffen von Christen zum Frühstück stellte sich dieses besondere Gefühl schon bei mir ein. Da war ich selbst bereit, viele Kilometer zu fahren, um dabei zu sein. Es ist ein besonderer Geist, der hier weht.

Es ist wohl auch ein besonderer Geist, der die Fußballfans in die Stadien zieht oder ins kleine Vereinsheim. Nur dass der Geist in Sachen Fußball nach außen irgendwie lebendiger wirkt. So stelle ich mir die Frage, wie ich daran mitwirken kann, dass der Geist Gottes mindestens ebenso lebendig wirkt und die Menschen um mich herum fasziniert. Ich frage mich, was ich für diese Aufgabe vom Fußball lernen kann. Die Konzentration auf den einen Mittelpunkt, um den sich alles andere dreht, scheint mir dabei entscheidend. Steht der dreieinige Gott im Mittelpunkt unseres Glaubenslebens? Oder sind andere Dinge entscheidender? Manchmal habe ich den Eindruck, dass z.B. über das diakonische Handeln oder die gewünschte Außendarstellung der Gemeinde die eigentliche Mitte aus den Augen verloren wird. Gehe ich in den Gottesdienst, um Gott zu feiern, von ihm zu hören, oder um Menschen zu treffen, den neusten Klatsch zu hören und von anderen gesehen zu werden? Vielleicht können wir genau das vom Fußball lernen: uns auf die Mitte zu konzentrieren. Gott in den Mittelpunkt meines Denkens und Handelns zu stellen will ich üben und hoffentlich damit andere faszinieren, dass sie es ebenso versuchen. Denn ich will nicht neidisch auf den Fußball schauen, sondern von ihm lernen. Es geht nicht um ein Entweder-oder. Ich freue mich schon jetzt auf den Gottesdienst am Wochenende, die Predigt, das Gotteslob und die Fußballergebnisse werde ich auch wieder verfolgen.

Wie geht es euch? Was fasziniert euch? Was ist euer Mittelpunkt, um den sich alles andere dreht?

 

Ganz(e) Kirche?

Fresh X sind ekklesial heißt es in Fresh X. Der Guide. Fresh X sind Kirche, Gemeinde. Sie sind nicht die ganze Kirche, aber sie sind ganz Kirche. Damit sind sie theoretisch jeder „normalen“ Ortsgemeinde gleich gestellt, gleich wichtig, gleich wertig. Sie sind Teil der einen Kirche in der Welt.

Was sich erst einmal sehr einleuchtend anhört, ist für viele durchaus ein Stein des Anstoßes. Entscheidet sich daran doch nicht nur die Verteilung finanzieller Mittel durch kirchliche Ämter. Auch das eigene Kirchenverständnis wird hier auf die Probe gestellt. Was ist Kirche? oder: An was denkst du, wenn du an Kirche denkst? Ist es das imposante Gebäude im Ortskern, irgendwann aus der Zeit des Barock, wundervoll ausgestattet und leider ziemlich kostspielig in der Unterhaltung? Oder ist es eher der kastige Betonbau im Stadtteil um die Ecke, der innen bunt gestaltet ist, dich dringend ein neues Dach bräuchte?

Andere mögen an ihre Kirchengemeinde denken, an die verschiedenen Angebote für Junge und Alte, von Kindergottesdienst bis Seniorenkreis, oder an die schöne Taufe, die man dort gefeiert hat, oder auch an den Spaß in der Konfirmandenzeit. Wiederum andere verdrehen bei dem Wort die Augen, weil ihnen Kirchensteuer und Skandale in den Sinn kommen. Aber ist das alles Kirche? Irgendwie schon, denn es bestimmt unsere Realität. Doch das Wesen von Kirche sieht hoffentlich anders aus.

Im Manuskript ihres Vortrags auf dem Kirchentag bin ich bei Nadia Bolz-Weber auf ein Gedankenspiel gestoßen, das mich nicht mehr loslässt. Was wäre, wenn die Kirche nur noch fünf Jahre hätte und nichts dieses Ende verhindern könnte? Wie würde das kirchliche Leben dann aussehen? Fielen wir alle in eine tiefe Depression und würden lethargisch auf das Ende warten? Würden wir weitermachen wie bisher? Oder würden wir aufhören, in Gebäude zu investieren, die wir uns eigentlich gar nicht leisten können? Würden wir weiter um den Gottesdienst am Sonntag Morgen kämpfen oder uns einfach am Freitag Mittag oder Dienstag Abend treffen? Vielleicht könnten wir auch einfach alle Sitzungen absagen und die Zeit in der Nachbarschaft verbringen. Vielleicht könnten wir das Abendmahl nicht nur einmal im Monat, sondern täglich an völlig unterschiedlichen Orten wie der Tankstelle, dem Seniorenheim, dem Park oder dem eigenen Wohnzimmer feiern.

Zum Manuskript von Nadia Bolz-Weber

Hoffen wir, dass die Kirche noch mehr als fünf Jahre besteht. Doch was diese Gedanken mich lehren ist, dass all diese äußerlichen Gegebenheiten nicht darüber entscheiden, was Kirche ist.

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ sagt Jesus (Mt 18,20). für mich ist die ein, wenn nicht der zentrale Satz mit Blick auf die Kirche. Jesus, das Evangelium ist die Mitte oder das innere Wesen der Kirche. Wo sich Menschen in seinem Namen versammeln, da entsteht Kirche. Dabei ist Kirche stets im Werden, ist nie gleich, verändert sich immer wieder mit den Menschen, die am jeweiligen Ort, im jeweiligen Kontext zusammen kommen.

Kirche ist eine Gemeinschaft von Menschen, die von Beziehungen geprägt ist. Diese Beziehungen werden nach Michael Moynagh, Fresh X. Das Praxisbuch, in vier Dimensionen ausgelebt. Neben der Dimension nach oben, der Beziehung mit und zum trinitarischen Gott, stehen die Beziehungen ins Innere der Gemeinschaft hinein und nach außen zu den Menschen in der Liebe und dem Dienst für die Welt. Die vierte Beziehungsdimension ist die der Verbindung mit der ganzen Kirche. Wenn eine Gemeinschaft in diesen Dimensionen lebt und wächst, dann ist sie Kirche. Damit sind aber die äußeren Faktoren wie Ort, Zeit, Gruppengröße oder Leitungsstil nicht entscheidend. Oder anders gesagt: Die Zeiten, in denen man Kirche am Kirchturm erkannte, sind vorbei oder waren nie da.

Ich „brenne“ für diese Kirche, denn auch wenn ich gerne in barocke Kirchen gehe, so hängt die Existenz der Kirche nicht an Äußerlichkeiten. Jeden Tag kann sie anders aussehen, an jedem Tag an einem anderen Ort neu werden. Jeden Tag baut Jesus Christus, die Mitte der Kirche, seine Kirche neu. Diese Kirche wird nicht aufhören zu bestehen, egal wie klein Kirchengemeinden vor Ort werden. Und ich darf mich jeden Tag neu von ihr überraschen lassen. Vielleicht wird morgen schon in meinem Wohnzimmer Kirche sichtbar oder in deinem Garten.

 

Hier noch einmal die Links zu den anderen Beiträgen der Reihe zu den Kennzeichen einer Fresh X:

Kirche geht und bleibt

Es ist schon einige Zeit her, da schickte mir ein Freund den Link zu einem Videoclip. „Kirche geht“ war der Titel und ich fragte mich „Wohin?“. Ist sie überflüssig geworden. Brauchen wir sie nicht mehr? Ist ihre Zeit endgültig vorbei? Der Clip erzählt von einem anderen „gehen“. Kirche geht aus ihrer Burg heraus wieder ins Umland. Menschen gehen hinaus und erwarten nicht, dass die anderen zu ihnen kommen. Sehr kurz gesagt beschreibt dies, was „kontextuell“ als Kennzeichen einer Fresh X bedeutet. Seither ist mein Leitspruch: Ich will mich ans Lagerfeuer der Menschen setzen und mit ihnen über ihre Themen reden.

zum YouTube-Video „Kirche geht“

Das ist sicher etwas kurz zu kurz gegriffen, doch holzschnittartig trifft es zu. Sich anzupassen ist Teil jeden Lebens. Jeder, der in eine andere Umgebung kommt, auf Menschen trifft, passt sich in gewisser Weise an. Sei es, dass man sich auf eine gemeinsame Sprache einigt oder die Höflichkeitsformen des anderen adaptiert. Wer kommt schon auf die Idee in England rechts zu fahren und zu meinen, das müssten nun auch alle anderen tun? Das gilt aber nicht nur für Situationen im Ausland oder mit fremden Menschen. Wenn draußen die Sonne scheint und mehr als zwanzig Grad herrschen, werden die wenigsten in Winterjacke und Stiefeln unterwegs sein. Der Mensch passt sich immer seiner Umgebung an – mal mehr und mal weniger.

Auch Gott passt sich in gewisser Weise an. Die Bibel ist in Anpassung an die Zeit ihrer Entstehung geschrieben. Nur so konnte sie den Menschen eine verständliche Botschaft vermitteln. Gott selbst ist in Jesus Mensch geworden, hat sich unserer Welt angepasst, damit seine Liebe und Gnade für uns Menschen begreifbar wird.

Nun verändert sich unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere Welt ständig. Was ich in meiner Kindheit gut fand und gerne gemacht habe, ist für mich als Erwachsene vielleicht schon längst nicht mehr angesagt. Vor fast zwanzig Jahren bekam ich mein erstes Mobiltelefon. Das ich einmal damit im Internet surfen, einkaufen und Menschen in der ganzen Welt Nachrichten schreiben würde, habe ich damals nicht zu träumen gewagt. Genauso verändert sich die Kultur und die Gesellschaft ständig. Die Gesellschaft ist sehr viel heterogener geworden als noch vor ein paar Jahren. In diesem Umfeld dient die Kirche immer noch vielen. Vielen dient sie aber auch nicht mehr, weil sie sich nicht mehr angesprochen fühlen, weil die Kirche nicht mehr zu ihrem Umfeld passt. Genau deshalb muss Kirche wieder zum Milieu und zu den Lebensumständen derer passen, die sie erreichen will. „Darum entwickeln Fresh X neue Formen von Gemeinde für unsere sich verändernde Kultur.“ So heißt es in Fresh X. Der Guide von Reinhold Krebs und Daniel Rempe. Hingehen, hinhören und hinsehen seien dabei die ersten Schritte auf dem Weg.

Kirche passt sich an, ist kontextuell. Das heißt aber nicht, dass alles geht, Hauptsache die Menschen werden angesprochen. Wenn Kirche in dem Bewusstsein geschieht, dass sie an der Missio Dei mitwirkt, dann wird sie ihr Handeln immer auch daran ausrichten. Michael Moynagh verfasst dazu in seinem Buch Fresh X. Das Praxisbuch, vier Leitsätze, an denen christliche Gemeinschaften ihre Anpassung an die Kultur immer wieder ausrichten können. Sie bleiben erstens der Schrift treu, legen zweitens die Schrift im Einklang mit der ganzen Kirche aus, beachten drittens den missionarischen Kontext und kommen viertens gemeinsam zu Entscheidungen, da dann das Risiko der Fehlentscheidung geringer ist. Diese Leitsätze sind meines Erachtens hilfreich, zeigen sie doch, dass es nicht um Anpassung um jeden Preis geht. Bei aller Kontextualisierung sind christliche Gemeinschaften durch ihren Bezug zu Gott doch immer auch anders und das ist gut so. Es ist sogar entscheidend im Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Einrichtungen und Vereinen.

Unter der Führung des Heiligen Geistes sind Fresh X daher kontextuell und passen sich an ihr Umfeld an. So entspricht der immer heterogener gewordenen Gesellschaft und Kultur eine heterogene Kirchenlandschaft (mixed economy), in der die verschiedenen Formen von Kirche je ihre Funktion haben. Denn unterschiedliche Menschen werden von unterschiedlichen Formen angesprochen – nicht nur am Sonntag, sondern im Alltag. Das verändert ihr Leben. Doch davon berichte ich in meinen Gedanken zum dritten Kennzeichen von Fresh X.

Jetzt würde mich interessieren, wie die Kirche, die eurem Lebensumfeld angepasst ist, aussähe.

 

Hier noch die Links zu den anderen Beiträgen der Serie zu den Kennzeichen einer Fresh X:

 

Warum eigentlich fresh x?

„Glauben ist was für alte Leute“, „Kirche ist alt und verstaubt“, „Ich bin nicht so der Kirchgänger“ – Sätze, die so oder so ähnlich immer wieder laut werden, wenn es um den eigenen Bezug zum christlichen Glauben und zur Kirche geht. Auch wenn in den westlichen Bundesländern noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung Mitglied einer der christlichen Kirchen ist, haben viele „ihre“ Kirche schon lange nicht mehr von innen gesehen – oder auch nie.

Ganz ehrlich, auch wenn ich Pastorin bin, zieht es mich am Sonntag auch nicht unbedingt in den nächsten Gottesdienst. Auch ich fühle mich nicht unbedingt angesprochen von dem, was dort geschieht. So wähle ich mir die Gottesdienste, die ich besuche, immer ziemlich sorgfältig aus.

Zugleich wächst die Zahl derer, die noch nie mit einer Kirchengemeinde oder Christen in Kontakt gekommen, geschweige denn eine Kirche von innen gesehen haben. Aber ist der Glaube an den dreieinigen Gott deshalb veraltet, nicht mehr angesagt? Mein Eindruck ist, dass ganz das Gegenteil der Fall ist. Wenn ich mit Menschen im Zug, bei privaten Einladungen oder auch an anderen Orten ins Gespräch komme, dann haben die meisten gleich Fragen rund um Gott und die Welt. Oder sie wollen einfach mal über etwas reden. Oft sind es die großen Themen rund um den Sinn des Lebens und das Danach.

Gedanken und Erfahrungen, die mich bewegt haben, nach dem „mehr“ zu suchen. Ich bin überzeugt davon, dass Gott für jeden Menschen die beste Botschaft bereit hält, die ein Mensch nur erfahren kann. Deshalb will ich davon erzählen. Aber wie?

Fresh expressions of church – neue Ausdrucksformen von Kirche sind m.E. ein Weg, Menschen Begegnungen mit Gott zu ermöglichen. Denn darum geht es: Gott will den Menschen begegnen, ihnen nahe sein, damit sie seine Liebe spüren und weitergeben. Doch wie sollen Menschen Gott begegnen, wenn sie gar nicht wissen, wie er sich ihnen zeigt? Wenn sich Glauben auf das beschränkt, was hinter Kirchentüren und Gemeindehauswänden stattfindet, dann ist er Teil einer Sonntagskirche. Da aber verirren sich nur selten Menschen hin, die noch nie Kontakt mit dem christlichen Glauben hatten. Christlicher Glaube muss sich im Alltag zeigen, damit Menschen Gott neu begegnen können. Er muss sich dort zeigen, wo die Menschen sind – im Wohngebiet, am Arbeitsplatz, vielleicht sogar im Supermarkt. Genau das wollen fresh expressions of church: Zeugnisgemeinschaften der guten Botschaft Gottes vor Ort bei den Menschen sein.

Dabei zeichnen sich fresh expressions durch vier Kennzeichen aus: sie sind missional, kontextuell, lebensverändernd und ekklesial. Was das genau bedeutet, werde ich in den kommenden Wochen in einer kleinen Reihe darlegen. Zunächst interessiert mich aber, welche Vorstellungen von einer christlichen Gemeinschaft im Alltag ihr habt.

 

Hier der Link zu den nächsten Beiträgen über die Kennzeichen von fresh x:

 

Baustelle des Glaubens

Am 21. Januar wurde ich offiziell in mein neues Amt als Pastorin für fresh x und Quartiersmanagement mitten auf einer Baustelle eingeführt. Was lagt da näher als über die Baustelle des Glaubens zu predigen. Die Predigt möchte ich euch nicht vorenthalten. Ich freue mich auf Eure Kommentare.

Herzlich willkommen auf der Baustelle schön, dass sie alle so zahlreich gekommen sind – ach nein, so etwas sagt man nicht. Das geht doch nicht. Schließlich hängt an so ziemlich jeder Baustelle das allseits bekannte Schild „Betreten verboten, Eltern haften für ihre Kinder.“ Eine Baustelle ist gefährlich, niemand will und kann die Verantwortung übernehmen, wenn etwas passiert. Da ist es besser, sich abzusichern, durch Schilder und durch hohe Zäune.

Aber haben sie eine solche Baustelle schon einmal etwas näher beobachtet? Ich meine dabei erstmal noch gar nicht die Baustelle an sich, sondern das Geschehen vor dem Bauzaun. In Nordholz, wo ich die letzten sechs Jahre Pastorin war, hatte ich zwei Jahre alle Gelegenheit dazu. Die Kirchengemeinde hat eine Kirche gebaut und ich habe im Pfarrhaus direkt nebenan gewohnt, hatte also quasi den exklusiven Überblick. Natürlich standen auch um diese Baustelle die besagten hohen Zäune herum und natürlich hing auch an diesen Zäunen alle paar Meter das besagte Schild „Betreten der Baustelle verboten“. Schließlich musste die Kirchengemeinde auf Nummer sicher gehen. Doch schon Tage bevor sich die erste Baggerschaufel in den Boden grub, um mit dem Erdaushub für die Fundamente zu beginnen, war etwas in unserer Straße zu beobachten – es reichte das bloße Aufstellen der Zäune und Anbringen der Schilder.

Was dort geschah? Das Verkehrsaufkommen in unserer Straße steigerte sich merklich und das lag nicht daran, dass der Lidl auf der anderen Straßenseite gerade besonders gute Angebote hatte. Nein, die Autos, Radfahrer und Fußgänger, die durch unsere Straße fuhren oder gingen, waren gekommen, um die Baustelle der Kirche anzusehen. Wie ich darauf komme? Das Grundstück der Kirchengemeinde in Nordholz liegt auf der Spitze zwischen drei Straßen und man konnte herrlich im Kreis fahren und so die Baustelle von nahezu allen Seiten betrachten. Seit dem Tag, an dem die Bauzäune errichtet worden waren, taten das viele. Und wer bei der ersten Runde noch nicht alles gesehen hatte, fuhr gerne auch noch eine zweite Runde ums Gelände herum. Viele blieben auch stehen, so mancher wagte einen Blick direkt durch den Zaun, so wie man sich das immer an den Gehegegittern im Zoo vorstellt. Ich habe dann so manches Mal gewitzelt, ich stelle eine Kaffeebude auf und werbe damit die noch fehlenden Mittel für den Kirchbau ein.

Es gab auch einige Mitbürger, die täglich oder wöchentlich zur Baustelle kamen, um Fotos zu machen – ich glaube, die Baustelle unserer Kirche ist in zwei Jahren Bauzeit mindestens genauso oft fotografiert worden wie der Kölner Dom in seiner ganzen Geschichte, wobei dessen Bauzeit ja bis heute nicht abgeschlossen ist.. Besonders interessant wurde es übrigens auf der Baustelle bzw. in ihrem Umfeld, als der Rohbau abgeschlossen war, man von außen quasi nicht mehr viel sehen konnte, weil innen nun der Innenausbau stattfand. Sie kennen das, der Innenausbau dauert ja fast so lange, manchmal sogar länger als der Rohbau. Wie oft haben mir da die Mitarbeiter der verschiedenen Bauunternehmen erzählt, dass mal wieder neugierige Mitbürger sich ihren Weg ins Innere der Kirche gesucht haben, sie sie nur mit Mühe und Not davon abhalten konnten, in den frisch gegossenen Estrich zu treten oder auf das Gerüst zum Bau der Orgelempore zu klettern.

Der erste Gottesdienst, Heilig Abend in der Baustelle der Kirche, war so gut besucht, wie lange nicht mehr. Während zu anderen Zeiten die Temperatur in der Kirche nie die richtige ist, haben an jenem Abend alle gerne gefroren. Auch die Bierzeltbänke waren nicht zu unbequem und dass viele stehen mussten, war an jenem Abend überhaupt kein Problem. Ganz ehrlich? Viele der Menschen habe ich an jenem Abend das erste Mal in der Kirche gesehen.

Genau deshalb war ich begeistert, als wir im November zusammen mit Superintendent Kück und Pastorin Brandy überlegten, den Gottesdienst zu meiner Amtseinführung hier in der Baustelle zu feiern, man könnte sagen „Mit Baustellen kenne ich mich aus“.

Außerdem liebe ich das Bild von der Baustelle. Ich vergleiche den christlichen Glauben immer mal wieder mit einer Baustelle und ja, ich weiß, jeder Vergleich hinkt an der einen oder anderen Stelle. Doch ich halte es da wie Jesus, der zu den Menschen auch gerne in Bildern und Gleichnissen sprach. Der Glaube als Baustelle, die viele gerne durch Zäune nach außen absichern, um keine Gefahr einzugehen. Bitte auch niemanden Fremdes, der nicht dazu befugt ist, auf die Baustelle lassen, wer weiß, was sonst passiert. Neue Ideen könnten ja den ganzen Bau verändern. Das geht nicht, man muss sich doch an die Pläne halten und so haben es schon die Handwerker vor uns gemacht. Am besten nichts nach außen zeigen, denn wer weiß, was dann passiert. So findet Glaube an vielen Orten hinter Zäunen oder verschlossenen Mauern statt, hinter der Kirchentür oder im Gemeindehaus. Und wenn der Gottesdienst oder der Frauenkreis, wo ich wirklich Gutes von Gott gehört habe und an meinem Glauben bauen konnte, wenn er zuende ist, dann verlasse ich die Baustelle für den Rest der Woche. Dabei trauen sich nur wenige, die bisher mit der Baustelle des Glaubens nichts zu tun hatten, auf die Baustelle. Die Schilder an den Zäunen, das Gefühl, hinter dem Zaun, auf der Baustelle könnte es gefährlich sein, schreckt viele ab. Und doch ist da diese Neugier, die Sehnsucht danach, auch etwas über die Baustelle zu erfahren. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass der Verkehr auf den Straßen um die Baustelle in den letzten Jahren wieder deutlich zugenommen hat, nur auf der Baustelle merkt man es nicht.

Und dann gibt es da diese seltenen Einblicke auf die Baustelle: die Hochzeit, zu der man eingeladen ist, bei der man merkt, dass es da auf der Baustelle irgendwie doch ganz anders ist, als man es sich vorgestellt hat. Der Kirchentag in diesem Jahr in Berlin und vielen anderen Orten wird sicher auch für so manchen so ein Blick auf diese Baustelle sein. Doch wahrscheinlich werden die meisten danach nicht wieder auf die Baustelle kommen, so wie nach jenem ersten Heiligabend Gottesdienst auf unserer Kirchenbaustelle in Nordholz. Im Alltag geht es eben doch wie gewohnt weiter. Und im Alltag hat die Baustelle des Glaubens keinen Platz. Dort gehe ich nur hin, wenn ich Zeit übrig habe.

Doch wer bleibt, oder wer wiederkommt, der kann erfahren, dass diese Baustelle sich lohnt, dass da etwas ganz großartiges entsteht, etwas, dass das Leben verändert. Denn der Bauherr ist ein ganz besonderer. Er heißt Gott und hat schon ziemlich viele gute Bauprojekte durchgeführt: angefangen bei der Arche, die vierzig Tage Dauerregen und die größte Flut der Weltgeschichte unbeschadet überstanden und die Existenz der Menschen und Tiefe auf der Erde gesichert hat. An seiner größten Baustelle aber baut der Bauherr noch: am Reich Gottes, dem himmlischen Jerusalem. Den Eckstein dazu, der alles trägt, hat er schon gelegt in Jesus Christus. Nun liegt es an uns Menschen, am Reich Gottes weiterzubauen und die Baustelle der Vollendung entgegenzuführen. Doch dafür braucht es viele fleißige Hände und die sind noch lange nicht alle auf der Baustelle angekommen. Sie stehen noch davor, schauen vielleicht schon mal neugierig über den Zaun, fahren eine Extrarunde um die Baustelle oder bleiben zumindest auf der anderen Straßenseite kurz stehen. Diese Menschen in den Blick zu nehmen, ist die Herausforderung, der die Christen sich immer mehr stellen müssen, soll die Baustelle, das Reich Gottes, vollendet werden. Dann kommen wir an den Punkt, an dem der Vergleich hinkt. An der Baustelle des Glaubens darf nicht das Schild „Betreten verboten“ stehen, um die Neugierigen und Sehnsuchtsvollen außen vor zu halten. An dieser Baustelle ist jeder willkommen und jeder kann und soll an diesem Bau mitbauen, seine Ideen und Gedanken einbringen. An dieser Baustelle muss eigentlich ein ganz anderes Schild stehen: wegen Umbau geöffnet. Und der wichtigste Ort ist die Baustellenausfahrt, der Ort, den man frei halten soll, damit alles aus dem Glauben hinaus in den Alltag fließen kann und die Baustelle Glauben nicht hinter hohen Zäunen verborgen bleibt. So will es der Bauleiter und seinen Bauplan hat er uns allen in die Hand gegeben.

Die Projektstelle, auf die ich heute eingeführt worden bin, ist so eine Baustellenausfahrt, vielleicht auch der Beginn, die Bauzäune trotz Baustellenbetrieb abzubauen. Ich freue mich sehr, dass ich an dieser Stelle den Bauplan unseres Bauleiters mit umsetzen darf. Und dann komme ich wieder zur Kaffeebudenidee zurück, die ich schon in Nordholz beim Bau der Kirche hatte. Bereits im Bewerbungsgespräch habe ich gesagt, dass ich mir vorstellen kann, mit dem Bollerwagen und Kaffee durch die Siedlung zu ziehen, um die Menschen kennenzulernen und von ihnen zu hören, zu erfahren, was sie bewegt. In den Zeitungsartikeln nach der Bekanntgabe der Besetzung der Stelle durch mich war ebenso von diesem Bollerwagen zu lesen. Und was soll ich sagen: Hier steht er. Heute noch nicht mit Kaffeekannen, Teekannen und Tassen gefüllt. Dafür aber mit Zetteln und Stiften. Ich möchte mich zum Tee bei Ihnen einladen, um sie kennenzulernen. Schreiben Sie doch einfach im Laufe des Nachmittags ihren Namen und ihre Telefonnummer auf einen der Zettel und ich rufe Sie an. Wir machen einen Termin aus und ich komme sie auf einen Tee oder Kaffee besuchen. Den selbstgebackenen Kuchen bringe selbstverständlich ich mit. Und wer sich den Bollerwagen einfach nur mal etwas näher anschauen will, der findet noch ein wenig Stärkung darin. Dieses Angebot gilt nicht nur heute, sondern immer, wenn sie den Bollerwagen irgendwo stehen oder fahren sehen.

Denn ich möchte mit Ihnen, den Menschen hier in Riensförde und Ottenbeck, zum einen auf den Baustellen der Stadtteile arbeiten, zum anderen aber auch auf der Baustelle des Glaubens. Dabei können wir keinen besseren Bauherrn als Gott haben, denn wenn er nicht das Haus baut, dann bauen umsonst, die daran bauen.