Schlagwort: Glaube

Zwischen Geist und Geistern…

… Gedanken am Ende eines langen Wochenendes:

In diesen Minuten geht das historische Reformationswochenende zuende. Im Fernsehen läuft noch das Pop-Oratorium Luther. Ich hänge mit meinen Gedanken bei dem, was mir an diesem so historischen Wochenende begegnet ist. Zwischen Geist und Geistern habe ich mich bewegt und mich gefragt, ob sie vielleicht doch zusammengehören, auch wenn das allerorts vehement bestritten wird.

Nach zehn Jahren Vorbereitung feierten heute Gemeinden im ganzen Land Gottesdienste anlässlich des Reformationsjubiläums. Zu allen Tageszeiten öffneten sich Kirchentüren, um in kleinen und großen Feiern die Botschaft der Reformation neu erklingen zu lassen. Von vielen Freunden und Bekannten im kirchlichen Dienst bekam ich über den Tag verteilt Nachrichten, dass die Kirchen gut gefüllt gewesen seien. Mancherorts mussten die Menschen sogar stehen, oder die Türen wegen Überfüllung wieder geschlossen werden. Auch ich war in einem solchen Gottesdienst, in dem schnell noch Stühle in die Kirche getragen wurden und dennoch viele standen. Allen Unkenrufen zum trotz, alle Abgesänge angesichts unsicherer Zahlen beim Kirchentag widerlegend sind heute viele in die Kirchen gekommen, um von der Reformation zu hören, in deren Zentrum diese Gedanken von der Befreiung aus allen Zwängen durch Jesus Christus stehen. Was führte die Menschen hierher? Das Gefühl, einer Tradition verbunden zu sein? Das Bedürfnis, bei diesem einmaligen Feiertag doch irgendwie dabei zu sein? Vielleicht auch die Sehnsucht nach einer wegweisenden Botschaft, wie Luther sie einst hatte? Oder vielleicht auch nur ein besonders gestalteter Gottesdienst?

Dort wo ich war, wurde zum Beispiel eine Kantate aufgeführt, die wahrscheinlich die letzten zweihundertfünfzig Jahre nicht zu hören war, da die Noten in einer alten Bibliothek verschollen waren und erst vor wenigen Jahren wieder an die Öffentlichkeit gerieten. So wurde heute vom Geist gesungen, der allein dazu verhilft Gott zu finden. Vom besten Segen, der der Geist Gottes ist war die Rede und davon, dass Vernunft und Weisheit nicht ausreichen, um Gott zu finden. Denn durch unser Tun und Wissen können wir vor Gott nie bestehen, denn irgendwo wissen wir immer noch nicht alles oder haben auch nicht alles getan. Doch zugleich sind wir genau so mit unserem Tun und Wissen vor Gott gut genug, weil der Segen aus einer ganz anderen Richtung kommt als aus unseren eigenen Erfolgen. Der Geist Gottes ist wirklich der beste Segen!

In vollen Kirchen haben viele heute diese Botschaft hoffentlich gehört und hören wollen. Die Forderung nach einem regelmäßigen Feiertag „Reformationstag“ scheint berechtigt. Der Tag gehört zur Geschichte unseres Landes, hat unsere Kultur und Tradition geprägt.

Am Samstag auf dem Spielplatz habe ich noch anderes gehört. An der Kinderschaukel komme ich mit einer anderen Mutter ins Gespräch. Sie fragt die Kinder nach ihren Halloween-Kostümen und fährt fort, dass sie es schön findet, dass Halloween in diesem Jahr ein Feiertag ist. Das könnte ruhig jedes Jahr so sein. Die Regierung sei da ja am überlegen. Obwohl da ja eigentlich irgendetwas anderes gefeiert würde. Da war wohl irgendwas mit einem Buch und einem Jubiläum. Aber so hätten die Kinder Halloween wenigstens frei und könnten feiern. Ich überlege noch, ob ich ihr erklären soll, was der Reformationstag eigentlich bedeutet. Doch da erzählt sie schon voller Begeisterung von den Kostümen ihrer Kinder und den Vorbereitungen für die abendliche Party.

Diese Begegnung lässt mich nicht los – vielleicht, weil meine Kinder mich später nach Halloween fragen und heute fasziniert die kostümierten Kinder auf der Straße betrachten. Vielleicht aber auch, weil ich mich frage, was die Menschen an diesem „Fest“ so anzieht? Denn eins gilt auch für dieses Anlass: erklären, woher der Halloween-Brauch kommt, können die wenigsten. Auf die Frage, was dort gefeiert wird, erhält man ähnlich vage Antworten wie auf die Frage nach der Bedeutung von Pfingsten. Was also motiviert jedes Jahr mehr Menschen, die Wohnungen und Häuser für einen Abend mit Kürbissen, Spinnennetzen und Geisterdarstellungen auszustatten und zu dekorieren? Ist es die pure Lust an der Verkleidung, der Hunger der Kinder nach Süßigkeiten? Steigt die Freude an diesem Tag stetig, weil Prominente in Amerika es uns vorleben oder weil man eine Gelegenheit braucht, um hinter Masken unerkannt hemmungslos feiern zu können? Wäre ein regemäßig freier Reformationstag da nicht eher Wasser auf die Mühlen des Halloween-Hypes?

Warum aber dominieren ausgerechnet Maskeraden rund um Hexen, Geister, Zombies und andere Gestalten aus der Welt des Bösen und des Todes diesen Tag? Sicher, die Tradition des Vorabends von Allerheiligen gibt dies irgendwie vor, doch davon haben die wenigstens, die hier feiern, eine Ahnung. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr habe ich den Eindruck, dass, auch wenn vielen die Herkunft von Halloween unbekannt ist, sie dennoch in den länger werdenden Nächten der trüben Jahreszeit eine Ahnung von der Endlichkeit ihres eigenen Lebens haben, von der eigenen Verstrickung in die Mächte und Gewalten dieser Welt, von der eigenen Ohnmacht angesichts von Hass und Gewalt oder von den Geistern, die sie selbst durch ihr Tun riefen. Ihnen einmal im Jahr hinter der Verkleidung schamlos ins Gesicht lachen, sie für kurze Zeit aus dem eigenen Leben vertreiben zu können mit allerlei Süßem und Saurem, mit Lachen und Schabernack, kann zumindest für kurze Zeit befreiend wirken. So frage ich mich, ob hinter dem immer größer werdenden Halloween-Kult unserer Tage nicht eine Sehnsucht nach Befreiung aus den Zwängen des Scheiterns, des nicht genug Seins, des endlichen Lebens steht. Die Antwort darauf hat uns Martin Luther vor fünfhundert Jahren noch einmal deutlich vor Augen gestellt. Vielleicht haben gerade deshalb am 31. Oktober Halloween und Reformationstag ihre Berechtigung – Sehnsucht und Antwort. 

Dann aber bleibt eine Frage für mich noch unbeantwortet: waren zehn Jahre Vorbereitung und ein Jahr Feiern hilfreich, Sehnsucht und Antwort einander näher zu bringen? Sprich: was machen wir, wenn morgen, am 1. November, das Reformationsjubiläum zuende ist? Packen wir alles in eine Schublade und machen dort weiter, wo wir vor dem Jubiläum standen? Haben wir gefeiert, um eben zu feiern? Oder war es mehr? War das Jubiläumsjahr ein Schritt auf dem Weg, der Sehnsucht und Antwort zusammenbringt? Haben Menschen außerhalb des innerkirchlichen Zirkels etwas von der Befreiung durch Jesus Christus erfahren, um ihre Sehnsucht zu stillen? Haben Kirchen sich weiter reformiert, um zu den Menschen zu gehen? Haben Christen gelernt, den Menschen aufs Maul zu schauen, ihnen zuzuhören und in ihrer Sprache zu sprechen? Wenn ja, dann sollte der Reformationstag wirklich ein regelmäßiger Feiertag werden, damit wir jedes Jahr damit weitermachen.

Die Antwort auf diese Frage steht noch aus. Vielleicht bekommen wir im Laufe der nächsten Monate, des nächsten Jahres eine Antwort darauf. Oder wie ist euer Resümee zum Reformationsjahr?

Gelesen: Selbst glauben

Mit diesem Beitrag möchte ich euch mal wieder ein neues Buch vorstellen, das ich gerade gelesen habe. Der Titel des Buches lautet Selbst Glauben. 50 religionspädagogische Methoden und Konzepte für Gemeinde, Jugendarbeit und Schule. Mit Florian Karcher, Petra Freudenberger-Lötz und Germo Zimmermann haben sich drei Herausgeber auf den Weg gemacht, nicht nur eine Methodensammlung für die Jugendarbeit zusammenzustellen, sondern unter dem Aspekt einer subjektorientierten Religionspädagogik verschiedene Ansätze und eine Sammlung dazugehörender Methoden in einem Buch zu vereinen. So entsteht eine Dreiteilung des Buches mit einer ausführlichen Einleitung, dem theoretischen Einblick in unterschiedliche Ansätze und einer Zusammenstellung verschiedener zu den Ansätzen gehörender Methoden.

In der ausführlichen Einleitung stellen die Herausgeber den Gedanken der subjektbezogenen Religionspädagogik vor, deren Ziel eine religiöse Subjekt-Bildung und -Werdung ist. Die Praxis dieses Ansatzes ist auf Partizipation und Eigenverantwortung ausgelegt. Allen im Buch vorgestellten Ansätzen liegt daher eine Hermeneutik der Aneignung zugrunde, die mit den Kindern, Jugendlichen, Schülern oder Konfirmanden gemeinsam nach Wegen des Glaubens suchen will. Folgt man dieser Hermeneutik braucht es viele verschiedene religionspädagogische Konzepte, um möglichst viele Kinder und Jugendliche ansprechen zu können. Es gibt nicht das eine für alle gültige Konzept. Entsprechend werden in diesem Buch eben verschiedene Ansätze nebeneinander vorgestellt. Leider wird nicht erwähnt, unter welchen Kriterien die Auswahl erfolgte, ob sie evtl. sogar erschöpfend ist oder es noch andere Ansätze gibt, die diesem Ansatz dienen.

Neben den drei Herausgebern konnten Autoren wie Uta Pohl-Patalong oder Delia Freudenreich gewonnen werden, Konzepte wie die Kreative Bibeldidaktik, Bibliolog oder Godly Play zu beschreiben. Sämtliche Aufsätze folgen dergleichen Struktur, so dass die Konzepte auf diese Art und Weise gut miteinander verglichen werden können. Die jeweiligen Ausführungen erstrecken sich immer nur über wenige Seiten und lassen sich gut auch mal zwischendurch lesen. Außerdem ist allen Aufsätzen eine kleine Liste weiterführender Literatur angefügt. Das hat mir sehr gut gefallen, da die Ausführungen auf Grund der gebotenen Kürze immer nur einen kleinen Einblick in das jeweilige Konzept bieten. Wer mehr wissen will, muss an anderer Stelle weiterlesen oder wie im Falle des Bibliologs eine entsprechende Ausbildung machen. Für einen ersten Einblick sind die Aufsätze aber gut geeignet.

Im dritten Abschnitt des Buches sind den Konzepten mehrere verschiedene Methoden zugeordnet. Nach einem Satz der Kurzbeschreibung folgen Angaben zur benötigten Zeit, Vorbereitung, zum Material und zur Durchführung sowie zur Reflexion der jeweiligen Methode in der Gruppe. Auch Hinweise und Variationsmöglichkeiten werden angeführt. So lassen sich die Methoden gleich mal in der Praxis ausprobieren, um noch einen anderen Einblick in den jeweiligen Ansatz zu erhalten. Vielleicht entsteht dann ja Lust auf mehr und man arbeitet sich in das jeweilige Konzept tiefer ein.

Mein Fazit zu diesem Buch: Wer in der Religionspädagogik unterwegs ist, schon immer für neue Ansätze und Methoden ansprechbar war, wird das ein oder andere bekannte in diesem Buch finden. Konzepte wie der Bibliolog, Godly Play und Interreligiöses Lernen sind schon länger auf dem Markt und hier und da auch schon etabliert. Gerade die Vergleichbarkeit der Ansätze durch den identischen Aufbau der Aufsätze macht das Buch aber interessant. So ist es möglich, für den eigenen Zusammenhang einen hoffentlich passenden Ansatz auszuwählen, ohne gleich zig verschiedene Bücher lesen zu müssen. Die beigefügten Methoden ermöglichen ein erstes Ausprobieren. Wer dann feststellt, dass es passt, wird durch die beigefügten Literaturlisten an die Hand genommen und kann an anderer Stelle weiterlesen. Alles in allem eignet sich das Buch gut, wenn man auf der Suche nach einem Konzept ist und erstmal einen Überblick gewinnen möchte. Wer sich über einen bestimmten Ansatz näher informieren will, sollte zu einem anderen Buch greifen.

Vielleicht nicht unbedingt direkt fresh x, so stellt sich doch innerhalb meines Aufgabenfeldes die Frage nach den Ansätzen und Methoden. Deshalb fand ich es ganz spannend, in dieses Buch mal hineinzulesen. Kennt Ihr das Buch vielleicht schon oder wollt jetzt auch mal hineinschauen? Ich wäre gespannt, von Euren Erfahrungen mit den Methoden zu erfahren. Schreibt doch einfach eure Gedanken dazu in die Kommentare.

 

 

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 1

Nun hat sie also angefangen, die Pionier-Weiterbildung. Auf Facebook hatte ich ja schon darauf hingewiesen. Auch hatte ich dort gepostet, dass jeder Teilnehmer zu Beginn ein Pioniertagebuch erhalten hat. Dort kann hineingeschrieben werden, was man behalten möchte, was einen angeregt hat, was Fragen sind oder was sonst noch bewegt. Aus meinem Tagebuch möchte ich euch regelmäßig berichten. Damit der Überblick nicht verloren geht, zähle ich die Beiträge einfach nach Seiten, auch wenn sie manchmal mehr als eine Seite umfassen.

Genug der Vorrede: Ich schlage Seite 1 auf. Leer lag sie zunächst vor mir. Doch dann ging es irgendwie gleich ans Eingemachte. Alle Teilnehmer der Weiterbildung wurden sogleich als Pionierinnen und Pioniere bezeichnet. Ich schreckte innerlich ein wenig auf. Denn die Frage, ob ich eine Pionierin bin, schwelt noch immer in mir. Eine Antwort wollte ich ja gerade hier finden. So passte es ganz gut, dass der gesamte Einstieg der persönlichen Klärung dienen sollte, was ein Pionier- eine Pionierin ist, was sie ausmacht und wie man diese Frage für sich selbst beantwortet.

Was also ist eine Pionierin? Einige Gedanken sind hängen geblieben: Pioniere sind als erstes vor Ort. Pionierin zu sein heißt, losgehen, erste Schritte wagen. Pionier sein führt auch in die Einsamkeit. Pioniere können alt und jung, introvertiert und extrovertiert, hauptamtlich oder ehrenamtlich sein. Es gibt keine festgeschriebenen Voraussetzungen außer vielleicht eine Unruhe im Inneren des Pioniers, ein Gefühl des Nicht-Hinein-Passens. Letzteres als Gabe Gottes zu verstehen, finde ich herausfordernd. Bisher strebte ich immer danach, endlich mal so richtig dazuzugehören. Doch diese Gabe kann Fluch und Segen, Last und Lust zugleich sein. So gehen Pioniere mit den Prägungen aus Kultur und Biographie in ihrer Heimat im Gepäck, um das Evangelium, dass sie in sich tragen, in einer anderen Kultur mit anderen Biographien ins Gespräch zu bringen. Dazu muss man den eigenen Standpunkt kennen. Eine Pionierin ist eine Wanderin zwischen den Welten.

Wanderin zwischen den Welten – so fühlte und fühle ich mich oft. Sei es als Arbeiterkind an einem altsprachlichen Gymnasium in einer „Ärtze- und Juristenstadt“, sei es als Kirchen-Nerd zwischen den Golfspielern auf dem Grün oder als junge Pastorin in einer Gemeinde, in der der Lieblingssatz lautete „Das machen wir seit 30 Jahren so.“ Man könnte also fast sagen, dass ich im Wandern zwischen den Welten geübt bin. Das Gefühl nicht Hineinzupassen ist immer wieder Teil meines Lebens gewesen. Allerdings ist es irgendwie nicht das, was mich momentan motiviert. Es ist eher diese Unruhe in mir, die ich manchmal nicht erklären, in Worte fassen kann. Es ist das Gefühl, dass ich nicht ganz da, vor Ort bin, dass irgendwas im Bauch grummelt. Dieses Gefühl treibt mich an, denn auch ich möchte mich gerne wohlfühlen, wo ich bin. Vielleicht ließe es sich auch als die Sehnsucht nach meinem Paradies beschreiben, nach der für mich perfekten Lebenssituation. Dazu gehört auch mein Traum von Kirche, den wir heute zwischen Playmobil und Lego, zwischen Buntstiften und Playdoo in Sichtbares umsetzen sollten.

Wenn dieses Gefühl da ist, dann mag ich aktiv werden. Dann blitzen Ideen in mir auf, dann entwickeln sich Visionen, die immer auf die eine hinauslaufen – ein für die Welt relevantes, fröhlich gelebtes Christentum. Ich glaube daran, dass es möglich ist, dass Gott längst am Werk ist. Dann, wenn die Unruhe in mir aufsteigt, dann will ich handeln, losgehen, loslegen – mitbauen an dem, was Gott längst begonnen hat.

Wenn es das ist, was eine Pionierin ausmacht, dann bin ich eine. Das ist mir heute klar geworden. Damit ist mir der Begriff Pionier allerdings noch nicht sympathischer geworden. Ich habe den Eindruck, dass er vor allem der Beschreibung und Abgrenzung von schon bestehenden Aufgaben und Tätigkeiten in der Kirche dient. Ich frage mich aber, ob nicht in jedem, der in der Kirche und der Welt unterwegs ist, diese Unruhe wirken sollte, bis wir den Himmel auf Erden haben. Deshalb möchte ich lieber von der Gabe der Unruhe oder des Nicht-Hinein-Passens sprechen, die sich in die Reihe der anderen Gaben, der des Leitens, des Visionierens, der Seelsorge, des Lehrens …, einreiht.

Wie ich diese Gabe zum Ausdruck bringe, umsetze, ist wohl die nächste große Herausforderung, vor der ich nun stehe – und mit mir all die anderen, die das Gefühl haben, ihrer Unruhe Ausdruck verleihen zu wollen. Es sind noch viele Seiten im Pioniertagebuch frei – ich bin gespannt, wie sie gefüllt werden.

Bis ich die nächste Seite des Tagebuches aufschlage, würde ich gerne wissen, wie es euch geht mit dem Gefühl der Unruhe oder des Nicht-Hinein-Passens. Hinterlasst doch einfach einen Kommentar.

Bin ich Pionierin?

Anfang des Jahres, gerade hatte ich meine neue Pfarrstelle angetreten, drückte mir jemand einen Flyer in die Hand. „Weiterbildung für Pioniere in Kirche: Mission : Gesellschaft“ stand da drauf. Ich nahm in mit, schaute ihn an und dachte „Das bist du nicht!“ Ich tue doch nur meine Arbeit, meinen Dienst auf dem Weg hin zu einer anderen Form von Kirche. So blieb es – einige Wochen und Monate lang. Dann fragte bei Twitter jemand in den Orbit: Wer hat sich zur Pionierausbildung angemeldet?“ und jemand anderes antwortete: „Ich nicht, aber pastrix_sabine bestimmt!“ Nein, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht, hatte es ja auch schon lange Zeit verdrängt. Doch es arbeitete in mir. In diesem Moment merkte ich es. Aber noch immer meldete ich mich nicht an.

Anfang Mai, ich räumte gerade auf meinem Schreibtisch auf, fiel aus einem Buch ein Flyer – der Flyer. Wieder las ich ihn. Anmeldeschluss war Ende Mai. Sollte ich mich anmelden? Bin ich eine Pionierin? Wieder legte ich den Flyer weg, doch in dieser Nacht schlief ich ziemlich schlecht. Am nächsten Tag mailte ich meinem Superintendenten – würde er seine Zustimmung zu einer Anmeldung geben? Schließlich brauchte ich dafür eine Dienstbefreiung. Es brauchte einige Tage, doch dann antwortete er: „Melden Sie sich ruhig an!“. Gesagt, getan, bevor ich wieder ins Zweifeln gerate. Einige Tage später schon die Bestätigung, dass ich dabei bin, und wieder ein paar Tage später die Information, dass der Kurs voll ist.

Seither denke ich darüber nach, ob ich eine Pionierin bin? Oder werde ich durch die Weiterbildung erst eine Pionierin? Was ist überhaupt eine Pionierin? Wenn ich etwas dazu lese, dann lese ich oft von dem Gefühl, nicht hineinzupassen. Das kenne ich. Das beschleicht mich schon seit meiner Jugend immer wieder. So gerne ich auch Gottesdienste gestalte und feiere, so gerne ich in der Gemeinde gearbeitet habe, immer war da irgendwie dieses Gefühl, dass es nicht meine Gemeinde ist. Oft habe ich mir die Frage gestellt, ob ich in den Gottesdienst ginge, wenn ich nicht die Pastorin wäre. Würde ich eine Gruppe, eine Veranstaltung besuchen, vielleicht mich sogar für länger verpflichten? Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen: Nein! Das würde ich wohl nicht tun. Irgendetwas fehlte mir immer. Wie oft habe ich den Scherz gemacht: Irgendwann gründe ich mal meine eigenen Gemeinde! Eine, wo ich endlich mal richtig hineinpasse.

Bin ich eine Pionierin? Ich weiß es nicht. Aber ich bin aufgebrochen, habe mich angemeldet. In eineinhalb Wochen beginnt die Weiterbildung und ich bin gespannt, was dann auf mich wartet. In den letzten vier Wochen sollten wir schon mir einer Kamera anhand von elf Sätzen auf Entdeckungsreise gehen. Eine Einwegkamera – ich vermute, die Bilder sind verwackelt, unscharf, nicht genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Wie hält man schon in einem Bild fest, was für mich ein heiliger Ort ist, oder wo ich Kreativität wahrnehme. An vielen Sätzen habe ich lange gehangen, überlegt, was ich wohl fotografieren soll. Bei einem Satz aber war ich mir gleich sicher: Typisch Pionier! Ein gelber Kinderspaten mitten im Blumenbeet wird zu sehen sein. Und das, obwohl ich mir nicht so sicher bin, was ein Pionier – eine Pionierin ist. Bin ich eine Pionierin? Die Frage bleibt. Ich hoffe, ich werde in den nächsten beiden Jahren der Weiterbildung eine Antwort finden.

Auf jeden Fall nehme ich euch aber an dieser Stelle mit auf meinen Weg durch die „Weiterbildung für Pioniere in Kirche: Mission : Gesellschaft“. In eineinhalb Wochen geht es los und ihr dürft gespannt sein. Bis dahin frage ich euch: Was ist ein Pionier / eine Pionierin für euch? Seid ihr vielleicht selbst einer / eine?

Sonntag ist Ruhetag – wirklich?

Vor ein paar Tagen im Urlaub zog es mich in ein kleines Geschäft mit Tee und Keramik – „Ostseeschönheiten“ stand über der Tür. Ich gehe hinein, schaue mich um. Während mein Blick über Tassen und Dosen schweift, höre ich im Hintergrund die Inhaberin des kleinen Ladens telefonieren. Aus den Wortfetzen schließe ich, dass wohl jemand ihr Angebot mit eigenen Augen sehen möchte. Plötzlich höre ich die Inhaberin sagen: „Sonntags habe ich grundsätzlich zu. Da ist der Tag des Herrn!“ Niemand in ihren Räumen kann ihre Worte überhört haben. Das war wohl auch gar nicht ihre Absicht. Denn was ich gerade noch als vielleicht matten Spruch zur Verteidigung der Öffnungszeiten gedeutet habe, entpuppt sich beim Blick zur Tür als ihre feste Meinung. An einem kleinen Ständer hängt dort eines der bekannten Schilder vom Sonntag als dem Tag des Herrn. Ich ziehe innerlich den Hut vor dem Mut dieser Frau, in einer Touristenstadt, in der die anderen Geschäfte und Einrichtungen so viel wie möglich am Sonntag geöffnet haben, konsequent ihre Ladentüren geschlossen zu halten. Rückblickend ärgere ich mich auch, dass ich es ihr nicht gesagt habe. Ich war wohl irgendwie zu erstaunt darüber, denn ich habe es an dieser Stelle gar nicht erwartet.

Draußen vor der Tür komme ich mit meinem Mann darüber ins Gespräch und trage die Gedanken lange an diesem Tag mit mir mit. Da steht eine Frau mutig für den freien Sonntag als Tag des Herrn ein. Gleichzeitig diskutieren wir aber landauf landab über die besten Gottesdienstzeiten. Ist es noch der Sonntag morgens um 10.00 Uhr? Wäre nicht eine andere Zeit viel angebrachter? Ist es überhaupt noch der Sonntag? Oder müssten wir unsere Gottesdienste nicht besser auf einen anderen Tag in der Woche legen, um im Alltag der Menschen einen Ort dafür zu finden bzw. zu bekommen? Gehört der Sonntag nicht eher der Familie? Auch ich genieße es doch, am Sonntag mit meinen Kindern ganz in Ruhe frühstücken zu können. Da wird die Zeit schon eng, wenn wir dann noch in den Gottesdienst gehen wollen. Ist der Sonntag noch angemessen als Ruhetag oder Tag des Herrn?

Unabhängig von der Frage nach dem Gottesdienstbesuch haben verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass Menschen Ruhezeiten brauchen, um in den anderen Zeiten in Arbeit, Schule und Familie bestehen zu können. Gerade in den Sommerferien habe ich einen Artikel gelesen, dass man den Kindern in den Ferien auch die Langeweile lassen soll und sie nicht mit „freiwilligem Lernen“ oder anderen Ferienprogramm zu überfrachten. Nur dann können sie ihre Kreativität voll entwickeln und in den Schulzeiten aufnahmebereit sein für alles, was der Unterricht und die Schule ihnen abverlangen. Der Mensch braucht Pausen, sonst verliert er an Kraft. Das gilt auch für den Wochenverlauf des Alltags.

Nun höre ich schon die Stimmen, die sagen, dass dann doch jeder alleine entscheiden soll, wann er sich diese Zeiten nimmt. Außerdem sei es nun einmal in unserer Gesellschaft so, dass nicht alles am Sonntag still stehen könne, schließlich bräuchten wir doch Ärzte, Polizei und all die anderen Dienstleister. Ja, das stimmt. Aber die, die an diesen Tagen ihren Dienst tun, tun dies nicht jeden Sonntag, nicht 52 Wochen in Folge. Ihr Dienst am Sonntag ist nicht der Dienst des Alltags. Er ist anders als an einem Montag oder Dienstag. Die meisten dieser Arbeitnehmer arbeiten wechselschichtig  und haben so ein Wochenende frei und arbeiten am nächsten. Und sie freuen sich auf ihr freies Wochenende.

Der Mensch braucht Pausen, er braucht freie Zeiten, um in den anderen Zeiten seine ganze Kraft für seine je eigenen Aufgabe einsetzen zu können. Natürlich sind diese freien Zeiten nicht an einen bestimmten Tag gebunden. Selbstverständlich könnte jeder seinen freien Tag an einem anderen Tag haben. Vielleicht wäre das wirtschaftlich sogar für die Gesellschaft von Nutzen. So gut kenne ich mich mit Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft nicht aus, um das beurteilen zu können. Ich gebe ehrlich zu, es interessiert mich auch nicht so sehr, dass ich mir weiter damit auseinandersetzen wollte. Doch eine Frage stelle ich mir: welche Auswirkungen hätte der individuelle freie Tag auf unser soziales Zusammenleben? Wie würde das gemeinsame Leben der Familien aussehen, wenn die Kinder am Sonntag, der Vater am Montag und die Mutter am Mittwoch frei hätte und zwar nicht nur zwei oder dreimal im Jahr sondern jede Woche über viele Jahre? Wie würden Menschen zusammen leben, wenn die Freunde, Bekannten an ganz anderen Tagen als man selbst frei hätte. Träfe man sich noch zum Essen oder zum Fußball spielen? Wären solche Phänomene wie die Bundesliga und ihre Fankultur überhaupt noch möglich?

Wir alle ziehen unsere Kraft zum Leben nicht nur aus der täglichen Arbeit. Wir sind auch auf unsere sozialen Beziehungen als Kraftspender angewiesen. Dazu braucht es aber gemeinsame Zeit, mehr Zeit als morgens die halbe Stunde beim Frühstück oder zwei Stunden am Abend, mehr als zwei Wochen gemeinsame Zeit im Urlaub einmal im Jahr. Deshalb, denke ich, ist es notwendig, dass wir uns auf einen gemeinsamen Tag in der Woche einigen, den wir, so weit es geht, von Arbeit und für die notwendigen Pausen frei halten. Wie wir diesen Tag gestalten, ist wohl unseren eigenen Bedürfnissen und Lebensumständen geschuldet. Die einen planen den Tag mit ihrer Familie, mit gemeinsamen Frühstück oder Radtour zum See. Die anderen treffen Freunde beim Fußball oder entspannen beim Lesen oder Malen. Sie alle sammeln in diesen Zeiten neue Kraft für die Woche.

Für mich gibt es einen weiteren Kraftspender, den Kraftspender überhaupt. Es ist der Glaube an den dreieinigen Gott. Deshalb brauche ich auch die Gemeinschaft mit anderen Christen, das gemeinsame Loben und Beten, um in den anderen Zeiten meine ganze Kraft in meine Aufgaben investieren zu können. So merke ich, dass ich unruhig werde, wenn ich längere Zeit mal keinen Gottesdienst besucht habe. Dass dieser nicht immer am Sonntag sein muss, auch ich das ausgiebige Frühstück mit meiner Familie am Sonntagmorgen genieße, steht dabei außer Frage. Natürlich könnte der Gottesdienst auch an einem Freitagabend gefeiert werden, damit er in meinen Alltag hineinpasst. Doch auch für den Gottesdienst gilt: der gemeinsame freie Tag ermöglicht es, dass möglichst viele an diesem Gottesdienst teilnehmen könnten. Und das viel zitierte Familienfrühstück, das endlich einmal Ausschlafen am freien Tag? Vielleicht könnte man das eine mit dem anderen verbinden? Vielleicht wäre ein Sonntagsbrunch zu späterer Zeit mit dem Gotteslob zu verbinden? Vielleicht ist es auch eine Frage der Wertigkeit unserer Gottesdienste?

Ich bin froh über den Sonntag als gemeinsamen Tag. Ich bin dankbar, dass unser Gesetzgeber noch immer an seinem Schutz festhält und dabei die christliche Tradition des ersten Tages der Woche als freiem Tag fortsetzt. Es ist wichtig, dass der Mensch solche Tage zum Kraft sammeln hat. Mein Traum wäre es noch, an diesem Tag mit möglichst vielen Menschen den Kraftspender Gott zu feiern. Warum wir es in unserem Kirchen nur noch mit wenigen tun, hängt meines Erachtens weniger am Tag als an der Uhrzeit und der Form. Warum nicht mal über eine andere Art des Gottesdienstes nachdenken, vielleicht so wie es schon in bei den ersten Christen üblich war, mit Essen und Trinken und zu einer der Hausgemeinschaft angepassten Uhrzeit, mit viel Gespräch und Diskussion des Evangeliums aber nicht unbedingt in starre liturgische und mittlerweile fremdgewordene Formen gepresst. Ich merke, dass ich immer weniger über den Sonntag als Tag des Herrn nachdenke als vielmehr über die Formen des Gottesdienstes. Denn der Sonntag ist mir heilig, nur den zu meinem Alltag passenden Gottesdienst habe ich noch nicht gefunden!

Wie geht es euch mit dem Sonntag? Ist er der Tag zum Kraft sammeln, vielleicht auch im Gottesdienst? Habt ihr vielleicht sogar schon eure Form des Gottesdienstes gefunden?

 

 

Vom Fußball lernen

In diesen Tagen geht die Fußballsaison wieder los. Bereits am Freitag startete die 1. Runde des DFB-Pokals, am 18. August dann die 1. Bundesliga. Nun möchte ich nicht behaupten, dass ich eine Fußballexpertin oder ein überzeugter Fan bin. Doch es gibt einen Verein, dem ich schon seit Kindertagen treu bin. Jedes Wochenende suche ich nach den Spielergebnissen und die großen Spiele schaue ich auch gerne in der Übertragung im Fernsehen. Aber im Stadion war ich noch nie. Erst waren sie für mich als Jugendliche zu weit weg, dann als Studentin die Karten zu teuer und heute unternehme ich am Wochenende lieber etwas mit meiner Familie. Aber die Kultur der Fußballstadien fasziniert mich schon.

Wenn jedes Wochenende zehntausende Menschen sich zum Teil auf weite Wege machen, um ihrem Verein beim Spiel beizustehen, zieht mich der Gedanke, doch einmal dabei zu sein, in seinen Bann. Spätestens als im Mai das DFB-Pokalfinale mit dem Kirchentag zusammen in Berlin ausgetragen wurde, war der Vergleich zwischen Kirche, Gottesdienstbesuch und Fußball mal wieder Thema der Öffentlichkeit. Was mir bei den meisten der Veröffentlichungen auffällt ist, dass entweder der Fußball mit den Kennzeichen einer Religion oder religiösen Ritualen verglichen wird, um ihn als Ersatzreligion zu kennzeichnen. Oder aber es folgt nach dem Vergleich beider Einrichtungen ein für die Kirche ziemlich schlechtes Fazit, in dem festgestellt wird, dass Kirche ihre Schafe nicht genügend anspricht, die eigenen Rituale nicht mehr ausübt, den Menschen im Gegensatz zum Fußball keinen Sinn mehr stiftet. 

Und innerkirchlich? Da begegnet mir oft so etwas wie eine Neidkultur. In der Öffentlichkeit wird dargestellt, was man mit den zum Teil horrenden Ablösesummen in den Armutsgebieten dieser Welt bewirken könnte. Es wird kritisiert, auf welche Art und Weise religiöse Rituale für den Fußball missbraucht werden, oder dass die Spiele am Wochenende kirchlichen Veranstaltungen die Besucher wegnehmen. Intern aber schielt so mancher auf die Besucherzahlen eines Fußballspiels und das beginnt schon beim kleinen Dorfverein. Die Mechanismen der Fußballkultur werden unter die Lupe genommen und analysiert. Und manch Geistlicher spielt in seiner Freizeit gerne mal im Verein oder besucht das eine oder andere Spiel. 

Wie also mit diesem Phänomen umgehen? Für mich steht fest, ich komme nicht daran vorbei. Ich will es auch gar nicht, schließlich gehört meine Aufmerksamkeit, wie schon erwähnt, auch einem bestimmten Verein. Die Fans oder die Vereine oder die Kultur zu kritisieren, liegt mir entsprechend fern. Denn eins ist mir klar: auch wenn mit den Millionen Ablösesumme, die in den letzten Wochen zwischen den diversen Vereinen ausgetauscht wurden, mehrere tausend Kinder in Afrika versorgt werden könnten (wie es in meiner Timeline bei Facebook tagelang zu lesen war), so käme das Geld da nicht an, würden diese Summen nicht gezahlt werden. Diese Probleme müssen anders gelöst werden und das ist definitiv wichtiger als ein Fußballspiel. Doch letzteres darf dennoch gerne ausgetragen werden. Es geht nicht um ein entweder – oder. Deshalb möchte ich vom Phänomen Fußballkultur lernen. Denn es gibt einige Dinge, die dort nach meinem Eindruck selbstverständlich sind, von denen höre ich „bei Kirchens“ oft, dass das heute nicht mehr geht, weil die Menschen sich verändert haben.

Wenn ich mit eingefleischten Fußballfans ins Gespräch komme, dann erzählen sie mir oft, dass ihr Herz dem Verein gehört. Meistens ist sogar die ganze Familie Anhänger ein und desselben Vereins. Dann sind alle bereit besonders für wichtige Spiele auf den einen oder anderen Termin zu verzichten, um im Stadion dabei zu sein, oder auch an einigen Stellen zurückzustecken, um die Jahreskarte und die Fahrten zu den Auswärtsspielen zu finanzieren. Gerne bindet man sich mit der Jahreskarte für ein Jahr an den Verein, mehr noch, dem Verein gehört das Herz ein Leben lang. Das steht fest. Im Stadion kann jeder Fan eine besondere Gemeinschaft teilen. Dort werden Freude und auch Trauer geteilt, dort können Männer zusammen weinen. All das haben mir Fans schon erzählt und ich habe den Eindruck, ein Spiel im Stadion wirkt anziehend, weil man etwas teilt, zusammen erlebt. Ein Fußballspiel im Stadion ist toll, weil viele andere schon da sind. Fußballfans empfinden ihr Leben als bereichert durch den Verein, die anderen Fans. Das geht bis zur Hochzeit im Stadion und auch die Bischofseinführung meiner Landeskirche wurde in Räumen des Stadions gefeiert.

Mich fasziniert diese Fankultur, denn wenn ich ehrlich bin, würde ich mir vieles davon für das Leben in der Kirche wünschen. Menschen, die ihr Leben durch Jesus Christus als bereichert empfinden, ihren Alltag am Terminkalender der Gemeinde ausrichten, bereit sind, an anderen Stellen zurückzustecken, um am Leben der Gemeinde teilzunehmen, da sie dort die Gemeinschaft finden, die sie suchen. Die Realität aber sieht oft anders aus. Das wissen wir alle. Doch es gibt Ausnahmen. Auch in christlichen Zusammenhängen habe ich diese Erfahrungen schon gemacht. Im letzten Jahr beim Willow Creek Leitungskongress in Hannover z.B. oder bei Dynammissio in Berlin im März. Es gibt sie, die christlichen „Großveranstaltungen“, zu denen die Menschen weite Wege auf sich nehmen und einiges bereit sind zu opfern, um daran teilzunehmen. Auch sie erleben eine besondere Gemeinschaft, teilen Trauer und Leid, selbst wenn sie sich gerade erst kennengelernt haben. Doch nicht nur bei Großveranstaltungen habe ich diese Erfahrungen schon gemacht. Auch in einem kleinen Gottesdienst, bei einem Treffen von Christen zum Frühstück stellte sich dieses besondere Gefühl schon bei mir ein. Da war ich selbst bereit, viele Kilometer zu fahren, um dabei zu sein. Es ist ein besonderer Geist, der hier weht.

Es ist wohl auch ein besonderer Geist, der die Fußballfans in die Stadien zieht oder ins kleine Vereinsheim. Nur dass der Geist in Sachen Fußball nach außen irgendwie lebendiger wirkt. So stelle ich mir die Frage, wie ich daran mitwirken kann, dass der Geist Gottes mindestens ebenso lebendig wirkt und die Menschen um mich herum fasziniert. Ich frage mich, was ich für diese Aufgabe vom Fußball lernen kann. Die Konzentration auf den einen Mittelpunkt, um den sich alles andere dreht, scheint mir dabei entscheidend. Steht der dreieinige Gott im Mittelpunkt unseres Glaubenslebens? Oder sind andere Dinge entscheidender? Manchmal habe ich den Eindruck, dass z.B. über das diakonische Handeln oder die gewünschte Außendarstellung der Gemeinde die eigentliche Mitte aus den Augen verloren wird. Gehe ich in den Gottesdienst, um Gott zu feiern, von ihm zu hören, oder um Menschen zu treffen, den neusten Klatsch zu hören und von anderen gesehen zu werden? Vielleicht können wir genau das vom Fußball lernen: uns auf die Mitte zu konzentrieren. Gott in den Mittelpunkt meines Denkens und Handelns zu stellen will ich üben und hoffentlich damit andere faszinieren, dass sie es ebenso versuchen. Denn ich will nicht neidisch auf den Fußball schauen, sondern von ihm lernen. Es geht nicht um ein Entweder-oder. Ich freue mich schon jetzt auf den Gottesdienst am Wochenende, die Predigt, das Gotteslob und die Fußballergebnisse werde ich auch wieder verfolgen.

Wie geht es euch? Was fasziniert euch? Was ist euer Mittelpunkt, um den sich alles andere dreht?

 

Ganz(e) Kirche?

Fresh X sind ekklesial heißt es in Fresh X. Der Guide. Fresh X sind Kirche, Gemeinde. Sie sind nicht die ganze Kirche, aber sie sind ganz Kirche. Damit sind sie theoretisch jeder „normalen“ Ortsgemeinde gleich gestellt, gleich wichtig, gleich wertig. Sie sind Teil der einen Kirche in der Welt.

Was sich erst einmal sehr einleuchtend anhört, ist für viele durchaus ein Stein des Anstoßes. Entscheidet sich daran doch nicht nur die Verteilung finanzieller Mittel durch kirchliche Ämter. Auch das eigene Kirchenverständnis wird hier auf die Probe gestellt. Was ist Kirche? oder: An was denkst du, wenn du an Kirche denkst? Ist es das imposante Gebäude im Ortskern, irgendwann aus der Zeit des Barock, wundervoll ausgestattet und leider ziemlich kostspielig in der Unterhaltung? Oder ist es eher der kastige Betonbau im Stadtteil um die Ecke, der innen bunt gestaltet ist, dich dringend ein neues Dach bräuchte?

Andere mögen an ihre Kirchengemeinde denken, an die verschiedenen Angebote für Junge und Alte, von Kindergottesdienst bis Seniorenkreis, oder an die schöne Taufe, die man dort gefeiert hat, oder auch an den Spaß in der Konfirmandenzeit. Wiederum andere verdrehen bei dem Wort die Augen, weil ihnen Kirchensteuer und Skandale in den Sinn kommen. Aber ist das alles Kirche? Irgendwie schon, denn es bestimmt unsere Realität. Doch das Wesen von Kirche sieht hoffentlich anders aus.

Im Manuskript ihres Vortrags auf dem Kirchentag bin ich bei Nadia Bolz-Weber auf ein Gedankenspiel gestoßen, das mich nicht mehr loslässt. Was wäre, wenn die Kirche nur noch fünf Jahre hätte und nichts dieses Ende verhindern könnte? Wie würde das kirchliche Leben dann aussehen? Fielen wir alle in eine tiefe Depression und würden lethargisch auf das Ende warten? Würden wir weitermachen wie bisher? Oder würden wir aufhören, in Gebäude zu investieren, die wir uns eigentlich gar nicht leisten können? Würden wir weiter um den Gottesdienst am Sonntag Morgen kämpfen oder uns einfach am Freitag Mittag oder Dienstag Abend treffen? Vielleicht könnten wir auch einfach alle Sitzungen absagen und die Zeit in der Nachbarschaft verbringen. Vielleicht könnten wir das Abendmahl nicht nur einmal im Monat, sondern täglich an völlig unterschiedlichen Orten wie der Tankstelle, dem Seniorenheim, dem Park oder dem eigenen Wohnzimmer feiern.

Zum Manuskript von Nadia Bolz-Weber

Hoffen wir, dass die Kirche noch mehr als fünf Jahre besteht. Doch was diese Gedanken mich lehren ist, dass all diese äußerlichen Gegebenheiten nicht darüber entscheiden, was Kirche ist.

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ sagt Jesus (Mt 18,20). für mich ist die ein, wenn nicht der zentrale Satz mit Blick auf die Kirche. Jesus, das Evangelium ist die Mitte oder das innere Wesen der Kirche. Wo sich Menschen in seinem Namen versammeln, da entsteht Kirche. Dabei ist Kirche stets im Werden, ist nie gleich, verändert sich immer wieder mit den Menschen, die am jeweiligen Ort, im jeweiligen Kontext zusammen kommen.

Kirche ist eine Gemeinschaft von Menschen, die von Beziehungen geprägt ist. Diese Beziehungen werden nach Michael Moynagh, Fresh X. Das Praxisbuch, in vier Dimensionen ausgelebt. Neben der Dimension nach oben, der Beziehung mit und zum trinitarischen Gott, stehen die Beziehungen ins Innere der Gemeinschaft hinein und nach außen zu den Menschen in der Liebe und dem Dienst für die Welt. Die vierte Beziehungsdimension ist die der Verbindung mit der ganzen Kirche. Wenn eine Gemeinschaft in diesen Dimensionen lebt und wächst, dann ist sie Kirche. Damit sind aber die äußeren Faktoren wie Ort, Zeit, Gruppengröße oder Leitungsstil nicht entscheidend. Oder anders gesagt: Die Zeiten, in denen man Kirche am Kirchturm erkannte, sind vorbei oder waren nie da.

Ich „brenne“ für diese Kirche, denn auch wenn ich gerne in barocke Kirchen gehe, so hängt die Existenz der Kirche nicht an Äußerlichkeiten. Jeden Tag kann sie anders aussehen, an jedem Tag an einem anderen Ort neu werden. Jeden Tag baut Jesus Christus, die Mitte der Kirche, seine Kirche neu. Diese Kirche wird nicht aufhören zu bestehen, egal wie klein Kirchengemeinden vor Ort werden. Und ich darf mich jeden Tag neu von ihr überraschen lassen. Vielleicht wird morgen schon in meinem Wohnzimmer Kirche sichtbar oder in deinem Garten.

 

Hier noch einmal die Links zu den anderen Beiträgen der Reihe zu den Kennzeichen einer Fresh X:

Ein optimiertes Leben?

Von „optimiere dein Leben“ bis zum „Weg in ein neues Leben“ reicht die Ratgeberliteratur, an die ich denken musste, als ich das erste Mal davon las, dass fresh expressions of church lebensverändernd sein wollen. Doch was verbirgt sich wirklich hinter diesem Wort? Eine Fresh X „lädt Menschen in die Nachfolge Jesu ein. Persönliche Beziehungen und wachsender Glaube führen zur Lebensveränderung.“ heißt es bei Reinhold Krebs und Daniel Rempe in Fresh X. Der Guide. Ziemlich gestelzt für mein Empfinden. Aber das, was dahinter steht, spricht mir aus dem Herzen, schließlich habe ich es selbst erlebt.

Als ich als Jugendliche beschloss, in der christlichen Jugendarbeit aktiv zu werden, lernte ich eine besondere Gemeinschaft junger Menschen kennen. Da waren jüngere und auch ältere, die sich für mich interessierten, die fragten, wie es mir geht, was mich beschäftigt. Sie begleiteten mich durch die unterschiedlichsten Lebenslagen und riefen mich an, wenn ich nicht zum Treffen erschien. Ich fragte, warum sie das taten und machte mich mit ihnen zusammen auf die Reise des Glaubens. Diese Erfahrungen veränderten mich und meine Sicht auf Kirche. Hier ging es um mein ganzes Leben und nicht nur um meinen Gottesdienstbesuch am Sonntag. „Wie kann ich auch am Montag glauben?“ wurde zur Frage, die mich begleitete. Es sollte jeder und jede erfahren, dass ich an Gott glaube. Und zugleich war das ein Wagnis. War ich bereit und in der Lage, über meinen Glauben zu reden, mich mit den Bemerkungen und manchmal auch mit dem Spott der anderen auseinanderzusetzen? Doch auch da halfen die persönlichen Beziehungen zu den anderen in der Jugendarbeit. Das, was ich dort erlebte, war eine tiefe Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft trug auch die, die nicht glaubten und auch deren Leben veränderte sich durch die Gemeinschaft. Sie wollten in und mit dieser Gemeinschaft leben und lebten damit oft ein Leben in der Nachfolge Jesu, ohne selbst schon an ihn zu glauben.

Seit ich auf Fresh X gestoßen bin, fühle ich mich oft an diese Gemeinschaft zurückerinnert und an die Zeit, in der ich das Gefühl hatte dazu zu gehören und in die Gemeinschaft hineinzupassen. Diese Zeit war es auch, die mir den Weg zum Glauben und zur Theologie geebnet hat. Eine solche Zeit wollen Fresh X den Menschen schenken. Wer eine Gemeinschaft für den Alltag findet, in der er sich durch gute Beziehungen zu den anderen wohl fühlt, dessen Leben wird verändert. Wer dann noch eine solch tiefe Beziehung zu Gott entwickeln kann und pflegt, der wir sein Leben erst recht neu erfahren.

So habe ich den Eindruck, dass das dritte Merkmal einer Fresh X – die Lebensveränderung – immer dann von selbst angestoßen wird, wenn die Fresh X für den Menschen passt, der zu ihr kommt. Deshalb sind der Kontextbezug und die Lebensveränderung manchmal nur schwer zu differenzieren und bedingen sich gegenseitig. Doch das macht es gerade auch so spannend, darüber nachzudenken und es selbst zu erleben. Wenn ich dann noch die Dimension der Kirche mitdenke, dann ist für mich eine noch so kleine Fresh X irgendwie weltbedeutend. Aber damit bin ich schon beim vierten Merkmal einer Fresh X und darüber schreibe ich ein anderes Mal.

Jetzt würde mich vielmehr interessieren, ob ihr eine solche Gemeinschaft auch schon mal erlebt habt, und ob und wie sie euer Leben verändert hat?

Wer meine anderen Beiträge zu den Merkmalen einer Fresh X nachlesen möchte, findet hier die Links:

 

Kirche geht und bleibt

Es ist schon einige Zeit her, da schickte mir ein Freund den Link zu einem Videoclip. „Kirche geht“ war der Titel und ich fragte mich „Wohin?“. Ist sie überflüssig geworden. Brauchen wir sie nicht mehr? Ist ihre Zeit endgültig vorbei? Der Clip erzählt von einem anderen „gehen“. Kirche geht aus ihrer Burg heraus wieder ins Umland. Menschen gehen hinaus und erwarten nicht, dass die anderen zu ihnen kommen. Sehr kurz gesagt beschreibt dies, was „kontextuell“ als Kennzeichen einer Fresh X bedeutet. Seither ist mein Leitspruch: Ich will mich ans Lagerfeuer der Menschen setzen und mit ihnen über ihre Themen reden.

zum YouTube-Video „Kirche geht“

Das ist sicher etwas kurz zu kurz gegriffen, doch holzschnittartig trifft es zu. Sich anzupassen ist Teil jeden Lebens. Jeder, der in eine andere Umgebung kommt, auf Menschen trifft, passt sich in gewisser Weise an. Sei es, dass man sich auf eine gemeinsame Sprache einigt oder die Höflichkeitsformen des anderen adaptiert. Wer kommt schon auf die Idee in England rechts zu fahren und zu meinen, das müssten nun auch alle anderen tun? Das gilt aber nicht nur für Situationen im Ausland oder mit fremden Menschen. Wenn draußen die Sonne scheint und mehr als zwanzig Grad herrschen, werden die wenigsten in Winterjacke und Stiefeln unterwegs sein. Der Mensch passt sich immer seiner Umgebung an – mal mehr und mal weniger.

Auch Gott passt sich in gewisser Weise an. Die Bibel ist in Anpassung an die Zeit ihrer Entstehung geschrieben. Nur so konnte sie den Menschen eine verständliche Botschaft vermitteln. Gott selbst ist in Jesus Mensch geworden, hat sich unserer Welt angepasst, damit seine Liebe und Gnade für uns Menschen begreifbar wird.

Nun verändert sich unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere Welt ständig. Was ich in meiner Kindheit gut fand und gerne gemacht habe, ist für mich als Erwachsene vielleicht schon längst nicht mehr angesagt. Vor fast zwanzig Jahren bekam ich mein erstes Mobiltelefon. Das ich einmal damit im Internet surfen, einkaufen und Menschen in der ganzen Welt Nachrichten schreiben würde, habe ich damals nicht zu träumen gewagt. Genauso verändert sich die Kultur und die Gesellschaft ständig. Die Gesellschaft ist sehr viel heterogener geworden als noch vor ein paar Jahren. In diesem Umfeld dient die Kirche immer noch vielen. Vielen dient sie aber auch nicht mehr, weil sie sich nicht mehr angesprochen fühlen, weil die Kirche nicht mehr zu ihrem Umfeld passt. Genau deshalb muss Kirche wieder zum Milieu und zu den Lebensumständen derer passen, die sie erreichen will. „Darum entwickeln Fresh X neue Formen von Gemeinde für unsere sich verändernde Kultur.“ So heißt es in Fresh X. Der Guide von Reinhold Krebs und Daniel Rempe. Hingehen, hinhören und hinsehen seien dabei die ersten Schritte auf dem Weg.

Kirche passt sich an, ist kontextuell. Das heißt aber nicht, dass alles geht, Hauptsache die Menschen werden angesprochen. Wenn Kirche in dem Bewusstsein geschieht, dass sie an der Missio Dei mitwirkt, dann wird sie ihr Handeln immer auch daran ausrichten. Michael Moynagh verfasst dazu in seinem Buch Fresh X. Das Praxisbuch, vier Leitsätze, an denen christliche Gemeinschaften ihre Anpassung an die Kultur immer wieder ausrichten können. Sie bleiben erstens der Schrift treu, legen zweitens die Schrift im Einklang mit der ganzen Kirche aus, beachten drittens den missionarischen Kontext und kommen viertens gemeinsam zu Entscheidungen, da dann das Risiko der Fehlentscheidung geringer ist. Diese Leitsätze sind meines Erachtens hilfreich, zeigen sie doch, dass es nicht um Anpassung um jeden Preis geht. Bei aller Kontextualisierung sind christliche Gemeinschaften durch ihren Bezug zu Gott doch immer auch anders und das ist gut so. Es ist sogar entscheidend im Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Einrichtungen und Vereinen.

Unter der Führung des Heiligen Geistes sind Fresh X daher kontextuell und passen sich an ihr Umfeld an. So entspricht der immer heterogener gewordenen Gesellschaft und Kultur eine heterogene Kirchenlandschaft (mixed economy), in der die verschiedenen Formen von Kirche je ihre Funktion haben. Denn unterschiedliche Menschen werden von unterschiedlichen Formen angesprochen – nicht nur am Sonntag, sondern im Alltag. Das verändert ihr Leben. Doch davon berichte ich in meinen Gedanken zum dritten Kennzeichen von Fresh X.

Jetzt würde mich interessieren, wie die Kirche, die eurem Lebensumfeld angepasst ist, aussähe.

 

Hier noch die Links zu den anderen Beiträgen der Serie zu den Kennzeichen einer Fresh X:

 

Dynamissio – ein missionarischer Aufbruch?

Vor einer Woche ging der missionarische Gemeindekongress anlässlich des Reformationsjubiläums – oder kurz Dynamissio – zuende. Irgendwie scheint das Erlebte schon wieder weit weg, doch das geht wohl vielen so. Die Fülle des Terminkalenders holt einen innerhalb von Stunden wieder zurück in den Alltag. Doch dieser Alltag ist es, der das Gehörte und Gesehene auf den Prüfstand stellt. War es so tiefgehend, dass der Vorsatz, das eine oder andere sofort oder später umzusetzen, nicht nur ein Vorsatz bleibt. Gibt es etwas, und wenn es nur ein Satz ist, das etwas im Alltag verändert.

Bei mir ist es noch immer die Verwunderung, die geblieben ist. Verwunderung darüber, dass ich den Eindruck hatte, dass sich nur wenige auf den Weg gemacht haben. Seit Mitte letzten Jahres wurde intensiv für diese Tage geworben. Ich kann gar nicht zählen, wie oft die Einladung bei mir im elektronischen Postkasten landete, von den realen Papiereinladungen ganz zu schweigen. Doch den Weg ins Velodrom in Berlin, das ohne weiteres bei anderen Veranstaltungen bis zu zehntausend Menschen Raum bietet, fanden nur knapp zweitausenddreihundert Teilnehmer. War das Thema nicht interessant, die Referentenauswahl nicht gut oder der Termin ungünstig?  Oder leben wir immer noch in der Illusion, dass wir mit unseren Gemeinden auf sicherem Posten stehen und uns über die Zukunft keine Gedanken machen müssen?

Doch in diesen trüben Gedanken will ich nicht festhängen, denn Dynamissio hat anderes spüren lassen. In jedem Vortrag, jedem Seminar und jedem Forum richteten motivierte Christinnen und Christen den Blick nach vorne. Da sprach Professor Dr. Michael Herbst vom Pharisäer-Gen, das wir alle in uns tragen. Der Mensch sei auf ein Leben nach den Regeln der Werkgerechtigkeit angelegt und schaue auf Grund dessen früher oder später in seinen eigenen tiefsten Abgrund. Dort aber warte Jesus. Er warte mit ausgebreiteten Armen am Kreuz auf jeden einzelnen von uns. Diesem Jesus bringe uns das Evangelium nahe. Mit dem Evangelium zu leben hieße dann: „Mach es, so gut du kannst, gib dir Mühe. Wenn du dann versagen solltest, dann denke daran, dass du festen Grund unter den Füßen hast.“ Gottes Liebe trägt uns.

Die neue Übersetzung des Missionsbefehls unter dem Kreuz.

Mit Blick auf die Jüngerschaft als Herzstück kirchlicher und gemeindlicher Erneuerung eröffneten die Theologen Kolja Koeninger und Patrick Todjeras ihr Forum mit der Feststellung, dass sie eigentlich gar nicht mehr darüber sprechen könnten. Die neue Lutherübersetzung aus dem Jahr 2017 übersetze die zentrale Stelle Mt 28,20 schließlich nun mit „Gehet hin und lehret alle Völker“ statt mit den so bekannten Worten „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“. Ich gestehe, diesen Übersetzungsunterschied hatte ich bisher noch nicht wahrgenommen, doch blitzte hier noch einmal der Gedanke auf, ob Mission nicht gern gesehen wird. Im Anschluss an diesen Opener führten die beiden Referenten dann dennoch anhand der Aussendung der Zwölf (Mk 3) zu den Gedanken, wie Mission im Sinne einer Jüngerschaft gestaltet werden könne. Jünger seien berufen „vor Ort“ zu sein, der Welt zugewandt und gleichzeitig ein Teil der kirchlichen Tradition. Jüngerinnen und Jünger würden als Experten, als Ansprechpartner für den Sinn des Lebens verstanden. Sie seien wichtig, um anderen den Weg zum Glauben zu eröffnen.

Die Bibelarbeit des Ratsvorsitzenden der EKD, Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, am nächsten morgen führte für mich diese Gedanken weiter. Angesichts der verunsichernden und erschreckenden Ereignisse sprach er davon, dass Christen nicht mit Gewalt darauf reagierten oder die Angst überhand gewinnen ließen. Christen seien Botschafter der Versöhnung, wobei sich der Blick auf die Welt verändere, wenn wir mit Augen der Versöhnung auf die sähen. Denn Versöhnung sei heilsam. Durch sie würden selbst Unmenschen zu Menschen. Grund der Versöhnung sei, dass Gott den ganzen Kosmos mit sich versöhnt habe, nicht nur Juden oder Christen. Es sei eine radikale Liebe Gottes, die sich hier realisiere. Diese Liebe rufe uns dazu auf, ganz in der Welt zu leben, und diese Liebe dort zum Ausdruck zu bringen. Daran wird sich die Authentizität der Kirche zu messen haben.

Dr. Steven Croft stellte am letzten Tag die Frage, ob es nach der Konferenz so weitergehen dürfe wie bisher? Was ist unsere Vision von Kirche, wenn viele Beschreibungen nur noch leere Worthülsen sind? Drei Worte gab er seinen Zuhörer mit, die für ihn beschreiben, wie Kirche sein soll: kontemplativ, mitfühlend, mutig. So seien wir berufen, eine christusgleiche Kirche zu sein. Was das genau heiße, beschrieben die Seligpreisungen in Mt 5. Jeder Satz fange mit einem neuen Segen an, der ermutigen, Hoffnung wecken solle. Dabei könne niemand allein alle Sätze, die dort genannt seien, erfüllen. Erst alle vereint in der einen Gemeinde könnten den Seligpreisungen entsprechend leben. Diese Kirche habe auch Martin Luther im Sinn gehabt, der immer wieder zur Schrift zurückkehrte.

Gemeinsames Abendmahl zum Abschluss

Es sind nur wenige Highlights, die ich hier zur Sprache bringen kann. Es gab noch so viele andere. Am Ende blieben Gedanken, die mich seither noch mehr bewegen als vorher. Auch wenn die neue Lutherübersetzung meines Erachtens die Worte in Mt 28,20 abschwächt und gemessen an der Werbung nur wenige den Weg nach Berlin fanden, ist Mission zentrales Anliegen des Evangeliums. Die Liebe Gottes radikal in der Welt zu leben und Menschen in die Jüngerschaft zu begleiten, ist Gottes eigene Mission in der Welt. Wir arbeiten lediglich daran mit. Dabei geht mein Denken noch weiter, nämlich weg von der einzelnen Ortsgemeinde hin zu der einen Gemeinde, die alle Christen umfasst. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass wir erst, wenn wir aufhören nach Mitgliedszahlen und Taufquoten zu schielen, die Kirche Gottes wirklich entdecken und sehen werden. Sollten wir nicht für jeden Menschen dankbar sein und uns freuen, der Jesus begegnet ist und ihm nachfolgt, unabhängig von der Gemeinde, der er angehört? Brauchen wir wirklich noch die Auseinandersetzungen darüber, wer die bessere Gemeinde ist, das attraktivere Angebot, die meisten Gottesdienstbesucher hat? Meine Mission heißt Jesus Christus und nicht Kirchengemeinde xy. Dann ist es nicht ausschlaggebend, wie viele Menschen in Berlin dabei waren, sondern dass jede und jeder, der da war, die missio Dei in seiner Welt, in seinem Umfeld weitergibt, daran mitwirkt.

Dynamissio – drei Tage nachdenken über Gott und seine Mission. Ich danke allen Mitwirkenden für diese Zeit, denn sie hat mir neue Gedanken eröffnet, die mich nun begleiten.