Schlagwort: Café

Warum tust du dir das an?

Warum ich auf den Spielplatz gehe, werde ich gefragt. Warum setzt du dich in ein Café und wartest, ob einer zu dir kommt? Was machst Du, wenn keiner kommt, wenn die Menschen über dich tuscheln, weil keiner kommt? Warum tust du dir das an?

Diese Fragen sind tatsächlich gar nicht so selten. Immer wieder werde ich von Menschen, seien es Kollegen oder Kirchenmitglieder, gefragt, warum ich so etwas tue? Und ob ich meine Zeit nicht besser an anderer Stelle investieren oder sie sinnvoller nutzen könnte? Lange Zeit habe ich versucht, argumentativ zu antworten, habe von Präsenz unter den Menschen gesprochen, von Jesu Weg auf der Straße, in die Synagogen. Das hat meinem Gegenüber dann mal mehr, mal weniger eingeleuchtet. Oft endeten diese Gespräche aber auch mit Aussagen wie „ich würde so etwas nicht machen!“.

Mittlerweile erzähle ich von den Erfahrungen und Beobachtungen, die ich an diesen Tagen mache. Ich erzähle davon, wie sehr ich „meine“ Stadtteile und die Menschen dort dadurch kennenlerne. Ich erzähle von dem anderen Blick auf das Leben vor Ort, den ich gewinne. Und ich erzähle davon, wie sehr diese Begegnungen mich und mein Leben, meinen Glauben, meinen Dienst bereichern. Natürlich sind das alles subjektive Erfahrungen und Wahrnehmungen. Aber können wir andere als subjektive Beobachtungen überhaupt machen? Das fängt zum Beispiel damit an, dass ich den Eindruck habe, dass mir die oben genannten Fragen nie von Menschen gestellt werden, die mit Kirche wenig Verbindung haben, die vielleicht noch nicht einmal an einen Gott glauben. Oft höre ich von ihnen, dass sie es toll finden, mal jemanden von der Kirche einfach so zu treffen. Manchmal bleibt es bei dem Satz „Ich finde es gut, dass sie hier sitzen.“ Manchmal entstehen lange Gespräche daraus – die werdenden Eltern, die überlegen, ob sie ihr Kind taufen lassen sollen. Ihre Eltern würden sagen, dass das doch dazu gehört. Aber sie hätten Schwierigkeiten mit diesem Gedanken. Immer wieder kommen auch Menschen zu mir, die etwas wegen einer unserer Veranstaltungen wissen wollen. Sie haben eines der Plakate oder eine der Postkarten gesehen und fragen, ob das meine Angebote seien. Wenn sie ein Gesicht dazu kennen, dann trauen sie sich eher, auch zu kommen. Oder es kommt eine Aussage wie „Ich wusste ja, dass du donnerstags hier sitzt. Da muss ich keinen Termin machen, sondern kann einfach so vorbei kommen.“

Meistens, besonders auf dem Spielplatz, fangen die Gespräche ganz belanglos an – beim gemeinsamen Spiel der Kinder, der Frage nach dem besten Kindergarten oder der Wahl der Schule. Oder wir erzählen uns vom Wochenende, von den Urlaubsplänen. Menschen, die sich vorher vielleicht höchstens mal auf der Straße gesehen haben, kommen ins Gespräch miteinander, weil sich alles um den Bollerwagen mit dem Kaffee und dem Kuchen sammelt. Dann lachen wir gemeinsam oder machen Pläne, wie der Stadtteil mal werden soll. Manchmal teilen wir auch Sorgen miteinander. Und dann ist da diese besondere Gemeinschaft zu spüren, die sich hier um den Bollerwagen und die Beachflag bildet, in der jeder willkommen ist, in der jeder zu Wort kommt. Dann sprechen wir auch darüber, was uns Halt gibt, was uns hilft, wenn wir uns um die Kinder oder die Familie sorgen. Auch wenn viele in dieser kleinen Gemeinschaft es vielleicht nicht so benennen würden, aber ich spüre, dass Gott dann mit uns im Kreis steht, vielleicht auch mit der Kaffeetasse in der Hand, immer ein Auge bei den Kindern. Ich fühle mich in diesen Momenten unglaublich bereichert in meinem Leben, in meinem Glauben, in meinem Dienst. Genau deshalb tue ich mir das an.

Natürlich gibt es auch die Stunden, in denen ich alleine sitze, auf dem Spielplatz oder im Café. Dann halte ich mich auch mal an meiner Tasse fest und beobachte die Menschen um mich herum. Da sitzt die Familie, die am Beginn der Ferien sich ein besonderes Frühstück im Café gönnt, oder der Lauftreff der Damen, die sich nach dem gemeinsamen Laufen noch einen Cappuccino gönnen. Einmal saßen da auch Menschen vom Film, die über Stadtpläne gebeugt über neue mögliche Drehorte diskutierten. In diesen Stunden lerne ich unglaublich viel über das Leben der Menschen im Stadtteil, verstehe manches, was mir begegnet, besser. Nicht eine Minute dieser Zeit ist vergebens. Und noch nie hat jemand darüber getuschelt. Ganz im Gegenteil – oft wünschen mir die Angestellten im Café oder die Nachbarn im Stadtteil, dass möglichst viele Menschen kommen, denn sie möchten, dass dieses Angebot noch lange bestehen bleibt.

Warum tust du dir das an? Wie oft mir diese Frage schon gestellt wurde, habe ich nicht gezählt. Aber ich mache jedem Mut, es selbst mal auszuprobieren. Es bereichert das Leben!

Wie hältst Du´s mit der Frustration?

Es sollte ein Experiment, ein Versuch, ein erstes Angehen werden. Die Idee dazu entstand irgendwann im November des vergangenen Jahres. Da huschte ein Hashtag durch die sozialen Medien – #hundert5 – verbunden mit der Frage und der Idee, dass sich hundert Pionierinnen und Pioniere einen Abend lang, fünf Stunden, treffen, sich kennenlernen, austauschen, inspirieren. Ich war von Anfang an von der Idee begeistert. Geworden ist daraus das Missionale Atelier am Vorabend der diesjährigen Missionale in Köln. Mein Terminkalender gab mir frei und ich konnte fahren.

Zwar waren es nicht hundert Pioniere, doch ungefähr fünfzig trafen sich im Solution Center, einer Büroetage für Coworking, mit Sesseln und Sofas, Küche und Kaffeeecke wunderbar eingerichtet. Die meisten kannten sich schon – einige persönlich, viele aus den Sozialen Medien, wo man sich gegenseitig folgte, voneinander oder den jeweiligen Projekten las. So entstanden binnen weniger Minuten angeregte Gespräche. Es wurde von den eigenen Vorhaben berichtet, Fragen gestellt, Ideen getauscht und reflektiert. Endlich gab es dafür genügend Raum und Zeit. Wieviele Ideen an diesem Abend noch entstanden sind, werden vielleicht erst die nächsten Wochen zeigen. Doch für mich war Energie und Kreativität im Raum. Allein dafür hat sich die lange Fahrt gelohnt.

Mein persönliches Highlight aber war der Eingangsimpuls von Frank Berzbach. Durch sein Buch „Die Kunst ein kreatives Leben zu führen“ war ich einst auf ihn aufmerksam geworden. Ihn nun real erleben zu dürfen, bereicherte meinen Abend. Unter der Leitfrage „Wie hältst Du’s mit der Frustration?“ bzw. dem Thema „Kreativität und Frustration“ ließ er seine Hörer an seinen Gedanken teilhaben. Die begannen mit dem Satz „Wer kreativ ist, ist automatisch mit Frustration konfrontiert.“. Dabei sind wir alle kreativ, nur mit der Realisierung hapert es oft. Anschließend stellte Berzbach die zwei Seiten der Frustration vor, berichtete von den Fallstricken, die eine Organisation den Kreativen stellt, allein dadurch dass sie Organisation ist. So muss der Kreative Nischen finden, in denen Innovation möglich ist, eine Art zufriedener Außenseiter werden, der Bremser und Bedenkenträger ignoriert ohne für berechtigte Kritik blind zu werden. Dabei ist die Einsamkeit die größte Ressource der Kreativität.

Mit diesen Worten hat Frank Berzbach mir viel zum Nachdenken mitgegeben. Bei weitem nicht alle Gedanken waren an diesem Abend schon abgeschlossen. Kreativität, Einsamkeit, Außenseitertum – Begriffe, die mich in meiner derzeitigen Situation ansprechen. Es von jemand anderem zu hören, war wie eine Erlaubnis es zu leben. Das trägt noch einmal andere Aspekte in mein Tun. Dazu trat ein weiterer Gedanke Frank Berzbachs: Wer mit Humor über die Fallstricke der Organisation balanciert, kommt nicht so oft zu Fall. Humor entwaffnet, wie Joseph Beys einmal sagte. Er hilft, eine Art „selektiven Größenwahn“ zu leben, in dem man unterscheidet, was man ändern kann und was nicht, um die eigene Energie zu erhalten. Denn ohne Energie gibt es keine Kreativität.

Diese Energie war im Anschluss im Raum zu greifen. Die Coaching Zone mit Bob und Mary Hopkins bereicherte die Gespräche noch um weitere inspirierende Gedanken. Von Frustration war für mich in diesen Stunden wenig zu spüren. Da galt wohl jener Satz, der im geistlichen Abschluss fiel: „Gottes Antwort auf Frustration ist Geist.“

Experiment geglückt. Der Abend war mehr als gewinnbringend und ich wünschte mir, es gäbe mehr dieser Ateliers, in denen Energie und Kreativität frei gesetzt werden und Neues entsteht. Mich zumindest lassen die Gedanken dieses Ateliers noch nicht los und ich werde sicher an so manchem weiter denken.

Übrigens: einige der besten Zitate schwirren in den Sozialen Medien unter dem Hashtag #missionale18 rum.

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 2

In den letzten Wochen blieb mein Pioniertagebuch geschlossen – Vieles andere lag an und war im Kalenderablauf wichtiger. Doch in diesen Tagen habe ich es wieder aufgeschlagen. Zur Pionier-Weiterbildung gehören zwischen den Präsenzphasen immer auch Online-Einheiten zum Nacharbeiten, Selbststudium, Vorbereiten des nächsten Treffens. Da sich Ende des Monats die (angehenden) Pionierinnen und Pioniere das nächste Mal im Reallife treffen, war es für mich Zeit, mich näher mit den Onlinematerialien zu befassen.

Besonders die Einheit zum Selbststudium hat es mir angetan. Zahlreiche Aufsätze und Buchauszüge drehten sich um die Wahrnehmung des Kontextes oder des Missionsfeldes. Wie ist es abgegrenzt, wie ist es zu erfassen? Unterschiedlichste Methoden von der Erstellung von Landkarten bis hin zu Gebetsspaziergängen wurden vorgestellt. Das Hören auf die Menschen bekam Bedeutung und daneben das Hören auf Gott. Wo ist er in diesem Kontext längst am Werk? Wo will er, dass ich an seinem Wirken mitwirke? Habe ich das schon vernommen oder laufe ich auf der falschen Fährte? Daneben die Frage, was wichtiger ist, auf Gott zu hören oder auf die Menschen? Was kommt zuerst oder geht das eine nur mit dem anderen?

Das Nachdenken über all diese Fragen hat mich bisher nicht zu Antworten geführt. Eigentlich bringt es sogar jeden Tag neue Fragen hervor. In dieses ganze Nachdenken hinein kam es zu einer Begebenheit, die mich noch weniger loslässt:

Meine Kinder haben Weihnachten Playmobil für sich entdeckt – ein großer roter Trecker und ein Prinzessinnenschloss sei dank! Entsprechend werden zur Zeit in allen Spielzeuggeschäften und Katalogen die potentiellen nächsten Geschenke dieser Marke ausgesucht. Da passte es gut, dass Mama zu Weihnachten die entsprechende Krippe geschenkt bekommen hatte und auch schon die Kirche besitzt. So langsam füllt sich unsere Sammlung. Sie droht zu einer eigenen Stadt zu werden. Vor einigen Tagen standen wir mal wieder mit der gesamten Familie vor einem dieser besagten Regale. Zahlreiche Wünsche wurden geäußert. Es wurde gefachsimpelt, was man wie zusammenbauen könnte, was wo anzubauen wäre oder zu welchem bereits vorhandenen Bauwerk passt. Da fiel mein Blick auf einen weiteren Karton und in mir regte sich etwas. Diesen Karton würde ich neben Krippe und Kirche gerne mein Eigen nennen, auch wenn ich nur wenig damit spiele – nicht für die Kinder, nur für mich – zum Anschauen und Träumen. Es ist das Café Cupcake. Freunde und Verwandte wissen längst, dass ich davon träume, irgendwann einmal ein eigenes Café zu eröffnen. Ehrlich gesagt, ich vermute, dass einige auch schon ziemlich angenervt sind von meinem Träumen.

Foto: KirchGezeiten

 

Aber es war nicht nur das, was mich in diesem Moment anregte. Als wir in der ersten Präsenzphase unseren Traum von Kirche darstellen sollten, baute ich ihn mit genau diesem Karton. Dieses Café, das entsprechend den Produkten dieser Marke zwar recht real, aber dennoch ziemlich bunt ist, hat für mich viel mit meinem Traum zu tun. Es steht für mich für eine Orientierung am realen Leben, das dennoch oder gerade deshalb bunt und farbenfroh ist. Hier gehen Menschen verschiedenster Alltagsstufen ein und aus. Hier treffen sich die jungen Leute zum Kaffeetrendgetränk, die Familie kommt mit den Kindern zum Frühstück, die Laufgruppe trinkt noch ein Wasser nach der wöchentlichen Runde, die Großeltern spendieren ihrem Enkel einen Kakao und ein Stück Kuchen. Und ein paar Tische weiter sitzt jeden Morgen der gleiche ältere einsame Mann mit seinem Kaffee, dem belegten Brötchen und der Tageszeitung. Eben kommt noch ein Schüler rein, zählt sein Geld ab und überlegt, ob es wohl für etwas Süßes reicht. Und letzte Woche hatten an einem Tisch drei Geschäftsleute große Baupläne für ein neues Mehrfamilienhaus ausgebreitet und besprachen die gewünschten Änderungen. Ach, die Filmleute will ich nicht vergessen, die mittels Stadtplan mögliche Filmsets für ihren nächsten Film besprachen. Ja, das alles habe ich schon in ein- und demselben Café erlebt. Früher oder später kennen dann die Angestellten die Vorlieben ihrer Gäste und das ältere Ehepaar muss nicht mehr sagen, dass es ein halbes Brötchen mit Marmelade und ein halbes mit Käse zum mittleren Kaffee bekommt. Diese beiden sind es auch, die das Bücherregal pflegen und dafür sorgen, dass immer mal was Neues dabei ist. Für die Spielecke haben sie auch schon mal ein neues Bilderbuch mitgebracht.

Café ist für mich aber noch mehr. Es bietet Raum und Zeit, um Pause zu machen, um es sich bei einem Getränk und etwas zu Essen gut gehen zu lassen, die Gedanken zu ordnen, Freunde zu treffen und neue Menschen kennenzulernen. Hier kann ich spüren, welches Leben in der Umgebung des Cafés gelebt wird, erlebe Menschen so wie sie sind. Ich finde, Cafés haben eine eigene Atmosphäre, egal ob es ein Traditionscafé mit Silberbesteck und Monogramm im Geschirr ist oder der kleine Szene-Coffeeshop. So richtig zum Café wird das Café dann für mich, wenn man z.B. Café schenken kann, d.h. für andere, die ihn sich nicht leisten können, den Kaffee einfach mitbezahlen kann. Dann hängen irgendwo Kaffeegutscheine, an denen man sich unbemerkt bedienen kann, um in den Genuss des heißen Getränks zu kommen. Das geht natürlich nicht nur mit Kaffee, sondern auch mit all den anderen Köstlichkeiten aus dem Angebot. Hier ist jeder willkommen. Hier kann gelacht, erzählt, auch gestritten und geweint werden. Wer häufiger in dies Café kommt wird merken, dass es kleine Gemeinschaften in diesem Café gibt, die immer zur gleichen Zeit kommen, meist sogar an immer demselben Tisch sitzen. Doch sie sind nicht fest voneinander abgegrenzt, dienen einander, wenn irgendwo der Zucker, die Milch oder auch ein Stuhl fehlt. Sie alle zusammen sind die Gemeinschaft der Café-Besucher.

Ich gebe zu, das klingt alles ein wenig idealistisch – was es wohl auch ist. Aber sprechen wir nicht auch so von unserem Traum von Kirche? Dabei ist das, was uns dann als Café in der Realität begegnet und wo wir immer wieder gerne hingehen, doch auch recht gut. Das gilt übrigens auch für die Kirche. Wer sich dann im Traditionscafé nicht so wohl fühlt, der geht einfach ein paar Straßen weiter und findet dort vielleicht das kleine Café im Stil der 60er und 70er Jahre oder den modernen Coffeeshop oder das Landfrauencafé. Das Gute an der Idee des Cafés ist, dass jeder weiß, was es ist und es doch kaum zählbare verschiedene Cafés gibt. Für jeden ist etwas dabei – okay, daran arbeiten wir bei Kirche noch etwas.

Vielleicht träume ich gerade deshalb von einem eigenen Café, weil es für mich soviel von Kirche spiegelt. Genauso träume ich einen Traum von Kirche, an dem ich mitbauen möchte. Um das eine mit dem anderen zu verbinden, werde ich auch weiterhin in „mein“ Café gehen und dort auf die Menschen, den Kontext und Gott hören. Das geht übrigens auch hervorragend bei einem Kaffee oder Chai latte, allein oder gemeinsam. Vielleicht treffen wir uns dann ja mal in einem Café und hören und träumen von „unserer“ Kirche.

Bis dahin freue ich mich, von euch zu hören, was eure Träume von Kirche sind. Hinterlasst sie einfach in den Kommentaren.