Schlagwort: Gedenktag

Gedanken zum Gedenktag

Heute ist der 9. November. Schon seit der Schule bewegt mich dieser Tag. Näher gebracht hat ihn mir mein Geschichtslehrer, der übrigens auch an diesem Tag Geburtstag hat. Aus der Ferne gratuliere ich ihm in Gedanken. Vielleicht konnte er deshalb mit soviel Leidenschaft, mit soviel menschlicher Nähe von den Ereignissen dieses Tages berichten. Egal, ob es das Ende des Ersten Weltkriegs war, die Reichsprogromnacht oder der Fall der Mauer, den wir alle gerade erst miterlebt hatten. Mein Geschichtslehrer nannte nicht einfach die Daten und Fakten. Er erzählte die Geschichten von Menschen an diesen Tagen. Das brachte mir und meinen Mitschülern diese Ereignisse um soviel näher als die Buchstaben in unseren Geschichtsbüchern. Die Synagoge unserer Heimatstadt entging z.B. nur deshalb der totalen Zerstörung, da der Brandmeister vor Ort Angst um sein eigenes Haus hatte, das in der Nähe stand. In einer Fachwerkstatt brennt eben alles ein wenig schneller.

In diesem Jahr verbringe ich den 9. November in den Mauern der Altstadt von Jerusalem. Es ist ein Freitag. Die Sicherheitsvorkehrungen sind höher als in den letzten Tagen. Es sind spürbar mehr Soldaten und Polizisten in der Stadt. Die Straßen zum Tempelberg sind voller als gestern oder vorgestern. Das liegt nicht nur an den Touristen in der Stadt, die heute schon früh unterwegs sind, denn das Wetter ist nach erstem Herbstregen wieder gut. Es sind vor allem Gläubige in den Straßen. Sie hasten die David Street hinunter oder gehen durchs Damaskustor in die Stadt. Kurz vor dem Tempelberg teilen sich die Gruppen, die eben noch dicht beieinander gingen. Die einen gehen rechts Richtung Sicherheitskontrollen, um an die Westmauer zu gelangen. Die anderen gehen links, um durch einen der sechs Eingänge auf den Berg zu gelangen, die nur Muslimen vorbehalten sind. Von einer Aussichtsplattform dem heiligen Berg gegenüber beobachte ich das Treiben. Während unten jüdische Männer und Frauen an der Mauer beten und Touristengruppen davor stehen und sie beobachten, schallt im Hintergrund das Gebet der Muslime über die Stadt. Man sieht sie nicht, aber es müssen viele sein. Der Tempelberg ist freitags und samstags für alle Nicht-Muslime geschlossen.

Und dann ist da in diesem Treiben noch die eine Gruppe, die diesen Menschenströmen entgegengeht. Besonders freitags ziehen gläubige Christen mit mannshohen Kreuzen durch die Stadt. Sie vollziehen den Kreuzweg Jesu nach und dieser folgt so gar nicht den Wegen der gläubigen Muslime und Juden. Dieser Weg führt vom Tempel weg; immer wieder die Wege der Juden und Muslime kreuzend wird es eng in den Straßen der Stadt. Während Muslime und Juden am und auf dem Tempelberg beten, tragen die Kreuze den Gesang der Gläubigen in die Straßen der Stadt. immer wieder gegen den Strom, weg vom Allerheiligsten. Schon damals trieb man Jesus hinaus aus der Stadt, weg von dem, was heilig war, in die Abgründe, die tiefsten Tiefen der Menschen.

Ich schaue dem Treiben zu und lasse mich selbst durch die Straßen der Altstadt treiben. In Gedanken bin ich beim 9. November, dem Tag, der so oft zwischen totaler Zerstörung, Angst, Gewalt, Hoffnung, Freude und Frieden schillert. Egal ob man heute des Kriegsendes vor einhundert Jahren, der Novemberpogrome vor 80 Jahren oder dem Fall der Mauer vor 29 Jahren gedenkt. Keines dieser Daten ist mehr ohne die anderen denkbar. Wer der Ermordung der Juden gedenkt, muss auch von der Hoffnung reden, die 1989 aufkeimte, von den Veränderungen im Land und der Erkenntnis, dass gerade in diesen Tagen wieder unglaubliche Dinge gegen Juden und Muslime und Menschen anderer Herkunft verbreitet werden. Wer das Ende des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren feiert, muss auch daran erinnern, dass Frieden äußerst zerbrechlich ist, und schon zwanzig Jahre später wieder aufgekündigt wurde. Es gibt nicht nur die eine oder die andere Seite, es gibt nicht nur schwarz und weiß, die Guten und die Bösen.

Hier in Jerusalem bewegen mich diese Gedanken noch einmal mehr als zuhause. Wie oft reden wir davon, dass wir Christen zu den Menschen in die Straßen gehen, ihnen zuhören wollen. Vielleicht wollen wir sogar Gedanken des Friedens in die Straßen dieser und vieler anderer Städte bringen. Zumindest höre ich Christen oft davon reden. Und manchmal hinterlassen ihre Prozessionen durch die Straßen der Stadt, die innig betenden Menschen auch diesen Eindruck bei mir. Ich spüre, sie beeindrucken mich, wenn sie in ärmsten Kirchen und Kapellen singen und beten. Hoffnung keimt ihn mir auf. Liegt hierin die Kraft, die Welt zu verändern? Doch dann komme ich in die Grabeskirche, werde in der Schlange vor dem Grab geschubst und gestoßen und aus der Grabkammer rüde wieder herausgezerrt, weil ein Aufpasser meint, ich dürfe mich dort nicht zu lange aufhalten. Nur Minuten später erlebe ich, wie Priester und Mönche verschiedener Denominationen sich anschreien und beschimpfen, sogar mit Kerzenleuchtern nach einander schlagen. Nein, auch hier gibt es viel grau und schwarz.

Am Frieden müssen wir eben alle zusammen jeden Tag neu hart arbeiten, egal welcher Religion und Denomination wir angehören. Frieden gibt es nicht geschenkt, nicht auf dem Silbertablett serviert. Frieden ist kein Automatismus, wenn man nur den richtigen Knopf drückt oder den richtigen Glauben hat. Frieden muss immer wieder neu gewagt werden. Das fängt schon im Kleinen in unserer Nachbarschaft an. Insofern hoffe ich, dass Tage wie dieser helfen, uns daran immer und immer wieder zu erinnern und nicht aufzugeben. „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jer 29,11)