Schlagwort: Erfolg

Subtext „ich“

„Wenn die anderen Kinder dich nicht mitspielen lassen, dann haust du ihnen beim nächsten Mal einfach ein paar auf die Schnauze!“ Ein Satz, der mich zutiefst geschockt hat, als ich mit meinen Kindern auf dem Spielplatz war. Wo führt es hin, wenn wir schon unsere Kinder so erziehen, habe ich gedacht. Und: warum wundert man sich dann noch, wenn Erwachsene sich wild beschimpfen oder Schlimmeres? Geht unsere Welt nicht den Bach runter angesichts solcher Aussagen?

Nein, so schlimm ist es sicher nicht und dieser Vater war sicherlich die unrühmliche Ausnahme. Doch mir fallen immer wieder Situationen auf, in denen das Ich wichtiger ist als die Gemeinschaft. Da steht im Urlaub eine lange Schlange vor der Bäckerei. Drei Personen vor mir ein Junge von ca. acht Jahren. Bis wir dran sind haben die beiden Männer zwischen uns ihn zur Seite gedrängt und der kleine Junge wartet weiter geduldig, um seine Bestellung aufzugeben. Ein anderer Tag. Es geht um die Nachmittagsbetreuung des Kindes und eine Mutter sagt mir mit einem Augenzwinkern: „Die Leitung des Horts kenne ich aus dem Sportverein. Da rede ich mal beim nächsten Training mit ihr. Dann bekommen wir sicher noch einen Platz.“ Oder etwas allgemeiner: eine große Mehrheit unterstützt die Fridaysforfuture-Bewegung, aber achtzig Prozent würden nicht auf eine Flugreise im Jahr zugunsten des Klimas verzichten.

Es ist normal geworden, dass wir zuerst an uns und unsere Interessen denken. Gleichzeitig werden die Stimmen immer lauter, die über die Verrohung der Gesellschaft klagen, die den Egoismus der anderen an den Pranger stellen. In einem Buch habe ich einmal gelesen, dass, egal was wir tun, selbst bei Bibelstudium und Gebet immer bewusst oder unbewusst der Subtext „ich“ mitläuft. Mit dem stetig wachsenden Wohlstand und der stetig wachsenden Unabhängigkeit der Menschen hat sich das in unserer Gesellschaft immer mehr entwickelt. Das hat durchaus seine positiven Züge. Wie viele positiven Entwicklungen hätte es sonst nicht gegeben? Doch es scheint zu kippen. Irgendwann scheint der Moment erreicht, da der Subtext „ich“ alles andere überwiegt und das Zusammenleben darunter leidet.

Warum ich hier davon schreibe? Weil ich zunehmend den Eindruck habe, dass dieser Subtext immer mehr auch unsere Gemeinden dominiert. Da werden Schränke abgeschlossen, da andere sonst das eigene Material nutzen könnten. Dabei ist alles aus den Finanzmitteln der Gemeinde beschafft worden. Oder es wird penibel darauf geachtet, zu welcher Gemeinde welche Straße gehört, damit ja in der zuständigen Gemeinde die Taufe, Hochzeit oder Beerdigung erfolgt. Die Quote muss schließlich stimmen. Zugleich will man aber bitte nicht mehr arbeiten als der Kollege in der Nachbargemeinde.

Ist das der Eindruck, den wir als Christen bei den Menschen hinterlassen wollen? Ist es das, was unser Christsein ausmacht? Ist es das, was Jesus wollte? Und ist überhaupt noch etwas an der Situation zu ändern?

Ich bin ehrlich. Manchmal kommen mir Zweifel. Doch ich will nicht aufgeben. Ich glaube, dass Jesus etwas anderes im Sinn hatte, als er von der Nächstenliebe sprach oder von den Friedfertigen, die selig werden. Ich glaube, dass ein wenig mehr Selbstlosigkeit uns und unserer Gesellschaft gut täte. Selbstlosigkeit im Sinne von auch mal von sich selbst absehen können. Selbstlosigkeit, die beinhaltet, dass man seinen Wert nicht aus den eigenen Leistungen oder Vermögen bezieht. Der Wert einer Person ergibt sich daraus, dass sie Gottes geliebtes Kind ist, dass Jesus für sie gestorben ist unabhängig vom Ansehen in der Welt. Wer das für sich annehmen kann, muss nicht immer in der ersten Reihe stehen, kann anderen auch was gönnen, lernt den Wert einer Gemeinschaft kennen, die mehr ist als das eigene ich. Denn wenn viele ihre eigenen Fähigkeiten einbringen und auch mal anderen den Vortritt lassen, dann entstehen Dinge, die ein einzelner nicht vermag. Auf diese Weise ließe sich doch eine Menge in unseren Gemeinden und vielleicht auch in unserer Welt erreichen.

Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass es zwanzig Prozent in einer Gruppe braucht, um etwas zu verändern oder eine neue Entwicklung anzustoßen. Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, diese zwanzig Prozent für eine Gesellschaft, in der das „wir“ stärker ist als der Subtext „ich“, noch zusammen zu bekommen. Seid ihr ein Teil dieser zwanzig Prozent? Dann lasst uns anfangen, in unserer Nachbarschaft selbstlos zu wirken!

Was zählt?!

Woran misst sich der Erfolg einer Fresh Expression? Sind es die Zahlen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer? Wenn es nach der Vorstellung mancher geht, sind genau das die entscheidenden Kriterien. Doch wie soll eine Fresh Expression die Mitgliedszahlen einer etablierten Kirchengemeinde erreichen, wenn es noch nicht einmal eine offizielle Erfassung der Teilnehmer gibt – die meines Erachtens auch nicht Ziel und Zweck sein kann. Oder bemisst sich der Erfolg an den Zahlen der Teilnehmenden an den einzelnen Angeboten und lohnt es sich, für drei oder vier schon aktiv zu werden? Zum einen ist aller Anfang schwer und auch Jesus hat sich mit einer kleinen Zahl Jünger auf den Weg gemacht. Zum anderen ist so manche Veranstaltung in einer etablierten Gemeinde nicht besser besucht und wird dennoch angeboten.

Ich halte nicht viel von dieser Zahlenklauberei und weiß dennoch, dass sie vielleicht das einzige Mittel ist, nach dem sich Erfolg bemessen lässt. Letzterer ist aber notwendig, wenn es dauerhaft weitergehen soll und Finanzmittel bewilligt und zugewiesen werden sollen. Dennoch sind es andere Momente, die mich glauben lassen, dass gewollt ist, was geschieht. Das klingt kryptisch. Doch ein kleiner Einblick in „meine“ Fresh Expression macht vielleicht deutlich, was mich bewegt:

Die letzten Tage schien irgendwie alles schief zu gehen. Seit Tagen schon streikt die Heizung bei uns im TrafoHaus. Heute morgen lief uns dann auch noch das Wasser aus dem Kühlfach des Kühlschranks entgegen. Irgendwann letzte Nacht hat er seinen Dienst quittiert.
Was nun? Eigentlich sollte heute AbenteuerZeit sein – der Nachmittag für Kleine und Große mit viel Spiel und Spaß, Andacht und gemeinsamen Abendessen. Im kalten TrafoHaus heute unmöglich. Doch was sollen wir tun?

Irgendwann dann die Idee: wir versuchen es im RaumZeit-Laden. Ja, der ist von der Größe, der Ausstattung und der Beschaffenheit nicht optimal. Wir werden nicht alle Kreativangebote durchführen können. Es wird eng und laut werden. Doch wie schrieb eine Mutter: „Wenn wir AbenteuerZeit ausfallen lassen, haben wir hier Drama!“ Nicht nur für ihre Tochter ist AbenteuerZeit mittlerweile fester Bestandteil des Lebens. Sobald der neue Flyer erscheint, wissen alle, es geht wieder los. Also gingen wir heute Nachmittag das Wagnis ein.
Und dann zeigte sich: gerade die schwierigsten Situationen können zum Segen werden. Auf kleinstem Raum feierten wir AbenteuerZeit, dankten Gott, für alles, was er uns mit seiner Schöpfung geschenkt hat. In diesen Stunden war es besonders unsere Gemeinschaft, dass die Erwachsenen sich untereinander austauschen, die Kinder miteinander spielen konnten. Jede und jeder ist so willkommen, wie es ihn gerade zu uns hereinträgt. Das gemeinsame Essen ist da dann noch der krönende Abschluss und das Aufräumen im Anschluss für alle eine Selbstverständlichkeit.

Ja, es war wuselig und wesentlich lauter als sonst. Aber schon wenige Minuten nach Schluss werden per Nachrichtendienst die ersten Fotos und Nachrichten ausgetauscht. Alle sind sich einig: gut, dass wir es nicht ausfallen lassen haben. Es war ein wunderschöner Nachmittag.

Mitten in diesem so wuseligen, chaotischen Nachmittag war Gott da. Die Größe des Raumes, die Vielfalt der Angebote, die Zahl der Teilnehmenden war nicht von Bedeutung. Das, was zählte, war unsere Gemeinschaft und die Gemeinschaft mit Gott. So fühle ich mich heute Abend einfach nur gesegnet und kann die nächste AbenteuerZeit kaum erwarten. Hoffentlich dann aber wieder im TrafoHaus.

Wie wichtig sind dir die Zahlen oder woran bemisst du den Erfolg einer Gemeinde?