Schlagwort: Erwartungen

Den Raum leerräumen…

Ein Abend in einem Atelier mitten zwischen den Kunstwerken besonderer Menschen. Ein Atelier, das in seinem ersten Leben eine Sporthalle war und allein deshalb wohl von mir gemieden worden wäre. Doch jetzt ist es anders und das hat auch mit dem zu tun, was ich an diesem Abend höre und erlebe.

Aber am besten beginne ich von vorne. Mit einer ökumenischen Arbeitsgruppe habe ich mich vor etwa eineinhalb Jahren auf den Weg gemacht, die Sehnsucht nach einer Kirche von morgen zu wecken und nach Wegen dorthin zu suchen. Bereits im letzten Jahr haben wir einen Abend unter der Überschrift „Freiraum Zukunft“ gestaltet. Diesmal nun „Freiraum Kreativität“. Die Bildnerische Werkstatt der Rotenburger Werke wurde einen Abend lang zum Atelier für uns und zwanzig andere sehnsuchtsvolle Menschen. Rund um uns herum standen, hingen und lagen Werke von Menschen mit Beeinträchtigung. Nicht eins davon hätte ich selbst malen können. Sie sind beeindruckend und schufen eine besondere Atmosphäre für diesen Abend. Begriffe wie Kreativität und Schöpfung standen im Raum. Ruhe, Zeit, Zwecklosigkeit und kein Arbeitsdruck waren für viele Voraussetzungen, um selbst kreativ werden zu können. Der Künstler Martin Vosswinkel erzählte von den Entdeckungen, die Künstler machen und bei denen sie dann oft jahrelang bleiben und sie immer weiter ausbauen.

Kreativität ereignet sich. Sie fällt dem Künstler zu. Da kann es auch passieren, dass er wochenlang vor einer leeren Leinwand sitzt, bis ein neues Werk entsteht. Martin Vosswinkel selbst, so sagte er, räume sein Atelier leer, wenn er etwas Neues beginnen wolle. Er hänge die Bilder ab und warte, bis ihm etwas zufalle, er etwas entdecke. Das müsse man aushalten können und nicht gleich die ersten Ideen verfolgen. Die Entdeckung stamme nicht von ihm selbst, sie falle ihm von außen zu. Aber wenn sie da sei, die Entdeckung, dann arbeite er exzessiv damit, probiere sie in alle Richtungen aus, denn dann potenziere sie sich.

Inspirierende Gedanken, die mich noch immer bewegen. Was bedeuten sie für den Glauben, die Kirche? Wo räumen wir die Räume leer auf der Suche nach Neuem, seien es die realen oder die inneren. Könnten wir einfach mal die Kirchen leer räumen und die Bilder abhängen und warten, was geschieht? Und wenn das uns noch gelänge, könnten wir auch die inneren Räume in uns leerräumen und warten, bis uns etwas zufällt oder besser: von Gott gegeben wird? Oder würden wir gleich wieder aktiv werden, um die Leere zu füllen, oder weil wir meinen, andere erwarten es von uns? Würden wir das, was uns von außen zufällt, überhaupt erkennen? Wo könnten wir in Ruhe und ohne Druck in völliger Zwecklosigkeit kreativ werden? Wären wir dazu in der Lage oder werden wir im Umkehrschluss keine neuen Entdeckungen erfahren?

Ich wünsche mir den Mut es zu wagen. Leere schaffen und die Leere aushalten. Den Raum leer machen, den äußeren und den inneren, und die alten Bilder abhängen. Und warten, nicht gleich wieder aktiv werden und der ersten eigenen Idee nachrennen. Warten und warten, immer wieder warten, bis von außen etwas in den Raum hineinfällt. Bis sich in diesem leeren Raum etwas ereignet und erst dann erprobt werden kann. Die von mir gemiedene Sporthalle ist auch einst leer geräumt worden, so dass sich Neues auftat. Jetzt bin ich gerne hier, bin immer wieder hier, auch wenn die Turnringe noch an der Decke hängen…

Gemeinsame Erwartungen

Ich stehe auf dem Ölberg in Jerusalem. Ich genieße den Ausblick. Ich sehe den Tempelberg. Vor mir liegt das sogenannte Goldene Tor. Es ist schon lange zugemauert. Zwischen mir und dem Tor zum Tempelberg liegen tausende Gräber. Ich kann sie nicht zählen. Sie liegen vor mir. Die weißen Steine leuchten in der Sonne. Erst bei genauerem Hinsehen sind Unterschiede zu erkennen.

Zu meinen Füßen den Ölberg hinab abertausende jüdische Gräber. Hier begraben zu sein, ist für viele Juden das höchste Ziel am Ende ihres Lebens. Wenn der Tag kommt, da der Messias erscheinen und nach Jerusalem hineinziehen wird, dann, so glauben sie, wird er über diesen Berg gehen und die Toten auferwecken. Dem Propheten Ezechiel entsprechend erwarten die Juden eine leibliche Auferstehung, so dass diese Gräber bis in Ewigkeit hier ihren Ort haben werden. Und dann, am Ende der Zeiten, werden sie die ersten sein, die zusammen mit dem Messias in die heilige Stadt Jerusalem einziehen.

Mein Blick wandert durch das Tal den Berg zum Goldenen Tor hinauf. Wieder Gräber. Diesmal muslimische. Auch sie erwarten eine Auferstehung. Mohammed ist der letzte Prophet. Doch vor ihm waren andere, u.a. Isa ibn Maryam (Jesus), der nicht am Kreuz starb, sondern entrückt wurde. Er wird wieder kommen am Tag vor dem Tag der Auferstehung. Er ist der Gesandte, der Messias. Nach ihm werden alle Menschen auferstehen.

Ein Stück die Stadtmauer entlang ein christlicher Friedhof. Einige Gräber sind schon sehr alt, erzählen von Menschen, die unter besonderen Umständen hierher gekommen sind. Nicht alle sind hier in diesem Land gestorben, doch sie wünschten sich, hier begraben zu werden. Auch sie erwarteten eine Wiederkehr des Messias. Nicht unbedingt hier in Jerusalem. Vielleicht erscheint er zuerst an einem ganz anderen Ort oder überall zugleich. Aber er wird kommen und sein Reich mit himmlischen Frieden aufrichten.

Ich stehe auf dem Ölberg und lasse meinen Blick schweifen. Ich denke darüber nach, dass die Erwartungen eines kommenden Reiches vielleicht doch gar nicht so weit auseinander liegen. Vielleicht wären sie es, über die wir miteinander reden könnten, um uns besser kennenzulernen. Das Gemeinsame zu entdecken, statt immer und immer wieder die Unterschiede zu betonen, ist keine Gleichmacherei, kein Hinwegbügeln von Trennendem. Aber es kann die Türen öffnen, um aufeinander zuzugehen und Respekt füreinander zu entwickeln.

Doch dann dauert es nicht lange und ich denke, „warum soll das zwischen den drei „Abrahamsreligionen“ klappen, wenn wir das schon mit unseren christlichen Schwestern und Brüdern anderer Konfessionen und Denominationen schon nicht hinbekommen“. Deshalb lasst uns doch erstmal die Gemeinsamkeiten erkennen und betonen, bevor wir die Unterschiede diskutieren. Einen Versuch ist es wert!